Nr. 212 viertes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, 1 September 1955
O.A.-'Spoit
Liefet Zangemeister f.
Deutschlands beste Segelfliegerin tödlich verunglückt.
Die berühmte deutsche Segelfliegerin Liefe! Zangemeister ist während eines Fluges von Htrschberg nach Görlitz, den sie als Passagier mitmachte, einem tragischen Unfall zum Opfer gefallen. Das Flugzeug streifte eine Starkstromleitung und stürzte in einen See, wobei die beiden Insassen ums Leben kamen.
Fußball beim Neichsparteitag.
Anläßlich des Volksfestes am Samstag beim Reichsparteitag in Nürnberg wird im Stadion ein Fußballspiel zwischen dem Deutschen Meister Schalke 04 und einer Nürnberg-Fürther Stadt- mannfchaft ausgetragen, für das die Nürnberger Stadtelf wie folgt aufgestellt wurde: Kohl (1. FC. Nürnberg); Muntert (1. FC. N), Schwendtner (Fürth); Hecht (Fürth), Leupold I (Fürth), Oehm (1. FCN.); Leupold II (Fürth), Eiberger (1. FCN.), Friedel (1. FCN.), Schmitt (1. FCN.), Wolf (Fürth). Deutsche Handballmeisterschast 1936.
Neueinleilung der Gaugruppen.
Für die Spiele der Gaugruppen um die Deutsche Handballmeisterschaft 1936 hat Fachamtsleiter Brigadeführer Herrmann die 16 Gaue neu eingeteilt. Die vier Gruppen, in denen im Gegensatz zum letzten Jahre diesmal in Vor- und Rückrunde gespielt wird, haben folgende Zusammensetzung:
Gaugruppe 1: Gau Ostpreußen, Gau Brandenburg, Gau Schlesien, Gau Sachsen.
Gaugruppe 2: Gau Pommern, Gau Mitte, Gau Nordmark, Gau Niedersachsen.
Gaugruppe 3: G»u Westfalen, Gau Mittelrhein, Gau Württemberg, Gau Bayern.
Gaugruppe 4: Gau Niederrhein, Gau Nordhessen, Gau Südwest, Gau Baden.
Noch ein deutscher Sieg am Lido.
Lilly Auhem-henkel Sieger im Doppel.
Beim internationalen Lido-Tennisturnier in Venedig führte das Endspiel im Gemischten Doppel das deutsche Paar Cilly Außem-Heinrich Henkel mit den Oesterreichern Wolf-Metaxe zusammen. Das deutsche Paar siegte leicht mit 6:2, 6:3. Damit hat das Turnier drei deutsche Siege gebracht und zwar durch Gottfried von Cramm im Männereinzel, durch von Cramm-Henkel im Männerdoppel und jetzt durch Außem-Henkel im Gemischten Doppel. Siegerin des Frauen-Einzels wurde bekanntlich Hilde Sperling-Krahwinkel, während Cilly A u ß e m auch noch im Frauendoppel mit der Französin Bourdet als Partnerin Siegerin wurde.
Olympische Winterspiele 1936.
Garmifch lst bereit.
Am Wochenende hielt das Organisationskomitee für die Olympischen Winterspiele eine Sitzung ab, in der das endgültige Programm der Olympischen Winterspiele festgelegt wurde. Der Sitzung, Die teilweise unter freiem Himmel im Skistadion stattfand, wohnten u. a. Staatssekretär Pfundtner, Reichssportführer v. Tschammer und Osten, Exz. L e w a l d , Dr. Diem und Hptm. Hölter
als Vertreter des Reichskriegsministeriums bei. Eine Besichtigung der Olympia-Anlagen zeigte, daß in Garmisch alles bereit ist. Am Sonntag fand sogar eine Generalprobe im Skistadion statt. Staatssekretär Pfundtner ordnete an, daß die Er- öffnungs- und Schlußfeier im Stadion abgehalten werden soll. Maier vom Deutschen Skiverband hielt ein Referat. Die Skistrecken liegen sämtlich fest, werden jedoch vorher nicht veröffentlicht. Särnt-
Am Montag früh wurde die 17. Internationale Sechstagefahrt für Motorräder in Oberstdorf im Allgäu gestartet. Auf den vielen Nebenwegen der ersten Tagesstrecke, die von Oberstdorf über 460 Kilometer nach Waldberg, Weinaarten, Leutkirch wieder zurück nach Oberstdorf führte, mußten die Fahrer ihr ganzes Können hergeben, um die teilweise geforderten Durchschnittsgeschwindigkeiten von 55 Kilometer einzuhalten. Der schwerste Teil des Weges war die Bergprüfung bei Jmmenstadt,^die auch dte meisten Opfer forderte.
Gleich am ersten Tage schieden bereits von 248 gestarteten Maschinen 33 aus und ein Drittel erhielt Strafpunkte. Im Wettbewerb um die Goldene Trophäe sind nur noch die deutsche und tschechische Nationalmannschaft strafpunktfrei, während England 1 Strafpunkt erhielt. Italien hat 2 und Frankreich 6 Strafpunkte aufzuweisen. Deutschland A, Jta-
liche Ski-Wettbewerbe beginnen im Skistadion, nur der Staffellauf wird am Kochelberg gestartet, damit das Feld beim Passieren des Stadions schon etwas auseinandergezogen ist. Um den Zuschauern beim Slalom etwas mehr zu bieten, wird dieser Wettbewerb nicht am Hausberg, sondern am Gudiberg ausgetragen, ebenso entschloß man sich, das Schießen beim Militär-Patrouillenlauf in der Nähe des Stadions durchzuführen. — Unterkunftsmöglichkeit für die Zuschauer ist noch genügend vorhanden, ebenso werden die Zubringerwege (Eisenbahn und Autostraße) allen Anforderungen genügen können. Don München aus verkehren Sonderzüge mit Dier-Minuten-Abständen
lien B, England B, Tschechoslowakei A und Holland B sind im Kampf um die Silbervase noch ohne Strafpunkte, während die zweite deutsche Mannschaft in diesem Wettbewerb durch Ausfall des Zündapp-Fahrers B a y l o n bereits gesprengt ist und 121 Strafpunkte hat. Von den deutschen Klubmannschaften ist nur noch die des DDAC. strafpunktfrei. U. a. ist am ersten Tage auch Rütt- chen auf NSU. ausgeschieden.
Der zweite Fahrtag der Sechstagefahrt stand dem ersten an Schwierigkeiten kaum nach. Die Strecke führte diesmal von Oberstdorf über Hindelang, Lechbruck, München über die Reichsautobahn nach Holzkirchen, Nesselwang und zurück nach Oberstdorf, insgesamt 485 Kilometer. Auch diese „Flachprüfung" forderte ihre Opfer und zahlreiche Fahrer schieden auch am zweiten Tage aus.
beginn der Internationalen Sechstagesahrt.
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Zu Ehren der 17. Motorrad-Sechstagefahrt hatte Oberstdorf festlich geschmückt. — (Schirner-M.)
Fußball her Kreisklaffen.
Leihgestern — Heuchelheim 2:2; Lollar — VfB.-R H 6:2; Rodheim — Wieseck 9:0; Großen-Buseck gegen Grünberg 7:4; Albshausen — Aßlar 0:3; Burgsolms — Hermannstein 2:0; Ehringshausen — Ulm 2:2; Oberbiel — Wetzlar II 3:1; Großen-Linden gegen Grüningen 3:2; Steinbach — DfB.-R. III 5:3; Lich — 1900 III 3:1; Garbenteich — Lich II 4:1; Lollar II — Vetzberg, V. nicht angetreten; Lollar III — Großen-Buseck II 3:1; Krofdorf gegen Launsbach 1:3; Alten-Buseck — Fellingshausen 3:0; Daubringen — Treis 6:0; Londorf — Geilshausen 3:2; Rüddingshausen — Grünberg II 5:2; Naunheim II — Oberndorf 6:0.
Iugendspiele.
Leihgestern — VfB.-R. 1:4; Lollar — Heuchelheim 1:5; Rüddingshausen — Londorf 4:0; Rodheim — Launsbach 7:1; Großen-Buseck — Daubringen 4:1; Wißmar — Kinzenbach 5:0; Flensungen gegen Nieder-Ohmen 1:2; VfB.-R. II — Klein-Linden 1:8; Heuchelheim II — Fellingshausen 3:1; Garbenteich — Alten-Buseck 0:3; Wieseck — 1900 II 2:0; Lich — Steinbach 0:7.
Sportverein 1920 Lollar.
Reger Spielbclrieb in Lollar.
Der vergangene Sonntag sah den Sportv. 1920, Lollar, mit fünf Mannschaften im Kampfe, alle drei aktiven, wie auch die Jugend- und die Schülermannschaft traten auf den Plan. Die aktiven Mannschaften konnten Punktgewinne erzielen; die Jugendmannschaft verlor ihr erstes Derbandsspiel gegen Heuchelheim auf eigenem Platze. Die Schüler konnten, auswärts spielend, ein Unentschieden erzielen. Die Ergebnisse:
Lollar I — DfB.-R. Gießen II 6:0,
Lollar II — Vetzberg I, kampflos für Lollar, Lollar III — Großen-Buseck II 3:1, Lollar Jgd. — Heuchelheim Jgd. 1:5, VfB.-R. Gießen Schüler — Lollar Schüler 0:0. Die erste Mannschaft konnte auf eigenem Platze den erwarteten und verdienten hohen Sieg herausholen. Sie spielte wieder wie in ihren besten Tagen und dürfte, wenn sie in den Verbandsspielen in dieser Form weiterspielt, wohl ein Wort bei der Vergebung der Meisterschaft mitreden. Die zweite Mannschaft gewann kampflos, da der Gegner noch in letzter Minute absagte. Die neu zusammengestellte dritte Mannschaft gewann ihr erstes Verbandsspiel glatt nut 3:1.
Die Jugend konnte an die Leistungen des Vorsonntags nicht anknüpfen und verlor auf eigenem Platze gegen die technisch und taktisch besser spielende Jugend aus Heuchelheim glatt mit 5:1 Toren. Das Ergebnis ist etwas hoch ausgefallen, da auch die Einheimischen des öfteren Pech mit ihren Aktionen hatten.
Die Schüler spielten in Gießen und konnten, nur mit zehn Mann spielend, ein" verdientes Unentschieden erringen.
Handball im Männer-Turnverein.
Tv. Dulenhofen I — 2Mv. Gießen (fomb.) 1:15.
Tv. Dutenhofen Jugend — INtv. Gießen Jugend 5:6.
Die Jugendmannschaft vermochte in ihrem Spiel nicht ganz zu überzeugen, sie konnte zum Schluß froh sein, einen knappen Sieg gelandet zu haben. Das lag wohl in erster Linie an der Mannschaftsaufstellung, in der einige „Neulinge" standen, aber uuch die „Alten" zeigten herzlich wenig. Ausgezeichnet war der Tormann der Gießener sowie die Läu-
Zu jedem kommt einmal das GM.
Vornan von Ellen Kulm
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 17. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Und nun geschah das für Monika so Erstaunliche. Johnie Klinke schien seine Ruhe vollkommen wiedergefunden zu haben.
„Das glaube ich Ihnen ohne weiteres, Fräulein von Tanner! Aber ich hoffe, daß Sie es nicht bedauern, und ich hoffe, daß es Ihnen gut geht!" Auch er sprach leise, und nur Monika beachtete das Gespräch der beiden.
„Leben Sie nun in München?"
„Ja! Ich — ich arbeite nun für eine Zeit hier." Ein neuer Tanz setzte ein.
Gerling sprang auf.
„Wenn Sie nicht müde sind, Fräulein von Tanner...!"
Evi lächelte. Sie sagte nichts, aber sie stand gehorsam und wie erleichtert auf und ging mit ihm fort.
Johnie Klinke aber tat etwas, was er schon lange Nicht mehr getan hatte. Er schlug neben seiner Teetasse sein Kollegienhest auf und blätterte darin, ohne sich um Shirley Prestons Schmollmund zu kümmern. — .
„Ich muß nun aber wirklich fort... , sagte Evi zu Gerling.
„Muß es sein? Ja — ja! Ich hole dann ganz schnell meinen Wagen und bringe Sie nach Hause. Bitte, sagen Sie nichts dagegen! Ich tue es so gern, und Sie sind doch auch schneller daheim."
Der Abschied war kurz und einsilbig. Nur Monika schlang in einer plötzlich impulsiven Regung den Arm um Evi.
„Wann sehe ich Sie wieder?"
Gerling unterbrach sie:
„Fräulein von Tanner eilt es sehr nach Hause au kommen — aber ich werde schon etwas mit ihr besprechen. Ich begleite sie."
Stumm gingen sie — es war Abend geworden — zur Garage, und ohne ein Wort setzte sich Evi von Tanner neben ihn. Sie sprachen auch sonst kaum mehr auf der kurzen Fahrt, als daß Evi Gerling den Weg wies.
Und doch — sie beide fühlten, "bafc etwas Entscheidendes in ihnen vorging. Sie beide wünschten, daß diese Fahrt nicht enden möge, daß sie immer so nebeneinander sitzen könnten, getrennt von allen anderen Menschen — nur sie beide allein Aber sie wußten es beide voneinander gar nicht.
„Nun müssen Sie mir aber noch sagen, wann wir Sie wiedersehen, Fräulein von Tanner!" sagte Gerling, als der Wagen an seinem Ziel angelangt war.
„Ich — ich weiß nicht...!" stotterte Evi.
„Wie ich Ihren Reden entnommen habe, arbeiten Sie beruflich. Könnten Sie mir nicht sagen, wo t>as ist? Ich würde Sie gern abholen, wenn es 2hnen recht wäre..-"
„Nein — nein! Das geht nicht."
„Aber dann können Sie doch einen Abend mit uns zusammensein. Wenn Sie Ihrer Frau Mutter sagen, daß Sie in Gesellschaft von Fräulein Jnnemann sind, so wird sie es Ihnen doch sicher gestatten."
Evi von Tanner erschrak heftig. Sie liebte ihre Beschäftigung gar nicht; aber sie hatte sich ihrer noch niemals geschämt. Es blieb ihr ja auch nichts anderes übrig, als ihr kleines Talent zu verwerten, um sich und Muttchen durchzubringen. Aber diesem Herrn von Gerling gegenüber hatte sie plötzlich den brennenden Wunsch, er möchte niemals erfahren, daß sie Abend für Abend in einem Kabarett auftreten mußte. Sie kannte ihn erst wenige Stunden, und doch wußte sie genau, er würde ihre Beschäftigung ablehnen. Er war einer der Männer, die die Tugend und das Behütetsein einer Frau über alles schätzten. Sicher würde er kein Interesse mehr an ihr haben, wenn er es erfuhr. Und doch mußte er es erfahren. Monika selbst würde es ihm ja ahnungslos erzählen. Aber trotzdem — sie selbst konnte es ihm niemals sagen.
„Hören Sie zu, Fräulein von Tanner! Ich möchte Sie so gern bald wiedersehen. Darf ich Sie morgen, vielleicht um fünf Uhr nachmittags, irgendwo erwarten? Wenn es auch nur eine halbe Stunde wäre."
„Gut...", sagte Evi, „wenn Sie hier vor das Haus kommen wollen! Ich kann Sie ja nun leider nicht hinaufbitten. Wir haben nur ein Zimmer, und mein Muttchen muß so geschont werden. Ich bringe niemals Besuch mit. — Also wenn Sie kommen wollen, Herr von Gerling, dann — auf Wiedersehen! Und schönen Dank!"
,^ch habe zu danken, Fräulein von Tanner!"
Er setzte sich in seinen Wagen, warf die Mütze neben sich und fuhr los.
Kaum hatte er sich von Evi von Tanner getrennt, 'dachte er auch schon wieder an sie. Sie war die entzückendste Frau, die er jemals kennengelernt hatte. Sie war so hilfsbedürftig! Sein männliches Herz schlug in der Vorstellung, sie beschützen zu dürfen ihr jeden Stein aus dem Wege zu räumen.
Dann aber schrak er zusammen. Er durfte nicht an Evi von Tanner denken. Wäre sie nicht heute nachmittag gekommen, so wäre er mit Monika nach Starnberg gefahren und hätte sich endlich mit ihr ausgesprochen Und er hatte doch eigentlich keinen Grund, daran zu zweifeln, daß sie ja gesagt hätte. Sie hatte ihn bestimmt gern, und aus der Art, wie sie von ihrem Vater sprach, erkannte er, daß ihr die Botschaft, die er ihr überbringen würde, als ein heiliger Gruß aus dem Jenseits erscheinen mußte.
Aber er wollte ja auch gar nicht seinem Vorsatz untreu werden. Er kannte ja Evi von Tanner nur als Monikas Freundin; sie selbst hatte sich gefreut, daß er sich ihr am Nachmittag gewidmet hatte. Sie würde sich bestimmt auch freuen, wenn sie wüßte, daß er gut zu ihrer kleinen Freundin war. Ach, wie leicht täuscht sich der Mensch, wenn er die Stimme in feinem Innern zum Schweigen bringen will-
11. Kapitel.
Und auch Evi war in einer seltsam glücklichen Stimmung die Treppen hinaufgegangen. Sonst stürmte sie sie hinauf, um schneller bei Muttchen zu sein, aber diesmal hemmte irgend etwas ihren Schritt. Wenn sie an den heutigen Nachmittag dachte, so hätte sie am liebsten vor Glück gejauchzt, und doch fiel ihr der Gedanke daran auch wieder seltsam schwer aufs Herz. Doch merkwürdigerweise galt keiner ihrer Gedanken dem seltsamen und unerwarteten Wiedersehen mit Johnie Klinke.
Als sie die Wohnungstür öffnete, fiel ein Lichtschein aus ihrem Zimmer. Muttchen war also schon wach. Hoffentlich hatte sie sich nicht verlassen gefühlt. Leise und schuldbewußt öffnete Evi die Tür.
Aber die Mutter lächelte ihr entgegen. Neben dem Tisch saß Frau Müller und trank ihren Kaffee.
„Kommen S' nur, Fräulein Evchen, die Frau Mutter ist jetzt wieder ganz beisammen! Sie hat bis vorhin geschlafen, und wie ich sie sich regen gehört habe, bin ich gleich aus der Küche herein. Und nun habe ich ihr den Kaffee gebracht und meinen gleich auch mit hereingenommenen, damit Frau Tanner nicht so einsam ist."
„Ach, Muttchen, was sagtest du nun, daß ich nicht da war?"
„Ich habe mich gefreut, Evi! Der Doktor hat ganz recht. Du mußt nun jeden Tag, solange das schöne Wetter dauert, am Nachmittag spazierengehen, und recht lange. — Nein, wie rosige Wangen du heute hast! Das bin ich an meinem blassen Liebling gar nicht gewöhnt/'
„Ich fag's eh immer, das Fräulein Evi sitzt zu viel zu Hause mit uns beiden Alten. Sie muh an die Luft und möglichst viel tn fröhliche junge Gesellschaft. — Sie sollte sich einen Verehrer anschaffen, das Fräulein Evi."
Evi lachte sonst immer nur, wenn Frau Müller mit ihren gutgemeinten Ratschlägen kam; aber diesmal machte sie sich hastig an der Kommode zu schaffen, damit die Mutter nicht sehen sollte, wie ihr die glühende Röte in di^ Wamsen stieg.
„Nun, wo bist du denn gewesen?"
Evi hatte noch niemals ihr Mütterchen belogen. Und sie war gestern geradezu nach Hause gestürmt, um ihr das Erlebnis mit der neuen Freundin, die ihr so wunderbar ähnlich sah, zu erzählen. Aber jetzt brachte sie plötzlich kein Wort über die Lippen.
„Ich kann doch jetzt nicht anfangen, Muttchen, alles der Reihe nach zu erzählen; es ist ja fo viel, und ich muß doch bald wieder fort!", so brachte sie ihr Gewissen zum Schweigen, und war froh, daß die Mutter die Beantwortung ihrer Frage nicht abwartete, sondern sich Frau Müller zuwandte, die immer froh war, wenn sie Zuhörer für das fand, was sie auf dem Herzen hatte.
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„Heute haben Sie recht brav gesungen, Fräulein Tanner!" sagte der Direktor des Etablissements, als Evi beim Ausgang mit ihm zusammentraf. „Da war schon ein bißchen Tempo drin. Nehmen Sie sich doch mal ordentlich zusammen. Das wäre doch gelacht, wenn so ein hübsches junges Ding wie Sie sich unseren Besuchern nicht ins Herz fingen könnte."
,Hch werde mir Mühe geben, Herr Direktor!"
„Ja, während sie dem Autobus zueilte, fühlte Evi selbst, daß sie heute viel besser gesungen hatte. Auch ihr Klavierbegleiter hatte ihr zugenickt, und die Leute hatten an Beifall nicht gespart. Wie gut das war, wenn sie nicht jeden Abend zittern mußte, ob man sie behielt.
„Zu jedem kommt einmal das Glück!" summte sie vor sich hin; aber plötzlich stockte ihr Fuß. Ja, sie war heute glücklich — aber wie lange konnte das anhalten? Vielleicht kam Herr von Gerling schon morgen nicht mehr, wenn er von Monika von Jnnemann erfuhr, daß sie am Abend in einem Kabarett fang. Und dabei fühlte Evi — auch wenn er morgen nicht kam, auch wenn er niemals mehr kam —, sie würde ihn ihr ganzes Leben nie mehr vergessen können. —
Aber er kam. Sie eilten einander entgegen, drückten sich die Hände wie zwei gute Freunde und schlugen dann den Weg in den Park ein.
Sie sprachen wenig. Sie waren beide in Gedanken, denn jeder von ihnen hatte in der Nacht wach gelegen und beschlossen, dem anderen die Wahrheit zu sagen. Und besonders Gerling war fest entschlossen, bei der ersten Gelegenheit einfließen zu lassen, daß er nicht mehr frei war. Er durfte mit so einem zarten, feinbesaiteten Wesen wie Evi von Tanner nicht spielen.
Aber sie sprachen nicht, als sie in den Schatten der Bäume kamen. Und plötzlich fühlte Evi seine Hand nahe der ihren, und sie ließ mit einem süßen Erschauern ihre kleine Hand in die seine gleiten, und so gingen sie stumm nebeneinander her, bis sie zu einer Bank kamen, und dort setzten sie sich nieder. Evis Kopf glitt an Gerlings Schulter, und da vergaß er alle feine Vorsätze. Er beugte sich nieder und küßte ganz zart und behutsam die reine Mädchenstirn Evis.
Dann aber zuckte er zusammen.
„Evi — Fräulein von Tanner! Ich muß Ihnen etwas sagen...!"
Doch Evi schüttelte den Kopf.
„Bitte, bitte, nichts sagen, Herr von Gerling! Es — es ist fo schön heute..."
Erst als sie wieder in eine belebte Straße ein- bogen, besann sich Gerling, daß er ja einen Auftrag an Evi hatte.
„Fräulein von Jnnemann läßt Sie bestens grüßen. Ich habe ihr gesagt, daß ich Sie sehen werde..."
„Sie haben ihr das gesagt..." Eine leise Enttäuschung glitt wie eine erkältende Welle über Evis Freude.
Er fühlte es wohl; aber gerade deswegen durfte er ihr nicht sagen, daß er es absichtlich Monika erzählt hatte, um seine innere Stimme 3um Schweigen zu bringen. Er verschwieg ihr auch, daß er sich Monika gegenüber einen Vorwand ausgedacht hatte, indem er ihr sagte, daß Fräulein von Tanner ihre Handschuhe in feinem Wagen vergessen hatte und er sie ihr zurückbringen wollte
„Monika von Jnnemann ist mir eine sehr aurt Freundin. Ich erzähle ihr alles", sagte er fest.
„Ja, sie ist sehr, sehr lieb!" sagte Evi leise und tonlos.
(Fortsetzung folgt!)


