Ausgabe 
15.3.1935
 
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Nr. 63 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag.lZ.MrzMZ

herrschen späterhin große Teile der Handlung mufb kalisch entscheidend. Sa wird die Musik hier geradezu ein Bestandteil der Handlung (in anderem Sinne freilich als zuvor in derSymphonie der Liebe"). Im Mittelpunkt steht die Herzensgeschichte und der jähe Aufstieg einer jungen Sängerin aus der Masse des Chores zu einer ersten Rolle im vollen Schein» werferlicht. Andere Motive und Schauplätze spielen hinein und beleben den Eindruck, und das Ganze steigert sich mit der filmisch sehr geschickt auf­genommenen Brandkatastrophe im vollbesetzten The­ater zu einer fast sensationellen Wirkung. Aber Froelich als Reaisseur zeigt auch in anderen Szenen, was er mit der Kamera zu leisten vermag: wenn' er etwa das herzhafte und vielfältig bewegte Bild einer herbstlichen Reitjagd in die Handlung einschneidet, die an sich wenig mit solchen Episoden zu tun hat; oder mit den ausklingenden Fieber­traumphantasien, in denen sich musikalische und bild­hafte Elemente überschneiden. Der Gesamteindruck wird ein wenig beeinträchtigt durch den Umstand, daß es sich um einen älteren Film handelt, dem klanglich noch gewisse Härten seiner Entstehungszeit anhaften, und der überdies einigeLöcher" aufweist, so daß der Beschauer sich die Uebergänge selbst kombinieren muß. Dagegen hat die Spielleitung eine sehr gute Besetzung zusammengestellt: Gustaf Gründgens, mittlerweile zum Berliner Staats­schauspieldirektor avanciert, gibt einen nervösen, zweifelhaften, zweideutigen und intriganten Charak­ter mit der ganzen virtuosen Geschmeidigkeit und Glätte seines in vielen Sätteln gerechten Darsteller- tums. Gustav Fröhlich macht einen jungen, artigen Liebhaber, ohne Arg und Falsch, sympathisch und frisch-natürlich, wie man ihn kennt. In der weiblichen Hauptrolle: Alexa von Eng ström, jung, blond, kouragiert, darstellerisch und aesanglick ihrer nicht leichten Partie durchaus gewachsen. Aucy sonst sind eine Reihe tüchtiger Kräfte am Werk: die R o v o t n a singt z. B. eine Kette graziöser Koloraturen; Falken st ein, längst verstorben, taucht wieder einmal in einer seiner typischen, leicht komischen Chargenrollen auf und erinnert an manche Begegnung mit ihm, als er noch auf den Brettern stand und unter den Lebenden wandelte. Für den rein musikalischen Teil wurden gute Berliner Orchester- und Gesangskräfte eingesetzt. Der Film läuft seit gestern mit einem unterhaltsamen Vor­programm im Lichtspielhaus.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Hans Duhm, Extraordinarius für alttestamentliche Wissenschaft an der Universität Göttingen, hat einen Ruf als Ordinarius an die Universität Breslau erhalten.

Dr. Ethelberg Stauffer, Privatdozent für neuteftamentliche Theologie an der Universität B o n n, ist zum ordentlichen Professor in Bonn er­nannt worden.

Land der Bürgerlichkeit.

Eindrücke von einer holländischen Steife.

Von Walter Seydlih.

Der Holländer unserer Zeit wird nicht zum Revolutionär geboren. Er erhält meist den B e - sitz in die Wiege hinein, und er wird ein ganzes Leben geruhsam daran arbeiten, diesen Besitz zu halten und aus zu bauen. Das englische SprichwortMy home is my castle hat nirgends einen so inneren Wert wie in den Niederlanden, wo jedermann, so scheint's, Besitzer eines Hauses und damit Besitzer bürgerlichen Glückes ist. Wie im Lande der Bauer an die Scholle gebunden ist, so der Bürger in der Stadt an sein Haus. Dieser selbstverständliche Besitz schafft eine Stimmung der Zufriedenheit, wie sie kaum noch in anderen Län­dern angetroffen wird. Der individuelle Besitz ist hier der Grundpfeiler stetiger Entwicklung. Das gilt für den einzelnen wie für die Familie. Und das hat erst recht für das gesamte Staatsleben Gültigkeit. Menschen, die wenig zu gewinnen, aber alles zu verlieren haben, sind Gegner jeder Umwälzung. In Holland hätten die meisten Menschen nur zu verlieren. Denn es ist kaum jemand aufzufinden in diesem Land der Bürgerlich­keit, der nicht in dieser oder jener Form Eigen­tümer wäre. So bleibt die Masse meist schon aus diesen Erwägungen revolutionären Bestrebungen nur schwer zugänglich, wenn nicht verschlossen.

Das Bild verändert sich auch kaum dort, wo mit großwerdender Industrie die Masse des A r b ei­te r t u m s wuchs. Auch der Arbeiter blieb trotz einer starken Sozialdemokratie! allgemein der Bürger. Und mögen sich heute die Arbeiterzeitun­gen wild revolutionär gebärden ihre Leser sind nichts als geruhsame niederländische Untertanen, die von bürgerlichem Besitz und bürgerlichem Glück träumen. Dieser Zug wird von den Regie­renden gestützt. Die Erkenntnis, daß der Be­sitzer von Grund und Boden, daß der Bürger, der im eigenen Haus den Familienstand gründet, der treueste Staatsanhänger ist, hat überall Früchte getragen. Gute Löhne für die Arbeiter, anständige Gehälter für die Angestelltenschaft, eine gesunde Lebensbasis auch für die Beamten das sind Tatsachen, die auch heute aelten. Der Sinn für den Wert eigenen Besitzes konnte nicht besser ge­weckt werden als so. Die Motive zum Klassenkampf fehlen vielfach, weil eben die Arbeiter oder Ange­stellten nicht nur Arbeiter oder Angestellte sind, sondern sich im weiteren und höheren Sinne a l s Bürger eines Staates fühlen. Dieses Hiel scheint in erster Linie durch die Gemeinsamkeit des Besitzes erreicht zu sein. Das schließt nicht aus, daß der Parteihader groß ist, daß die Wogen des poli­tischen Kampfes hochgingen, daß wie vor Mona­ten in Amsterdam kommunistische Agitatoren Arbeiter auf die Barrikaden schicken konnten. Das sind Ausnahmeerscheinungen. Wo es um wesent­liche Entscheidungen geht, steht der Holländer hin­ter dem Staat und hinter der Königin, die noch immer der sicherste Garant für eine ruhige, aber auch in allen Zügen vorwärtsgevichtete Politik ist.

Selbst der Gang durch die holländischen Groß­städte wie Amsterdam und Rotterdam ist angefüllt mit jener Bürgerlichkeit und jener Beschaulichkeit, die das Leben in Holland kennzeichnen. Sie haben sich überall Ausdruck verschafft. Die Häuser sind geruhsam kleinstädtischen Formats. Wie sie gepflegt werden, wie man sie putzt, das umschließt all die Liebe, mit der die Holländer ihren Besitz be­hüten. Die Wohnungen selbst haben viel von dieser Heimlichkeit u,nd Gemütlichkeit, die wir im deutschen Hausstand schätzen und liebgewonnen haben. Die Büros, Geschäftshäuser, Banken sind rein äußer­lich Zeugen eines soliden und wohlhabenden Kauf­

mannsstandes. Eine gesunde Bodenständig- keit und Heimat liebe spricht aus allem auch aus der Kleidung der Menschen und den Aus­lagen in den Schaufenstern. In Modespleen gibt es da nicht viel zu sehen ... Und an einer Erscheinung darf nicht vorübergegangen werden, weil sie all das bestätigt, was hier für die Bürgerlichkeit und fast kleinstädtische Beschaulichkeit gesagt wurde. Das sind die F e n st e r s p i e g e l, die an fast keiner Woh­nung auch der Großstadt fehlen. Man kann es nicht sehen, aber man fühlt es, wie hier hinter den Schei­ben gutmütige aber etwas neugierige Bürgerinnen sitzens die durch den Fensterspiegel das Leben in der Straße und das Treiben ihrer Mitmenschen beobachten. Schließlich ist das auch kein schlechtes Zeichen, wenn der eine am anderen nicht völlig teilnahmslos vorübergeht. Dafür ist das holländische Mutterland auch zu klein, ja, so klein, daß man sich selbst in den Handels- und Verkehrszentren Am­sterdam und Rotterdam oft in eine kleine deutsche Stadt zurückversetzt fühlen könnte. So beschaulich, so harmlos, so grundanständig mag hier alles er­scheinen ... Regelmäßig erklingen die heiteren Glockenspiele der Turmuhren über der Stadt, hei­ter wie die Gesichter der Menschen. Die Elendsbil­der des Südens bleiben uns erspart. Auch die Rei­hen eines städtischen Proletariats sind fast un­sichtbar.

Dieses Land der Bürgerlichkeit könnte kurz davor stehen, in seiner Ruhe und Beschaulichkeit an der Zeit und ihren großen Umwälzungen vorüber- z u g e h e n. Aber diese Gefahr wird gebannt. Es gibt trotz allem in Holland gewaltige und kühne Ausblicke. Mit den ausfahrenden Schiffen geht der Blick aus dem kleinen Holland in die große Welt, in jene Teile der Erde, die Holland a l s Kolonien betreut, in jene Gebiete, die erst die Grundlage zum Wohlstand im Mutterland ge­schaffen haben.

Das Bild der holländischen Regierungsstadt ist seltsam geprägt. Den Haag oder s ' G r a v e n - Hage, wie der Regierungssitz in anderer Lesart heißt, hat nicht das wogende Auf und Ab, das Ge­triebe der Hafenstädte Rotterdam und Amsterdam. In diesen Städten fühlt man den Pulsschlag des ganzen Landes; dort steht die rege Betriebsanikeit an der Spitze. Den Haag dagegen ist die Stadt der Pensionäre; hier finden die Alten den ruhigen Lebensabend. Holland hat viele dieser Pen­sionäre, die ihren Lebensabend in Ruhe und Ge­mächlichkeit verbringen. Alles, was an Beamten aus den Kolonien zurückströmte, hat sich für den des Lebens meist in s'Gravenhage niedergelassen. Das gilt auch vielfach für die freien Berufe. So bietet die Stadt Den Haag in der Tyt ein seltsames Bild das Bild einer Stadt nämlich, die nicht von der Arbeit,' sondern von den Ruhegehältern und Renten ihrer Einwohner zu leben scheint. Den Haag gleicht einem einzigen großen Kurort. Dieser erste Eindruck mag leicht verzerrt sein, aber er trifft im wesentlichen den Kern. Den Haag ist der Verwaltungs- und Regierungsplatz und damit die Beamten ft abt des Landes. Es ist darüber hin­aus die Pensionärsstadt, deren Wohlhabenheit aus der Kultiviertheit des Lebens hier spricht.

Manchmal kann man sich unwillkürlich m das europäische Viertel einer überseeischen Ko­lo nialstadt versetzt fühlen. Und wenn irgendwo offenbar wird, daß im Hintergrund holländischen Lebsns und holländischer Arbeit die Kolonien stehen, dann in dieser Stadt. Gewiß sind R o t t e r- b am und Amsterdam Welthäfen. Gewiß sind diese beiden Städte die Zentren des Han­

dels und'des Verkehrs. Gewiß ist auch, daß von hier aus die DerbinckUngen kaufmännischer und wirtschaftlicher Art bis in das ferne indische Kolonialreich streben. Aber das sind Eigenarten, die zu jedem Hafen gehören, die für jede Hafen­stadt gelten. Im Haag dagegen ist ein Stück des Kolonialreiches nach Holland selbst verpflanzt. Jedem zweiten Menschen hier stehen Jahrzehnte der Arbeit unter anderm Klima und anderer Sonne auf die Stirn geschrieben. In keiner andern holländischen Stadt trifft man weiter so zahlreich die Farbigen und auch die Mischlinge an wie hier. Die Zahl derer ist nicht gering, die aus Nieder- ländsch-Indien die Eingeborene als Frau ins Mut­terland heimführten. Die rassische Verschmelzung, die im Kolonialreich draußen vielfach zu verzeich­nen war, findet hier also nicht selten die Fort­setzung. Die Durchsetzung der Eingeborenen mit europäischem Blut wurde angestrebt und auch durchgeführt in der Absicht, draußen das weiße Element schnell zu stärken, um daraus wiederum machtmäßige Vorteile zu ziehen. Die Europäer sind naturgemäß auch heute noch in Niederländisch- Indien zahlenmäßig nur sehr schwach vertreten im Vergleich zu den Millionen und aber Millionen von Eingeborenen vieler Rassen. Aber die Be­mühungen, holländisches oder schlechtweg euro­päisches Gedanken- und Kulturgut in das Kolonial­reich zu verpflanzen, sind doch nicht ohne Erfolg geblieben. So sind die Holländer heute stolz darauf, in ihren Kolonien nicht nur als Kaufleute oder Handelsmänner, Landwirte oder Farmer, nicht nur als Derwaltungsbeamte oder Soldaten zu wirken, sondern darüber hinaus als Lehrer, Aerzte und Missionare.

Welches große Reich das kleine Holland zu ver­walten hat, mag aus einigen Ziffern dargelegt wer­den. Niederländisch-Jndien hat etwa die gleiche Be­völkerungsziffer wie Deutschland. Allein auf Java leben vierzig Millionen Menschen, Eingeborene, Chinesen, Mischlinge, Europäer usw. Die Zahl derer, die im übrigen holländischen Ueberseebesitz zu Hause sind, wird jetzt mit rund zwanzig Millionen an­gegeben. Der Anteil der weißen Rasse ist dabei

Zu den 10 000 unmittelbar durch die Eisenbahn dem Verkehr angeschlossenen Orten Deutschlands können nach Vollendung des deutschen Straßennetzes noch etwa weitere 40000 Ort­schaften der regelmäßigen Beförderungsmöglichkeit von Personen und Gütern im unmittelbaren An­schluß an die Kraftverkehrslinien teilhaftig werden. Die brave alte Landstraße, die sich durch das Zeit­alter der Schiene schon bedenklich dem Verfall ge­nähert hatte, wird durch dey Motor im nie geahnten Glanze der Reichsautobahnen wie ein Phönix aus der Asche Wiedererstehen. Da lohnt es sich auch wohl einmal, einen ganz kurzen Einblick in die (Aeschichte der Straße in deutschen Landen zll tun.

Ihre ältesten Vorgängerinnen im westlichen Europa haben ein höchst ehrwürdiges Alter; sie sind schon als Wege von Wanderungen aus dem süd­lichen Frankreich nach Nordwestdeutschland und Mitteldeutschland vor etwa 15 000 Jahren nachweisbar. Denn mit dem, sehr lange vor dieser Zeit einsetzenden Beginn des Rückzuges der Ver­gletscherung nach Norden setzte auch das Zurück­weichen des Renntieres ein, das wiederum einen Teil der Menschen nach sich zog, die ja wesentlich ihm die Fristung ihres Lebens verdankten. Auch

nur klein. Im ganzen leben in Niederländisch-Jn- dien heute etwa 240 000 Europäer, also nicht mehr als in einer mittleren deutschen Großstadt und nur halb so viel wie etwa im Haag. Die Einwohner­zahl des holländischen Koloniallandes übertrifft die des Mutterlandes um fast das Zehnfache. Von den sechzig Millionen, die Niederländisch-Jndien bevöl­kern, kann man jedoch nur von den Europäern abgesehen vier Millionen als Alphabeten rech­nen. Und von diesen wiederum beherrschen nur etwa 230 000 das Holländische. Diese Ziffern können jedoch die Kulturarbeit des Mutterlandes für feinen Kolonialbesitz nicht schmälern. In Tausenden von Schulen, in mehreren Universitäten unter anderm in Batavia sind holländische Lehrmeister und Lehrmeisterinnen für die Sache des Mutterlandes tätig.

Es sind ungeheure Werte, die Holland all- jährlich aus feinen Kolonien bezieht. Man macht sich den besten Begriff davon, wenn man feststellt, daß alle Güter, die das Mutterland als Kolonial­güter verbraucht, nur etwa fünfzehn Prozent der gesamten Kolonialproduktion ausmachen. Für bte übrigen fünfunbachtzig Prozent hat Holland feine Abnehmer zu suchen. Diese Tatsache läßt vom holländischen Standpunkt naturgemäß etwa eins autarkische Konstellation Holland-Niederländisch-Jn- bien als Unmöglichkeit erscheinen. Hollanb ist also auf einen regen Hanbel unb Austauschverkehr ange­wiesen, und es befindet sich natürlich jetzt in einet schwierigen Lage, wo in der ganzen Welt die autar* kischen Gedanken an Raum und Bedeutung gewon­nen haben. Der holländische Markt ist bis heuts für zahlreiche industrielle Produkte aufnahmefähig gewesen. Wie lange diese Lage andauern wird, wird nicht zuletzt davon abhängig sein, wieweit auslän­dische Markte holländischen Gütern geöffnet bleiben« Daß Deutschland und Holland schnell zu neuen Ver­einbarungen gekommen sind, daß sich schließlich auch die Lösung für den gegenseitigen Verrechnungsver­kehr gefunden hat, ist wohl der beste Beweis dafür, in wie hohem Maße beide Länder von der Not­wendigkeit fteundschaftlichen Zusammengehens über­zeugt sind.

war für deren wachsende Zahl wohl die Unterkunft in den vorhandenen Höhlen zu knapp geworden.

Naturgemäß erstreckte sich die Entstehung solcher durch Rastplätze und neue Siedlungen mit zurückgelassenen Stein- und Knochengeräten gekenn­zeichneten Wege der Wanderungen auf sehr lange Zeiträume, wie man sich denn auch z. B. die ger­manischen Völkerwanderungen als ein langsames Vorrücken von zahlreichen Geschlechter­folgen in die Räume neuer Daseinsmöglichkeiten vorzustellen hat. Zwei dieser ältesten Wege führten aus dem heutiaen südlichen Frankreich von den Stämmen der Aurignac-Kultur in der Dor- dogne über das heutige Westfalen in Richtung auf die Unterweser nach Norden und in das heutige Thüringen.

Aus dem Norden Deutschlands nach Süden strahlten, ebenfalls schon in altersgrauen Zeiten, und auch durch wirtschaftliche Triebkräfte ins Leben gerufen, die alten Handelswege des Bernsteins, der äußerst begehrten Handelsware, von der Ostsee aus bis tief nach Asien und Afrika hinein. Ausgrabungen alter Bernsteinstücke lassen darauf schließen, daß diese alten Straßen sich in Anlehnung an die noch heute vorhandenen Gegeben­heiten der Erdoberfläche, also der Flüsse und Ge-

Von vorzeitlichen Wanderwegen zur Reichsautobahn.

Aus der Geschichte der deutschen Landstraße.

Zwischen Winter und Frühling

Von Carl 3. Luther, München.

Der Verfasser erzählt morgen in Gießen Don weißen Bergen und wilden Wassern".

Wundersame Tage dürfen wir jetzt genießen. Tage, die in stillem Leuchten vom Morgen bis zum Abend wandern schneeige Wolken im reinsten Blau und zwischen uns und den hohen weißen Bergen ein Rauschen aus Tannenwald und Wild­bachschlucht und warme Sonnenflut über allem, Tage, deren Poesie der Dichter in wenig Worte zu fesseln weiß, wenn er sagt: Es tropft und taut vorn Hüttendach im leisem Laut.

Dann wieder Tage voll Windesbrausen, wo die wilde Jagd der Wolken und Nebelfetzen vor den Fenstern vorbeibraust, durch ächzende Tannenäste sich mehr und mehr zerfetzt und zerreißt, wo der Sturm am Hüttendach rüttelt und durch den Kamin poltert. Ein sengender Sonnenstrahl fällt dann und wann durchs tanzende Chaos der Nebelgespenfter und beleuchtet die schmutzig-olivgrünen, aperen Rasen­flächen, die sich da und dort schon em wenig aus dem Schnee wagen, oft die wunderlichsten Figuren bildend, in denen ein geschultes Auge mst etwas Phantasie Tier- und Menschengestalten sieht und die deshalb da und dort vom Volk besondere Na­men erhalten haben; denn viele sind alljährlich zu gewissen Zeiten der Tauperiode in gleicher charak­teristischer Form sichtbar. Nichts bezeugt deutlicher und augenfälliger den gewaltigen Xitanenfampf zwischen Winter und Frühling als die Zeit der Ausaperung im Gebirge und vor allem das Bild der Ausaperung selbst. Wenn sich da in den Ber­gen nordseits der Winter mit ungeheuerlichem Tatzengriff festgekrallt hält, indes südseits auf grm nen Wiesen schon die Primeln blühen, wenn durch schattige Mulden und tiefe, Tobel kilometerlange Schneeschlangen über die im ersten Grün sprossen­den Grashänge strecken, bann arbeiten Sßinter unb Frühling gemeinsam auf einer ungeheuerlichen Riesenleinwand bas Motiv bes gewaltsamsten Jah­reswechsels aus. Bedächtig setzt zu Beginn des Wettstreites die Sonne auf die vom Winter in monatelangem Fleiß besorgte Weißgrundierung regellos zerstreute satte Farbfiecken und Bänder, das Graugelb der apergeleckten Felsen, das Dunkle der schneefreien Tannenwälder und das saftige Grün einer' frischen Grasnarbe. Immer mehr deckt sich das winterblaue Bild mit den Farben der Früh­lingspalette. Dann kommt dann und wann und im­mer häufiger der Föhn, um in pastosem Auftrag mit einer Riesenspachtel das Bild des Winters zu verändern, der seinerseits in hellen, kalten Nächten sich immer wieder den zersetzenden Einflüssen seiner Gegner entgegenstemmt unb oft noch mit Sturm unb Schnee von vbenher ben satten lenz- lichen Farbenauftrag Meder deckt. Tag für Tag

hat dieses lebende Riesenbild ein anderes Gesicht, immer aber ist es gewaltig. Und nie gelingt es dem Frühling, auch wenn er späterhin den Sommer zur Hilfe nimmt, die vom Winter aufgesetzten Lichter, der von allen Jahreszeiten doch der großzügigste Künstler ist, ganz zu verdunkeln. Der Schnee ist vergänglich und doch ewig.

Unter den Einwirkungen der Sonne beginnt die Ausaperung zumeist oben auf ben Berggipfeln, bie an sich, wenigstens in ben Voralpen, infolge ber Verwehungen mit einer geringeren Schneelage be- beckt sinb. Dann folgen ber Sonne befonbers aus­gesetzte, sübseits liegenbe Bergrippen unb Buckel, Felsköpfe unb Sumpfwiesen. In wenigen Tagen ist die geschlossene Schneebecke angeftessen, aber bis bie ©übfeiten ganz schneefrei sinb, vergehen Wochen.

Die Zeit ber Ausaperung ist nun keineswegs, wie man annehmen möchte, eine schlechte Sportzeit, ganz im Gegenteil! Für Skitouren eigentlich bie beste. Unb es ist ein gar vergnügliches Streifen burch bie Berge, wenn man nordseits nicht nur Schnee, son­dern oft sogar noch den besten Pulverschnee hat, südseits aber teils auf nassem Firnschnee gleitet ober mit geschulterten Skiern über apere Hänge schreitet, ist es ein wonniges Rasten auf hohen von ber Sonne schon braun gerösteten Gipfeln zu hören, wie in ben 'Wölbern ber ©übfeiten schon bie Vögel gar luftig fingen, unb schön ist es zu sehen, wie norifeits bie Freunde in flüssiger ©pur in bie Tä­ler hinabgleiten.

Ob sonnig, ob roinbig, biese Tage sinb, was küm­mert bas ben Schnee! Er wanbert bergauf. April­wetter, ber Winter ist um.

Wie haben wir ihn liebgewonnen, ben alten Mann im weißen Haar ben ewig jungen Toll­kopf mit blitzenbem Auge unb kunstgeübter Hanb. Wer war es wohl, ber bas häßliche Wort vom Totenkleid ber Erbe, vom Leichentuch bes Wmters ersann? Ein Sohn ber Berge gewiß nicht. Ein Mann ohne Aug und Herz muß es gewesen fein, einer, ber nie bas Spiel bes Lichtes an Fels unb Firn, nie bie granbiofe Architektur ber winterlichen Ge­birgswelt gesehen, ben nie das Göttliche einer al­pinen Winterlandschaft beglückend durchschauert hat. Im Nebel ber weiten Ebene, hinterm Ofen hervor kam biefer fröftelnbe Vergleich.

Der Winter ist um. Aber barf man es wagen, ungestraft jetzt schon so zu sprechen? Weiß ich, ob er, bem ich heute ein Valet nachblase, mir nicht diese Nacht noch einfen Flockenwall vor die Hüttentüre schüttelt, ob er nicht morgen die Tannen wie zur Weihnachtszeit schmückt und hohe Mächten m den Weg stäubt. Gewiß wird ers tun, noch manchmal. Aber seine Macht ist gebrochen, die Sonne verlangt ihr Recht.

Bergfrühling? Ein wunderlicher Geselle. Was er heute zum Knospen und Leben erwärmt, läßt er morgen wieder erfrieren, als ob er selber n cht ge­nug Kräfte zum Leben hätte. Unb ist boch so sieg­haft. Mit offenem Groll fällt er gegen bie Ski­

läufer aus, bie feiner allsonntäglich lachen unb Ab- schiebsbesuche machen. Will sie des Morgens mit bretterhartem Harsch abweisen und weiß nicht, daß sie dem mit Fell und Steigwachs trotzen, weicht den Schnee zur Mittagsstunde auf, daß allenthalben die Wasser rieseln, mit ©onnegluten und Lichtreflexen, die Blindheit und Gletscherbrand erzeugen sollen und Fanns boch nicht wehren, baß bie blitzblank gewachsten. Skier sich spielenb im Schwünge brehen unb ihre Führer sich im Schutze ber Schneebrillen unb Gletschersalben behaglichköchteln" lassen.

Mit größtem Vergnügen erinnere ich mich der vielen Skibummeleien im Frühling. Am allerschön- sten aber war es damals, als die Anlagen der Stadt in prangender Lenzherrlichkeit standen, die Kasta­nien schon ihre Lichter aufsteckten und die Leute von denganz narrischen" und denganz spin- neten" sprachen, als wir an diesem schönsten Früh­lingstag mit geschulterten Bretteln zum Bahnhof zogen. Ein Kahn trug uns sachte über den abend- stillen Schliersee, an dessen Ufern schon die ersten Sommergäste lustwandelten. Eine Stunde zu Fuß im Wald bergan, dann konnten wir anschnallen und in tagheller Mondnacht, seltsam durchzuckt vom Widerschein eines fernen Wetterleuchten, weiter- gleiten, der Skihütte zu, die bann unser Stützpunkt war für ben herrlichsten Sport- unb Naturgenuß, für Gipfeltouren unb ftunbenlanges Ueben im küh­len Walb, für Sonnenbäber mit luftigen Schnee­ballschlachten, beren berbfte Geschosse bem galten, ber ba freoclnb ins Hüttenbuch geschrieben:

Der Winter ist um! Wir fahren zu Tal. Es bleibt uns ja auch feine anbere Wahl. Wenn ber Krokus blüht. Wenn bie Maisonne glüht

Unb Gletscherbrand das Gesicht verhunzt Und auch das Wachsein ganz umfunft, Wenn salzig und zäh

Am Hange der Schnee

Dir jeden Schwung zum Stemmbogen macht Unb bas Murmeltier, vom Schlaf erwacht, Deinen Sturz verlacht.

Dann soll, ich fag's ganz unverhohlen, Der Teufel ben ganzen Skilauf holen!

Sranb in der Oper.*

Dieser Film, aus ber Werkstatt von Carl Froe­lich, hat mit bem Drama von Georg Kaiser nichts zu tun, sondern geht ganz eigene Wege; er führt, im Gegensatz zu jenem Schauspiel vom großen Brande der Pariser Oper, unmittelbar auf und hinter die Bühne das immer dankbare und beliebte Theater- und Kulissenmotiv ist breit aus» gesponnen, darstellerisch und technisch-photographisch gründlich ausgeschöpft: man erlebt also hier ganze Wagner-Szenen, teils vom Parkett, teils von ber Kulisse aus, und bie berühmte Barcarole unb andere Motive ausHoffmanns Erzählungen" be­