Einzelbild herunterladen

Nr. 39 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhejfen)Zreitag, (5. Februar (935

Hauptausschuß für Berufserziehung

jetzt Berufsgruppenamt der Deutschen Arbeitsfront.

Im Einvernehmen mit dem Präsidenten des Rhein-Mainischen Industrie- und Handelstages Pro­fessor Dr. Carl L ü e r änderte der im Dezember 1933 vom Bezirkswalter der DAF. Pg. Willi Becker und Professor Dr. L ü e r gemeinsam unter der Leitung von Professor Dipl.-Jng. Richard B o t s ch eingesetzteHauptausschuß für Berufs­erziehung beim 'Rhein-Mainischen Industrie- und Handelstag, Sitz Frankfurt a. M." ab 1. Februar dieses Jahres seinen Namen. DerHauptausschuß" trägt von diesem Tage an die Bezeichnung:

Die Deutsche Arbeitsfront

Abteilung des Verufsgruppenamtes Gau Hessen- Nassau, Sih beim Rhein-TNainischen Jndustrie- und Handelstag.

DerHauptausschuß für Berufserziehung" wurde seinerzeit für unser Wirtschaftsgebiet ins Leben ge­rufen, um den Aufbau des bereits 1933 von Gau­leiter Sprenger und Professor Dr. Lüer ge­bildeten Rhein-Mainischen Wirtschaftsgebietes von der Seite der Berufserziehung und Arbeitsschulung her wirksam zu unterstützen. Wie die wirtschaftliche Zusammenfassung des Rhein-Maingebietes, so war auch die einheitliche Führung der Berufserziehung durch den Hauptausschuß bis dahin ohne Vorbild in anderen Gauen des Reiches. Nur durch das Be­stehen des Hauptausschusses war z. B. im Frühjahr 1934 die Einführung der ersten Kaufmannsgehilfen- Pflichtprüfung im neuen Deutschland über ein Ge­biet von 13 Handelskammern nach einheitlichen nationalsozialistischen Grundsätzen möglich.

In dem neuen Namen des Hauptausschusses kommt lediglich auch für unser Gebiet die im letzten Jahre im Reiche vollzogene Entwicklung zum Aus­druck. Durch die Verordnung des Führers über die DAF. vom 24. Oktober 1934 muß das Durchein­ander und die Mannigfaltigkeit der Vergangenheit auch auf dem Gebiete der beruflichen Schu­lung einer klaren Führung nach nationalsoziali­stischen Grundsätzen durch eine Parteigliederung weichen. Danach mußte auch im Gau Hessen-Nassau die gesamte Berufserziehungsarbeit dem berufe­nen Leiter des Berufsgruppenamtes der DAF., Gau Hessen-Nassau, Pg. Richard Stein, unter­stellt werden.

Da jedoch jegliche Verufserziehung ohne den Einfluß auf eine ordentliche Gestaltung der Lehrlingsausbildung, ohne Einfluß auf die Meister- und Betriebslehre auf unsicheren Grundlagen ruht, kann Berufserziehungsarbeit immer nur in eng st er Verbindung mit der Wirtschaft geleistet werden.

Um in der Berufserziehung eine einheitliche Füh­rung und Planung sowie eine enge Gemeinschafts­arbeit mit der Wirtschaft zu gewährleisten, dient der Personal- und Sachapparat desHauptaus­schusses für Berufserziehung" der Einrichtung einer Abteilung des B e r u f s g r u p p e n a m t e s der DAF. mit dem Sitz beim Rhein-Mainischen Industrie- und Handelstag in der Frankfurter Kammer. Die Leitung dieser Abteilung übernimmt im Auftrage des Leiters des Berufsgruppenamtes, Gau Hessen-Nassau, der Pg. Walter Dettmer.

Im Zusammenhang mit der Einreihung des Hauptausschusses in das Berufsgruppenamt hat Professor Dipl.-Ina. B o t s ch sein Amt als Leiter des Hauptausschusses zur Verfügung gestellt und den Reichs- und Preußischen Minister für Wissen­schaft, Erziehung und Volksbildung um seine Wiederverwendung im Staatsdienst gebeten. Dem­gemäß kehrt Professor Dipl.-Jng. Bot sch schon in diesen Tagen wieder in den Staatsdienst zurück. Der Führung des Rhein-Mainischen Wirtschafts­gebietes aber liegt es am Herzen, Professor Dipl.- Jng. B o t s ch für seine überaus tatkräftige, natio­nalsozialistischen Gedanken folgende Aufbauarbeit in der Berufserziehung aufs wärmste zu danken. Sein Angriffsgeist hat unseren Gau in einem Jahr auf diesem Gebiete allen anderen Gauen weit vor­aus gebracht. Wir haben den Wunsch und Willen, seiner vorbildlichen Arbeit auch über unser Gebiet hinaus im großen Rahmen der Berufserziehungs­

arbeit Geltung zu verschaffen. Wir trennen uns von Professor Dipl.-Jng. B o t s ch in dem Bewußtsein, daß er auf seinem Gebiete im Reich recht bald noch größere Aufgaben zu lösen haben wird.

Diese Abteilung des Derufsgruppenamtes wird alle vom hauptausschuh für Berufserziehung begonnenen Arbeiten ohne jede Unterbrechung sortführen. Insbesondere werden die vom Hauptausschuß mit allen beteiligten Instanzen bereits durchberatenen Lehrverträge, Lehrlings- rollen, Ausbildungsrichtlinien und Lehrlings- überwachungsstellen sofort im gesamten Wirt­schaftsgebiet eingeführt. 3n unveränderter Fort­führung der Zielsetzungen des hauptausschusses wird es Aufgabe dieser Abteilung des Berufs­gruppenamtes fein, in engster Zusammenarbeit auch mit dem Handwerk für alle Industrie­zweige die Möglichkeit zum Ablegen von Ge­sellen- und Meisterprüfungen zu schaffen, um damit auch in der Industrie den Aufstieg tüch­tiger Facharbeiter aller Art zu gewährleisten, und so auch hier den Aufstieg nach dem natio­nalsozialistischen Leistungsprinzip sicherzustellen.

Der Präsident des Rhein-Mainischen Jndustrie- und Handelstages Professor Dr. Carl Lüer hat

Deutsches Frühjahrsbrauchtum.

Fastnacht war einst eine mehrere Wochen um­fassende Frist,'die bisweilen schon am 26. Dezember, am 1. Januar oder am Dreikönigstag begann. Die Festlegung ihres heutigen Termins erfolgte erst nach Einführung der kirchlichen Fastenzeit. In ihr ver­mischen sich am stärksten Elemente uralten Früh­lingsbrauchtums mit seinen mannigfachen Frucht­barkeitsriten mit Festsitten der Sonnenfeste, wie dem Abbrennen von Höhenfeuern, Fackelumzügen, rollenden Feuerrädern und Scheiben und ähnlichen Gepflogenheiten, die wir aus dem Brauchtum zahl­reicher Jahresfeste kennen.

Der Jubel über das allerwärts neu erwachende Naturleben, der für den schollenverwurzelten Men­schen bei seiner ursprünglichen gläubigen Hingabe an das Erdleben, dem er sich aus Gedeih und Ver­derb verbunden fühlt, eine heute kaum noch nach­fühlbare Stärke der seelischen Wallung erreichte, bildet den religiösen Unterton der ausgelassenen Fastnachisfreude. Alle Schranken, die menschliche Willkür zwischen den Menschen errichtete, fallen, und insonderheit dem Witz und Spott ist freier Lauf gelassen. Träger des Spottes und rügender Neckereien, die sich, wie das in Bayern verbreitete Haberfeldtreiben bisweilen besonders gegen die orts­ansässigen Mädchen richten, sind zu Fastnacht vor­züglich die Bruderschaften der Jungmannen. Sie stellen die Besatzung des Narrenschiffes, das sich zurückführt auf den Schiffskarren, auf dem einst eine Gottheit des Natursegens durch die Gemarkung zog. Sie stellen die seit alters zu dieser Zeit üblichen Festumzüge und führen festliche Tänze auf, die meist ihren Ursprung in den Kulttänzen germanischer Zeit nur noch mit Mühe erkennen lassen, ihn in anderen Fällen aber auch noch deutlich wider­spiegeln. .

Ganz besonders einzelne Fastnachtsbräuche sind als besondere Privilegien auf die mittelalterlichen Zünfte übergegangen-, vor allem die ursprünglich kultischen Tänze werden in ihnen nach alter Ueber- lieferung geübt, so daß sie sich häufig genug einzig und allein bei ihnen erhalten haben. So wird der Ueberlinger Schwerttanz, der Münchener Schäffler­tanz, das Schembartlaufen der Nürnberger Metz­ger und der Münchener Metzgersprung noch heute geübt. Ebenso kennt heute, wie ehedem, das Mas­kentreiben der Fastnacht ganz bestimmte Gestalten, die ihm übrigens nicht immer ursprünglich zuge­hören, sondern bisweilen aus anderen Festkreisen übernommen sind. So finden wir bisweilen den

gleichzeitig alle Kammern und deren Bezirksstellen angewiesen, alle Berufserziehungsfragen, einschließ­lich Lehrvertragswesen, Lehrlingsausbildung und Prüfungswesen nur nach vorheriger Beratung mit und unter der Führung dieser Abteilung des Be­rufsgruppenamtes zu regeln. Auch alle Fragen, die die Zusammenarbeit der Wirtschaft mit beruflichen und fachlichen Schulen berühren, sind mit dieser Abteilung zu klären. Nur durch eine solche Gemein­schaftsarbeit von DAF. und Wirtschaft wird die Arbeitsgesinnung, die der Nationalsozia­lismus von jedem Schaffenden verlangt, in dem jungen Nachwuchs des deutschen Arbeitertums fest verankert und damit der deutschen Wirtschaft die Schlagkraft für ihren Kampf um die Daseinssiche­rung der Volksgemeinschaft gegeben. Um dieser letzten großen Ziele willen, die hier verfolgt wer­den, wird auch an alle Parteistellen und Behörden der Appell gerichtet, die wichtige berufserzieherische Arbeit dieser Abteilung des Berufsgruppenamtes auf das stärkste zu unterstützen.

Frankfurt a. M., 9. Februar 1935.

Lüer.

Der Präsident des Rhein-Mainischen Jndustrie- und Handelstages.

W. Becker.

Bezirkswalter der DAF., Bezirk Hessen.

R. Stein.

Leiter des Berufsgruppenamtes der DAF., Gau Hessen-Nassau.

Julbock oder den Sommervogel in diese Zeit über­tragen; häufiger treten das süddeutsche Hänsele, der norddeutsche Schimmelreiter, der schlesische Erb­senbär, derwilde Mann" und wie dgl. immer wiederkehrende Figuren mehr heißen, jetzt auf. Sie alle stellen durchweg Geister des Wachstums und der Fruchtbarkeit dar, die, wie wir das aus zahl­losen Frühlingsbräuchen kennen, symbolisch getötet und wieder zum Leben erweckt werden, Sinnbilder des immer sich verjüngenden und erneuernden Na­turlebens. Am stärksten aber tritt in ihren eigenen Gaben die Fruchtbarkeit des mütterlichen Erd­schoßes vor Augen; daher gehört denn auch reich­liches Essen und Trinken von jeher zur Fastnacht.

Heute beginnt die in den Gliederungen des neuen Reiches gesammelte junge Mannschaft allenthalben, die alten Ueberlieferungen völkischen Festbrauches aufzunehmen und im Rahmen ihres Gemeinschafts­lebens umzuformen und auszugestalten. So bietet die Fastnachtszeit willkommene Gelegenheit, in der Anküpfung an frühere Bräuche heiterer Gesellig­keit und fröhlicher Selbstverulkung zu frönen und sich so auch innerlich zu bereiten auf den kommen­den Frühling, der mit der erneuerten Natur auch eine Erneuerung des Menschen erringen soll.

Reichsbund Volkstum und Heimat.

Der Deutsche Gruß

Das Personalamt des Hessischen Staatsministers hat allen unterstellten Behörden, Gemeinden, Ge­meindeverbänden und sonstigen Körperschaften des öffentlichen Rechts ein Rundschreiben des Reichs­und Preußischen Ministers des Innern vom 22. Ja­nuar 1935 über den Deutschen Gruß zur Kenntnis gebracht mit dem Auftrag, die Beamten, Behör­denangestellten und -Arbeiter entsprechend zu ver­ständigen. In dem Rundschreiben wird mitgeteilt:

Das Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deut­schen Reiches vom 1. 8. 1934 und das Gesetz über die Vereidigung der Beamten und der Soldaten der Wehrmacht vom 20. 8. 1934 haben die Verbun­denheit der deutschen Beamtenschaft mit dem Füh­rer und Reichskanzler zu einem höchstpersönlichen und unlösbaren Treueverhältnis ausgestaltet, dem in besonderer Form des deutschen Grußes Ausdruck zu geben die Beamten-, Angestellten- und Arbeiter­schaft Der öffentlichen Verwaltung, wie ich über­zeugt bin, freudig gewillt ist. In Erweiterung des Rundschreibens des Reichsministers des Innern vom 27. 11. 1933 ordne ich daher an, daß fortan die Beamten, Behördenangestellten und -Arbeiter den

Aus der Provinzialhauptstadt.

Deutschen Gruß im Dienst und innerhalb der dienst­lichen Gebäude und Anlagen durch Erheben des rechten im Falle körperlicher Behinderung des linken Armes und durch den gleichzeitigen deut­lichen AusspruchHeil Hitler" ausführen. Ich erwarte von den Beamten, Behördenangestellten und -Arbeitern, daß sie auch im außerdienstlichen Verkehr in gleicher Weise grüßen.

NGLB., Kreis Gießen.

Fachschaft körperliche Erziehung.

Zusammenkunft der Geländesport-Arbeitsgemein­schaft am Samstag, 16. Februar, 15 Uhr am Schützenhaus: Geländekunde, Sport, Schießen Lei­stungsbuch, sowie Karte 1:100 000 mitbringen.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag. Stadt­theater: 20 bis 22.30 UhrDie Hosen des Herrn von Bredow". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Cleopatra". Astoria - Lichtspiele, Seltersweg: Cimarron". Stickerei- und Spitzen-Werkschau: 14 bis 18 Uhr im Turmhaus am Brandplatz.

Stadttheater Gießen. Heute abend Wiederholung des KomödienspielsDie Hosen des Herrn von Bredow" von Paul Beyer. Spielleitung Heinrich Hub.

** Dienstjubiläum. Herr Konrad Röhrig, aus Großen-Buseck gebürtig, kann am heutigen Freitag, 15. Februar, auf eine 25jährige Tätigkeit

Spenden für das Wmterhilsswett

Sämtliche Zahlungen für den kreis Gießen, die das Winterhilfswerk 1 934/35 betreffen (Spenden, Strahenfammlungen, hausfammlungen, Eintopfgerichte ufro.), find nur auf Konto der

B e z i r k s f p a r k a f f e Gießen, Nr. 4600 oder auf

Postscheckkonto Frankfurt a. IN. Nr. 5979 einzuzahlen bzw. zu überweisen.

bei der Firma Eis- und Bierhandlung H. K e m v f (Inhaber: Albert Merlau), Ludwigstraße 26, zurückblicken. Der Jubilar hat sich durch vorbildliche Treue und ernste Pflichterfüllung, wie auch durch seine Zuvorkommenheit nicht nur die Wertschätzung des Inhabers der Firma, sondern auch der Kund­schaft und der Gäste erworben.

** Justizpersonalie. Ernannt wurde durch Urkunde des Herrn Staatsministers und unter Be­rufung in das Beamtenverhältnis zum Kanzlisten der Kanzleigehilfe beim Amtsgericht Gießen Walter G e i l f u s mit Wirkung vom 16. Dezember 1934 an.

** Musikalische Abendfeier in der Johanneskirche. Nachdem bei der letzten musi­kalischen Abendfeier, die in der Johanneskirche statt­fand, Johann Sebastian Bach zur Geltung kam, sollen am nächsten Sonntagabend die Meister der Kirchenmusik Georg Friedrich Händel, der wie Bach vor 250 Jahren, und Heinrich Schütz, der vor 350 Jahren geboren ist auf die Gemeinde wirken. Organist N e b e l i n g wird das Allegro aus dem Konzert in F=Dur von Händel darbieten. Ein aus ehemaligen Schülerinnen des hiesigen Lyzeums be­stehender Chor wird die Lieder von Heinrich Schütz Kommt herzu, laßt uns fröhlich fein" undFroh­lockt mit Freud" fingen und musikalisch begleiten. Die übrigen Komponisten, die an diesem Abend zu Gehör kommen (I. G. Walther, A. Hammerschmidt, I. Rosenmüller und Chr. Bernhardt) gehören dem 17. Jahrhundert bzw. der Zeit Bachs und Händels an. Gemeindegesang, Ansprache und Gebet werden in diese Feier eingegliedert werden.

** Arbeits - und Lieferungsverge­bung. Das Tiefbauamt der Provinzialdirek­tion Oberhessen veröffentlicht in unserem heu­tigen Anzeigenteil ein Ausschreiben zur Arbeits­und Lieferungsvergebung zwecks Verbreiterung der Fahrbahn auf der Straße GießenFrankfurt. Interessenten seien auf die Bekanntmachung beson­ders hingewiesen.

Agrippa von Nettesheim.

Arzt und Abenteurer vor 400 Jahren.

Äon Professor Dr. Erich Ionisch

Dos Zeitalter der Reformation, das Zeitalter eines Umbruchs und Anbruchs von ungeheurem Maße, hat die Gestalt Fausts geformt. Die Zeit, in der Ulrich von Hutten das Wort sprach von den Geistern, die erwachen, von den Wissenschaften, die aufblühen, in der das Leben eine Lust sei, ist ober auch gekennzeichnet durch die Umwertung von Werten deren Geltung unerschütterlich zu sein schien. Ohne die Gestalt Luthers, der ihr die Richtung wies und Form gab, indem er ihr reli­giöses Gewissen weckte, erschiene sie als das Zeit­alter einer geistigen Anarchie und zugleich eines mächtigen, grüblerischen, leidenschaftlichen suchens nach einer Wahrheit, die höher steht als alles menschliche Wissen.

Diese Zett schuf faustische Gestalten, Menschen, die den Würzburger Abt T r i t h e i m , den gefeierten Gelehrten, den großen Historiker und berühmten Kenner aller geheimen Wissenschaften, wie Par a- zelsus, den großen Arzt und Naturphilojophen, und wie Agrippa von Nettesheim, den Mysti­ker und Scharlatan, den Betrüger und inbrünstigen Wahrheitssucher. Unklar in unklarer Zeit erscheint uns seine Gestalt. Er zeigt sich als Abenteurer, der schließlich doch seine Ruhe findet, zwar nicht in die­ser Welt, die ihn umtrieb bis in den Tod hinein, aber in einem Glauben, der ihm Rettung war aus langem Forschen und Zweifeln. Wie Faust rühmte er sich des Studiums aller Fakultäten, und wenn ihm auch der dreifache Doktortitel, den er sich m seinen Büchern anmaßt, nicht zukommt, so steht doch fest, daß er Philosophie und Medizin, Juristerei und Theologie mit heißem Bemüh'n studiert hat. Viele Jahre hat er in der Schweiz, in Frankreich und den Niederlanden als Arzt gewirkt, in Lyon wußte er sich sogar die Bestallung eines Leibarztes der Kö­nigin-Mutter von Frankreich zu verschaffen, nur hat er wohl nie den akademischen Grad eines Dok­tors der Medizin besessen. Weder in Paris noch in Padua erwarb er sich den juristischen Doktortitel, wenn er auch Aemter versah, die nur ein juristisch Gebildeter verwalten konnte. Und war er auch ein­

mal für kurze Zeit Mitglied eines Konzils, Doktor der Theologie ist er nie gewesen.

Sein abenteuerliches Leben führte ihn nach Spa­nien und Frankreich, nach England und der Schweiz, nach Italien und den Niederlanden. Oft war er auch in Deutschland, in Köln, seiner Heimatstadt, wo er 1486 geboren worden war, und in Bonn. Auf der Universität in Paris gründete er einen Geheimbund, dessen Mitglieder durch einen Schwur gebunden waren, das geheime Wissen, das sie besaßen, an nie­mand zu verraten. In Spanien rettet er mit seinen Bundesfreunden ein Schloß, das von Rebellen ge­nommen worden war, angeblich durch magische Künste. In Metz tritt er als Rechtskundiger in den Dienst des Magistrats und bewahrt eine Hexe vor dem Feuertod. Immer ist um ihn das Halbdunkel des Wundertätigen, des Mannes, der ein übernatür­liches Wissen von astrologischen und alchimistischen Künsten besitzt, ein Zwielicht, das ihn in der Volks­überlieferung als Schwarzkünstler erscheinen läßt, der während des Mailändischen Krieges in Paris weiß, was in Mailand vorgeht und zu einer Stunde in Freiburg in der Schweiz und in der nächsten in Pont-a-Mousson bei Metz Vorlesungen hält

Ein Scharlatan, ein Betrüger ist er ohne Zweifel gewesen, aber er war auch mehr als das Ein echter, faustischer Drang ist in* ihm lebendig nach einem Wissen, das höher ist als das der Fakultäten, das dem Menschen nicht nur Macht über die Natur gibt, sondern das ihn auch zu der Weisheit und dem Frieden Gottes führt. Früh schon arbeitet er fein Werk über dieGeheime Philosophie" aus. Drei Wellen bilden das All, das irdische Reich be$ Elemente, die himmlische Welt der Gestirne und die oberste Welt der reinen Geister oder, nach christlicher Bezeichnung, der Engel. Die höchste Kraft des Alls, die alles beherrschende göttliche Allmacht, wirkt durch die höheren Welten stufenweise, vermittelt durch die Engel und Gestirne, hinab in die untere, so daß ein einheitlicher Geist das ganze All durchflutet. Der Mensch vermag ihn zu erkennen und durch ihn die wahre Herrschaft über die Natur zu erlangen, frei­lich nur dann, wenn er sich zu ihrem Ursprung er­hebt, sich in reiner Beschauung von der sinnlichen Welt löst und mit dem göttlichen Geiste einigt. Dies sind Ideen, die Agrippa sich nicht zusammenphanta- sierte, sondern die ihn die Philosophie des Neupla­tonismus und der Kabbala vermlltelle und die er

zu einer philosophischen Begründung der Magie zu­sammenfügte.

Dieser Mensch, der sich ganz der Magie ergeben, schreibt wenige Jahre später ein Buch der Skepsis, das seinen Namen der Nachwelt erhallen hat, das noch der junge Goethe las: das Buch von derU n - gewißheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften". Dieses Werk bedeutet den Bruch Agrippas mit allen weltlichen Wissen­schaften und Künsten, allen staatlichen und kirch­lichen Einrichtungen und in gewisser Weise auch die Preisgabe seines hochgespannten Ideals einer ma­gischen Erkenntnis. Und mehr noch als der Nach­weis der Erfolglosigkeit alles Strebens nach Er­kenntnis ist das Buch die Klage eines Enttäuschten über die Verderbtheit der Welt. Das Nichtwissen, das der nie endende Streit um das Wissen offen­bart, zeigt die Eitelkeit und Ohnmacht alles Be­mühens, aus menschlicher Kraft zur Wahrheit zu kommen. Dieses angebliche Wissen dient nicht dem Guten, sondern dem'Bösen, der Ungerechtigkeit, dem Betrug, der Unterdrückung der Arglosen und From­men. So kommt Agrippa, nachdem er die Nichtigkeit aller geheimen und bekannten Wissenschaften ent­larvt hat, zu dem Schluß: es gibt nur eine Wahr­heit, die selig macht, die Wahrheit der göttlichen Offenbarung,' die die Heilige Schrift enthält. Den Willen Gottes zu tun, ist die einzige Wahrheit, und zu ihr führt keine Wissenschaft, kein? Philosophie und keine Theologie, sondern allein der Glaube

Die Rückkehr zum schlichten Christenglauben, zur Demut und Herzensinnigkeit, zur Gemeinschaft mit Gott ist der letzte Schluß dieses Magiers. Mit dem Lobe des Esels, der geistig arm, friedfertig und ge­duldig ist, endet sein Werk:So will ich Euch nun, Ihr trefflichen Meister der Wissenschaften, erinnert haben, daß, wofern Ihr nicht mit Sack und Pack der menschlichen Wissenschaften die Löwenhaut abziehet und eine Eselhaut an euch nehmet, so werdet Ihr die göttliche Weisheit und Geheimnisse zu tragen recht ungeschickt und nichts nütze sein ..."

Dieser Mann starb, nur 49 Jahre alt, im Elend. Er reifte 1535 nach Frankreich und wurde in Lyon wegen Schmähungen des Herrscherhauses verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Freunde verwandten sich für ihn, er wurde freigelaffen und starb bald daraus in Grenoble am 18. Februar. An seinen Tod knüpft die Sage an. Sein Lieblingshund,Mon-

sieur" genannt, der auf feinem Schreibtisch lag und oft in seinem Belle schlief, habe sich nach seinem Tode in die Jsere gestürzt und sei spurlos verschwun­den. Er sei der leibhaftige Böse gewesen, den Agrippa durch ein Halsband mit magischen Zeichen in' feinen Dienst gebannt habe. -

Das Land der Hundertjährigen.

Eine solche Bezeichnung darf mein wohl dem Lande geben, das bei einer Bevölkerung von rund 4 Millionen über 1200 Hundertjährige zählt. Dieses Land ist Bolivien, ein südamerikanischer Staat von der dreifachen Größe Deutschlands. Die Eisenbahn steigt vom Stillen Ozean bis zum Titicacasee auf 3854 Meter an, der der höchstgelegene Binnensee der Erde ist und eine Ausdehnung von 6900 Qua­dratkilometer besitzt. Die Dampferüberfahrt auf diesem See dauert 12 Stunden. Sucre ist zwar offi­ziell die Hauptstadt des merkwürdigen Landes, aber die wichtigste Stadt ist jedenfalls La Paz, das auf einem Hochplateau in 3700 Meter Höhe liegt und somit die höchste Hauptstadt der Wett ist. Die Lust in dieser Hauptstadt und in der Höhe st zwar von einer für den Europäer kaum vorstellbaren Rein­heit, aber um sich darin wohl zu fühlen, muß man wohl Eingeborener sein.

So lange die Sonne scheint, ist es behaglich warm, doch nachts herrscht eine empfindliche Kälte. Holz und Kohle gibt es dort oben nicht. Die europäischen Häuser werden mit Elektrizität geheizt, aber die Eingeborenen besitzen überhaupt keine Heizung. Die Luft hier oben ist schon so dünn, daß viele Euro­päer das Klima nicht vertrugen und wegen der Bergkrankheit das Land verlassen mußten. Auf die Eingeborenen scheint dagegen die dünne Lust lebens­verlängernd zu wirken, denn 80 v. H. der Einwoh­nerschaft wohnt auf dem Hochplateau. Das Land hat eine große Zukunft, denn es ist unermeßlich reich an Bodenschätzen, deren Ausbeutung erst bei besseren Bahnverhaltnissen möglich sein wird. Die Bahnen könnten leicht mit Elektrizität getrieben werden, wenn die zahlreichen reißenden Bäche und Flüsse, die von den Höhen der Anden in die Tiefe stürzen, ausgenutzt würden. Auch landwirtschaftlich hat das Land eine große Zukunft.