ltr.187 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, (3. August (935
Aus der Provinzialhauptstadt.
Himmelblaues Wunder.
Als der ältere Herr aus der Tür trat, merkte er zunächst noch gar nichts. Er ging mit gleichgültigen Schritten auf sein Auto zu, wie jemand, der keines, falls mit irgendwelchen Ueberrafchungen rechnet. Sein Auto stand noch genau fo da, wie er es verlassen hatte, die Sonne spiegelte sich im Chrom des Kühlers und lag prall auf den kordbespannten Sitzen des offenen Kabrioletts. Ein gediegenes Kabriolett übrigens, dunkelblau und nicht weniger seriös als fein Begleiter.
Der ältere Herr öffnete die Wagentür mit dem gleichmütigsten Gesicht der Welt, er zog ruhig den Zündschlüssel aus der Westentasche und ließ das rote Lämpchen am Armaturenbrett aufglimmen. Und gerade näherte sich sein Zeigefinger dem An- lasferknopf — da fiel sein Blick zur Seite und er sah neben sich auf dem Polster...
Wäre dies ein Roman, so stünden jetzt hier die Worte: „Fortsetzung folgt". Denn die Spannung hat einen Höhepunkt erreicht und der Leser fiebert einer sofortigen Lösung entgegen. Wir wollen deshalb von Glück reden, daß es sich hier um eine wahre Kurzgeschichte handelt. Und daher soll denn auch die Fortsetzung aus der Stelle gegeben werden: Der Herr sah eine Puppe neben sich.
Eine Puppe, mittelgroß, mit einem himmelblauen Kleid und blondem Lockenhaar, eine Puppe, die vorher ganz bestimmt noch nicht dort gesessen hatte. Der ältere Herr stierte verblüfft. Er zog den Finger vom Anlasser zurück und ließ bann die Hände in den Schoß sinken. Schließlich das Einzige, was ihm in dieser Situation zunächst zu tun übrig blieb.
Die Puppe ließ sich durch das Erstaunen des Herrn nicht beeindrucken. Sie starrte geradeaus durch die Windschutzscheibe, als sei ihr Dasein eine ganz selbstverständliche Sache. Ihr Nachbar aber saß da wie vom Donner aerührt und wußte nicht, wieso gerade ihm dieses himmelblaue Wunder zu Teil geworden war. Er konnte beschwören, ganz gewiß niemals den Wunsch geäußert zu haben, man möge ihm eine Kleinmädchenpuppe mit blonden Locken schenken. Er wäre mit einem Autodieb in seinem Wagen fertig geworden oder mit einer Höllenmaschine — aber die richtige Behandlung von blauäugigen Puppen hatte er nie gelernt. So also saß der Herr neben dem lockigen Spielzeug, und beide schwiegen vor sich hin.
Wir wollen zugeben, daß die Sachlage eine einzigartige war. Man kann, wenn man zu einem auf der Straße gelassenen Wagen zurückkehrt, allenfalls erwarten, daß irgendjemand irgendetwas, aus dem Auto herausgenommen hat. Aber Der umgekehrte Fall ist eine krasse Außergewöhnlichkeit. Es wäre auch noch angegangen, wenn man dem älteren Herrn eine Kiste Zigarren neben den Schalthebel gestellt hätte ober eine Flasche Rotspon. Was aber sollte ber Seriöse ausgerechnet mit einem Spielzeug anfangen? Ein viersitziges Kabriolett ist boch kein Puppenwagen.
Unb boch ließe sich für bie rätselhafte Gabe schließlich ein Beweggrunb finben. Vielleicht ist ihr Spenber ein Philosoph gewesen, ber einmal einen tiefgrünbigen Satz auf feine praktische Brauchbarkeit hin prüfen wollte. Dieser Satz heißt: „3m echten Manne ist ein Kinb versteckt, bas will spielen". Die Puppe auf bem Autositz erscheint bem« nach als ein reizvolles, wenn auch ungewöhnliches Experiment.
Jeboch bas Experiment, wenn es überhaupt geplant gewesen sein sollte, mißlang im vorliegenben Fall. Der altere Herr legte anscheinenb in biefem Augenblick keinen Wert barauf, ein echter Mann im Nietzeschen Sinne zu sein. Er faßte vielmehr mit spitzen Fingern bie blaublonbe Puppe unb setzte sie auf den Borbstein. Dann aber gab er energisch Gas unb ecktzog sich allen Weiterungen burch eine hastige Flucht.
Vornotizen.
_TageskalenberfürDienstag. NSG. „Kraft burch Freube": 19 bis 21 Uhr allgemeine Körperschule auf bem Unioersitätssportplatz, Am Kugelberg; von 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „X 27". — Circus ber 7000: 15.30 unb 20.15 Uhr Vorstellung.___________________________________
Hammelbraten in Gießen.
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Die Ortsgruppe Gießen ber Vereinigung für koloniale Wiebergewinnung veranstaltete — wie wir gestern berichteten — am Sonntag in bem Steinbruch an ber Harbt ein stark besuchtes Hammelbraten nach afrikanischer Art. Zu ben safti
gen Fleischstücken gab es einen tüchtigen Schlag Reis. Unser Bilb zeigt einige alte Afrikaner beim Braten bes Fleisches unb bei ber Kostprobe. (Aufnahme: Bürck, Gießen).
Oeutschlandbildheste „Oberheffen — Vogelsbergs und „Das obere Lahntal".
Von ber Bürgermeisterei Gießen (Verkehrsamt) wirb uns geschrieben:
Der Bunb Deutscher Derkehrsverbänbe hat zwei weitere Deutschlanbbilbhefte für unseren engeren Heimatbezirk (Heft Nr. 116 Oberhessen — Vogelsberg" unb Heft Nr. 149 „Das obere Lahntal"), burch bie Universum-Verlagsanftalt in Berlin herausgegeben. Die 48 Seiten starken Hefte, bie bie Schönheiten unserer Heimat veranschaulichen, gehören nicht nur in bie Sammlung eines {eben Hei- matliebenben, fonbern geben auch Ausflüglern unb Erholungsuchenben manchen schönen Wink. Die Bilbheste, bie für bie Stabt Gießen von bem ftäb- tischen Verkehrsamt, Bergstraße 20 (Zimmer 29), vertrieben werben, finb in ben hiesigen Buchhanb- lungen, sowie im Reisebüro am Selterstor zum Preise von 0,20 Mark erhältlich.
Zweites Gastspiel von Otto Gebühr im Gtadttheater Gießen
Aus dem Stabtthectterbüro wirb uns geschrieben: Nachbem Anfang Juli ber bekannte unb beliebte Bühnen- unb Filmkünstler Otto Gebühr erstmalig in Gießen zu Gast war unb in ber Rolle bes „Alten Fritz" in bem Schauspiel „Zwischen Abend unb Morgen" von Zbenko von Kraft einen großen Erfolg hatte, sieht ber Sommerspielplan bes Stadt- theaters für Samstag, 17. August, eine Wieder- holung bes Gastspiels von Otto Gebühr in bem gleichen Schauspiel: „Zwischen Abenb unb Morgen" vor. Die Intendanz kommt mit biefem abermaligen Gastspiel vielfach geäußerten Wünschen ber Theaterbesucher entgegen, bie seinerzeit infolge bes ausverkauften Hauses keine Karten mehr erhalten konnten bzw. verreist waren. Mit seinem Berliner Ensemble roifb ber geschätzte Gast abermals bie Besucher mit einem herrlichen Abenb schönen Erlebens beglücken unb bie Episvbe bes großen Königs lebensvoll gestalten, bie ber Dichter Zdenko von Kraft einer reiz
vollen Novelle entnommen bühnengerecht und mit prächtigem Humor zu gestalten wußte. Dauer bes Gastspiels von 20 bis 22.15 Uhr.
Die deutle Rrbeitofront n.5.=6emcinf(haft „Kraft durch freube"
Achtung! Hausgehilfinnen!
Da bie Versammlungssperre auch für ben Monat August verlängert worben ist, müssen bie Heim- abenbe auch in biefem Monat noch ausfallen.
Der nächste Heimabenb kann baher erst am Dienstag, 3. September ftattfinben.
Der Zirkus der 7000
hat uns für Mitglieber der Deutschen Arbeitsfront Karten mit 50 v. H. Ermäßigung zur Verfügung gestellt. 1. Platz statt 1,90 nur 1 Mark.; 2. Platz statt 1,50 nur 0,75 Mark. Schlußvorstellung: Mittwoch, 14. August.
Omnibusfahrten am Sonntag, 18. August.
1. Fahrt nach Königstein im Taunus (Fahrpreis mit Mittagessen 4 Mark).
2. Fahrt durch Oberhessen (Fahrpreis mit Mittagessen 4,50 Mark).
3. Fahrt ins Lahntal (Fahrpreis mit Mittagessen 4,50 Mark).
Meldeschluß für obige Fahrten: Mittwoch, 14. August.
Die heidelbergfahrt
am 25. August muß wegen zu geringer Beteiligung ausfallen.
Betriebswanderwarte
Gießen, Heuchelheim, Wlefeck, Lollar.
Arn Sonntag, 18. August, wird eine R ad - Wanderung durchgeführt. Wir fahren zunächst nach Grünberg, dort Besichtigung der Stadt unb bes Schwimmbades, Badegelegenheit, dann Rückfahrt durch das Lumdatal nach Climbach, dort ebenfalls Badegelegenheit in dem neuerbauten Schwimmbad. Abfahrt ab Gießen 6.30 Uhr ab Schützenhaus. Rucksackverpflegung. Die Wanderwarte melden bis
Donnerstag, 15. dieses Monats, die Anzahl ber Teilnehmer. Es wirb erwartet, baß die Teilnehmerzahl fo groß ist, daß in mehreren Gruppen gefahren werden kann.
Schwimmbäder melden.
Sämtliche Ortswarte, in deren Bereich Schwimmbäder sind, melden diese umgehend. Gleichzeitig sind mit den Badeverwaltungen die Preise auszumachen, die unseren KdF.-Wandergruppen bei Benutzung eingeräumt werden. Wir bitten um umgehende Meldung an die Geschäftsstelle „Kraft durch Freude", Gießen, Schanzenstrahe 18.
willyReicherl-Abend.
Heiterkeit triumphiert bei dem großen Bunten Abend mit Willy Reichert und seinen Künstlern am Samstag, 24. August, in Gießen. Sei es für die Theaterfreunde, sei es für den Freund des Kabaretts, für alle werden köstlichste und heitere Gaben gespendet werden. Das Programm ist so gestaltet, oaß alle auf ihre Rechnung kommen werden, ernste Kunst wird mit heiterer abwechseln. Aber allen voran steht der König des Humors Willy Reichert mit seinem köstlichen Humor, der auch das ganze Programm ansagt. Sie werden alle wetteifern, das Publikum in froheste, heiterste Laune zu versetzen, beschwingte, lustige Stunden au schaffen, an die die Besucher noch lange in glückhafter Erinnerung zurückdenken sollen.
Rheinfahrt am 14. September.
An diesem Tage veranstalten wir unsere zweite diesjährige Rheinfahrt. Die Fahrt geht mit bem Zuge bis Mainz-Kastel, von bort mit bem Schiff nach Rübesheim, in Rübesheim ein längerer Aufenthalt, von Rübesheim mit bem Schiff nach Koblenz, von Koblenz mit ber Bahn nach Gießen. — Fahrpreis einschließlich Mittagessen: 5,50 Mark. Schlußtermin: 1. September.
Gießener Wochenmarktpreije.
* Gießen, 13. Aug. Auf bem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, bas Psunb 1,50 bis 1,55 Mark, ßanbbutter 1,40 bis 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, bas Stück 5 bis 10, Eier (inländische) 11 bis 12, Wirsing, das Pfund 12 bis 20, Weißkraut 12 bis 15, Rotkraut 18 bis 20, Gelbe Rüben 10 bis 12, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 18 bis 20, Römischkohl 6 bis 10, Bohnen (grün) 25 bis 30, (gelb) 25 bis 30, Erbsen 25 bis 30, Tomaten 25 bis 30, Zwiebeln 15 bis 18, Rhabarber 8 bis 10, Kartoffeln (neue) 7 Pf., der Zentner 5,50 bis 6 Mark, Frühäpfel, das Pfund 30 bis 40 Pf., Falläpfel 8 bis 12, Pfirsiche 45 bis 55, Brombeeren 45 bis 50, Birnen 15 bis 50, Stachelbeeren 20 bis 35, Pflaumen 20 bis 25, Zwetschen 25 bis 30, Mirabellen 30 bis 35, Reineclauden 30, junge Hähne 90 Pf. bis 1 Mark, Suppenhühner 70 bis 80, Blumenkohl, das Stück 10 bis 80, Salat 5 bis 12, Salatgurken 10 bis 20, Einmachgurken 1 bis 5, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 10, Rettich 5 bis 20, Suppengrün 5 bis 8, Radieschen, das Bündel 8 bis 15 $f.
*
** Kein Einbahn-Derkehr mehr. Die Provinzialdirektion Oberhessen (Tiefbau) gibt bekannt, daß der Einbahn-Verkehr auf der Provinzial- straßenstrecke Bad-Nauheim—Friedberg wieder auf- gehoben worden ist.
** Eine Gießener Künstlerin an das L a n d e s t h e a t e r Schneidemühl verpflichtet. Man schreibt uns: Frl. Gretl Sael- z e r, die zuletzt mit großem Erfolg am Neuen Schauspielhaus in Wilhelmshaven tätig war, wurde für die kommende Spielzeit 1935/36 für das Fach der 1. Operettensängerin an das Landestheater in Schneidemühl (Grenzmark) verpflichtet. Die junge Künstlerin ist aus der Heermann-Schule in Gießen heroorgegangen.
** Ein guter Landregen fetzte im Laufe der verflossenen Nacht ein und dauerte ununterbrochen bis heute vormittag gegen 9 Uhr an. Nach der wochenlangen starken Hitze brachte dieser ausgiebige Regenfall den Kulturen in Feld und Garten eine vortreffliche Förderung ihres Wachstums, daneben aber .auch eine begrüßenswerte Abkühlung der Temperatur, auf die Mensch und Tier schon seit Wochen mit Sehnsucht gewartet hatten. Hoffentlich werden diesem Regenfall noch einige ausgiebige Niederschläge folgen, damit die Hackfrüchte auf den Aeckern und das Gemüse in den Gärten weitere wachtumsfördernde Feuchtigkeit erhalten.
Reisen einst und jetzt.
Von Or. Paul Harms.
Für manche ist das Plänemachen das Aller- schönste. Sie fangen, wenn die eine Sommerreise noch nicht beendet ist, am liebsten schon an, die nächste in Aussicht zu nehmen. Und für die wird das Pläne- schmieden schwerer Ernst, wenn die gute Jahreszeit kalendermäßig angefangen hat. Dabei ist uns das Reisen doch so leicht gemacht! Tausend Kilometer — eine Tagereise. Und ehedem? Hundert Kilometer Entfernung — das bedeutete zwei Welten, die selten genug miteinander in Berührung tarnen.
Als im September 1808 die Mutter des wei- marischen Staatsministers und geheimbten Rats Wolfgang von Goethe starb, da hatte der Sohn sie vor elf Jahren zum letzten Male gesehen. Die Mutter hat ihn während der 33 Jahre, die er bei ihrem Tode in weimarischen Diensten stand, dort überhaupt nicht besucht. Der Sohn die Mutter ein paarmal auf der Durchreise. Dabei standen Mutter und Sohn nicht nur sehr herzlich miteinander, sie lebten auch in guten Verhältnissen. Wenn sie sich gleichwohl so selten gesehen haben, daß uns das auffällt, so muß doch gesagt werden, daß die Zeitgenossen dabei nichts auffälliges fanden. Das Reifen, auch auf Entfernungen, die wir kurz nennen, war eben damals keine Kleinigkeit, und den Zeitgenossen war es durchaus natürlich, daß, wer es nicht nötig hatte, lieber zu Hause blieb. Auch Schiller hat seine schwäbische Heimat in den 25 Jahren, die er nach feiner Flucht vor der landesväterlichen Tyrannei noch gelebt hat, nur ein einziges Mal wiedergesehen!
Das Reisen an sich war eben in voreisenbahn- lidjer Zeit alles andere als ein Vergnügen. Wer heute tageslanges Autofahren „anstrengend" findet, der hätte das Reifen mit den Verkehrsmitteln des 18. Jahrhunderts auch lieber bleiben lassen. Die Wagen taugten nicht viel, die Landstraßen noch weniger, dafür aber waren die Ä oft en gesalzen. Schläger — der Großvater des Diplomaten Kurt von Schlözer, der unter Bismarck preußischer Gesandter beim Vatikan war —, berechnete für die Meile einen Dukaten, ein Preis, für den man heute wahrscheinlich bequem von Königsberg nach Kon
stanz reifen könnte. Natürlich konnte man auch einfacher reifen, als Schlözer, der immerhin „ein Mann von Stande" war. Was aber für jedermann gleich schwer ins Gewicht fiel, war die Unsicherheit ber Landstraßen. Unsicherheit im doppelten Sinne. Wenn die reisende Schauspielergesellschaft im Wilhelm Meister von Räubern überfallen wird, so erscheint uns das als „romantisch". Die Zeitgenossen fanden diese Romantik vermutlich sehr alltäglich, leider!
Dazu kam dann die andere Unsicherheit, die ihre Ursache im mangelhaften Zustande der Straßen hatte. Umgeworfen zu werden, war auch etwas alltägliches. Das ist sogar dem Alten Fritzen zugestoßen, der ja nicht zum Vergnügen, sondern in Erfüllung seines Königsberufes viel im Land umherfuhr. Als der an einem heißen Sommertage von seinem Leibkutscher Pfund aus verträumten Betrachtungen heraus in den märkischen Sand geschmissen wurde, hat er nicht schlecht ge» schimpft. Der Kutscher aber, ber sich schon aller« Hand herausnehmen bürste — unb mitunter mehr als gut war — hat patzig erroibert: „Haben Euer Majestät etwa nie eine Schlacht verloren?" Damit war der Fall erledigt, der für die Zeitung von heute eine Sensation ersten Ranges abgegeben hätte.
Größere Reisen ohne das zweifelhafte Vergnügen des Umwerfens waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sehr genau sind wir über die Reise unterrichtet, durch die sich Goethes Sohn der Weimarer Stickluft entzog, um in Italien das letzte, aber auch das glücklichste Halbjahr seines kurzen Lebens zu verbringen. Am 1. Mai 1830 sollte die Reise beginnen, das Reisefieber trieb den Kammerherrn August von Goethe aber schon am 22. April, %6 Uhr früh, aus dem Hause. Bis 8 Uhr wartete er bei seinem Begleiter Eckermann auf die Schnellpost. Schon am zweiten Nachmittag daraus waren die Reisenden in Frankfurt. Das hatte vordem doppelt so lange gedauert. Das Wetter war scheußlich, die hastigen Mahlzeiten beim Pferdewechsel widerwärtig, dazu hatte sich August beim Einsteigen in ben Wagen ben Fuß verletzt. So kam er krank in Frankfurt an unb brauchte vier Tage, bevor bie Reise weiter gehen konnte. Der zweite Abschnitt, über Karlsruhe unb Offenburg n-a ch Basel, war bafür um so angenehmer. Das Mittagessen im babischen Lanbstädtchen Bühl kostete
15 Groschen 8 Pfennig für bie Person, unb bafür gab es — ja, es verlohnt sich schon, ben Speisezettel wieberzugeben! — erstens Suppe, bann Rindfleisch mit Senf unb Kresse, banach Spinat mit Eiern, bemnächst Koteletts mit weißen Rüben, hierauf Spargel mit Tunke unb Wurst, nunmehr eine Omelette soufflöe, nachfolgend jungen Hasen, weiter Forellen, endlich Kalbsbraten mit Salat. Der Schluß war aber auch das noch nicht. Es wird uns noch weiter aufgezählt: Mandeln, Bisguit unb Konfekt, Butter unb Käse, Kaffee, ben guten, babischen Tischwein nicht zu vergessen. Man sieht, bas Reisen hatte für unsere Vorfahren boch auch seine angenehmen Seiten.
Die Reise von Frankfurt am Main nach Mai - l a n b — im Schnellzug eine Angelegenheit von nicht viel mehr als 14 Stunben — bauerte 14 Tage. Von bort wurde ein Abstecher nach V e - n e b i g gemacht, bann begaben sich bie Reisenben nach Genua. Hier hatte ber etwas miesepetrige Eckermann genug von Italien, er kehrte nach Deutschland) zurück. August Goethe reifte weiter nach Süden; er wollte zunächst über Land nach Spezia, das liegt in der Luftlinie 80 Kilometer von Genua entfernt. Am dritten Tage der Reise fuhr er, der Kühle wegen, nachts um 2 Uhr ab, denn der Sommer war ungewöhnlich heiß unb trocken. August schlief im Wagen, ber Kutscher schlief auf bem Bock. Unb es kam, wie es kommen mußte: ber Wagen warf um, unb August brach bas linke Schlüsselbein. Mit bieser Verletzung hatte er noch ein hübsches Stück zu fahren, ehe er in Spezia einen Arzt zu Rate ziehen konnte. Bis er ganz wieber her- gestellt war, dauerte es gut einen Monat, den er erst in Spezia, dann in Florenz verbrachte. Reifende von damals fanden sich mit derartigen programmmäßigen Zwischenfällen wie mit etwas Selbstverständlichem ab.
Und mir9 Wenn der fahrplanmäßige Schnellzug eine halbe Stunde Verspätung hat, fangen wir an zu toben! Zumal, wenn uns dabei ein Anschluß verloren geht und wir irgendwo übernachten müssen, wo das nicht vorgesehen war. Vor hundert Jahren waren die Menschen doch noch geduldiger, unb ber junge Goethe war mit ber erzwungenen Verlangsamung seiner Reise gar nicht einmal so unzufrieden. In bem Brief, worin er dem Vater seinen Unfall meldet, heißt es:
„Sie werden aus meinen Blättern ersehen haben, daß ich alles mit frohem Mute betrachtet und in mich ausgenommen habe. Aber zuletzt fühlte ich eine Üeberfättigung. Hierbei erinnerte ich mich eines Wortes von Ihnen; nämlich Sie sagten einmal, als wir von der Reise sprachen: ber Mensch habe nur einen gewissen Grad von Aufnahmevermögen; wenn bieser erfüllt sei, so höre jebes Interesse auf. Wie wahr finb biefe Worte, wenn man reell reift unb nicht, um zu sagen: ich bin auch ba gewesen ...
Der Vater hatte bem Sohn bamals Ratschläge gegeben, bie man auch jebem Vergnügungsreisenden von heute mit in den Koffer packen sollte. Reisen, nur um sagen zu können, ich bin hier unb ba und dort gewesen — wie sehr ist das durch die Verkehrsmittel von heute erleichtert worden! Um wieviel ist doch die Gefahr, daß einer am Ende feiner Reife nichts erschaut hat, weil er zuviel sehen wollte, heute gestiegen! Es ist schon wahr: unsere Altvorderen waren viel, viel unbeweglicher als wir es sind. Aber wenn sie sich zu einer Reise entschlossen, bann war bas ein Erlebnis, unb sie hatten etwas bavon. Ihnen war das natürlich, für uns ist das schon eine eigene Kunst geworden: fo zu reifen, daß die Reise zum Erlebnis wird — auch wenn sie nicht gleich rund um den Erdball, ober an ben Norbpol, ober quer burch bie Sahara geht.
— „Man muß in ihn verliebt fein", sagt Merian Tornius, ber Verfasser bes Artikels „Sommertage am Chiemsee", und man wird seine Liebe verstehen, wenn man die prächtigen Bilder Hans Scheibes zu diesem Aussatz im neuen Heft der „I l l u st r i r t e n Zeitung Leipzig" sieht. — Ein Bildbericht ..Lappenkinder auf ber Schulbank" von Dr. H. A. Bernatzik bringt entzückenbe Ausnahmen von einer Lappenschule unb ihren kleinen Besuchern, bie neben Lesen, Schreiben unb Rechnen auch alles für ihr späteres Nomadenleben Erforderliche lernen. — „Karger Lohn vom eblen Golb" heißt ein Artikel, in bem an Hand von Bilb unb Text bas Leben manbschurische Golbgräber geschilbert wird. — Der aktuelle Teil, Moden- und Literaturbeilage, schöne Bilder, interessante Texte, beweisen auch für dieses Heft wieder die bekannte Qualität unb Vielseitigkeit der „Jllustrirten Zeitung".


