Nr. 86 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)Donnerstag, 11. April (935
Führerschulungslager der Juristen.
Im Führerschulungslager der Jungjuristen auf dem Gleiberg sprach am Montagabend
Gauamtsleiter pg. Kranz-Gießen über „R a s s e f r a g e n". Diese Fragen beschäftigen heute mehr denn je auch die Juristen, zumal das Rasseproblem auch bei der zukünftigen Rechtsgestaltung in Deutschland eine besondere Berücksichtigung erfahren muh und wird. Der Redner stellte den Jungjuristen, denen der Vortrag ein besonderes Erlebnis war, zunächst die Gegensätze der früheren und der heutigen Auffassung über das Rasseproblem vor Augen. Während der Marxismus und Liberalismus den Standpunkt vertraten, der Mensch werde durch seine Umwelt, nicht aber durch Erbmasse bestimmt, hat der Nationalsozialismus erkannt, daß die Erbmasse das Ausschlaggebende in der Entwicklung des Menschen ist.
Bei der Entwicklung des deutschen Volkes wirkte es sich geradezu verheerend und zersetzend aus, daß Liberalismus und Marxismus die Grundgesetze der Fruchtbarkeit, der Auslese und Rassereinheit mißachteten. So fand denn der Nationalsozialismus bei der Machtübernahme in rassepolitischer Hinsicht furchtbare Zustände auf. Geburtenrückgang und Vergreisung des Volkes, eine gewaltige Durchsetzung des Volkes mit erbkrankem Menschenmaterial und eine weit fortgeschrittene Vermischung mit rassefremden Elementen hatten in Deutschland einen für die Zukunft äußerst gefährlichen Zustand geschaffen, dem das Dritte Reich entschieden entgegentreten mußte. Der Nationalsozialismus hat denn auch sofort die notwendigsten Maßnahmen getroffen. Zur Vermehrung des Nachwuchses ist eine ganz neue Gesetzgebung entstanden, ebenso zur Austilgung der kranken Erbmasse im Volke. Zur Erreichung der Rassereinheit wurde im Volke der Rassegedanke selbst geweckt. Wie jedes Volk einen Rassebestandteil hat, der es beherrscht und ihm den charakterlichen Stempel aufdrückt, so ist im deutschen Volke die nordische Rasse vorherrschend. Aber auch die anderen Rassebestandteile, die sich mit der nordischen Rasse gemischt haben, sind nicht wesensfremd, sondern sie sind wesensverwandt mit der nordischen Rasse und machen mit das Wesen des deutschen Volkes aus. Eine Vermisckung des Volkes mit wesensfremden Elementen geht in der Hauptsache von den Juden aus, die als Volk ein buntes Gemisch von Rassen bilden. Wir alle wissen, wie sehr Deutschland vor der Machtübernahme verjudet und wie sehr auch die rassemäßige Vermischung schon vorgeschritten war. Hier hat der Nationalsozialismus Wandel geschaffen und zunächst das öffentliche deutsche Leben von dem Einfluß des Judentums befreit. Die Bastardfrage im Rheinland wird noch zu lösen bleiben.
Der Redner behandelte zum Schlüsse seines interessanten Referates die bisherige nationalsozialistische rassepolitische Gesetzgebung, betonte aber, daß diese Gesetze allein nicht genügen, sondern daß in erster Linie das gesunde Volksempfinden ausschlaggebend sei. Daher könne das Volk nicht genug über die rassepolitischen Fragen aufgeklärt werden.
Der fünfte Tag der Schulung der Juristen auf dem Gleiberg war dem Strafrecht gewidmet.
Professor Dr. Gallas
war so liebenswürdig, einen ganzen Tag bei den Juristen zuzubringen. Er hielt ihnen zunächst einen Vortrag über den Begriff der Rechtssicherheit im alten liberalistischen Staate und im neuen Staate des Nationalsozialismus, und gab dann in mehrstündiger A u s s p r a ch e, die sich bis in den Nachmittag hineinzog, den Lagerteilnehmern Gelegenheit, zu den neuen strafrechtlichen Problemen
Stellung zu nehmen. In seinem Vortrag besprach Professor Gallas den Begriff der Rechtssicherheit im liberalistischen Staat. Der Begriff sei entstanden als Reaktion auf den Absolutismus und sei zum Schutze des Individuums gegenüber dem Staate geprägt worden. Der Rechtssicherheits- gedanke habe seinen Ausdruck gefunden in der Form der Gesetzgebung, bei der dem Volk eine Mitbestimmung zum Schutz des einzelnen gegenüber der Regierung gewährt wurde. Weiter sei er in dem Gesetzesformalismus zum Ausdruck gebracht worden, durch den der Richter an bestimmte Normen gebunden und er in seiner Wertungsfreiheit beschränkt werde, das Individuum dagegen die strafrechtlichen Folgen einer kriminellen Tat vorausberechnen könne und schließlich noch eine Lückenlosigkeit des Gesetzes garantiert werde. So sei auch der Grundsatz: „Ohne Gesetz keine Strafe" entstanden, so sei ferner die Unabhängigkeit des Richters geschaffen worden, die ihm die Freiheit von äußeren Einwirkungen in seine Entscheidung zu Gunsten des Individuums sichern solle.
Bei der Neugestaltung des deutschen S t r a f r e ch t s taucht nun die Frage auf, ob auch heute im nationalsozialistischen Staate noch ein freilich anders als früher gestalteter Rechtssicherheitsgedanke Berechtigung hat. Man könnte glauben, das Führer prinzip lasse einem Rechtssicherheitsgedanken keinen Raum mehr, da in Verfolgung des Führerprinzips der Richter selbst, das Recht finden müsse. Diese Ansicht ist nicht ohne weiteres richtig, das Führerprinzip bindet den Richter gerade an den R e ch t s w i l l e n des Führers, und insofern führt der Rechtssicherheitsgedanke zur Durchführung des Führerwillens bis in die unterste Instanz. »
Nach dem Vortrag behandelte Professor G a l - l a s in interessanten Aussprachen mit den Laaerteilnehmern die Fragen, inwieweit der Rechtssicherheitsgedanke im neuen Strafrecht verwirklicht werden könne. Er stellte dabei die Ideal- g e st a l t des zukünftigen Richters des Dritten Reiches heraus und unterhielt sich mit den Juristen auch über die anderen schwebenden strafrechtlichen Probleme im neuen Staate.
Am gestrigen 6. Schulungstage (10. April) sprach der Dekan der juristischen Fakultät der Universität Gießen
Professor pg. Bley
über das Thema „Rechtsphilosophie und Nationalsozialismus". Er wies darauf hin, daß eine philosophische Betrachtung des Nationalsozialismus notwendig sei, weil damit eine Klärung und Beruhigung, insbesondere für den wissenschaftlich denkenden Menschen gegeben werde. Bei der philosophischen Betrachtung des Nationalsozialismus tauche insofern eine scheinbare Schwierigkeit auf, als die bisherige Rechtsphilosophie entgegenhalte, Nationalsozialismus sei eine Weltanschauung und daher etwas Zufälliges und Subjektives, noch nicht durch begriffliches Denken Begründetes und Geklärtes. Dabei sei jedoch das Wesen des Nationalsozialismus verkannt. Der Nationalsozialismus sei nicht die individuelle Lebensanschauung von einzelnen, sondern die Weltanschaung eines ganzen Volkes. Der Redner wies dann, indem er die bisher gekannten Philosophiesysteme kurz beleuchtete, nach, daß sie nicht imstande seien, dem Nationalsozialismus gerecht zu werden. Er betonte, daß das nicht eine Ueberhebung sei. Denn jede Philosophie bedeute den Versuch der Orientierung in der Welt und über die Welt, und diesen Versuch müsse jede Zeit für sich anstellen und lösen, zumal jede Philosophie auch nur für ihre Zeit in ihrer Sprache spreche und daher nur den Bedürfnissen ihrer Zeit genügen könne. So müsse auch der Nationalsozialismus seine Philosophie sich selbst formen. Wenn der
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mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack
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Nationalsozialismus mit den Philosophien einer vergangenen Zeit, insbesondere der Hegelschen Philosophie, gelöst werden sollte, so würde das ein Zurückschrauben bedeuten in die Zeit des deutschen Idealismus und damit der Romantik. Da wir aber auf der Schwelle ständen, ein Weltvolk zu werden, könne der Nationalsozialismus als Philosophie nicht mit den Begriffen einer geschichtlich passiven Romantik erfaßt und geformt werden. Die Philosophie des Nationalsozialismus müsse eine Philosophie des Aktivismus sein. Denn Nationalsozialismus sei das spontane Erlebnis eines ganzen Volkes, in seinen Mitgliedern blutsmäßig und schicksalsverbunden geeint zu sein. Nordisch sei diese Philosophie des Nationalsozialismus insofern, als sie einmal die notwendige Verbindung des einzelnen
mit der Gemeinschaft bejahe und zum andern auf dem Charakterwert, der Ehre, der Persönlichkeit und der Verantwortung aufbaue. Diese Philosophie des Nationalsozialismus lasse sich nicht aus einem theoretischen Begriff ableiten und damit rational erklären, sondern beruhe auf der lebensfördernden Kraft der nationalsozialistischen Idee. Gegenüber der Hegelschen Philosophie (der einzigen, die noch in unsere Zeit lebendig fortwirkt) handele es sich nicht um eine rationalistische Metaphysik. Vielmehr beruhe der Nationalsozialismus auf dem praktischen Erleben von der blutgebundenen Volksgemeinschaft, die in gleicher Weise, wie etwa die Idee von Gott, Verantwortung und Schuld das praktische menschliche Verhalten trage.
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Achtung! Reue Halten-Handball-Regeln.
Das am kommenden Sonntag in Gießen in der Volkshalle stattfindende 4. Hallenhandballturnier der Gießener Turnerschaft zieht das größte Interesse aller Handballfreunde unseres Heimatbezirkes auf sich. Es dürfte deshalb, zumal das Turnier auch nach den neuesten internationalen Handballregeln ausgetragen wird, für alle Handballer, ob sie nun als Spieler, Schiedsrichter oder als Zuschauer das Turnier besuchen, wichtig sein, etwas Näheres über die neuen Regeln zu erfahren. Wir bringen aus diesem Grunde einen kurzen Hinweis auf besondere Bestimmungen und Regeländerungen beim Hallenhandball.
Das Spielfeld soll eine Länge von 30 bis 50 und eine Breite von 15 bis 25 Meter haben. Das Tor hat eine Größe von 3,60 X 2,10 Meter. Der Torraum ist 6 Meter groß. Gleichlaufend zur Torraumlinie wird in einem Abstand von 3 Meter von derselben die Freiwurflinie gezogen. Aus der 13- Meter-Marke des Feldhandballs wird in der Halle die 7-Meter-Marke. Gleichlaufend zur Mittellinie wird in einem Abstand von 3 Meter nach jeder Spielhälfte hin die sogenannte Anwurflinie gezogen, hinter der beim Anwurf die Mannschaften stehen müssen. Die Regel über Werfen und Fangen hat eine sehr wesentliche Aenderung erfahren. Es ist hier festgelegt, daß der Ball von einem Spieler zwischen Ballannahme und -Abgabe nur einmal getippt werden darf; im besten Falle kann also der Spieler nur 6 Schritte mit dem Ball laufen (Ballannahme — 3 Schritte — Tippen — 3 Schritte — Abgabe oder Schuß). Ist jedoch die Ballannahme schon mit einem Tippen verbunden, so muß die Weitergabe schon innerhalb der nächsten 3 Schritte erfolgen. Dies ist der Fall, wenn der Ball nicht richtig gefaßt und erst zum Boden gestoppt würde.
Decken sich die Seitenlinien mit der Wand oder der Umsäumung der Halle, so bleibt der Ball im Spiel, wenn er die Seitenwand berührt oder von ihr abprallt.
Die Bestimmung über Eckball zeigt gegenüber dem Feldhandball den Unterschied, daß beim Ablenken des Balles über die Torlinie durch den Torwart kein Eckball gegeben wird, sondern Abwurf vom Tor erfolgt.
Vom 7-Meter-Wurf (13 Meter) abgesehen, darf kein Freiwurf auf das Tor näher als von der Freiwurflinie aus erfolgen. Der 7-Meter-Wurf, bei dem alle Spieler hinter der Freiwurflinie sich befinden müssen, wird nur bei groben und rohen Verstößen verhängt. Es ist jedoch hierbei zu beachten, daß der Schiedsrichter einen 7-Meter-Wurf geben kann, selbst wenn der Verstoß Jid) in der anderen Spielhälfte ereignet hat.
Eine wesentliche Aenderung erfährt auch die Herausstellung dadurch, daß bei leichteren Vergehen Herausstellungen auf Zeit erfolgen können.
Die neuen Bestimmungen verbieten von selbst die Alleingänge. Die Spieler müssen zwangsläufig sich an rasches Abspielen gewöhnen und bringen dadurch eine noch wesentlich gesteigerte Schnelligkeit ins Spiel. Scharfer Lauf, Gewandtheit, kluge Taktik und Disziplin ist notwendig, wenn man zum Erfolg kommen will.
Hoffen wir, daß die Mannschaften mit diesen Eigenschaften zum Turnier kommen, hoffen wir aber auch, daß die Zuschauer sich die neuen Regeln einmal ansehen, damit sie dem Verlauf der Spiele objektiv zu folgen vermögen. Wenn dies der Fall ist, bann wird auch das 4. Hallenhandballturnier in Gießen zum gleichen Erfolg kommen, wie seine Vorgänger.
Das Lle-ergangstraining.
Zeitwende draußen in der Natur, Zeitenwende auch im Sportleben. Die Wintersportler müssen wohl oder übel Abschied nehmen von ihren geliebten Brettln, ihr Erbe treten die Wassersportler an, die jetzt immer mehr und mehr die Gewässer bevölkern. Auch die Fußball-, Handball- und Hockey- und Rugbyspieler machen sich langsam mit dem Gedanken vertraut, einmal auszuruhen vom Kampf um die Punkte, bald wird der Tennisschläger das Feld beherrschen. Aber bis zum Sommer ist noch eine geraume Zeit, noch sind wir mitten drin in Wochen des Uebergangs zur wärmeren Jahreszeit und den langen Tagen. Diese Zeit darf natürlich für den Sommersportler, der sich im Winter in die Hallen zurückgezogen oder einem Ergänzungssport gewidmet hatte, nicht ungenutzt vorübergehen, sie wird ausgefüllt mit dem
Vortraining. Das gilt besonders für die Leichtathleten, aber auch für die Tennisspieler, Wassersportler aller Art u. a.
Der Winter ist für den Sportler, ganz abgesehen von den eigentlichen Wintersportlern, den Skiläufern, Eisläufern, Rodlern längst keine Zeit der Un«
DieZfflandstöchter und ihre Freier.
Vornan von 3 Schneider-^oerstt
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
28 ^ortletzung Nachdruck verboten!
„Warum denn?" fragte Luzie unter Tränen. „Warum hat er's denn getan?"
Niels hatte sich einen Stuhl herbeigerollt und saß ihr nun gegenüber. „Das zu erfahren bin ich ja eigentlich hierhergekommen, Luzie. Ich dachte, Sie könnten mir am ehesten Antwort darauf geben."
„Nein!" sagte sie aufschluchzeyd. „Ich nicht! Nein! ^ch weiß schon, Sie denken, ich wäre vielleicht schuld daran. Ich hätte ihn gequält oder wäre nicht gut zu ihm gewesen, oder hätte ihm iraendwie Vorwürfe gemacht und ihm mit Eifersucht zugesetzt oder so. Aber ich habe nichts von all dem' getan. Ich habe ihn nur maßlos liebgehabt."
„Luzie," sagte Niels ernst, als sie den Kopf in ihre Arme legt, um das aus allen Tiefen hervorbrechende Weinen zu ersticken, „Sie haben mich falsch verstanden!--Hören Sie mich doch ein
mal an, Luzie. Vielleicht finden Sie doch eine Antwort darauf." Er wartete, bis sie den Kopf wieder hob und nickte ihr dann ermunternd zu: „Also: Als ich von der Karrer-Hütte kam, mußte ich meinen Bruder erst suchen. Er hatte seine Wohnung gewechselt, ist nach Montmartre gezogen. Dort'bin ich bann mit ihm zusammengetroffen. Er sagte, er habe sich deswegen dort eingemietet, weil es billiger sei. — — Hören Sie mir gut zu, Luzie! Und bei seinem letzten Fieberausbruch rief er: „Ich muß zu studieren aufhören! Begreif' mich doch, Luzie, ich kann doch nicht zu Niels gehen und ihn bitten, daß er mich durchhält."
„Ja, ja, das stimmt", sagte sie, mit einem tiefen Atemholen. „Es stimmt alles. Und jetzt begreife ich auch, er hat's getan, weil er — weil er eben — weil er sich eben nicht mehr hinausgefunden hat. Ich habe ihm zwar immer gesagt: ' „Sorg dich nicht, Bob! Das wird schon wieder. Wenn ich erst eine Stellung als Kindermädchen oder Verkäuferin habe, dann kann ich dir soviel geben, als du brauchst." Aber er hatte immer große Angst gehabt, es würde trotzdem nicht gehen."
„Ja, aber um Himmels willen, Luzie!" unterbrach Pöttmes sie. „Und Henriette--?"
„Die Mama hat ja doch selbst nichts mehr", rief Luzie verzweifelt. „Sie hat ja doch alles verlo
ren beim letzten Bankkrach in Hamburg. Hat sie Ihnen denn nichts davon geschrieben? Sie hat mir doch gesagt, sie würde es tun."
„Sie hat es nicht getan", erwiderte er erregt. „Und Bob hat diese Unterlassungssünde beinahe mit seinem Leben bezahlt. Möchten Sie mich jetzt zu Henriette führen?"
Luzie erhob sich zwar, zögerte aber und sah ihn Überlegend an. „Ich will Sie aber lieber zuvor anmelden. Ich glaube, die Mama hat Angst vor Ihnen."
„Nicht möglich!" entfuhr es ihm, aber er lachte dabei.
„Doch", beharrte Luzie, empfand, daß sie das besser für sich behalten hätte und wurde verlegen. „Darf ich Ihnen inzwischen ein Frühstück bringen lassen? Schinken ober sonst etwas?"
„Danke, nein. Erst möchte ich mit meiner Mutter sprechen."
Daß er „Mutter" sagte, machte sie ratlos. Da mußte man ihm wohl Den Willen tun. Sie ging ihm voran durch die Diele, dann neben ihm her die Treppe hinauf. Vor Henriettes kleinem Salon machte sie halt, öffnete und ließ ihn eintreten.
Sie selbst schlüpfte durch einen anderen Eingang ins Schlafzimmer der Stiefmutter und flüsterte ihr zu: „Erschrick nicht, Mama! Niels ist gekommen!"
Das war allerdings überraschend, aber Frau Henriette hatte sich schnell wieder gefaßt und sagte lächelnd: „Da hat Bob wieder einmal nicht dicht- gehalten. Wo haft du ihn denn hingeführt?"
„Er sitzt nebenan in deinem Salon. Und Mama — liebe Mama!" Frau Henriette wußte nicht, wie ihr geschah, als Luzie ihr Gesicht mit Küssen bedeckte. „Bob ist schwer krank gewesen. Aber es "geht ihm jetzt wieder besser."
Nun war Henriette doch blaß geworden. „Willst du mir ein bißchen behilflich sein?" bat sie Luzie. Sie fand in der Eile die Gürtelschließe ihres Kleides nicht und hakte immer wieder in die Spitzen.
„Soll ich dir etwas Puder auflegen?" erbot sich die Kleine. „Nur einen Hauch, Mama."
„Danke, nein. Niels hat das nicht gern."
Also hat sie doch Furcht vor ihm, war Luzies Gedankenschluß. Sonst wäre es ihr doch gleichgültig, ob er es gern ober nicht gern hat. — Ich will nicht horchen, war Luzies Vorsatz, als Henriette die Tür jutn Salon öffnete. Nur hören, wie sie sich begrüßen.
Mit einem Male aber verließ sie fluchtartig das Zimmer, denn Henriette sagte eben: „Mein großer Junge!"
Und Niels: „Wie lieb von dir, daß du mich nicht vergessen hast, Mama!"
Jetzt sollten die zwei für eine Stunde ganz allein bleiben. Und sie wollte inzwischen ein Essen richten lassen mit allem, was Haslbach nur Gutes zu bieten vermochte. Inzwischen konnte sie auch an. Bob schreiben, daß sie jetzt um alles wüßte und daß er ein ganz großer dummer Junge sei, den man keine Minute allein lassen dürfte.
Was war aber mit Klaudine? Von ihr hatte Niels kein Wort erwähnt, als daß sie Bob pflege. Etwas gab es also doch noch, das Niels Pöttmes nicht wußte. Alles auf einmal wäre auch zuviel gewesen.
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Als das Mittagessen auf dtzn Tisch kam, erwies es sich, daß Luzie mit ihrer Anordnung sehr gut getan hatte. Denn Niels hatte wirklich Hunger. — Sie hätte so furchtbar gern gewußt, was er mit der Stiefmutter solange — es waren über zwei Stunden gewesen — zu sprechen gehabt hatte. Aber es sickerte auch nicht ein Wort davon in der Unterhaltung durch.
Immerhin mochte die Unterredung schwerwiegende Dinge zum Gegenstand gehabt haben, denn Niels saß mindestens ebenso ernst vor seinem Teller, wie Henriette. Erst allmählich wurde die Stimmung etwas heiterer, zumal als Niels erwähnte, er müsse Bob die Luzie mitbringen. Ob die vierbeinige oder die andere Luzie, war dieser Aeußerung nicht zu entnehmen.
Luzie warf einen fragenden Blick nach ihrer Stiefmutter, die ihr nachdenklich zunickte. Demnach mochte es sich um die vierbeinige handeln. Eigentlich war es ja richtig. Man konnte die Mama jetzt unmöglich allein lassen. Aber wenn bann Klaudine roieberfam. — Wenn sie Niels fragen Dürfte: „Was sagen Sie zu meiner Schwester? Ist bas nicht ein prächtiger Kerl?" Aber bas mußte eben ungefragt bleiben. Neugierig war sie ja, wie lange dieses Ver- steckspiel noch glückte, und was es einmal für ein Ende nehmen würde.
Niels sah gar nicht aus, als ob er allzuviel Spaß verstünde. Gut, daß bis jetzt noch nichts verdorben war. Augenblicktlich war die Hauptsache, daß für Bob keine Lebensgefahr mehr bestand. Der dumme Junge! Der ganz, ganz dumme Junge!
Am Nachmittag fuhr Luzie den Besuch mit dem Schlitten zur Station. Niels hatte in München Geschäfte zu erledigen. Am Abend holte sie ihn wieder ab. Er überreichte ihr eine Riesenbonbonniere und Henriette ein Dutzend köstlicher Rosen.
Wissen möchte ich, dachte Luzie, als sie ihm beim Abendessen den Braten servierte, ob die Klaudine in ihn verliebt ist. Wahrscheinlich! Todsicher sogar. Neben Niels Pöttmes konnte man eben gar nicht leben, ohne sich in ihn 3u verlieben.
Zugleich bemühte sie sich, herauszukriegen, woran das eigentlich lag. An seiner Schönheit gewiß nicht.
Er war tatsächlich nicht schön. Und doch — er hatte einfach etwas, das sich nicht bestimmen ließ. Um das herauszuklügeln, betrachtete sie Niels, während sie ihm das Kompott reichte, mit kritisch prüfenden Augen.
Beinahe ließ sie die Schüssel fallen, als er unvermittelt zu ihr aufblickte. „Sagen Sie mal, Luzie, wie kamen Sie eigentlich zu Weihnachten auf den Gedanken, ein Grammophon für die junge Dame zu wählen, die mich pflegte?"
Gerechter Gott! durchfuhr es sie. Ein hilfesuchender Blick ging zur Stiefmutter hinüber.
Henriette lächelte vielsagend. „Man wählt eben immer das, was man selbst am liebsten mochte. Nicht wahr, Luzie?"
Ein verlegenes Nicken, und Niels Pöttmes war zufriedengestellt. „Es hat wirklich sehr viel Freude gemacht", sagte er anerkennend. Beim Wein tranken sie bann Brüderschaft. „Ich hätte gern auch deine anderen Töchter kennengelernt", wandte Niels sich an Henriette. „Die Frau von James Pick habe ich kürzlich in einem illustrierten Blatt gesehen — im Schwimmdreß natürlich", meinte et lächelnd.
„Und meine älteste Schwester ist verreist", warf Luzie gleichmütig hin. „Sie befindet sich in Irland bei Verwandten."
„Schade", bedauerte Niels.
Man hatte ihm, da die Fremdenzimmer nach Norden lagen, für diese eine Nacht, die er bleiben wollte, Klaudines Schlafzimmer gewählt. Luzie hielt selbst Nachschau, ob sich ja nichts Darin befand, das möglicherweise Verdacht hätte erogen können. Man konnte nicht wissen!
Niels pflegte sich jeden Abend rasieren zu lassen. Weil aber sein getreuer Gottfried nicht hier war, bereitete er selbst alles vor. ließ Wasser in das Becken laufen und dachte mit einem Seufzer, wie das immer so bequem gewesen war und wie er sich nun selbst damit abquälen mußte.
Ein Schaumspritzer flog auf die Seitenwand der Vitrine, die unweit des Beckens stand. Niels nahm das Handtuch, um ihn wegzuwischen — stutzte und drehte die Birne der Wandbeleuchtung nach der Vitrine hinüber. Einige Sekunden lang stand er ganz in scharfem ab wägenden Nachdenken versunken. Dann aber kam ein Verstehen, ein begreifen über ihn. Es ging doch nichts über den Zufall! Der war noch immer der beste aller Geheimdetek- tive, die es gab.
Der Schlüssel zur Vitrine war abgezogen. Kurz entschlossen nahm Niels seinen eigenen Schlüsselbund heraus und versuchte, ob nicht einer davon paßte. Doch wollte keiner sperren. Fatal!
Auf dem Toilettettsch stand ein chinesisches Schränkchen. Auch dessen Schlüssel wurde vergeblich ausprobiert.
(Fortsetzung folgt!)


