nügen. Der Reder trank zum Schluß auf das Wachsen, Blühen und Gedeihen der Landsmannschaft, deren erster Chargierter in diesem Sinne echte Erziehungsarbeit gelobte.
Weitere Glückwünsche und Grüße überbrachten dann der Vertreter des Offizierskorps und Unteroffizierkorps des Jnf.-Regiments Gießen, der der Hoffnung Ausdruck gab, daß die allgemeine Wehrpflicht dazu beitragen werde, das Band zwischen Bund und Wehrmacht noch enger zu knüpfen zum Wohle des Vaterlandes: ferner je ein Vertreter der befreundeten Korporationen Salia, Bonn (mit Ueberreichung eines Säbels), Chattia, Nor- mannia, Darmstadt, VDSt.: Professor Decker überbrachte die Glückwünsche der Vereinigung alter Landsmannschafter, sowie der AH.-Verbände der Darmstadtia und Chattia, und betonte in seiner Ansprache das Bekenntnis der älteren Generation zur heutigen Jugend, sowie den waffenstudentischen und landsmannschaftlichen Grundsatz „Einer für alle, alle für einen!" Herr Löb er gratulierte mit schwungvollen Worten im Namen der Bavaria und der Gießener Rudergesellschaft von 1877 und überreichte eine Hindenburg-Büste. Mit dem feierlichen Auszug der Chargen fand der offizielle Teil gegen Mitternacht sein Ende. Zum Schluß darf berichtet werden, daß die N S V. - S a m m l u n g während des Fest-Kommerses die beachtliche Summe von 234 Mark erbrachte.
Am Pfingstsonntag gedachte die Landsmannschaft Merovingia mit einer feierlichen
Totenehrung
in der Neuen Aula der Universität ihrer gefallenen und verstorbenen Bundesbrüder. Nach -einem feierlichen Schweigen, das stillem Gedenken gewidmet war, hielt AH. Studienrat Ernst Meyer (Neu- Strelitz) mit schlichten Worten, aber mit ergreifender innerer Leidenschaft die Gedächtnisrede. Er
sprach über das ewige Band, das die lebenden Me- rovinger mit ihren toten Kameraden verbindet, über die Treue der Toten und das Gelöbnis der Lebenden.
Don den 88 Bundesbrüdern, die sofort zu Kriegsbeginn oder in den folgenden Wochen zu den Fahnen eilten, fielen 19 für das Vaterland. Sie fochten heldenhaft, wie es einem Mann geziemt. Dort an der Front, wo alles Trennende, aller Unterschied des Standes und der Partei zurücktrat, besiegelten sie ihre Treue, die sie Band und Bund und Vaterland gelobt hatten, mit dem heldenhaften Mute deutscher Männer.
Er gedachte sodann all der anderen, die den Bund gebaut und unter Opfern emporgeführt hatten, und die der Rasen deckt. Treu, wie das Gesetz es befahl, sanken sie dahin, jeder ein guter Kamerad.
Dann erklang das Lied vom Kameraden, und bei gesenkter Fahne wurden die Namen der Toten ver- lesen. „Wir grüßen sie, denn wir sind nicht zusammengetreten, um sie zu vergessen, sondern um sie unter uns lebendig werden zu lassen. Darum richten wir den Blick von den Hügeln der Gräber auf die Aufgaben, die uns die Gegenwart zuwies und die Zukunft stellt, lieber die Toten des großen Krieges ging das Sterben derer hinaus, die um das Reich kämpften. Immer wieder treffen wir unter den Toten der Bewegung auf die Namen tapferer Kommilitonen, auf Albert Leo S ch l a g e t e r und Horst Wessel und so viele andere.
Aus der Trauer um die Toten erwächst uns das Bekenntnis zum Lebendigen!" Als Ausdruck dieser Treue zu dem Führer Deutschlands und als Abschluß der Feier stimmten die Alten Herren und Aktiven der Landsmannschaft und ihre Angehörigen begeistert in das vom Redner auf Reich, Volk und 'Führer ausgebrachte Sieg-Heil ein. Brausend erklangen die Hymnen des Dritten Reiches.
Damit fand die würdige Gedenkstunde ihren Abschluß.
Aus der provinzialhauptstadi.
prächtige Pfingsten.
Was Mitte voriger Woche mancher nur leis' zu hoffen gewagt hatte, mancher sogar ernstlich bezweifelte, ist vom Pfingstsamstag ab über die Feiertage bis zur Stunde der Niederschrift dieser Zeilen zur Tatsache geworden: wir hatten herrlichstes Pfingst- metter, wie wir es uns schöner wirklich nicht wünschen konnten. Es war eigentlich das erste rechte Sommerwetter, das uns in diesem Jahre beschieden war. Strahlender Sonnenschein tauchte die Landschaft in ein Meer von Licht und Glanz, dazu kam das frische Grün der Wiesen und Wälder, der blaue Spiegel des Wassers, kurzum es war eine Freude, dieses Pfingstfest draußen in Feld und Wald zu begehen. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen alles, was nur einigermaßen konnte, hinausströmte in Feld und Wald, oder auch auf Pfingstreisen ging. Daher war der Verkehr, insbesondere bei der Reichsbahn, ganz außerordentlich stark. Schon vom Freitag ab wurden die Züge mit voller Belastung gefahren, am Samstag mußten sogar zu den mit höchster Last gefahrenen planmäßigen Zügen noch Vor- und Nachzüge verkehren, die allesamt stark besetzt waren. Auch am gestrigen zweiten Feiertag waren zu den mit höchster Belastung gefahrenen planmäßigen Zügen wieder Vor- und Nachzüge erforderlich, zum Teil gilt das auch für den heutigen Tag. Daneben herrschte überall stärkster Auto-, Motorrad- und Radfahrerverkehr auf allen Landstraßen, hinzu kam der Großbetrieb der Ausflugswanderer — kurzum überall herrschte ein gewaltiger Drang ins Freie. Erfreulicherweise ist es bei diesem Massenbetrieb nur hie und da zu einigen kleineren Unfällen gekommen — über die wir nachstehend berichten — bei denen die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Gießen die erste Hilfe leistete. Im übrigen verliefen die Feiertage, insbesondere auch für die Polizei in vollkommener Ordnung und ohne jede Beeinträchtigung, namentlich auf auf der Bahn, so daß man heute mit Befriedigung auf diese schönen Pfingsttage zurückblicken kann. Dieses Gefühl werden insbesondere unsere Ausflugsgastwirte in reichem Maße haben. Ihnen ist es auch zu gönnen.
. Äerkehrsunfälle.
Am Pfingstsamstag kam in der Nähe von Mücke der Bankbeamte Hermann Lorenz aus Gießen infolge eines Schadens an feinem Motorrad mit der Maschine zum Sturz. Dabei erlitt der Mann Verletzungen im Gesicht, die aber zum Glück nicht allzu ernst sind. Er wurde zur Behandlung der Gießener Klinik zugeführt.
Der Kraftfahrer Karl Schweitzer aus Friedberg erlitt am Samstag ebenfalls einen Motorradunfall, der schwere Verletzungen am linken Arm zur Folge hatte. Der Verunglückte mußte hierher ins Krankenhaus gebracht werden.
Am Samstagnachmittag wurde in der Kaiserallee eine Frau von einem Motorradfahrer umgefahren. Dabei kam auch der Motorradler selbst zu Fall. Zum Glück trugen beide nur leichte Verletzungen davon, so daß der Unglücksfall noch verhältnismäßig glimpflich verlief.
Am zweiten Pfingftfeiertag wurden zwei junge Mädchen, eines aus Gießen, das andere aus Marburg, nach der Klinik verbracht, da beide mit ihren Fahrrädern gestürzt waren und dabei allerlei Verletzungen, die aber zum Glück nicht allzu schlimm sind, davongetragen hatten.
NSDAP., Giefien-Nord.
Bezahlung der hilfskassenbellräge der SA.-Männer im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Nord.
Am Donnerstag, 13., und Freitag, 14. Juni, in der Zeit von 20.30 bis 23 Uhr entrichten im Caf6 Leib, Walltorstraße alle Angehörige der SA., NSKK., Reiter-SA., Motor-SA. und Marine-SA., die im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Nord wohnen, ihren Hilfskassenbeitrag für das dritte Vierteljahr.
Wer an diesen beiden Abenden nicht bezahlt, läuft Gefahr, bei der Hilfskasfe in München abgemelbei zu werden.
Aus parteiamtlichenBekanntmachungen
In der Ortsgruppe Gieß en-Oft müssen alle Angehörigen der SA., NSKK., Reiter-SA., Motor- SA., Marine-SA. und SS., soweit sie nicht Partei
genossen sind und im Bereich der Ortsgruppe Gie- ßen-Ost wohnen, chren Hilfskassenbeitrag für das 3. Vierteljahr 1935 am Mittwoch, 12. Juni, und am Montag, 17. Juni, zwischen 20.30 und 22.30 Uhr, im Saale de» Restauration „Germania", Kaiserallee 141, entrichten. e
Deutsche Arbeitsfront.
Amt für Verufserziehung.
Achtung!
Beginn der Sommer-Lehrgänge.
Die ausgeschriebenen Lehrgänge beginnen in den nächsten Tagen. Vor Beginn der Lehrgänge finden Zusammenkünfte für sämtliche Interessenten statt, bei welcher Gelegenheit die Unterrichtstage und Anfangszeiten festgelegt werden. Die Zusammenkünfte finden wie folgt statt:
Mittwoch, 12. Juni, abends 8.15 Uhr: für die Teilnehmer in „Kaufm. Rechnen" und „Eng- Il^'itt ro o d), 12. Juni, abends 8.45 Uhr: für die Teilnehmer in „Deutsch".
Donnerstag, 13. Juni, abends 8.15 Uhr: für die Teilnehmer in „Kurzschrift" und „Maschinenschreiben".
Sämtliche Interessenten wollen zu diesen Zusammenkünften erscheinen. Diese finden statt im Hause des Amtes für Berufserziehung, Gießen, Lonyftraße 18. Anmeldungen können dort noch getätigt werden. Sommerarbeitspläne sind ebenfalls dort abzufordern und werden kostenlos abgegeben.
Sportamt „Kraft durch Freude".
Sporfroerbeoorfrag in Lollar.
Am kommenden Mittwoch, 12. 6., findet in Lollar, abends 8.15 Uhr, ein Vortrag über die Bestrebungen des Sportamts „Kraft durch Freude" statt. Alle Verbände und Vereine, sowie die Bevölkerung von Lollar sind hierzu eingeladen. Eintritt frei!
Sporlkurse in Heuchelheim und Grohen-Linden.
Auch in Heuchelheim und Großen-Linden will das Sportamt „Kraft durch Freude" in der nächsten Zeit Sportkurse einrichten. Interessenten erhalten Auskunft bei dem Sportamt Gießen, Schanzenstraße 18, oder bei dem zuständigen Orts- oder Betriebswart ,Kraft durch Freude".
Tennis!
Für die Tenniskurse werden noch Anmeldungen entgegengenommen. Die Kosten hierfür betragen für Anfänger 6 Sportmarken ä 0,80 RM. für DAF.-Mitglieder bzw. 6 Sportmarken ä 1,00 RM. für Nichtmitglieder. In dieser Gebühr sind mit einbegriffen: Lehrergebühr, Bälle, Schläger und Balljungengebühr. Für Fortgeschrittene werden Uebungsstunden ohne Lehrer eingerichtet. Die Kosten betragen 5 Sportmarken ä 0,40 RM. bzw. ä 0,60 RM. Anmeldungen schriftlich mit Angabe der gewünschten Uebungszeiten an das Sportamt.
Boxen.
Der Führer und Reichskanzler hat den hohen kämpferischen, erzieherischen und körperbildenden Wert des Boxens in seinem Buch „Mein Kampf" geschildert. Diese typisch männliche Sportart will das Sportamt „KdK." auch in Gießen pflegen und fördern. Es werden bei genügender Beteiligung Boxkurse eingerichtet. Auch für Gruppen aus Betrieben und Vereinen können Boxstunden aufgestellt werden. Schriftliche Anmeldungen hierzu nimmt das Sportamt entgegen. Die Kosten belaufen sich auf 6 Sportmarken ä 0,40 RM. für DAF.-Mit- glieder bzw. 6 Sportmarken ä 0,60 RM. für Nichtmitglieder.
Sporkkurse in Gießen.
Dienstag.
Fröhlicher Sport- und Spielbetrieb von 19—21 Uhr auf dem Universitätssportplatz am Kugelberg. Reiten von 21—22 Uhr Reitschule Schörnbs, Brandplatz.
Mittwoch.
Schwimmen von 20—21 und 21—22 Uhr im Volksbad. Reiten von 20—21 Uhr, Reitschule Schörnbs.
Donnerstag.
Von 20—21 und 21—22 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele nur für Frauen, Lyzeum, Dammstraße.
Freitag.
Allgem. Körperschule von 20—21.15 Uhr für Frauen und Männer, Lyzeum, Dammstraße.
Samstag.
Leichtathletik und Vorbereitung zum Reichssportabzeichen von 17—19 Uhr auf dem Universitätssportplatz am Kugelberg.
In allen Stadtteilen und an jedem Abend können Kurse aller Art eingerichtet werden, wenn sich einige Teilnehmer zusammenschließen.
Deutsches Zugendfest 1935.
Aufgaben der Ortsausschüsse.
Die Ortsausschüsse für das Deutsche Jugendfest am 22. und 23. Juni sind nun an den bekannt- gegebenen Orten zusammengerufen. Ihre wichtigsten Aufgaben sind folgende:
1. Leiter des Ausschusses ist ein Vertreter der betr. Gemeinde. Don ihm sind zu bestellen: a) die Siegernadeln. Um die Anzahl der zu bestellenden Nadeln angeben zu können, muß die Zahl der Wettkämpfer und Wettkämpferinnen bekannt sei. Man rechnet, daß ungefähr ein Drittel aller Teilnehmer Sieger werden. In dieser Höhe erfolgt auch die Bestellung der Nadeln. Die Unkosten für die Nadeln werden gedeckt aus dem Ueberschuß, der beim Verkauf der Festabzeichen, der ausschließlich durch die Schulen geschieht, erzielt wird, b) Die Wettkampfkarten für alle Teilnehmer, die nicht der HI. oder ihren Untergliederungen angehören. Alle Bestellungen umgehend bei der Geschäftsstelle des Deutschen Jugendfestes in Berlin.
2. Die technische Durchführung der Wettkämpfe überträgt die Gemeinde am besten einem Turnoder Sportmart eines Turn- oder Sportvereins. Dieser ist verantwortlich für die Durchführung der Kämpfe. Er sucht sich Mitarbeiter aus den Vereinen, der HI. und ihren Untergliederungen und der Lehrerschaft, die als Kampfrichter, Nie» aenführer und im Berechnungsausschuß tätig sind. Seine Aufgabe ist es auch, in Zusammenarbeit mit der Gemeinde dafür zu sorgen, daß die Wettkampfanlagen in Ordnung sind.
3. Welche Gemeinden zu dem betreffenden Fest- ort gehören, kann der Gefolgschaftsführer der HI. angeben. Diese Gemeinden sind von allen wichtigen Angelegenheiten in Kenntnis zu setzen.
4. Die Siegerverkündigung soll möglichst im Anschluß an die Kämpfe stattfinden.
5. Alle Anfragen betreffend die technische Durchführung der Wettkämpfe sind zu richten an Turnlehrer Mohr, Gießen, Wilsonstr. 8.
Sommerspielzeit des Stadttheaters.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Mit dem tollen und unverwüstlichen, ewigjungen Schwank: „Pension Schöller" eröffnet das Stadttheater am morgigen Mittwoch die Sommerspielzeit 1935 „Lachen im Theater". Unter der Spielleitung Kurt L ü p k e s rollen die lustigen Szenen in der Neubearbeitung des Berliner Renaissancetheaters. Bereits über 100 Aufführungen hat „Pension Schöller" allein 1935 zu verzeichnen und noch immer steht dieser Schwank auf dem Spielplan. Spieldauer von 20—22,30 Uhr.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 11. Juni. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,40 bis 1,42, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier (inländische) 9, Wirsing (grün), das Pfund 12, Gelbe Rüben, das Bündel 15, Rote Rüben, das Pfund 10 bis 12, Spinat 15, Römischkohl 15, Suppen- spargel 30, Spargel 40, Klasse I 50, Erbsen 30 bis 45, Mischgemüse 15, Tomaten 60 bis 65, Zwiebeln 20, Rhabarber 10 bis 12, Kartoffeln (alte) 4 Pf., der Zentner 3,50 bis 4 Mark, neue, das Pfund 18 bis 20 Pf., Aepfel 70, Erdbeeren 80, Blumenkohl, das Stück 10 bis 60, Salat 8 bis 10, Salatgurken 35 bis 40, Oberkohlrabi 8 bis 12, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15, Suppengrünes 5, Radieschen, das Bündel 7 bis 8 Pf.
Vornotizen.
— Tageskalender für Dienstag: NSG. „Kraft durch Freude": 19 bis 21 Uhr Sport- und Spielbetrieb auf dem Universitätssportplatz. 21—22 Uhr Reiten, Reitschule Schörnbs. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Bengali". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz) 16 bis 17 Uhr Ausstellung Christian Rohlfs-Hagen. — Waldeslust am Flughafen: Großes Konzert der Stahlhelmkapelle (Leitung: Musikzugführer Albert
Beethoven und Goethe.
Neues aus den Konversationshesten.
Das wichttgste Quellenwerk für Beethovens Leben ist noch ungedruckt. Das sind die sogenannten „Konoersationshefte", in die der taube Meister seine Umgebung, mit der er sich unterhalten wollte, das hineinschreiben ließ, was sie ihm mitzuteilen hatte. Er selbst gab meist mündlich Bescheid, kritzelte aber auch allerlei Bemerkungen und Notenskizzen nieder. Diese Hefte, die sich, soweit sie erhalten sind, in der Musiksammlung der Preußischen Staatsbibliothek befinden, geben das klarste und umfassendste Spiegelbild von Beethovens Welt und Umwelt. In einem von der Akademischen Verlagsgesellschaft Athenaion herausgegebenen Sonderheft wird verschiedenes bisher Unbekannte aus dem Inhalt der Konoerfattonshefte mitgeteilt, darunter auch eine Zusammenstellung all dessen, was sich auf Beethovens Verhältnis zu Goethe bezieht.
Beethoven hat sich unablässig mit den Werken des von ihm hoch verehrten Dichters beschäfttgt. Mit seinem Neffen, der ihm so viel Sorgen gemacht hat, spricht er im Sommer 1823 über feine Ausgabe von Goethes Werken, von der einige Bände fehlen. Später äußert fein Freund Karl Holz den Verdacht, der Neffe habe die fehlenden Bände verkauft; er rät Beethoven im September 1826, auf die neue Ausgabe der Goetheschen Werke, die „letzter Hand", zu pränumerieren, es sei dazu nur noch einige Tage Zeit: „Jedes Jahr zehn Bände".
Diese Goethe-Ausgabe interessierte Beethoven und seine Freunde auch sonst, wie aus den Konversationsheften hervorgeht. Das Honorar von 30 000 Talern, das Goethe von Cotta dafür erhält, sticht dem Neffen in die Augen. „Wenn du so klug zu Werke gingest wie Goethe, hättest du das auch", sagt er zu ihm im September 1823. Holz, der die Herausgabe der sämtlichen revidierten Werke Beethovens mit diesem im Frühjahr 1826 bespricht, rät ihm, sich an Goethe zu wenden, „der Ihnen hierbei gewiß das Beste raten wird. Der kennt alle die Vorkehrungen und Klauseln und Hintertüren am besten, weil er selbst in dem Falle ist."
Don den Plänen, Goethesche Werke zu komponieren, ist öfters die Rede. Als Beethoven von der Musik des Fürsten Rad zi will zu Goethes „Faust" berichtet wird, denkt er selbst an eine Vertonung des „Faust". Im April 1821 findet sich die Eintragung: „Ich schreibe nur das nicht, was ich
am liebsten möchte, sondern des Geldes wegen, was ich brauche. Es ist deswegen nicht gesagt, daß ich doch bloß ums Geld schreibe — ist diese Periode vorbei, so hoffe ich endlich zu schreiben, was mir und der Kunst das Höchste ist — Faust." Auch davon, daß Goethe für Beethoven ein Oratorium schreiben konnte, ist im Februar 1826 die Rede, und als Beethoven für das Wiener Hostheater eine neue Oper komponieren soll, denkt er an Goethes Singspiel „Cla udine von Villa Bella", aber S chi ndler ist der Ansicht, „daß dieses Buch, so wie es ist, nicht viel Effekt machen würde". Ende 1825 empfiehlt Holz Beethoven „ein herrliches Lied von Goethe; ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, herrlich für die Komposition". Er zitiert ihm dann die bekannten Verse: „Feiger Gedanken, bängliches Schwanken ..."
Auch sonst werden öfters Stellen aus Goethes Werken erwähnt, so besonders von dem Redakteur Vernarb, der sogar komischerweise etwas hinzudichtet, wenn er im März 1820 aufschreibt: „Im Faust sagt Mephistopheles: Verachte immer Kunst und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft, so wirst du bald zu Ende sein und Brüderschaft machen mit dem Schwein". Oesters kehren Aeuße- rungen über „Egmont" und Beethovens Musik dazu wieder, so im April 1821, als „Egmont" wieder in Wien gegeben werden soll.
Mit dem Dramatiker Christoph K u f f n e r unterhält sich der Meister im April 1826 über eine Übersetzung Homers in Prosa, die Goethe im „Wilhelm Meister" angeregt habe, und im Anschluß daran über „Hermann und Dorothea". Als er mit Schindler am 4. und 5. Februar 1827 fein B-Dur- Trio bespricht, das das Schicksal des tragischen Helden darstellt, ist viel von „Egmont" die Rede und ebenso von Klärchens Schicksal, das mit dem des Gretchen im „Faust" verglichen wird. Durchreisende erzählen allerlei von dem Olympier in Weimar. Der Freund Oliva berachtet von dem Besuch des Malers K ü g e I g e n bei Goethe und im Anschluß daran von der Gemäldesammlung B o i s s e r 6 e, die auf Goethe so großen Eindruck machte: „Von dieser Sammlung von Gemälden spricht man jetzt in ganz Deutschland, sie soll wichtige Stücke meistens aus der alten deutschen Schule enthalten und Boisferse stellt sie für jedermann zu sehen aus". Anfang September 1826 berichtet Holz: „Grillparzer ist auf sechs Wochen nach Berlin abgereist. Er hat mit großer Mühe die Erlaubnis erhalten, außer Land gehen zu dürfen. Er wird auch nach Weimar gehen, um Goethe zu sehen."
Das Kirschbäumchen.
Von Z. S. Dang.
Wenn ich sage: im Garten hinter dem Haus steht ein Kirschbaum, dann habe ich schon zu viel gesagt und fast geflunkert. Denn bas, was dort steht, ist noch gar kein richtiger Baum, ist nur die Vorstufe dazu, ein Stämmchen mit ein paar Aesten und Zweigen, auf die sich die Vogel kaum zu setzen wagen, in Summa also eine Art Säugling unter den Bäumen. Aber da das Dingelchen nun einmal Kirschbaum heißt, und da ein leichtsinniger Herr Vater dem dreijährigen Herrn Sohn dieses Geheimnis verraten hat, so verlangt nun besagter Sohn, daß jenes Kirschbäumchen auch Kirschen trage — rote oder schwarze, dicke ober bünne, ganz einerlei, jebenfalls Kirschen, die man in ben Munb stecken unb wenn irgenb möglich, auch essen kann.
O, unb bas Bäumchen tut, was es tun kann, tut mit Gottes unb ber Sonne Hilfe bas Beste, setzt Blüten an, hat grüne, schmächtige Kugeln, bie Kugeln werben rot unb röter — unb wahrhaftig: eines Tages sehen sie tatsächlich aus, wie richtige Kirschen auszusehen haben. Vater unb Sohn zählen voller Stolz bie gestielten rotroten Runbköpfchen aus bem Wirrwarr ber Blätter heraus. Der Sohn schreit vor Freube seine Zahlen laut in bie Welt hinaus unb kommt zu bem Ergebnis, baß es hun- bert Kirschen sinb. Sein Zahlensystem ist stürmisch wie ber Winb im Vorfrühling, schwingt sich von fünf gleich zu zehn, von zehn gleich zu zwanzig, von zwanzig zu fünfzig unb von fünfzig zu hun- bert. Schluß. Wäre es eine einzige Kirsche mehr, bann wären es taufenb. So ist ber Sohn.
Der Vater aber zählt leise, ist gebUnben burch bie Last seiner Bilbung, hinkt bebenklich hinter bem Drang bes Sohnes her, unb ist wie ein unbeholfener Tank gegen ein herrlich braufenbes Flugzeug und kommt auf diese Weise nur bis zur Zahl zwölf. „Zwölf Kirschen", sagt der Vater. Und dank der ihm angeborenen Autorität ist die väterliche Zahl die unumstößliche Wahrheit. Auch für den Sohn. Ader: Zwölf, denkt der Sohn, zwölf ist wohl noch mehr als hundert, ist sicherlich sogar noch mehr als tausend, denn ber Vater, oh, ber Vater, ber kann boch so ganz weit unb immerfort zählen ohne aufzuhören! — Zwölf Kirschen, denkt der Sohn, schläft unter bem Geheimnis bieser unfaßlichen Zahl am Abend selig ein und lächelt im Schlaf, unb sein kleiner Mund platzt auf unter dem leisen Atem unb
ist rot wie bie breizehnte Kirsche, benn: „Morgen", hat der Vater gesagt, „morgen darfst du sie alle ad- machen." — Alle zwölf!
Und der Morgen kommt, und der Vater schläft kurz, und der Sohn schläft lang, und der Vater geht in den Garten, und der Garten ist frisch und feucht vom Tau, und über den Rasen hüpft eine Amsel, und aus dem Bäumchen flieht eine zweite Amsel, und ber Vater sieht: es waren einmal zwölf Kirschen! Denn nichts mehr Rvtes ist zwischen Dem Grün ber Blätter. — Dabei (so benkt ber Vater) habet liegt brinnen einer, ein kleiner Mensch mit einer großen Hoffnung, Einer, ber nun bald aufwachen unb heranstürmen wirb. Einer, der auf breiter Schultern sitzen unb Kirschen pflücken möchte — Kirschen, bie nun bie Amseln gefressen haben!
Unb nun wirb ber Vater mehr noch als er selbst, wird Urbild aller Väter, pater absolutus, Geschöpf und Schöpfer in einem: er schwingt sich aufs Rad, fährt zum Markt kauft Kirschen, dicke, rote, leuchtende Kirschen, einen kleinen Korb voll, vier ganze Pfund, fährt nach Hause, atmet auf, als er den geschlossenen Fensterladen sieht, hinter dem der Sohn noch schläft, sucht die gepaarten Kirschen heraus und läßt sie (die herrlichen, dicken, roten) wie kleine Reiter auf den Zweigen des geplünderten Bäumchens wachsen.
Und als die Mutter den Laden hochzieht, und als der Sohn — im Hemdchen noch — aufs Fensterbrett gestellt wird unb bie Pracht ber Kirschen sieht, bieser vielen, vielen Kirschen, ba schweigt ein kirschenhungriger Mund vor Staunen und seligem Erschauern, da werden kleine Augen groß und noch einmal groß unb immer größer, und ba geschieht es kurz barauf, baß ein glücklicher kleiner Mensch (was noch niemals einem großen gelang) einen Kirschbaum schüttelt unb unter bem faCenben Segen steht unb lacht und jubelt und erntet.
Und als er die Kirschen — bie roten, herrlichen, bicken — in ben Korb lieft, zählt er leise und scheu von eins bis fünf, zählt zehn unb zwanzig, fünfzig unb hunbert unb tausend, reicht mit allen seinen Zahlen nicht aus, holt sie in wirrer Folge immer und immer wieder aus dem geplagten Kopf und sieht den Vater an und strahlt — und wirft erschöpft die letzte Kirsche in den Korb und zählte dabei endlich die väterliche, die große, die beherrschende Zahl zwölf.
Ja, wenn man Vater ist ...


