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Nr. 266 Zweites Blatt

Mehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, (Z. November (935

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Eröffnung des Gloria-Palastes in Gießen

Der Musikzug der Standarte bringt hierauf schnei­

dig den Festmarsch

Schröder

Gebär und kann

damit wieder

Blick von Ser Empore über den Saal zur Bühne. (Ausnahme: Neuner,Gießener Anzeiger".)

aus den Weg.

Vorräumen zeigt wie geschmackvoll neuen Heim des

ffich bereits, wie großzügig und in der Ausgestaltung bei diesem Films gearbeitet worden ist.

Dienstag gegen 16 Uhr. Wir betreten noch ein­mal, wenige Stunden vor der Eröffnung, die Räume des neuen Glorie-Palastes. Ueberall wird noch in emsigster Weise geschafft. Da werden Teppiche gelegt, dort die letzten Türbeschläge ange­bracht, hier noch Beleuchtungseffekte einer abschlie­ßenden Prüfung unterzogen, an einer anderen Stelle einiges am Gestühl gearbeitet, kurzum: mit stärk­stem Hochdruck wird überall die letzte Hand zum Gelingen des Werkes angelegt. Und dazwischen ist bereits die Schar der Putzfrauen bei der Arbeit, um überall dort, wo der Handwerksmeister das Feld endgültig geräumt hat, schleunigst alle Spuren seiner Arbeit zu verwischen. Und so geht es in emsigster Weise, wie die Bienen, weiter in der Ar­beit voran am Abend ist alles fix und fertig, blitzeblank und wunderbar hergerichtet zum Emp­fang der ersten Besucher bereit.

über ihre Vollendung; hier sei eine Stätte der Kultur geschaffen, so herrlich und meisterhaft, wie es nur die deutsche Arbeit fertigbringe. Der Ober­bürgermeister erinnert dann kurz an d i e Zeit, in der das deutsche Kino noch in den Kinderschuhen stak, so etwa um 1900 herum, er streift kurz die Jahre des künstlerischen und moralischen Verfalls der Filmkunst in der Zeit des überwundenen poli­tischen Systems und stellt demgegenüber die ge­waltige, aufbauende Wandlung heraus, die der deutsche Film nach der Machtübernahme Adolf Hitlers durch den Einzug eines neuen Geistes und durch die Einordnung in den aufbauenden Dienst für Volk und Vaterland erfahren hat. Mit Recht betont er, daß durch diese Neugestaltung der deut­schen Filmkunst auch die innere Verbundenheit zwi­schen Film und Volk wiederhergestellt ist zum Segen und zum Nutzen der Gesamtheit. Der Ober­bürgermeister tritt weiter der in der Gießener Be­völkerung hier und da geäußerten Meinung, durch das neue Lichtspieltheater werde dem Stadttheater Abbruch getan, entgegen und hebt klar hervor, daß diese Ansicht irrig ist, das Lichtspieltheater vielmehr eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen habe, als

das Stadttheater und beide sehr wohl nebenein­ander zum Nutzen der Bevölkerung arbeiten kön­nen. Mit dem Wunsche, daß auch dieses Lichtspiel­theater fruchtbar und segensreich für unsere Stadt­gemeinschaft und darüber hinaus für die engere Heimat und das ganze Volk wirken möge, daß es in gedeihlicher Weise mitarbeite an dem Neuaufbau Deutschlands nach dem Willen und den Plänen des Führers und damit dem großen Erneuerungswerk des Dritten Reiches zum vollen Erfolg verhelfe, so­wie mit dem Gedenken an den Führer und Reichs­kanzler Adolf Hitler schließt der Oberbürger­meister seine wirkungsvolle Ansprache. Der gemein­same Gesang der ersten Verse des Horst-Wessel- und des Deutschlandliedes folgen.

Wagner. Ebenso wie der Musikzug mit starkem Veisall begrüßt wird, findet sein prächtiges Spiel am Schlüsse wiederum den wohlverdienten stürmi­schen, dankbaren Beifall der Hörer

Nunmehr erfährt der Gloria-Palast die besondere Auszeichnung, daß der Leiter unserer Stadtver­waltung, Oberbürgermeister Ritter, dem neuen Haus das Geleitwort für feinen Weg in die Zu­kunft gibt. Der Oberbürgermeister betont in seiner Ansprache, daß man hier zur Eröffnung einer neuen Kulturstätte der Stadt Gießen zu­sammengekommen sei und daß sich auch in diesem Werke der Aufschwung und das Vorwärtsschreiten unserer Stadt im Rhythmus und im Tempo des neuen Deutschland offenbare. Die Stadtverwaltung begrüße diese neue Stätte herzlich und freue sich

.Deutschlands Ruhm" von

Eine Fülle von Licht und viele Blumen begrüßen die Gäste der Eröffnungsvorstellung schon beim Betreten der Dorräume des neuen, prächtigen Licht- spiel-Theaters. In der Halle, die mit einem schönen Bilde des Führers und Reichskanzlers Adolf Hit­ler geschmückt ist und reiche Blumenspenden auf­weist, empfängt der Besitzer des Gloria-Palastes A. Henrich in Gemeinschaft mit seiner Frau und mit seinem Direktor G e ye r die Gäste mit frohem Lächeln, das die Freude Über das gelungene Werkj widerspiegelt. Zahlreiche herzlich Glückwünsche für f i)Q5 neue Lichtspiel-Theater und das dadurch erwei- ierte Unternehmen kann Herr Henrich von seinen wielen Gießener Freunden und Bekannten in Emp- lang nehmen. Ununterbrochen fließt der starke «Strom der Besucher herbei, die sich bei der Weit­räumigkeit des Kassenvorraumes und der Empfangs­halle, sowie den bequemen Zugängen zum Saale rasch verteilen. Ueberall in den ~

Und dann erlebt der Besucher eine sehr ange­nehme Uebcrraschung beim Betreten des Saales. Rund 1100 Sitzplätze sind in diesem weiten Raume Vorhanden. Wohin man blickt, überall gewahrt das Auge em Bild der Schönheit und des Frohsinns, zum Ausdruck gebracht in der wunderbaren Ueber- einftimmung der prächtigen Beleuchtungsanlagen mit der stimmungsvollen Symphonie der Farben, n die auch das Bild des Gestühls, der Läufer usw. mit einbezogen ist. Das schöne Bild erfährt -eine strahlendste Gestalt, wenn alltz Beleuchtungs- -ffekte eingeschaltet sind, und es offenbart einen sehr ttimmungsvollen Reiz, wenn der Saal in künstliches Dämmerlicht versetzt ist, der große Bühnenraum iber durch die indirekte Beleuchtung rund um die Fassade der Bühne im hellsten Lichte erstrahlt. Da- u kommt die feine Abtönung durch die passenden Farben der Bühnenvorhänge. Im übrigen zeigt ich im Verlaufe der Eröffnungsvorstellung, daß vor inigen Tagen, als wir über den letzten Abschnitt "er Bauarbeiten im Gloria-Palast berichteten, von ans nicht zu viel gesagt wurde mit der Behauptung, er Bühnenraum werde bequem Platz bieten für iin großes Orchester und ebenso für Darbietungen, - ie nur auf breiter Fläche möglich sind.

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Das Parterre und die Empore des Saales sind i»ei Beginn der Eröffnungsvorstellung voll besetzt. !Vas Haus mit der großen, erwartungsvoll gestimm- Menschenmenge bietet ein festliches Bild. Der Musikzug der SA.-Standarte 116 unter Leitung !rs Musikzugführers Herrmann eröffnet von leer Bühne aus die Darbietungen mit dem feinen Spiel der FeftouvertüreRienzi" von Richard

starken Beifall erringen. Sodann übermittelt als Vertreter des Reichsverbandes der deutschen Licht­spieltheaterbesitzer Assessor Schmidt-Halin Herrn Henrich und Frau die herzlichsten Glück­wünsche des Reichsverbandes, wobei er Herrn Hen­richs unermüdliches Streben nach besten Leistun­gen in der Filmkunst und ihrer ebenso guten Wie­dergabe hervorhebt, dabei auch der ausgezeichneten Mitarbeit seines Direktors Geyer und der übrigen Gefolgschaft gedenkt, ferner der Baufirma Aber- mann und ihrem Geschäftsführer Lepper für das prächtig gelungene Bauwerk dieses neuen Thea­ters vollste Anerkennung ausspricht. Er rühmt wei­ter die verständnisvolle Förderung des für die Ar­beitsbeschaffung in unserer Stadt sehr bedeutsamen Unternehmens durch die Behörden und die Han­dels- und Gewerbebank, spricht kurz von den großen Aufgaben, die in dem neuen Hause im Dienste für Volk und Vaterland durch das Mittel des Films zu erfüllen sind, und gibt am Schluffe dem neuen Un­ternehmen die herzlichsten Wünsche des Reichsver­bandes der Deutschen Lichtspieltheaterbesitzer mit

Der Besitzer des Gloria-Palastes und des Licht- spielhauses in der Bahnhofstraße, A. Henrich, bringt in kurzen Worten seinen herzlichsten Dank für die vielen freundlichen Wünsche zur Vollendung dieses Werkes zum Ausdruck. Er betont, daß er es sich immer angelegen sein lassen werde, in diesem Hause nur Gutes zu bieten, und er erbittet sich zur Erfüllung dieses Vorsatzes die Unterstützung der ge­samten Gießener Bevölkerung. Weiter betont er be­sonders, daß durch die neue Gießener Stätte des Films das Lichtspielhaus in der Bahnhofstraße in keiner Weife vernachlässigt werden solle, vielmehr auch dort der gute Film nach wie vor seine Pflege­stätte haben werde.

Ein Festspruch, der von Robert Matter in Frankfurt a. M verfaßt ist und von Frl. Margot Gilbert (Gießen) vorgetragen wird, bringt noch einmal in herzlichen Worten aufrichtige Wünsche für das neue Unternehmen.

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Nunmehr tritt die Kunst in Erscheinung. Mit akrobatischen Tanzleistungen der3 R e n a n s", dis einen modernen akrobatischen Walzer und, nach einem Solo-Walzer der Tänzerin Lila Zollin­ger, einen weiteren akrobatischen Tanz bringen, wird den Besuchern eine große Freude bereitet. Es ist eine unbestrittene fabelhafte Tanzleistung, die von diesem Künstlertrio gezeigt wird und die wohl kaum zu übertreffen sein dürfte. Jedenfalls wird mit dieser Darbietung gezeigt, daß auch die un­mittelbar darstellende Kunst auf der Bühne des Gloria-Palastes eine gute Stätte haben dürfte.

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Nach einigen Bildern der Wochenschau, die die wichtigsten Zeitbegebenheiten bringen, folgt als Ab­schluß der festlichen Veranstaltung der Spitzenfilm der TerraDie Pompabour". Man sieht hier in dem Milieu des Versailles von damals einen Ausschnitt aus dem Leben der in ihrer Zeit viel­geschmähten Geliebten des französischen Königs Ludwigs XV., der Marquise von Pompadour, einen Ausschnitt, der diese ungekrönte Herrscherin über Frankreich und seinen König einmal in einem ganz und gar menschlichen und weiblichen Erleben dar­stellt: in der leidenschaftlich entflammten und dann doch am Schluffe, um höherer Ziele willen, ent­sagungsbereiten Liebe zu einem jungen, unbekann­ten Maler vom Montmartre. Diese Liebesaffäre, die ihren Anfang am Hofe Ludwigs XV. in den Gärten der Pompadour nimmt, dann durch das Malerstübchen in Montmartre führt, um schließlich wieder am Königshofe auszuklingen, erfährt durch den Einsatz bester Künstlerkräfte des Films und reicher technischer Mittel eine sehr wirkungsvolle Wiedergabe. Zur Kennzeichnung der hohen künst­lerischen Qualität dieses Films dürfte es schon ge­nügen, darauf hinzuweisen, daß Käthe v. Nagy mit ihrer gereiften schauspielerischen Kunst die Pom­padour darstellt und Leo S l e z a k mit feiner eben­falls überragenden Künstlerschaft die Rolle des Gastwirts Barbanelle spielt. Neben diesen Großen der Filmkunst stehen mit glänzenden Leistungen Willy E i ch b e r g e r als der unbekannte Maler Boucher, dem die Pompadour in der Maske des kleinen Mädchens aus dem Volke ihre ganze hin­gehende Liebe schenkt, und Anton E d t h o f e r , der in feiner Gestaltung den König Ludwig XV. verkörpert Die Vorführung dieses mit Recht als Spitzenfilm bezeichneten Werkes der Filmkunst war

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Gießener Stadttheater.

Henrik Ibsen:Peer Gynt".

1928, zur Feier von Ibsens 100. Geburtstage, tat das Stadttheater zum letzten Male denPeer GSpnt" gegeben. Vor sieben Jahren also, das ist 'ine lange Zeit, aber seit Ibsens Tode sind doch chon fast drei Jahrzehnte vergangen, und wenn rian jetzt hin und wieder von neuen Inszenierun­gen Jbjenscher Stücke liest, in Berlin spielt pgenroärtig z. B. Agnes Straub in ihrem Theater i eGespenster" so findet man nicht selten, an­läßlich eines solchen Einzelfalles, Betrachtungen tarüber, was Ibsen uns heute noch zu sagen und m geben habe, und ob nicht überhaupt viele seiner Gestalten und Probleme, die uns etwa um die ?lllhrhundertwende bewegten, erschütterten, zu Dis- lissionen und grundsätzlichen Entscheidungen auf- riefen, mittlerweile eine feine Staubschicht bekom- n en haben. Das kann in diesem Zusammenhang rrilürlid) nicht untersucht werden; wir finden auch hmte noch keinen Anlaß, zu vergessen, was Ibsen ir it seinen (damals somodernen" und revolutionär (mmutenben) Stücken für uns einmal bedeutet hat, fi r die Prägung und Anwendung neuer Formen imb neuer Gedankengänge, für die Zertrümmerung alter, morsch gewordener Götzenbilder und für die 2>iufrichtung junger Gesetzestafeln, aber es scheint ins doch, daß'man mit demPeer Gynt" eine fiüdlidjere Wahl getroffen habe als mit denGc- f;i entfern", um ein Beispiel zu nennen, das ebenso gut auch einen anderen Namen tragen könnte.

DennPeer Gynt" ist nicht nur das jugend­lichste, das skandinavischste und das romantischste lierE des Kausmannssohnes und ehemaligen Apo- ÜLkers aus Skien, sondern auch sein zeitlosestes Llück, dessen Problematik in den dreißig Jahren [i:t seinem Tode kaum etwas von ihrer Frische Dirtoren hat. Daß es ursprünglich als Epos ge- punt war, merkt man ihm heute noch an, und daß b: s Theater noch mit der technischen Bewältigung jener szenischen Probleme gekämpft hat, als die fimf ausladenden Akte längst in die Weltliteratur e^gegangen waren, ist gewiß. Und es zeugt sicher icht nur von äußeren Schwierigkeiten im szeni- ic en Raum (die wir inzwischen auch zu bewältigen gßernt haben), sondern nicht minder von der giggenroärtigen Lebendigkeit, ja Aktualität der Fabel, »nn die jüngste Kunst des Jahrhunderts, der Film, üite Neuformung des Werkes nach eigenen Gesetzen Dtir gar nicht langer Zeit erst unternommen hat.

Welch eine Fülle der Gestalten, der Gesichte, der Diotioe; welch eine romanhaft epische Breite des ölbensausschnittes, die allenthalben den ohnehin jwäumig und großzügig bemessenen Szenenraum >i durchstoßen und zu sprengen droht; welches Zu- iDmmenfpW -nh Wirkl-<b^

Naturspuk, Märchen und schroff belichteter Reali­tät; welch eine Mischung von Phantasie und kühlem Gedankenwerk, von norwegischem Volksstück und Menschheitsdichtung.

Es ist oft genug auf den typisch norwegischen Nationalcharakter desPeer Gynt" hingewiesen und gezeigt worden, wie dieses Werk als Geschenk, als Spiegel eigensten Wesens vom Dichter seinem Volke bargeboten worden sei. Auch ist von den Beziehungen des Stückes zu Björnsons Bauern- gefchichten wie zu seinem eigenen, unmittelbaren VorläuferBrand" oft genug die Rede gewesen. Uns ist und war schon immer wichtiger die Nach­barschaft zweier anderen Werke, der menschlichen Tragödie imFaust" und der Märchenkomödie Der Traum ein Leben" von Grillparzer.

Die unstillbare Sehnsucht nach einer Steigerung und Erhöhung des Lebensgefühls bildet hier wie dort den inneren Antrieb zur Fahrt in die Welt, zur Reise inswirkliche" Leben und zu den Quellen der Erkenntnis. Wie Faust nachBegierde und Genuß" schmachtet, wie Rustan nach ritterlichen Abenteuern und den Wundern der Ferne, so geht Peer Gynt auf die Jagd nach unumschränkter Macht, nach Reichtum und einem sagenhaften, nebelhaften Weltkaisertum. Faust endet, erlöst, nach einem tätigen Leben; Rustan erwacht, aufatmend und befreit, aus einem schweren Traum, recht­zeitig genug, um seine Grenzen, sein Glück, seine Heimat und seine wahre Liebe zu erkennen und für immer zu gewinnen.

Peer Gynt aber, Lügner, Träumer, Phantast, Nichtstuer und Schlemihl, ruheloser Mensch der ewigen Umwege und der falschen Fährten, von Erscheinungen geäfft, von Stimmen genarrt, von jeder Himmelswolke verführt, vom Wüstenspuk der Fata Morgana geblendet, treibt, von der Weltfahrt heimkehrend, nach furchtbarem Schiffbruch drinnen und draußen, als ein müder und armer, alter Mann in den Hafen der Heimat: zu spät er­kennt er die einfache und ewige Weisheit, die jener Rustan in einer einzigen Nacht begriff: hier war mein Kaisertum; hier in der Hütte, im Schoß der unwandelbar treuen Geliebten, die all die Jahre still auf den Heimkehrer gewartet hat und ihn nun süß und mütterlich in, den Schlaf singt.

Das ist das Ende. Rustan lebt feinen Traum, Peer träumt fein Leben; jener erwacht zur guten Stunde, dieser zu spät: vor Solveigs Hütte ver­dämmert der Lebenstraum des skandinavischen Weltkindes in müder Resignation, nicht verklärt und erhoben von der faustischen Verkündigung Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen" aber die singende Frauenstimme, die Ibsens Dichtung verklingen läßt, bewahrt doch, wie uns scheint, ein wenig auch von der tröstenden und heimführenden Kraft unserer Enaelchöre.

Der Aufführung lag die Uebersetzung Dietrich Eckarts zugrunde, des 1923 gestorbenen Dichters der Bewegung, dessen eigene Stücke erft zehn Jahre später die deutschen Bühnen zu erobern begannen. Er konnte so wenig wie die früherenPeer-Gynt"- Uebersetzer (Passarge und Morgenstern) die Tat­sache leugnen, daß Ibsen das Werk wie Goethe denFaust" ursprünglich gar nicht für das Theater bestimmt hatte; wohl aber empfand er, stärker als die Genannten, die innere Verwandt­schaft der norwegischen Dichtung mit unserer eige­nen: hiervon ausgehend übertrug er das Werk für die deutsche Bühne, in dem er mancherlei Beiwerk fallen ließ, das vornehmlich, was nur ober in erster Linie für Ibsens Landsleute bestimmt und ge­schrieben war; doch folgte er, bei aller Zusammen­fassung des gewaltigen Stoffes, respektvoll und ge- treulick) den großen Grundlinien des dramatischen Gedichtes und arbeitete die Architektur des gedank­lichen Aufbaus plastisch heraus.

Die Inszenierung leitete auf dieser Grundlage Herr von S p a l l a r t; er hat im Programmheft erläutert, woraus es ihm dabei ankam: die Aus­einandersetzung des Helden mit seinem eigenen Ich und mit den inneren Gegenkräften seiner selbst, die in den verschiedensten Gestalten und Motiven sym­bolisch wiederkehren, sichtbar und verständlich wer­den zu lassen. Daß diesem Unternehmen mannig­faltige Probleme äußerer Art entgegenstanden, wurde mehrfach angedeutet; es darf hinzugefügt werden, daß sie szenisch-technisch befriedigend und einleuchtend gelöst wurden, obwohl, wie uns scheint, dazu nicht nötia gewesen wäre, die seit Lessing viel, beschrieene Einheit des Raumes so ängstlich zu wahren, daß man die Vorgänge unter Zuhilfe­nahme der jüngsten technischen Zauberei unserer Zeit auf Norwegen zu beschränken trachtete.

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Die ebenfalls erwähnte Verwandtschaft mit dem Faust" schien uns übrigens in zwei Szenen be­sonders deutlich zu werden: bei der ersten Begeg­nung Peers mit Solveig, und später in der Trott­halle, die wie eine wahre Hexenküche wirkte. Die szenischen Entwürfe Löfflers, der mit geschick­ten Projektionen arbeitete, erlaubten schnelle Ver­wandlungen und damit einen konzentrierten Ab­lauf der Ereignisse, gaben auch eine gute Vorstel­lung von der landschaftlichen Eigenart und natio­nalen Besonderheit, aus der die Jbsenschen Phan­tasien erwachsen sind. Herr Keim bewältigte um­sichtig die stellenweise schwierigen Lichtprobleme. Auch sonst waren die irrealen und visionären Ele­mente (in der Szene mit den Krummen, mit der Grüngekleideten, stellenweise auch in den afrikanischen Bildern und in der bühnenmäßig immer gefähr­lichen Schiffbruch-Szene) recht annehmbar gestaltet.

Wir haben uns seit langem daran gewöhnt, den Peer Gynt" mit der Bühnenmusik von G r i e g v bör-'v: wir würden sie vermissen, wenn sie fehlte.

und begrüßen es deshalb, daß die bekanntesten Melodien, unter der feinfühligen, immer im Kon­takt bleibenden Leitung Ernst Bräuers, zu hören waren und die szenischen Vorgänge teils be­gleiteten, teils als Zwischenaktmusik miteinander verbanden.

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Den Peer Gynt hatte Herr Neuhaus: eine erdrückende Rolle, die schon körperlich und gedächt­nismäßig außerordentliche Anforderungen stellt; er wurde damit fertig, hielt mit feinen Mitteln Haus und wurde auch den Temperamentsausbrüchen des jungen Helden wie der vergrübelten, verzweifeln­den und resignierenden Kälte des heimkehrenden alten gerecht. Seinem darstellerischen Wesen schien am meisten die schweifende Fabuliersucht zu ent­sprechen, die umspringende Stimmung und die un­gestüme, bedenkenlose Ungeduld ins Weite, Ferne und Neue, mit einem Wort also jene Züge, die rein bühnenmäßig am ergiebigsten sind. Doch ge­rieten auch die berühmte Sterbeszene (Aases Tod), die Jrrenhausszene und zuletzt die Heimkehr recht überzeugend.

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Inge Sirfmann gab die Solveig; es war zu vermuten, daß ihr diese Gestalt, herb und süß zu­gleich, wie sie ist, sehr liegen würde. Sie sprach klar und gewissermaßen von innen heraus, mit Bewegung noch in der Zurückhaltung oder Ab­weisung, und gab der Gestalt im ganzen manche Züge, die an das Goethesche Gretchen denken ließen.

Frau Stirl spielte die alte Mutter Aase in den Charakter-Umrissen, die Peer als ihren Sohn und ihr Schmerzenskind erst recht beglaubigen: bald angesteckt von seinem Ueberschwang und seiner Heiterkeit, bald scheltend, oft sich sorgend um ihn, aber immer, bis ganz zuletzt, mit ihrer Sehnsucht und ihrem Herzen bei ihm.

Von den vielen übrigen können nur die wichtig­sten Namen genannt werden. Cissie Henckell: eine braune geschmeidige Anitra, naives, seelen­loses und unberechenbares Naturkind im Schatten der Pyramiden. (Ihr Tanz war von Thery Schultheis sauber einstudiert.) Kühne als Begriffenfeld: eine unheimliche, dialektisch und kör­perlich gut aufgelockerte und durchgearbeitete Figur. Hub als Dovre-Alter war ein behäbiger Fürst der Unterwelt, nicht ohne Humor. Geiger sprach mild, dennoch bedrängend und unabweisbar den Knopfgießer. Aenne Markgraf gab der Ingrid in einer kurzen Szene lebendigen Umriß. Sonst seien noch Frl. Decker (Die Grüne), Herr Sch o r n (Die Feder), Herr Lindt (Passagier) und Frau Schubert-Jüngling als Kari erwähnt.

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Das Haus war stark besetzt. Der Beifall, erft zögernd, schwoll zuletzt kräftig an und rief mit den Hauptdarstellern auch den Spielleiter an ölt Rampe hth.