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Englandfeindliche Ausschreitungen in Aegypten.

Blutige Zusammenstöße zwischen Polizei und Volksmenge. Oer Führer der Wafdpartei fordert die Regierung wegen ihrer Zusammenarbeit mit England zum Rücktritt aus.

Kairo, 13. Noo. (DNB.) Die Wafd-Par- t e i beabsichtigt, der gegenwärtigen Regierung Nassim Pascha die bisher gewährte Unter st ützung zu versagen wegen all- 3 u großer Nachgiebigkeit gegenüber den Engländern. Mittwochmittag kam es in Kairo zu Zusammen st äßen. Ein Trupp von etwa 100 Studenten wurde von der Polizei unter Anwendung des Gummiknüppels zum Auseinan­dergehen aufgefordert. Die Menge griff darauf, erbittert über die Verletzung eines Stu­denten, die Polizei an und entwaffnete s i e. Mehrere Polizeibeamte wurden über die Straßenmauer in den etwa 6 Meter tieferliegenden Hof der Englischen Kaserne geworfen. Der Poli­zeioffizier, der ebenfalls schwer verletzt wurde, rief englische Soldaten um Hilfe an. Die Engländer griffen aber nicht ein. Die Stu­denten zerstreuten sich, bevor Polizeiverstärkungen eintrafen.

Nahas Pascha, der Führer der nationali­stischen Wafd-Parlei, hielt am Mittwochnachmittag vor 20000 Anhängern eine flammende p ro­te ff r e b e gegen England und die englische Einmischung in innere Angelegenheiten Aegyptens. Die Rede gipfelte in einer Entschließung, die das ägyptische Volk aufruft, jede Zusammen­arbeit mit den Engländern einzustel- ten. Weiter wird der Rücktritt der Regie­rung als Protest gegen englische Einmischung ge­fordert. Die Wafd-Partei werde der Regierung jede Unterstützung versagen, wenn sie nicht zurücktritt. Schließlich wird jede Regierung abgelehnt, die mit den Engländern zusammen­arbeitet.

Rach Beendigung der Massenversammlung kam es, als Nahas Pascha sich in das Volkshaus, der Zentrale der Wafdpartei, begeben hatte, zu er­neuten Zusammen ft äßen. Bei dem Eintritt Nahas Paschas in das Volkshaus brach die Wenge, die ihn begleitete, in Hochrufe auf ihn aus. Rufe wie:Nieder mit den Engländern!" und Es lebe die Revolution!" wurden laut. Die Polizei ging darauf mit der Waffe gegen die Wenge vor und stürmte das Volkshaus. Zahl­reiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Etwa 30 Personen wurden durch Schüsse verletzt. Einer der Kundgeber wurde getötet. Auch meh­rere Polizisten erlitten Verletzungen.

Im Augenblick herrscht zwar überall Ruhe, jedoch befürchtet die Regierung für Donnerstag eine Fortsetzung der Unruhen und ein lieber- greifen auf d i e Provinz. Sämtliche Gou­verneure und Polizeikommandanten haben strengste Weisungen erhalten. Der Streik aller ägyp­tischen Hochschulen wird fortgesetzt. Nach der scharfen englandfeindlichen Rede Nahas Paschas und nach der Entschließung, die in der Massen­versammlung bekanntgegeben worden war, nimmt man an,, daß d i e Regierung zurücktreten wird. Die weitere Entwicklung ist allerdings völlig ungewiß. Nachhaltige Wirkungen auf den Mittel­meerkonflikt werden aber nicht erwartet.

Die Zusammenstöße zwischen den Anhängern der Nationalistenpartei und den Regierungstreuen sind ein Zeichen dafür, daß die Krise in Aegypten sich zuspitzt. Der Groll der Nationalistenpartei richtet sich vor allem gegen die Politik des Ministerpräsidenten Nassim Pascha, da dieser die. Forderung nach Wiedereinführung der Verfassung von 1923 abge­lehnt hat. Nassim Pascha, der heute wegen seiner englandfreundlichen Haltung bei den Nationalisten sehr verhaßt ist, war schon einmal Ministerpräsident zu einer Zeit, als Aegypten eine schwere politische Krise durchzumachen hatte. Es war dies in den Jahren 1922/23. Als im Jahre 1930 in Aegypten durch einen Staatsstreich König Fuads die Dik­tatur eingeführt wurde, erschien Nassim Pascha, der im Jahre 1924 seine erste Ministerpräsidentschaft niedergelegt hatte, wieder auf der politischen Bild­fläche. Er war Mitglied eines Kabinetts, das von Sidky Pascha gebildet wurde und die deutliche Tendenz hatte, die Macht und den Einfluß des Kö­nigs wesentlich zu steigern. Nassim Pascha, der mit dieser Polittk keineswegs einverstanden war, verließ zum zweiten Mal demonstratio die Regierung. Die Zustände, die damals in Aegypten herrschten, waren dem ägyptischen Volk ein Dorn im Auge. Es haßte die selbstherrlichePalastregierung", deren Seele Sidky Pascha war. Obwohl die Opposition mit den schärfsten »Mitteln unterdrückt wurde, blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Platz einem anderen Mann einzuräumen. Aber auch dieser, P e h i a Pascha, verstand es nicht, sich die Sympathien des ägyptischen Volke- zu erobern und so wurde schließ­lich Nassim Pascha mit der Regierung beauf- tragt.

Man kann nicht behaupten, daß Nassim Pascha beim Volke unbeliebt war. Sogar die Nattonalisten, die ihn heute so heftig bekämpfen, hofften, daß es ihm gelingen würde, die politische Unabhängigkeit Aegyptens wiederherzustellen. In dieser Hoffnung wurden sie allerdings grausam enttäuscht. Es ge­lang zwar dem neuen Ministerpräsidenten, die Palastregierung" abzudrosseln, aber den Englän­dern war er nicht gewachsen. Nachdem der Einfluß des Königs Fuad zurückgedrängt und sein besonde­rer Günstling Zaki Ibrahim entlassen war, trat England wieder stark in den Vordergrund.

Nassim Pascha hat heute einen schweren Stand. In den Augen der Nationalistenpartei ist er nichts als ein willenloser Spielball in den Händen der Engländer. In der letzten Zeit ist die Wafd-Bewe- gung (die Partei der ägyptischen Nationalisten) zu einer mächtigen Lawine angeschwollen, die, wenn nicht im letzten Augenblick eine entscheidende Wen­dung einsetzt, Nassim Pascha mitsamt den england- freundlichen Politikern Aegyptens hinwegzuspülen droht. Es scheint, als ob die Wafd-Partel den psychologischen Moment für gekommen hält, um alle nationalistischen Kreise Aegyptens in einer ge­waltigen Organisation der absoluten Freiheit und Unabhängigkeit zusammenzuschweißen. Schon jetzt lodert an allen Ecken und Enden des Landes das Feuer der Empörung auf gegen die imperialistische Polittk Englands und jene ägyptischen Politiker, die nicht den Mut haben, sich dieser Politik ent­gegenzustemmen. England wird zweifellos alles versuchen, um die Wellen des ägyptischen Nationa­

lismus mit dem so oft bewährten Oel seiner Diplo­matenkunst zu glätten, ohne dabei seine Macht­stellung am Suezkanal aufzugeben.

Das Echo in Paris.

Paris, 14. Nov. (DNB. Funkspruch.) Die Pa­riser Presse beachtet die Ereignisse, die sich in Aegypten abspielen, mit großer Aufmerksamkeit. Man ist der Ansicht, daß sich für England in Aegyp­ten ein schwieriges Problem ergebe.. Das englische Volk werde aus seinem Schlafe ge­weckt. In der Levante bezahle es jetzt das Löse­geld für seine Abrüstung zu Wasser, zu Lande und in der Luft und für seine passive Polittk. Mussolini habe England eigentlich , den größten Dienst erwie­sen, als er Ende Juni in seiner Unterredung mit Eden die nunmehr berühmt gewordenen Worte über

London, 14. Noo. (DNB. - Funkspruch.) Die heutigen Parlamentswahlen bilden naturgemäß beinahe ausschließlich den Inhalt der Londoner Morgenblätter. In Leitaufsätzen werden die Stimm­berechtigten zum letzten Mal ermahnt, ihre Schul­digkeit zu tun. In der Hauptstadt zeigt das Stra­ßenbild keine große Veränderung. An die Wahlen erinnern lediglich die großen Propagandaplakate der Regierung und der Opposition und die Plakate der Zeitungen, die ihre Leser zum letzten Appell aufrufen. So bringt dieEoening News" am Kopf des Titelblattes die riesigen fettgedruckten Lettern: Stimmt für die Nationalregierung und haltet die Sozialisten fern!" Zum letzten Mal wurden am Mittwoch die Wähler von den Kandidaten und ihren Mitarbeitern zur geschlossenen Beteiligung an den Wahlen aufgefordert. Der Rundfunk und die Versammlungshalle waren von den Wahlred­nern beherrscht. Ueberall hörte man das Schlag­wort dieser Wahl:Die Politik der Gegen­partei bedeutet den Krie g", von dem sowohl die Regierung als auch die Opposition reich­lich Gebrauch machte. Die Büros, in denen die Wahlwetten abgeschlossen werden, zeigten eine erhöhte Tätigkeit. Die Wetten wiesen jedoch keine großen Schwankungen mehr auf und lauteten am Mittwochabend auf eine Regierungsmehr­heit von rund 175 Abgeordneten.

Wahlberechtigt sind insgesamt 31,3 Millionen Personen, davon 16,5 Millionen Frauen. Im auf­gelösten Parlament hatte die Nationalregierung eine Mehrheit von über 400 Abgeordneten, eine für englische Verhältnisse außerordentlich hohe Zif­fer. Man erwartet, daß die Arbeiterpartei, die im letzten Parlament mit nur 57 Abgeordne­ten vertreten war, einen beträchtlichen Z u - wachs erhalten wird. Der Sieg der Regierungs­parteien gilt dennoch als sicher. Bei der Beurtei­lung der Wahlen ist 3-u beachten, daß in England

Rumänien unter der Auswirkung der Sanktionen.

Empfindlicher Preisdruck auf dem Erdöl­markt wird erwartet.

B u k a r e ft, 13. Noo. (DNB.) Rumänien hat sich trotz des Vorbehaltes Titulescus in Genf und trotz feiner bekannten Forderung nach Kompensa­tionen voll und ganz den Sanktionsbe­schlüssen des Völkerbundes ange­schlossen. Obwohl kein Verkaufsverbot für Erdöl erwartet wird, so muß doch das Ver­bot des Kaufes italienischer Waren praktisch einen ganz bedeutenden Rückgang der rumänischen Erdölausfuhr nach Italien zur Folge haben, da im rumänisch-italienischen Clearing-Verkehr Rumänien bereits jetzt über ein Guthaben von 100 Millionen Lire verfügt, daß es ohne Einfuhr aus Italien und Fort­führung der Erdölausfuhr nur weiter er» höhen kann. Daß sich aus dem Rückgang der Erdölausfuhr nach Italien erhebliche wirt­schaftliche Folgen für Rumänien ergeben müssen, ist auch aus der Wirtschaftspresse zu er­sehen. Vor allem wird ein beträchtlicher Rück­gang der rumänischen Erdölpreise, die jetzt um 20 bis 30 v. H. über den Weltpreisen stehen, kaum zu verhindern sein. Die Forderungen Ti­tulescus nach Kompensationen haben bis jetzt kei­nerlei praktische Ergebnisse gezeitigt.

Rieder mit den Sanktionen."

Jtalienfreundliche Kundgebung belgischer Frontkämpfer.

Brüssel, 13. Nov. (DNB.) Zu stürmischen Kundgebungen gegen die Sankttonspolitik der bel­gischen Regierung gegenüber Italien kam es am Dienstagabend in einer von 3000 Personen be­suchten öffentlichen Versammlung, in der der schwer­kriegsoerletzte Führer der italienischen Kriegsbeschädigten, Abgeordneter Carlo D e l c r o i x , über den italienisch-abessinischen Krieg sprach. Staatsminister Carton de Wiart, der Belgien in Genf vertritt, leitete den Vortrag mit einem Nachruf auf die verstorbene Königin Astrid ein, dem die Versammlung mit ehrfurchts­vollem Schweigen folgte. Als der Minister bann aber zu dem Thema des Abends mit dem Satz überleitete, daß Belgien in Genf keine andere Hal­tung hätte einnehmen können, erhob sich in der Versammlung großer Lärm, in dem sich feindselige Rufe gegen die Regierung oan Zeelcmd mit Sympathiekundgebun­gen für Italien vermischten. Carton de Wiart versuchte vergeblich, sich in dem Lärm Gehör zu verschaffen. Die Versammlung verhinderte ihn am Weitersprechen.

In verhältnismäßig gemäßigten Ausführungen rechtferttgte dann der italienische Redner die Haltung seines Landes, wobei er namentlich die Politik des Völkerbundes oerur-

den Niedergang der englischen Macht im Mittelmeer aussprach.

L'Ordre" weist darauf hin, daß die Wafdisten neben der Abschaffung der Sonderrechte die Z u - laffung ihres Landes in den Völker­bund anstreben. Das Durcheinander, das infolge der Völkerbundsmitgliedschaft Abessiniens entstan­den fei, dürfte den Völkerbundsstaaten wohl den Geschmack daran nehmen, neue afrikanische Völker aufzunehmen. Selbst wenn England einen solchen Antrag Aegyptens befürworten wollte, wäre der Augenblick dazu gegenwärtig recht schlecht ge­wählt. Hoffentlich werde England bald Herr der Lage sein, damit die unter der Schutzherrschaft europäischer Mächte stehenden muselmännischen Län­der nicht glauben, daß es -in Krisenzeiten möglich sei, ein großes westliches Land zum Nachgeben zu zwingen.

nicht nach Li st en, sondern nach einzelnen Kandidaten gewählt wird, die die Parteien in den 615 Wahlkreisen aufstellen. Gewählt wird stets derjenige Kandidat, der die einfache Stim­menmehrheit über seine Gegner erhält. In manchen Wahlkreisen stehen sich nur 2 Kandi­daten gegenüber, in anderen 3 oder 4, da hier jede der einzelnen Oppositionsparteien getrennte Ver­treter aufgestellt hat.

Von den 615 Mitgliedern des Unterhauses gelten 40 wegen des Fehlens eines Gegen­kandidaten bereits als gewählt. In den übrigen 575 Fällen dürften 232 Ergebnisse im Laufe des Abends und der Nacht zu erwarten fein. Hierbei handelt es sich fast ausschließlich um London und die städtischen und industriellen Wahl­kreise Englands, wo die Arbeiterpartei hofft, eine Anzahl Sitze zurückzugewinnen, die sie bei der Niederlage von 1931 eingebüßt hat. Die Bekanntgabe des ersten Ergebnisses wird gegen 21.30 Uhr erwartet. Zwischen 22 und 23 Uhr dürf­ten 19 weitere Ergebnisse folgen, und der Rest der ersten Gruppe von Ergebnissen bis Frei.tag früh 4.30 Uhr. In fast allen L a nd b e z i r k e n Englands, Schottlands und Wales werden die Wahlur­nen nicht vor Freitagvormittag geöff­net. Am Freitagnachmittag werden 329 weitere Wahlergebnisse erwartet. Ergebnisse (darunter die der Universitäten von Oxford, Cambridge, London und Wales) sind er st Samstag fäl - l i g. Die Orkney- und Shetland-Inseln, die ein Mitglied in das Unterhaus senden, werden erst am 19. November berichten. Die schotti­schen Universitäten melden am 25. Novem­ber die Namen ihrer drei Parlamentsoertreter. Die letzte kleine Lücke im Gesamtbild der neuen eng­lischen Volksvertretung wird also erst am Montag übernächster Woche geschlossen werden.

teilte. Fast jeder Satz feiner Rede wurde von der Versammlung mit Beifalls st ürmen unter­brochen. Immer wieder ertönten von den Gale­rien, wo Angehörige der belgischen Frontkämpfer­oerbände und sonstiger nationaler Vereinigungen Platz genommen hatten, die Rufe: Nieder mit den Sanktionen! Dazwischen wiederholten die anscheinend sehr zahlreich erschienenen Mit­glieder der italienischen Kolonie in Sprechchören Hochrufe auf Mussolini. Starken Bei­fall fanden die Anspielungen des Redners aufein gewisses Empire", das den Völkerbund be­nutze, je nachdem wie es feine Belange ver­langten.

Die Erregung der Versammlunh hUtt bis zum Schluß an. Draußen war ein großes Aufgebot von berittener Gendarmerie aufmarschiert. Da die An­hänger der Sanktionspolitik, die sich in Belgien hauptsächlich aus Marxisten und links gerichteten Katholiken zusammensetzen, der Versammlung fern­geblieben waren, hatte die Polizei keinen Anlaß zum Einschreiten. Unter den Zuhörern bemerkte man den italienischen Botschafter, zahlreiche bel­gische Offiziere und die Führer der verschiedenen Kriegsteilnehmerorganisationen.

Wenn auch vielleicht diese Brüsseler Veranstal­tung ungewöhnlich war, weil Italiener in ihr den Ton angaben, so zeigt dock die Haltung der belgischen Versammlungsteilnehmer, daß man sich keinen Illusionen über die wirtschaftlichen Folgen für die belgische Bevölkerung hingibt, die aus der Abschnürung Belgiens vorn italienischen Markt entstehen müssen und auch entstehen werden. Die Opposition gegen die Regierungspolitik wird sich natürlich in dem Umfang steigern, in dem die Firmen, die vom italienischen Geschäft lebten, ihre Betriebe schließen und ihre Arbeiter auf die Straße setzen müssen. Zu den wirtschaftlichen Nachteilen der Genfer Sanktionspolitik für die einzelnen Staaten gesellen sich für diese also auch noch innerpolittsche Schwierigkeiten.

3ta?ien beruhigt Varis.

Paris, 14. Noo. (DNB. Funkspruch.) Minister­präsident Laval hatte mit dem italienischen Bot­schafter C e r u 11 i eine Unterredung. DerMcttin" schreibt, der italienische Botschafter habe beruhi­gende Versicherungen über d i e ita­lienischen Gegenmaßnahmen geben wol­len. Man habe in Rom zunächst das sofortige Einfuhrverbot französischer Waren beschlos­sen, habe aber davon abgesehen, nachdem der Handelssachbearbeiter der französischen Botschaft in Rom vorstellig geworden war. Auch die Haltung der italienischen Presse gegenüber Frankreich habe sich etwas besänftigt. Der römische Berichterstatter desMattn" beziffert übrigens die Summe der französischen Handelsguthaben in Italien auf 150 Millionen Franken.

M sschechvslowaklscheAmiee

Im Anschluß an verschiedene Personalverände­rungen, die zur Zeit im tschechoslowakischen Heere vorgenommen werden, wird auch bekannt, daß die Tschechoslowakei .beabsichtigt, ein oder mehrere neue Armeekorps aufzustellen. Einzelheiten darüber sind noch nicht bekannt, jedoch liegt diese Maßregel im Zuge der sehr regen militärischen Vorbereitungen, die seit längerer Zeit, insbesondere nach dem Abschluß des auch militärisch offenbar sehr weitgehenden Bündnisvertrages mit Sowjetrußland getroffen werden. Der Rü­stungseifer dieses Nachbars Deutschlands, mit dem zwar korrekte politische Beziehungen bestehen, der sich jedoch in dem gegen Deutschland gerichteten diplomatischen System an der Seite Frankreichs eifrig betätigt, nötigt zu einer sorgfältigeren Be­achtung der militärischen Zustände und Absich­ten dieses Landes, als es bei einer friedlicheren europäischen Atmosphäre erforderlich wäre.

Wenn man die militärische Entwicklung des jungen, erst auf den Trümmern des Weltkrieges erstandenen Staates allgemein charakterisieren will, so kann man sagen, daß er in den 17 Jahren seines Bestehens fast aus dem Nichts eine Militär­macht geschaffen hat, die über die normalen Be­dürfnisse seiner Große und Bedeutung weit hinaus­geht und daß er auch geistig aus den pazifistisch- demokratischen Grundlagen seiner Entstehung und des Volkscharakters heraus sich immer mehr zu einem in militaristischem Geiste erzogenen und gelei­teten Mitglied der europäischen Familie entwickelt hat.

Die tschechoslowakische Armee wurde auf den La­ders aufgebaut, die im Weltkrieg als Legio­näre an den verschiedensten (Ententefronten, beson­ders in Rußland gekämpft hatten, wo sie in der Hauptsache sich aus Ueberläufern der a l - t e n österreichischen Armee zusammensetz­ten. Ihr militärischer Wert war so gering, daß damals, am 16. November 1918, der erste tschecho- lowakische Ministerpräsident Kramar an d n päteren und heutigen Außenminister B e n e s ch chrieb:Unsere Soldaten, die von der Front zu­rückgekommen sind, sind wenig wert, und ich glaube, wir täten besser, sie nach Hause zu schicken." Die langjährige stille Obstruktion, die das Tschechentum gegen die habsburgische Herrschaft geführt hatte, und die vielen gebrochenen Fahneneide waren ge­wiß keine sehr geeignete Grundlage für die Bil­dung einer neuen nationalen Armee.

Wenn darin dennoch sehr bald Beträchtliches ge­leistet werden konnte, so war es vor allem der mi­litärischen Aufbauhilfe zuzuschreiben, die Frank­reich bereitwillig leistete. Schon in seinen Ver­handlungen mit Clemenceau in Paris hatte Benesch dem Marschall F o ch nach dem Waffenstillstand auf zwei Jahre das Oberkommando über die neue tsche­choslowakische Armee übertragen und die Entsen­dung einer französischen Militärmission nach Prag erbeten. Am 13. Februar 1919 übernahmen 45 französische Offiziere, die bald auf 146 vermehrt wurden, unter der Leitung des Generals Pell 6, der gleichzeitig zum Generalftabschef ernannt wurde, die Organisation und Ausbildung der neuen Ar­mee. Im Jahre 1921 folgte ihm der französische General Mittelhauser, der. die tschechoslowa­kische Kriegsschule mit ausgezeichneten französischen Kräften einrichtete, und dem im Jahre 1926 der General Fancher folgte, der jedoch die oberste Leitung des Generalstabs an den tschechischen Ge­neral Syrovy abgab und heute mit einem halben Dutzend französischer Offiziere in die Rolle eines militärischen Beraters der tschechoslowakischen Ar­mee zurückgetreten ist.

Auch in der Militärgesetzgebung hat die Tschecho­slowakei einen deutlichen Weg von dem ursprüng­lichen Milizideal etwa nach Schweizer Muster zum straff organisierten stehenden Heere zurückgelegt. Die Angehörigen der Wehrmacht be­saßen zuerst das politische Wahlrecht, das ihnen später entzogen wurde. Die Dienstzeit sollte nach den anfänglichen Absichten nur 14 Monate betra­gen, wurde aber auf 18 Monate und zuletzt, nach französischem Muster, auf zwei Jahre herauf­gesetzt. Im Oktober 1933 wurde ebenfalls nach französischem Vorbild ein nationaler Verteidi­gungsrat gebildet, dem neben dem Minister­präsidenten und einer Anzahl anderer Minister der Generalinspektor der Armee und der Generalstabs­chef angehören. Durch die nationale Geldsammlung wurde die Bildung der neuen Flugwaffe und die Anwerbung von tausend neuer Kriegsflieger ermöglicht. Eine besondere Militär st euer von zehn Prozent der Einkommensteuer sicherte dem Heeresbudget gesonderte laufende Mittel, das außer­dem ständig durch außerordentliche Kredite für die Motorisierung für den Ausbau der Be­se ft i g u n g e n , für die Flugwaffe, das mili­tärische Transportwesen und die nach strate­gischen Gesichtspunkten vorgenommene Dezentra­lisation der Kriegsindustrie die zusätz­lichen Mittel zur Verfügung stellte.

Die akttve tschechoslowakische Armee setzt sich zur Zeit zusammen aus 12 Divisionen zu je 4 Infan­terieregimente!:, ein Regiment leichter Artillerie und ein Regiment mittlerer Artillerie, aus 2 Brigaden Gebirgsinfanterie und 11 Bataillonen Grenztrup­pen. Die Artilleriereserve zählt 10 zum Teil moto­risierte Regimenter, davon 4 mit schweren Ge­schützen ausgerüstet. Die Kavallerie besteht aus 4 Brigaden (11 Regimenter) und die Flugwaffe aus 6 Regimentern mit etwa 40 Geschwadern. Die Gesamtfriedensstärke der Armee beträgt zur Zeit 150 000 Mann: eine militärische Erfassung der ge­samten männlichen Bevölkerung im Alter von 17 zu 60 Jahren würde 3 Millionen Mann zur Ver­fügung stellen. Die 10 000 Offiziere, die die tschechoslowakische Armee zählt, kommen ungefähr zu einem Viertel aus den alten Legionen, zu einem andern Viertel aus der alten österreichischen Armee und zur Hälfte aus den nach französischem Muster errichteten Militärakademien und Militärschulen. In kleinerer Anzahl gehören auch ehemalige russische Offiziere dem tschechoslowakischen Offizierkorp an. Die für die Armee ausgeworfenen Staatsmittel find insbesondere in den letzten Jahren ständig ge­stiegen und betragen gegenwärtig bei einem ordent­lichen Staatshaushalt von 8 Milliarden Kronen nicht weniger als annähernd 2 Milliarden?

Mit besonderem Eifer scheint in letzter Zeit der Ausbau von Befestigungen und neuer strategischer Bahn- und Wegeverbin- d u n g e n betrieben zu werden, wofür in dem dies­jährigen Budget erhebliche Mittel ausgeworfen find. Die politisch-strategische Idee, nach der diese militäri­schen Vorbereitungen getroffen werden, scheint die zu sein, für den Fall eines vom Westen her erfol­genden Angriffs eine befestigte Linie zu halten, die von Mähren nach der Slowakei führt, bis der Einsatz verbündeter östlicher Heere eine Offensive ermöglicht. Von derselben Idee wurde die Errichtung von 25 Flugplätzen und mehrerer im Bau befindlicher F l u g h a U e n diktiert, die bei

Heute Parlamentswahlen in England.

Man erwartet bei den Wahlen eine sichere Mehrheit für die konservative Regierung, aber auch einen Zuwachs der Arbeiterpartei.

Oie Problematik der Sanktionen.