Oie Stimme -er Toten.
Don D. Dohrmann, Evangelischem Jeldbischof der Wehrmacht.
Stimmen wehen über dem Meer, Kiele durchschneiden das Wasser, Wolken hängen tief und leuchtend, darin sich Flaggen bauschen. Die versunkene Flotte rauscht an zum letzten Appell.
Es klirrt in den Lüften, da funkeln die Scharen der Flieger, wunderbar geschlossen, Heerbann auf Fittichen. Wimpeln strudeln in ihrem Luftstrom.
Alle Täler sind weit, randvoll erfüllt mit lautlosen Heeren, die Führer werfen die Arme hoch und geben die Marschweisung. So schäumt es über die sanften Hüael, über denen schon eine Ahnung des Frühlings ift. Ohne Anfang, ohne Ende — so fluten sie dahin zum letzten Appell, während ferne Orgeln erbrausen. Aufspringen die Tore der Städte. Alle Augen sind hell, olle Sinne aufgerührt. So stehen die Lebenden, barhaupt und stumm, Mauern von Erz, und harren der Unsichtbaren. Glockenschwall stürzt hin über das Land. In Opferschalen brennt heiliges Feuer.
Im Anfang war die Ehrfurcht.
Im Anfang war die Treue, wo immer die Menschen ein Werk miteinander begingen.
Wir heben unsere Augen von den Nöten des Alltags und empfangen das Glück einer Kameradschaft ohne Tod.
Wir forschen in Euern Mienen und blicken in die Züge derer, die heute noch in Fleisch und - Blut neben uns marschieren. Und spüren, daß da kein Unterschied ist zwischen Lebenden und Toten: Entschlossenheit und Hingebung ist in allen. Da werden wir inne, daß Ihr uns „geblieben" seid in einem neuen und endgültigen Sinn. Wir marschieren zusammen, dicht bei dicht, wie die Furchen eines Ackerfeldes.
Die Führer werfen die Hände hoch und geben die Marschweisung.
Wir marschieren zusammen in die Zukunft!
Aus Kriegsbriefen gefallener Studenten.
Zum Heldengedenktage am 11. März
Hurra! Endlich habe ich meine Beorderung: morgen vormittag 11 Uhr in einem hiesigen Lokal. Stunde um Stunde habe ich auf meinen Befehl gewartet. Heute vormittag traf ich eine junge bekannte Dame; ich schämte mich fast, mich in Zivil- kleidern vor ihr sehen zu lassen. — Auch Ihr, meine geliebten Eltern; werdet mir recht geben: ich gehöre nicht mehr ms friedliche Leipzig. Liebe Mutter, halte mir bitte, bitte, immer vor Augen, was ich seit gestern (dem Abschied von daheim) im Wechsel der Stimmungen gelernt: Wenn wir in diesen Zeiten an uns und unsere Angehörigen denken, werden wir klein, schwach. Denken wir an unser Volk, ans Vaterland, an Gott, an alles Umfassende, so werden wir mutig und stark.
... Solange der Krieg ist, atmet die Seele nur schwer, sie lebt nicht in Seligkeit und Liebe an Menschen und Dingen. Sie sieht wie gespannt starr auf das eine, immer eine ... Wir warten darauf mit ruhigem Blut, und wenn es uns ruft, dann soll es uns bereitfinden. Aber dann alles noch einmal zusammengefaßt, alle Lust und Leidenschaft für das eine! Wir denken an unsere Brüder im Osten mit Stolz, aber furchtbar krampfen sich unsere Gedanken zusammen, denn wir wissen, was sie durchmachen müssen, während wir ruhig liegen und warten und warten ...
Beinahe wäre ich neulich aufgewacht und hätte mich verliebt in das herrliche Leben, als ich sah, wie turmhoch über das vergängliche, zufällige Einzelschicksal ewige Werte unvergänglicher Schönheit in ihm geschaffen werden. Ich sah nämlich das Münster in Straßburg, vor dem die Seele in Andacht versinken muß. Ich dachte aber, wenn Deutschland ein solcher Bau wird, dann brauche ich mich gar nicht erst in das Leben zu verlieben,
Der Sonntag Reminiszere als Volkstrauertag ruft es uns allen zu: „Vergiß, mein Volk, die treuen Toten nicht!" So denken mir wieder aller derer, die auf den Kriegsschauplätzen des Weltkrieges, und die in der Heimat für die Heimat, ihren Wunden oder Krankheiten erliegend, ihr Leben gelassen haben. Wir gedenken derer, die im Luftkampf oder auf dem weiten Meer in den Tod sanken. Sie alle umfaßt unsere Erinnerung, unsere Liebe, unser Dank. Dabei wissen wir, es ist nicht das Schicksal des Todes, das den Helden macht, sondern es ist die G e s i n n u n g , die ihn beseelt, es ist der volle Einsatz, der für eine große Sache geleistet wird.
Der Volkstrauertag dieses Jahres empfängt dadurch ein besonderes Gepräge, daß die Fahnen des alten Heeres mit Kreuzen ausgestattet werden. Sie weisen zurück auf die unzähligen Kreuze, die überall in der Welt erinnern an deutschen Soldatentod. Aber mehr noch, das Kreuz mahnt uns an den Größesten und Reinsten, der je über diese Erde ging, und von dem die Schrift sagt: „Daran haben wir erkannt die Liebe, daß er sein Leben für uns gelassen hat, und wir
Heldengedächtnistag 1935! Wenn ich recht sehe, ist der heutige Tag trotz seiner stummen Trauer um die zwei Millionen deutscher Soldaten, die für Volk und Vaterland im großen Weltkrieg ihr Leben opferten, helles Licht nach langem Dunkel; den ein fest geeintes, nicht mehr durch Barteihader zerrissenes Deutschland, ein eng um den
Ührer geschartes Volk, das zu neuem Leben erwacht ist, ehrt seine Helden. Schmerzerfüllt, aber nicht mehr hoffnungslos ist seine Toten- klage. Sie wird nimmermehr verstummen, vor allem nicht bet uns Frontkämpfern, die wir die Helden sterben sahen, ihnen das Massengrab schaufelten, die Erkennungsmarke von der kalten Brust nahmen und mit den letzten Habseligkeiten zu den Lieben, in die Heimat sandten. Wir werden sie nie vergessen, die toten Kameraden, so lange noch ein Tropfen Blut in unseren Adern rinnt! —
Der Geist der Hinaabe war es, der die Teuren beseelte, die der Krieg uns entriß, Hingabe an das Vaterland! Hingabe, jene ganz große Kraft zu härtestem Dienste, zu zähestem Ausharren. Hingabe bei Hunger und Kälte, bei Gewaltmärschen, beim Liegen im Schmutz und Schlamm und im tage- langen Trommelfeuer. Hingabe bis zum letzten Atemzuge! — Das war der Geist der toten zwei Millionen. Jugend, hör st du es?
Der Geist der Bruderliebe schwebt über den Grabkreuzen der Gefallenen. Es stöhnte keiner vor dem Drahtverhau draußen, der nicht unter Todesgefahr gerettet wurde. Mit dem letzten Verbandpäckchen suchte man das Blut zu stillen, das wie ein Bächlein aus wunden Herzen quoll.
denn dann lebe und schaffe ich doch an seinem Grunde, ohne daß ich davon ein Gefühl habe.
Ich hoffe, daß Ihr, besonders die liebe Mama, nun mit Gottesoertrauen der Zukunft entgegensetzt. Wie auch ich es mir zum Tröste sein lasse, in der uns aufgezwungenen Notwendigkeit des grauenhaften Krieges die Zukunft eines neuen, reinen Lebensideals zu erkennen, neugebildet und begründet durch den Gedanken der Gleichachtung und der Kameradschaft, des Gottesvertrauens und der Zu
sollen auch das Leben für di e Brüder lassen." Tausende und aber Tausende haben da draußen noch diesem Wort gehandelt und sind in dieser Gesinnung freudia in den Tod gegangen. --
Hoch oben in den Argonnen liegt ein Grab. Drinnen ruht ein hochgewachsener blonder Westfale. Wenige Wochen vor seinem Tode schrieb er seinen Eltern einen Brief folgenden Inhalts: „Betet nicht für mich, daß ich gesund zurückkehre, betet auch nicht bloß darum, daß der Krieg bald em Ende nehme; betet vielmehr darum, daß unser Volk wie- der ein gottesfürchtiges und litten- strenges Volk werde. Es ist köstlich, für einen solchen Preis zu sterben."
Das sind die Stimmen unserer toten Helden, d.e zu uns, den Lebenden, herüberdringen. Möchten wir sie ehren und hören! Möchten wir in ihrem Geiste unserm Volke und Vaterland allezeit dienen!
.Und der Tod ist Gottes Knecht, Helfer uns für Ehr und Recht; Stehn wir kriegesglutumloht — Wir sind stärker als der Tod!
Bruderliebe! Ihr jungen Kameraden, hört i h r es? -
Es ist nicht wahr, wenn man von unseren toten Soldaten behauptet: Die meisten fielen im dumpfen Gefühl verdammter, aufgezwungener Pflicht und Schuldigkeit, ohne recht zu wissen wofür sie kämpften. Nein! Sven Hedin hat richtig beobachtet, wenn er schrieb: „Die Religion war die stärkste Kraft der deutschen Heere in diesem Kriege!" — Und ein französischer Offizier sagte eines Tages, überwältigt von dem, was er beobachtet hatte, zu einem deutschen Feldgeistlichen: „Ich beglückwünsche und beneide Sie. Ihre Soldaten kämpfen wie Löwen und st erben wie die Heiligen!" So lautet das Urteil eines Neutralen, so sprach der Mund eines Feindes.
Der Geist tiefer Frömmigkeit und Gottesfurcht war und bleibt für immer Der mächtigste Impuls alles sittlichen Zucht, eine nie versiegende Quelle der Kraft und wahren Heldentums. So war es bet unfern Helden. Ihr letzter Blick ging himmelwärts und der letzte Herzschlag galt der Heimat und den Lieben daheim. Ihr jungen Soldaten der deutschen Wehrmacht, hört ihr es? — Euch werde die Totenklage zur Lebensfeier!
„Trauernd senket das Haupt, Der Väter denkend, die starben, Doch dann hebet den Blick Trauend der eigenen Kraft!"
Den Helden strebet nach, erreichen könnt ihr sie, übertreffen nie!--
verficht, durch reinen sittlichen Ernst, durch Vertiefung und Wiedergeburt des Geistes. Und an diesem großen, schönen Lebensziel des deutschen Volkes, wenn auch nur als winziges Pünktchen, mithelsen zu dürfen, unter Umständen unter Einsetzung des eigenen Lebens, das muß einen deutschen Soldaten mit Stolz erfüllen. Seht, liebe Eltern, dieser eine große Gedanke ist es, der mich immer wieder aufrichtet, wenn ich mal in eine nachdenkliche Stimmung komme, der mich über all dem grausamen Hinschlachten, den weiten Kampffeldern mit ihren
braven Toten den Lichtstrahl der neuen Lebens- sonne des deutschen Volkes aufgehen sehen läßt. Allerdings wäre es mein sehnlichster Wunsch, die» sen Sonnenaufgang miterleben zu dürfen.
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Wenn ihr wüßtet, was er mir war! Die Freundschaft im Kriege ist viel tiefer als unter friedlichen Verhältnissen. Er war erst 18 Jahre, der einzige Sohn seiner Eltern, deren Stolz und Freude, voll glühender Vaterlandsbegeisterung, von einer tiefen Gemütsart, wie ich sie in solchen Jahren nur selten fand. Gestern vor acht Tagen saßen wir zusammen unter dem Kruzifix auf der Höhe von St. Erme und sahen nieder auf eine selten schöne Frühlings- landschaft im Abendsonnenschein. Wie oft fanden sich unsere Augen im gegenseitigen Verständnis und in der gleichen Begeisterung für ideale Ziele.
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Wenn Eltern in ihrem Schmerz um den im Felde gefallenen Sohn etwas trösten kann, so ist es dies, daß er bis zum letzten Atemzuge treu seine Pflicht tat und fein Leben freudig hingab für die große, heilige Sache unseres geliebten Vaterlandes. Das ist das Größte und Schönste, was einem Menschen beschieden fein kann. Dazu der Glaube, daß Gottesgedanken so viel höher sind denn unsere Gedanken, als der Himmel über der Erde ift. In diesem Glauben allein können wir, wenn auch nicht die Lösung all dieser schweren Schicksalsfragen, so doch ihre innerliche Ueberwindung erleben. Der Krieg verschlingt die Besten, warum wohl? Weil immer die Besten und Tüchtigsten es sind, die nach Taten drängen, die ungeachtet der eigenen Sicherheit ihre Pflicht tun und ihr Leben einsetzen. — Er war einer dieser Besten. Je mehr Hoffnungen und Wünsche, je mehr Ziele ein Leben hat, um so mehr wert ist es — so war sein Leben trotz seiner Jugend unendlich reich und wertvoll. Ich werde ihn nie vergessen können.
... Der Leutnant war da und gab mir den Auftrag, für eine würdige Bestattung unserer Gefallenen Sorge zu tragen. Die waren nämlich inzwischen von anderen Händen eingescharrt worden. Aber wir wußten die Stellen. Auf dem Rückweg nach dem Nonnenbusch sah ich rechts vom Laufgraben ein Stückel mit einer Feldvostkarte, auf der stand: Richtschütze Karl Linke. Etwas weiter ab erkannte ich an einem kurzen Pfahl die Namen Beers und Lichtenbergers. Ich veranlaßte noch am Abend im Polygonwald das Nötige und ließ mich für den nächsten Tag vom Regiment beurlauben. Unser Werk mußte unter dem Mantel der Nacht getan werden. Schon vor 3 Uhr nachts rief Gucks wilde Stimme meinen Namen in den Unterstand. Draußen stand im tiefen Dunkel eine Schar mit Spaten und Spitzhacken. Schweigend gingen wir unseren Weg. Draußen trennten wir uns in kleinen Gruppen. Ich ging mit, Beer zu holen. Wir mußten tiefer graben, als gedacht. Häßlicher, süßlicher Geruch stieg aus der Erde auf. Rauchen durften wir nicht wegen des Feindes. Erft fanden wir einen Infanteristen, der als dritter in dieses Grab gebettet war. Dann hoben wir den armen Beer heraus. Ihn habe ich mitgetragen, vier Mann biteben da, Lichtenberger auszugraben.
Wir wickelten unseren Toten in eine Zeltbahn und befestigten Stangen zum Tragen an der Seite. Langsam ging der Tag mit blassem Rot auf. Ich mußte an das Lied von Hauff denken. Ein Toter, so primitiv gebahrt, hat schon seine Last, aber am Rande des Nonnenbusches wartete ein Wagen. Knoblauch und Hunger lagen schon darauf. Jener mit dem schönen dunklen Vollbart sah einem leidenden Christus ähnlich. Dann brachten sie Lichtenberger, der einzige, der noch wie im Leben aussah, und Zietzschmann mit blutüberströmtem Antlitz. Linke war nicht gefunden worden, sein Grab war leer.
Im Polygonwald, in unserem Lager, hielten wir kurze Rast. Dann gingen wir über die alte Stellung und den alten Ablösungsweg nach Becelaere. Dort
Von der Totenklage zur Lebensseier.
Xton Rarlowsli, Katholischem Feldbischos der Wehrmacht.
du
der Pionier-Kantine. Da liefen die Feuerstellungen Dorf, mit Gräben, Stellungen, Trichterfeldern und auf den verschneiten Maashöhen: Spada, Larnor-j Beobachtungsstationen und weiter hinten auch mit
Ein paar ganz gewöhnliche, unscheinbare Karten, bedeckt mit Ortsnamen, Regimentsnummern, Planquadratziffern, du schaust sie an nach so vielen Iah- ren, und aus der vergessenen Ferne jenseits unserer Grenze wächst wieder die Landschaft lebendig und zum Greifen nah vor deinen Augen auf mit Daum und Hügel, mit Straße und Wald und zerschossenem
sozusagen eine pikante Situation." Das kann man sagen. Das Wäldchen hatte es in sich. Wie hieß es doch gleich? Richtig, auf einmal entdeckst du, in der hinteren Einbanddecke deines Buches eingeheftet, einen dicken Packen mit Karten. Du ziehst sie heraus, breitest sie aus, und mit einem Schlage ist alles wieder lebendig. Namen, die dein Gedächtnis längst verloren hatte. Hier ist der Zipfel von St.Mihiel. Da ist Vigneulles, dort standen die Protzen, da ist das Lager Neu-Rothenburg mit
Vergessene Landkarte.
Gin Buch wird lebendig.
Es war der reine Zufall: eigentlich hattest
ville, Laoigneville ... da lag unsere Infanterie ... da drüben wohnte der KTK.-Süd, hier vorne stand das Tankgeschütz Bertha, und dort war die Beobachtung „Donisl". (So hatten die Bayern das Loch getauft, die wir abgelöst hatten im Januar.)
Ein anderes Blatt, eine andere Landschaft, weiter rechts; da läuft die mit großen Pappeln be« standene, breite Straße von Peronne her. Da ist Montdidier, jetzt paß mal auf, wie gut und genau unsere Karten waren: jeden Punkt kannst du mit dem Zirkel herausstechen, wo du einmal gelegen hast: da unter dem dicken Baum war die Signalstation, da lief die Leitung zur Nahkampfgruppe quer durch die gelben Ginsterbüsche; wie oft hast du da gestanden, geduckt und sprungbereit, das klebrige Isolierhand in den schmutzigen Pfoten, und hast dir die zerfetzten Enden zusammengesucht, blank geschabt mit dem Messer, ineinandergedreht in kunstvollem Knoten, umwickelt — und weiter, schnell, schnell, schon haben sie drüben vom Fesselballon aus was geipertt, und gleich kommt die erst? Gruppe herüber, daß dir Hören und Sehen vergeht ... Da vorn die Feuerstellung der Dritten, links am Waldrand hinter den Einundzwanzigern — jedesmal ging die Karbidlampe aus, wenn sie los« legten in der Nacht — die Wasserstelle. Welch ein Abenteuer auf Leben und Tod jeden Tag, die englische Keksbüchse hinunterzuleiern und wieder herauf, um die kostbare Flüssigkeit — nicht zum Waschen! — in den Unterstand zu schleppen; wenn der Feuerüberfall in dieser endlosen Viertelstunde einsetzte, dann ging es um mehr als um eine Blechbüchse voll Wasser ... Da drüben liegt Can- tignt), da griffen die Engländer im Mai 18 mit Tanks an, unvergeßlicher Vormittag. Dort, weiter rechts, lag unsere Batterie, davor das kleine Dorf, über dem sieben Wochen lang eine atembeklemmende Wolke von Tod und Verwesung schwebte ... Dann kommt der Wald, das ist die Straße, die zu den Protzen führt, und hier irgendwo muß die Stelle fein, wo damals im Juli der alte Fahrer S. gefallen ift. Er hatte sich vorn in der Stellung vom Batterieführer seinen Urlaubsschein unterschreiben lassen und war schon wieder auf dem Rückweg. Gegen Abend wollte er sich aufmachen, vom Protzenlager nach hinten, nach Hause, nach Deutschland, zu seiner Frau und zu seinen Kindern, — da warf ihn ein heimtückischer Einschlag auf der einsamen Waldstraße nieder. Es war nicht einmal eine besonders schwere Verwundung, aber es hörte ihn niemand, und bis sie ihn fanden, war er verblutet ... mit dem Urlaubsschein in der Tasche.
einen ganz anderen Band aus dem Bücherregal hervvrholen wollen, um etwas nachzuschlagen, aoer da fiel dir wie von ungefähr das lebhaft in Drange und Preußischblau eingebundene Buch in die Hand, an das du so lange nicht mehr gedacht hast. Auf dem Titel steht: Geschichte des ... Regiments Nr.... Du wiegst das Buch nachdenklich in der Hand, du schlägst es auf, blätterst und lieft, und auf einmal wird diese ganze Zeit wieder brennend lebendig, als wenn es gestern gewesen wäre und nicht vor siebzehn oder achtzehn Jahren. Ach, da sind auch Bilder: die Offiziere und die Wachtmeister des Regiments; von denen ift wohl heute kaum einer mehr am Leben. Aber viele von ihnen hast du gut gekannt. Unter den Bildern steht nichts als Der Name und Der Dienstgrad; nur hier und da ein kleiner Zusatz: dreimal verwundet, viermal verwundet, sechsmal verwundet, verschüttet bei ..., vermißt am ..., gefallen, gefallen, gefallen ... Hinten, auf den letzten Seiten des Buches, stehen auf der Ehrentafel in langen Reihen die Namen der Toten, und alle die Namen unter den Bildern findest du hier wieder: 1915, 1916, 1917, 1918. Die letzten noch im November. Auch viele andere Namen find dabei, die dir mehr bedeuten als nur einen Namen. Da ift z. B. der Gefreite Georg Gr., Schorfchi, ein lieber luftiger Kerl, in Obertertia hat er neben dir gefeffen und hat den halben deutschen Aufsatz von dir abgetrieben ..., da ist der Fahrer Henner Sch., da ist der Leutnant V. mit der verwegen auf dem Ohr sitzenden Feldmütze und der ewigen Zigarette im Mundwinkel, Sanitätsfeldwebel B., Kanonier H. — Namen, Namen, Kreuz neben Kreuz, gefallen, gefallen, gefallen ...
Du blätterst wieder zurück, die Gesichter schauen dick an, so lebendig, als sprächen sie zu dir, und lassen dich nicht los. Du blätterst, bleibst an einer beliebigen Stelle hängen und fängst wieder an zu lesen: „Am ... September hatten die Engländer die Stellung der vierten, fünften und sechsten Batterie am ... Wäldchen von drei Seiten umfaßt. Die Munition war knapp, die Leitungen nach rückwärts zerschossen. Sechste Batterie, am weitesten rechts, feuert mit zwei Geschützen im direkten Schuß ... Leutnant A. bemerkt dazu im Tagebuch: es war
den sorgsam gepflegten Friedhöfen und den end- losen Reihen kleiner Kreuze ... Sehr viele, die meisten von uns, wcrd-»n heute in Deutschland mit großer Liebe, in Ehrfurcht und Dankbarkeit an einen der ungezählten Namen denken, die auf den Kreuzen stehen und werden im Geiste davor hintreten und die ersten Frühlingsblumen auf den niedrigen Hügel streuen. hth.
Die Linde.
Von Iran; Echauwecker.
Als der einzige Sohn des Bauern Friedrich Bergmann im Kriege gegen Frankreich gefallen war, verschloß sich der Vater, ein noch im derbsten Mannesalter stehender Mann, stumm in sich selber, ohne vorerst besondere Trauer zu zeigen, während seine Frau tagelang in Tränen verharrte und in den Briefen des Kindes den früherloschenen Spuren nachging wie durch eine junge Frühlingslandschaft voll Bachgründen und geheimnisvollen Winkeln. Der Bauer warf sich mit einem Ruck in die harten Stränge der Landarbeit, legte überall selber mit Hand an, hatte die Blicke in jeder Ackerfurche, in jeder Scheunenecke und stand nur selten plötzlich wie angenagelt mitten auf dem Hofe vor der Pferdekoppel still, die Augen verwundert in das Treiben der Knechte oder auf die glatten Leiber der Pferde gerichtet.
Eines Tages legte er beim Mittagessen den Löffel beiseite, sah seine Frau an und sagte: „Wir wollen ihn holen lassen. Er soll hier begraben werden. Er gehört auf den Hof." Die Bäuerin nickte, und es war beschlossen.
Die Ueberführung war nicht schwierig, denn der Sohn war nach einer schweren Verwundung hinter der Front in einem Lazarett gestorben und auf einem geordneten Gefallenenfriedhof bestattet. Der Bauer fuhr ab und kam nach einigen Tagen mit dem Körper seines Kindes zurück.
„Er soll nicht auf den Kirchhof", sagte der Bauer. „Er soll auf dem Hof begraben werden. Es ift fein Hof. Da gehört er hin?
Der Sohn wurde in dem kleinen, an den Hof grenzenden Ziergarten begraben. Auf den flachen Hügel pflanzte der Bauer selbst die Linde. Es war sein Wunsch, daß ein Baum auf das Grab kam, aber die Linde hatte seine Frau bestimmt. „Er mochte die Linde mehr leiden als andere Bäume", sagte sie. „Ich habe es in seinen Briesen gelesen, und er hat als Junge oft gesagt, daß er sie schöner fände als..." und sie begann zu meinen und schwieg.
So kam die Linde auf bas Grad. Linden wachsen nicht rasch wie Kastanien, jedoch diese Linde wuchs schneller als andere ihresgleichen. Sie setzte Zweige an, hob sich sichtlich empor und breitete ihren kleinen Wipfel von Jahr zu Jahr schattender aus. Es war sonderbar zu sehen, wie rasch sie wuchs und zunahm. Ihr Stämmchen wurde voll und straff,
wiegte sich im Winde und stand wie eine Lanze mit einer hellgrünen Blätterfahne schimmernd in der Sonne.
Der Vater kam zu dem Bäumchen. Die Mutter saß in seinem schmalen Schatten. Sie hatten nicht lange Zeit zum Derweilen, aber sie kamen regelmäßig an jedem Abend nach der Arbeit, wenn sie die müden Körper erholten und ruhten unter dem Wipfel. Erst saßen sie auf Stühlen, die sie dorthin trugen, dann zimmerte der Vater eine hölzerne Bank. Der Ziergarten befand sich an der östlichen Schmalseite des Hauses, und da Grab und Linde dicht am Zaune lagen, hatte man dort einen weiten Blick über das flache Land und weithin über die Aecker und Wiesen des Bauern. Sie sprachen nicht oft von dem Sohn. Meistens saßen sie schweigend ober sie unterhielten sich über das Gedeihen des Besitztums, über die Ernte, die Bestellung, Kälber und Fohlen, Regen und Sonnenschein.
Der Baum wuchs mit einer gleichmäßigen und auffallenden Schnelligkeit. Nach einigen Jahren hatte sein oberster Wipfel den unteren Rand des unmittelbar darüber gelegenen Schlafzimmers der Eltern erreicht. Im nächsten Jahr hob er sich schattig vor die Scheiben.
Der Bauer und seine Frau sahen die Sonne unter dem Baum untergehen und sahen sie in seinem Wipfel aufgehen. Wenn der Bauer auf dem Felde war und zu dem Gehöft hinübersah, gewahrte er den Baum. Die Bienen summten tief und dröhnend in seinen Blüten, die Finken schlugen in seinem Gezweige. Allmählich lag der Wipfel wie eine gewölbte Hand vor dem Fenster.
„Das ist unser Sohn", sagte der Bauer eines Abends und zeigte auf den Baum. „Er hat feine Kraft aus unserem Jungen... Ja, das ist unser Sohn." Er nannte ihn meistens mit einer gewissen feierlichen Betonung „unser Sohn". Die Bäuerin nickte. Mit der Zeit sprachen sie von der Linde nur als von ihrem „Sohn". Der Baum wuchs höher und blickte über den Dachfirst. Er überschaute das ganze Gehöft und beherrschte die Aecker des ganzen Besitzes. Schon von weitem, bevor man die Grenzen überschritt, gewahrte man als erstes den Baum. Er wurde zum Wahrzeichen des Gutes.
„Wir müssen einen Erben haben", sagte der Bauer, und sie bekamen einen Jungen. Seine Wiege stand im Sommer unter der Linde, und später spielte er in ihrem Schatten. In den Flegeljahren kletterte er aus dem Fenster durch die Gezweige und rutschte an ihrem glatten Stamm herunter zur Erde.
Er hörte die Geschichte des Baumes und betrachtete ihn mit staunenden Blicken.
Die Alten starben, und der Zweitgeborene erbte bas Gut. Er starb, nachbem er Kinber gezeugt hatte, welche wieberum Kinber zeugten unb starben. Nur der Baum steht gleichermaßen unb un- erschüttert. Das erste, was man von dem Gut gewahr wirb, ist bie ßinbe. Sie ist das Wahrzeichen des Gutes und ber ganzen Gegenb.


