Nr. 290 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag. 12. Dezember (935
„Rösten? Eine schmerzliche und langwierige Angelegenheit. Dann schon lieber verbrennen. So mit einem Sprung hinein in die verzehrende Flamme — muß das nicht herrlich sein? Und wenn es dabei um Herz und Verstand geht ...! Ist es nicht tausendmal schöner, als wenn man das lohende Herz von dem kühlen Verstand töten läßt?"
„Vielleicht! Mir fehlt darin die Erfahrung. Ich denke auch nicht, die Probe aufs Exempel zu machen." _ .r
„Das soll man nicht sagen. Kemer weiß, welcher Himmel oder welche Hölle einem aufgehoben ist."
Günter schwieg. Ein neuer Windstoß fuhr urplötzlich auf. Ein Knarren und Rascheln ging durch die bewegten Bäume. Das Farnkraut am Wege zitterte. Aengstliche Vogelstimmen hörte man aufgeregt durch die drückende Schwüle. Wolken jagten über die Sonne hin, die mit steilen und schrägen Lichtpfeilen dagegen ankämpfte.
Günter sah zum Himmel auf.
„Das sieht ganz so aus, als ob es einen anständigen Regen geben würde."
Sie überlegten. Umkehren war zwecklos; man war zu weit von der Stadt entfernt. Vielleicht konnte man die Waldmühle noch erreichen, ehe es wirklich zu regnen anfing. Sie beschleunigten ihre Schritte. Günter drängte immer mehr zur Eile.
„Wir rennen wie ein paar Kinder, die Angst vor der Rute haben!" lachte Mia sorglos und unbefangen. v r ... ,
„Mir ist nur darum zu tun, daß du nicht natz wirst. Ich möchte dich doch nicht als durchweichten Spatz unter die Leute bringen", ging Günter auf ihren Ton ein. r, . , ..
Da ging ein leises, wehendes Rauschen durch die staubbedeckten, durstigen Blätter. Die ersten Tropfen fielen und zersprangen wie kühle Sterne auf dem
Mia blieb stehen, bog den Kopf zuruck und breitete die Arme mit den weit geöffneten Handflächen aus.
„Herrlich, Günter, herrlich! Das habe ich mir schon lange gewünscht."
„3a — aber du wirst ganz naß! Komm, wir müssen uns beeilen, wenn wir es noch schaffen wollen!" ,
„Nur einen Augenblick noch, Gunter — ich bin am Verdursten ...!"
„Je schneller wir in der Waldmühle sind, desto eher kannst du deinen Durst stillen!"
„Ach, das meine ich ja nicht. Ich — ich habe jahrelang gedürstet, Günter! Was weiß du denn davon!"
Sie hielt die Augen geschlossen, aber ihre Lippen waren weit geöffnet. Wie die verkörperte Sehnsucht stand sie da. Schon liefen ihr feine Rinnsale über das Gesicht; ihre Handflächen glänzten von dem kühlen Naß.
„Komm, Mia!" bat Günter mit bedeckter, fast heiser klingender Stimme. „Du wirst dich erkälten, wenn du noch länger da stehen bleibst!"
Er nahm die Widerstrebende bei der Hand und zog sie hinüber unter Bäume, deren Zweige hier so dicht ineinander griffen, daß der Boden noch vollständig trocken geblieben war.
Sie warf mit kindhaftem Schmollen die regenfeuchten Lippen auf:
„Du Barbar, du ...! Aber wenn man es richtig betrachtet, läßt es sich hier wirklich auch aus- hälten. Keine Spur von Nässe! Unsere Fassade wird nicht aus der Fasson kommen. Dank deiner Wasserscheu. Oder der vielgepriesenen Vernunft."
„Na also!"
„Womit ich durchaus nicht gesagt haben will, daß die Vernunft immer ausschlaggebend sein soll
Günter schwieg dazu. Sekundenlang haftete Mias Blick an seinem Gesicht, dann wandte sie sich wieder ab und sah in den Regen hinaus
„Eigentlich ist es doch wunderbar — da draußen ist nun die Welt mit all ihrem öden Gewimmel und Geklingel, mit all ihren Menschen, die uns nichts angehen. Spürst du etwas davon? Nein, das ist mit einem Male alles weg. Wie ausgelöscht. Als ob nur wir beide nach einer Sintflut übriggeblieben wären. Nett von dem alten Herrn, dem Wettergott. Man sollte ihm eigentlich dankbar sein. Es könnte scheinen, als ob er es eigens darauf angelegt hätte ..."
„Er wird sich von uns gerade in feine Karten sehen lassen!" versuchte Günter zu scherzen.
„Vielleicht doch! Man muß nur den Versuch ma« chen. Aber sieh nur, da schenkt uns der Himmel sogar noch einen wunderbaren silbernen Vorhang.
Sie trat einen Schritt vor.
„Sieh doch nur ..."
(Fortsetzung folgt!)
Aus der Provinzialhauptstadt.
Der Wald grüßt die Stadt.
Dieser Tage gab es hier auf der Straße spätabends eine kurze Verkehrsstockung. Ein schwerbeladenes Lastauto mit Anhänger hielt auf einer Wegkreuzung. Entweder hatten die Leute einen falschen Weg eingeschlagen, oder es war irgendetwas an dem Auto nicht in Ordnung. Wagen und andere Autos mußten halten, Menschen sammelten sich an.
Doch da stieg auch schon der Fahrer wieder ein, und weiter ging die nächtliche Fahrt. Ich war interessiert stehen geblieben, als ich sah, was auf das Auto und feinen Anhänger geladen war. Das schimmerte grün und weiß, das waren Tannenbäume! Und das Weiche war Schnee! Der Wald kam in die Stadt, wohl noch nicht zu uns, aber doch in irgend eine Stadt. Ob sie wohl aus dem Vogelsberg kamen, diese grünen Bäumchen? Sicher denn wir hatten hier ja noch keinen Schnee bis zu diesem Tage gesehen.
Wessen Herz schlägt nicht schneller, wenn er in den trüben Nebeltagen wieder einmal ein Stück von dem geliebtem Walde sieht? Wochen waren vergangen, seitdem wir dort weilten. Das Wetter lud uns nicht ein, unsere Schritte zum Wald zu lenken. Nun kommt dieser Gruß zu uns und mahnt uns, ihn nicht zu vergessen. Erinnerungen steigen auf, Erinnerungen an Stunden und Tage, die uns der Wald schenkte.
Die Bäumchen grüßen uns aber nicht nur. Sie bedeuten uns viel mehr. Sie werden in einigen Tagen in den Zimmern stehen, geschmückt mit Perlin, Engelshaar und Ketten, erleuchtet von vielen Kerzen. Und darunter werden Geschenke liegen ... Was wäre ein Weihnachtsfest ohne den Tannenbaum? Er ist uns Sinnbild der Freude, des ewig pulsenden Lebens. Er erinnert uns an unfern deutschen Wald, an wundervolle Vogelstimmen, an Sonnenschein und Blumenduft. Von ihm geht ein unendlicher Zauber aus. Das Fest der Liebe können wir ohne ihn nicht begehen.
Wenn die Tage kurz werden, wenn uns ein kalter Ostwind in das Zimmer jagt, dann freuen wir uns an dem grünen Tannenbaum, dann kommt uns wieder so recht zum Bewußtsein, was wir an unserem Walde haben. Wir können ja den Weihnachtsbaum nicht anschauen, ohne an seine Brüder draußen zu denken, an die weichen, mit Moos gepolsterten Waldwege, an die schlanken Birken, die stolzen Buchen und die knorrigen Eichen. Waldesrauschen, Vogelgesang, gaukelnde Schmetterlinge und surrende Insekten: Bilder von herrlichen Tagen steigen herauf, und wir geloben uns im Stillen: Wenn wir wieder einen Frühling, einen Sommer erleben, dann wollen wir — so oft wir können — hinauswandern in seinen Schatten.
Solche Macht hat der Tannenbaum über uns. Und welches Glück er erst in den Herzen unserer Kinder entfacht, das wissen wir alle. Da brauchen wir gar nicht zu fragen.
Schaust auch du dich selber wieder fern und fremd nur wie im Traum? Grüßt auch dich mit Märchenaugen deine Kindheit aus dem Baum?
Bornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele nur für Frauen im Lyzeum; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — NSLB., Kreis Gießen, Fachschaft 2, Arbeitsgemeinschaft für Mathematik und Naturwissenschaften: 16 Uhr im Physiksaal des Realgymnasiums Vortrag von Studienrat Backes. — Gloria - Palast, Seltersweg: „Es flüstert die Liebe". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Leichte Kavallerie" — Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: 20.15 Uhr in der Neuen Aula Lichtbildervortrag von Dr. Paul Rohrbach „Kampf und Raum im Pazifik" — Turmhaus am Brandplatz: 17 bis 19 Uhr Weihnachtsausftellung oberhefsischer Künstler. 9
NGLB., Kreis Ziehen.
Fachschaft „körperliche Erziehung".
1. Betr. Handball-Lehrgang vom 12. bis 14 Dezember in Gießen. Zeiteinteilung: Don n er 5 tag, 12. Dezember, 14.15 Uhr: Zusammen
kunft der Teilnehmer in der neuen Pestalozzischule. 14.30 bis 15.15: Theoretische Einführung in das Handballspiel. 15.30 bis 16.15 Uhr: Handballwettspiel (Unterstufe). — Freitag, 13. Dezember, 14.30 bis 15.30 Uhr: Handballwettspiel (Oberstufe), Universitätssportplatz. 15.45 bis 16.30 Uhr: Regelbesprechung, Neue Pestalozzischule. — Samstag, 14. Dezember, 9 bis 10.30 Uhr: Regelbesprechung, Technik und Taktik des Handballspiels, Neue Pe- talozzischule. 10.45 bis 12.30 Uhr: Die Teilnehmer pielen Handball, Unioersitätssportplatz. Die Teilnahme an dem Lehrgang steht allen Lehrkräften offen. Der notwendige Urlaub ist zu erteilen.
2. Betr.: Winterkampfspiele der hessischen Schulen. Es wird noch einmal daraus hingewiesen, daß bis zum 15. Dezember zu melden ist, für welche Spielart, ob Handball ober Fußball,
21 bis 22 Uhr Lyzeum, Dammstraße 26.
R e i t e n. Von 21 bis 22 Uhr Reitschule Schömbs.
Skifahrl zum hoherodskops!
Das Sportamt „Kraft durch Freude" führt am kommenden Sonntag, 15. Dezember, eine Skisahrt zum Hoherodskopf durch. Abfahrt pünktlich um 7 Uhr mit Omnibus ab Ludwigsplatz. Auf dem Hoherodskopf werden Skikurse für Anfänger und Fortgeschrittene durchgeführt. Verpflegung wird im Rucksack oder Brotbeutel mitgenommen. Außerdem ist Gelegenheit vorhanden, zum Mittag eine kräftige Suppe einzunehmen.
Alle Volksgenossen können an dieser Fahrt teilnehmen!
Die Kosten betragen für Fahrt, hin und zurück, nebst Gebühr für den Skikursus 3,— Mark.
ausgenommen werden, wer am 1.. Januar 1936 mit Steuerzahlungen oder Vorauszahlungen rückständig ist, die vor dem 1. Januar 1936 fällig gewesen sind. Hierunter fallen auch die am 10. Dezember 1935 zu leistenden Vorauszahlungen auf die Einkommen-, Körperschafts- und Umsatzsteuer und die in 1935 fällig gewordenen Abschlußzahlungen auf die Einkommensteuer und Körperschaftssteuer für 1934. Stundungen können nach ausdrücklicher Anordnung des Reichsministers der Finanzen nur in außergewöhnlichen Fällen gewährt werden, wenn die allgemeinen Interessen des Volksganzen eine Stundung geboten erscheinen lassen.
Wer es unterläßt, seine Steuerrückstände bis zum 31. Dezember 1935 zu regeln, wird die Folgen zu tragen haben, die mit der Aufnahme in die Lifte der säumigen Steuerzahler in wirtschaftlicher und persönlicher Hinsicht verbunden sein werden.
Gauleiter Sprenger spricht in Gießen
Große Kundgebung in der Volkshalle
Samstag, 14. Dezember, 20.15 Uhr.
Wir laben alle Volksgenossen der Stabt unb bes Kreises Gießen ein, an dieser Munbgebung teilzunehmen.
Die Glieberungen ber Partei, SA. (Gießen unb Umgebung), RSKK., SS., Hitler-Zngenb, VDM., marschieren geschlossen, bie Deutsche Arbeitsfront in Betrieben zur Kundgebung. Eintreffen spätestens 20.10 Uhr. Die Führer ber Glieberungen wollen jetzt schon bie nötigen Vorbereitungen treffen.
Die angeschlossenen Verbänbe, wie NS.-Beamtenbunb, 71SLB., NS.-Aerzlebund, VS.-Frauenschaft, US.-Stubentenbunb, werben ausgesorbert, basiir zu sorgen, baß ihre IHifgliebet an ber Kundgebung teilnehmen.
5 o l g e n b e Fahnen gruppen nehmen an bem Fahneneinmarsch teil unb find spätestens um 20.10 Uhr in folgenbet Reihenfolge vor ber Volkshalle angetreten: S'U., RSKK.» Gießener Ortsgruppen, Ortsgruppen Allen-Bufeck, Annerob, Bersrob, Ettingshausen, Großen-Buseck, Grotzen-Lmden, Grünberg, Heuchelheim, Hungen, Klein-£inben, Lang-Göns, Lich, Lollar, Mainzlar, Ober-Bessingen, Saasen, Steinbach, Trais-Horloff, Watzenborn-Steinberg, Wieseck, RSBO. (Arbeitsfront) in Uniform, fjitler-Jugenb, Jungvolk, SS.
Sämtliche politischen Leiter ber Gießener Ortsgruppen unb ber obengenannten Ortsgruppen nehmen geschlossen an ber Kunbgebung teil unb treten um 19.30 Uhr an ber Kreisleitung an. hier treten auch bie obengenannten Fahnen um bieselbe Zeit an.
Oeffnung ber Volkshalle um 19.30 Uhr.
Die Volkshalle ist geheizt. Eintritt frei.
Kreisleitung Gießen der AGOAP.
sich die Schule entschieden hat. Die höheren Schulen melden nach Darmstadt, die Volksschulen an die Schulämter.
Oeutschp Arh^t4fron1
NS.-Gemeinschast „Kraft durch Freude".
Am Freitag, 13. Dezember, 20.15 Uhr, spricht Professor Temesvary zum letzten Male vor Weihnachten über
„Volkstümliche Musik der großen Meister".
Der Vortrag findet im großen Hörsaal der Universität statt. Karl Jost (Violine) spielt. Der Eintritt ist frei, alle Volksgenossen sind willkommen.
„Wissenschaft im Dienst am deutschen Volk."
Am Montag, 16. Dezember, 20 Uhr, findet der dritte Vortrag der Vortragsreihe „Wissenschaft im Dienst am deutschen Volk" im Hörsaal des kunstwissenschaftlichen Instituts, Ludwigstraße 34 (Ecke Goethestraße), statt. Es spricht Prof. Dr. Glöckner über: „Die Ethik des Alltages und die Ethik des Philosophen". Eintritt frei.
Sportamt „Kraft durch Freude"".
heule folgende Kurse:
Fröhliche Gymnastik und Spiele (nur für Frauen). Von 20 bis 21 und von
Alle Teilnehmer müssen Inhaber der KdF.- Jahressportkarte sein. Wer diese nicht besitzt, muß sie zum Preis von 30 Pf. erwerben.
Anmeldungen (bis Samstagmorgen 11 Uhr) nimmt die Kreisdienftftelle, Schanzenstraße 18, entgegen.
Aus parteiamtlichenDskanntmachungen
Der NS.-Lehrerbund, Kreis Gießen, gibt bekannt, daß am 22. Dezember die Weihnachtsfeiern stattfinden, die von den Ortsgruppen mit den zuständigen Stellen der NSV., der NS.-Frauenschaft, der HI. und des BDM. durchzuführen find. An diesem Tage fallen alle anderen Weihnachtsfeiern aus.
Liste der säumigen Steuerzahler.
Vom Finanzamt Gießen wird uns mitgeteilt: Da die meisten Steuerpflichtigen ihre Rückstände im Jahre 1935 beseitigt und zu erkennen gegeben haben, daß sie ihre steuerlichen Verpflichtungen in Zukunft pünktlich erfüllen werden, hat der Herr Reichsminister der Finanzen den Stichtag für die Liste der säumigen Steuerzahler vom 1. Januar 1935 auf den 1. Januar 1936 verlegt. In die Lifte der säumigen Steuerzahler wird daher nur
llniversitätsprofeffor Zesioneks letzte Fahrt.
Ein gütiges Geschick hatte den früheren Direktor der Universitätsklinik für Haut- unb Geschlechtskrankheiten, Prof. Dr. Albert I e s i o n e k, Wunderwerke helfender Menschenliebe vollbringen lassen, so daß eine überaus große Trauergemeinde, ergriffen von der menschlichen Größe dieses Toten, ihm gestern die letzte Ehre erwies.
Professor Lic. Dell stellte die Trauerfeier unter das Wort des Paulusbriefes 2. Kor. 4. Kap. von der Kraft des Evangeliums unter Trübfalen. In ergreifenden Worten schilderte er das gesegnete Wirken dieses Mannes, dem es gegeben war, tiefer als manch anderer in die Geheimnisse der Natur einzudringen und der die Erfolge seines Forschens als Arzt in den Dienst der leidenden Menschheit gestellt hatte. In jahrzehntelangem Kampfe gegen die aus Schicksal und Schuld geborenen Krankheiten, gegen die Geißel des Volkes konnte er manchen Sieg davontragen. Taufende Kranker haben feinen Weg gekreuzt, und mit ihnen hat er um das Leben gerungen. Wo keine Hilfe mehr möglich war, entzündete er durch feine kraftvolle, geläuterte Persönlichkeit neue Hoffnung in dem trüben Dasein der kranken Menschen. Wie er in unermüdlichem Forschen bemüht war, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, um ihr die Gesetzmäßigkeit abzulauschen, so stand er als Arzt in stetem Kampfe um das Leb'en der Kranken, um zu helfen und zu heilen. Darüber hinaus war er nicht nur der helfende Arzt, sondern auch der innerlich starke Mensch, im Kampf und durch die Erkenntnis gereift, der dankbar und gläubig von seinem Erlebnis abgab und darum Freund und Kamerad seltener Menschengröße war. Vor so viel Erhabenheit tritt die Klage zurück.
Se. Magnifizenz der Rektor Professor Dr. P f a h- l e r sagte dem Verstorbenen namens der Ludwigs- Universität herzlichen Dank für die Fülle des arbeitsreichen Lebens, das er ihr geschenkt hatte. Seine großen Erfolge waren äußerlich dadurch gekennzeichnet, daß er schon als 33jähriger Mann korrespondierendes Mitglied der Wiener Dermatologischen Gesellschaft wurde. Diele medizinische Gesellschaften zählten ihn zu ihrem Ehrenmitglied, und in München wurde ihm die Bollinger-Plakette verliehen. Hier in Gießen errichtete er die erste Lupus-Heilstätte, und als der Krieg ausbrach, tat er als Fachberater eines Armeekorps feine vaterländische Pflicht. Als leuchtendes Vorbild eines großen deutschen Arztes und Forschers war er auch ein gütiger Mensch, für dessen Treue und Kameradschaft diese wenigen Worte nur schwacher Ausdruck des Dankes sein können.
Der Direktor der Medizinischen Klinik Professor Dr. R e i n w e i n nahm für die Medizinische Fakultät Abschied von dem Toten, der zu den Großen in der medizinischen Forschung und Wissenschaft zählte.
V/Ci/A • *Kh£4-
gegen spröde Haut
Nachdruck verboten!
8. Fortsetzung.
Nicht müde werden, Annelies!
ORoman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin.
darüber zu sprechen. Wir wollen von etwas ^anderem reden. Wie lange denkst du zu bleiben?"
„Das ist noch unbestimmt. Ich habe hier noch etwas zu erledigen; es kommt ganz darauf an, wieviel Zeit das in Anspruch nimmt. Mich treibt ja auch nichts nach Hause."
Sie würde also noch bleiben. Man würde sie wahrscheinlich öfter sehen. Es war nicht gut. Es war vielleicht schön, aber nicht gut ...
Die Sonne stach förmlich vom Himmel herab. Als sie den Wald erreichten, schob sich langsam eine graue Wand über den Bäumen hoch. Starres, atemloses Schweigen und stickige Schwüle empfingen sie im Walde. Es roch stark nach Kiefernnadeln und harzigem, sonnenwarmem Holz.
Von Zeit zu Zeit zog eine dunkle Wolke über den breiten Weg, der nach der Waldmühle, einem kleinen Restaurant, führte. Sekundenlang war die Sonne bedeckt, auf dem kleinen Silberteich zur Linken lag fahles Licht wie gelbes Feuer. Em Windstoß wirbelte raschelnde Blätter und grauen Staub zu atembeklemmenden Wolken auf. Die qraue Wand stieg höher, aber die beiden bemerkten es nicht. Mia Rechberg plauderte in leichtem Ton von ihren Reisen, ihren Bekannten von „Goldfasan" und ihrem neuen Wagen. Die Vergangenheit erwähnte sie mit keinem Wort.
Günter brauchte nur hin und wieder ein Wort dazwischen zu werfen. Es war ihm lieb, denn er mußte sich jede Antwort abnngen. Jedes einze ne Wort schien sich erst mühjam aus einer »rund ° -n Tiefe lösen zu müssen, mit gewaltsamer Anstrengung wie aus einer lähmenden Umklammerung heraus. Es ärgerte ihn; man mußte ja wie em verstockter Bursche ober wie em ungehobelter Klotz erscheinen. Sicher war diese wahnsinnige Hitze daran schuld. Die ganze, jetzt wieder reglos stehende Lust war voll von diesem stickigen Flimmern, das brütend und sengend wie ein ungeheurer Berg von Glut in tausendfachen Schichten übereinander zu "^Wi° In "einem Backajen ist es hier!" (agte er nnddehnte die Brust, während M.° einem ausge- regt jagenden Miick-njchwarm auswich ..Man denkt, es müßte einem bas Herz im Leibe rosten. D Sie’m murinem t>un«en!8Ii<f in das Flimmern.
„Finbest bu es nicht erstaunlich, baß ich doch gekommen bin?" begann Günter die Unterhaltung wieder.
„Erstaunlich? Durchaus nicht! Ich habe es gar nicht anders erwartet. Man läßt alte Freunde doch nicht abblitzen. Und ein Kavalier wie ©unter Sartorius gleich gar nicht. Du haft also gnadigst Urlaub bewilligt bekommen?"
„Wieso? Wieso Urlaub?"
„Na ja — du bist doch verlobt! Hat das Fraulem Braut dich freiwillig gehen lassen?"
Günter fühlte, daß er rot wurde wie ein Schuljunge. (i
"Nützlich weiß ich! Ich habe mich im stillen immer ein bißchen um dich gekümmert. Das wenigstens war ich dir doch schuldig — nicht wahr?
Es war die erste Anspielung auf die Vergangenheit. Günter brauste und wirbelte es im Kopfe. Sie hatte sich um ihn gekümmert. Das hieß, daß sie von Zeit zu Zeit Erkundigungen über ihn emge- 3ogcn hatte. Vielleicht hatte sie Bekannte hier, oder sonstige Beziehungen. Aber warum das ..Sie hatte ihn damals beiseite geschoben und sich für einen anderen entschieden. Welches Interesse konnte sie noch an ihm und seinem Ergehen haben?
Du bist mir nichts schuldig!" erwiderte er auf ihre Frage. Es klang härter und scharfer, als es vielleicht beabsichtigt war. Aber es schwang auch eine ungewollte leise Bitterkeit durch seine Antwort.
Doch Günter!" beharrte Mia. „Und da wir nun einmal davon sprechen - es finb ja vergangen; man kann doch ruhig darüber reden.
»■*
„Lassen wir das. Es hat heute keinen Sinn mehr.


