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185. Jahrgang

Nr. 64 Erstes Blatt 185. Jahrgang Samstag, 16. Mrz 1955

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General-Anzeiger für Oberhesfen

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

Deutschlands toten Helden!

Das Erbe der Gefallenen.

Don Edgar Röhricht,

Major im Michswehrministerium.

Der Heldengedenktag, den heute das deutsche Volk als nationalen Feiertag begeht, steht nach dem Willen des Führers im Zeichen der Wehr­macht. Die Truppe tritt in allen den Orten, die Garnison sind, als die Veranstalterin auf und ver­einigt um sich alle Veoölkerungskreise zu einem feierlichen Gedenken an die Gefallenen des Welt­krieges. Vom Staatsakt der Berliner Staatsoper aus erhebt der Reichswehrminister dieses eine Mal im Jahr seine Stimme zum ganzen deut­schen Volke.

Dem Herausstellen der Truppe an diesem Tage Des Rückerinnerns liegt ein tiefer Sinn zu Grunde. -Sn ihr soll d i e lebendige Tradition sicht­bar werden, die aus der Größe vergangener Tage -über unsere heutige Gegenwart hinwegführt in eine .Zukunft, an die wir den Glauben wieder gefunden haben. Die Träger mögen wechseln, fallen oder ab­treten, Umwelt und Zeit mag ihr Angesicht verän- "dern, die große Idee aber, wenn sie echt und -stark war, bleibt. Der Rhythmus einer ungebroche- men Kraft zwingt neue Geschlechter in seinen Bann und Takt. So werden sie zu Erben, nicht im Sinn eines Anspruchs, sondern in dem einer Der- P f l i ch t u n g.

Die Wehrmacht feiert heute die Gefallenen des Weltkrieges, die Kameraden, die einst das gleiche Kleid trugen, in ihm kämpften und starben, die Vorbilder, deren Gedenktafeln in ihren Kasernen mnd Schiffen hängen. Mit ihr ehrt das ganze deut­sche Volk seine gefallenen Söhne, Brüder und Vater. Ein ganzes Volk! Welche deutsche Familie gedenkt heute nicht eines Angehörigen, der einst cuszog und nicht wiederkam.

Denn was einst 1914 bei Kriegsbeginn zum Schoden einer damals möglichst raschen Entschei­dung des Krieges fehlte, im Verlauf der weiteren Jahre des Völkerringens gewann es langsam Ge­stalt: dasVolk in Waffen". Als am 11.No­vember 1918 der Schlachtenlärm an den Fronten jäh verstummte, erhob es sich aus den Gräben, zum schweren Rückmarsch in die Heimat, von der es sich verraten fühlte. Ein Volk kehrte heim. Grau stand der Novemberhimmel über Deutschland. Irgendwo im Niemandsland des Vergessens ruhten die Toten, die man zurückgelassen hatte, eine blutige Saat, die nutzlos geopfert schien.

Aber die Gefallenen waren nichttot. Sie be­wiesen über ihr Sterben hinaus eine Kraft, die stärker war als das Leben, wie es in Deutsch­land nach dem Zusammenbruch weiter vegetierte. Die Toten wurden zum lebendigen Gewis­sender Heimgekehrt en. Ihre ständige Mah­nung rüttelte an der Müdigkeit der Hoffnungslosen, sie erfüllte allmählich die Herzen, deren Kämpfer- tum nicht im Alltag der Sorge, des Daseinskamp­fes oder des Verzichtes verlorengegangen war. So wurden die Toten des Weltkrieges immer mehr zum Gewissen einer sich wiederfindenden Nation. Und sie wurden lebendig in einer neu Heran­wachsenden Generation, die ihr Sterben zwar nicht erlebt hatte, aber den Sinn ihres Opfers bewußt oder unbewußt im Innern ihrer Seele begriff und aus ihm heraus selbst zum Han­deln überging. Wenn heute wieder ein ganzes Volk in Ehrfurcht und stolzer Trauer sich vor den Gra­bern neigt, so dankt es denen, die draußen blieben, nicht für ein Opfer, das nutzlos dargebracht wurde, sondern für ein Sterben, dessen tiefster Sinn und Zweck sich heute erfüllt hat: D e u t s ch l a n d le b t!

Das wiedergeborene Deutschland lebt, erfüllt von einer inneren Kraft und Geschlossenheit wie sie das unerfüllte Sehnen der Besten war, seit über die Grenzen historischer Zweckgebilde hinweg, die nur ein Uebergang sein konnten, der Begriff einer ge­einten deutschen Nation aufkam. Heute ist das Ziel erreicht: einVolk ein Führer.

Die Schwäche und Zerrissenheit der letzten andert­halb Jahrzehnte hat uns den bittersten Anschau­ungsunterricht gegeben und die Lehre, daß nur das Volk eine Zukunft hat, das selbst in der Lage und bereit ist, für sein Daseinsrecht bis zur letzten Fol­gerung einzustehen. Deutschland, das zwei LDmlio: nen seiner Söhne auf den Schlachtfeldern des Welt­krieges verlor und dem Druck einer würgenden Blockade Leben und Gesundheit seiner Frauen und Kinder opfern mußte, ist gegen den Verdacht ge­feit, sich sein Schwert schmseden zu wollen zum Eroberungszugriff über die Grenze. Aber was an­dere Völker für sich als selbstverständlichstes Recht in Anspruch nehmen, muß auch uns unbestritten Ifein: Herr zu sein im gesicherten eige­nen Raum, in dem ein friedfertiges arbeitsames Volk an den Grundlagen seiner Zukunft baut. Mit Stolz können wir es auch heute am Gedenktag un­serer Gefallenen mit den Worten des Führers aus­sprechen:Das deutsche Volk hat es nicht nötig, feine Ehre auf den Schlachtfeldern zu rehabilitieren, dort hat sie. uns keiner genommen." Aber unser Volk hat seine Leistungen im Feld und auf allen Gebieten des friedlichen Wettbewerbs nicht voll­bracht, um seine Geschichte als Nation eingeschränk­ter Souveränität fortzusetzen. Nur auf der Grund­lage gleichen Rechtes kann in der Zusam­

menarbeit der Völker die Atmosphäre des Ver­trauens aufkommen, die allein Dauer und Bestand verbürgt.

Wenn heute am Heldengedenktag die Fah­nen und Standarten der alten Armee mit dem vom Heimgegangenen Reichspräsidenten - Feldmarschall gestifteten Ehrenkreuz geschmückt werden, so ist dos für alle ein Akt symbolhafter Bedeutung:

Deutschland huldigt damit dem Geist der Pflichterfüllung im Leben und Tod, der tets galt, wo in der Geschichte unserer Nation die ruhmreichen Fahnen wehten.

Die Batterie bleibt in Stellung stehn und feuert bis zum letzten Schuß. Mag um sie her, was immer, geschehen, für sie gilt nur dieses eine Muß.

Herr Leutnant, der Auftrag ist Ihnen klar!" Befehl, Herr Major!"Na, dann alles Glück!" Kaum, daß der Major vom Sattel war, sprengt er schon wieder nach Osten zurück.

Heiß ist der Tag, noch heißer die Schlacht, die von Westen her ihr Gewitter rollt.

Im Sumpf von Saint-Gond steht seit voriger Nacht die Batterie und grollt und grollt.

Jagt Schuß auf Schuß aus glühendem Rohr hinüber in die feindlichen Reihn.

Zuaven und Jäger schwärmen davor und kommen doch nicht in die Stellung hinein.

Das deutsche Volk grüßt seine gefalle­nen Söhne, deren Schwurhand einst auf diesen Fahnen tag und die getreu ihrem Eide für Deutschland starben.

Und die deutsche Wehrmacht, deren Ehrenkompanien heute die alten Fahnen führen, trägt mit ihnen als stolzes Erbe die verpflich­tende Tradition in die Zukunft, in gleicher Begeisterung und Einsatzbereitschaft für Deutsch­land Führer und Volk zu leben und zu wirken, wie die Männer es taten, vor deren Opfer sich heute ein dankbares Volk neigt.

Der Leutnant ist tot, kein Offizier gibt mehr Kommandos, sind alle stumm. Nur an einem Geschütz ein Kanonier wirft immer noch den Verschluß herum.

Das letzte Geschoß über Kimme und Korn brüllt auf... Dann Schweigen und tödliche Ruh. Der Abend bricht an, verraucht ist der Zorn, die Schlacht wandert weiter dem Osten zu.

Im Sumpf von Saint-Gond liegt eine Schar von Toten ... Nicht einer kam lebend zurück ... Herr Leutnant, der Auftrag ist Ihnen klar!" Befehl, Herr Major!"Na, dann alles Glück!"

Den Degen gesenkt, am Käppi die Hand steht ein Colonel von der Infanterie ... Rings schichtet die Nacht eine mächtige Wand um Saint-Gond und die tote Batterie.

Oer letzte Appell.

Von Ernst Keienburg

Im Anfang war die Treue. Die Ehrfurcht vor dem nicht mehr sichtbaren und dennoch wirkenden Leben. Was könnte uns glauben machen, daß dir Toten tot sind! Daß da Kreuze sind zu Millionen in fremder Erde, dicht ausgeschlossen wie Furchen eines Ackers? Sie sind uns nur Sichtmale der Auferstehung. Sichtmale und Saatfeld! Irgendwann geschah es, daß die schlafenden Heere sich aufmach­ten, sich mit der Heimat wieder zu vereinen, toie liegen aus den Tälern auf, in mondhellen Näch­ten, und schäumten über die sanften Hügel, ohne Anfang, ohne Ende. Da war eine Kompanie, hier ein Zug, dort Versprengte und die Fetzen einer Nahkampfbatterie alles fügte sich wunderbar wieder zusammen, Rad zu Rckd, Glied zu Glied, Mensch zu Mensch, Kameraden riefen sich bei Na- men, aber es geschah alles lautlos. Pferde drängten sich und schauerten in der Kühle. Die Führer war­fen die Hände hoch und gaben die Marschweisung. So zog das Geisterheer in die Heimat zurück, schal­tenhast und ernst, in einer mächtig wachsenden Helle, während ferne Orgeln erbrausten.

Wie nun die Heere vor Sonnenaufgang an die Tore kamen, da fanden sie alles geschlossen. Man weigerte ihnen den Einlaß. Sie fragten:Kennt ihr uns denn nicht?" Aber die auf den hohen Stühlen der neuen Macht saßen und die Schlüssel hielten, antworteten nicht einmal. Sie hatten keine Augen zu sehen und keine Ohren zu hören. Sie sahen nur dünnen Nebel, der mit dem Frühwmd in die Stadt getrieben kam. Sie sprachen in einer frem­den Sprache und ihr Gehirn war voll Zahlen. Die Nebel aber schraubten sich empor und zogen tönende Ringe über das Land. Die Geisterheere zerteilten sich lautlos, wie sie gekommen waren, jeder ging in eine Kammer, wo er noch eine treue Seele wußte. Müde und verstohlen geschah das, wie in einem ungeheuren Staunen. Sie legten die Waffen neben sich und taten sich nieder. Ihre Wunden be- gönnen von neuem zu bluten. Auf ihren steingrauen Gesichtern lag eine große Qual. Es war ihnen v'.cht vergönnt, zu schlummern wie solche, die Frieden haben, sondern wie solche, die da warten, daß man sie morgen aufriefe zum Appell. Durch die Tore, die sich ihrem Einzug verschlossen hatten, wirbelte Schande. Aus Opferschale brannte ruchloses Feuer.

*

Wer weiß, wie lange sie schliefen und doch auf eine eigene Weise glühten. Wie feurige Tropfen durchdrangen sie das Erdreich der Nation und wirk­ten hin durch die Krume. Diese letzte Passion wak ihre schwerste, doch die Erleuchtung, die sie der tod­wunden Seele des Volkes spendeten, war auch ihrs stärkste. Manche Gemüter genasen an ihren Leiden. Manche Verbitterung linderten sie, manche Verein­samung lösten sie auf in Gemeinschaft. Sie traten ans Bett der Mutter.Weine nicht", sagten sie, zwei Millionen Söhne hat unsre liebe Mutter ver­loren." Sie traten zu den Blinden und rissen ihnen die Binden ab.Seht und glaubt", sagten sie,wir sind heimgekehrt." Sie pochten an die letzte Tür, hinter der noch ein Funke Gläubigkeit war. Kame­rad, halt dich bereit!" Sie durchpflügten mit dem Schwerte die Gewissen und ergossen ihre Glühkraft in die, die als Bannerträger des Neuen ausersehen waren, daß sie kühn und stark wurden, durchzu- brechen in Leiden und Opfermut. Solche Macht war ihnen gegeben, daß sich höchstes Leben mit dunk­ler Schwingenkraft aus den Tälern der Toten regte und solche Weissagung den leise geöffneten Mün­dern der Sterbenden, daß sie Form und Gehalt desneuen Leben" seherisch kündeten:

Es wird ein Land sein, wenn wir nicht mehr sind", sagten die verhauchenden Stimmen,das wollen wir nennen das heimliche Vater« land. Es soll wie diese unsere Hände sein, die wir verketten, hinter rostroten Drahtverhauen, angesichts des Todes: so unzerreißbar soll es sein. Seht, wir knien hier auf bebender Erde, auf zerwühltem Feld, und haben das Irdische von uns abgetan vor dem letzten Gang. Licht der Heimat und Freunde und was uns lieb war, sehen wir nicht mehr, hinter den Gewitterwänden der Schlacht. Klagt nicht darum, wie wir nicht klagen. Doch nehmt unser Vermächtnis und tragt es in die Heimat und grabt es in die Herzen, daß es auffprieße zu seiner Stunde wie hundertfältiges Korn. Dies Vermächtnis soll fein: Volk! Und wiederum Volk! Denn viele Wege sind wir gegangen in sorglosen Zeiten, der eine ging hierhin, der andere dahin, und wir wußten nichts voneinander, unsere Wege rannen ins Ungewisse, wie das Geäder des Erzes waren wir, das durch die Felsen züngelt... nun aber hat uns der HammerSchicksal" geschmiedet zu einem Block und das Feuer der Schlachten ist über uns hingespieen und hat uns geglüht. So sind wir nun Stahl geworden und gänzlich eins, schim­mernder Quader. Also fest und unzerteilbar soll das Haus unserer Ehre stehn in alle Zeit!"

Stimmen der Toten, bringt an diesem Tage zit uns! Sprecht, ihr lebendigen Toten! Blickt auf uns, ob wir bestehen können. Kameraden, wir rufen euch!

Mögen Iahriausende vergehen, so wird man nie von Heldentum reden und sagen dürfen, ohne des deutschen Heeres des Weltkrieges zu gedenken. Dann wird aus dem Schleier der Vergangenheit heraus die eiserne Front des grauen Stahlhelms sichtbar werden, nicht wankend und nicht weichend, ein Mahnmal der Unsterblichkeit. Solange aber Deutsche leben, werden sie bedenken, daß dies einsi Söhne ihres Volkes waren. Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler.

Deutsche Batterie bei Saint-Gond.

Von Karl Bröger.