Nr. 61 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)Mittwoch, 13. Marz M5
Aus der Provinzialhauptstadl.
Oer Heldengedenktag.
Wie der Kreispropagandaleiter der NSDAP, in einer parteiamtlichen Bekanntmachung mitteilt, obliegt die Durchführung des Heldengedenktages am 17. März in Orten und Städten, die nicht Standorte der Wehrmacht sind, den Hoheitsträgern der NSDAP. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Reichskriegerbund Kyffhäuser sind in den Dienst der Sache zu stellen, das Programm des Tages soll den örtlichen Verhältnissen entsprechen.
Eröffnungskundgebung zum Reichsberufswettkampf!
Am kommenden Freitag findet abends nm 20.30 Ahr im Lafe Leib eine große Eröffnungskundgebung zum diesjährigen Reichsberufswettkampf statt. Es sprechen der stellvertretende Gebietsführer
Oberbannführer Erich Seifert
und der Kreisleiter der DAF.
cmalien, Formattonen, besuchte Geländesport-Lehr- gänae usw. bis zum 18. März 1935 an W. Mohr, Gießen, Wilsonstraße 8. Später eingehende Meldungen werden nicht mehr berücksichtigt.
Deutsche Arbeitsfront.
RS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
Urlaubszug in die Pfalz vom 2 3. bis 3 0. März. Fahrtkosten 29,50 Mark. Schlußtermin für die Anmeldung 16. März. Die Pfalz hat bekanntlich das wärmste Klima in Deutschland, und so wird diese erste Frühlingsfahrt zweifellos den Teilnehmern viel Freude bereiten. Während in anderen deutschen Gebieten noch hoher Schnee liegt, melden sich hier in dem größten Weinbaugebiet Deutschlands bereits die ersten Boten des Frühlings. Besonders die Vorderpfalz hat ein geradezu tropisches Klima, und so kommt es auch, daß hier alljährlich Mandeln und Feigen unter der warmen Sonne zur Reife kom-
fein Kaiserdom ist der älteste romanische Kirchenbau Deutschlands. Noch viel zu unbekannt ist dieses Land. Es ist eine dankbare Aufgabe, dieses Gebiet für den Urlaubsverkehr zu erschließen.
Urlaubszug insAllgäu vom3 0. März bis 7. April. Fahrtkosten 33,50 Mark. Schlußtermin für die Anmeldung 15. M ä r z. Während in anderen deutschen Gebieten der Frühling schon seine Einzug hält, ist im Allgäu noch immer Gelegenheit zum Wintersport gegeben. Wieder ist Pfronten das Ziel der Fahrt. Schon die Anfahrt wird hier für jeden Teilnehmer ein Erlebnis bedeuten. Durch den Schwarzwald geht es nach Friedrichshafen, wo die Zeppelinwerst besichtigt wird, dann am Bodensee entlang nach der schönen Jnselstadt Lindau im Bodensee. Erst nach diesen beiden Zwischenstationen wird die Fahrt in das eigentliche Urlaubsgebiet, das Allgäu, ange- I treten. Ausflüge an den Felshängen des Alpen- ' landes werden am Tage die Urlauber beschäftigen,
Winter-Ailsswerk des deutschen Volkes 1934/35.
pg. Hermann Wagner.
Jeder deutsche Junge, jedes deutsche Mädel, das an dem Reichsberufswettkampf teilnimmt, erscheint zu dieser Kundgebung, jeder deutsche Volksgenosse beweist durch fein Erscheinen feine Verbundenheit mit deutscher arbeitender Jugend.
Bannführung 116.
Grundsätzliche Trennung
der Geschlechter in den Schulen.
Im „NS -Erzieher" Nr. 18 vom 7. März 1935 wird in einem Artikel über das Mädchenschulwesen mitgeteilt:
Der Reichserziehungsminister hat angeordnet, daß in den Orten, in denen mittlere oder höhere Mädchenanstalten vorhanden sind, die Mädchen nicht mehr Knabenschulen besuchen dürfen. Die für die Mädchen geschaffenen Schulen gewähren eine dem eigentlichen Wesen der weiblichen Jugend besser entsprechende Ausbildung, als die anderen Aufgaben zugewandten Knabenschulen. In Fällen, in denen der Durchführung dieses Grundsatzes erhebliche Schwierigkeiten entgegentreten, ist die Genehmigung des Ministers einzuholen, wenn eine dieser Anordnung widersprechende Einschulung notwendig wird. Für die gegenwärtig Knabenschulen besuchenden Mädchen erhält dieser Erlaß keine Gültigkeit.
7ISLB., Kreis Gießen.
Fachschaft: körperliche Erziehung.
Detr. Geländesport-Lehrgang zur Erwerbung des L. - Scheines.
Der Reichsreferent für Geländesport teilt mit:
„Es wird bekanntgegeben, daß der dritte Lehr- ang für NSLB.-Mitglieder beim Chef AW. zu ftern 1935 vorgesehen ist. Er wird zeitlich so gelegt werden, daß wieder eine Anzahl Ferientage Verwendung finden. Der Lehrgang soll der letzte für den Erwerb des L.-Scheines fein. Bei den später folgenden kann zwar auch der L.-Schein erworben werden, jedoch nur als Ausnahme und nicht generell. Im übrigen sind die Bedingungen die gleichen, wie bisher, z. B. freie Fahrt, Verpflegung, Bekleidung usw. Es wird befohlen, Meldung nur dann abzugeben, wenn eine vorherige Vergewisserung, zum mindesten Rücksprache bei der zuständigen Dienststelle über den Urlaub stattge- funben hat."
Der Ort des Lehrganges wird frühzeittg bekannt- gegeben. Meldungen mit genauer Angabe der Per-
Schon jetzt laßt sich übersehen, daß das deutsche Doll im Rahmen des Winter- Ailfswerls 1934/35 in einem Maße geopfert hat, wie es angesichts der bestehenden schweren finanziellen Verhältnisse nicht erhofft werden lonnte. Aus diesem Anlaß ist es gerechtfertigt, diese Tatsache auch kommenden Geschlechtern in einer in die Augen fallenden Form stets zum Bewußtsein zu bringen und dadurch aber auch das Gedächtnis an eine schwere und große Zeit wach zu erhalten.
Es ist deshalb im Rahmen des Winter-Hilfswerls die Aufstellung von Mosaiken in den Gemeinden vorgesehen, die den Nachkommen künden sollen, welche Opfer die Einwohnerschaft für ihre notleidenden Volksgenossen gebracht hat.
Auch in unserer Stadt wird vom Montag ab die Aufstellung eines solchen Mosaiks durch das Winter-Hilfswerk erfolgen. Die zur Herstellung des Mosaiks erforderlichen Steine werden zu 20 Pfennig das Stück verkauft. Eine Ausstellung des Mosaik- musters erfolgt bei dem Verkauf der Steine in den Straßen.
Ich bitte die Bevölkerung wiederum ihren Opferwillen zu zeigen und durch den Kauf von Mosaiksteinen auch für unsere Stadt die Schaffung eines bleiben- den Erinnerungs-Zeichens an eine schwere und große Zeit zu ermöglichen.
Oer aus dem Verkauf der Steine verbleibende Ueberschuß fließt dem Winier- Hilfswerk zur weiteren Stärkung zu.
Oer Oberbürgermeister:
Gießen, den s.März 1955. Ritier.
men. Edles Obst aller Art wird in großen Tiengen geerntet Die Bäder und Heilstätten der Vorderpfalz sind wegen ihrer klimatischen Vorzüge so beliebt und wirkungskräftig. Die Pfalz hat das größte zusammenhängende Waldgebiet Bayerns. In dieses Gebiet führt die Fahrt nach dem bekannten Städtchen Neustadt a. d. Haardt und Hambach. Neustadt a. d. Haardt ist der Mittelpunkt des pfälzischen Weinhandels. Weinlandschaft und Waldgebiet vereinig sich hier zu einem harmonischen Bild. Schöne^alte Fachwerkbauten und die gotische Stiftskirche zeugen von der Tradition dieser Stadt. Die Pfalz ist das größte Burgenland Deutschlands, und zahlreiche alte Burgruinen künden von längst vergangener Zeit und von einer hochstehenden Kultur. Ein Tag des Aufenthaltes in der Pfalz wird zum Besuch und zur Besichtigung der alten Dom- und Kaiserstadt Speyer benutzt. Speyer ist die älteste Siedlung am Oberrhein und
sowett sie nicht durch Wintersport ihre Erholung suchen. Heimatabende werden Bevölkerung und Urlauber zusammenführen. Während die Hinfahrt durch den Schwarzwald erfolgt, wird die Rückfahrt über Ulm — Stuttgart — Heidelberg führen.
Mlchsbund Volkstum und Heimat.
Freitag, den 15. März, 20.30 Uhr, Tierf chutz« Versammlung im Kaufmännischen Vereinshaus. Vortrag von Schlachthofdirektor Dr. Keller: „Ein Jahr Reichstierschutzgesetz." lieber- reichung von Diplomen an 17 treue Tierpfleger. Verschiedenes. Alle Mitglieder des Reichsbunds und der angeschlossenen Verbände, sowie Gäste werden hiermit herzlich eingeladen. Eintritt frei!
Heute abend, 20.15 Uhr, Besprechung der Fachamtsleiter und Vertrauensleute bei Bep- ler, Bahnhofstraße 11.
Gedenket der gefiederten Freunde!
Der Bund für Dogelliebhaberei und Vogelschutz! schreibt uns:
Mit dem Einzug des kommenden Frühlings wer« den unsere gefieberten Sänger aus bem sonnigen Süben heimkehren, um in unserem schönen Vater« lanbe bem Brutgeschäft obzuliegen. Es lohnt sich baher schon jetzt, auf bie wieberkehrenbe heimische Vogelwelt hinzuweisen. Wer von ben ernsten und gewissenhaften Naturfreunben hätte sich nicht schon einmal an bem herrlichen Gesang unserer Singvögel erfreut unb wollte sich nicht glücklich schätzen, bem süßen, sehnsüchtigen Schlag unserer Nachtigall lauschen zu bürfen? Von Jahr zu Jahr mehren sich bie Klagen über bie Abnahme ber Singvögel, bie nicht nur ben Naturfreunb in Besorgnis versetzt, fonbern auch ben Besitzern von Garten, Felb und Walb zum Nachbenken Anlaß gibt. Nicht immer finb wir Menschen in ber Lage, ben gefieberten Sängern ben Schutz angebeihen zu lassen. Neben Witterungseinflüssen, wie starke Fröste, Hagelschlag, Gewitterplatzregen, ist bas Raubzeug ber grim- migfte Feind ber Singvögel. In einer einzigen lauen Frühlingsnacht werben von bem Raubzeug Tausende von Jungvögeln aus ben Nestern geholt. Es ist baher Pflicht jebes Gartenbesitzers, auf bef« fen Boben bie Singvögel Gastrecht genießen, sie gegen bas Raubzeug zu schützen. Ein weiterer Grund, ber von ben Vogelfreunden vielfach noch nicht ernst genug genommen wirb, ist bas Fehlen von Nistgelegenheiten in Garten, Felb unb Wald. Meistens finben bie Singvögel nur in Gärten mit uraltem Baumbestand geeignete Nistplätze. Wir müssen ihnen Gelegenheit geben, sich bei uns häuslich nieberzulassen, wenn wir uns an ihrem Nestbau, ber Aufzucht unb bem ganzen Familienleben erfreuen wollen. Wirksamer Vogelschutz kann aber nur von solchen Naturfreuben betrieben werben, bie auch unsere Vogelwelt kennen unb mit ihr verwachsen finb. Dies ist ber Vogelliebhaber, ber seine Walbvögelchen fäfigt, hegt unb pflegt unb in ihm feine Welt sieht. Sein ganzes Herz hängt an feinem Liebling, unb er wirb daher auch naturgemäß dessen Brüder und Schwestern in Feld und Wald schützen. Ferner würde es sich empfehlen, wenn in den Schulen geeignete Vorträge über Vogelschutz gehalten und so die Jugend in naturfreundlichem Sinne erzogen würde. Die Schulgärten und Parkanlagen sino geeignete Plätze zur Ausübung des praktischen Vogelschutzes. Der allerorts angesehene Bund für Dogelliebhaberei und Vogelschutz — Sitz Berlin, Geschäftsstelle Falkensee, Kreis Osthavelland — erteilt auf Anfrage Rat und Auskunft über sachgemäße Anleitung im Vogelschutz unb in ber Vogelhaltung.
vornottzen.
— Tageskalenber für Mi11wocht NSLB. Kreis Gießen, Fachschaft Körperliche Erziehung, Bezirk Gießen, 15.30 Uhr: Pflichtarbeitsgemeinschaft in ber neuen Pestalozzischule. —Stadt- theater, 19.30 bis 22.30 Uhr: „Salambo". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Symphonie der Liebe". — Frühjahrsmodenschau und Schmucksachen, 16 Uhr und 20.30 Uhr, im Cafe Amend. — Billard-Turnier, 20.30 Uhr, im Cas6 Amend. — BO.-Gießen. 20.30 Uhr: BO.-Abend im Hindenburg. — Deutsche Glaubensbewegung, 20.30 Uhr: Vortrag im Restaurant „Zum Löwen", Neuenweg 28. — Oberhessischer Kunstverein Turmhaus am Brandplatz, 16 bis 17 Uhr: 3. Jahresausstellung.
— Stadttheater Gießen. Heute abend Wiederholung der Oper: „Salambo" in der Besetzung der Erstaufführung und mit dem Komponisten Lukas Böttcher am Dirigentenpult.
— Die NS.- Frauenschaft Gießen» Nord veranstaltet am morgigen Donnerstag, um 20.30 Uhr, im Saale des Caf6 Ebel einen Ortsgruppenabend, zu dem die Liederbücher mitzubringen sind.
Nachdruck verboten!
3. Fortsetzung
item
Die Ifflandstöchter und ihre Freier.
Roman von 3- Schneider Zoerstl
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
wesen sein." . .
Er konnte nichts darauf erwidern, denn unten fuhr eben ein Wagen vor, und Margot trat gleichzeitig mit Hans Jffland in den Raum. Hinter ihnen erschienen Fritz urrb Graf Ecke. Dann kam Luzie,
Blässe bemerkte.
Klaudine öffnete rasch eine Flasche und schenkte einen der Weinkelche voll. Jffland trank ihn leer und sah ihr dabei in die Augen. „Auf eine sorgenlose Zukunft, mein Liebling!"
Es war so selten, daß der Vater seinen Töchi ein Kosewort schenkte. Um so tiefer berührte esKlau- bine. Sie ergriff feine Hand und druckte ihre Wange dagegen. „Für die Frau ist je auch nicht ganz einfach", meinte sie ehrlich. „Ein Witwer mit vier K'ndern ist immerhin keine beneidenswerte Parne. Und ihre erste Ehe soll nicht sonderlich glücklich ge-
Klaudine seufzte und horchte auf Luzies helle Stimme, die draußen aufklang. Etwas näher an ben Vater herantretenb, fragte sie: „Würbe es bir leichter fallen, wenn du uns alle brei sofort los hättest, Papa?" Sein Gesicht war mit einem Male ganz verändert, so hatte diese Frage ihn getroffen. „Ich meine ja nur", beschwichtigte sie. „Gar so unmöglich wäre das nicht. Ich gehe zu Onkel Theodor, bie Margot nimmt ein Uebersee-Angebot an, wenn fie bei ben Olympia-Spielen Glück hat, unb bie Luzie gibst bu ins Pfarrhaus zu Onkel Böhme. Du wür- beft bich leichter einleben mit Frau Pöttmes allein. Meinst bu nicht, Papa?"
„Ihr müßt bei mir bleiben!" stieß Jfflanb heraus. Klaubine machte es jetzt ben Eindruck als habe er Anaft. Er tat ihr sehr leid. „Es wird such alles geben", tröstete sie. „Ist es so red)t, Papaj" fragte sie dann ablenkend, mit einem Blick über bie Tafel hin. „Wenn ich nur wüßte, wo lch Luzie hinsetzen soll? Bekommt sie ihren Platz zwischen Ecke_unb Fritz, nimmt bas Kichern unb Necken kein Ende. Mit Bob verträgt sie sich nicht. Und für den Vetter ^„Vietteicht"neben Henriette?" meinte Jffland nach-
Um Gottes willen, Papa! Der bleibt ja ber Bissen im Munde stecken, wenn die Luzie mit ihrer Weisheit herausrückt. Am besten wird es sein, ich setze sie neben mich. Da kann sie am wenigsten Schaden stiften. — Willst du nicht einen Schluck Wein trinken?" fragte sie besorgt, da sie seine große
die Bob Pöttmes fünf Schritte vorausstürmte. Sie waren schon wieder im schönsten Streiten.
„Das ist ja gar nicht wahr!" schalt Luzie. „Die Abwässer gehen ja gar nicht in den Kanal! Das haben Sie sich nur eingebildet, Bob. Stinken tut's natürlich schon! Alle Kanäle stinken."
Mit wenigen Schritten war Klaudine bei ihr. „Schweig jetzt!"
Luzie blinzelte den jungen Pöttmes böse an. „Sag mal selbst, Margot!" rief sie dann der anderen Schwester zu. »Gehen die Abwässer in den Kanal?"
„Natürlich nicht!" kam es lachend zurück. „Zu- mindestens nicht in den Kanal, durch den wir geschwommen sind."
„Da haben Sie's jetzt!" trumpfte Luzie auf. Es fehlte nicht viel, und sie hätte dem jungen Mann die Zunge herausgestreckt. „Aber Sie müssen natürlich immer recht haben. Es ist häßlich, wenn ein junger Mensch immer recht haben will."
Hans Jfflands herzliches Lachen trieb Luzie ein brennendes Rot auf die Wangen. „Nicht?" meinte sie gekränkt. „Was wahr ist, darf man doch sagen."
„Jederzeit!" bekräftigte ber Vetter unb blickte nach ber Tür, durch die Henriette Pöttmes, geführt von Kaspar Jffland, eben eintrat.
Merkwürdigerweise sah Klaudine in diesem Augenblicke nicht auf die zukünftige Frau ihres Vaters, sondern auf ihre Schwester Luzie. Deren Gesicht, das eben noch geglüht hatte, wechselte jetzt plötzlich die Farbe. Zwischen Weinen und Trotz starrte Luzie auf bie schöne Frau unb bann auf ben Vater.
Aber er hatte nichts von ber Gefühlserschütterung seiner Jüngsten bemerkt. Er stellte eben seinen Neffen Hans Jffland und den jungen Grafen Ecke vor. Klaudines Hand war ganz kühl und leicht, als fie diese in die Rechte von Henriette Pöttmes legte. Margots Händedruck war sportsmäßig fest wie immer. Sie konnte nicht anders. Luzie hielt ihre Hand in den Falten des Kleides versteckt, hob fie dann langsam und überließ sie nur widerwillig Frau Pöttmes schlanken Fingern.
Klaudine atmete auf, als man bei Tisch saß. Ein paarmal trafen sich ihre Blicke mit denen des Vaters. Aus feinen Augen sprach stummer Dank.
Frau Henriette Pöttmes zeigte sich als das, dessen man sie rühmte: Eine charmante Frau! Ein Uneingeweihter konnte unmöglich ihr Alter schätzen. Wenn nicht Bob mit seinen dreiundzwanzig Jahren gewesen wäre, hätte man sie für höchstens dreißig gehalten, so glänzend war sie in Verfassung. Dabei war alles an ihr unglaublich einfach und gewinnend, daß man sich versucht fühlte, ihr schon bei der ersten Begegnung alle Sympathien entgegenzubringen. .
Sie hatte das reiche, aschblonde Haar wie eine Achtzehnjährige in schlichter Welle nach der linken Schläfe hin gescheitelt. Das schwache Rot, das über Lippen und Wangen verteilt war, wirkte durchaus nicht gekünstelt, und ber Schatten ber sichelförmigen
Brauen hob ben Glanz ber großen, dunklen Auaen, die in ihrem tiefen Braun in einem seltsamen Gegensatz zu dem flimmernden Haar standen.
Klaudine versuchte gerecht zu urteilen: Henriette Pöttmes war eine schöne Frau. Vielleicht war es doch nicht bloß Geld, sondern auch Liebe, die den Vater zu ihr hinzog. Sie wünschte es fast. Wenn er sich schon einmal mit dem Gedanken trug, sich wieder zu verheiraten, dann sollte doch wenigstens auch sein Gefühl mitsprechen können ...
Was die Fama behauptete: Daß Frau Pöttmes launisch, herrisch, nervös, unberechenbar, zuweilen sogar grausam sein konnte — wer vermochte das nachzuprüfen?
Ein Körnchen Wahrheit würde ja, wie immer, auch in diesem Falle an dem Gerede sein. Selbst Bob schien feine Mutter mehr zu fürchten als zu lieben. Er war immer auf der Hut, nicht anzustoßen.
Hans Jffland sah ein paarmal nach der schönen Frau hinüber, und auch er machte sich feine Gedanken. Sie war reizend, zweifellos. Seine junge Mutter war das auch, und doch wirkten die beiden Frauen so verschieden. Und was Frau Pöttmes Sohn anbetraf, so schien der arme Kerl nichts, aber auch gar nichts von ihrer natürlichen Anmut und gesellschaftlichen Sicherheit vererbt bekommen zu haben.
Neben ihrer Eleganz wirkte er eckig. Was sie an Weltgewandtheit aufzuweisen hatte, zeigte sich bei ihm als Unbeholfenheit. Er stand ganz im Schatten dieser Mutter, wie er auch in ihrem Bann zu stehen schien.
Der Hausherr selbst war prächtigster Laune, ein aufmerksamer Gastgeber, ein diskreter Verehrer, ein liebenswürdiger, besorgter Vater. Niemand ahnte, daß Kaspar Jffland auch jetzt von Sorgen gequält wurde. Er dachte unaufhörlich an seine beiden ältesten Töchter, ob sie sich wohl mit Henriette verstehen würden und ob über kurz ober lang sich ein Freier für sie sand.
Sie waren nette Mädchen, keine Duckmäuserinnen und auch nicht beschränkten Geistes. Bei Luzie hatte es ja -noch "Zeit. Die war noch fast ein Kind und schäkerte eben eifrig mit dem Grafen Ecke, dessen schmales Knabengesicht das Erbteil einer überzüchteten Rasse verriet.
Klaudine hatte Frau Pöttmes gebeten, bie kleine Tafel aufzuheben, was diese denn auch mit überlegener Vornehmheit tat. Man trank im Musikzimmer noch eine Tasse Kaffee und zerstteute sich dann nach dem Park und den übrigen Räumen.
Kaspar Jffland verspürte ttvtz seiner fünfunb- vierzig Jahre bas Herz bis zum Halse herauf schlagen als er, Henriette ben Arm bietenb, ben Gewächshäusern zuschritt. Er vermeinte zu fühlen, wie auch ihre Hanb ein wenig zitterte. Das machte ihn roieoer sicherer. Seine Werbung sollte nicht bloß ein Handel fein, ber sich lediglich auf Geldsachen beschränkte.
Schließlich war er schon einmal verheiratet gewesen und sie desgleichen. Man wußte also ungefähr, was man voneinander zu erwarten hatte. Wenn er erst einmal die Schuldenlast abwälzen konnte, würde es nicht mehr allzu schwer fein, ein heiteres Gesicht zu zeigen und den notwendigen guten Willen aufzubringen, sich in diese Ehe zu schicken, selbst wenn Henriette Launen haben sollle.
Luzie beobachtete, von einer Ligusterhecke gedeckt, wie der Vater mit Frau Pöttmes die Stufen zu den Treibhäusern hinunterstieg und ballte die Hand. Die sollte was erleben, wenn sie etwa dachte, es wäre so einfach, sich hier festzusetzen und alle unter ihre Fuchtel zu bekommen, wie das bei Bob der Fall war. Sie würde sich nicht kuschen! Sie nicht! Und wenn es alle Tage Zank und Streit gab. Vielleicht lief sie sogar einmal davon ...
Klaudine, die nach der jüngsten Schwester gesucht hatte, stand nun vor ihr und streichelte ihre Wangen. „Warum weinst du denn. Kleines?"
„Ach!" Luzie heulte jetzt tatsächlich. „Da muß man nun zuschauen, wie dieses Frauenzimmer unseren Vater einfängt!"
Erschrocken preßte Klaudine ihr die Hand auf den Mund. „Schweig' doch, um Gottes willen! Du darfit es Papa nicht noch schwerer machen, als es schon ist."
„Warum tut er’s denn bann? — Ich meine, er könnt's boch aushalten mit uns."
Klaudine mußte trotz allem lachen. „Dummerchen!" Sie zog den Kopf der Schwester gegen ihre Schulter und sprach leise auf diese ein, wie schwer die Hypothekenlasten auf Haslbach drückten, wie der Vater sich kaum mehr zu helfen wisse, wie ihm alles über dem Kops zusammenzubrechen drohe; Löhne, Steuern, Gehälter, das müsse doch unbedingt bezahlt werden. Und wie er hoffe, mit dem Vermögen der Pöttmes alles wieder in Ordnung zu bringen.
„Muß er sie deswegen gleich heiraten?" fiel ihr Luzie ins Wort. „Er soll sich doch einfach ihr Gelb zu leihen nehmen."
Klaudine sah sie kopfschüttelnd an. „Bist du denn wirklich so unvernünftig, daß du glaubft jemand aäbe fein Geld auf ein Objekt, das schon überlastet ist?"
„Ach, deswegen", maulte die Kleine.
„Ja, deswegen", sagte Klaudine mit Nachdruck. „Komm' jetzt! Fritz ist mit seinem Freund Ecke nach ben Ställen gegangen. Der Vetter läßt sich von Margot bas Familienalbum zeigen. Und Bob sitzt wie ein armer Sünder auf der Treppe, die nach dem Garten führt und döst vor sich hin."
„Das Ekel?" schmollte Luzie.
In Klaudines Augen trat eine ernste Strenge. „Vielleicht denkt er jetzt bas gleiche wie bu."
„Was denn, Klaudine?*
„Daß er nun zusehen müsse, wie dieser ManU seine Mutter einfängt ..."
(Fortsetzung folgt!)


