Günstige Lnüvicklung der Veschästigungslage in Oberhessen.
Schrei zieht ein Bussard seine ruhigen Kreise hoch am Himmel.
Ein schmaler Pirschpfad führt quer durch das Altholz. Jetzt heißt es vorsichtig sein. Ganz langsam, Schritt vor Schritt, dringe ich ein in das dichte Unterholz, kein Blatt raschelt, kein noch so kleiner Zweig knackt. Ununterbrochen sind die Augen in Bewegung, nur zu leicht ist das Wild in dem unsichtigen Buschwerk vertreten. Keine andere Jagdart liebe ich so wie die Pirsch, denn nur bei der Pirsch kann der Jäger zeigen, was er kann! Hellwach muß er sein, elastisch und schnell bereit, denn sie ist reich an unvorhergesehenen Ueberraschungen, und häufig führt nur blitzschnelles Ansprechen und Handeln zum Ziel.
Dor mir leuchtet es rot, eine Ricke bummelt durchs Unterholz, ohne sich um mich zu kümmern, nascht hier ein Blatt, äst dort einen Halm. Weiter! Dort steht schon wieder Wild: eine Ricke ist es mit ihrem Kitz: etwas unbeholfen trottelt es hinter seiner Mutter her. Lange schaue ich ihnen zu. Doch dann werde ich plötzlich klein, drücke mich hinter einen Kiesernstamm, denn dort hinter dem Schlehdornbusch taucht für Sekunden das Haupt eines Rehs auf; ehe ich es ansprechen kann, ist es wieder verschwunden. Ra, ich habe Zeit. Lange brauche ich nicht zu warten; lautlos, ohne daß ich merkte, wie er gekommen ist, steht plötzlich ein Bock vor mir in der Lücke, äugt zu mir herüber und beginnt dann von dem jungen Laub zu äsen. Langsam geht das Glas hoch: ein junger Bock mit langen, dünnen, gut vereckten Stangen. So vertraut benimmt er sich, als wüßte er nicht, daß es ganz häßliche Menschen gäbe, die im Wald herumschleichen, und den Böcken ihr kurzes Leben nicht gönnen. Dom Weg her schallen Stimmen; der Bock wirft kurz auf, dann ist er im Unterholz verschwunden.
Dor mir liegt eine kleine Fichtendickung. Ein guter Bock soll dort seinen Stand haben. Ich will doch einmal warten; vielleicht bekomme ich ihn zu Gesicht. Am Schneisenkreuz mache ich es mir auf einer Leiter bequem. Es ist noch ziemlich früh, aber nach dem Regen wird das Wild es nicht lange in der nassen Dickung aushalten und früh auswechseln. Sonnenlichtumflossen liegt die Schonung vor mir; das Auge gleitet darüber hin, sucht die Gestelle ab — nichts. Langsam flaut die innere Spannung ab, ich werde etwas schläfrig, lasse den Gedanken freie Bahn. Ich träume zu gerne etwas draußen im Wald. Nirgends wo anders drängen sich die Gedanken so auf, ziehen in ruhigem, etwas schwerem Gleichfluß vorüber. Und von ganz dahinten, durch den Schleier schleppender Gedanken, bringt der Ruf des Kuckucks an mein Ohr. Ich muß doch mal zählen: neunmal ruft er! Neun Jahre — eine ganz schöne Zeit. Und bann muß ich lachen, bie Gedanken verblassen, ich bin wieder ganz wach und klar; nicht zum Träumen bin ich hier! Auf der Schneise vor mir äst sich ein Stück Rehwild; wie lange mag es dort schon gestanden haben? Ein Schmalreh ist es, durch das Stangenholz zieht es langsam zu Felde. Ein Hase hoppelt vorüber, ein zweiter folgt. Schimpfend streichen drei Häher ab, als ich vorsichtig von der Leiter abbaume.
Die Schatten sind lang geworden,, die Sonne ist hinter dem Alcholz verschwunden. Ich will noch einmal zur Blöße, die vor der großen Buchen- jugend liegt, dort steht gerne Wild. Wieder ruft der Kuckuck, die Singdrosseln fingen, mit schwerem Flügelschlag streicht ein Bussard vor mir ab. Ich pirsche ziemlich schnell voran, denn die Dämmerung kommt schnell.
Endlich bin ich da. Ein Schmalreh tritt vor mir hin und her. Lange muß ich warten, bis es vorüber ist, doch dann geht es schnell zur Kanzel. Lautlos erklimme ich sie, lege den Drilling über die Knie und greife nach dem Glas. Leer liegt die Blöße vor mir, nichts regt sich. Also warten. Die Dämmerung sinkt, schimpfend gegen die Drosseln zu Bett; sollte ich etwa vergeblich warten? Doch halt, da bewegt sich eben etwas. Dor der Buchenverjüngung steht ein starkes Reh, sichert nach allen Seiten und zieht langsam weiter auf die Blöße hinaus. Das Glas hoch: Teufel auch! Das ist ein Bock — und zwar
Gelegentlich der gestrigen Besprechung bei dem Leiter des Arbeitsamtes Gießen über die Einführung des Arbeitsbuches, über die wir heute besonders berichten, machte Oberregierungsrat Dr. List auch einige sehr interessante und erfreuliche Angaben über die Entwicklung der Beschäftigungsver- hältniffe in der Provinz Oberhessen. Aus diesen Darlegungen war zu entnehmen, daß
durch die großzügigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Reichsregierung und durch die organische Wirtschaftsbelebung auch in der Provinz Oberhessen eine sehr gedeihliche Aufwärtsentwicklung eingelreten ist.
Dank dieser Maßnahmen und des Aufschwungs in der Wirtschaft war es möglich, das vor der Machtübernahme des Führers auch in unserer Provinz weit verbreitete furchtbare Elend der Arbeitslosigkeit ganz erheblich einzudämmen und auf den verschiedensten Gebieten des Erwerbslebens vielfältige Arbeitsmöglichkeiten zur Freude und zum Nutzen von Taufenden von Volksgenossen zu erschließen. Diese Entwicklung hat dahin geführt, daß
heule der Stand der Arbeitslosigkeit erheblich
ein guter. Ich glaube hohe dunkle Stangen zu erkennen, enggestellt — aber wo sind die Enden? Wenn es nur Heller märe! Mit bloßem Auge kann ich schon nichts mehr ansprechen, und auch das Glas reicht nicht mehr so ganz. Die Dämmerung macht Himmel und Erde gleich, spinnt Dickung und Blöße ein. Leichte Nebelschwaden quirlen auf. Wenn nur der Bock näherkäme, mit dem Büchsenlicht ist es gleich aus, es hapert schon bedenklich. Aber der hat Zeit! Jetzt fängt er auch noch an zu fegen; wie toll tanzt er um die Lärche rum, schlägt und plätzt, daß der Dreck fliegt. Gar keine Rücksicht nimmt er auf meine Nerven und meinen Datterich! Endlich zieht er weiter, aber langsam; und jetzt biegt er auch noch nach links ab — Elender! Aber nein, er macht kehrt, zieht fpitz auf mich zu. Ich habe das Glas vor den Augen; 70 Gänge mögen es fein, aber ich sehe zwischen den Lauschern nur eine dunkle Masse; was er auf dem Kops hat? Ich möchte es selber gerne wissen! 50, 40, 30 Schritt — ich höre das Gras rauschen, wenn er weiterzieht, höre wie er die Halme abrupft und wie er sie knurpfend zermahlt! Ein heller Körper geistert vor mir herum, das ist er. Und jetzt nimmt er sich unendlich viel Zeit, tritt greifbar nah vor mir herum, denkt gar nicht daran, weiterzuziehen. Aber was nützt mir das? Nur mein Datterich witd immer größer — ja, wenn es jetzt heller wäre!
Endlich wechselt er weiter. Fünf Minuten warte ich noch, dann schleiche ich mich weg, taste mich durch die Dunkelheit bis ich den Pfad habe. Nach wenigen Schritten bin ich an der Hütte.
Rüdiger Schwarz.
NSDAP. Ortsgruppe Sießen-Süd.
Einzug der hilfskassenbeilräge
von den im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Süd wohnenden SA.-2Nännern.
Alle Angehörigen der SA., NSKK., Reiter-SA., Marine-SA. und SS., soweit sie nicht Parteigenossen sind und im Bereiche der Ortsgruppe Gie- ßen-Süd wohnen, entrichten ihren Hilfskassenbeitrag für das 3. Vierteljahr 1935 am Montag, 17., und Dienstag, 18. Juni, zwischen 20.30 und 23 Uhr in der Gastwirtschaft „Zum Tannhäuser", Frankfurter Straße 81.
Nichtbezahlen des Hilfskassenbeitrags an diesen
unter allen in früheren Jahren zu den günstigsten Zeiten erreichten Linien liegt.
In neuerer Zeit hat sich auch der vom Führer in Gang gebrachte Bau der Reichsautobahnen in Oberhessen schon günfhg dahin ausgewirkt, daß allein bei diesen Arbeiten rund 500 Volksgenossen aus oberhessischen Orten Beschäftigung gefunden haben. Auf diesem Gebiete kann natürlich mit einer weiteren ansehnlichen Steigerung der Be- schästtgtenzahl gerechnet werden, je weiter der Bau der Reichsautobahn durch die oberhessischen Kreise voranschreitet. Daneben machen sich auch die übrigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in vielfältiger Weise vorteilhaft für trie Wiedereingliederung erwerbsloser Volksgenossen in das Wirtschaftsleben geltend.
In manchen Berufszweigen ist die Beschäftigungslage schon seit längerer Zeit so günstig geworden, daß gelernte Arbeitskräfte für diese Zweige in unserer engeren Heimat überhaupt nicht mehr als erwerbslos verfügbar find, sondern die fehlenden Facharbeiter aus anderen Gebieten zur Besetzung der Arbeitsposten herangezogen werden müssen.
lieber diese Entwicklung der Beschäfttgungslage kann man sich nur aufrichtig freuen.
Abenden hat Abmeldung bei der Hilfskaffe in München zur Folge.
Sportkurse „Krast durch $reube".
Allgemeine Körperschule.
Für Frauen und Männer gemeinsam DAF.-Ge- bühr 20 Pf., normal 40 Pf. Freitags von 20 bis 21.15 Uhr im Lyzeum, Dammftraße.
Fröhliche Gymnastik und Spiele.
Nur für Frauen. DAF.-Gebühr 20 Pf., normal 40 Pf. Donnerstags von 20 bis 21 Uhr für Jüngere; Donnerstags von 21 bis 22 Uhr für Sichere im Lyzeum, Dammstraße. — Der für Freitags angesetzte Kursus in der Heilanstalt wird verlegt.
Reifen.
Für Frauen und Männer gemeinsam. DAF.-Ge- bühr 1,— RM., normal 1,50 RM. Montags von 21 bis 22 Uhr, Reitschule Schömbs, Brandplatz. Dienstags von 21 bis 22 Uhr, Reitschule Schömbs, Brandplatz. Mittwochs von 20 bis 21 Uhr, Reitschule Schömbs, Brandplatz.
Neue Reitkurse: Morgens von %1 bis 148 Uhr und in der Zeit von 14 bis 18 Uhr können neue Reitkurse eingerichtet werden. Schriftliche Anmeldungen mit Angabe der gewünschten Uebungs- zeiten nimmt das Sportamt entgegen.
Leichtathletik (Reichssportabzeichen).
Frauen und Männer gemeinsam. DAF.-Gebühr 30 Pf., normal 50 Pf. Samstags von 17 bis 19 Uhr, Universitätssportplatz Am Kugelberg.
Schwimmen.
Für Frauen und Männer gemeinsam. DAF.-Gebühr 30 Pf., normal 50 Pf. Mittwochs von 20 bis 21 Uhr, Volksbad.
Neuer Schwimmkurs: Montags von 18.30 bis 20 Uhr, in der Badeanstalt des Männer- Badevereins.
Fröhlicher Spielbetrieb.
Für Frauen und Männer gemeinsam. DAF.-Gebühr 20 Pf., normal 40 Pf. Dienstags von 19 bis 21 Uhr, Universitätssportplatz Am Kugelberg.
Tennis.
In den nächsten Tagen beginnen Tenniskurfe für Anfänger und Fortgeschrittene. Anmeldungen hierzu
schriftlich mit Angabe der gewünschten Uebungs- zeiten an das Sportamt, Schanzenstraße 18. Die Kosten betragen für den. Anfängerkurfus etoa Ms Sportmarken L 80 Pf. = 4,80 RM für DAF.-Mtt- glieder bzw. sechs Sportmarken a l RM. - 6 RM. für Nichtmitglieder. In der Gebühr fmd mit em- begriffen Tennislehrer, Platzbenutzung, Balle, Schlager und Balljungengebühr. Die Kosten für Fortgeschrittene (llebungsftunbe ohne Lehrer) betragen etwa fünf Sportmarken ä 40 Pf- - 2,— RM. für DAF.-Mitglieder bzw. fünf Sportmarken a 60 Pf. = 3,— RM. für Nichtmitglieder.
Boxen.
Bei genügender Teilnehmerzahl (etwa 10 bis 20) wird ein Boxkursus eingerichtet. Auch für Gruppen aus Vereinen und Betrieben können Boxkurse aufgestellt werden.
Sportturse
in Lollar, Heuchelheim, Grohen-Linden, Klein-Lin- den, Leihgestern, Grohen-Buseck, Lich, Grünberg, Hungen, Lang-Göns.
In vorgenannten Orten sollen KdF.-Sportkurse errichtet werden, wenn sich Interessenten finden. Anmeldung und Auskunft beim Sportamt Gießen, Schanzenstraße 18, oder bei den zuständigen Ortsund Betriebswarten „Kraft durch Freude".
Blntsgmppenbestimmung in der Wehrmacht.
Der Oberbefehlshaber des Heeres hat verfügt: Für die Blutübertragung als Rettungsmittel bei Verblutungsgefahr und schweren Bluterkrankungen ist die Bestimmung der Blutgruppen notwendig. Sie wird als ständige Untersuchungsart im Heer eingeführt. Untersucht werden zunächst alle in den Standortlazaretten am Sitz eines Wehrkommandos zugehenden Soldaten.
Veruntreuungen im Dienst und Selbstmord des Täters.
Ein bei einer hiesigen Reichsbehörde früher beschäftigter Beamter hat sich im Laufe der letzten Nacht auf der Strecke Gießen—Lollar von einem Eisenbahnzug überfahren lassen. Der Mann wurde dabei getötet. Der Grund zu dem Selbstmord ist in früheren dienstlichen Verfehlungen des Mannes zu erblicken.
Oie staatlich geförderte Jugenderziehung außerhalb der Schule.
Reichserziehungsminister Rust hat an die Landesregierungen Grundsätze für die staatlich geforderte Jugenderziehung außerhalb der Schule zur Kennt- ' nisnahme und weiteren Veranlassung gerichtet. Danach sind Bezirks-, Kreis-, Stadt- und Ortsarbeitsgemeinschaften für Jugenderziehung außerhalb der Schule zu errichten, ferner Dezernenten für Jugendpflege und körperliche Erziehung an den Regierungen zu bestellen und Bezirksjugendwartinnen sowie Kreisjugendwarte und -wartinnen einzusetzen. Die Dezernenten in den Regierungsbezirken sind hauptamtlich tätig, die Kreisjugendwarte ehrenamtlich. Den Arbeitsgemeinschaften soll ein Vertreter der Behörde als Führer, ferner Vertreter der PO., der HI., des BdM., des Reichssportführers bzw. Reichsbundes für Leibesübungen, gegebenenfalls ein Vertreter der SA. und SS., der Frauenschaft und ein Schuljugendwalter angehören. Dem Staate verantwortlich für die Förderung der Jugenderziehung außerhalb der Schule sind in den Landkreisen die
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Kamm verkennst du mich, Barbara?
Roman von Liane Sanden.
Urheberrechtschutz: Fünf-Türrne-Verlag, Halle (S.)
8. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
10. Kapitel.
Magdalena Gerwig war heute ausnahmsweise eher wach als Barbara. Als sie in die Gartenhalle herunterkam, waren die Vorhänge in Barbaras Schlafzimmer noch vorgezogen. In der Halle aber waren die Türen weit geöffnet.
„Der Frühstückstifch ist unter der großen Kastanie gedeckt, gnädiges Fräulein!" sagte der alte Diener Franz, der noch mit Staubwedel und Bürste herumhantierte.
Magdalena nickte ihm freundlich zu:
„Guten Morgen, Franz! Sehen Sie, da bin ich doch einmal eher munter! Ich schäme mich sonst immer, daß ich eine so schreckliche Langschläferin bin!"
Der weißhaarige Diener schüttelte lächelnd den Kopf:
„Da sollten sich das gnädige Fräulein aber nicht schämen! Das gnädige Fräulein sind ja zur Erholung hier und'sehen wirklich jetzt schon ganz anders aus!"
„Das macht die frische Luft und die gute Pflege hier, lieber Franz"
„Soll ich dem gnädigen Fräulein schon das Frühstück servieren?"
Magdalena wehrte ab:
„Nein, nein! Lassen Sie nur, Franz! Ich warte, bis die gnädige Frau kommt. Wenn ich gesucht werde, ich mache inzwischen einen Gang durch den Park."
Aufatmend stand Magdalena einen Augenblick später auf der Steintreppe still, die vom Garten- faal aus zum Park herunterführte. Welch ein herrlicher Morgen! Die weiten Rasenflächen lagen taufunkelnd vor ihr. Die Kaftanienbäume bildeten eine dichte Allee. Ihre weißen Blütenkerzen leuchteten in dem dunklen Grün der breit- fächerigen Blätter. Aus den dichten Laubmassen klang das jubelnde Konzert der Vogel, lieber die Blumenrabatten, die den Rasen vor dem Hause leuchtend einfaßten, summten sommertrunkene Bienen und Hummeln, flogen bunte Schmetterlinge. Die große Fontäne in der Mitte der weiten Rasenfläche war angestellt. Sie warf ihre Wasserstrahlen hoch in die Lüste und sprühte das Licht in bunten Funken wider.
Am Ende des Parks war eine künstlich geschaffene Lichtung in den dichten Paumgruppen. Der
Fluß blitzte blau und silbern hindurch. Dahinter sah man das weiße Band der Landstraße, lieber allem spannte sich der Himmel wie eine hellblaue Decke von weicher Seide.
Mit tiefem Entzücken nahm Magdalena das Bild in sich auf. Wie glücklich hätte Barbara fein müssen über diesen herrlichen Besitz! Und war es doch nicht. Magdalena fühlte genau, wieviel Unrast hinter Barbaras fieberhaftem Tätigkeitsdrang, wieviel unterdrückte Sehnsucht hinter ihrer Kühle war. Was war aus der Freundin geworden feit dem unglücklichen Ende ihrer Ehe? Zwischen der Barbara von einst, dem weichen, liebevollen jungen Mädchen, und der Barbara jetzt war kaum noch eine Verbindung. Freilich, ihr gegenüber war Magdalena die alte. Aber wie kühl und unnahbar war sie gegen andere Menschen — Mackenroth zum Beispiel! Da war sie schon wieder mit ihren Gedanken bei dem gestrigen Abend.
In tiefes Sinnen verloren schritt Magdalena jetzt die Stufen herab und wanderte durch den Park. Ein Gefühl der Unruhe kam wieder über sie, wenn sie an Mackenroth dachte. Er hatte etwas Zwingendes, Starkes. Man hatte beinah Furcht vor ihm. Man kam sich so unbedeutend vor ihm gegenüber. Wie anders fühlte sie sich doch im Zusammensein mit Günter Baumert! Da war nichts von Befangenheit — nichts von Kleinmütigkeit. Da fühlte man sich nicht erdrückt und irgenoroie vernichtet. Da war man ein gleichwertiger Mensch mit herzlichem Vertrauen.
Das Gesicht des jungen Theologen, der jetzt bei ihrem Vater die Vikarstelle versah, tauchte vor ihr auf. Tief atmete sie auf. Der Gedanke an Günter Baumert war wie ein stilles Ausruhen. Vielleicht würde sie heute von zu Hause einen Brief haben und von ihrem Vater hören, wie sich Günter Baumert in der Pfarre des Vaters eingearbeitet hatte.
Ihr Gesicht wurde wieder ganz fröhlich, als sie nun tiefer in den Garten hineinfchritt. Unter der großen Kastanie, die ein wenig abseits stand, war der Frühstückstisch gedeckt. Auf der blauen Leinendecke spielten Sonnenkringel. Das zarte, licht- gelbe Porzellan leuchtete spiegelnd.
Lächelnd zog Magdalena aus ihrer kleinen blauen Leinentasche ein Päckchen, in Seidenpapier eingehüllt, und legte es auf Barbaras Gedeck. Ob sie sich wohl freuen würde über die kleine Arbeit, Die sie ihr gemacht hatte? Barbara hatte neulich in einem Schaufenster in Prag eine kleine, handgearbeitete Garnitur so bewundert: ein feines Hohlsaummuster auf Glasbatistkragen und dazu passende Manschetten. Da hatte Magdalena sich heimlich das Muster in dem Handarbeitsgeschäft aufzeichnen lassen und es abends für Barbara gearbeitet. Es würde gut zu dem hellblauen Leinenkleid paffen, das Barbara sich bestellt hatte. Sie sah förmlich den feinen, schönen Kopf Barbaras mit dem rotgoldenen Haargelock vor sich, den schlan
ken Hals aus der feinen Umrahmung des weißen Batists aufsteigen.
Nun wollte sie noch ein paar Blumen dazu holen. Hinten auf der Wiese blühte es bunt durcheinander. Barbara hatte neulich einen Feldblumenstrauß gelobt, den Magdalena gepflückt und angeordnet hatte. Einen solchen Strauß wollte sie ihr jetzt holen. Schnell ging sie durch den Park, überquerte die kleine Brücke, die zu dem Wiesengelände führte. Ein kleines Messer hatte sie immer bei sich. Denn sie konnte niemals genug Blumen für die Zimmer schneiden und war glücklich, daß sie hier pflücken durfte, soviel sie wollte.
Nun war sie auf der Wiese. Das Gras stand hoch und dicht. Für morgen hatte Barbara die zweite Mahd angeordnet. Da konnte sie noch nach Herzenslust Blumen holen. Sie bückte sich immer wieder. Weißgelbe Margueriten, blaue Kuckucksblumen, weiße Lichtnelken — dazwischen verstreut purpurfarbener Mohn. Alles blühte hier bunt durcheinander. Bald hatte sie einen großen Strauß, dem sie noch eine Reihe zarter, fiibergrauer Gräser einfügte.
Am Fluß stand eine kleine Bank aus Borken gezimmert. Dort setzte sie sich nieder und begann eifrig den Strauß für Barbara zu richten.
So vertieft war sie in ihre Arbeit, daß sie die Schritte vom Wirtschaftshofe her überhörte. Von dort kam Eckehard von Mackenroth. Sein Gesicht war sehr ernst. Es war ein schwerer Gang, den er vor sich hatte. Er mußte der Herrin von dem Verlust der Zuchtstute Mitteilung machen. Oberinspektor Rockesch hatte wegen brinaenber Holzoerhandlungen zur Stadt fahren müssen und ihm die Meldung an Barbara übergeben. Er wußte, wie Barbara an dem schonen Tier gehangen hatte. Die Nachricht zu überbringen, war ihm um so schwerer, als er Barbara gegenüber seinen Verdacht äußern mußte. Er wußte, wieviel die Herrin von dem Oberinspektor Rockesch hielt. Zweifellos: der Mann war tüchtig und verstand seine Sache. Es war für ihn als Untergebenen fehr schwer, Rockesch der mangelnden Sorgfalt anzuklagen. Und doch: er mußte diese Pflicht erfüllen. Man konnte diese gehäuften Unglücksfälle in dem Tierbestand des Schlosses nicht mehr so hinnehmen.
Bei dem Gedanken an bie notroenbige Slusein- anbersetzung, bie folgen würbe, würbe ihm heiß. Er griff in bie Tasche nach seinem Tuck, ba knitterte ber Brief leise. Das Abschiebsgesuch — er hatte es ganz vergessen. Hatte er es vergessen wollen?
Seine Gestalt straffte sich. Nein, es mußte Schluß gemacht werben. Er konnte sich einer solchen Behandlung wie der gestrigen nicht zum zweiten Male aussetzen.
Da stutzte er. Dort auf ber Bank am Fluß saß boch jemand. Die tief herniederhängenden Zweige der Trauerweide ließen die lichte Gestalt nicht ganz
klar erscheinen. War es Barbara, die dort saß in dem weißen Kleid? Nein, es war nicht Barbara! Die Sonne spielte auf dem hellblonden Scheitel Magdalena Gerwigs. Er zögerte einen Augenblick. Sollte er Magdalena begrüßen? Oder sollte er den kleinen Umweg über den jenseitigen Steg zum Herrschaftshaufe machen? Das, was zwischen ihm und Barbara gesprochen werden mußte, geschah am besten gleich. Je länger man die Dinge hinauszögerte, desto schwerer wurden sie. Aber er hatte plötzlich das Empfinden, sich zunächst mit Magdalena aussprechen zu müssen. Sie war Barbaras beste Freundin. Sie liebte Barbara so wie keinen anderen Menschen vielleicht.
„Uun du?" fragte eine Stimme in ihm. „Liebst du sie nicht mehr als alles andere auf der Welt?"
Unmutig schüttelte er den Kopf. Daß er doch niemals von diesen fruchtlosen Empfindungen loskam. Er war doch ein Mann und mußte die Dinge sehen, wie sie waren, nicht, wie er sie wünschte. Barbara von Stechow hatte ihm deutlich genug gezeigt, daß er nichts für sie war wie ein Angestellter.
11. Kapitel.
Gewaltsam riß er sich aus seinen bitteren Gedanken los. Er schaute, den Schritt verhaltend, auf Magdalena. Sie sah ihn nicht. Denn er stand von der großen Trauerweide noch verdeckt. Welch anmutiges Bild das Mädchen bot! Mit sanft geneigtem Kopf saß sie da. Ihre weißen Hände ordneten geschickt und leicht die bunten Blumen zu einem schonen Strauß. Ihr geneigtes Gesicht trug einen sinnenden Ausdruck. Jetzt ging ein Lächeln über ihre Züge. Das Ganze war ein Bild der vollkommenen Harmonie, das ihn rührte und erwärmte.
Gestern hatte Magdalena ihn anders anaeschaut. In ihrem Blick waren Unruhe, Angst und Bangigkeit gewesen. Es war, als ob feine eigene Zerrissenheit in sie übergeströmt wäre. Er schämte sich jetzt. Er hatte gestern ganz bewußt sie so herrisch an sich gezogen. Er hatte ja Barbara zeigen wollen, daß er nicht an sie dachte. Daß es andere Menschen gab, die sein Interesse erwecken konnten. Jetzt war es ihm, als hätte er da ein Spiel getrieben, das seiner unwürdig und diesem sanften Menschenkind hier gefährlich werden konnte. Man durfte nicht den eigenen Kummer betäuben wollen dadurch, daß man andere beunruhigte.
„Guten Morgen, gnädiges Fräulein!" sagte er, aus dem Schatten der Trauerweide heraustretend. Magdalena schrak zusammen. Ein paar Blumen entfielen ihren Händen. Er bückte sich und legte bie bunten Blüten auf die Bank neben Magdalena.
In ihren Augen war der gleiche Ausdruck der unruhigen Angst wie gestern.
Da sagte Eckehard, mit beschwichtigendem Klang in seiner tiefen Stimme:
„Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, wenn ich Sie erschreckt habe! Das täte mir aufrichtig leid!"
(Fortsetzung folgt!)


