Ausgabe 
14.8.1935
 
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Eine Morgenzeitung gibt es schon lange nicht mehr; Du langst deine Auslands-Fernsehscheibe her,

SportkurseKrast durch Freude".

Leibesübungen sind weder an Lebensalter, noch an körperliche Geschicklichkeit gebunden. Sie fordern nichts, als daß einer frohen Herzens hingeht, mit-

spielhaus, Bahnhofstraße:X 27". Circus M V J: 15.30 und 20.15 Uhr Vorstellung.

Oie Deutsche Arbeitsfront

TlS-Gemeinschast »Kraft durch Freude".

Keine Ehe zwischen Ariern und Nichtariern.

Dem bekannten Beschluß des Amtsgerichts Wetzlar hat sich auch das Amtsgericht Bad Sulza ange­schlossen (Entscheidung von 8. Juli 1935). In den Gründen heißt es: Der Antragsteller ist Mischen Blutes, die Verlobte Arierin. Zur Zeit besteht rein formalgesetzlich ein Verbot der Eheschließung zwi­schen Ariern und Nichtariern noch nicht. Trotzdem kann ein Standesbeamter nicht gezwungen werden, die Eheschließung zwischen Ariern und Nichtariern oorzuneymen, da durch eine solche arisches Blut ver- mischt und für alle Zukunst, vom völkischen Stand­punkt aus betrachtet, unbrauchbar gemacht wird. Eine derartige Ehe verstößt gegen die wichtigsten Gesetze des Staates, die die Reinhaltung und Pflege des deutschblütigen Volkes bezwecken. Eine derartige Ehe ist deshalb durch und durch unsittlich, und es kann von einem Beamten nicht verlangt werden, daß er zu einer solchen Handlung, dem Aufgebot, seine Hand bietet.

Nach einem inzwischen ergangenen Runderlaß des Reichs- und Preußischen Minister des Innern vorn 26. Juli 1935 haben nunmehr die Standes­beamten in allen Eheschließungsfällen, in denen es ihnen bekannt ist, oder nachgewiesen wird, daß der eine Beteiligte Dollarier, der andere Volljude ist, das Aufgebot oder die Eheschließung zurückzustellen. Deutsche Beamtenkrankenversicherung.

Fwd. Die Deutsche Beamtenkrankenversicherung, Dersicherungsverein auf Gegenseitigkeit, Sitz Kob­lenz, hielt in Eisenach ihre diesjährige Vertreter­versammlung ab. Die Anstalt, die eine Gründung der Beamtenschaft ist und 30 Jahre besteht, hat sich

macht und damit seinem Willen Ausdruck gibt, sich gesund und leistungsfähig, kraftvoll und schön zu erhalten." Der Reichssportführer von T s ch a m - mer und Ost en.

Die SportämterKraft durch Freude" wenden sich vor allem an die Volksgenossen der Faust und der Stirn, die bisher den Weg zur körperlichen Er­tüchtigung durch regelmäßig und vernünftig betrie­bene Leibesübung nicht fanden. Deshalb kommt alle! Glaube nicht, daß du zu alt, zu schwächlich oder zu ungelenkig bist! Unsere Sportlehrer werden dich langsam an die Leibesübungen gewöhnen und dir deine etwa vorhandenen Minderwertigkeits­komplexe in der ersten Stunde nehmen. Je unge­eigneter du dir selbst vorkommst, um so eher solltest du an unserem fröhlichen Uebungsbetrieb teilneh- men, denn dort bist du unter deinesgleichen. Sieh dir den nächsten Uebungsabend einmal an, er wird dir bestimmt viel Freude bringen. Für dich hat der Sportamt-Stützpunkt Gießen folgende Kursusarten eingerichtet:

Allgemeine Körperschule, für Frauen und Män­ner gemeinsam.

Fröhliche Gymnastik und Spiele, nur für Frauen. Schwimmen, für Frauen und Männer gemeinsam. Leichtathletik, für Frauen und Männer gemeinsam. Reichssportabzeichen, für Frauen und Männer ge­meinsam.

Reiten, für Frauen und Männer gemeinsam.

Tennis, für Frauen und Männer gemeinsam.

Laß dir noch heute von deinem Orts- oder Be- triebswartKdF." ein Sportprogramm neben. Es unterrichtet dich über alles. Oder komm selbst ein­mal zum Sportamt, Schanzenstraße 18. Dort wird dir gern vormittags jede Auskunft erteilt, und du wirst in allen Dingen beraten.

Macht alle mit!

Achtung! Verlegung des Areltagsreilkurfes.

Zeit wird morgen bekanntgegeben.

Oben nimmt dich ein Super-Prioat-Autogiro auf, und haft du gemütlich kaum Platz genommen, bist du im Büro auch schon angekommen.

Du drückst sofort mit sorgenvoller Miene auf den Knopf der elektrischen Fernschreibmaschine. Dom Parkometer berichtet die Bilder-Ton-Platte wer gestern abend noch alles angerufen hatte. Alsdann sprichst du selber durchs Mikrophon über London nach San Franzisko mit Meier und Sohn, und an der Scheibe, wie Meier jetzt mit dir spricht, siebst du fein verdächtig schlaues Fuchsgesicht. Mit sowas soll man nun Geschäfte machen! Das sind so Sachen! Das sind so Sachen!

Inzwischen flog dein jüngstes Söhnchen zur Schule. Dort sitzt es auf einem beweglichen Stahlrohrstuhle und wird durch Lautsprecher darüber unterrichtet wie sich der Erdball entwicklungsgemäß geschichtet; warum die alten, überflüssigen Eisenbahnschienen, mit Moos bewachsen, als Fußweg für Leute dienen, die sich entweder kein Flugzeug leisten können, ober sich nicht mal einen Stromlinienwagen gönnen; warum auf Füßen nicht, wie angeblich vor Jahren, Dampfer mit Schornsteinen, Schiffe und Kähne fahren, warum heut alles, geprüft und seit langem bewährt, im Raumschiff durch das verkehrsgeregelte Weltall fährt.

warum unsere Großeltern noch keine Erfahrung von Robotbedienung und synchetischer Nahrung. Das alles wird durch Rundfunk gelehrt.

Dann wird durch Lichtsignale das Telechrom erklärt, das die veraltete elektrische Uhr ersetzt.

Die Schäle»- werden anschließend zuguterletzt noch in d Museum für Weltumwandlung gehn, um schnell die sagenhafte letzte Kuh zu sehn, die in ihrem angeblich idyllischen Erdenleben persönlich noch Milch in erstaunlichen Mengen ge­geben, und zwar Milck. die nicht mal, wie heute, synthetisch war!

Und sowas gab es--Das ist doch wunderbar!

Puck.

Große Strafkammer Gießen.

Unter Ausschluß der Öffentlichkeit verhandelte das Gericht gegen den H. F. aus Gießen und ver­urteilte ihn wegen Verbrechens im Sinne von § 176 Z. 3 RStGB. zuzehnMonaten Gefängnis.

Amtsgericht Gießen.

Der G. D. aus Gießen fuhr mit feinem Liefer­wagen die Rodheirner Straße in Richtung Heuchel­heim. Ihm entgeaen kam ein Motorradfahrer. Ob­wohl dieser das Dorfahrtsrecht hatte, bog D. nach links ein, um zu tanken. Bei dem Zusammenstoß wurde der Motorradfahrer so erheblich verletzt, daß er in die Klinik gebracht werden mußte. Durch Strafbefehl wurde D. mit einer Geldstrafe von 20 RM. belegt, die im Uneinbringlichkeitsfalle mit vier Tagen Gefängnis zu verbüßen ist. Gegen diesen Strafbefehl legte der Angeklagte Einspruch ein. Die Entscheidung wurde auf eine Woche ausgesetzt.

** Die Zustellung der zusätzlichen Bescheide über die kommunale Son­der st euer für das Rechnungsjahr 1935 (Anleihebeträge) betrifft eine Bekannt­machung der Bürgermeisterei Gießen in unserem heutigen Anzeigenteil. Die Steuerpflichtigen seien auf diese Bekanntmachung besonders hingewiesen.

Straßensperre. Die Prooinzialstraßl Allendorf Londorf wird wegen Bau­arbeiten vom 15. August ab für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung des Verkehrs erfolgt über Nordeck oder ClimbachAllertshausen.

** Vorbildlicher Gemeinschaftssinn. Die Firma Tiefbauunternehmung Ludwig Schnei­der- Heuchelheim, die in unserer Stadt an verschie­denen Bauarbeiten beteiligt ist und etwa 250 Ar­beiter beschäftigte, läßt feit April täglich aus einer besonderen Kaffeeküche Kaffee und Tee, manchmal auch Fleischbrühe, kostenlos an ihre Gefolgschafts­mitglieder verabreichen. Diese wissen den vorbild­lichen Gemeinschaftssinn des Betriebsführers dank­bar zu schätzen.

* Fahrt ins Blaue der Betriebs­gemeinschaft der Firma Sack & Jug- hard Gießen-Windhof. Man berichtet uns: Auf Einladung der Betriebsführung unternahm dis Betriebsgemeinschaft der Firma Sack & Jughardt K.-G. mit Familienangehörigen am vorigen Sonn­tag eine Betriefsfeier in Form einer Fahrt ins Blaue. Betriebsführung, Gefolgschaft und Familien­angehörige folgten mit Interesse der Fahrleitung, die die Teilnehmer über Krofdorf, Rodheim, Fel­lingshausen, Frankenbach, Erda und Hohensolms in die Nähe des Altenbergturms mit herrlichem Blick auf Schloß und Ort Hohensolms führte. Hier verbrachten die Teilnehmer einige recht frohe Stun­den bei einem kräftigen Mittagessen, Kaffee, Kuchen und Bier. Humoristische Verträge, Preisschießen und sonstige Gesellschaftsspiele für Jung und Alt wechselten in bunter Reihenfolge ab. Viel zu schnell gingen die Stunden dahin, und schon mahnte die Zeit zum Aufbruch. In froher Fuhrt brachten bi< Wagen des Betriebes die Teilnehmer wieder zurück. Der Betriebsführung und den freiwilligen Helfern weiß die Gefolgschaft Dank für die schöne Fahrt und die kostenlose Verpflegung. Ein Sieg-Heil auf den Führer und Reichskanzler beschloß den in jeder Beziehung genußreichen Sonntag.

Früherer Abend.

Merklich nehmen die Tage nun schon ab. Wieder müssen wir erkennen, daß wir uns des Sommers Ende, dem beginnenden Herbst nähern wieder, denn, obwohl sich jedes Jahr dasselbe wiederholt, es ist uns doch im Augenblick des Gewahrwerdens stets wieder' neu. Und neues Bewußtsein kehrt in einer besinnlichen Stunde bei uns ein: das Be- wußtsein, daß der Höhepunkt der Jahreszeit über­schritten ist. Herbslliches Ahnen wird überall rege. In sonnigen Mittagsstunden können wir wohl diese nachdenkliche Stimmung mit einem Lächeln verjagen, indem wir freudig auf die uns noch umgebende sommerliche Pracht weisen. In der Sonne leuchten ja die Dahlien noch einmal so schön! Aber wenn die Dämmerung kommt, wenn die frischen Winde über die leeren Felder streichen und die Herbstzeitlosen zum ersten Male aus dem Teppich der Mesen schimmern, wenn leichte Nebel darüber hinwallen, bann gibt es keinen Zweifel mehr, und die Natur, die sich zu ihrem Feierabend rüstet, läßt leise, schwermütige Melodien erklingen, Melobien vom Abschiednehmen des Sommers.

So stehen wir in her Wende zweier Jahreszeiten, gehören beiden an und möchten doch die eine noch nicht von uns lassen, möchten noch so viel vom Sommer kosten dürfen, als er nur geben kann. Doch bie Tage verrinnen, ehern vollendet sich das Gesetz des Jahres.

Blick in die Zukunst.

Ein Robot-Mädel, genannt die elektrische Trine, bringt dir zum Frühstück die oorgeschriebenen Vita­mine.

aus kleinen Anfängen zur zweitgrößten privaten Krankenversicherung Deutschlands entwickelt und zählt heute 540 000 Versicherte. Die Vereinheitlichung der Krankenversicherungseinrichtungen der Beamtenschaft ist von ihr im vergangenen Jahre fortgesetzt wor- den. Die soziale und volkswirtschaftliche Bedeutung der durch die Anstalt vermittelten Krankenfürsorge spiegelte sich in ihren Abschlußzahlen wider. Im Jahre 1934 sind rund 20 Mill. Mark zur Auszah- lung gebracht worden. 85.7 v. H. der Beiträge sind unmittelbar an die Versicherten zurückgeflossen, wozu noch die Rückstellungen für die erst im Laufe der Zeit fällig werdenden Ansprüche, z. B. Sterbe­geld, treten. Die Verwaltungskosten sind mit 10,09 v. H. der Beiträge und Eintrittsgelder außerordent­lich niedrig, obgleich sich der Verein bemühte, durch die Neueinstellung von 250 Volksgenossen, durch Jnstandsehungsarbeiten an seinem Hausbesitz, In- ventaranschaffungen usw. die Arbeitsbeschaffungs­bestrebungen der Reichsregierung zu unterstützen. Zur Förderung des Eigenheimbaues gibt die An­stalt neuerdings an ihre Mitglieder Hypotheken aus. Das Vermögen des Vereins beträgt gegenwärtig 12,7 Mill. Mark. Für die Beitragsrückgewähr an diejenigen Mitglieder, die den Verein nicht oder nur in geringem Umfange in Anspruch genommen haben, stehen außerdem 1,9 Mill. Mark zur Verfügung, die im Laufe des Jahres rückvergütet werden. Als Aufsichtsrats-Vorsitzender wurde der Reichswalter des Reichsbundes der deutschen Beamten, Haupt- amtsleiter H. Neef, wiedergewählt.

vornottzen.

TageskalenderfürMittwoch: NSG. Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Schwimmen im Dolksbad; 20 bis 21 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. Licht­

Achtung! Hausgehilfinnen!

Da die Dersammlungssperre auch für den Monat August verlängert worden ist, müssen Die Heim­abende auch in diesem Monat noch ausfallen.

Der nächste Heimabend kann daher erst am Diens­tag, 3. September stattfinden.

Der Zirkus der 7000

hat uns für Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront Karten mit 50 o. H. Ermäßigung zur Verfügung gestellt. 1. Platz statt 1,90 nur 1 Mark.; 2. Platz statt 1,50 nur 0,75 Mark. Schlußoorstellung: Mitt- woch, 14. August.

vmnibusfahrten am Sonntag, 18. August.

1. Fahrt nach Königstein im Taunus (Fahrpreis mit Mittagessen 4 Mark).

2. Fahrt durch Oberhessen (Fahrpreis mit Mittagessen 4,50 Mark).

3. Fahrt ins Lahntal (Fahrpreis mit Mittag- essen 4,50 Mark).

Meldeschluß für obige Fahrten: Mittwoch, 14. August.

Die Heidelbergfahrl

am 25. August muß wegen zu geringer Beteiligung ausfallen.

Rheinfahrt am 14. September.

An diesem Tage veranstalten wir unsere zweite diesjährige Rheinfahrt. Die Fahrt geht mit dem Zuge bis Mainz-Kastel, von Dort mit dem Schift nach Rüdesheim, in Rüdesheim ein längerer Aufent- -......----- ... . - halt, von Rüdesheim mit dem Schift nach Koblenz,

und alles, was irgendwie von Wert oder Gewicht. 1Qn Koblenz mit der Bahn nach Gießen. Fahr- bringt dir der Nachrichten- und BUtzbild-Bericht ,reis einschließlich Mittagessen: 5,50 Mark. Schluß- Dann gehts mit Rolltreppe zum Dach im (Bgmnaftit- . term{n: i. September.

NIVEA!

mild, leicht schäumend, ganx wundervoll im Geschmack

M fanden ineinander.

Vornan von Klothilde v. (Stegmann.

Urheberrechtschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.)

27 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Dietrich ging inzwischen in immer schnellerem Tempo die Straße entlang. Er hatte das Emp­finden, er mußte fliehen vor der fürchterlichen Wahrheit, die sich ihm da offenbart hatte. So hatte Jutta diesmal nicht gelogen. Marlen war hier in diesem Hotel gewesen mit einem Unbekannten. Sie war schlecht genug, seinen guten Namen in den Schmutz zu ziehen. Aber nun war es zu Ende. Er würde Die Scheidung einreichen, so schnell wie möglich. Zuvor aber mußte er wissen, wo sie war; er mußte es ihr ins Gesicht schleudern, was er von ihr dachte, wie er sie verachtete. Er würde erst ruhig werden, wenn er ihr Auge in Auge gegen- überstand!

Es war ihm auch jetzt völlig gleichgültig, was andere von ihm und seiner Ehe denken mochten. Marlen selbst scheute sich ja nicht, seine Ehe herab­zuziehen. Keine Regung war in seinem Gesicht, als er den Beamten beim Einwohnermeldeamt befragte, welches die Wohnung der Gräfin Marlen Veltheim wäre.

Nach Hinterlegung einer Auskunftsgebühr bekam er den gewünschten Bescheid:

Gräfin Marlen Velcheim: Werder bei Berlin, Eaputherstrahe 34d."

Dietrich stutzte. Warum hatte sie ihren Auf­enthalt so weit draußen gewählt? Vermutlich hatte sie noch eine Wohnung in der Stadt oder das da draußen war eine schloßähnliche Besitzung. Sie mußte auf sehr großem Fuße leben. Sonst wäre es unmöglich gewesen, daß sie in der kurzen Zeit schon so viel Geld abgehoben hatte.

Dietrich sah auf die Uhr. Es war halb zehn Uhr. Wenn er ein Auto nahm, würde er viel­leicht Marlen jetzt antreffen. Anmelden wollte er sich nicht. Vielleicht brauchte sie dann Aus­flüchte, um der Unterredung zu entgegen.

Er rief ein Auto an und gab die Adresse. Der Wagen fuhr durch die verkehrsreichen Geschäfts­straßen Alt-Berlins. Dietrich hatte Die Augen ge- schlossen. Der Lärm, das Hupen, das unaufhörliche Dorüberhasten von Menschen und Gefährten er­müdete ihn. Er atmete auf, als der Magen nun die Chaussee nach Potsdam erreicht hatte. Hier war es still und schön. Nur wenige Fuhrwerke kreuzten jetzt vormittags die Potsdamer Chausiee. Die Bäume standen hoch und still. Ab und zu mischte sich in ihr spätes Sommergrün schon em erster, goldener Schein. Die Wasser der Havel strahlten blau auf. Der Himmel war klar. Ein

paar kleine Svmmerwölkchen trieben fröhlich mit dem leichten Winde dahin. Dietrich aber say von all der Schönheit nichts. Eiskalte Entschlossenheit und Empörung hatten ganz von ihm Besitz ge­nommen. Er sehnte den Augenblick herbei, in dem er Marlen seine Verachtung ins Gesicht schleu­dern konnte.

Sie fuhren durch ein paar freundliche Orte mit hellen, kleinen Dillen und schmucken Mauerhäusern. Jetzt war er an der Caputherstraße angelangt.

Halten Sie hier!" befahl Dietrich.Wieviel macht es?"

Er zahlte den Fahrpreis und befahl dem Chauf­feur, zu warten. Er wollte die paar Schritte bis zu Marlens Wohnung zu Fuß zurücklegen.

Suchend fah er sich um. Das fah hier nicht nach großen Villen aus. Hier waren nur noch kleine Bauernhäuser, Gärtnereien und kleine Lauben in­mitten von weiten Gemüse- und Blumenkulturen. Die Nummernschilder bestanden zum Teil nur aus kleinen Pappstücken mit einer primitiven Aufschrift.

34a las Dietrich, b, c. Nun machte der Weg eine kleine Kreuzung. Er befand sich jetzt völlig zwischen Gärten, die in der vollen Pracht des Spätsom­mers blühten. Dahlien standen hoch da und wandten ihre leuchtenden Blumengesichter der Sonne zu. Nelken, Leokoien, Spätrosen blühten in überschäumender Fülle um ein kleines, weißes Sommerhäuschen. Dahinter dehnten sich Blumen- unb Gemüsefelder, Inmitten dieser Pracht stand eine junge Frauengestalt. Sie hatte eine große Arbeitsschürze um. Ein weißer Helgoländer ver­deckte einen Teil ihres Gesichts. Jetzt bückte sie sich nieder und jätete offenbar Unkraut zwischen ben Blumen aus. Ihre schlanke, geschmeibige Ge­stalt war voll von der Sonne beleuchtet.

Gerade wollte Diettich sie anrufen und fragen, ob sie ihm Auskunft über Marlen geben könnte. Er mußte hier fehl am Orte fein. Wie hätte Marlen hier wohnen sollen? Hier war doch offen­bar eine Gärtnerei.

Da richtete sich die Frauengestalt auf. Aus dem weißen Sommerhäuschen hatte eine Männerstimme geklungen, die irgend etwas gerufen hatte. Jetzt wandte sich die Frau voll um. Sie bemerkte Öen hmter der Linde Verborgenen nicht. Aber Dietrich sah, es war Marlen.

®as tat sie hier? Was bedeutete das alles? Sie schien hier wirklich zu Hause zu sein. Jetzt rief sie mit heller Stimme:

Ich komme gleich."

Diettich sah, wie sie eine Gartenschere von einem kleinen Werktisch nahm und von den schönsten Ro- sen einige abschnitt. Jetzt erschien in der Tür des kleinen Häuschens ein junger Mann. Er hatte einen Automantel an und trug eine Reisetasche in der Hand.

Marlen eilte auf den jungen Mann zu. Deut- lich hörte Dietrich sie sagen:

Hier, Georg, die Blumen sollen dich ein ganzes Stück begleiten! Aber meine Gedanken begleiten dich noch viel weiter!"

Der junge Mann strich Marlen zärtlich über das blonde Haar, von dem sie den Gartenhut abgenom­men hatte.

Ich dank' dir, mein Liebes!" Seine Stimme schwang klar und deutlich durch die Sommerhift. Und nun wollen wir uns den Abschied nicht zu schwer machen."

Dietrichs Herz erstarrte in einer talkn Wut. Er sah, wie Marlen und der junge Mann sich umarm­ten und küßten. Wie Marlen den Mann immer wieder zärtlich umfaßte. Nun war ihre Stimme schwer von Tränen.

Bleib gesund und komm, so schnell du kannst, zu mir zurück!"

Marlen", sagte der junge Mann, auch er schien nun sehr bewegt,warum willst du nicht mitkom- men? Es wäre doch zu schön gewesen, Marlen!"

Nein, nein, das geht nicht", hörte Dietrich Mar- len traurig, aber bestimmt sagen.Du weißt, ich bin ja nicht frei."

2ch rufe dich heute abend noch an, Marlen, und schreibe dir alle Tage", versprach der junge Mann. Dann gingen sie beide eng umschlungen der Gartenpforte zu.

Dietrich stand hinter dem Baum verborgen. Er hätte hervorstürzen mögen. Aber er war wie ae- lähmt. Es war ihm, als tanzten feurige Wirbel vor feinen Augen. Alles verschwamm undeutlich.

Er sah nur noch, wie der junge Mann in ein kleines Auto stieg, das seitlich der Gartenpforte hielt. Marlen beugte sich noch einmal zum Wa­gen herüber. Sie konnten sich offenbar nicht von­einander trennen, die beiden. Denn noch einmal umarmten sie sich innig.

Dann stand Marlen allein, sah dem Wagen nach. Ihr weißes Tuch winkte, bis nur noch eine Staub­wolke in der Ferne zu sehen war.

21. Kapitel.

Diettich stand immer noch wie gelähmt hinter dem Baum. Er sah Marlens Gesicht ganz nahe vor sich. Es trug den Ausdruck eines tiefen Schmerzes. Jetzt schluchzte sie einmal auf, drückte das Tuch vor die Augen, stand einen Augenblick in schlaffer Haltung und wandte sich bann müde zum Gehen.

Da schrie sie auf. Diettich war mit einem harten Schritt hervorgetreten. Sie starrte ihn an wie ein Gespenst. Ihr Gesicht war schneeweiß. Dann sagte sie leise:

Du hier?"

3a ich! Und gerade zur rechten Zeit, um deinen Abschied von diesem Herrn mit anzusehen."

Abscheu, Verachtung, Wut standen in Dietrichs Augen. Marlen sah ihn an. Im Augenblick begriff sie, was er dachte.

Eine glühende Blutwelle schoß in das eben noch so bleiche Gesicht:

Was erlaubst du dir zu glauben?"

Schneidend kam es zurück:

Was ich mit eigenen Augen gesehen habe. So hatte Jutta doch recht mit dem, was sie mir ge­sagt hat."

Jutta?" Marlen flüsterte es tonlos.

Jawohl, sie hat dich mit diesem Herrn, von dem du dich eben zärtlich verabschiedet hast, zusammen gesehen. Ihr ginget zusammen ins Hotel ,5ßeftpart<. Leugnest du das etwa vielleicht auch? Dann will ich dir sagen: Ich habe bereits im Hotel festgestellt, daß Juttas Angaben wahr sind. Ober willst du nüber- sprechen?"

Mit Marlen war eine jähe Veränberung vor­gegangen. Als sie Dietrich wiedergesehen, war in ihr etwas Unbeschreibliches aufgebrochen. Nach dem ersten Schreck hatte sie eine sinnlose Hoffnung ge­habt, er wäre zu ihr zurückgekommen. Er hätte auf irgendeine geheimnisvolle Weise sein Unrecht ein­gesehen. Irgendeine Stimme des Herzens hätte chn zu ihr geführt. Da kam die ungeheuerliche Anschuldi­gung, da fiel Juttas Name. Nun wurde ja alles klar. Dietrich wartete nur auf eine Gelegenheit, sich von ihr zu befreien. Sicher hatte er sich Jutta wieder genähert, und Jutta war bereit, feine Frau zu werden, wenn er frei wäre.

Da brach alles in ihr zusammen, was an plötz­licher Hoffnung, an Lebenskraft in ihr gewesen war. Nichts blieb als die Scham über diesen Schimpf nichts als die tiefe, entsagende Liebe. Dietrich wollte sich von chr trennen. Aber mußte er dazu die­sen Weg wählen, der sie erniedrigte? Sie mußte es ihm leicht machen. Dies hier mußte so schnell wie möglich zu Ende kommen. Sie wäre sonst zusam­mengebrochen.

Was hast du mir zu sagen?" fragte sie mit Auf­bietung aller Kraft.

Schneidend kam Dietrichs Antwort:

Du hast mir damals versprochen, daß du mei­nen Namen achten wirst. Es war das einzige, was ich von dir verlangte. Auch dieses Versprechen hast du gebrochen. Es ist vorbei zwischen uns. Ich tarn Ijierber, dich um die Scheidung zu bitten. Jetzt aber brauche ich nicht mehr zu bitten, jetzt fordere ich die Scheidung. Du wirst alles nähere von meinem Anroalt hören. Rechne nicht auf meine Großmut! Wenn du dich weigern solltest, werde ich mich nicht scheuen, ben Scheidungsgrund offen vor Gericht zck nennen. Dann mag alle Welt ihn erfahren."

Da richtete sich Marlen hoch auf. Das war zu­viel. Sie liebte Dietrich über alles In der Welt. 2lber auch von dem geliebteften Menschen burftt man sich dies nicht mehr bieten lassen.

Du hast nicht nötig, mir zu drohen, ich willige in alles ein."

(Fortsetzung folgt!)