Ur. (5 5 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Donnerstag, lZ.Zuni (935
des Nektars ist in dem herben Dust zu atmen, der den Salbei auszeichnet.
Wenn ich in die Stille lausche, kann ich die summende Freude auf den unsichtbaren Jnsektenstraßen in der Luft hören und all den wispernden und zirpenden Jubel ohne Ende von Blüte zu Blüte, weil es ohne Maßen schön ist, ein Gast der Wiese zu sein.
Don der Wanderung der Gnus.
Auf den Seregenti-Ebenen des nördlichen Tanganjika-Gebietes bewegt sich nun wieder eine merkwürdige Völkerwanderung. Giraffen, Zebras, Büffel, Gazellen, Antilopen und Gnus gehorchen bei Beginn der kurzen Regenfälle wieder ihrem angeborenen Wanderdrange, der sie im Halbkreis von Westen nach Osten treibt, von Wasserstelle zu Wasserstelle, um später wieder auf einem ähnlichen Wege zurückzukehren. Die Führung bei diesem Wanderzug übernehmen die zahlreichen Gnus, jene merkwürdigen Wiederkäuer, die ebensoviel von der Antilope wie vom Rind an sich haben. Der „Vater der Tiere", der berühmte Naturforscher Brehm, hat diese „wahren Zerrbilder der edlen und zierlichen Gestalten ihrer Familie" allerdings recht kritisch als ausgesprochen unschön bezeichnet. Er schrieb in seinem „Tierleben" über das Gnu: „Das Tier erscheint als ein Pferd mit gespaltenen Hufen und einem Stierkopfe, und es beweist durch sein Betragen, daß sein ganzes Wesen mit dieser Zwittergestalt bestens im Einklang steht. Unmöglich kann man das Gnu ein schönes Tier nennen, so zierlich auch der Bau mancher einzelnen Teile sein mag." Kilometerweit sind nun die Ebenen mit den wandernden Gnuherden bedeckt, die die Opfer nicht scheuen, die sie durch daß Zurückbleiben der schwachen W kranken Tiere und den Verlust der von den Löwen angefallenen Tiere bringen müssen. Die Farmer hören Tag und Nacht den eigenartigen Ruf der Tiere in der Ferne, Laute, denen die holländischen Ansiedler einst die Worte unterlegten: „Nonja, gudtn aoond", „Jungfrau, guten Abend!"
Hochschulnachnchten.
Professor Dr. Hanns Heiß, Ordinarius für romanische Philologie an der Universität F r e i b u r g, ist im Alter von 58 Jahren verstorben. Professor Heiß war 1877 in München geboren, wurde 1907 Privatdozent in Würzburg, ging 1909 nach Bonn, wurde 1914 Ordinarius für romanische Sprachen und Literatur in Dresden und wurde 1919 als Nachfolger von Professor B a i st nach Freiburg berufen.
nur
ein neuer Beruf
Errichtung eigener Lehrstühle an deutschen Universitäten.
Der „Lustarzt"
des einzelnen, sondern Vorsorge für die kommende Generation oder Rasfenhygiene gilt es zu treiben!
Die in den letzten Jahren immer größere Fortschritte machende Erb- und Rassenkunde hat den Weg gezeigt, den ein Volk zur Verbesserung und Säuberung seines Erbgutes zu gehen hat. Direkt können wir das Erbgut nicht zum Guten beeinflussen — wohl direkt durch Keimgifte schädigen —, aber indirekt ist eine Beeinflussung möglich. Durch die Fortschritte des menschlichen Geistes, der Kultur und Zivilisation wurden die natürlichen Lebensbedingungen, die in der freien Natur züchtend und aufartend wirken, immer mehr unterbunden. Die eine Entartung bewirkenden Mutationen, die draußen in der Natur durch den Kampf ums Dasein ausgemerzt worden wären, wurden durch die Kunst des menschlichen Geistes, durch die Kunst der Aerzte und die erleichterten Lebensbedingungen erhalten und gepflegt.
Wir können die natürlichen Lebensbedingungen nicht wieder Herstellen, aber da wir die Ursachen der Entartung kennen, können wir der Wirkung der künstlichen Umwelt eine künstliche Auslese entgegensetzen, eine künstliche Zuchtwahl, statt der natürlichen, die schließlich zum selben Enderfolg führen muß. Durch planmäßige Auslese, durch Förderung der erbgesunden Familien im Volke und anderseits durch Ausschaltung der kranken Erblinien aus dem Volkskörper ist uns ein Mittel zur Ertüchtigung und Gesundung, wenn auch nicht für die schon Lebenden, so doch für das Deutschland der Zukunft gegeben. Es war eines der ersten Verdienste der nationalsozialistischen Bewegung, die Gefahr der Entartung zu erkennen und ausjätende Gesetze zu erlassen, wie z. B. das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das Gesetz gegen Gewohnheits- und Sexualoerbrecher und viele andere Maßnahmen.
Der Entartung wird Halt geboten — der Weg zur Aufartung ist wieder frei.
Rassenpflege als Gebot der Stundet
Don Or. Arthur Gütt,
Ministerialdirektor im Reichs- und preußischen Ministerium des Innern.
logischen Lebenslauf seines Volkes zu denken! Nicht Personenhygiene, nicht nur Gesundheitspflege
die akademisch gebildete Jugend Mitte der Zwanziger in Amt und Beruf zu bringen. Je älter der Mann wird, bis er in den Beruf kommt, um so später kann er die Ehe eingehen, um so früher gewöhnt er sich an ein ungebundenes Junggesellenleben, um so eher wird er krank oder seelisch zur Ehe unfähig! Aber auch wenn er noch eine Ehe in späteren Jahren eingeht, dann wird diese Ehe kinderarm bleiben, weil die Eltern schon alt sind oder den Mut, Kinder zu haben, nicht mehr aufbringen! Je stärker die Auslese bei der gebildeten Schicht gehandhabt wird, um so notwendiger wird die Ermöglichung der Frühehe, da ja sonst die Aussiebung und der Untergang der Begabtesten noch um so schneller vor sich gehen wird.
Gewiß, sagt man heute, freuen wir uns doch, daß die Jugend nicht zu früh fertig ist, halten wir sie so lange wie möglich von Berufen, die überfüllt sind, fern. Gewiß, das sind alles Folgen einer verfehlten liberalistischen Staatspolitik, aber bedenken wir, daß dieser Zustand sich ändern wird, und bedenken wir, daß wir dabei leichtfertig mit dem Schicksal unserer wertvollen jugendlichen Zukunftsgeneration umgehen! Auch eine Aenderung des Hochschulstudienplanes ist vom Gesichtspunkt bevölkerungspolitischer Forderungen aus durchaus möglich. So gilt es also in Zukunft nicht nur Gesundheitspolitik im alten Stil zu treiben, nicht nur an das Einzelschicksal, nicht nur an das leibliche Wohl des Individuums, sondern an das Gesamtwohl des Ganzen und des einzelnen, also auch an sein Einreihen in den bio-
Aus einer aufrüttelnden Darstellung des Verfassers, die mit Recht Beachtung verdient „Bevölkerungs- und Rassenpolitik". (Jndu- strieverlag Spaeth und Linde, Berlin W 35.)
Ein Volk sinkt von Generation zu Generation in seiner Leistungsfähigkeit ab, wenn gerade die Leistungsfähigsten ohne Kinder aus dem Lebensstrom der Rasse ausscheiden. Was nützt es auch einem Staat oder einem Volk, wenn Sportler — und schon gar Frauen — durch körperliche Ueberanstrengung, durch Spitzenleistungen um der Sensation willen sich I selbst vernichten? Das sind dann Entartungen des Sports, die als Folgen eines entarteten Zeitalters ausgefaßt werden müssen. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Art- und Rassenerhaltung muß auch den Sport veredeln! Sport und Leibesübungen, sinnvoll verstanden und so betrieben, müssen ebenso wie unsere Wirtschafts-, Gesundheits- und Sozialpolitik zu einer Höherentwicklung führen und zu einem „Dienst an der Rasse" werden.
Auch wir werden der allgemeinen Gesundheitspflege und den Heilmethoden die größte Beachtung schenken müssen, auch der nationalsozialistische Staat wird die Seuchengesetzgebung aufrechterhalten müssen, um die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten zu verhindern. Auch der Nationalsozialismus wird die gesunde Lebensweise des Volkes fördern und die Jugend zu gesunder Lebensführung und Leibesübungen anhalten müssen, aber wir werden uns hüten, darin allein den Lebensinhalt unserer Nation zu sehen! Mehr als bisher werden wir Wert darauf legen müssen, einen guten allgemeinen Gesundheitszustand und einen guten Durchschnitt auf körperlichem und geistigem Gebiet zu erzielen.
Mehr als bisher werden die öffentlichen Gesundheitsbeamten sich um die körperliche und seelische Ausbildung unserer Jugend zu kümmern haben, um eine Uebertreibung des Sports der Sensation wegen und damit eine Schädigung der Jugend zu verhüten. Nützt es denn unserem Volk, wenn man junge Mädchen zu weltberühmten Sportlerinnen macht, wenn man sie mit verzerrten Gesichtern durchs Ziel gehen sieht, um hinterher zusammenzubrechen?
Kann unser Volk ein Interesse daran haben, seine männliche und weibliche Jugend 13 bis 15 Jahre auf der Schulbank zu wissen, um sie erst mit 30 und mehr Jahren nach einer langen Ausbildungszeit in überfüllte Berufe hineinzulassen, wenn diese selbe Jugend daran zugrunde geht? Läßt sich die Ausbildung nicht so gestalten, daß das zu erlernende Wissen so gelehrt wird, wie es im Leben gebraucht wird? Ist es nicht besser, man stellt einige Lehrkräfte, einige Wissensgebiete um, als daß diese Wissensgebiete und Lehrkräfte in einigen Jahrzehnten überflüssig werden, weil es eine ausreichende Zahl von Schülern gar nicht mehr geben wird?
Eine Umkehr auf diesem Wege kündigt sich an. Darum ist es zu begrüßen, daß unsere Jugend durch Arbeitsdienst und körperliche Betätigung dem Leben, den anderen Schichten und der Heimat nähergeb.racht wird: aber ist es zu verantworten, wenn man dieser Jugend dann noch einige Jahre Ausbildung mehr aufbürdet, sie noch später in einen Beruf hineinkommen läßt, ohne die an sich in Deutschland viel zu lange Schulzeit zu verkürzen? Es gibt schon na- tionalsozialische Schulmänner genug, die aus Liebe zu ihrem Volk, aus Ueberzeugung von der Notwendigkeit des biologischen Lebens und Bestehens der gebildeten Schicht verlangen, daß die Vorschulzeit auf drei Jahre und die Mittelschulzeit auf acht Jahre gekürzt wird, ohne daß die Gesamtausbildung darunter zu leiden braucht. Dies ist besonders deshalb zu fordern, weil sowohl die mänliche wie dre weibliche Jugend eine praktische körperliche Betätigung von ein bis zwei Jahren dringend braucht, und weil man ja sowieso nur besonders begabte Kinder zum Hochschulstudium zulassen will! Gerade wenn man dies aber erstrebt, ist es noch um so notwendiger,
ihrem Studium an den Universitäten eigene Lehrstühle errichtet, wie man auch im Reichsluftfahrtministerium eine besondere Abteilung für Luftfahrtmedizin eingerichtet hat, als deren Leiter Oberfeldarzt Dr. H i p p k e bestellt wurde. An der Universität Gießen erhielt, wie bereits gemeldet, Professor Dr. Eberhard Koch einen Lehrauftrag für Luftfahrtmedizin für das Sommersemester 1935.
Der tanzende Horizont.
Wie ein toll gewordener Riefenvogel hüpft das Flugzeug mit dröhnendem Motor über das weite Feld und steigt dann steil in den glasklaren, blauen Sommerhimmel empor. Mit Steilkurven beginnt der Pilot das K u n ft f l u g p r o g r a m m. Der Apparat legt sich auf die Seite und dreht sich, die eine Flügelspitze senkrecht zur Erde gerichtet, in langsamer Wendung. Das Gefühl der tragenden Flächen verläßt den Fahrgast. Man kommt sich vor wie ein unendlich hilfloses Etwas, das, ein Spielball überirdischer Kräfte, durch den Himmelsraum gewirbelt wird. Aus tausend Meter Höhe über dem Flugfeld kreiselt die Maschine nach unten um irgendeinen unbegreiflichen Stützpunkt. Der obere Flügel beschreibt, ein riesiger Zeigefinger, regelmäßige Kreise im lichten Blau. Den Fahrgast ergreift ein unwiderstehliches Schwindelge - fühl. Plötzlich ein unangenehmer Druck im Magen, die Maschine hat sich aufgebäumt, die Erde ist zu einer Schiffsschaukel geworden und wie ein Stein fällt das Flugzeug im 100-Kilometer-Tempo abwärts. Der Pilot „rührt mit dem Knüppel" und wirft die Maschine in den nächsten „Turn", wobei man mit vertauschten Steuerflächen fliegt. Das Höhensteuer wirkt nunmehr als Seiten
zum Looping an. Die Maschine tobt, ein wildgewordenes Ungeheuer, durch den Aether, die Erde wird weggezogen wie ein Teppich, und die Zentrifugalkraft drückt den Fahrgast gegen den Boden des Flugzeugs, lieber feinem Kopf faust der Flughafen hinweg, dann ein pfeifendes Abwärtsftürzen, das schwungvoll abgefangen wird. Der Horizont führt einen Veitstanz auf, so daß man jegliches Gleichgewichtsgefühl verliert. Noch ein atemraubendes Trudeln, Rollen und Ueberkugeln im Weltenraum und man ist der Erde wiederaegeben. Trotz der dicken Watte, die man in den Ohren hatte, ist man noch eine Viertelstunde lang taub und wie vor den Kopf geschlagen.
Der Mensch ist kein Vogel.
Das sind ungefähr die Empfindungen, die man als Fahrgast in mehr oder minder starkem Maße bei einem Kunstflug hat. Ihre Erforschung und wissenschaftliche wie praktische Auswertung sind die Aufgaben der L u f t f a h r t m e d i z i n. Der Flieger ist zwar mit derartigen Erscheinungen längst vertraut und empfindet sie kaum mehr als ungewöhnlich, ist ihnen jedoch dafür im Gegensatz zum Fahrgast tagtäglich ausgesetzt. Es gilt vor allem, Die Folgen der Kälte, der Luftdruckände- r un g und des Sauerstoffmangels in großen Höhen zu erkunden. Auch die Wirkungen der Zentrifugalkraft und der plötzlichen Beschleunigung auf den Körper sind festzustellen. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, diesen Erscheinungen zu begegnen und ihnen durch Vermeidung, Gewöhnung oder • technische Einrichtungen ihre Unannehmlichkeiten zu nehmen. Auch die Ernährung der Flieger bzw. die Einhal- fugn einer zweckdienlichen Diät und die Bekämpfung der Luftkrankheiten durch Medikamente gehören zum Aufgabengebiet der Luftfahrtmedizin.
Die deutsche ärztliche Wissenschaft ist um > steuer und umgekehrt. Nun^setzt der Flugzeugführer einen neuen Zweig bereichert worden: die Luftfahrtmedizin. Es werden zu1
Gegenwärtig zählt auch die Auswahl der Prüfungsmethoden für die zahlreichen Fliegeruntersuchungsstellen im ganzen Reich noch zu den Obliegenheiten der neuen Wissenschaft.
Oie Organisation der Lustfahrtmedizin.
Zugleich mit der Luftfahrtmedizin wurde der vollkommen neue Begriff des Luft- oder Fliegerarztes geschaffen. Wie jeder andere Facharzt erhält er seine Ausbildung an den Universitäten. Die wissenschaftlichen Grundlagen für die Luftfahrtmedizin werden durch bereite vorhandene oder neu zu gründende eigene Forschungsinstitute geschaffen. Es zählen hierzu gegenwärtig u. a. das in der Militärärztlichen Akademie von Berlin untergebrachte „Luftfahrtmedizinische Forschungsinstitut des Reichsluftfahrtministeriums", das „Institut für Luftfahrtmedizin" in Hamburg und das Kerckhoff-Jnftitut in Bad-Nau- Heim. Die Medizinalabteilung des Reichsluft- fahrtminifteriums ist gewissermaßen die Zentralstelle für alle diese Bestrebungen und die Richtung weisende oberste Instanz der Luftfahrtmedizin. Diese neue Wissenschaft ist heute schon ein u n - entbehrliches Hilfsmittel der Luftfahrt, das durch die Fernhaltung und Bekämpfung der dem Flieger im Luftraum begegnenden gesundheitlichen Zufälle diesen erst in die Lage versetzt, die ihm gestellten großen Aufgaben im, Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte zu erfüllen. Voraussetzung hierfür aber ist die genaue Kenntnis aller hygienischen Bedingungen, unter denen der Mensch im Luftraum zu leben und arbeiten vermag.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Luniabend im Wald.
Fast den ganzen Tag hatte es gegossen, und mein Hoffnungsbarometer sank bedenklich, als ich nach dem Essen aus dem Fenster sah: der Himmel grau in grau und der Regen trommelte ununterbrochen gegen die Scheiben. Gegen fünf Uhr zerriß der trübe Schleier, der Himmel klarte auf, und so wagte ich es. Doch kaum hatte ich den Wald erreicht, da ging ein Schauer mit erneuter Wucht nieder, und ich machte, daß ich zur Jagdhütte kam. Da stand ich dann am Fenster, mit verzweifelt schlechter Laune, blickte hinüber zum Gleiberg, der ganz im Regendunst lag, sah zu, wie das Dreckwasser in den Pfützen bei jedem Tropfen auffpritzte, lauschte, wie der Regen auf das Dach prasselte, und wie ein Tropfen nach dem andern eintönig vom Dach tropfte. Doch so schnell wie er gekommen war, so schnell zog der Schauer vorüber. Ein leichter Wind vertrieb die Wolken, und eine Viertelstunde später brach die Sonne durch und tauchte Wald und Feld in strahlenden Glanz. Nun aber schleunigst raus; wenn heute Abend nichts los ist, bann weiß ich nicht, wann überhaupt.
Donnerwetter ist das schön! Die Erde scheint förmlich zu dampfen: und wie schön die Sonne einem den Buckel wärmt! So recht behaglich schlendere ich die Schneise entlang. Jeder Halm, jedes Blatt, jede Blüte blitzt und glitzert in der Sonne, wie Diamanten leuchten und flimmern die tausend und abertausend Tröpfchen. Silbergraue Buchen- ftämme, frisch-grünes, junges Laub, grüngolden fallen die Sonnenstrahlen durch das Kronendach, brechen sich in Millionen Tropfen, daß der ganze Wald wie ein Feenpalaft glänzt und funkelt, und malen ein wirres, zuckendes Bild in Hell und Dunkel auf den Waldboden — eine fast bedrückende Farbenpracht. Und alles was lebt, strebt hinaus in die Sonne. Um mich surrt und burrt, fliegt und kriecht es! Auge und Ohr können es kaum fassen, so viel drängt auf sie ein. lieber mir jauchzt ein Specht, tief hinten gurrt ein Tauber, Mönch und Meise, Pieper und Fink, Drossel und Zaunkönig trillern und flöten, schlagen und schmettern, locken und warnen über mir im hohen Holz, in den Büschen und ihi Gestrüpp neben mir. Mit gellem
Gießener Stadttheater.
Zakoby und Laufs: „Pension Schöller".
Im Stadttheater ist die Sommerspielzeit eröffnet worden. Devise: Lachen ist gesund. Den Anfang machte „Pension Schöller", uralter Schwank von I a k o b y und Laufs, welcher mit "^^)arlel)5 Tante", der „Spanischen Fliege und dem »Raub der Sabinerinnen" zu den berühmtesten, beliebtesten und unverwüstlichsten seiner Gattung gehört. Wie beliebt diese Pension ist, kann man daran ermesien, daß das Stück jetzt in einer neuen Fassung im Berliner Renaissance-Theater wieder eine Riesen- aufführungsserie erlebt hat. Hundert Abende hintereinander, wenn wir recht berichtet sind.
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Man getraut sich kaum, die Geschichte noch einmal zu erzählen oder wenigstens von ferne an- xubeuten. Also es ist — für alle, die es noch nicht wissen sollten — die Geschichte vom Onkel Philipp aus der Provinz, der nach Berlin gereift kommt um hier etwas zu erleben, was noch keiner erlebt hat, wenigstens keiner von seinenStammtischbruderm Er hat sich etwas besonders Ausgefallenes ausgedacht und findet zu feinem Unglück auch die richtigen Leute, die das freund scherweise arrangie- ren. Onkel Philipp dachte es sich namlict) äußerst apart, mal eine nette Abendunterhaltung tn einer Privatheilanstalt zu verbringen.
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Die jungen Leute, die ihm bei diesem Unternehmen behilflich sind, reden ihm em, die Pension Schöller — wo lauter ganz normale Leute wohnen — sei eine solche Anstalt; allerdings trifft es sich gut, daß die Pensionäre alle einen kleinen xi( haben; wenn man ein bißchen nachhilft, ist die Illusion vollkommen, der Onkel sieht sich denn alsbald in einem munteren Kreise von leicht Gestörten uno harmlos Irren, und das Abenteuer steigert sich zu ungeahnten Komplikationen und Ueberraschungen.
Jetzt erinnern Sie sich wohl, was da für sonderbare Zeitgenossen ihr Wesen und sich auf einer musikalischen Soiree die Zeit vertreiben: da ist zum Beispiel ein grimmiger Weltreisender eingekehrt, der jttüei Leoparden in der Badewanne einquartiert hat. Da ist die Schriftstellerin, die Romane für die „Gartenlaube" schreibt und sich dauernd auf der Jaqd nach interessanten Stossen befindet. Da ber Musiker Bollmann, der den „Hicks" hat und angeblich von der Wahnvorstellung verfolgt wird, der Rattenfänger von Hameln zu jein. Da rst vor
allem der angehende Schauspieler mit dem kleinen Sprachfehler; er kann den schwierigen Buchstaben L nicht aussprechen, aber „Hamnet", „Othenno" und „Kabane und Riebe" sind seine besten „Rönnen". Er reißt das Tischtuch herunter, gürtet seine Lenden, schreit „Bnut! Bnutü" und springt auf den Tisch, daß dem guten Onkel Philipp angst und bange wird.
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Jetzt wissen Sie sicher Bescheid, und wenn sich jemand nicht erinnern sollte, dann kann er es sich jedenfalls denken, daß im dritten Akt all diese heben Gäste zu Onkel Philipp zu Besuch kommen — einer nach dem andern. Philipp glaubt, die sind ausgebrochen, sperrt mit List und Tücke jeden m ein anderes Nebenzimmer und telegraphiert derweile nach dem Direktor Schöller und nach der Zwangsjacke, während Philipps Angehörige ihrerseits nur an- nehmen können, der Arme fei mit einem leichten Defekt aus der Reichshauptstadt heimgekehrt.
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Genug. Wer jetzt noch nicht Bescheid weiß,, muß selber hingehen. Es war ein stürmischer Abend. Auch in der neuen Fassung bewies das alte Stück seine unerschütterte Zugkraft, obwohl wir einige besonders schöne Stellen von ehedem schmerzlich vermißt haben. Das Haus dröhnte von Gelachter und Beifall, besonders im zweiten und dritten Akt, wo die Situationskomik auf den Gipfel ftergt. Herr Lüpke hatte die Spielleitung und ließ sich nicht eine der alterprobten und der neuhinzugekommenen Pointen entgehen.
Herr Hub machte den Onkel Philipp. Er machte ihn in einem untadeligen rheinischen Dialekt, und es war in der Tat ein Abenteuer sondergleichen, fierr Lindt spielte den hemmungslosen Komödianten — „Bnut! Bnutü" — er stieg in fernem Rausch auf Tisch und Sofa und kniete verzückt auf seinem ächzenden Opfer. Auch Fräulein Wlelan- der als männlich-besessene Schriftstellerin Herr Neubaus als wilder ßöroeniager und Herr Va 1 ckenberg als Musiker Bollmann trugen zur musikalischen Abendunterhaltung bet Schonner fräftig bei. Dom stattlichen Ensemble seien ferner Frau Schubert-Jüngling, Herr Schorn Frau S t i r l, die Herren 23 o I cf und (Beiger mit besonderer Anerkennung genannt. —
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Das Publikum amüsierte sich großartig, hth.
Rhemwiese im Strauß.
Von Peter Bauer.
Da ich krankheitshalber nicht hinaus kann, ist die Rheinwiese, die jetzt hoch und bunt in Blüten steht, zu mir gekommen in einem Strauß gepflückter Blumen und Gräser. In der geräumigen Vase auf meinem Tisch hat sich das faustdicke Stengelbündel aufgelockert, so daß jede Blume nach Belieben sich zu recken vermag und keine der anderen Atemnot verursacht. Sie können sich eine Zeitlang auch ohne Wurzeln halten, und ihre Straffheit und Frische, ihr satter Farbenglanz scheinen zu bestätigen, daß sie nichts entbehren.
Schließe ich bis zu einem kleinen Sehspalt die Augen und träume über den bunten Büschel hin, wird er ein wachsendes Stück Wiese, das wogt und duftet und zauberhaft in die Weite wuchert, tief hinein in den blauen Horizont. Meine Füße folgen einem schmalen Pfad, der sich schlängelt und windet, als sei er vor der lauten Welt auf der Flucht. Züngelnde Halme und schwanke Stengel streifen rauschend und knisternd meine Knie: Gräser mit Rispen und Schwingel, Blüten mit Dolden und Kerzen, Glocken und Sternen in Weiß und Tiefblau, Goldgelb, Rosa und Karminrot. Margeriten und Salbei beherrschen die Sicht. In Rudeln und Völkern durchädern sie weiß und blau die grüne Fläche, durchrieseln sie wie kleine Bäche mit ihren leuchtenden Farben und sammeln sich stellenweise sogar an, als wollten sie Teiche und Seen bilden.
Erst in der Nähe werden die Margeriten zu kleinen weißen Strahlensonnen mit goldenen Kernen. Als hätte jede von ihnen einen Funken von der großen Himmelssonne sich festgehalten. Darum sehen die Margeriten auch immer so aus, als wollten sie mit einem flüchtigen Husch über die Köpfe ihrer Nachbarn fortwehen. Einem Weißling oder Zitronenfalter nach, mit denen sie nicht nur die Farben, sondern auch das Gauklerische und Fernsüchtige gemeinsam haben.
Starken Willen zur Seßhaftigkeit und Erdtreue bekunden dagegen Bau und Haltung des Salbei, der wie eine Pyramide mit breiten kräftigen Blättern auf der Erde sitzt und sich erst in der Spitze seiner Dlütenähre verjüngt. Und selbst diese zückt nicht rote eine steile Flamme hoch, sondern beugt sich mit Vorliebe einer trächtigen Weizenähre gleich der Scholle zu der sie entstammt. Aus Säften der Erde hat auch die Sonne die Heilkräfte der Blätter gebraut und den köstlichen Seim in den Blüten, den Honigherbergen der fleißigen Bienen. Etwas von der Würze


