Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, U.Zuli 1935
Nr. (59 Zweites Blatt
Aus der Provinzialhaupisiadi.
„Adieu - leben sie insgesamt wohl!"
Mit diesem Gruß verabschiedeten sich einst die Handwerksgesellen von ihren Herbergsleuten. Nun kehrt das Gesellenwandern wieder und damit bestimmt manches von den althergebrachten Bräuchen.
Noch vor hundert Jahren gab es ein Wandergesellenleben in Deutschland. Doch das war nur ein schwacher Abklatsch der echten Wanderburschenzeit des 18. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit ist uns ein Stück erhalten in dem sög. Dittesischem Gesellenbuch von 1783. Es wird im Stadtarchiv zu Frankfurt aufbewahrt. In ihn ist manch erbaulicher Vers von durchreisenden Seifensiedergesellen eingetragen. Beim Meister Dittes oder bei einem anderen Meister bezogen sie ein ehrliches Nachtlager. Dreie von ihnen haben das Buch „aufgerichtet". Sie begrüßen ihre Kollegen „Willkommen Ehrlich und Fromme Brüder!" und geben ihnen Anweisungen für ihr Wohlverhalten. Jeder ehrliche Gesell, der gewöhnlichem Handwerksbrauch nach in die löbliche Stadt eingewandert ist und bei einem Herrn Meister ein ehrliches Nachtlager erhalten hat, dankt für alle Ehr und Höflichkeit, die ihm vom Meister und den lieben ©einigen erzeigt worden sind. Eine ganze Reihe von ihnen sind unter die Dichter gegangen und tragen einen Vers ein, den sie selber dichteten oder den sie niederschreibend veränderten. Alle Stimmungen, das Auf und Ab des Gesellenlebens, geben die Verse wieder, von denen wir hier einige Proben bringen.
„Des Morgens denk an deinen Gott, Des Mittags iß vergnügt dein Brot, Des Abends denk an deinen Tod, Des Nachts verschlafe deine Noth." „Soll das Herz in Ruhe stehen, Muß man nicht nach Jungfern sehen. Denn man wirt daturch verliebt. Das mehr Schmertz als Lapsal giebt." „Dem Himmel schänk ich mein Gemüte, Den zarten, jungen Leib der Welt. Des Tags denk ich an Gottes Güthe, Des Nachts an das, was mir gefält. So kann ich ja mit gutem Schein, Halb Geistlich und halb Weltlich seyn." „RäumtAmoruns einHerzzumSchilderhäuschen ein, So will man Tag und Nacht nicht abgelöset seyn."
Oberst a D. Naumann 86 Jahre alt.
Arn kommenden Samstag, 13. Juli, begeht Oberst a. D. Naumann, hier, Keplerstraße 7, seinen 86. Geburtstag. Eingetreten 18ß9 in das damalige 2. Hessische Jnf.-Ngt. Großherzog (weißes) ist Oberst Naumann einer der letzten Mitkämpfer von 1870/71. Als Fähnrich wurde er bei der Erstürmung der Ferme Champenois in der Schlacht bei Gravelotte- St. Privat am 18. August 1870 schwer verwundet. Das große Schlachtenbild, das als Kaiserpreis für die besten Schießleistungen der Leib-Komp, des Jnf.- Rgts. Kaiser Wilhelm Nr. 116 von Röchling gemalt wurde und zu den Traditionsstücken des Regiments im Offiziersheim gehört, hält diesen Moment fest. Vor der Gartenmauer der brennenden Ferme steht in der Schützenlinie — damals war es Ehrensache für den Offizier, zu stehen und keine Deckung zu suchen — der Fähnrich Naumann, den schwer zerschossenen rechten Arm mit dem linken haltend. In der Mitte des Gemäldes sieht man den Bataillons-Kommandeur, Major G r a e f f, zu Tode getroffen, vom Pferde finken, und im Hintergrund seitwärts die schwer bedrängte holsteinische Feldartillerie im Feuer. Interessant ist noch, daß, soweit es möglich war, die Gesichter der stürmenden hessischen, Infanterie nach Photographien gemalt worden sind, so z. B. ein Weller aus Wieseck und ein Bramm aus Lauterbach.
Herrn Oberst Naumann, der in vollster geistiger Frische seinen 86. Geburtstag erlebt und dessen größte Freude die gewaltige, kühne Tat des Füh
rers und Reichskanzlers, die Wiederherstellung der Wehrfreiheit Deutschlands gewesen ist, wünschen nicht nur seine alten Regimentskameraden, sondern auch alle seine zahlreichen Freunde und Bekannten das Beste zum Geburtstage. Möge er noch lange als Vorbild eines echt deutschen Mannes und alten Soldaten unter uns weilen.
(Siebener Sowaten als erfolgreiche Kraftfahrer.
An der 6. Polizeisternfahrt „77 Stunden durch Deutschland", mit dem Ziele Frankfurt a. M., zu der 1002 Fahrzeuge gemeldet hatten, beteiligten sich auch Angehörige des Jnf.-Regts. Gießen. Die Veranstaltung zeitigte das erfreuliche Ergebnis, daß über 900 Kraftwagen das Ziel erreichten, was mehr als 90 v. H. entspricht. Es ist dies um so höher zu bewerten, da es sich bei dieser Fahrt um eine außerordentlich schwere Prüfung handelte, die an Fahrer und Maschine große Anforderungen stellte. Den Fahrern standen für ihre Aufgabe maximal 77 Stunden zur Verfügung. Gewertet wurden nur die Luftkilometer zwischen den einzelnen Kontrollorten, die zugleich Scheitelpunkt der Strecke waren, die zwar frei gewählt werden konnten, zwischen denen aber eine Entfernung von mindestens 100 Kilometern liegen mußte. Von den Teilnehmern der Wehrmacht in unserer Garnison erhielten in der E i n z e l w e r - tung für Kraftwagen Oberleutnant Sator bei 2826 Luftkilometern den 6. Preis, Unteroffizier Leiter bei 2507 Luftkilometern den 8. Preis.
In der Mannschaftsbewertung für Kraftwagen erhielt die Mannschaft Unteroffizier Rössel, Gesr. D i n g e l d e i n und Gefr. Rupp bei 1048 Luftkilometern den 4. Preis. Diese Leistungen sind um so höher zu bewerten, da im Gegensatz zur 2000-Kilometerfahrt die Strecken nicht abgesperrt waren.
Heichswettkampf der SA. im Bereiche des Pi -Sturmbann 1V/116.
Die Standarte 116 gibt bekannt:
Am Samstag, 13. Juli, 15 Uhr, findet unter Leitung des Führers des Sturmbann IV/116, Obersturmführer Höbet, für die Stürme 15/116 und 16/116 in Gießen auf dem Schützenhaus das Kleinkaliberschießen statt.
Am Sonntag, 14. Juli, werden ab 5 Uhr auf dem VfB.-Sportplatz (Waldfportplatz) die Prüfungen der
Leibesübungen 100-Meter-Laus Weitsprung Kugelstoßen Keulenweitwurf 3000-Meter-Lauf
ebenfalls für die Stürme 15/116 und 16/116 abgenommen.
Da sich auch in diesem Sturmbann sportlich gut durchgebildete SA.-Männer befinden, die an -dem sportlichen Kampfe teilnehmen, so wird mit sehr guten Leistungen gerechnet. Alle deutsche Volksgenossen und Sportfreunde können unentgeltlich diesem stolzen Wettkampf unserer SA. beiwohnen.
,/Sofort ms Braue" derBeleAschastdesInsiitutsfürpflanzen- bau- und pftamen ücktung.
Am Sonntag unternahm die Betriebsgemeinschaft des Instituts für'Pflanzenbau und Pflanzenzüch- tung der Landesunioerfität Gießen eine „Fahrt ins Blaue". Das gesamte weibliche und männliche Betriebspersonal mit ihren Angehörigen nahm daran teil, denen sich Damen und Herren der Hauptstelle für Pflanzenschutz und der agrarmeteorologischen Forschungsstelle anschlossen. Die Biebertalbahn führte die nichtsahnenden Wandergenosfen, über 50 an der Zahl, am Morgen nach Rodheim. Nach schö-
Der „Kaiserdom" von Königslutter.
Zur Feier des achthundertjährigen Bestehens
Von Ernst v. Niebe'schük
So nennen die Königslutterer ihre Kirche, deren 800-Jahrfeier sie im Juli begehen. Der Name ist nicht ganz korrekt. Denn ein Dom, d. h. eine bischöfliche Kathedrale, ist sie nie gewesen, vielmehr eine Klosterkirche, freilich von so stattlichen Ausmaßen, daß sich kein wirklicher Dom ihrer zu schämen brauchte. Mit dem Kaiser aber hat es seine Richtigkeit. Am 3. Dezember 1137 starb Kaiser Lothar H. aus dem Hause Supplinburg bei der Rückkehr von seinem Römerzuge, wo er sich des Heiligen Reiches Krone geholt hatte, in einer Alpenhütte in der Nähe von Füssen. Ende des Monats traf die kaiserliche Leiche in Königslutter ein. Am Siloestertage wurde der tote Herrscher in der Stiftskirche' zu Königslutter feierlich beigesetzt. Später fanden auch die Kaiserin Richenza und beider Schwiegersohn, Heinrich der Stolze, Herzog von Bayern und Sachsen, an der Seite Lothars ihre letzte Ruhestatt.
Das ursprüngliche, aus Elbsandstein gefertigte Grabmal wurde bei einem Gewölbeeinsturz zerstört. An feine Stelle ist damals das barocke Marmordenkmal getreten, das auf der Deckplatte die lebensgroßen Gestalten der drei fürstlichen Toten mit Krone, Hermelinmantel und Insignien ihrer Würde Zeigt.
Nur die Bleitafel, die neben der Leiche des Kaisers gefunden wurde und die in lateinischer Sprache den Herrscher als einen unerschrockenen Krieger rühmt, wird heute noch im Braunschweiger Museum aufbewahrt. Im übrigen enthält die Gruft nur Moder und Staub.
Wie aber kommen Lothar und die Seinen gerade hierher? Supplinburg, der Stammsitz seines Hauses, liegt nicht weit von Königslutter, und die Aufmerksamkeit des frommen . Kaisers mag schon früh auf das Kloster in Elm gefallen sein, das sich durch seine abgeschiedene, stille Lage für den großen Schlummer empfahl. Zudem bot sich eine gute Gelegenheit, es an sich zu bringen, da die Augustinernonnen, die vordem hier hausten, einen für Himmelsbräute nicht gan$ passenden Lebenswandel führten und reif zu einer Strafversetzung waren. Lothar verpflanzte also die lockere Weiblichkeit nach Drübeck, siedelte in dem gesäuberten Kloster würdige Benediktinermönche an und legte 1135 den Grundstein zur neuen, noch heute bestehenden Kirche.
Einem gütigen Geschick ist es zu danken, daß uns der edle romanische Bau des 12. Jahrhunderts in verhältnismäßig gutem Zustand erhalten geblieben
ist. Ueberwältigend groß ist der Eindruck, wenn man von Norden her, durch das Löwenportal, das von sanfter Helligkeit erfüllte Langschiff betritt und der gewölbte Chor mit dem breit vorgelagerten Querhaus gleich dem Heiligtume des Grals vor uns steht. Selten nur offenbart sich uns das Wesen des Romanischen so deutlich wie in dieser niedersächsischen Klosterkirche, vor deren Ernst die Anmut gotischer Flächenauflösung fast wie ein Spiel mit der gottgewollten Schwere und Unbrechbarkeit des Werkstoffs erscheint. Diese gigantenhaft hingewucherten Pfeiler, die uns die Luftschicht zwischen ihnen kaum empfinden lassen, vielmehr den Eindruck Hervorrufen, als bildeten sie eine festgeschlofsene Mauerphalanx! Wäre die gewölbte Barockdecke nicht, — sie hat nach dem Brande von 1699 die alte Holzdecke verdrängt — die Vorstellung, von einem allseitig klar begrenzten Raumkubus umfangen zu fein, wäre noch größer. Und dann die herrliche Weite und plastische Gefülltheit der gewölbten Ostpartie! Sie fällt zeitlich in die Periode der größten äußeren Machtentfaltung des deutsch- römischen Kaisertums, und wirklich, man glaubt, aus dem erhabenen Rhythmus dieser kühn gespannten Arkaden und Wölbungen so etwas wie eine „Eroica" in Stein herauszuhören: ernste und feierliche Töne, doch geschwellt vom Lebensdrang eines Heldengeschlechts, das gewohnt war, die Hand nach allen Kronen der Erde auszustrecken und doch demütig genug, das Errungene von dem weltbeherr- schenden Christuskönig zu Lehen zu nehmen.
Wer war der Schöpfer dieser Raumsymphonie? Wir wissen es nicht, oerehrungswürdig bleibt er uns, auch im Schatten der Namenlosigkeit. Aber da ist noch ein Gehilfe des entwerfenden Meisters, der Verfertiger des plastischen Beiwerks an den Kapitellen und Säulenschäften und außen am Chorrund und am Portal. Der tritt uns in schärferen Konturen entgegen, und es hätte nicht viel gefehlt, daß wir sogar seinen Namen wüßten. An der äußeren Wand der reich skulpierten großen Altarnische findet sich nämlich eine lateinische Inschrift, die, von rechts nach links gelesen, in hochtönenden Worten „dieses vortreffliche, von buntgestaltetem Bildwerk gezierte Werk" rühmt, an der Schwelle aber, wo logischerweise der Meistername stehen müßte, plötzlich abbricht. Man hat nun die einleuchtende Vermutung ausgesprochen, der Bildhauer habe sich hier namentlich verewigen wollen, sei aber von den Mönchen in letzter Stunde daran verhindert worden. Die Kunstwissenschaft hat also eine harte Nuß zu knacken, denn die Frage „wer war es?" läßt sie nicht mehr los und macht den Schöpfer des „Königslutterer Stils" zu einer doppelt interessanten Persönlichkeit. Das Löwenmotio am Portal und
ner Waldwanderung durch das malerische Schwal- bachtal, an der dicken Eiche vorbei, erreichte man gegen mittag den Altenberg. Hier hatten bereits in den Plan eingeweihte Helfer alle Vorbereitungen zum Abkochen und Essenempfang getroffen und das improvisierte Tischlein-deck-dich löste allgemeine freudige Ueberraschung aus. Besonders das Sieden der obligaten Würstchen über der Feuerstelle beschäftigte die Gemüter stark. Und als noch anschließend Zlepfclroein gereicht wurde, herrschte bald richtige Lagerstimmung. Nach kurzer Ansprache des Institutsleiters, in der die tiefere Bedeutung dieses gemeinschaftlichen Ausflugs Würdigung fand, ging es in frohester Stimmung und mit Gesang durch das Blasbachtal auf den Weg zur Endstation nach Hermannstein. Kaffeetisch und Abendessen sorgten für das leibliche Wohl der Teilnehmer. Nach Spiel und Tanz mußte — für viele nur zu bald — an den Aufbruch nach Wetzlar gedacht werden, von wo aus der Zug die Ausflügler wieder nach Gießen brachte. Der mit allgemeiner Begeisterung aufgenommene und in vollster Harmonie verlaufene Ausflug hat die echt kameradschaftlichen Beziehungen der Betriebsangehörigen untereinander noch weiter vertieft und gezeigt, daß nach gemeinsamer Arbeit fröhliches Zusammensein unter dem Motto „Kraft durch Freude" den geeigneten Weg darstellt, echte und wahre Volksgemeinschaft anzustreben. Der lebhafte Wunsch aller Teilnehmer nach baldiger Wiederholung einer ähnlichen Veranstaltung zeugt wohl am besten von dem vollen Erfolg dieser ersten gemeinsamen „Fahrt ins Blaue", die auch von herrlichstem Wetter begünstigt war.
ftrlauvszüge
der 7!EG. „Kraft durch Freude" gesperrt.
Welche Anerkennung das Amt „Reisen—Wandern —Urlaub" in der NSG. „Kraft durch Freude" gefunden hat, läßt sich wohl am besten an den Beteiligungsziffern der Fahrten, gleich ob Ausflugsoder Urlaubsfahrten, erkennen. Trotz des langanhaltenden schlechten Wetters in den Frühjahrsmonaten ist die Beteiligungszahl der Vorjahre bis zum 1. Juli d. I. überschritten. Rund 25000 Arbeit s k a m e r a ö e n benutzten d i e Gelegenheit, ihren Urlaub mit der NSG. „Kraft durch Freude" zu verbringen. Auf Grund der vorliegenden Anmeldungen mußten auch für die nächsten Wochen wieder verschiedene Urlaubszüge für die weitere Anmeldung gesperrt werden, und zwar: Allgäu 19. bis 26. Juli, Nordsee 29. Juli bis 6. August, Büsum 2. bis 9. August, Schwarzwald 10. bis 16. August, Nordsee 14. bis 22. August, Bodensee 16. bis 23. August und Allgäu 22. bis 30. August. Ausfallen müssen leider die Ur- laubszüge 30 Glatzer Bergland und 44 Danzig. Für das Jahresprogramm 1936 sind sie jedoch vorgesehen, da diese beiden Züge unter allen Umständen zur Durchführung gelangen.
Offen für die Anmeldung sind folgende Fahrten: 20 bis 27. Juli Lübecker Bucht, 27. Juli bis 2. August Waldeck, 27. Juli bis 2. August Schwäb. Alb, 3. bis 9. August Thüringen, 15. bis 23. August Bayerischer Wald und 24. August bis 1. September Kieler Bucht, sowie die weiter ausgeschriebenen Züge des Monats- und Jahresprogramms. Soweit durch Ausfall infolge Erkankung Einzelplätze bei den Fahrten noch zur Verfügung stehen, werden diese noch bekanntgegeben.
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Urlaubsjug IX/27 nach Kieler Bucht.
Fahrplan: Der Zug geht am 12. Juli ab Gießen 21.41 Uhr: 13. Juli an Kiel 10.13, 19. Juli ab Kiel 8.00, 19. Juli an Altona 9.50, 19. Juli ab Altona 21.53, 20. Juli an Gießen 7.55 Uhr.
Urlaubszug IX/28 nach Jlorbfee/Jlorroegen.
Fahrplan: Der Zug geht am 13. Juli an Gießen 22.49 Uhr, 13. Juli ab Gießen 22.55, 14. Juli
noch manches andere läßt auf italienische Herkunft oder doch auf Schulung in einer lombardischen Werkstatt schließen.
Verweilen wir noch bei der Außendekoration der Hauptapsis mit den seltsamen figürlichen Darstellungen! Augenscheinlich handelt es sich um Szenen aus der Tiersage: Zwei Hornbläser, ein Mann, der einen Hasen als Beute davonträgt, ein anderer, der gefesselt am Boden liegt und anscheinend von zwei Hasen befreit wird. Daß hier Profanes und Religiöses durcheinander spielen, scheint sicher zu sein, wenn eine befriedigende Deutung bisher auch noch nicht gefunden worden ist.
Einen besonders imposanten Eindruck erhält man vom Hofe der Landesirrenanstalt aus, die den Raum des ehemaligen Klosters einnimmt. Eine wundervolle Linde, die wirklich aus der Gründungszeit der Kirche stammen könnte, ladet zu stiller Betrachtung über die Unbeständigkeit des Schicksals ein. Nur die Abgeschiedenheit von der Welt ist geblieben und die tiefe Melancholie, die der Besucher dieser trauervollen Stätte in sich aufsteigen fühlt. Furchtbarer Gedanke, das Geheimnis solcher Mauern ergründen zu wollen! Weit lieber wendet man sich dem sorgfältig gepflegten Kreuzgang zu, dessen breite Bresche — denn nur ein Teil davon steht noch aufrecht — den Blick auf die majestätisch hingelagerte Klosterkirche freigibt. Der eine Flügel ist zu einer zweischiffigen Halle ausgebaut, die mit ihren mannigfach gebildeten Säulen und Kapitellen eine Art Musterkatalog spätromantischer Zierkunst darstellt und uns abermals mit dem rätselhaften „Königslutterer Meister" zusammenbringt. Möglich, daß eine der beiden männlichen Hockfiguren, die das Gewölbe tragen, seine Züge festhält. Das macht uns freilich nicht klüger als zuvor.
Zeltschriften.
— „Oer Naturforscher" vereint mit „Natur und Technik". Preis vierteljährlich 2,50 Mark, einzeln 1 Mark. Hugo Bermühler Verlag, Berlin- Lichterfelde. — Das Juliheft der hervorragenden naturkundlichen Zeitschrift, die gemeinschaftlich mit Dr. Rein von dem Vorkämpfer und Führer der deutschen Naturschutzbewegung Prof. Dr. Walther Schoenichen geleitet wird, bringt u. a. in einem Aufsatz „Eine Riesenkläranlage als Massensammelplatz von Wasservögeln" erstaunliche Feststellungen. Die Technik, die so oft — und wohl auch mit Recht — als Naturschänderin angesehen werden muß, erbringt hier den Beweis, daß sie nicht nur Verödung, sondern auch neues unerhört vielfältiges Leben mit sich zu bringen vermag. Der Zoologe Dr. Walter Wüst schildert eine Dogelfreistätte in
an Hamburg 8.19, 20. Juli ab Hamburg 19.53, 21. Juli an Gießen 5.48 Uhr.
Rheinfahrt am 14. Juli.
Anmeldungen zu dieser Fahrt werden nicht mehr angenommen, da die Höchstteilnehmerzahl erreicht ist. Die schon bezahlten Karten können ab Donnerstag, 11. Juli, auf der Geschäftsstelle, Schanzen- ftraße 18, Zimmer 8, während der Dienststunden von 11 bis 13 Uhr und von 16 bis 18 Uhr in Empfang genommen werden.
Der Zug geht am 14. Juli ab Gießen 8.15 Uhr, ab Dutenhofen 8.21, ab Wetzlar 8.35, an Nieder- Lahnstein 10.17, ab Nieder-Lahnstein 18.43, ab Wetzlar 20.20, ab Dutenhofen 20.32, an Gießen 20.41 Uhr. Die Teilnehmer aus dem Kreis Gießen erhalten auf Grund ihrer Fahrkarte für die An» und Abfahrt nach Gießen 75 v. H. Ermäßigung.
Schumann-Theater am 11. Juli 1935.
Zu dem großen Varietä-Gaftfpiel des Schumann- Theaters sind noch Karten bei den Vorverkaufsstellen und an der Abendkasse zu haben. Keiner versäume diese Gelegenheit, wirklich gute Variete-Kunst für billiges Geld zu sehen.
Verlegung von Sporlkurfeu!
Während der Schulferien müssen folgende KdF.« Sportkurse in die Turnhalle der Schillerschule verlegt werden:
Donnerstags von 20 bis 21 Uhr Fröhl. Gymnastik und Spiele, nur für Frauen: Donnerstags von 21 bis 22 Uhr Fröhl. Gymnastik und Spiele, nur für Frauen: Freitags von 20 bis 21.15 Uhr Allgemeine Körperschule, für Frauen und Männer gemeinsam.
Einen Abend bei Bellachini.
Gegenwärtig gibt der Zaubermeister Bellachini in unserer Stadt ein Gastspiel. In den bisherigen Vorstellungen sand er viele Zuschauer, die es sich trotz des warmen sommerlichen Wetters nicht nehmen ließen, in das Cafe Lsib zu gehen, um sich für einige Stunden vom Zauberkünstler überraschen zu lassen.
Auch wer derartige Kunststücke schon vielfach gesehen hat, läßt sich immer wieder willig gefangen nehmen von dem sonderbaren Reiz solcher Abende „im Reiche der scheinbaren Zauberei", wie es Franz Schweizer selbst gesteht. „Im Reiche der Wunder" steht effektvoll auf dem Bühnenoorhang zu lesen, und es ist schon so, daß der Besucher aus dem Sich-wundern und aus der Ueberraschung nicht herauskommt. Bellachini zaubert weiße Bälle aus der Luft und bringt sie ebenso unsichtbar zum Verschwinden, wie er eine Flasche und ein Glas vor den aufmerksamen Blicken des Publikums wandern läßt. Seine Kunst des Geldfanges, das er aus der Luft, der Nase und wo es auch fei herbeiholt, darf unter seiner Anleitung auch das Publikum üben, und manch einer ist erstaunt über seine eigene Fertigkeit, die ihm bisher nicht zum Bewußtsein kam.
In seiner Hexenküche zaubert er aus Sägespänen ein Meerschweinchen, fabriziert aus Papier Kaffee und Milch und holt aus einer großen Laterne ein Dutzend Enten hervor, die schnatternd die Bühne bevölkern.
Geschicklichkeit ist keine Hexerei und ob nun Grammophone verschwinden, Schirm und Tücher zwischen ihren Besitzern wandern oder ein kleiner Wunderkasten ein ganzes Warenlager hergibt, immer ist es fabelhafte Fingerspielerei, die so schnell vor sich geht, daß das Auge sie nicht wahrnehmen kann.
Im zweiten Tell des Abends benennt die rätselhafte Hellseherin Zitha jeden Gegenstand, der dem Meister im Saal gereicht wird, sagt treffend Geburtsdaten, vielstellige Losnummern, Seite und Monat der aufgeschlagenen Taschenkalender und anderes mehr mit verblüffender Sicherheit. Der Künstler bringt gefüllte Wasserschalm aus dem Frack hervor, schließt eine Dame in den orientalischen Koffer ein, aus dem dann ein Mann heraus- T jj RASIERCREME
C 11A macht.das Rasieren zum Genuß.
Große, langreichende Tube 50 Pf.
der Nähe von München, die der Mensch unbeabsichtigt geschaffen hat, und belegt seinen Bericht mit zahlreichen überraschenden Aufnahmen. Dr. Joachim Hämmerling bespricht neue Versuche über die Wirkungsweise des Zellkerns. Dr. Elise Hofmann-Wien gibt an Hand von vorzüglichen Mikroaufnahmen einen eindrucksvollen Ueberblirf, wie sich der Bau der Pflanze im Laufe der Jahrtausende zu der heutigen Feinheit und Verschiedenheit von den einfachsten Algen bis zu den höchsten Blütenpflanzen entwickelt hat. Der Alpinist Dr. Wilhelm Erpelt hat mit dem Auge des Physikers Beobachtungen über die Physik der Gletscher gemacht und sie in schönen und eindrucksvollen Bildern aus der Alpenwelt mit der Kamera festgehalten. — Dr. Gerhard Schoop berichtet über Spaltpilze, die merkwürdigerweise im'Salz der Konserven leben können, wie seine hygienisch wichtigen Forschungen bewiesen haben. Zu der Frage, warum unsere Schwalben immer mehr zurückgehen und welche Maßnahmen dagegen ergriffen werden können, äußern sich eine Reihe von Fachmännern in dem Aufsatz von Dr. Finus „Weitere Gründe für den Rückgang unserer Schwalben". Der Thüringer Geologe Rudolf Hundt bringt einen bebilderten Aufsatz über den Thüringer Marmor, der seiner Zeichnung wegen in der ganzen Welt verwendet wird. Zahlreiche Beiträge und Forschungsergebnisse aus allen naturwissenschaftlichen Gebieten, Anregungen zur Naturbeobachtung, die Bücherschau und die beliebte Preisfrage schließen das Juliheft.
— Im Juli-Heft der Zeitschrift „Volk und Nasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München; Einzelpreis 70 Pf.) liefert B. Schultze-Naumburg ein lehrreiches Beispiel für Vererbung von Charaktereigenschaften mit einer eingehenden Untersuchung der „Familie Bauer", in der er an Hand einer übersichtlichen Tabelle an sechs Kindern die Vererbung seelischer Eigenschaften von Eltern und Großeltern her nachweist. — Dr. med. H. W. Kranz, Gießen, bringt wichtige Zahlen und Vergleiche über die „augenblickliche Fruchtbarkeit bei den bäuerlichen Familien Hessens". — Einen sehr wichtigen Beitrag steuert Dr. B. Rosenkranz über das Thema „Sprache, Rasse und Volkstum in Alteuropa" bei, in der er für vier europäische Nassen den Zusammenhang mit einem großen Sprachstamme nachweist und die Verbindung mit großen alten Kulturen andeutet. — Die Frage, ob es bestimmte „lebensschwächende geschlechtsgebundene Erbfaktoren beim Menschen" gibt, erörtert Erich Thieme, indem er an einer bis 1667 zurückzuführenden Geschlechterfolge das fast völlige Fehlen weiblicher Nachkommen zu erklären versucht.


