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Rinde abdrehen. An einem Ende wird sie platt gedrückt und der Bast etwas abgekratzt, fest hinein­geblasen, und dieFarze" ist fertig. Dann aber kommt die Hauptsache für diegroßen" Buben. Von einem dicken Weidenast wird die Rinde in Schlangenlinien abgeschält, das Ganze wie ein Horn aufgerollt und am Ende mit einem Dorn zusam­mengesteckt. Da hinein kommt nun dieFarze", vnd das Horn, oder wie hier die Kinder sagen, die ,/Schalmei" ist fertig. Damit kann man schon allerlei Töne, wenn sie auch nicht immer wohllau­tend sind, hervorbringen!

Wenn am Abend eines Frühlingstages eine Schar Knaben mit Farzen, Pfeifen und Schal­meien vom Wald aus heimwärtszieht, dann gibt das eine schöne Frühlingsmusik. Sie ist keineswegs eintönig, denn die kleinen Künstler verstehen schon bei den Pfeifen durch Einschneiden von verschiede­nen Löchern, durch Ein- und Ausstößen des Stöpsels allerhand Töne, manchmal sogar etwas wie eine Melodie, hervorzuzaubern.

Das Herz geht uns auf, wenn wir solche Bu­ben sehen, wie sie mit Fleiß und Ausdauer ihre Pfeifchen schnitzen, während drüben im Walde der Kuckuck ruft, die Amseln und Drosseln ihre Lieder schmettern. M.

Amt für Volkswohlfahrt, Ortsgruppe Sießen-Süd.

Lebensmittelopferring.

Die nächste Lebensmittelsammlung wird am Montag, 13. Dienstag, 14. und Mittwoch, 15. Mai, durchgeführt. Wir bitten die Hausfrauen, die Pa­kete 'bereitzuhalten und die Mitgliedskarte der Sammlerin zum Quittieren vorzulegen.

Leibesübungen mitKraft durch Freude".

Dienstag, 14. Mai.: Fröhlicher Sport- und Spiel­nachmittag, 18 bis 20 Uhr, Unioersitätssportplatz.

Mittwoch, 15. Mai: Schwimmen von 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr, Volksbad.

Donnerstag, 16. Mai: Fröhliche Gymnastik und Spiele für jüngere, 20 bis 21 Uhr, Lyzeum; für ältere 21 bis 22 Uhr, Lyzeum.

Freitag, 17. Mai: Fröhlicher Sport- und Spiel- nachmittäg, 18 bis 20 Uhr Universitätssportpplatz. Allgemeine Körperschule von 20 bis 21.30 Uhr, Lyzeum. Fröhliche Gymnastik und Spiele, 20 bis 21 Uhr, Heil- und Pflegeanstalt.

Samstag, 18. Mai: Leichtathletik von 17 bis 19 Uhr, Universitätssportplatz.

Montags und Dienstags von 21 bis 22 Uhr sind Reitkur se vorgesehen, die bei genügender Betei­ligung sofort eingerichtet werden können. Die Kosten betragen für Mitglieder der DAF. 1 Mark pro Stunde, für Nichtmitglieder 1,50 Mark. Anmel­dungen sind baldmöglichst schriftlich zu richten, mit Angabe der gewünschten Uebungszeit, an: Sport­amtKraft durch Freude", Schanzenstraße 18.

Sprechstunden des SportamtesKraft durch Freude" von 10 bis 13 Uhr. Telephon 2919.

phoios gesucht!

LPD. Der Reichsnährstand, Landesbauernschaft Hessen-Nassau, benötigt dringend Photographien zu dem ThemaBauer und Leibesübungen". Es kommt hierbei auf folgende Gesichtspunkte an: a) Der Pauer bei der Arbeit (Bewegungen), b) der Bauer beim Spiel und Tanz, c) der Bauer im Sport (alle Arten), d) traditionelle bäuerliche Fest­spiele (mit kurz erläuterndem Text). Die Abzüge sollen möglichst auf Hochglanzpapier hergestellt sein und müssen auf der Rückseite folgende Vermerke enthalten: 1. Ort der Aufnahme. 2. Was diese darstellt. 3. Name und Anschrift des Photographen, bei dem eventuell das Wiedergaberecht einzuholen ist. Die Landesbauernschaft bittet um leihweise bzw. um unentgeltliche Ueberlassung entsprechender Pho­tographien. Die Sendungen sind zu richten an: Landesbauernschaft Hessen-Nassau, Abteilung V. E.- Lichtbild, Frankfurt a. M., Bockenheimer Land­straße 25.

Tagung der Buchdruckereibesiher.

Der Deutsche Buchdruckerei-Verein e. D., Bezirk Gießen, die Berufsorganisation der Buchdruckerei­besitzer in Oberhessen und im nördlichen Hessen- Nassau, hatte sich gestern Gießen zum Ort seiner diesjährigen Hauptversammlung erkoren. Die Ta­gung, die imHotel Prinz Carl" stattfand, war ein starkes Bekenntnis zur Notgemeinschaft der deut­schen Buchdruckereien, die eine Besserung der ge­werblichen Lage herbeiführen soll. Der Vorsitzende Carl Scharfe, Wetzlar, stellte den sachlichen Be­ratungen einen Gruß an die erschienenen Gäste, Gaubetriebsgemeinschaftswalter Nielsen, Frank­furt, Kreisgeschäftsführer Dr. P f a n n k u ch , Frankfurt und Kreissachberater Ullrich, Gießen, voran. Der vorliegende Geschäftsbericht wies in allen Teilen eine starke Zunahme der Tätigkeit der Geschäftsstelle auf. Von Belang dürfte sein, daß auch im Berichtsjahr ein merklicher Fortschritt in der Ausbildung der Lehrlinge zu verzeichnen war, dank der sorgfältigen Ausbildung in der Lehrwerk­stätte. Ein Vortrag des Geschäftsführers Guren- k o f f, Gießen, hatte die Notgemeinschaft für die deutschen Buchdruckereien zum Gegenstand, deren Grundgedanken, Aufbau und Auswirkungen ebenso tief schürfend, wie aufschlußreich in längeren Aus­führungen besprach. In der anschließenden Aus­sprache kam die Hoffnung zum Ausdruck, daß sich die Drucksachenverbraucher der Notlage des Buch­druckgewerbes nicht verschließen mögen, denn es handelt sich hier um das Sein oder Nichtsein eines kulturfördernden Gewerbes. Mit dreifachem Sietz- Heil auf unseren Führer wurde die anregend ver­laufene Versammlung geschlossen.

Vornotizen.

Tageskalender für Montag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Die Katz im Sack".

*

** Polizeipersonalie. Unter Berufung in das Beamtenverhältnis wurde der Hauptwachtmeister der Schutzpolizei a. Pr. Heinrich Raum Gießen mit Wirkung vom 1. Mai 1935 zum Hauptwacht­meister der Schutzpolizei ernannt.

** Sängerbesuch in Gießen. Heute vormittag gegen 9 Uhr hörte man auf dem Markt­platz vor dem Kriegerdenkmal den prächtigen Ge­sang zweier Männerchöre, die gute gesangliche Schu­lung offenbarten. Bei den Sängern handelte es sich um den GesangvereinLiederkranz" aus Gun­dersheim a. Rhein, der am Samstag und am gestri­gen Sonntag den GesangvereinGermania" in Grohen-Buseck besucht und dort ein Konzert ge­geben hatte. Die Sänger besichtigten heute früh vor Beginn ihrer Heimfahrt unsere Stadt und er­freuten bei dieser Gelegenheit durch ihren Gesang. Die schöne Darbietung wurde von den zahlreichen Zuhörern verdientermaßen beifällig ausgenommen.

** Leichenfund im Schiffenberger Wald. Am gestrigen Sonntag wurde im Schif­fenberger Wald in der Nähe der Eisteiche die Leiche eines Mannes aufgefunden, der dort Selbst­mord durch Erhängen begangen hatte. Es handelt sich um einen 53 Jahre alten Mann von hier, dessen Personalien bekannt sind.

** Seinen schweren Verletzungen er­legen. Der vor einigen Tagen auf der Landstraße Großen-Linden Gießen durch Zusammenstoß mit einem Radfahrer verunglückte Motorradfahrer Karl Haus aus Rodheim a. d. Bieber ist in der Nacht zum Sonntag in der Chirurgischen Klinik, wohin man den bedauernswerten Mann gebracht hatte, seinen Verletzungen erlegen.

** Unglücklicher Sturz. Der sieben Jahre alte Willy W e i n g ä r t n e r, an der Kläranlage wohnhaft, erlitt bei einem unglücklichen Fall einen Bruch des linken Unterschenkels. Der Junge mußte in das Krankenhaus gebracht werden.

** Für Kleingärtner und Landwirte hielt am Samstagnachmittag auf Einladung des Obst- und Gartenbau-Vereins Gießen Herr G e ß - n e r aus Betzdorf einen anschaulichen Vortrag über Neuzeitliche Bodenbearbeitung", unterstützt durch

praktische Vorführungen auf dem Versuchsfeld der Hauptstelle für Pflanzenschutz in der Senckenberg- traße. Im Zuge der Bestrebungen der Reichsregie­rung, durch Klein- und Schrebergärten auch den Staotmenschen wieder landnah zu machen und fer­ner jedes Fleckchen Boden gründlich für die Volks­nahrung auszunützen, haben die Vorarbeiten der Technik zur Beschaffung geeigneter Werkzeuge gute Erfolge erzielt. Die Zusammenarbeit von Praxis und Wissenschaft hat zur Herstellung bestens geeig­neter Bodenbearbeitsgeräte geführt. Durch diese Spezialwerkzeuge kommt die neue wissenschaftliche Erkenntnis, den Boden nur im Herbst tief und gründlich umzugraben, damit er sich voll Feuchtig­keit saugt, und im Frühjahr nur aufzulockern, so­weit es für den Samen notwendig'ist, selbsttätig zur Anwendung. Die Verwendung der geeigneten Ge­räte bedeutet für den Kleingärtner, besonders für den unerfahrenen Anfänger, bei geringer Zeitauf­wendung und sparsamer Inanspruchnahme der Körperkräfte zugleich eine graktische Anleitung. Ihre Handhabung erspart auch bei den gewöhnlich auf die mithelfende Hausfrau entfallenden Arbeiten der Unkrautbeseitigung, des Bodenauflockerns, z. B. un­ter Beerensträuchern, des Häufelns bei Gemüse­pflanzen u. a. das anstrengende Bücken. Dadurch ist die Zweckmäßigkeit solcher Geräte gegeben. An Hand von Spezialgeräten zeigte der Vortragende die Anwendungsmöglichkeiten und die Handhabung derartiger Gerätschaften. Der Vereinsführer, Gar­tenbauinspektor i. R. R e h n e l t, berichtete ergän­zend über seine praktischen Erfahrungen.

** Der Hessische Dragonertag ver- l e gt. Wegen der am 19. Mai stattfindenden Er­öffnung der Reichsautobahnstrecke Darmstadt Frankfurt mußte der große Hessische Dragonertag in Darmstadt auf den 25. und 26. Mai verlegt werden. Die Kameraden erhalten bei ihren Ver­einen nähere Mitteilung.

** Eine Schießerei spielte sich gestern nach­mittag im Schiffenberger Wald ab. Es handelt sich dabei um eine bis jetzt noch reichlich dunkle Ange­legenheit, mit deren Aufklärung die Polizei zur Zeit beschäftigt ist. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz wurde zur Tatstelle gerufen und fand dort einen etwa 17 Jahre alten jungen Mann mit einem Lungenschuß vor, bei dem der Einschuß

im Rücken war. Der Verletzte wurde nach der Chirurgischen Klinik verbracht, wo er sich zur Zeit noch in Behandlung befindet. Nähere Einzelheiten und Klarheit über den Vorgang kann man erst von der polizeilichen Untersuchung erwarten.

oberhessisches Schworgmch«.

Am Samstag, dem letzten Sitzungstag des Schwur­gerichts, saßen der 1913 geborene Karl Ziegen­hain und der 1910 geborene Heinrich Keipp, beide aus Dirlammen (Kreis Lauterbach) wegen schweren Diebstahls, Ziegenhain außerdem wegen Meineids ^auf der Anklagebank.

Die Angeklagten sind im August vorigen Jahres in die Hofreite des Landwirts Roch eingestiegen und stahlen die Tauben. Während Keipp einstieg, stand Ziegenhain Schmiere. Keipp wurde in erster Linie verdächtigt, bestritt jedoch vor der Gendar­merie, die Tat begangen zu haben. Als nun Ziegen­hain in dem vor dem Amtsgericht Lauterbach an­beraumten Termin als Zeuge vernommen wurde, sagte er unter Eid die Unwahrheit.

Nach der Beweisaufnahme beantragte der Ver­treter der Anklage gegen Ziegenhain eine Ge­samtstrafe von einem Jahr ein Monat und gegen Keipp vier Monate Gefängnis. Das Urteil lautete gegen Ziegenhain auf acht Monate Ge­fängnis unter Anrechnung von drei Monaten Untersuchungshaft, gegen Keipp auf drei M o ° nate zwei Wochen Gefängnis, die mit der erlittenen Untersuchungshaft als verbüßt gelten. Während der Haftbefehl gegen Keipp aufgehoben wurde, blieb der gegen Ziegenhain aufrechterhalten. Bei Ziegenhain kam strafmindernd in Betracht, daß er gerade an der Grenze des Schwachsinns steht und über keine allzu hohe Intelligenz verfügt. Straf­mindernd kam außerdem die Bestimmung des § 157 StGB, in Frage, daß sich der Angeklagte durch eine wahrheitsgemäße Aussage strafrechtlicher Verfol­gung ausgesetzt hätte.

Am Schluß der Sitzung nahm der Vorsitzende Gelegenheit, den Geschworenen für ihre Tätigkeit während der fünftägigen Sitzungsperiode zu danken. Die Sitzung wurde mit dem deutschen Gruß ge­schlossen.

65. Stiftungsfest derAdelphia".

Oer Festkommers.

Am Samstag feierte die studentische R e - formverbindungAdelphia" in ihrem Hause an der Kaiserallee mit einem Festkommers ihr 6 5. S t i f t u n g s f e st. Zahlreiche Aktive und Alte Herren hatten sich eingefunden, viele Gäste und freundschaftlich verbundene Korporationen nahmen teil. Der Kommers wurde von dem

Erstchargierten Kröger

eröffnet. Nach dem gemeinsam gesungenen Liede Sind wir vereint zur guten Stunde" hielt er die Begrüßungsansprache. Er hieß den Rektor der Landesuniversität, Professor Dr. Pfähler, herz­lich willkommen, ebenfalls die Professoren, die durch chre Teilnahme an diesem Kommers ihre Verbunden- hett mit derAdelphia" zum Ausdruck brächten, begrüßte den Führer der Gießener Studentenschaft, Stenger, ferner den Vertreter der Wehrmacht, Hauptmann Müller, den Vertreter der SA.° Standarte 116, Obertruppführer Kurz, und den Vertreter des Arbeitsdienstes, Obertruppführer Reis. Herzliche Worte der Begrüßung galten ferner den Frauen. In feinen anschließenden Ausführungen sprach der Erstchargierte über das 65. Stiftungsfest und den ernsten Zweck der festlichen Zusammenkunft, der in der Pflicht bestehe, vor Augen zu führen, was die Korporation den Kameraden bedeute. Sie sei am 7. Mai 1870 gegründet worden, und ihr Streben ging daraus hinaus, überlebten Anschau­ungen, dem Trinkzwang, dem Kastengeist usw.,

Kampf anzusagen. Im positiven Sinne habe die Korporation nur nationalgesinnten Männern Raum gegeben, die Kameraden zur Unterordnung unter ein gemeinsames Ganzes angehalten, das Fach­studium gepflegt und gefördert, aber auch das Streben nach Allgemeinbildung nicht vernachlässigt. Die Korporation stehe jeder konfessionellen Spaltung abhold gegenüber. Diese Ziele, die bei der Gründung ins Auge gefaßt und zur Richtschnur erhoben wurden, seien auch heute noch das Streben der Adelphia, bestimmt von dem Wunsche, die Kame­raden zu solchen Akademikern zu erziehen, wie unser Volk sie brauche. Die Arbeit der Adelphia gelte dem deutschen Volke.

Nach Musik und einem weiteren gemeinsam ge­lungenen Liede sprach der Führer der Gesamtkorpo­ration,

Landgerichtsrat Heid.

Er erinnerte zunächst an die Umwälzungen, dis wir alle erlebten, seitdem die Adelphia ihr 60. Stiftungsfest gefeiert. Die Ordnung im Innern unseres Vaterlandes fei hergestellt, die Stellung des deutschen Volkes nach außen gewinne mehr und mehr an Kraft und erringe sich jene Bedeutung, die des deutschen Volkes würdig sei. Jeder von uns fei mitgeriffen worden. Die Korporationen stünden mitten im Aufbruch unseres Volkes. Ihre nationale Tradition füge sie ein in das große Ge­schehen. Den Korporationen sei es heute über-

toW,nKtöo....

Roman von Charlotte prenzel.

Urheberrechtsschutz: Füns-Türme-Verlag, Halle (S.).

20 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Erwartungsvoll nahm Gerda an dem weiß- gedeckten mit künstlichen Blumen geschmückten Tisch Platz. Sie bewunderte restlos alles, was sie sah: die Gäste, die Kellner, die Beleuchtung, die lange Speisekarte.

Fred beobachtete sie belustigt. Er stellte ein nach Gerdas Urteil pikfeines Mittagsmahl zusammen und freute sich an ihrem ungeteilten Beifall.

Sie war wirklich eine kleine Dame, wußte sich zu benehmen, mit so viel Anmut, ein ganz klein wenig geziert, nippte mit fröhlichen Augen an ihrem Weinglas, plauderte vergnügt.

Plötzlich wurde sie ernst; sie seufzte ein wenig.

Du solltest halt immer da sein!" Um meine große Tochter auszuführen?" Sie ging nicht auf den Scherz ein. Sieh mal, ich habe doch nur dich!" Und Großmutter?"

Ach, Großmutter ist alt und kränklich. Sie geht nie fort, immer soll ich auch zu Hause sitzen und lernen. Einmal lache ich zu laut, ein anderes Mal bin ich zu wild. Ich kann es ihr nie recht machen."

Du glaubst also, daß du bei mir alles tun dürftest?"

Ach, Papa, bei uns beiden ist das ganz etwas anderes. Dir könnte ich alles zuliebe tun. Da würde ich nie böse werden. Du verstehst auch, daß man lustig sein muß und nicht immer stillsitzen kann."

Ich denke, du bist schon eine junge Dame, Gerdchen?"

Die sind auch fidel und rühren sich. Aber Papa, ich habe schrecklichen Durst! Bekomme ich noch ein Glas Wein?"

Trink Wasser, Kleine, das gibt keinen Durst und bekommt dir besser."

Papa, daß du mit jungen Damen ausgehst, Sie keinen Wein vertragen können...!" kicherte sie.

Seltsam, wie ihn das Lachen plötzlich irritierte! Wie hatte er sich sonst immer an dem frohen, kecken Lachen gefreut, wie oft war ihm das Herz warm geworden in einsamen Stunden, wenn er an die strahlende Heiterkeit seiner Tochter gedacht. Warum war ihm jetzt, als ob er die schöne Frau vom vergangenen Abend lachen hörte? Er wehrte die anstürmenden Gedanken fast gewaltsam ab, rie nach dem Kellner und bezahlte.

Warum bist du nur so schnell aufgebrochen?" fragte Gerda befremdet, als sie das Restaurant verließen.Es war doch so hübsch dort, und nun regnet es wieder."

Wir wollen es lieber mit einer Tasse Kaffee versuchen. Der Wein bekommt dir doch nicht!" cherzte er etwas gewaltsam.

Sie hängte sich vergnügt und sehr versöhnt an einen Arm.

Was du für gute Gedanken hast, Papa!"

Das Caf6, in das sie vor dem Regen flüchte­ten, war um diese frühe Nachmittagsstunde nur mäßig besucht. Behaglich ließ sich Gerda tyif dem kleinen Ecksofa nieder. Sie war sehr vergnügt. Das elegante Lokal gefiel ihr weit besser als das Restaurant. Sie war auch unbändig stolz, daß der Vater sie wie eine junge Dame behandelte, ihr den Mantel abgenommen und ihr den schönsten Platz ausgesucht hatte. Ein wenig hochmütig und doch leicht geschmeichelt sah sie über den Nachbartisch hinweg, an dem Studenten saßen, denen der hübsche Backfisch gefiel.

Fred beobachtete, daß ihr die Blicke nicht ent­gangen waren, daß sie sie vielmehr wie einen Tribut hinnshm, den man ihr selbstverständlich zollen mußte. Wieder sah er sein Kind von Ge­fahren umgeben. Aber wußte er erst seit heute, daß Gerda klug, hübsch, ihren Jahren weit voraus war? Hatte er sie nicht darum so lieb, weil sie so voll natürlicher Anmut in all ihrer Lebhaftig­keit war und allen Dingen im Leben so sicher und klar gegenüberstand?

Was hast du denn, Papa? Warum bist du so ernst?" fragte sie in seine quälenden Gedanken hinein.

Achte nicht darauf, Gerdchen! Dein Vater hat schon manchmal Verdruß gehabt!"

Sie rückte näher an seine Seite.Dagegen müßt' ich ein feines Mittel."

Das wäre?"

Nimm mich mit dir, Papa! Du sagst selbst immer, ich vertreibe deine Sorgen. Wäre ich immer um dich, würde ich sie nie zu dir lassen."

Dann könnte es mir am Ende zu gut gehen." Nun scherzest du wieder, und ich mein' es doch so ernst. Weist du, heute nacht, da bin ich von Dem vielen Radau, den der Fritz mit seiner Schie­ßerei gemacht hat, aufgewacht. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht einschlafen, bis das neue Jahr anfing; ich habe mich wohl in den Schlaf gemeint. Großmutter schickte mich unbarmherzig um neun Uhr zu Bett, und ich wollte so gern aufbleiben. Ich dachte auch an die vergangenen Jahre, wo du Silvester immer bei uns warst und es immer so schön war. Aber kurz und gut, um zwölf Uhr erwachte ich, stand auf und trat an das Fenster. Da habe ich den lieben Gott recht innig gebeten, daß ich immer um dich sein könnte, und ich glaube, er hat mein Gebet gehört. Es fiel zwar keine Sternschnuppe, der Himmel war ja so trübe, aber mit einem Male war mir, als ob ich ein blinken­des Sternlein gesehen hätte. Gleich war es wieder verschwunden, aber es hat mir doch frenndlich

zugestrahlt. Nun wird mein Wunsch sicher in Er­füllung gehen."

Fred mußte gewaltsam an sich halten, daß seine Augen nicht feucht wurden.

Aber Gerdchen, du weißt doch, daß ich immer an dich denke!" sagte er weich.Ich bin doch so oft bei dir! In der Stadt hätte ich kaum mehr Zeit für dich! Da warten so viele Geschäfte auf mich, daß ich mir kaum selbst gehöre. Bei Groß­mutter und bei dir weiß ich von alledem nichts, das ist eine andere, viel schönere Welt für mich."

. Sie hörte nur die Ablehnung ihres Wunsches.

Er sah ihren zuckenden Mund, fühlte die Er­regung, die in ihr tobte. Ihm war niemals ein­gefallen, daß seinem Kinde etwas fehlen könnte. Er hatte ihre Kindheit glücklich und sorglos ge­macht, hatte allen Kummer von ihr ferngehalten.

Gerdchen, so unglücklich habe ich dich niemals gesehen!"

Großmutter versteht mich nicht. Ich bin ihr immer zu laut, zu wild; auch eitel, vergnügungs­süchtig schilt sie mich. Manchmal bin ich auch un­gezogen ihr gegenüber; aber ich kann ihr ja doch nichts recht machen."

Er las die Not ihres Herzens aus ihren großen Kinderaugen. Und plötzlich, ganz gegen seinen Willen, fragte er:Vermißt du die Mutter, Gerdchen?"

Sie antwortete erst nach einer Weile:Ich weiß nicht, Papa! Ich habe es ja nie anders gekannt. Ich glaube aber, hätte ich eine Mutter, dann wäre ich wohl weniger laut und weniger auflehnend zur Großmutter. Du solltest halt immer um mich fein, dann würde ich eine Mutter nie vermissen/' Fred schwieg. Sein Kind in Gefahr! Er fühlte, wie heiße Angst über ihn kam. Wie sicher hatte er sich bis jetzt in dem Besitz seiner Tochter gefühlt, nun war ihm, als ob überall Gefahren lauerten, sie ihm zu entreißen.

Sei doch nicht so ernst, Papa! Sei nicht böse!" schmeichelte ihre Stimme.Ich mußte es dir ein­mal sagen! Seitdem du immer seltener kommst, habe ich's wirklich nicht leicht mit der Großmutter. Aber ich werde mir gewiß alle Mühe mit ihr geben nur sei wieder gut!"

Gerda war einverstanden, daß sie nach Hause fuhren. Sie bemühte sich zärtlich um den Vater, wollte sein Lachen gewaltsam festhalten, ersann allerlei übermütige Reden, zu denen ihre großen, ängsllich flehenden Augen nicht passen wollten.

Als sie bas Haus betraten, kam ihnen Frau Morland entgegen. Sie war trotz ihres Alters immer noch eine schöne Frau. Schneeweißes Haar umgab das Gesicht mit den harten Zügen, aus de­nen die Augen klar und scharf in die Welt sahen. Die Gestatt war ungebrochen, wie gewaltsam auf­recht gehalten; des Stocks, auf den sie sich stutzte, schien sie kaum bedürftig.

Gerda wollte eilends die Treppe hinauf, in ihr Zimmer verschwinden.

Gerda", erklang die harte Stimme der alten Frau,mußt du denn bei dem Wetter das Beste anziehen, das du hast? Wann wirst du wohl so vernünftig sein, daß du deine Sachen schonst?"

Heute ist doch Feiertag", wandte das Mädchen ein.

Ach was, Feiertag! Wie konntet ihr überhaupt bei dem Wetter fortgehen! Mußt du ihr denn immer jeden Wunsch erfüllen?"

Fred trat mit der Mutter in das Wohnzimmer.

Sie hat so viel Freude an dem Ausgang ge­habt", sagte er begütigend.

Du verwöhnst sie! Es ist wirklich kein Wun­der, wenn sie immer anspruchsvoller wird! Ihr ganzer Sinn geht immer mehr nach Vergnügen, Putz und dummen Streichen."

Warum soll ich sie nicht mal ausführen, alt genug ist sie dazu, und sie hat mich jetzt so wenig."

Mach' nur so weiter, und du wirst sehen, was du dir da groß ziehst!"

Wie die Worte quälten, wie sie ihn hin und her rissen! Wer hatte nun recht? Verstand seine Mutter das Mädchen nicht? ' Oder war Gerda wirklich oberflächlich? Hing ihr ganzer Sinn an Vergnügungen?

Ich kann nichts Unrechtes an ihr finden. Sie soll sich ihren Frohsinn solange wie möglich erhal­ten. Und ick glaube nicht, daß sie in Strenge zu erziehen ift.'z

Vergiß nicht, daß sie das Blut ihrer Mutter in sich trägt!"

Fred wandte sich ab. Sie sollte nicht sehen, wie furchtbar ihn die Worte trafen. Er schwieg.

Wie geht es dir heute, Mutter?" fragte er nach einer Weile.

Das alte Lied! Man hat ausgedient, ist ver­braucht! Der jüngeren Generation muß Platz gemacht werden!"

Gerda zuliebe solltest du dich ftisch erhalten, Mutter!"

Das Antlitz der alten Frau wurde nicht weicher, als sie erwiderte:Eine undankbare Aufgabe, mein Sohn, die du mir da gestellt hast!"

Die Worte der Mutter waren nicht zu ertragen. Er wandte sich nach der Tür.Ich muß zurück, werde die Dämmerung benutzen, um noch ein Stück heimwärts zu fahren."

Gerda war wieder ins Zimmer getreten; sie hatte die letzten Worte des Vaters gehört. ,Du willst fort?"

Du hast ganz recht, bei dem Wetter nicht in der Nacht hennzufahren!" stimmte ihm die Mut­ter bei.

Fahre doch erst morgen früh, Papa! Bis da­hin hat es wirklich aufgehört zu regnen!" bettelte Gerda mit flehenden Augen.

(Fortschuag fcWft