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Deutsche Zagend im Reichsberusswettkampf.

Zum zweiten Mal ruft die Hitler-Jugend ihre berufstätigen Jungen und Mädel auf zum großen Appell der Arbeit, der den Willen zur beruflichen Leistung der neuen Jugend beweisen soll. Nicht nur die Berufstätigen innerhalb der Hitler-Jugend, son­dern alle Jugendlichen vom 15. bis 18. Lebensjahr, bei den kaufmännischen Berufen vom 15. bis 21. Lebensjahr und alle Mädel vom 15. bis 21. Lebens­jahr werden der Welt durch ihre freiwillige Mel­dung zu diesem friedlichen Wettstreit der Arbeit wieder zeigen, daß die deutsche Jugend bestrebt ist, ihre Arbeitsleistung zu steigern und sich ihre Ge­danken nicht auf dem Gebiete der Aufrüstung und Kriegführung bewegen.

Der Reichsberufswetlkampf ist die größte be­rufliche Aktion, die jemals durchgeführt wor­den ist.

Zum erstenmal im Vorjahr vom 9. bis 15. April veranstaltet, hat der Reichsberufswettkampf schon damals die gesamte berufstätige deutsche Jugend erfaßt. Er hat sich als ein Mittel erwiesen, das, auf weite Sicht gesehen, wirksam dem deutschen Fach­arbeitermangel entgegentreten kann, den beruflichen Leistungswillen stärkt und das ganze berufliche Ausbildungswesen fördert. Noch größer ist die na­tionalpolitische Bedeutung des RBWK. dadurch, daß er der Jugend aller Berufsschichten das ge­meinschaftliche Schaffen an einem großen Werk, den

Zusammenklang aller Teilarbeiten im Dienst am Volk in lebendiger Form vor Augen führt und vor ihr das Ideal der Arbeit aufrichtet. Darum hat der Nationalsozialismus den RBWK. zur Sache des ganzen Volkes gemacht und darum hat der Reichsjugendführer erklärt:Das Ideal der Ju­gendbünde war die Fahrt, das Ideal der Hitler- Jugend ist der Reichsberufswettkampf."

Der Reichsberufswetlkampf wird immer eine Form der freiwilligen Selbstprüfung und ein Ausdruck der beruflichen Leisiungsbereitfchaft fein.

Er wird sich deshalb nie in eine Reihe mit Schul­prüfungen, handwerklichen Zwischenprüfungen u. ä. stellen jassen: noch weniger wird er sie ersetzen wol­len. Er bleibt Mittel und Kraftquelle der deutschen außerschulischen Jugenderziehung.

Niemand anders kann berufener sein, als die Hitlerjugend, diese Großtat auf beruflichem Gebiet durchzuführen. Aus der schaffenden Generation wird sie sich die Fachkräfte heranziehen, die in der Lage sind, Meister und Prüfer der Jugend zu sein.

Deutsche berufstätige Jugend! Diene deinem Berufe und somit Deutschland! IHelbe dich sofort an! Letzter Termin ist der 28. Februar!

Anmeldeformulare durch die Jugendwalter der DAF., die Berufsschule und die Betriebe.

Steinerne Zeugen mittelalterlichen Rechtslebens

besonders auf hessischem Boden.

lieber dieses Thema sprach in der letzten Sitzung des Oberhessischen Geschichtsoereins am gestrigen Donnerstagabend Universitätsprofessor Dr. Frölich.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Dr. G l ö ck- ner, den Vereinsfllhrer. wies der Vortragende einleitend auf die zahlreichen Ueberrefte deutscher Rechtsvergangenheit im hessischen Raume hin, zu­gleich aber auch auf die Gefahren, von denen diese Rechtsdenkmäler bedroht sind, und auf die Notwen­digkeit ihrer Sicherung und Erhaltung. Er er­wähnte in Verbindung damit den Plan der Schaf­fung einer Anstalt für rechtliche Volkskunde bei der Juristischen Fakultät der Landesuniversität, zu deren Ausgaben mit in erster Linie die Sammlung und Ausdeutung der vorhandenen Rechtsaltertümer, sowie die Nutzbarmachung der gewonnenen Ergeb­nisse für die Zwecke des Heimatschutzes und der Heimatpflege gehören soll.

Anschließend gab der Vortragende zunächst einen Ueberblicf über den gegenwärtigen Stand der rechtsgeschichtlichen Forschung in bezug auf die in Frage stehenden Erscheinungen, wobei er nament­lich der Arbeiten des Göttinger Rechtshistorikers Herbert Meyer gedachte. Es ist davon auszu­gehen, daß ursprünglich Opferplatz, Dingort und Richtstätte zusammenfielen. Als Mittelpunkt des da­für vorgesehenen, in bestimmter Weise abgegrenz­ten kreisförmigen Raumes ist zu Anfang ein leben­der Baum zu denken, an dem die als Gerichtswahr­zeichen dienenden Gegenstände Schwert, Ding­fahne oder »Dingschild aufgehängt, an dem aber auch Kriegsgefangene und Verbrecher zu den Göt­tern geopfert wurden.Später ist an die Stelle des lebenden Baumes ein Holzpfahl in einer Steinaus- schüttung getreten, der die Dingsymbole trug und der zu diesem Zweck mit einem Querholz versehen war. Er wurde in der beschriebenen Form auch als Kreuzgalgen aber nicht erst christlicher, sondern bereits heidnischer Prägung zum Aufhängen der Opfer benutzt. Im Laufe der Zeit ist der Holzpfahl durch eine Steinsäule ersetzt.

Die anfängliche Stätte dieses Gerichts aber ist das Ahnengrab, das auf dem Stammgut des Edel- freien, demHandgemal", dem Odal lag. Dieses

Stammgut ist der Erbhof, der sich regelmäßig im Besitze des Geschlechtsältesten befindet. Er ist ver­bunden mit dem Ahnengrabe, der Grabhügel in der Nähe des Herrenhofes gilt als Kult- und Ge­richtsplatz. An dem Gerichtspfahl, der als Ersatz des lebenden Baumes am Ahnengrabe errichtet war, werden gewissermaßen in Gegenwart des toten Ahnen Urteile gefällt und vollstreckt, sowie son­stige Rechtshandlungen vollzogen. Die Gerichtsstätte am Ahnengrabe dient zwar zunächst der Sippen­gerichtsbarkeit, an ihr wird aber auch das öffentliche Gericht für die Dorfschaft oder noch weitere Be­zirke abgehalten.

Von diesen in ihrem letzten Grunde mit dem Totenkult zusammenhängenden und in zauberischen Vorstellungen mannigfacher Art verwurzelten Ein­richtungen nimmt die weitere Entwicklung ihren Ausgang.

Der Vortragende zeigte, wie zunächst der den Fuß des Kult- und Gerichtspfahles umgebende Steinhaufen umgestaltet wird zu einem erhobenen Unterbau, den die französischen Quellen alsPer­ron" bezeichnen, und an den zu denken ist, wenn die deutschen Quellen von Dingstuhl, Richterstuhl ober Königsstuhl reden. Den gleichen Sinn haben die sogenannten Staffel- und Wendelsteine, die ihren Namen der Treppe des Unterbaues verdan­ken. Die Gerichtssäule auf dem Stufenbau, der zunächsthölzerne Stock" wird auch zur Schau­stellung des Verbrechers und zum Vollzüge von Körperstrafen benutzt und wandelt sich damit zum Pranger. Neben der Gerichtssäule, die sich zum eigentlichen Galgen entwickelt, erscheint vielfach ein besonderer Stein zum Vollzüge der Blutstrafen. Er bleibt auch später, als keine Hinrichtungen mehr an ihm vollzogen werden, für Handlungen der Straf- und Zioilrechtspflege bedeutsam, wie nament­lich das Beispiel des Blauen Steines, der Hochge­richtsstätte des Kölner Erzbischofs am Dom zu Köln dartut.

Indem man dem Gerichtspfahl menschliche Züge gab, gestaltet er sich um zum Roland, dessen Name ursprünglich nichts mit Roland, dem Paladin Kaiser Karls, zu tun hat, sondern einfach das rote Land, d. h. die Stätte der Ausübung der Blutgerichtsbar­

keit, bedeutet. Mit dem alten Gerichts- und Kreuz­pfahl hängen auch die vielfach an Wegen, nament­lich Kreuzwegen, errichteten Holz- und Steinkreuze auf einem Stufenfockel zusammen und schließlich auch die zahlreichen, noch heute vorhandenen Markt­kreuze, bei denen allerdings eine Vermengung mit dem christlichen Kreuz eintrat.

In den damit gewonnenen Rahmen wurden als­dann die in Hessen begegnenden Erscheinungen und Gegenstände der mittelalterlichen Rechtspflege ein­gereiht. Es kommen in Betracht die Gerichtsstätten unter lebenden Bäumen, auf Anhöhen, bei Gewäs­sern, bei gewissen Höfen oder vor Kirchen, ferner die als Hinkelsteine bekannten Monolithe, soweit sie Beziehungen zum Rechtsleben aufweisen, die Staf­fel-, Wendel- und Spindelsteine, sowie sonstige Steine ähnlicher Art, die vor allem auch in Flur­

namen bezeugt sind. Eine besondere Erwähnung fanden einige Gerichtssteine in Rheinhessen, na­mentlich der sog. Pfalzstein zu Alzey. Weiter wurde gedacht der noch vorhandenen Gerichtstische, von denen der bemerkenswerteste der des ehemaligen Freigerichts zu Kaichen in Oberhessen ist, sowie der Nachrichten über Königsstühle in Hessen. Schließlich wurden noch die in Hessen erhaltenen Hochgerichte, insbesondere die Galgen bei Herbstein, Hopfmanns» felden und Münzenberg, sowie in Beerfelden und Pfungstadt, und weiter das sog. Zentgerichtskreuz in Neustadt i. O. erwähnt.

Die Ausführungen des Vortrags wurden durch eine Anzahl von Lichtbildern über die behandelten Stätten ergänzt. Reicher Beifall dankte dem Vor­tragenden, den ihm auch Herr Dr. Glöckner noch einmal im Schlußwort aussprach.

Die jüngste Obstbaumzählung.

Lehren aus den Ermittelungen in Gießen.

Von der Obstbaumzählung 1932, die sich über das ganze Reich erstreckte, hatte man die Feststellung einer beträchtlichen Zunahme des Obstbaumbestan­des erwartet. Die Enttäuschung war daher allge­mein, als eine über alle Erwartungen große Ab­nahme seit der Zählung von 1913 bekannt wurde. Wie konnte das bei den umfangreichen Neupflan­zungen möglich fein? Es wurden grobe Fehler in der Organisation des Zählgeschäftes angenommen und eine Nachzähluna angeordnet, die im letzten Sommer stattfand. Ihr Ergebnis ist als Beispiel aus der beigedruckten Tabelle ersichtlich, die sich auf das Gebiet der Stadt Gießen bezieht. Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich ein Mehr von rund 6000 Bäumen bei einem Gesamtbestande von 29 000, das sind nicht ganz 20 o. H. Zieht man da­von diejenigen Bäume ab, die in den beiden Winterhalbjahren 1932/33 und 1933/34 gesetzt wor­den sind, so dürfte der Prozentsatz sich auf 15 v. H. ermäßigen. Das ist sehr wenig im Verhältnis zu den erwarteten 40 v. H., wie sie von Sachverständi­gen als wahrscheinlich angenommen worden waren. Der Rückgang seit 1913 ist demnach als festgestellt zu betrachten und kann nicht wundernehmen, wenn man die Kriegsjahre mit ihren Folge­erscheinungen in Betracht zieht. Als die Männer heimkehrten, hatte man mehr zu tun, als an die Obstbäume zu denken, und wer etwa hätte pflanzen wollen, bekam keine Bäume oder nur zu uner­schwinglichen Preisen.

Zahlen beweisen dem, der sie zu lesen versteht. Aus der Zusammenstellung geht einleuchtend her­vor, daß tnel mehr Sauerkirschen gesetzt wer­den müssen, um den Bedarf an dieser beliebten

Einmachfrucht einigermaßen decken zu können. Wer die S ch a t t e n m o r e l l e der Monilia wegen nicht mehr aufbringen kann, weil das Spritzen mit Kupferkalk sich nur zögernd einführt, pflanze die widerstandsfähigere Weichsel auf Zwergunter­lage der Steinweichsel (Prunus Mahaleb). Auch dis Süßkirsche, die als Einmachfrucht noch zu wenig gewürdigt wird, gedeiht auf dieser Zwerg« unterläge in Buschform gut und paßt sich den Raumverhältnissen des kleinen Gartens an. Diese Form hat noch den Vorzug, daß man sie durch Ueberhängen von Netzen oder alten Gardinen gegen Vogelfraß schützen kann.

Auch die Zahl von noch nicht 500 Stück Mira­bellen ist viel zu gering. Das Fünffache würde vielleicht genüaen. Es könnten aber noch mehr fein, da man Den Bedarf nicht an der Nachfrage auf dem Markte bemessen soll. Wer die große schöne Frucht der Mirabelle von Nancy im Garten hat, wird sie zu verwerten wissen, besonders wenn Kin­der im Hause sind. Man setze jedoch nicht die aroße, sehr frühe von Flotow: sie ist eine verlockend schöne Frucht für Rohgenuß, taugt aber nichts zum Ein­machen, weil sie dann schwarz und wertlos roirtK Mirabellen wachsen leicht auf Zwetschenunterlagen, die überall leicht zu haben sind. Es geht aber nichts über einen gut bewurzelten Baum aus der nächsten Baumschule.

Die Zahl der vorhandenen Pfirsiche hat zwar zugenommen, kann aber leicht vervielfältigt wer­den. Warme Wände zum Anbringen von Spalieren gibt es fast an jedem Wohn- und Wirtschafts­gebäude. Der Ertrag setzt meist schon im zweiten, sicher aber nach dem dritten Jahre ein. Nur Säm-

Obstbaumbestand der Stadt Gießen

nach der Zählung vom Sommer 1934.

Obstarten

Aepsel..........

Birnen .........

Süßkirschen .....

Sauerkirschen....

Zwetschen, Pslau-

6

7

8

9

10

men ........

Mirabellen .....

Renekloden ....

Aprikosen......

Pfirsiche.......

Walnußbäume ..

Baumform

In Grasgärten, auf Baumstücken und Feldern

An Straßen und Böschungen

In Klein- und Hausgärten

Q

?

436

4

552

3

115

21945

5748

1197

4328

356

400

18943

1370

88

7896

492

272

139

8733

3738

478

82

2303

2457

840

357

272

63

18

30

7

4

20

1

1 31 30

26

3

4

5008

5325

356

350

1406

71

69

15

a

2056

561

24

148

-ß

a

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St-

298

66

36

6499 421 268 134 498

84

L a G

774

512

39

20

38

33

e ä a c

Im gan­zen

11876

6552

478

518

7896

492

272

139

552

115

28890

Helma lächelt.

Kriminalroman von Klothilde von Stegmann.

Urheberrochtsschutz: Fünf-Türrne-Verlag, Halle (S.).

7. Fortsetzung Nachdruck verboten!

Da stutzte er. Die Karte trug unten noch einen kleinen Vermerk: das Datum des heutigen Tages und die Worte:Hamburg, den 20. September."

Er ging ans Zimmertelephon und verlangte den Portier:

Ich habe in meinem Zimmer einen Strauß Rosen mit einer Karte meiner Adoptivschwester Fräulein von Bodenberg vorgefunden... Wie sind die Blumen abgegeben worden?"

Durch einen Boten, Herr von Gernsheim. Einen Augenblick bitte. Da kommt ein Telephonanruf für Sie durch. Darf ich verbinden lassen?"

Hier Gernsheim!" meldete sich Horst. Sein Ge­sicht nahm den Ausdruck ungläubigen freudigen Er­staunens an, denn eine weiche, dunkle, etwas schwer­mütige Stimme klang an sein Ohr:

Willkommen, Horst, in der Heimat! Hier spricht Helma!"

Helma, du?" fragte er freudig.Wie lieb von dir, mich anzurufen. Wie freue ich mich, deine Stimme zu hören! Sie klingt, als wärest du nicht viele Meilen entfernt in Gernrode, sondern mir ganz nahe."

Würdest du es denn nett finden, Horst, wenn ich nicht viele Meilen entfernt, sondern dir nahe roäre?^

Db ich das nett fände? Aber, Helma, natürlich! Entzückend. Ich habe ja so Sehnsucht nach einem Menschen, der zu mir gehört und vor allem

Ich ja schon so gespannt, wie du aus­stehst! Ich habe dich ja nur noch aus der Kinder­zeit in der Erinnerung."

"Also, ich bin in einer Stunde bei dir, Horst!" sagte wieder die süße Stimme durch den Apparat.

Was bist du?" fragte er entgeistert.

"In einer Stunde bei dir, Horst. Ich bin näm­lich nach Hamburg gekommen, um dich zu begrüßen Aber ich wollte es nicht am Dampfer, zwischen all den fremden Leuten."

Helma!" sagte er beglückt.Welch eine schöne, wunderbare Idee von dir. Wo bist du denn jetzt?"

3n einer Fremdenpension, Horst. Draußen in Uhlenhorst!"

,,Aber warum in Uhlenhorst, Helma? Warum so weit? Wenn du mich überraschen wolltest, warum hast du dich dann nicht gleich im .Atlantik' ein­quartiert? Dann hätten wir uns doch sofort sehen können?!"

Ein kleines Schweigen folgte auf Horsts Frage, dann kam Helmas Stimme, ein wenig verlegen scheinbar;

Das schien mir nicht richtig, Horst. Es ist viel­leicht schon nicht passend, daß ich dir allein nach Hamburg entgegengefahren bin ..."

Wieso nicht passend?, wollte er gerade fragen, da besann er sich. Herrgott, er war ja nicht mehr draußen in der Welt, wo man wenig nach Etikette­fragen ging, er war in Deutschland und da schien es für ein junges Mädchen immer noch an­dere gesellschaftliche Gesetze zu geben als für die internationalen Mädels draußen. Schon vernahm er auch schon wieder die sanfte Stimme am Appa­rat:

Vielleicht erscheine ich dir dumm und altmodisch, Horst; aber ich bin nun einmal so ausgewachsen. Und ich glaube, Onkel würde es auch für richtiger halten, wenn ich nicht in einem Hotel mit dir zu­sammen wohnen würde. Es gäbe vielleicht Klatsch und das wollen wir doch nicht. Hältst du mich für sehr kindlich, Horst?" Ihre Stimme hatte jetzt etwas so Unsicheres, daß es Horst warm durch­strömte.

Nein, kleine Helma, wirklich nicht! Ich vergaß nur einen Augenblick, daß wir in Deutschland sind, mit seinen festgefügten Sitten und Ueberlieferuru gen. Da draußen ist alles ganz, ganz anders. Aber vielleicht haben unsere alten (Überlieferungen ihr Gutes. Die Mädels in anderen Ländern, vor allem drüben in Amerika, mit ihrer unerhörten Freiheit, find ganz und gar nicht nach meinem Geschmack."

»Ach, ich fürchtete schon, daß ich dir mit meinen Bedenken wie ein Gänschen vom Lande vorkom­men würde."

Kleine Helma! Seit wann bist du so unsicher? Nein! Niemals werde ich etwas falsch und un­richtig finden, was du tust. Aber nun sage mir, Helma, wann kann ich dich sehen?"

Ist es dir recht, wenn ich in einer Stunde un­ten in dem Gesellschaftszimmer des .Atlantik' bin?"

Horst hatte schon sagen wollen, wieviel lieber er Helma allein hier oben, nicht unter anderen Men­schen hätte wiedersehen wollen; aber das ging wohl auch nicht nach deutschen Sitten. Leicht seufzend er­widerte er:

Natürlich Helma! Bitte, komm so schnell du kannst! Ich gebe unten im Hotel Bescheid. Aber das sage ich dir, wenn wir beide erst zusammen auf Schloß Gernrode sind, da kümmern wir uns den Teufel um die Etikette nicht wahr, meine kleine Helma?"

Er hörte ihr leichtes, etwas scheues Lachen.

Auf Wiedersehen, Horst, klang es dann und Stille war.

Horst stand noch einen Augenblick sinnend da. Die ganze Heimat war ihm durch Helma nahege­bracht. Welch ein schöner Gedanke von ihr, ihm entgegenzureisen! Nun würden die Tage in Ham- sUriaTfe^enb .werden. Helma kannte nicht viel von oer Welt. Sein Vater hielt nichts von dem Herum- ttizeü junget Mädchen. Bei seinem Zusammensein

mit Horst damals in Aegypten hatte er au Horsts Frage, warum er Helma nicht mitgebracht, geantwortet:

Die jungen Mädels sollen warten, bis sie die Hochzeitsreise mit ihrem Mann machen. Ich war auch der erste, der deiner lieben Mutter die Welt gezeigt hat und so ist es in Ordnung. Die Weiber gehören ins Haus, so lange, bis sie der Ehemann fortholt. So war es früher, und so halte ich es auch. Mit dem Herumirrlichtern in der Welt geschieht zu viel Unheil. Die Mädels fallen dann auf den ersten besten Lassen herein und bringen einem am Ende noch irgendeinen Südsee-Jnsulaner ins Haus. Nee! Erst muß der Stammbaum gesichert sein, ehe man die Deems herausfliegen lassen kann."

Helma in ihrer fügsamen, sanften Art hatte wohl auch niemals aus Gernrode herausbegehrt und sich stets widerspruchslos den etwas verschrobenen Er­ziehungsmethoden des Onkels gefügt, von dem sie genau wußte, wie gut er es trotz feiner Bärbeißig­keit mit ihr gemeint. So war wohl die Fahrt jetzt allein nach Hamburg ein großes Wagnis für Helma und er mußte ihre gewisse Aengstlichkeit daraus zu begreifen suchen. Nun, unter feinem Schutz würde sie schon wieder sicher werden. Wie freute er sich darauf, ihr Hamburg zu zeigen!

Nun, er mußte sich beeilen, wollte er vor Helma unten in dem Gesellschaftszimmer fein. Ein paar Blumen mußte er auch noch für sie besorgen und aus seinem großen Koffer die Geschenke für sie auspacken: einen altertümlichen Ring, den ihm ein Sirdar auf Sumatra geschenkt, dann die wei­chen indischen Seidenstoffe, die er auf dem Basar von Kalkutta für die kleine Adoptivschwester ein- gehandekt hatte.

Er klingelte dem Zimmermädchen, befahl ihr, in dem zu seinem Appartement gehörigen Badezim­mer ein Bad einzulassen, und erledigte inzwischen die telephonischen Anfragen.

Das Tropeninstitut erwartete nach einer kurzen telephonischen Besprechung seinen Besuch am näch­sten Tage.

Die Zeitung wollte den Reporter in zwei Stun­den ins Hotej senden.

Kaum hatte Horst von Gernsheim dieses Ge­spräch beendet, als bas Telephon schon wieder klingelte. Es meldete sich Senhor Bastieni, der In­haber einer großen südamerikanischen Zeitung, ob er Herrn von Gernsheim heute abend vielleicht wegen des Uebersetzungsrechts des geplanten Radiovor- trags sprechen könnte.

Heute abend?" meinte Horst zögernd.Ver­zeihen Sie, Senhor, ich habe eigentlich die Absicht, heute abend privat zu sein mit meiner Adoptiv- schwester!"

Aber vielleicht konnten wir das doch verbinden, Senhor Gernsheim?" gab der Zeitungsmann in feiner südlichen Liebenswürdigkeit lebhaft zur Ant­wort.2)acj ich Sie vielleicht mit Ihrer Verwand­

ten zu einem Abendbrot im Ratskeller einladen und zu einem kleinen Abend in der Trocadero?"

Ich weiß doch nicht", war die immer noch zö­gernde Antwort Horsts.Ich muß erst mit meiner kleinen Adoptivschwester sprechen, Senhor. Sie ist ein wenig cheu, und ich glaube, Sankt Pauli wird ihr aus be timmten Grünoen ein wenig gegen den Geschmack ein."

Schien es nur so, oder lag in dem Auflachen des südamerikanischen Zeitungsmannes etwas Spötti­sches! Nein, er hatte sich wohl getäuscht, denn ge­nau so verbindlich wie vorher sagte nun Senhor Bastieni:

"Ich werde mir erlauben, später nochmals anzu­rufen, Senhor von Gernsheim. Vielleicht würde Ihrs sehr verehrte Verwandte doch meiner ehrfurchtsvol­len Einladung Gehör schenken, um so mehr, als ich selbst morgen beruflich abreifen muß und somit keine Gelegenheit haben würde, die Besprechung mit Ihnen, die mir so am Herzen liegt, führen zu können.

Horst versprach, Helma von der Einladung Sen­hor Bastienis zu unterrichten, sowie er sie gespro­chen hätte. Dann nahm er eilig sein Bad und packte aus dem Koffer die notwendigsten Gegenstände her­aus. Die Seide lag obenauf. Den Ring hatte er in feiner Brusttasche in einem kleinen Kästchen. Knapp ehe die Stunde herum war, nach deren Ver­lauf er Helma treffen wollte, war er fertig.

Eilig ließ er sich im Lift in die Halle hinunter­fahren. Glücklicherweise war dort ein Blumenstand mit außerordentlich schönen Blumen. Er wählte lange entschloß sich dann zu einem großen Busch schöner Parmaveilchen; ihre scheue Zartheit erin­nerte ihn an Helma.

Das Gesellschaftszimmer des Hotels war jetzt um diese Stunde vollkommen leer. Durch die Spitzen­vorhänge sah Horst aufmerksam auf die Straße, auf der ein lebhaftes Treiben herrschte. In jeder Dame, die am Fenster oorüberging oder den Damm in Richtung des Hotels überquerte, glaubte er Helma zu sehen. Jetzt, wo er dauernd nach Aehn- lichkeiten suchte, wurde ihm so recht bewußt, wie sehr die wirkliche Vorstellung von Helma sich durch die lange Zeit doch in ihm verwischt hatte.

Wie würde sie auch innerlich sein? Ob sie noch das sonnige, warmherzige Geschöpf war, das er gekannt? Eigentlich, recht einsam hatte sie gelebt, seitdem er fortgegangen. Nun, er würde alles tun, ihr Leben freundlich zu gestalten und sie auch die tiefe Erschütterung vergessen machen, die sie durch den Tod des Onkels erlitten.

Jetzt kam eine junge Dame in einem schwarzen, gut gearbeiteten, diskreten Trauerkostüm über die Straße, sah sich scheu und ängstlich um. Unter dem dichten Trauerschleier konnte er das Gesicht nicht erkennen ging auf die Drehtür des Hotels zu.

Horsts Herzschlag ging lebhafter. War das Helma, seine kleine Schwester und Kindheitsgespielin?

(Fortsetzung folgt!)