Nr. 266 Zweites Blatt
Mehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, (Z. November (935
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Eröffnung des Gloria-Palastes in Gießen
Der Musikzug der Standarte bringt hierauf schnei
dig den Festmarsch
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damit wieder
Blick von Ser Empore über den Saal zur Bühne. (Ausnahme: Neuner, „Gießener Anzeiger".)
aus den Weg.
Vorräumen zeigt wie geschmackvoll neuen Heim des
ffich bereits, wie großzügig und in der Ausgestaltung bei diesem Films gearbeitet worden ist.
Dienstag gegen 16 Uhr. Wir betreten noch einmal, wenige Stunden vor der Eröffnung, die Räume des neuen Glorie-Palastes. Ueberall wird noch in emsigster Weise geschafft. Da werden Teppiche gelegt, dort die letzten Türbeschläge angebracht, hier noch Beleuchtungseffekte einer abschließenden Prüfung unterzogen, an einer anderen Stelle einiges am Gestühl gearbeitet, kurzum: mit stärkstem Hochdruck wird überall die letzte Hand zum Gelingen des Werkes angelegt. Und dazwischen ist bereits die Schar der Putzfrauen bei der Arbeit, um überall dort, wo der Handwerksmeister das Feld endgültig geräumt hat, schleunigst alle Spuren seiner Arbeit zu verwischen. Und so geht es in emsigster Weise, wie die Bienen, weiter in der Arbeit voran — am Abend ist alles fix und fertig, blitzeblank und wunderbar hergerichtet zum Empfang der ersten Besucher bereit.
über ihre Vollendung; hier sei eine Stätte der Kultur geschaffen, so herrlich und meisterhaft, wie es nur die deutsche Arbeit fertigbringe. Der Oberbürgermeister erinnert dann kurz an d i e Zeit, in der das deutsche Kino noch in den Kinderschuhen stak, so etwa um 1900 herum, er streift kurz die Jahre des künstlerischen und moralischen Verfalls der Filmkunst in der Zeit des überwundenen politischen Systems und stellt demgegenüber die gewaltige, aufbauende Wandlung heraus, die der deutsche Film nach der Machtübernahme Adolf Hitlers durch den Einzug eines neuen Geistes und durch die Einordnung in den aufbauenden Dienst für Volk und Vaterland erfahren hat. Mit Recht betont er, daß durch diese Neugestaltung der deutschen Filmkunst auch die innere Verbundenheit zwischen Film und Volk wiederhergestellt ist zum Segen und zum Nutzen der Gesamtheit. Der Oberbürgermeister tritt weiter der in der Gießener Bevölkerung hier und da geäußerten Meinung, durch das neue Lichtspieltheater werde dem Stadttheater Abbruch getan, entgegen und hebt klar hervor, daß diese Ansicht irrig ist, das Lichtspieltheater vielmehr eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen habe, als
das Stadttheater und beide sehr wohl nebeneinander zum Nutzen der Bevölkerung arbeiten können. Mit dem Wunsche, daß auch dieses Lichtspieltheater fruchtbar und segensreich für unsere Stadtgemeinschaft und darüber hinaus für die engere Heimat und das ganze Volk wirken möge, daß es in gedeihlicher Weise mitarbeite an dem Neuaufbau Deutschlands nach dem Willen und den Plänen des Führers und damit dem großen Erneuerungswerk des Dritten Reiches zum vollen Erfolg verhelfe, sowie mit dem Gedenken an den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler schließt der Oberbürgermeister seine wirkungsvolle Ansprache. Der gemeinsame Gesang der ersten Verse des Horst-Wessel- und des Deutschlandliedes folgen.
Wagner. Ebenso wie der Musikzug mit starkem Veisall begrüßt wird, findet sein prächtiges Spiel am Schlüsse wiederum den wohlverdienten stürmischen, dankbaren Beifall der Hörer
Nunmehr erfährt der Gloria-Palast die besondere Auszeichnung, daß der Leiter unserer Stadtverwaltung, Oberbürgermeister Ritter, dem neuen Haus das Geleitwort für feinen Weg in die Zukunft gibt. Der Oberbürgermeister betont in seiner Ansprache, daß man hier zur Eröffnung einer neuen Kulturstätte der Stadt Gießen zusammengekommen sei und daß sich auch in diesem Werke der Aufschwung und das Vorwärtsschreiten unserer Stadt im Rhythmus und im Tempo des neuen Deutschland offenbare. Die Stadtverwaltung begrüße diese neue Stätte herzlich und freue sich
.Deutschlands Ruhm" von
Eine Fülle von Licht und viele Blumen begrüßen die Gäste der Eröffnungsvorstellung schon beim Betreten der Dorräume des neuen, prächtigen Licht- spiel-Theaters. In der Halle, die mit einem schönen Bilde des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler geschmückt ist und reiche Blumenspenden aufweist, empfängt der Besitzer des Gloria-Palastes A. Henrich in Gemeinschaft mit seiner Frau und mit seinem Direktor G e ye r die Gäste mit frohem Lächeln, das die Freude Über das gelungene Werkj widerspiegelt. Zahlreiche herzlich Glückwünsche für f i)Q5 neue Lichtspiel-Theater und das dadurch erwei- • ierte Unternehmen kann Herr Henrich von seinen wielen Gießener Freunden und Bekannten in Emp- lang nehmen. Ununterbrochen fließt der starke «Strom der Besucher herbei, die sich bei der Weiträumigkeit des Kassenvorraumes und der Empfangshalle, sowie den bequemen Zugängen zum Saale rasch verteilen. Ueberall in den ~
Und dann erlebt der Besucher eine sehr angenehme Uebcrraschung beim Betreten des Saales. Rund 1100 Sitzplätze sind in diesem weiten Raume Vorhanden. Wohin man blickt, überall gewahrt das Auge em Bild der Schönheit und des Frohsinns, zum Ausdruck gebracht in der wunderbaren Ueber- einftimmung der prächtigen Beleuchtungsanlagen mit der stimmungsvollen Symphonie der Farben, n die auch das Bild des Gestühls, der Läufer usw. mit einbezogen ist. Das schöne Bild erfährt -eine strahlendste Gestalt, wenn alltz Beleuchtungs- -ffekte eingeschaltet sind, und es offenbart einen sehr ttimmungsvollen Reiz, wenn der Saal in künstliches Dämmerlicht versetzt ist, der große Bühnenraum iber durch die indirekte Beleuchtung rund um die Fassade der Bühne im hellsten Lichte erstrahlt. Da- u kommt die feine Abtönung durch die passenden Farben der Bühnenvorhänge. Im übrigen zeigt ich im Verlaufe der Eröffnungsvorstellung, daß vor inigen Tagen, als wir über den letzten Abschnitt •"er Bauarbeiten im Gloria-Palast berichteten, von ans nicht zu viel gesagt wurde mit der Behauptung, • er Bühnenraum werde bequem Platz bieten für iin großes Orchester und ebenso für Darbietungen, - ie nur auf breiter Fläche möglich sind.
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Das Parterre und die Empore des Saales sind i»ei Beginn der Eröffnungsvorstellung voll besetzt. !Vas Haus mit der großen, erwartungsvoll gestimm- Menschenmenge bietet ein festliches Bild. Der Musikzug der SA.-Standarte 116 unter Leitung !rs Musikzugführers Herrmann eröffnet von leer Bühne aus die Darbietungen mit dem feinen Spiel der Feftouvertüre „Rienzi" von Richard
starken Beifall erringen. Sodann übermittelt als Vertreter des Reichsverbandes der deutschen Lichtspieltheaterbesitzer Assessor Schmidt-Halin Herrn Henrich und Frau die herzlichsten Glückwünsche des Reichsverbandes, wobei er Herrn Henrichs unermüdliches Streben nach besten Leistungen in der Filmkunst und ihrer ebenso guten Wiedergabe hervorhebt, dabei auch der ausgezeichneten Mitarbeit seines Direktors Geyer und der übrigen Gefolgschaft gedenkt, ferner der Baufirma Aber- mann und ihrem Geschäftsführer Lepper für das prächtig gelungene Bauwerk dieses neuen Theaters vollste Anerkennung ausspricht. Er rühmt weiter die verständnisvolle Förderung des für die Arbeitsbeschaffung in unserer Stadt sehr bedeutsamen Unternehmens durch die Behörden und die Handels- und Gewerbebank, spricht kurz von den großen Aufgaben, die in dem neuen Hause im Dienste für Volk und Vaterland durch das Mittel des Films zu erfüllen sind, und gibt am Schluffe dem neuen Unternehmen die herzlichsten Wünsche des Reichsverbandes der Deutschen Lichtspieltheaterbesitzer mit
Der Besitzer des Gloria-Palastes und des Licht- spielhauses in der Bahnhofstraße, A. Henrich, bringt in kurzen Worten seinen herzlichsten Dank für die vielen freundlichen Wünsche zur Vollendung dieses Werkes zum Ausdruck. Er betont, daß er es sich immer angelegen sein lassen werde, in diesem Hause nur Gutes zu bieten, und er erbittet sich zur Erfüllung dieses Vorsatzes die Unterstützung der gesamten Gießener Bevölkerung. Weiter betont er besonders, daß durch die neue Gießener Stätte des Films das Lichtspielhaus in der Bahnhofstraße in keiner Weife vernachlässigt werden solle, vielmehr auch dort der gute Film nach wie vor seine Pflegestätte haben werde.
Ein Festspruch, der von Robert Matter in Frankfurt a. M verfaßt ist und von Frl. Margot Gilbert (Gießen) vorgetragen wird, bringt noch einmal in herzlichen Worten aufrichtige Wünsche für das neue Unternehmen.
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Nunmehr tritt die Kunst in Erscheinung. Mit akrobatischen Tanzleistungen der „3 R e n a n s", dis einen modernen akrobatischen Walzer und, nach einem Solo-Walzer der Tänzerin Lila Zollinger, einen weiteren akrobatischen Tanz bringen, wird den Besuchern eine große Freude bereitet. Es ist eine unbestrittene fabelhafte Tanzleistung, die von diesem Künstlertrio gezeigt wird und die wohl kaum zu übertreffen sein dürfte. Jedenfalls wird mit dieser Darbietung gezeigt, daß auch die unmittelbar darstellende Kunst auf der Bühne des Gloria-Palastes eine gute Stätte haben dürfte.
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Nach einigen Bildern der Wochenschau, die die wichtigsten Zeitbegebenheiten bringen, folgt als Abschluß der festlichen Veranstaltung der Spitzenfilm der Terra „Die Pompabour". Man sieht hier in dem Milieu des Versailles von damals einen Ausschnitt aus dem Leben der in ihrer Zeit vielgeschmähten Geliebten des französischen Königs Ludwigs XV., der Marquise von Pompadour, einen Ausschnitt, der diese ungekrönte Herrscherin über Frankreich und seinen König einmal in einem ganz und gar menschlichen und weiblichen Erleben darstellt: in der leidenschaftlich entflammten und dann doch am Schluffe, um höherer Ziele willen, entsagungsbereiten Liebe zu einem jungen, unbekannten Maler vom Montmartre. Diese Liebesaffäre, die ihren Anfang am Hofe Ludwigs XV. in den Gärten der Pompadour nimmt, dann durch das Malerstübchen in Montmartre führt, um schließlich wieder am Königshofe auszuklingen, erfährt durch den Einsatz bester Künstlerkräfte des Films und reicher technischer Mittel eine sehr wirkungsvolle Wiedergabe. Zur Kennzeichnung der hohen künstlerischen Qualität dieses Films dürfte es schon genügen, darauf hinzuweisen, daß Käthe v. Nagy mit ihrer gereiften schauspielerischen Kunst die Pompadour darstellt und Leo S l e z a k mit feiner ebenfalls überragenden Künstlerschaft die Rolle des Gastwirts Barbanelle spielt. Neben diesen Großen der Filmkunst stehen mit glänzenden Leistungen Willy E i ch b e r g e r als der unbekannte Maler Boucher, dem die Pompadour in der Maske des kleinen Mädchens aus dem Volke ihre ganze hingehende Liebe schenkt, und Anton E d t h o f e r , der in feiner Gestaltung den König Ludwig XV. verkörpert Die Vorführung dieses mit Recht als Spitzenfilm bezeichneten Werkes der Filmkunst war
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Gießener Stadttheater.
Henrik Ibsen: „Peer Gynt".
1928, zur Feier von Ibsens 100. Geburtstage, tat das Stadttheater zum letzten Male den „Peer GSpnt" gegeben. Vor sieben Jahren also, das ist '•ine lange Zeit, aber seit Ibsens Tode sind doch chon fast drei Jahrzehnte vergangen, und wenn rian jetzt hin und wieder von neuen Inszenierungen Jbjenscher Stücke liest, — in Berlin spielt pgenroärtig z. B. Agnes Straub in ihrem Theater i e „Gespenster" — so findet man nicht selten, anläßlich eines solchen Einzelfalles, Betrachtungen tarüber, was Ibsen uns heute noch zu sagen und m geben habe, und ob nicht überhaupt viele seiner Gestalten und Probleme, die uns etwa um die ?lllhrhundertwende bewegten, erschütterten, zu Dis- lissionen und grundsätzlichen Entscheidungen auf- riefen, mittlerweile eine feine Staubschicht bekom- n en haben. Das kann in diesem Zusammenhang rrilürlid) nicht untersucht werden; wir finden auch hmte noch keinen Anlaß, zu vergessen, was Ibsen ir it seinen (damals so „modernen" und revolutionär (mmutenben) Stücken für uns einmal bedeutet hat, fi r die Prägung und Anwendung neuer Formen imb neuer Gedankengänge, für die Zertrümmerung alter, morsch gewordener Götzenbilder und für die 2>iufrichtung junger Gesetzestafeln, — aber es scheint ins doch, daß'man mit dem „Peer Gynt" eine fiüdlidjere Wahl getroffen habe als mit den „Gc- f;i entfern", um ein Beispiel zu nennen, das ebenso gut auch einen anderen Namen tragen könnte.
Denn „Peer Gynt" ist nicht nur das jugendlichste, das skandinavischste und das romantischste lierE des Kausmannssohnes und ehemaligen Apo- ÜLkers aus Skien, — sondern auch sein zeitlosestes Llück, dessen Problematik in den dreißig Jahren [i:t seinem Tode kaum etwas von ihrer Frische Dirtoren hat. Daß es ursprünglich als Epos ge- punt war, merkt man ihm heute noch an, und daß b: s Theater noch mit der technischen Bewältigung jener szenischen Probleme gekämpft hat, als die fimf ausladenden Akte längst in die Weltliteratur e^gegangen waren, ist gewiß. Und es zeugt sicher icht nur von äußeren Schwierigkeiten im szeni- ic en Raum (die wir inzwischen auch zu bewältigen gßernt haben) —, sondern nicht minder von der giggenroärtigen Lebendigkeit, ja Aktualität der Fabel, tü»nn die jüngste Kunst des Jahrhunderts, der Film, üite Neuformung des Werkes nach eigenen Gesetzen Dtir gar nicht langer Zeit erst unternommen hat.
Welch eine Fülle der Gestalten, der Gesichte, der Diotioe; welch eine romanhaft epische Breite des ölbensausschnittes, die allenthalben den ohnehin jwäumig und großzügig bemessenen Szenenraum >i durchstoßen und zu sprengen droht; welches Zu- iDmmenfpW -nh Wirkl-<b^
Naturspuk, Märchen und schroff belichteter Realität; welch eine Mischung von Phantasie und kühlem Gedankenwerk, von norwegischem Volksstück und Menschheitsdichtung.
Es ist oft genug auf den typisch norwegischen Nationalcharakter des „Peer Gynt" hingewiesen und gezeigt worden, wie dieses Werk als Geschenk, als Spiegel eigensten Wesens vom Dichter seinem Volke bargeboten worden sei. Auch ist von den Beziehungen des Stückes zu Björnsons Bauern- gefchichten wie zu seinem eigenen, unmittelbaren Vorläufer „Brand" oft genug die Rede gewesen. Uns ist und war schon immer wichtiger die Nachbarschaft zweier anderen Werke, der menschlichen Tragödie im „Faust" und der Märchenkomödie „Der Traum ein Leben" von Grillparzer.
Die unstillbare Sehnsucht nach einer Steigerung und Erhöhung des Lebensgefühls bildet hier wie dort den inneren Antrieb zur Fahrt in die Welt, zur Reise ins „wirkliche" Leben und zu den Quellen der Erkenntnis. Wie Faust nach „Begierde und Genuß" schmachtet, wie Rustan nach ritterlichen Abenteuern und den Wundern der Ferne, so geht Peer Gynt auf die Jagd nach unumschränkter Macht, nach Reichtum und einem sagenhaften, nebelhaften Weltkaisertum. Faust endet, erlöst, nach einem tätigen Leben; Rustan erwacht, aufatmend und befreit, aus einem schweren Traum, — rechtzeitig genug, um seine Grenzen, sein Glück, seine Heimat und seine wahre Liebe zu erkennen und für immer zu gewinnen.
Peer Gynt aber, Lügner, Träumer, Phantast, Nichtstuer und Schlemihl, ruheloser Mensch der ewigen Umwege und der falschen Fährten, von Erscheinungen geäfft, von Stimmen genarrt, von jeder Himmelswolke verführt, vom Wüstenspuk der Fata Morgana geblendet, treibt, von der Weltfahrt heimkehrend, nach furchtbarem Schiffbruch drinnen und draußen, als ein müder und armer, alter Mann in den Hafen der Heimat —: zu spät erkennt er die einfache und ewige Weisheit, die jener Rustan in einer einzigen Nacht begriff: hier war mein Kaisertum; hier in der Hütte, im Schoß der unwandelbar treuen Geliebten, die all die Jahre still auf den Heimkehrer gewartet hat und ihn nun süß und mütterlich in, den Schlaf singt.
Das ist das Ende. Rustan lebt feinen Traum, Peer träumt fein Leben; jener erwacht zur guten Stunde, dieser zu spät: vor Solveigs Hütte verdämmert der Lebenstraum des skandinavischen Weltkindes in müder Resignation, nicht verklärt und erhoben von der faustischen Verkündigung „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen" — aber die singende Frauenstimme, die Ibsens Dichtung verklingen läßt, bewahrt doch, wie uns scheint, ein wenig auch von der tröstenden und heimführenden Kraft unserer Enaelchöre. —
Der Aufführung lag die Uebersetzung Dietrich Eckarts zugrunde, des 1923 gestorbenen Dichters der Bewegung, dessen eigene Stücke erft zehn Jahre später die deutschen Bühnen zu erobern begannen. Er konnte so wenig wie die früheren „Peer-Gynt"- Uebersetzer (Passarge und Morgenstern) die Tatsache leugnen, daß Ibsen das Werk— wie Goethe den „Faust" — ursprünglich gar nicht für das Theater bestimmt hatte; wohl aber empfand er, stärker als die Genannten, die innere Verwandtschaft der norwegischen Dichtung mit unserer eigenen: hiervon ausgehend übertrug er das Werk für die deutsche Bühne, in dem er mancherlei Beiwerk fallen ließ, das vornehmlich, was nur ober in erster Linie für Ibsens Landsleute bestimmt und geschrieben war; doch folgte er, bei aller Zusammenfassung des gewaltigen Stoffes, respektvoll und ge- treulick) den großen Grundlinien des dramatischen Gedichtes und arbeitete die Architektur des gedanklichen Aufbaus plastisch heraus.
Die Inszenierung leitete auf dieser Grundlage Herr von S p a l l a r t; er hat im Programmheft erläutert, woraus es ihm dabei ankam: die Auseinandersetzung des Helden mit seinem eigenen Ich und mit den inneren Gegenkräften seiner selbst, die in den verschiedensten Gestalten und Motiven symbolisch wiederkehren, sichtbar und verständlich werden zu lassen. Daß diesem Unternehmen mannigfaltige Probleme äußerer Art entgegenstanden, wurde mehrfach angedeutet; es darf hinzugefügt werden, daß sie szenisch-technisch befriedigend und einleuchtend gelöst wurden, obwohl, wie uns scheint, dazu nicht nötia gewesen wäre, die seit Lessing viel, beschrieene Einheit des Raumes so ängstlich zu wahren, daß man die Vorgänge unter Zuhilfenahme der jüngsten technischen Zauberei unserer Zeit auf Norwegen zu beschränken trachtete.
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Die ebenfalls erwähnte Verwandtschaft mit dem „Faust" schien uns übrigens in zwei Szenen besonders deutlich zu werden: bei der ersten Begegnung Peers mit Solveig, und später in der Trotthalle, die wie eine wahre Hexenküche wirkte. Die szenischen Entwürfe Löfflers, der mit geschickten Projektionen arbeitete, erlaubten schnelle Verwandlungen und damit einen konzentrierten Ablauf der Ereignisse, gaben auch eine gute Vorstellung von der landschaftlichen Eigenart und nationalen Besonderheit, aus der die Jbsenschen Phantasien erwachsen sind. Herr Keim bewältigte umsichtig die stellenweise schwierigen Lichtprobleme. Auch sonst waren die irrealen und visionären Elemente (in der Szene mit den Krummen, mit der Grüngekleideten, stellenweise auch in den afrikanischen Bildern und in der bühnenmäßig immer gefährlichen Schiffbruch-Szene) recht annehmbar gestaltet.
Wir haben uns seit langem daran gewöhnt, den „Peer Gynt" mit der Bühnenmusik von G r i e g ■ v bör-'v: wir würden sie vermissen, wenn sie fehlte.
und begrüßen es deshalb, daß die bekanntesten Melodien, unter der feinfühligen, immer im Kontakt bleibenden Leitung Ernst Bräuers, zu hören waren und die szenischen Vorgänge teils begleiteten, teils als Zwischenaktmusik miteinander verbanden.
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Den Peer Gynt hatte Herr Neuhaus: eine erdrückende Rolle, die schon körperlich und gedächtnismäßig außerordentliche Anforderungen stellt; er wurde damit fertig, hielt mit feinen Mitteln Haus und wurde auch den Temperamentsausbrüchen des jungen Helden wie der vergrübelten, verzweifelnden und resignierenden Kälte des heimkehrenden alten gerecht. Seinem darstellerischen Wesen schien am meisten die schweifende Fabuliersucht zu entsprechen, die umspringende Stimmung und die ungestüme, bedenkenlose Ungeduld ins Weite, Ferne und Neue, — mit einem Wort also jene Züge, die rein bühnenmäßig am ergiebigsten sind. Doch gerieten auch die berühmte Sterbeszene (Aases Tod), die Jrrenhausszene und zuletzt die Heimkehr recht überzeugend.
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Inge Sirfmann gab die Solveig; es war zu vermuten, daß ihr diese Gestalt, herb und süß zugleich, wie sie ist, sehr liegen würde. Sie sprach klar und gewissermaßen von innen heraus, mit Bewegung noch in der Zurückhaltung oder Abweisung, und gab der Gestalt im ganzen manche Züge, die an das Goethesche Gretchen denken ließen.
Frau Stirl spielte die alte Mutter Aase in den Charakter-Umrissen, die Peer als ihren Sohn und ihr Schmerzenskind erst recht beglaubigen: bald angesteckt von seinem Ueberschwang und seiner Heiterkeit, bald scheltend, oft sich sorgend um ihn, aber immer, bis ganz zuletzt, mit ihrer Sehnsucht und ihrem Herzen bei ihm.
Von den vielen übrigen können nur die wichtigsten Namen genannt werden. Cissie Henckell: eine braune geschmeidige Anitra, naives, seelenloses und unberechenbares Naturkind im Schatten der Pyramiden. (Ihr Tanz war von Thery Schultheis sauber einstudiert.) Kühne als Begriffenfeld: eine unheimliche, dialektisch und körperlich gut aufgelockerte und durchgearbeitete Figur. Hub als Dovre-Alter war ein behäbiger Fürst der Unterwelt, nicht ohne Humor. Geiger sprach mild, dennoch bedrängend und unabweisbar den Knopfgießer. Aenne Markgraf gab der Ingrid in einer kurzen Szene lebendigen Umriß. Sonst seien noch Frl. Decker (Die Grüne), Herr Sch o r n (Die Feder), Herr Lindt (Passagier) und Frau Schubert-Jüngling als Kari erwähnt.
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Das Haus war stark besetzt. Der Beifall, erft zögernd, schwoll zuletzt kräftig an und rief mit den Hauptdarstellern auch den Spielleiter an ölt Rampe hth.


