Aufruf!
Das Ideal des deutschen Volkes ist die Arbeit, sein Wille die Leistung und seine Sehnsucht der Friede. Wir rufen die deutsche Jugend zum
2. Reichsberufswettkamps
vom 18. bis 23. März 1935.
Wir find uns der Gefolgschaft unserer jungen Kameraden gewiß.
Heil Hitler!
Der Neichsorganisationsleiter der NSDAP, und Leiter der Deutschen Arbeitsfront Dr. Robert Ley
Der Iugendführer des Deutschen Reiches Baldur von Schirach
Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Rust
Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels
Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Darr6
Der Reichsminister des Innern Dr. Frick
Der Reichsarbeitsminister S e l d te
Eröffnung des Schaufensterwettbewerbs zum Reichsberufswettkampf am morgigen Sonntag in Gießen.
Am Sonntag, 17. Februar, wird vormittags um 10 Ahr durch die Hiller-Jugend auf dem TU a r f(- plah der Schaufen st erwelt bewerb der jungen Kaufleute, der eine Teilaufgabe des Reichsberufswettkampfes vom 18. bis 23. März 1935 ist, eröffnet.
Unter Mitwirkung einer HI.-Gefolgschaft und einer Gruppe des VdM. wird unter Beisein des Prüfungsausschusses und der Teilnehmer an dieser Teilaufgabe eine Feierstunde veranstaltet, bei welcher kurze Ansprachen von Vertretern der HI., DAF.
und des Sachbearbeiters für den Schaufensterwettbewerb vorgesehen sind. Anschließend wird der Prüfungsausschuß die 30 gemeldeten Schaufensterdekorationen besichtigen. Die betreffenden Schaufenster sind durch Plakate gekennzeichnet.
Die Dekorationen stehen in der Woche vom 17. bis 24. Februar zur Besichtigung. Die Preisträger werden im Laufe der Woche durch Anbringen von Ehrenurkunden in ihren Fenstern gekennzeichnet.
de.
storben 1919; — 1864: der Schriftsteller Hermann Stehr in habelschwerdt geboren.
Daten füt den 17. Februar.
1600: der Philosoph Giordano Bruno aus Nola wird in Rom verbrannt (geboren 1548); — 1673: der französische Lustspieldichter Jean Baptiste Poque- lin Moliere in Paris gestorben ^geboren 1622); — 1854: der Großindustrielle Friedrich Alfred Krupp in Essen geboren (gestorben 1902).
Amt für Beamte, Kreis Gießen.
Schulungsveranstaltung des „Reichsbundes der Deutschen Beamten, Kreis Gießen" am
Montag, 18. Februar, 20 Ahr, im Cafe Leib.
Ich rechne auf disziplinierte Haltung der Beamten des Kreises Gießen durch vollzähliges Erscheinen. Auf die wegen der Teilnahme der Beamten an der Schulung behördlicherseits ergangenen An- ordungen wird hingewiesen.
Redner: Stellvertr. Kreisamtsleiter Pg. G. Ulrich; er spricht über: Selbstbesinnung eines Volkes.
Fachschaftsfahnen find mitzubringen. Gäste willkommen. Unkostenbeitrag wird diesmal nicht erhoben.
Gez.: Heß, Kreisamtsleiter.
Reichsbund Volkstum und Heimat.
Ortsring Gießen.
heute, 20.15 Uhr, heiterer Familien- abend im Katholischen Vereinshaus. Der nassauische Heimatdichter Rudolf Dietz bringt Ernstes und heiteres aus eigenen Mundartdichtungen. Unser Volkstanzkreis tanzt hessische und andere Volkstänze und bringt mancherlei Ueber- raschungen. Mitglieder zahlen 25 Pfennig, Nichtmitglieder 50 Pfennig Eintritt.
Die Stickerei - Werkschau im Turmhaus am Brand bleibt bis einschl. Sonntag, 24. d. M. täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Morgen, Sonntag, um 11 Uhr und um 16 Uhr, führt die Ausstellungsleiterin, Frl. Peteler aus Hanau persönlich. Eintritt 10 Pfennig.
Sozialismus der Tat im NSLB.
Der Gauobmann des NSLB., Pg. Rings- Haufen (Darmstadt), hat eine Staffelung der monatlichen Beiträge angeordnet, wonach Mitglieder des NSLB. mit vier unversorgten Kindern in Zukunft nur noch die Hälfte des Beitrages bezahlen. Bei fünf und mehr Kindern werden nur 0,50 Mark entrichtet. Diese finanzielle Entlastung der Kinderreichen liegt ganz im Sinne nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik.
Theologische Prüfung in Gießen.
ELP. Unter dem Borsitz des Landesbischofs der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen, Lic. Dr. Dietrich, bestanden 15 Kandidaten der evangelischen Theologie vor der evangelisch-theologischen Fakultät Gießen die Fakultätsprüfung.
Fahrbahn-Verbreiterung auf der Reichsstraße Gießen - Frankfurt.
Das Tiefbauamt der Provinzialdirektion Ober Hessen hat in den letzten Tagen, wie schon kurz berichtet, die Lieferung von Steinmaterial und die Vergebung von Arbeiten für eine Verbreiterung der Fahrbahn auf der Reichsstraße Gießen—Frankfurt ausgeschrieben. Die Fahrbahn wurde vor einigen Jahren, als man die starke Entwicklung des Kraftwagenverkehrs noch nicht voraussehen konnte und auch die zum Straßenbau verfügbaren Geldmittel nicht ausreichend waren, auf eine Breite von nur 5 Meter angelegt. Das starke Anwachsen des Autoverkehrs macht nun eine Verbreiterung der Fahrbahn um einen halben Meter nach jeder Straßenseite hin, insgesamt also eine Verbreiterung von 5 auf 6 Meter erforderlich. Diese Umbauarbeiten werden bei Vilbel beginnen und nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Geldmittel etwa bis in die Gegend von Butzbach vorerst durchgeführt werden. Die Fortsetzung bis Gießen muß einem späteren
Zeitpunkt vorbehalten bleiben, wenn die erforderlichen Geldmittel bereitgestellt werden können.
Ferner werden von der Straßenbauverwaltung der Prvinz Oberhessen auf der Landstraße Nieder- Wöllstadt—Ilbenstadt an Stelle der jetzigen Randstreifen aus Asphalt-Topeka Pflasterstreifen angelegt werden, da erstere durch den Verkehr zerstört und letztere haltbarer für den starken Fährverkehr sind.
Wie wir auf Anfrage hören, steht für diese Arbeiten ein Kredit von 320 000 Mark zur Verfügung.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 16. Febr. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42, Matte 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier (inländische) 12 bis 13, Wirsing, das Pfund 15 bis 20, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 15, Gelbe Rüben 8 bis 10, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20, Unterkohlrabi 8 bis 9, Grün- kohl 12 bis 15, Rosenkohl 30, Feldsalat 80 bis 90,
Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 20 bis 30, Kartoffeln, der Zentner 3,20 bis 3,50 Mark, Aepfel, das Pfund 18 bis 25 Pf., Honig 40 bis 50, junge Hähne 90 Pf. bis 1 Mark, Suppenhühner 75 bis 90 Pf., Tauben, das Stück 60 bis 70, Blumenkohl 40 bis 60, Salat 20, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 35 Pf.
Vornotizen.
— Tageskalender für Samstag. NSLB. Kreis Gießen, Fachschaft .Körperliche Erziehung", Zusammenkunft der Geländesport-Arbeits- aemeinschaft um 15 Uhr am Schützenhaus. — Stadttheater, 20 bis 22.30 Uhr (Deutsche Bühne): „Die Hosen des Herrn von Bredow". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Cleopatra". — Astvria- Lichtspiele, Seltersweg: „(Eimarron". — Reichsbund Volkstum und Heimat, 20.15 Uhr, im Kath. Voreinshaus, Heiterer Familienabend. — Reichstreubund, Unteroffizier-Korps des Standorts Gießen,
20 Uhr, auf der Liebigshöhe Abendunterhaltung. — Stickerei- und Spitzen-Werkfchau von 14 bis 18 Uhr im Turmhaus am Brandplatz. — Spielvereinigung 1900, 20.11 Uhr im Cafs Leib, Großer Maskenball. — Sängervereinigung Wieseck, 19.61 Uhr, in der Gastwirtschaft Horrnann Großer Maskenball.
— Tageskalender für Sonntag. NS.» Gemeinschaft ,Kraft durch Freude", 20 Uhr, Karnevalistisches Konzert. — Stadttheater, 19 bis 22 Uhr: „Der goldene Pierrot". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Cleopatra". — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg: „(Eimarron". — Stickerei- und Spitzen- Werkfchau von 14 bis 18 Uhr im Turmhaus am Brandplatz.
— Stadttheater Gießen. Sonntag, 17. Februar, 19 Uhr, die Karnevalsoperette: „Der goldene Pierrot", 8 Bilder aus dem Kölner Karneval; Musik von Gvetze. Leitung haben: Wrede, Cuj6, Rabenau, Plank. — Dienstag, 19. Februar, 20 Uhr, das Komödienspiel: „Die Hosen des Herrn von Bredow" von Paul Beyer, Spielleitung: Heinrich Hub. — Mittwoch, 20. Februar, 19.30 Uhr, zum letzten Mal die Lanner-Operette: „Alt Wien"; Leitung: Wrede, Cuj6, Bäulke. — Donnerstag, 21. Februar, geschloffen. — Freitag, 22. Februar, einmaliges Gastspiel der Vier Nachrichter mit ihrem Stück: „Die Nervensäge". Die Vorstellung ist außer Abonnement. Anfang 20 Uhr. — Samstag, 23. Februar, 20 Uhr, geschlossene Vorstellung für die NS.-Kultur- gemeinde, Ring Deutsche Bühne — gerade Mitgliedsnummern — das Lustspiel: „Christa, ich erwarte dich" von Möller und Lorenz; Spielleitung hat Kurt Lüpke.
— Der Goethe-Bund teilt uns mit: Am kommenden Mittwoch spricht auf Einladung des Goethe-Bundes 21 u g uft Winnig über das Thema „Dom Proletariat zum Arbeitertum". August Winnig, der ehemalige sozialdemokratische Arbeiterführer, später Oberpräsident von Ostpreußen, nach dem Novemberverrat ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen den arbeiterfeindlichen Marxismus und Wegbereiter eines gefunden und geachteten nationalen Arbeitertums, war einer der vom alten System bestgehaßten Männer. Winnig gehört in die Reihe der großen erd- und heimatverbundenen Dichter der Gegenwart, als treuer Hüter und Mehrer der echten Güter unseres Volkstums. In feinen Dichtungen und Lebenserinnerungen kommt die ganze Lebensfülle und deutsche Innerlichkeit dieses Mannes zum Ausdruck. (Siehe heutige Anzeige.)
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* * Vom Kreisamt. Der Hilfsvollziehungsbeamte Leonhard Gaffga in Gießen wurde unter Berufung in das Beamtenverhältnis als Kreisvollziehungsbeamter angestellt.
* * Nächste Woche keine Sprechstunden des Kreis schul amtes Gießen. In der Woche vom 17. bis 23. Februar fallen die Sprechstunden des Kreis- und Stadtschulamtes aus.
* * D i e Museen im Alten und im Neuen Schloß sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr geöffnet.
* * Viehmärkte in Gießen. Am kommenden Dienstag findet hier Rindvieh-(Nutzvieh-)Markt statt, am Mittwoch wird Schweinemarkt abgehalten.
* * StädtisHe Brennholz-Versteige- rungen finden am nächsten Montag, Mittwoch und Freitag statt. Näheres in der heutigen Bekanntmachung.
** Westerwald-Verein, Ortsgruppe Gießen. Man berichtet uns: Am Sonntag, dem 10. Februar, unternahmen wir unsere diesjährige Dekorierungswanderung. Bei herrlichem Sonnenschein marschierten wir zunächst in Richtung Windhof— Abendstern. Strichweise lag noch Schnee, worin die Sonn glitzerte, so daß ein Umblick auf unsere engere Heimat dem Auge Herrliches bot. Im Rücken unsere Heimatstadt mit dem Schiffenberg, ferner sehen wir sogar den Feldberg, weiter rechts den Stoppelberg. Vor uns erhebt sich majestätisch der Dünsberg. Davor lagern sich Gleiberg und Vetzberg. Das Auge wird nicht müde, immer wieder neue Flecken unserer Heimat zu schauen. Mutter Sonne
Helma lächelt.
Kriminalroman von Klothilde von Stegniann.
Urheberrschtsschuß: Fünf-Tvrme-Verlag, Halle (©.).
8. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Er ergriff die Veilchen, öffnete lebhaft die Tür, die von dem Gesellschaftszimmer in einen kleinen Dorraum und von dort in die elegante Halle des Hotels führte.
Wirklich, die junge Dame stand jetzt an der Rezeption.
„Herr von Gernsheim?" fragte sie mit einer leisen Stimme.
„Bitte, gnädiges Fräulein!" Der Portier gab einem Pagen einen Wink. „Herr von Gernsheim erwartet das gnädige Fräulein hier nebenan im Gesellschaftszimmer."
Der Page ging ehrerbietig neben der schlanken jungen Dame in Trauer auf die Tür zu. Horst wollte erst seinem ersten Impulse folgen und Helma entgegengehen. Aber wiederum wollte er erst ihren Anblick auf sich wirken lassen, in einen gewissen Kontakt mit ihr kommen. Sie hatte einen schonen, mädchenhaften Gang, stellte er bei sich fest, aber etwas eigentümlich Unentschlossenes lag in der Art, wie sie die Füße setzte, jetzt auf die Tür zukam — Und der Blick, den sie ringsumher sandte, hatte etwas Angstvoll-Unwirkliches
„Dort ist Herr von Gernsheim", meldete der kleine blonde Page ehrfurchtsvoll.
Im gleichen Augenblick trat auch Horst rasch auf Helma zu.
„Helma, kleine Schwester!" Seine Stimme klang tiefbewegt. „Daß du die erste bist, die mich in der Heimat begrüßt! Aber komm, komm, Helma!" Er zog sie eifrig an der Hand in das Gesellschaftszim- mcr. „Hier, Helma!" Er reichte ihr das violette, schwach duftende Büschel Veilchen. „Helma, mach doch den gräßlichen Schleier ab, ich sehe dich ja gar nicht."
Ihre Hand zitterte, als sie langsam, wie zögernd, den Tvauerschleier fortzog. Angst, Bangnis lag in ihren goldbraunen Augen, als sie Horst anschaute Der stand und schaute selbstvergessen in das süße, blasse Antlitz, um das sich, unter dem kleinen Hut yervordrängend, die weichen Haare bauschten. Langsam schienen sich ihm die Züge des Kindes, mit dein er einst gespielt, dem er Bruder und Beschützer gewesen, zusammenzufügen — und dennoch war es ihm fremd, geheimnisvoll und rührend.
Vielleicht lag das Fremde weniger in der Form des Gesichts, als in dem etwas Schwermütig-Versonnenen des Ausdrucks. Die Begegnung mit ihm schien sie gänzlich aus der Fassung gebracht zu haben; sie schaute ihn so tiefernst und bangend an, daß ihm das Herz weich wurde.
„Kleine Helma" — er zog sie, die leise erschauerte unter seiner Berührung, an sich —, „du hast mir noch kein einziges Wort gesagt, ich habe nur durchs Telephon deine Stimme gehört. Sag es mir noch einmal: Willkommen in der Heimat!"
„Willkommen in der Heimat, Horst", gab das Mädchen leise, wie einen Hauch, zur Antwort. „Und Dank für die schonen, schonen Blumen!"
„Ach, das ist ja nur eine Kleinigkeit!" sagte er glücklich und lauschte dem sanften, weichen Ton der Mädchenstimme. „Oben in meinem Koffer habe ich noch andere Sachen für dich — Seidenstoffe, die die indischen Frauen gewebt haben, schone leuchtende Stoffe, wenn du die Trauer abgelegt haben wirst, Helma!"
Er umfaßte die zarte, schüchterne Gestalt mit einem heißen Blick. Wie süß sie war in der eigentümlichen Scheu — mit dem süßen Oval des blassen, lieblichen Gesichtchens!
Aber verändert war sie, sehr verändert! Als Kind hatte sie trotz aller Zartheit des Wesens etwas Entschlossenes und Offenes gehabt, etwas Furchtloses.
„Warum bist du so scheu, Helma?" fragte er, sie sanft auf das kleine Sofa des Gesellschaftszimmers niederziehend. „Bin ich dir so fremd geworden, kleine liebe Schwester?"
„Ja, fremd", flüsterte sie. Und plötzlich sah sie ihn groß an, ihre Augen füllten sich mit Tränen — schluchzend brach sie auf dem Sofa zusammen.
„Aber Helma, kleine liebe Helma, was ist dir denn?" fragte er erschrocken. „Ist etwas geschehen? Hat dich der Tod meines Vaters so mitgenommen?"
Sie sagte nur schluchzend irgend etwas, was er nicht verstehen konnte, aber er nahm es für eine Bejahung.
„Armes Kleines!" Er strich liebevoll über die mckende Hand des Mädchens. „War ja auch schlimm genug für dich, alles so allein — das hat dich wohl verstört. Aber nun bin ich ja da, Helma — und wir wollen gemeinsam helfen, unfern Schmerz gegenseitig zu tragen — nicht wahr?"
Da erhob das Mädchen ihren Kopf. Mit grübelndem Forschen sahen die Augen zu Horst auf, mit Grübeln, aber auch mit Vertrauen. „Hilf mir!" sagte sie leise — und sein Ja war wie ein Gelöbnis.
11. Kapitel.
Lange saßen sie beide dann noch in einer Ecke des kleinen, behaglichen Raumes — Horst hatte Tee hereinbringen lassen — und plauderten von Vergangenheit und Zukunft. Das heißt, eigentlich war es Horst, der plauderte, der Helma an taufend kleine Erlebnisse aus der gemeinsamen Jugendzeit erinnerte.
Immer lebhafter und wärmer wurde er dabei — unb merkte es in seinem Erinnerungseifer gar nu^t, daß seine Adoptivschwester eigentlich nur Zu- horerin war. Nur wenn er sie fragte; «Besinnst
du dich noch auf das, und besinnst du dich noch auf jenes?", kam wieder dieser grüblerische Ausdruck in ihre Augen, als hätte sie die glückliche Jugendzeit beinah vergessen. Er schob es auf die Verstörung ihres Gemüts durch den plötzlichen Tod des geliebten Pflegevaters. Es würde doch eine Weile dauern, bis sich das zarte Gemüt Helmas wieder zurechtgefunden, fo schien es ihm. Man mußte sie ablenken, auf andere Gedanken bringen.
Sie mochten wohl eine Stunde so geplaudert haben, da öffnete sich die Tür des kleinen Gesellschaftsraumes. Der kleine Boy von vorhin sah herein:
„Verzeihung, Herr Doktor von Gernsheim wird am Telephon von Senhor Bastieni verlangt."
Horst sprang hastig auf. „Entschuldige, Helma — den hab' ich ja ganz vergessen! Wie wäre es, wenn wir heute abend mit diesem Herrn, mit dem ich eine geschäftliche Besprechung habe, zusammen Abendbrot äßen?"
Bei Nennung des Namens von Senhor Bastieni war eine eigentümliche Veränderung mit Helma vor sich gegangen — ein fieberhaftes Rot, wie von einer tiefen inneren Erregung, war auf ihre blassen, schmalen Wangen gekommen. Horst hatte es nicht bemerkt, da er sich dem Pagen des Hotels zugewandt hatte.
„Gern", sagte sie mit einer eigentümlichen Lebhaftigkeit, „ich möchte gern ..."
„Nun, das ist recht, Helma!" lobte Horst, der schon gefürchtet hatte, bei Helmas Schüchternheit auf Widerstand zu stoßen. „Ich sage also dann für heute abend zu. Verzeih, ich bin gleich wieder da."
Er ging schnell hinaus in die Halle zum Telephon. Hätte er sich umgesehen, dann wäre er sicherlich sehr verwundert, wenn nicht erschreckt gewesen: Helma saß da mit starren Augen, in denen eine eigentümliche Bewußtseinlosigkeit lag — während ihre Stirn sich wie in angestrengtem Nachdenken zusammengezogen hatte.
Nach wenigen Minuten kam Horst zurück.
„Also Senhor Bastieni trifft sich um acht Uhr mit uns im Weinrestaurant von Pfordte. Er wollte eigentlich ins ,Trocadero', aber mit Rücksicht auf die Trauer, in der wir uns befinden, habe ich das abgelehnt. Was wollen wir nun noch solange beginnen, Schwesterlein?"
„Wenn es dir recht ist, Horst, würde ich mich noch eine Stunde in meiner Pension ausruhen. Ich bin doch noch von allem, was gewesen ist, reichlich angegriffen — unb", sie sah an sich herunter, "ich muß mich wohl auch für ben Abend noch ein wenig umziehen."
„3a, tu das, Helma", sagte er, „unb wenn du mir eine Liebe antun willst, lege ben fürcherlichen schwarzen Trauerschleier ab! Ich weiß, es ist so Sitte; aber ich weiß auch, baß mein Vater nichts
haßte wie dies äußerliche Lurjchautragen der
Trauer; sicher würbe er nicht zufrieben fein, wenn du dein liebes Gesicht unter diesem schwarzen Flor verbergen würdest."
Er sah sie innig an; sie erschauerte unter feinem Blick.
„Wenn du wünschest", sagte sie demütig, „dann gern. Ich habe auch für heute abend ein Abendkleid; es ist natürlich schwarz, aber ein wenig freundlicher als dieses."
„Das ist recht, kleine Helma! Mache dich ein wenig hübsch, das heißt, noch hübscher", verbesserte sich Horst lächelnd. „Nun, du brauchst nicht verlegen zu werden — ich bin doch dein Kindheitsgespiele, dein Bruder sozusagen. Und ein Bruder darf feiner kleinen Schwester doch eine Schmeichelei sagen — nicht wahr?"
Aber der Blick, ben er Helma babei zuwarf, hatte nichts von Brüderlichkeit an sich, war, ihm selbst unbewußt, heiß und werbend. Und es wurde ihm schwer, in den ruhigen Ton zurückzufallen.
Eine eigentümliche Unruhe hatte ihn ergriffen — er war unsicher in Helmas Gegenwart. So war es ihm beinah lieb, daß sie selbst den Vorschlag gemacht, eine Stunde in ihre Pension zurückzukehren. Er mußte mit sich allein fein, mußte dies Zusammensinden mit Helma in sich verarbeiten. Er brachte sie in einer Taxe hinaus nach Uhlenhorst. An der Ecke wollte sie aussteigen.
„Weiht du, es ist mir so peinlich, wenn die Leute sehen, daß mich ein junger Mann ..." Sie errötete heftig.
„Unsinn — junger Mann?!" sagte er. „Ich bin doch kein junger Mann, ich bin doch dein Bruder!"
Aber da sie schrecklich verlegen war, fügte er sich.
„Auf heute abend, Helma! Ich erwarte dich pünktlich vor der Tür bei Pfordte ..
Er half ihr aus dem Wagen, unb auf einmal küßte er ihr die Hand — diese kleine, weiche, hilflose Hand, von der sie ben Hanbschuh gezogen. Er atmete einen Hauch von zartem Veilchenbuft. Kam er von bem Deilchensträußchen, bas er ihr gebracht unb bas sie in ben Gürtel ihres Mantel gesteckt — war es ihr Parfüm?
3hm würbe auf einmal sehr weich unb sehnsüchtig zumute.
Noch lange, als bie schmale, dunkle Silhouette des Mädchens schon verschwunden war, stand Horst und sah versonnen vor sich hin. Dann raffte er stch auf unb stieg in bas Auto, bas immer noch wartete.
„Kleine Helma", sagte er vor sich hin, „kleine liebe, verschüchterte Helma!"
Was war aus ihr geworden, seitdem er sie nicht wehr gesehen? Wie von einer inneren Angst getrieben schien sie. Aber nun war er ja da, sie zu behüten, zu schützen!
(Fortsetzung folgt!)


