Nr. 110 Zweites Blakt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 15. Mai 1935
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war von
Neichsbahnstrecke Augsburg—Nürnberg mit elektrischem Betrieb.
lebten, alles alte Leser und Bezieher der geliebten „St. Petersburger Zeitung", sammelten sich in Berlin um die Brüder von Kügelgen, um ihnen nochmals für ihr Lebenswerk zu danken. Diese Feier 13 Jahre nach dem Tod einer politischen Zeitung konnte dem früheren Herausgeber P. S. von Kügelgen sichtbarer Beweis dafür sein, daß seine deutsche Kulturarbeit tiefe Wurzeln geschlagen hat, daß das Denken und Wirken dieses echten deutschen Mannes nicht vergessen ist.
Ein hartes Schicksal hat ihn von seinem bedeutungsvollen Posten abgerufen. Er Hot aber unterdessen in seiner deutschen Heimat erlebt, wie der deutsche Gedanke im eigenen Volke in tausendfältiger Pracht erwacht und erblüht ist. Das mag ihm ein Trost sein im Gedanken an den deutschen Kampf, dem er selbst einst weithin sichtbar auf fremdem Boden dienen durfte.
vornehmsten Londoner Hotels servieren ihren Gästen dagegen als besondere Delikatesse „Teltower Rübche n", die von der Mark Brandenburg nach England transportiert werden müssen, (ba dort die Anbauversuche gescheitert sind.
Mit Stolz dürfen wir ebenfalls behauvten, daß die „S ch r i p p e" und der „K n ü p p e l" auf unserem Boden das Licht der Bäckereien erblickt hoben. Auch der „Berliner Schusterjunge" erfreut sich überall des besten Rufes.
Was dem Wiener sein Krapfen, ist dem Berliner sein gefüllter Pfannkuchen, der in Holland sogar auf der Straße von fliegenden Händlern gebacken und unter dem Nomen „Berlijner" verkauft wird. Eine besondere Liebe hegt der Reichshaupt-
Das schmeckt den Berlinern!
Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.
Die Zeiten, in denen es den Berlinern nur schmeckte, wenn französische, ungarische oder Wiener Küche als Lockmittel auf der Speisekarte stand, sind überwunden. Der Spree-Athener hat seine Stadt und seine echten Berliner Leibgerichte wieder liebgewonnen. Mit Recht, denn tatsächlich hat ja auch die Berliner Küche zahlreiche Spezialgerichte erfunden, die sich heute nicht nur in allen deutschen Dörfern und Städten eingebürgert haben, sondern auch im Ausland begehrt und geschätzt sind.
Der Berliner Rollmops zum Beispiel ist ein internationaler Begriff geworden! Es gibt wohl in Paris kein einziges Lokal, in dem nicht der Rollmops de Berlin auf der Speisekarte steht. Die
gegenüber unerschrocken vertritt."
Das von Herrn von Kügelgen ebenfalls in deutscher Sprache herausgegebene „St. Petersburger Sonntagsblatt" war in allen Ge- meinden Rußlands verbreitet und entwickelte sich in kurzer Zeit zum Zentralorgan der deutschen K o l o n i st e n Rußlands. Es genügte dem hochbegabten Streiter für das Deutschtum aber nicht nur, durch seine Zeitungen zu wirken, er schuf außerdem eine Reihe sonstiger wichtiaer Einrichtungen: die „Deutschen politischen Abende", das „Deutsche Künstlerkomitee zu St. Petersburg", die „Deutsche Vereinigung für Kunst und Wissenschaft".
Der Weltkrieg hat dieses unermüdliche Wirken für eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet jäh unterbrochen. Es kam für Herrn von Kügelgen eine Zeit schwerster Prüfungen, die seinen tapferen deutschen Sinn aber niemals beugen konnten. Die Regierung verlangte, daß er seine Zeitung in russischer Sprache herausgeben sollte. Er hat es standhaft oerroeigert und dadurch ein Verbot der Zeitung herbeige- sührt. Zeitweise war er als „deutscher Spion" verhaftet. Als er wieder frei kam, galt sein Sinnen und Trachten der Hilfe für seine Landsleute. Als Abteilungschef der die Interessen Deutschlands vertretenden schwedischen Schutz- Gesandtschaft und Leiter der deutschen Kriegsgefangenenlager, als Organisator und Direktor des „Fürsorgeamtes für die deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen", als Vertreter des deutschen Generalkonsulats zu St. Petersburg hat Herr von Kügelgen in tatkräftiger, unerschrockener Arbeit, in unermüdlicher Herzensgüte sich der Tausenden angenommen, die zwischen die Mühlsteine des Dölker- ringens geraten waren. Unzählige verdanken ihm Hille, Trost und Rettung in ihrer schwersten Leidenszeit.
Als die Bolschewistenherrschast kam, gab es für den Träger alter, vornehmer Kultur keine L e b e n s m ö g l i ch k e i t mehr in Rußland. Die Familie mußte flüchten und verlor ihre letzte Habe. 1927 gab es eine in der deutschen Zeitungsgeschichte einzigartige Veranstaltung:
In aller Stille, wie es seiner bescheidenen Art entspricht, vollendet dieser Tage ein Journalist sein 60. Lebensjahr, dem das deutsche Volk für seine Verdienste um den deutschen Gedanken in der Welt besonderen Dank schuldet: Paul Siegwort von Kügelgen, der frühere Verleger der „St. Petersburger Zeitung". Es gab vor dem Kriege keine deutsche Auslandszeitung, die tn gleich würdiger und wirksamer Weise die deutsche Kultur im Auslande vertrat wie die „St. Peters- burger Zeitung". Einst auf Veranlassung der großen Zarin Katharina gegründet, war sie im vorigen Jahrhundert in den Besitz der Künstlerfamilie von Kügelgen übergegangen und damit als Kulturträgerin in die besten Hände gelegt. Sie war durch ihre vornehme Berichterstattung, ihre geistige und künstlerische Art das Blatt der gesellschaftlich führenden Kreise. Sie fehlte in keiner russischen Kanzlei, in keinem Handelskontor, und ihre Worte wogen gewichtig in dem Zeiterleben.
Es waren in diesem Jahre 200 Jahre verflossen, seitdem die „St. Petersburger Zeitunggegründet worden war. Obwohl sie dreizehn Jahre zuvor von der Kriegsfaust zertrümmert worden war, lebte sie doch in den Herzen derer weiter, denen sie einst in der Fremde deutsches Erleben geschenkt hatte. So kamen dann zu der kleinen 200jährigen Geburtstagsfeier in Berlin A b- gesandte aus allen Gegenden Deutschlands. Nordrussische Kolonisten überreichten eine schöne Adresse Südrussische Mennoniten, Wolgadeutsche, Männer aus dem Baltenlande, Deutsch- Russen und Reichsdeutsche, die einst in Rußland
Em Vorkämpfer des DeuWMms im Zarenreich
P. E>. von Kügelgen, der Verleger der „St. Petersburger Zeitung".
Scherl-Bildmaterndienst
Der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, Dr. Dorpmüller, eröffnete, wie schon gemeldet, die nunmehr elektrisch betriebene 137 Kilometer lange Strecke Augsburg—Nürnberg. Auf dieser Strecke können jetzt Geschwindigkeiten bis zu 160 Kilometer in der Stunde erreicht werden. — Unser Bild zeigt die Ausfahrt des ersten elektrischen Zuges aus dem Augsburger Hauptbahnhof unter den Klängen einer Musikkapelle.
Die deutsche Heimat konnte sich keinen berufeneren Verfechter deutschen Wesens wünschen, als es Herr von Kügelgen war. Graf von Pourtales, der damalige deutsche Botschafter in St. Petersburg, schrieb einmal Herrn von Kügelgen: „Jeder, der die Petersburger Verhältnisse beobachtet hat, weiß, wie das Deutschtum in Rußland mehr und mehr in eine Abwehr st ellung gegen Anfeindungen von slawischer Seite gerät. Es unter diesen Umständen für das Deutschtum besonderem Wert, daß in der russischen Hauptstadt eine in deutscher Sprache gedruckte Zeitung erscheint, welche das Deutschtum allen Anfeindungen
städter zu seinem Streuselkuchen, den jedoch die Schlesier erfunden zu haben behaupten. Auch das älteste Berliner Gebäck, der Baumkuchen, ist eine nicht zu verachtende Delikatesse. Zur Zeit des Großen Kurfürsten tauchte er zum ersten Mal an den Ufern der Spree auf. Nur die wohlhabende Bevölkerung konnte sich ihn leisten
Größeren Wert legte der Berliner jedoch schon stets auf kräftige solide Hausmannsgerichte. Sein Eisbein mit Sauerkohl und Erbsbrei geht ihm über alles! Doch auch die Riesenbockwurst mit Kartoffelsalat hat es ihm angetan. Immer wieder kann man in Berliner Lokalen die Beobachtung machen, daß zahlreiche Gäste, Männer und Frauen, nachdem sie die gesamte Speisekarte eingehend studiert haben, sich endlich nach langem Ueberlegcn doch zur obligaten Bockwurst entschließen.
Seit Generationen schon übt natürlich der Kartoffelpuffer auf den eingeborenen Reichshauptstädter einen besonderen Reiz aus! In allen Gegenden Berlins beweisen heute noch bte kleinen Pufferläden die Beliebtheit dieser Spezialität. Ist es nicht beinahe eine Familienfest, wenn Mutter für die ganze Verwandschaft Kartoffelpuffer bäckt? Aber nicht nur die Angehörigen haben dann etwas davon, sondern das ganze Haus duftet vom Keller bis zum Dach ebenso stark roie lieblich nach Oel und Fett! Na, und welche Hausfrau auf der Welt macht aus den übriggebliebenen Fleischresten einen so wohlschmeckenden Braten wie die Berlinerin? Ihre „durchgedrehte Wochenübersich t", die in der bürgerlichen Sprache stolz „Falscher Hase" heißt, ist nun mal was Besonderes. Die kleinen Schwestern des falschen Hasen, die .Boule 11 e n" und Bratklopse, liegen heute noch genau wie in den Tagen unserer Großeltern neben Bratheringen, Oelsardinen und kalten Eiern in den gläsernen Schränken der unzähligen Destillationen. Der alte Berliner Boulettenkeller am Molkenmarkt ist bis in unsere Zeit erhalten geblieben.
Berlin ist in geradezu spartanischer Einfachheit groß geworden. Diese Tatsache spiegelt sich auch in den Leibgerichten der Reichshauptstädter wider. Er hat nichts für komplizierte Speisen, kostspielige Gerichte übrig. Im genügt sein Sülz-Kotelett mit Bratkartoffeln und seine Kartoffelsuppe mit Würstchen vollständig. Na und wenn man dem Berliner Löffelerbsen mit Speck vorsetzt, sieht er den Himmel offen! Es gibt wobl auch wirklich feine Stadt auf der ganzen Welt, die zu jeder Tages- und Nachtzeit schon für ein paar Groschen derartig gewaltige Portionen dieses Gerichtes liefert. Außerdem soll nach der Ansicht von „Sachverständigen" auch keine Stadt in der Lage sein, dieses Spezialgericht so schmackhaft zuzubereiten. Und wem läuft nicht das Wasser im Mund zusammen, wenn er an das übliche Berliner Donnerstagsgericht „Sauerkohl mit Dö- kelkamm" denkt?
Wie nett und vertraut klingen erst die Bezeichnungen der Berliner Spezialgetränke: „Weifte mit Schuß", „Molle" und „Korn". Es gibt sogar eine große Anzahl von Reichshauptstädtern, die behaupten, daß der Berliner auch nach erheblichen Mengen dieser Nationalgetränke niemals richtig betrunken werde.
Der (Sautag in Darmstadt.
LPD. Darmstadt, 11. Mai. Am 1. und 2. Juni findet in Darmstadt der Gautag des Gaues Hessen-Nassau statt. An dem Gautag werden annähernd 150 000 Menschen, die Zuschauer mit eingerechnet, zusammenströmen. Für die Nacht auf Sonntag sind 12 000 Privatquartiere erforderlich. Neben den gewaltigen Aufmärschen und den parteipolitischen Versammlungen wird der Gautag für Darmstadt auch ein großes Volksfest. Daher wurde der Festplatz nicht an den Rand der Stadt, sondern in echter Volksgemeinschaft auf die Plätze rings um das Schloß verlegt.
Der Held des hohen Nordens.
Zu Fridtjof Nansens Todestag am 13. Mai.
Daß Fridtjof Nansen schon fünf volle Jahre tot ist, will uns Nicht in den Sinn, so gegenwärtig ist seine Gestalt noch in allen Ereignissen der Polarforschung, die der große Norweger um ein gutes Siück weitergebracht und der er bis zu seinem Ende als unermüdlicher Helfer und sachverständiger Berater zur Seite gestanden hat. Als Fridtjof Nansen 1893 seine Fahrt mit der „F r a m" antrat, die feinen Weltruf begründete, lag schon eine lange Reihe von Erfahrungen auf arktischem Gebiete hinter ihm. Bereits für den als Sohn eines Advokaten in der Nähe von Oslo geborenen Knaben war Ski- und Schlittschuhlauf die liebste Beschäftigung, und das gebirgige Hinterland seiner Vater- ftabt war gerade das rechte Feld zur Ausübung des Schneeschuhsports, während er sich auf dem weitverzweigten Fjord im Winter auf Schlittschuhen tummelte. . ,ri . .. ,
Der Gymnasiast war schon em Meister m diesen Leibeskünsten, und es wird erzählt, daß er bereits damals von dem Gedanken erfüllt war, dereinst in den hohen Norden, in die Welt des weißen Geheimnisses vorzustoßen. Nachdem der junge Nansen seine naturgeschichtlichen Studien an der Universität von Oslo beendet hatte, benutzte er 1882, ehe er eine Stellung als Kustos und Konservator an der Naturhistorischen Abteilung des Museums in Bergen antrat, eine Gelegenheit, um mit einem Seehundsfänger eine erste Reise ins Polar- m e e r zu unternehmen, auf der er die Witterungsverhältnisse und die Hindernisse des Pack- und Treibeises eingehend erkundete.
Als 27jähriger führte er die längst von ihm geplante Durchquerung der Hochflächen des inneren Grönlands auf Schneeschuhen durch, eine außergewöhnliche kühne Leistung, die vorher noch keinem Forscher gelungen war. Schon auf dieser Reise entfaltete er alle jene glänzenden Eigenschaften, die ihn später befähigten, fein größtes Polarunternehmen siegreich zu Ende zu führen und das unbedingte Vertrauen seiner Begleiter zu dem geborenen Führer zu gewinnen, der im entscheidenden Augenblick beim Kampf mit dem Eise einen bewundernswerten Wagemut an den Tag legte. Als er mit dem Robbenfänger „Jason" an die 'durch Eis versperrte Ostküste Grönlands bis auf 18 Kilometer herangekommen war, glaubte er, das Schiff keiner weiteren Gefahr mehr aussetzen zu dürfen und den Treibeisgürtel mit Booten durchbrechen zu können. Mit fünf Begleitern, darunter dem späteren Kapitän der „gram , Sverdrus>, führte er volle zwölf Tage einen schweren Kampf
mit den Eisströmen, und als die Landung endlich gelungen und man in weiteren vierzehn Tagen zum Gyldenlöve-Fjvrd vvrgedrungen war, begann die achtwöchige Ski-Tour, die ihn über das bis zu 3000 Meter hohe vollständig vereiste Innere von Grönland zur Westküste bei Godthaab an der Davisstraße führte.
Das gewaltigste Wagnis feines Lebens aber war die berühmte Treibfahrt mit der „Fram", die am Johannistage 1893 begann und deren Einzelheiten der Forscher selbst mit geradezu dichterischer Kraft in seinem Buch „In Nacht und Eis" für alle Zeiten niedergelegt hat. Die Zeit der großen Polarreisen war damit für Nansen vorbei, doch hat ihn der Zauber des ewigen Eises immer wieder nach dem Norden gezogen. Zeitlebens hatte er ein besonderes Interesse für die Eskimokultur, deren ihm unvermeidlich er- scheinenbes Schwinden vor dem Andringen der Zivilisation er stets bitter beklagt hat.
Die Zivilisation, so führte Nansen einmal aus, strebt danach, alle Menschen einander gleich zu machen, und ich kann dieses Ziel nicht im geringsten für wünschenswert halten. Alle Verschiedenheiten und Ungleichheiten werden ausgeglättet, die Persönlichkeit wird zerstört, und vor uns liegt eine weltumfassende Eintönigkeit. Dem modernen Menschen, dessen ganzes Streben vom Kampf ums Dasein ausgefüllt ist, bleibt keine Zeit, sich selbst zu finden, was die wichtigste von allen Entdeckungen ist. Der Eskimo hat noch Zeit zur Selbstbetrachtung und zur Selbsterkenntnis, feine Kultur ist gut und einfach. Höhere Formen der bildenden Künste hat er zwar nie entwickelt, aber wunderschöne Märchen und Sagen gehen von Mund zu Mund und befruchten die Geister. Fridtjof Nansen hat während seiner Reisen viele dieser unbefangenen Naturkinder kennen und schätzen gelernt; in der Stille der Polarwelt, die so oft als eine Wüste von Eis und Schnee verschrien wird, fand er noch eine Art Paradies, das dem zivilisierten Teil der Menschheit schon lange verloren gegangen ist.
Lob der Handschrifi.
Vl^n Zohann Otto Bringern
So wie es schöne Gesichter gibt und häßliche, gibt es häßliche und schöne Handschriften. Und wie ein schönes Gesicht häßlich wird, wenn Bosheit oder Neid es verzerrt, ein häßliches Antlitz aber schön, wenn Liebe oder Freundschaft oder Mitleid es durchleuchtet, so n?iri) eine schöne Handschrift häßlich .unb, eine krause Schrift sch'm st in, wenn das Herz die Hand duf jen^n ober auf diesen Weg fuhrt.
Wirb ein Freunb, wird ein Liebender, wird eine Geliebte oder eine Mutter eine Handschrift schreiben, die der Empfänger nicht enträtseln kann? Oder wird nicht die Freundschaft oder die Zuneigung, wird nicht Liebe jeden Buchstaben so mit Klarheit durchdringen, daß seine Form und sein Sinn rein aus dem Gerank der Zeilen leuchtet, eine helle, silberne Blüte vor dunklem Blattgrün?
Die Feinde und Verleumder der Handschrift, Neinsager aus stumpfer Bequemlichkeit, wollen es nicht sehen. Sie fingen das Lob der Maschine, das nichts anderes ist als ein Lob ihrer müden Herzen und müder Sinne, mit beredtem Munde. Sie sagen: „Du schreibst deinen Brief mit der Hand? Warum nimmst du nicht auch Sand zum Ablöschen der Tinte und warum steht auf deinem Schreibtisch nicht der Kienspan anstelle der elektrischen Lampe? Du gehst rückwärts, lieber Freund, wenn du dein Herz noch der Hand anvertraust und nicht der Maschine."
Es ist schwer mit ihnen zu streiten und der Streit bleibt ohne Gewinn. Was bu auch zum Lobe ber Maschine vorbringst: Es genügt nicht, weil es nicht genug sein soll; nicht daß du sie einen guten Helfer in allen geschäftlichen Dingen, einen Zeitsparer unb gewissenhaften und sauberen Kanzlisten nennst; nicht, daß du die Notwendigkeit anerkennst, sie überall dort als Dienerin eingestellt zu sehen, wo der Verstand und die Mechanik Herren sind. Sie wollen sich damit nicht zufrieden geben, sie sind, Fanatiker ber Tastatur, in bas Gemäuer ihres Denkens in Maschinen eingezwängt, unb es liegt ihnen nichts daran, diese Mauer zu übersteigen. Sie beginnen ihre Briese auf ber Maschine mit ben Worten: Du Geliebte ober Liebste Mutter ober Sehr geehrter Herr Geschäftsfreunb unb sie schließen sie mit: Immer in beiner Liebe ober Dein Sohn ober In Erwartung Ihres geschätzten Auftrages unb es ist alles eins. Es steht alles sehr korrekt unb klar unb ordentlich ba; ein Kinb würbe es lesen, ohne sich viel dabei zu bemühen. Ja, es fehlt nichts, niemand könnte dem Schreiber einen Vorwurf machen, baß er bie Technik der Maschine nicht beherrsche. Und es mangelt nichts weiter als nur dies eine: das Gesicht der Hand, das zugleich das Gesicht des Herzens ist.
Weil die Hand tut, was das Herz will, ist ihre Schrift feine Verkünderin. Sie geht vor ihm her, wie ber Prophet vor dem Meister und sie folgt ihm nach, wie der Jünger seinem Herrn. Sie flammt, wo das Herz brennt, hell oder in mildem Feuer; sie ist hart und spröde, wo sich die Brust in Kälte unb Hochmut verschließt: sie ist auffahrenb ober de- t mutig, stolz ober 'niedrig, groß ober klein Aber sie I iff ifnmet befennenb;
Sie bekennt und darum ist sie zu loben; sie weicht nicht aus, sie kommt nicht aus zweiter Hand, sie ist keine Scheidemünze wie das Werk der Maschine. Wie jedes echte Hand-Werk bekennt sie sich zu ihrem Meister; wie jedes rechte Werkstück spiegelt sie die Art und Gesinnung ihres Schöpfers. Sie hat ihr eigenes Gesetz, nach dem sie auftritt und an ber Weise, in ber sie sich geltend macht, erkennst du bie Form — bas ist bie Bilbung — dessen, über den sie aussagt.
Du sagst: das Schreiben ist eine mühevolle Arbeit und bie Maschine ist eine willige Dienerin. Wer hat bir gesagt, baß beine Arbeit ohne Mühe sein soll?
Zeitschriften.
— „Der Naturforscher", vereint mit „Natur und Technik". Preis vierteljährlich 2,50 RM., einzeln 1,— RM. Hugo Bermühler Derlam Berlin-Lichterfelde. — Das mit vortrefflichen Bildern versehene Mai-Heft überrascht durch seine Reichhaltigkeit. Es wird jedem Naturfreund hohen Genuß, wertvolles Wissen und viele Anregungen bieten. Aus dem vielseitigen Inhalt nennen wir nur einige Beispiele: Dr. Fritz Steiniger gibt an Hand von interessanten Naturaufnahmen und Versuchen eine Uebersicht über die „Stab- und Blattformen bei Insekten und Spinnen" und die Möglichkeiten ihrer Entwicklungsgeschichte. — Prof. Dr. Max Hartmann veröffentlicht „Neueste Forschungen zur allgemeinen Sexualitätstheorie". Sehr schöne Bilder aus unserer heimischen Pflanzenwelt bringt der bekannte Pflanzengeograph Dr. Kurt Hueck in seiner Abhandlung „Gefleckte Blätter heimischer Pflanzen". Der Vogelkenner und Naturphoto- graph G. Wolff läßt uns durch einen lebendigen Bericht, dem zahlreiche, vorzügliche Aufnahmen beigegeben sind, seine Beobachtungen am Nest der Grasmücken miterleben. G. Hartwig berichtet an Hand von übersichtlichen Zeichnungen und Photos über den gegenwärtig sichtbaren neuen Stern im Herkules. Der Naturschutz ist mit neuen Festste!» lungen von S. Ulbrich-Magdeburg über den Fischreiher vertreten. In dem Abschnitt „Technik und Wirtschaft" werden besonders die verschiedenen Ausbildungen und Anwendungen des Echolots interessieren, über die Dipl.-Jng. W. Johns berichtet, ferner ein Vortrag von Dr. Hopfer über die verflüssigten Gase für Fahrzeug-Derbrennungs-Kraft- maschinen. Neben den vielen kleinen Beiträgen aus allen Gebieten wird eine neue Abteilung auffallen: „Anregungen zur Naturbeobachtung". Dieser neue Abschnitt gibt auf allen Geb'-ten der Natürkunde wertvolle Anregungen zur Beobachtung- und Belätigung.


