Kr.M Drittes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Overheffen)
Dienstag, 14. Mai (935
Trachtenhochzeit in Niederkleen.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Die Braut in Tracht.
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O Niederkleen, 12. Mai. Gestern fand hier unter Beteiligung fast des ganzen Ortes und auch vieler auswärtiger Zuschauer eine Trachten- Hochzeit statt, allem Anschein nach wohl die letzte oder eine der letzten in der alten schönen
Hüttenberger Tracht. Wohl sind noch einige junge Trachtenträgerinnen vorhanden, und Die Ortsgruppe Niederkleen für Volkstum und Heimat pflegt und wahrt aufs beste die Tradition der Hüttenberger Tracht. Aber trotz alledem lehrt die Erfahrung der letzten Jahre, daß manche Braut noch kurz vor ihrer Verheiratung sich anders trägt. Vielfach ist hieran nicht die Braut, sondern der Bräutigam schuld, der wünscht, daß die Braut fürder „firnehm" oder lang und nicht mehr kurz gehen soll. Bei der gestrigen Hochzeit hat der alte starke Hang zum Herkömmlichen, der die Bewohner des Hüttenbergs besonders auszeichnet, sowie der Sinn, festzuhalten am Volkstum und Brauchtum, von der nationalsozialistischen Bewegung und nationalsozialistischen Weltanschauung erneut ins Licht gestellt, den Sieg davongetragen.
Es war ein stattliches Paar, das gestern die Dorfstraße entlang schritt. Johann Bauer aus Braunegg (Niederösterreich) und Anna Meier, die Tochter eines hiesigen Landwirts. Ein großer Teil der Dorfbewohner,' sowie der SA.-Motorsturm standen dem Paare Spalier auf dem Wege zum Traualtar. Der Ortsgeistliche hatte seiner Traurede das Wort aus Johannes 16, 22, zugrunde gelegt: „Euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen". Das Hochzeitsfest nahm den üblichen Verlauf. Interessant anzublicken für den Städter mögen die Kuchen gewesen sein, die bei dem Kaffeetrinken nicht zerschnitten, sondern ganz aufgetragen werden. Der Hochzeitsgast schneidet sich selbst den Kuchen ab, den er verzehrt. Von dem „Waase Küche", der, wie es schon Abbicht in seiner Chronik schreibt, „zu den Ergötzlichkeiten der Hüttenberger gehört", erhält fast das ganze Dorf; insbesondere wird aber hierbei der Kranken, Armen und Alleinstehenden gedacht.
Eine Reihe von Ehrungen wurde dem jungen Paare zuteil, von denen besonders ein Geschenk des SA.-Motorsturmes hervorgehoben sei, war doch Johann Bauer ein unerschrockener, unentwegter Vorkämpfer im Hüttenberg für die nationalsozialistische Bewegung, seit Anfang 1930 in der Partei, in der SA. und jetzt im SA.-Motorsturm.
Blick auf den Hochzeitszug. — (Aufnahme: Theo Steeg, Wetzlar.)
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Gespräch mit einer Schelle.
Mitternacht ist's. Im rötlichen Licht meiner Lampe, die das Krankenzimmer nur matt erhellt, glänzest du, kleine, runde, schwarze Schelle, tröstend aus dem Helldunkel der drohenden Wand.
Was sinnst du, kleine Schelle? Wartest du auf meine Hand? Dein kleiner, elfenbeinfarbener Mund ist gelb geworden im Lauf der Tage und Nächte, in denen du still gewartet hast, bis eine Hand deine silberhelle Stimme ertönen ließ.
Viele Hände waren es. Allzuviele. Alte und junge, geduldige und ungeduldige, fieberheiße und kühle.
Deine Stimme blieb sich nicht immer gleich, nicht wahr, kleine Schelle? Manchmal riefst du ganz zart und leise, um die heilige Stille der Nacht nicht grausam zu zerstören, manchmal mußtest du zwei- oder dreimal rufen, schrill und laut.
War es, wenn du um Hilfe riefst? War es, wenn der Schmerz den Leib sich aufbäumen ließ? War es, wenn die Angst vor dem Messer des Arztes die Seele schüttelte? War es, wenn die tröstende Stimme der Schwester die quälenden Schatten der langen, langen Nacht verscheuchen mußte? War es, wenn ein Kinderweinen das Herz zerriß? Oder ein Frauenschrei durchs Haus schrillte, als sich ein neues, süßes Leben zum Lichte durchrang?
Komm, elfenbeinerner Mund, rufe auch mir die Schwester herbei, daß sie mit einer kleinen weißen Zauberpille meinen Augen den Schlaf schenke, den sie so sehr ersehnen, liebe, kleine Schelle.
E. L. Stoltenberg.
Dre SerienorDnuno
Der Reichsstatthalter in Hessen — Abteilung II — hat an die Direktionen der höheren Schulen und an die Kreis- und Stadtschulämter folgende Verfügung gerichtet:
Zur einheitlichen Regelung des Schuljahres ordnen wir nach den Richtlinien des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung folgendes an:
Die Gesamtdauer der Ferien beträgt weiterhin 85 Tage.
a) Die Osterferien bleiben für dieses Jahr wie bereits verfügt bestehen.
b) Die Psingstierien dauern eine Woche. Schulbeginn am 17. Juni.
c) Die Sommerferien dauern 40 Tage und erstrecken sich für alle Schulen in den Städten Darmstadt, Mainz, Gießen, Offenbach, Worms, Friedberg, Bad-Nauheim und Bensheim vom 8. Juli bis 17. August.
d) Die Herbstferien dauern für alle Schulen der genannten Städte eine Woche. Letzter Schultag 12. Oktober, Wiederbeginn des Unterrichts am 21. Oktober.
e) Die Weihnachtsferien dauern vom 23. Dezember bis 6. Januar.
Für alle übrigen Orte des Landes sind die Sommer- und Herbstferien nach dem Stand der Erntearbeiten im Einvernehmen mit den Schulämtern festzulegen. Sie dürfen die Zeitdauer von sieben Wochen insgesamt nicht überschreiten.
Oie Beflaggung der Dienstgebäude.
Der Reichsstatthalter in Hessen — Zentralabteilung — bringt allen unterstellten Behörden, Gemeinden, Gemeindeverbänden und sonstigen Körperschaften des öffentlichen Rechts einen Erlaß des Reichs- und Preußischen Ministers des Innern vom 17. April 1935 über neue Beflaggungsvorschriften, die bei allen Flaggenanordnungen der Reichs- oder Landesregierung genau zu befolgen sind, zur Kenntnis. In dem Erlaß des Reichs- und Preußischen Ministers des Innern wird bestimmt:
(1) Für die Beflaggung von Gebäuden und Gebäudeteilen, die von staatlichen und kommunalen Verwaltungen, Anstalten und Betrieben, von sonstigen Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts, sowie von öffentlichen Schulen benutzt werden, gelten bis zur endgültigen Regelung der Reichsfarben folgende Bestimmungen:
(2) Auf den Gebäuden find wie bisher die Hakenkreuzflagge und die schwarz-weiß-rote Flagge (auf Reichsdienstgebäuden die Reichsdienstflagge oder die schwarz-weiß-rote Flagge) gemeinsam zu hissen. Der Hakenkreuzflagge gebührt die erste Stelle. Bei Vorhandensein nur eines Flaggenmastes ist an ihm die Hakenkreuzflagge zu setzen, während die schwarzweiß-rote Flagge an der Hauptfront des Gebäudes auszuhängen ist. Sind zwei Masten vorhanden, so wird die Hakenkreuzflagge rechts, die schwarz-weiß- rote Flagge links gesetzt, vom Innern des Gebäudes aus mit' dem Blick zur Straße gesehen. Bei Vorhandensein von drei Masten ist rechts und links die Hakenkreuzflagge, in der Mitte die schwarz-weiß-rote Flagge zu setzen. Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts, die bisher eine eigene Flagge führen, können diese an Stelle der zweiten Hakenkreuzflagge zeigen.
(3) Die Gebäude der Wehrmacht setzen wie bisher nur die Reichskriegsflagge.
(4) Die Beflaggung beginnt um 7 Uhr morgens und endet bei Eintritt der Dunkelheit.
Aus parteiamtlichenBekanntmachungen
Der Lebensmittelopferring der Ortsgruppe Nord veranstaltet am Mittwoch und Donnerstag eine Lebensmittelsammlung. Die Hausfrauen werden gebeten, die Lebensmittelpakete bereitzuhalten.
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Zur Eröffnung der Reichsautobahn Frankfurt — Darmstadt am 19. M a i werden 2 Sonderzüge fahren, deren einer um 7,55 Uhr in Grünberg, 8,04 Uhr in Saasen, 8,10 Uhr in Reiskirchen, 8,16 in Großen-Buseck. 8,21 Uhr in Rödgen und 8,41 Uhr in Gießen abfährt und um 10,45 Uhr in Walldorf ankommt, während der andere Zug um 6,20 Uhr in Gießen, 6,31 Uhr in Großen-Linden, 6,38 Uhr in Lang-Göns abfährt und 8.30 Uhr in Mitteldick ankommt. Die Rückfahrt der Züge erfolgt ab Wolldorf um 17,05 Uhr bzw. ab Mitteldick um 17,57 Uhr. Die Fahrkarten sind nur über die Ortsgruppenleiter der PO. zu beziehen
AG.-LehrerSund, Gießen.
Mittwoch, 15. Mai, 15.30 Uhr im Singsaal des Realgymnasiums: Bezirks - Versammlung der Fachschaft „Höhere Schule". 1 Eine Unterrichtsstunde; 2. Aussprache.
Fachgruppe Mathematik und Naturwissenschaften.
Donnerstag, 16. Mai, 16 Uhr im Physiksaal des Realgymnasiums. Studienrat Fischer: Das Lichtmeßverfahren. Studienreferendar Stork: Experimentelle Darstellung der Gesetze des Wechselstroms.
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jetzt in der luftleeren Dose:
stets frisch wie am Tage der Röstung
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Roman von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
21. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Ich muß noch heute abend zurück sein, Gerd- chen! Ich kam so früh, daß wir wenigstens ein paar Stunden für uns haben sollten. Auf Wiedersehen, Mutter!"
Er reichte seiner Mutter die Hand, wollte sich von Gerda verabschieden. Sie trat mit ihm zur Tür. „Ich begleite dich noch schnell!"
„Du bleibst hier, Gerda! Es fehlte noch, daß du dir nochmals schmutzige Schuhe holst!" widersprach die Mutter.
„Die paar Schritte lohnen sich wirklich nicht, Gerüchen!" tröstete er, als sie auf der Diele standen. „Nächsten Sonntag komme ich wieder — diesmal dauert es nicht so lange."
Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn stürmisch. „Ja, komm bald wieder!"
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und sah ihr tief in die Augen. „Behalte deinen Papa lieb, Gerdchen!" entfuhr es ihm mit gepreßter Stimme.
„Immer!" antwortete sie, ohne ihn loszulassen. „Immer!" „
Er fühlte Nässe auf seinen Wangen. „Gerda , sagte er betroffen, „was ist denn? Du weinst?" „Nimm mich mit dir, Papa! Nimm mich mit!" „Es geht doch nicht, Gerdchen!" antwortete er nur, küßte sie noch einmal auf die Stirn. Dann riß er sich los und eilte, ohne sich umzusehen, davon.
Es war ganz dunkel geworden, als er in Frankfurt einfuhr. Vor einem großen Miethause machte er halt.
Er verließ das Auto und trat eilends ins Haus. Im zweiten Stockwerk blieb er stehen und klingelte.
Eine ältere Frau öffnete. „Ach, Herr Morland! Treten Sie nur ein, Herr Schroder ist zu Hause!"
Schon auf der Schwelle kam ihm der Freund entgegen. „Du, Fred? Dich hätte ist nicht erwartet! Treibt dich die Langweile?"
Sie traten in den Raum. Ernst hatte hier zwei möblierte Zimmer für sich: ein Schlafgemach und ein Musik- und Arbeitszimmer, wie er es selbst nannte.
Es war, als ob man in das Zimmer eines Gelehrten oder eines Künstlers trat. Große Büchergestelle zeigten sich an den Wänden, das Klavier war geöffnet, Noten lagen herum, der Schreibtisch war mit Büchern bedeckt.
Fred ließ sich schwer in den Sessel vor dem Schreibtisch fallen. Er schwieg, eine übergroße Müdigkeit kam über ihn.
„Was hast du, Fred? Warum kommst du zu so ungewohnter Stunde?"
Fred stützte den Kopf in die Hand — er sagte nur drei Worte: „Kitty ist hier!"
„Sie ist hier? Wo? Was will sie?"
Fred richtete sich in dem Sessel auf. „Ja, da fährst du zusammen, wie ich gestern zurückfuhr, als sie plötzlich in der Gesellschaft bei Lechners vor mir stand. Wir sind beide keine guten Komödienspieler, können von ihr lernen. Sie ist ganz die große Weltdame geworden, die ihr immer vorgeschwebt hat, ist so schon, so verführerisch wie einst; sie war sehr liebenswürdig, sehr unterhaltend, und nur ihr Blick hat mir gesagt, daß sie noch nicht vergessen hat."
Ernst setzte sich dem Freunde gegenüber. „Was kann sie wollen?"
„Das wird sich zeigen. Sie kann vielerlei wollen. Vielleicht genügt es ihr, den Mann wieder an sich zu fesseln suchen, der einmal an ihre Liebe und Treue geglaubt hat. Vielleicht will sie ihn auch nur treffen. Sie ist Witwe, keine Rücksichten verbieten ihr mehr, sich um das Kind zu kümmern. Vielleicht ist auch ein leises Muttergefühl in ihr erwacht. Vielleicht treibt sie auch nur die Neugierde."
„Fred, sie hat kein Recht auf das Kind!"
„Recht, Recht! Kann ich Gerda vor ihr schützen? Kann ich sie bewachen? Kann sie sich Gerda nicht nähern, sie langsam und sicher an sich locken?"
„Gerda wird ihrem Werben standhalten; sie liebt dich!"
„So habe ich gedacht — bis heute? Heute weiß ich, daß sie auch das Blut der Mutter in sich trägt!"
„Ach, Fred, nun siehst du Gespenster!"
„Ich sehe nur klar! Gerda vermißt die Mutter, ist unglücklich, mochte aus dem kleinen Ort hinaus, will Leben um sich haben, Vergnügungen!"
„Sie ist dein Kind, Fred! Hat es dich nicht hinausgelockt? Warst du einer der Ruhigsten?"
„Sieh sie dir doch mal an. Die Ähnlichkeit mit Kitty wird dir auffallen. Ihr ganzes sicheres Benehmen gleicht der Mutter, ihr..."
„Sei doch froh, wenn sie die natürliche Slnmut, der Mutter geerbt hat, deren beschwingten Geist teilt. Beides in rechte Bahnen zu lenken, mar dir vorbehalten. Du hast es verstanden."
„Du willst mich trösten, Ernst, mich beruhigen! Du weißt, wie ich an Gerda hänge. Was soll ich tun, wenn sie von meiner Mutter fortstrebt? Wenn sich die beiden nicht verstehen? Gerda wird immer älter, wird meiner Mutter immer fremder werden. Wem aber hätte ich sie sonst anvertrauen sollen?"
Eine Pause entstand. Auch Ernst wußte nichts zu sagen.
„Sie wird mir entgleiten, ganz gewiß, wird der Mutter folgen, weil sie der Großmutter entgehen will", fuhr Fred endlich erregt fort „Sie wird nur zu bald fühlen, daß die Mutter ihr das bietet, wonach ihr Sinn steht."
„Ich habe nie Leichtsinn und Oberflächlichkeit bei Gerda bemerkt. Sie hat ein weiches Herz, ist für alle Eindrücke empfänglich. Sie braucht Liebe, Verstehen; bei dir hat sie beides gefunden, bei deiner Mutter fehlt es daran."
„Willst du meiner Mutter einen Vorwurf machen?"
Ernst stand auf, trat zu dem Freund und nahm dessen Hand. „Ich wüßte einen Ausweg, Fred! Sprich mit deiner Frau!"
„Mit Liane?" Unwillig stieß Fred die Hand fort.
„Ja, mit ihr! Sie ist nicht mehr das mutwillige, trotzige Kind, das sie war, als du ihr deinen Namen gabst. Bringe ihr Gerda, du gäbst ihrem Leben einen Inhalt, den sie braucht. Sie hätte das rechte Verständnis für das Mädchen, würde ityre Freundin, ihre Vertraute. Sie würde dir das Kind erhalten, du hättest sie immer um dich, brauchtest nach keinen Ausflüchten mehr zu suchen, die du innerlich verabscheust."
„Wie kann ich mit Liane über Gerda sprechen, wo ich ihr erst meinen Namen geben mußte?"
„Sie wird verstehen? Du beurteilst sie falsch, wenn du glaubst, daß sie kleinlich, daß ihr an dem Urteil der Menschen etwas gelegen ist. Leid hat sie reif gemacht. Sie weiß nichts von Selbstsucht, sie ist die Güte, die Herzlichkeit selbst."
Fred sah den Freund mit staunenden Augen an. „Du sprichst gut von Liane, sprichst, als ob du sie liebtest!"
„Ja — wenn ihr Herz nicht dir für alle Zeiten gehören würde, ich würde versuchen, sie für mich zu gewinnen!"
„Wie soll sie mich lieben! Sie hat nie Gutes von mir erfahren!"
„Liebe fragt nicht danach? Man kann sie mit Fsißen treten, sie wird dennoch bestehen bleiben. Lerne Liane erst kennen, und du wirst sehen, welch treues, aufopferndes Herz in ihrer Brust für dich schlägt?" —
) Fred lenkte das Auto nach Hause. Das Wetter war noch schlechter geworden. Ein heftiger Sturm hatte sich erhoben, der den Regen an die Scheiben des Autos peitschte. Fred fühlte sich von Kälte und Nässe zusammenschauern. Er war froh, als Lianes Haus endlich vor ihm lag.
Wie ausgestorben kam ihm die Villa vor, nur aus einem Fenster schimmerte mattes Licht in die Dunkelheit.
„Du bist es, Fred?" klang Lianes, erstaunte Stimme an fein Ohr.
Ja!" antwortete er kurz zurück, legte den feuchten Mantel ab und kam die Treppe herauf.
„Hast du schon zu Nacht gegessen? Soll ich dir Tee machen?" fragte sie, ohne daß eine Frage in ihrem Blick gelegen hätte.
„Gegessen habe ich noch nichts, und für einen Tee wäre ich dankbar!" antwortete er und ging an ihr vorüber.
In seinem Zimmer zog er sich vom Kopf bis zu den Füßen um und fühlte sich etwas behaglicher, als er kurze Zeit darauf in das Wohnzimmer trat.
Behagliche Wärme kam ihm entgegen. Liane aber war nicht in dem Raum. Sie mußte in dem Lehnstuhl am Kamin gesessen haben, der neuerdings ihr Lieblingsplatz war. Die große Stehlampe neben dem Sessel brannte, auf dem Sitz lagen Seidenreste und Bänder, auf dem Sims des Kamins standen Bücher.
Fred fröstelte noch immer; er trat an den Kamin. Sein Blick streifte die Bücher. Es waren Einführungen in Wagners Werke. Er mußte lächeln. Aha, sie ging in Ernsts Schule. Merkwürdig, daß die kleine Liane daran Gefallen fand. Vorsichtig hob er die Bänder von dem Sessel, um sich zu setzen. Er hielt ein reizendes Kinderhäubchen in Händen. Ob es für das Blindenheim bestimmt war?
Seltsam, wie ihn die Kleinigkeiten rührten, wie sich die Behaglichkeit des Zimmers ihm mitteilte. Er ließ sich müde in den Sessel sinken
Auch Liane hatte sich umgekleidet. Sie kannte nun schon seine Vorliebe für alles Helle, und ihr war, als ob sie an diesem Abend mithelfen müsse, den Schatten zu verwischen, der auf ihm lag.
„Du mußt entschuldigen, wenn es ein bißchen lange gedauert hat und ich dir serviere'" sagte sie zögernd. „Ich habe die Mädchen fvrtgeschickt. Sie freuen sich immer so sehr, wenn sie zusammen ausgehen können. Ich brauche sie ja auch nicht."
„Du bist ganz allein im Hause?" fragte er verwundert. „Gibst du den Mädchen jeden Sonntag Ausgang?"
„Ja!" erwiderte sie leise und schüchtern.
„Und du bleibst immer zu Hause?"
„Ja!" entgegnete sie, noch zaghafter als vorbin.
„Aber warum denn, Liane? An Geselligkeit fehlt es dir doch nun wahrbaftig nicht! Bleibst du denn so gern zu Hause? Warst du immer so einsam? Ich dachte, zu Lebzeiten deines Vaters hättet ihr sehr oft Gäste bei euch gesehen. Warum hat sich das so völlig geändert?"
„Gäste hatten wir wohl, aber Einladungen sehr selten! Papa hatte wenige gute Freunde, die oft kamen, ich einige Freundinnen, die uns ohne Aufforderung besuchten. Tante kam sehr selten, Papa verstand sich nicht besonders mit ihr Aber bitte, nun kannst du Platz nehmen!"
Wie zierlich der Tisch gedeckt war, wie appetitlich Wurst, kaltes Fleisch und Käse aufgetraaen war! Wirklich — die kleine Liane hatte viel gelernt.
Er betrachtete sie gerührt, entdeckte zum ersten Male, daß sie auffallend hübsch war. Sie hatte ein sehr feines Gesicht, in das wieder einige Fords gekommen mar.
(Fortsetzung folgt!)


