danken der Zusammengehörigkeit zu einen. Die neue Weltanschauung wurde der Motor allen Handels. Bauer und Städter stehen in einer Front zusammen in der Verfolgung eines gemeinsamen Zieles.
Für den Bauern ist es dabei von Bedeutung, daß er nicht nur als Vlutsquelle anzusehen ist, sondern daß er auch die Ernährung des gesamten deutschen Volkes sicherzusiellen hat.
So wurde in den vergangenen Wrntermonaten der Bauer in systematischer Aufklärungsarbeit für die große Aufgabe der Erzeugungsschlacht gewonnen und ihm die Bedeutung dieses einzigartigen Werkes vor Augen gestellt. Wie weit sich der Bauer dieses Gedankengut schon zu eigen gemacht hat, zeigt die Tatsache, daß im Gebiet der Landesbauernschaft Hessen-Nassau bereits heute ein Erfolg der Erzeugungsschlacht festzustellen ist. In den letzten zwei Monaten wurden für mehr als 2 Millionen Reichsmark Kunstdünger verwandt.
Diese Erzeugungsschlacht ist eine ebenso große sozialistische Tat, wie das Lvinterhilsswerk, oder die Arbeitsbeschaffung.
Zum Schluß seiner Ausführungen richtete der Landesbauernführer unter großem Beifall an die anwesenden Bauern den Appell: „Nun geht an die Arbeit! Und seid dessen eingedenk, daß nicht der ein richtiger Deutscher ist, der jeden Morgen an seine Brust schlägt und voll Reue auf die Knie fällt, sondern der ist ein richtiger Deutscher, der unfern Herrgott jeden Morgen und Abend um die Kraft bittet, für Deutschland und sein Volk schaffen zu dürfen."
Als der Beifall nach der Rede des Landesbauer n- sührers sich gelegt hatte, schloß Landesobmann Seipel die Kundgebung mit einem dreifachen Sieg-Heil auf unseren Führer. Erhobenen Armes wurde von der Menge das Horst-Wesfel-Lied gesungen.
Aus der provinzialhaupistadi.
Oer Sämann
Tut gleichmäßig festem Schritt geht der Landmann über den Acker und streut mit voller Hand den Samen auf die braune Scholle. Er ist wie das Bild des Lebens überhaupt. Fest ist die Hoffnung in seinem Herzen, daß die Macht des Lebens stärker ist als alle feindlichen und vernichtenden Kräfte der Erde. Das Korn wird keimen, wachsen und reifen. Alles braucht nur Zeit. Harte Wetter und Schicksalsschläge tragen nur zur Stärkung und Kräftigung bei. Und wenn der Sturm eines knickt, was liegt daran, andere nehmen seinen Platz ein und tragen doppelt Früchte. Wetterhart und wetterfest soll das Leben machen.
Der Erde wird der Same überleben, Erde bedeckt ihn, er beginnt zu schlafen wie das Kind im Mutterarm. Bald aber erwacht er, reckt Und streckt sich, und schon nach wenigen Tagen schaut sein Köpfchen in Form kleiner Spitzen hervor. Nach kurzer Zeit tritt, wie bei allen Kindern, wieder Ermüdung ein, und das Pflänzchen beginnt einzuschlummern. Es ist so müde, sterbend müde... Kalt zieht die Winternacht herauf, Schneestürme brausen übers Land. Das junge Getreidepflänzchen merkt nichts, eine schützende Schneedecke überlagert es, warm ruht es in den Armen der Muttererde. Und wieder heult der Sturm. Diesmal aber klingt es wie Fanfarenstöße und Schlachtrufe übers Land. Er rüttelt an alten morschen Bäumen, jagt dem jungen Pflänzchen rauhe Luftmassen ins Gesicht, daß es erschreckt ausgewacht ist. Es beginnt, sich nach dem langen Winterschlaf zu dehnen und zu strecken. Leben und Bewegung ersteht auf dem Acker, eines will das andere überflügeln, und jedes streckt seine Halme gleich Armen der Sonne, der Mutter allen Lebens, entgegen. Bald wogt der Wind durch das Getreidefeld, die Ernte geht der Reife entgegen und Sicheln und Sensen erttingen. Das Alte muß weichen und neuem, jungen Leben Platz machen. Ewiges neues, sprossendes Leben ...
Mit ganz besonderer Hoffnung und Schaffensfreude schreitet der Bauer in diesem Jahre zur Bestellung seiner Aecker. Gilt es 'doch, des ganzen Volkes Nahrunasfreiheit zu erringen und damit den Weg zu bessern für unsere und unserer Kinder politische Freiheit. Ein ganzes Volk schaut mit Stolz auf sein Bauerntum und steht geschlossen hinter ihm. Siegreich wird unser Bauerntum die deutsche Erzeugungsschlacht zu Ende führen, siegreich wie das ewig-neue Leben alle Mächte der Zersetzung und des Niedergangs überwindet.
Was verstehen wir unter Gefundheits- schädlinqen?
In engerem Sinne gelten als Gesundheitsfchäd- linae alle diejenigen Tiere, die den Menschen durch Blutsagen, Biß, Stich, Aetzen, Jucken oder Ruhestörung gesundheitlich beeinträchtigen oder gar ansteckende Krankheiten auf ihn übertragen. Wir müssen aber auch diejenigen Tiere als Gesundheitsschädlings im weiteren Sinne betrachten, die die Nahrungsoorräte des Menschen in seiner Wohnung und
die Wohnungseinrichtungen selbst schädigen. Als Anhang sind hier aber auch die Schädlinge der sanitären Einrichtungen, also der Wasserversorgungsanlagen, Bäder und Abwasserreinigungsanlagen, einzubeziehen.
An erster Stelle stehen die Insekten, dann folgen die Milben und Zecken und mehr anhangsweise Tausendfüßler, Kellerasseln und Kellerschnecken. Von größter Bedeutung sind weiterhin die Ratten und Mäuse. Unter den Insekten sind von besonderer Bedeutung die Wanzen, Schaben, Fliegen, Stechmücken, Flöhe, Läuse, Ameisen, Wespen, Flecht- linge und besonders als Material- und Vorratsschädlinge zahlreiche Käferarten.
Diese Tiere teilen wir aber nicht zoologisch-systematisch nach Tierklassen, -Ordnungen und Familien, sondern im wesentlichen nach ihrem Standort, insbesondere nach den Oertlichkeiten, an denen sie sich entwickeln. Bei dieser praktischen Einteilung, bei der man auch gleichzeitig gewisse Richtlinien für die Bekämpfung einhält, lassen sich im wesentlichen drei
Gruppen unterscheiden: 1. Sogenannte Freinister, d. h. Tiere, die ihre Entwicklung im allgemeinen nicht in den menschlichen Wohnungen nehmen, sondern im Freien. Beispiele: Die meisten Fliegenarten (Mist, Abfallstoffe), Stechmücken, Wespen und die meisten Ameisenarten. 2. Wohnungsnister (Wanzen, Schaben, Pharaoameisen, Motten, Käse- fliegen). 3. Körpernister (Läuse und Krätzmilben). Beispiele für Uebergänqe zwischen den Gruppen: Ratten und Mäuse, Flöhe u. a. m.
Banknotenhamsterer schaden dem Dolksganren und sich selbst.
Zum 31. März 1935 sind die Reichsbanknoten über 20,— RM. mit dem Datum vom 11. Oktober 1924 aufgerufen worden, d. h. diese Reichsbanknoten verlieren nach Ablauf einer gewissen Frist ihre Kursfähigkeit. Wer diese Scheine nach Ablauf der gesetzten Frist noch besitzt, hat einen empfindlichen Verlust zu tragen. Jedermann trachtet also danach, die bei ihm befindlichen Scheine mit dem Ausgabe- datum vom 11. Oktober 1924 weiterzugeben, und vor
Oer Oberbürgermeister:
Cfiitfer.
allem bei den in Frage kommenden Stellen, z. B. bei der Sparkasse oder bei den Banken einzuwechseln.
Nicht selten ist es nun in den letzten Tagen vorgekommen, daß einem Geldinstitut kleinere oder größere Bündel dieser demnächst ungültigen Zwan- zig-Reichsmark-Scheine vorgelegt wurden, denen man ansah, daß sie seit Jahren im Schubfach des Eigentümers gelegen haben. Die Volksgenossen, die jetzt ihre sauber gebündelten und Jahre hindurch in der Truhe sorgsam gehütetenZwanzig-Reichsmark-Scheine zur Umwechslung bringen, haben sich sicher nicht klar gemacht, welchen Gefahren ihr gehamstertes Geld jederzeit ausgesetzt war. Diebstahl, Feuersgefahr, Unachtsamkeit und manches andere haben ihr Geld bedroht, auch Zinsen sind ihnen verloren gegangen. Und vor allem eins, der Güterumlauf in der Volkswirtschaft ist durch jeden gehamsterten Zwanzig- Reichsmark-Schein unnötig gehemmt worden. Aus mangelndem Verantwortungsbewußtsein, aus Bequemlichkeit oder aus anderen Gründen haben es Besitzer von Zwanzig-Reichsmark-Scheinen vielfach
unterlassen, ihr Geld einem berufenen Geldinstitut anzuvertrauen. Wenn es auch im Einzelfalle nur kleine Beträge sein mögen, die auf diese Weise untätig zu Hause schlummern, so spiegeln sie doch in ihrer Gesamtheit eine Rolle, gerade in der jetzigen Zeit, in der die weitere Arbeitsbeschaffung durch Kredite an den Mittelstand usw. weitergeführt werden muß. r e
Möge die jetzt vorgenommene Außerkurssetzung von Zwanzig-Reichsmark-Scheinen dazu beitragen, daß die betreffenden Geldbesitzer ihr Geld bei der Umwechslung bei den berufenen Geldinstituten belassen, zum eigenen Nutzen und zum Besten der Volksgesamtheit.
Halbmast am 17. März!
DNB. Am Heldengedenktag, 17. März, flaggen die Gebäude des Reiches, der Länder, der Gemeinden, der Körperschaften de- öffentlichen Rechts und der öffentlichen Schulen halbmast. Diese Anordnung wird hiermit amtlich mit dem Hinzufügen bekanntgegeben, daß eine schriftliche Benachrichtigung der Behörden nicht erfolgt.
Oeuische Arbeitsfront, Berufsgruppenamt.
Berufsgruppe bet Techniker, Fachgruppe Eisen- und Metallindustrie.
Die für heute Montag, 11. März, im Ortsgruppenheim des Berufsgruppenamtes in der DAF. vorgesehene monatliche Zusammenkunft der Fachgruppe Eisen- und Metallindustrie muß um etwa 14 Tage verlegt werden, da der Referent des Abends, Maschinenbau-Lehrer T i e l m a n n , verhindert ist. Der neue Termin der Zusammenkunft wird rechtzeitig bekanntgemacht.
RSLB., Kreis Gießen.
Fachschaft „körperliche Erziehung", Bezirk Gießen.
Mittwoch, 13. März, Pflichtarbeitsgemeinschaft in der neuen Pestalozzischule. 15.30 bis 16.30: Knabenturnen; 16.30 bis 17.15: Leistungsturnen; 17.15 bis 18.15: Mädchenturnen.
^Reifeprüfung und Parteigliederungen
Der Reichserziehungsminister hat verfügt: Wie im Vorjahre, so ordne ich auch für die Reifeprüfung zum Ostertermin 1935 und für die Reifeprüfungen, die noch im Laufe des Schuljahres 1935/36 abgehalten werden, ausdrücklich an:
Bei der Beurteilung der Persönlichkeit des Schülers und der Frage der Reife ist insbesondere zu berücksichtigen, ob er der SA., der SS. ober der Hitler-Jugend angehört. Seine Betätigung in diesen Verbänden, deren Anforderungen gegen früher noch gestiegen sind, die Häufigkeit des Dienstes und die Länge der Zugehörigkeit zu diesen Verbänden ist daher gebührend zu würdigen. Das gleiche gilt sinngemäß auch für die weibliche Jugend bezüglich der Zugehörigkeit zum BDM.
Keine neuen Schulbücher für Volksschulen,
Der Reichsstatthalter in Hessen, Landesregierung, teilt in einer Bekanntmachung an die Kreis- und Stadtschulämter den folgenden Erlaß des Reichsund Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung mit:
„Im Anschluß an meinen Erlaß vom 16. August 1934 weise ich erneut darauf hin, daß im kommenden Schuljahre 1935/36 mit Ausnahme des Lesebuches für das fünfte und sechste Schuljahr und der Fibel mit Neueinführungen von Schulbüchern für die Volksschulen nicht zu rechnen ist. Ich lege Wert darauf, daß alle Schüler im Besitz der vorgeschriebenen Schulbücher sind, und bitte, die Schulaufsichtsbeamten anzuweisen, bei den Besichtigungen besonders darauf zu achten."
Das Ehrenzeichen des
Deutschen Boten Kreuzes für Dr.GroS
Dem Kolonnenarzt der hiesigen Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz, Dr. med. Gros,
Winter-Hilsswerl des deutschen Volkes 1934/35.
Schon jetzt läßt sich übersetzen, daß das deutsche Volk im Rahmen des Winter- Hilfswerks 1934/35 in einem Maße geopfert hat, wie es angesichts der bestehenden schweren finanziellen Verhältnisse nicht erhofft werden konnte. Aus diesem Anlaß ist es gerechtfertigt, diese Tatsache auch kommenden Geschlechtern in einer in die Augen fallenden Form stets zum Bewußtsein zu bringen und dadurch aber auch das Ge- dächtnis an eine schwere und große Zeit wach zu erhalten.
(Ls ist deshalb im Rahmen des Winter-Hilfswerks die Aufstellung von Mosaiken in den Gemeinden vorgesehen, die den Rachkommen künden sollen, welche Opfer die (Linwohnerschast für ihre notleidenden Volksgenossen gebracht hat.
Auch in unserer Stadt wird vom Montag ab die Aufstellung eines solchen Mosaiks durch das Winter-Hilfswerk erfolgen. Die zur Herstellung des Mosaiks erforderlichen Steine werden zu 20 Pfennig das Stück verkauft. (Line Ausstellung des Mosaik- musters erfolgt bei dem Verkauf der Steine in den Straßen.
Ich bitte die Bevölkerung wiederum ihren Opferwillen zu zeigen und durch den Kauf von Mosaiksteinen auch für unsere Stadt die Schaffung eines bleibenden Erinnerungs-Zeichens an eine schwere und große Zeit zu ermöglichen.
Der aus dem Verkauf der Steine verbleibende Ueberschuß fließt dem Winler- Hilfswerk zur weiteren Stärkung zu.
Gießen, den 8. März 1955.
Die Lfflandstöchter und ihre Kreier.
Vornan von 3- Schneider Hoersti.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
1. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Aber als er dann ans Fenster trat, prallte er erschrocken zurück. Unten auf dem Kies stand seine Zweitälteste in einem Badetrikot, der über und über mit Schlamm bedeckt war, und neben ihr Pöttmes, „das Ekel", in derselben Verfassung, nur mit dem Unterschiede, daß er dazu noch an allen Gliedern schlotterte.
„Kommen Sie herauf, Bob", hörte er Margot lachend rufen. „Und lassen Sie sich ein Hemd und sonst was geben, es wird schon etwas da sein, das Ihnen paßt." Dabei zog sie ihn hinter sich her nach dem Hause, und gleich darauf knallte die Tür unten ins Schloß.
Luzie hatte den Vater jetzt erst am Fenster entdeckt und rief ihm eine Erklärung herauf: „Die Margot ist durch den Kanal geschwommen! Da hat der Pöttmes Angst gekriegt, sie körn' nicht wieder heraus und ist ihr nachgekrochen! — Mahlzeit, die Herrschaften!" Sie schüttelte sich und lief hinter den beiden drein, deren Stimmen bereits auf der Treppe hörbar wurden.
Das Surren des Telephons rief Jftland an den Schreibtisch. Er umfaßte das Hörrohr mit nervösen Fingern. „Ja, ich bin es selbst, Henriette. Ihr Sohn ist bei uns. Soeben angekommen, ja. Mit meiner Tochter. Sie wollen mir die Ehre geben? Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Henriette! — Auf Wiedersehen! Nein, Sie stören keineswegs. Nochmals auf Wiedersehen!"
Er ließ den Hörer auf die Gabel fallen und fuhr sich leicht über die Stirn, die feucht geworden war. Lächerlich! Aber es passierte ihm immer wieder. Und dabei war er fünfundvierzig Jahre und Henriette Pöttmes nur einige Sommer jünger ... Und er hatte vier Kinder und sie einen Sohn von dreiundzwanzig.
Henriette war eine Frau von Anmut und Geist. Und einem Vermögen, das den Wert von Haslbach — so hieß Jfflands Besitz — um das mehrfache überflieg. Außerdem hatte sie noch Liegenschaften in der Schweiz und war Hauptaktionärin von einem halben ^Dutzend Jndustriegesellschaften.
Freilich waren auch ihre Bedürfnisse dementsprechend, und es schien mehr als fraglich, ob er durch eine Heirat mit ihr seine verfahrene Wirtschaft nicht noch um ein Stück weiter in den Abgrund kutschierte. Denn Hausfrau schien Henriette nicht zu fein, so wenig wie seine Töchter es waren.
Schließlich war das auch gar nicht nötig. Er konnte sich wenigstens für Haslbach das unbedingt erforderliche Personal leisten: Eine Hausdame, die ihre Augen überall hatte, einen zweiten Knecht — eine zweite Köchin, denn die Nanne wurde allmählich doch alt und schrullenhaft, und vielleicht auch einen Verwalter, damit er nicht jahraus, jahrein chon morgens um fünf Uhr aus den Federn kriechen und nach dem Rechten sehen mußte.
Henriette war großzügig und würde sicher nicht geizen. Man konnte eventuell auch eine von den Hypotheken ablösen und so die drückende Last der Zinsen abschütteln. Wenn man dann erst wieder die Schultern recken und die Arme dehnen konnte — Jffland streckte sie bei dem Gedanken unwillkürlich aus--und fühlte sie plötzlich von zwei Händen
gehalten, während sich zugleich eine samtweiche Wange an die feine drückte. „Armer Vater! Hast wieder einmal das Budget Überschlagen, und es hat nicht gestimmt? Wieviel fehlt denn?"
„Ach", seufzte Jffland und duldete es, daß Klau- dine ihm das dünne Haar zurechtstrich und ihn in feinen Schreibtifchftuhl drückte, auf dessen Lehne sie zugleich Platz nahm. „Siehst du, Klaudine — —" begann er.
„Ich weiß alles, Papa." Das Mädchen schlang die Arme fest um feinen Hals. „Ich habe auch bereits gehört, daß „fie" kommt und habe in der Küche Bescheid gegeben. Um das andere sorge ich mich schon noch: daß Blumen auf den Tisch kommen und ihre Lieblingsgerichte und daß der Wein kaltgestellt wird und so. Du brauchst dich -um nichts zu kümmern und zu schämen auch nicht, wenn nicht alles wie am Schnürchen geht.--Gott, ich kann mir
das ja gar nicht ausdenken, wie es werden soll — wenn du--wenn diese Dame einmal hier als
Herrin einzieht."
„Kind!" stöhnte -er und wollte sich sanft aus der Unterhaltung befreien. „Ich — —"
„Muß ja--" nahm ihm Klaudine das schwere
Wort ab. „Nicht, Vater?" Und als er stumm nickte, streichelte sie tröftenb seine Wange herab. ,^)aft du sie wenigstens ein bißchen gern? Ja, Papa? Das wäre sonst schrecklich, wenn du nur so —" Sie drückte ihr Gesicht gegen seine Schulter, gab ihn mit einem Male frei und wollte zur Tür.
Er hielt sie zurück und zog sie wieder an sich. „Du darfst es mir nicht verdenken, Klaudine!"
„Nein."
Sein Gesicht war jetzt so weiß, daß er ihr über die Maßen leid tat. Sie rückte die Vase auf dem Schreibtisch zurecht und ließ die abgefallenen Blätter der Rosen durch ihre Finger rieseln. „Weißt du, Papa, wie du das überhaupt so lange ausgehalten hast mit vier Kindern? Und dann drei Töchter — so wie wir drei — das ist ein bißchen viel. Wenn doch wenigstens eine von uns zur Hausfrau taugen würde! Aber darin sind wir alle Nieten. Und Mutter soll doch so tüchtig gewesen sein."
TlrHanb n'cktzv imb wagte es im ersten
Augenblick nicht, zu feinem Kinde aufzufehen. „Wissen Margot und Luzie auch schon um — um meine Stellung zu Henriette Pöttmes?" forschte er.
„Ich denke", meinte Klaudine ruhig. „Aber das braucht dick nicht zu stören, Papa. Wir sind ja keine Babys meyr."
„Und du verstehst mich doch, Klaudine — —?" „Vollkommen, Papa." Sie bemühte sich vergeblich, ihrer Stimme Ruhe und Sicherheit zu geben. „Das Haus ist groß. Wir werden versuchen, so wenig wie möglich zu stören. Und sehr höflich und zuvorkommend gegen sie zu sein. Mehr verlangt fie sicher auch nicht von uns." Dabei ließ Klaudine sich vom Vater über das weiche Haar streichen. Es war so selten, daß er sich Zeit nahm, seinen Töchtern eine Zärtlichkeit zu erweisen und ihnen Rede und Antwort zu stehen. Man mußte die Gelegenheit nützen. „Frau Pöttmes soll wahnsinnig reich fein! Stimmt das, Papa?"
Er nickte.
„Und außer dir noch über ein halbes Dutzend Bewerber haben."
Ohne fie anzublicken, nickte Jffland abermals.
„Wie ist es aber dann mit Bob, Papa? Der wird in diesem Falle unser Stiefbruder", überlegte sie nachdenklich. „Das ist eigentlich das einzige, was ich fürchte. Ich meine eigentlich weniger für uns, als für ihn.
„Ach", wehrte Jffland, „es liegt ja noch so ferne, Kind."
„Aber einmal wird es doch fein", beharrte Klaudine und ftricf) sich das helle Kleid zurecht. „Ich brauche noch zwei Jahre, banh hast du mich vom Halse. Margot möchte Olympia-Siegerin werden und nach Ueberfee gehen. Sie erhofft sich dort größere Chancen. Nur die Luzie — die mußt du wohl noch ein bißchen länger behalten."
Er merkte, wie ihre Stimme schwankte, und drückte sie mitleidig an sich. „Ich tu’s ja nur um euretwillen!" brach es verzweifelt aus ihm heraus.
„Um euretwillen — Dann tust du's umsonst, Papa! Sie soll eine sehr charmante Frau sein — in Gesellschaft, sagt man. Zu Hause aber — — lieber, guter Papa, du würdest mir leid tun." Sie fühlte, daß ihr die Tränen kamen, küßte den Vater rasch auf die Stirne und war, noch ehe er etwas sagen konnte, aus dem Zimmer geschlüpft. —
Luzies ausgelachenes Lachen drang jetzt herein, und dazwischen wurde Bob Pöttmes' ärgerliche Stimme vernehmbar, ,9m Kanal hat's gerochen, wie in einem Schweinekoben!"
„Wissen Sie denn, wie es dort drin riecht?"
Man muß Luzie demnächst wieder einmal tüchtig über den Mund fahren, dachte Jffland. Aber als er die Tür öffnete, war das Mädel mit seinem Begleiter bereits wieder verschwunden. Nur Klau- bines dunk'e Stimme war jetzt vernehmbar, bie eben dem Zimmermädchen Anweisung gab, in welcher Reihenfolge man die Gäste bei Tisch setzen wollte. Das beruhigte ihn, und er zog sich wiener
zurück. Sie würde keine Taktlosigkeit begehen. Er kannte seine Töchter. Waren sie auch moderne Mädchen, Sitte und Form wahrten sie ttotzdem, wie es alle Jfflandsfrauen von jeher getan hatten.
Als der Schritt feiner Aeltesten im Korridor verklang, schloß er das Fenster und ging in sein Schlafzimmer hinüber, um sich umzukleiden.
♦
Kaspar Jfflands ältester Bruder Hans, der sich seinerzeit geweigert hatte, die Laufbahn eines Geistlichen zu ergreifen, war durch eine glückliche Heirat Großindustrieller am Rhein geworden. Er hatte die Tochter Egon Heßlins, des Stahlkönigs, auf einem Ball kennengelernt, und das schöne Mädchen hatte sich Hals über Kopf in den schmucken Hans Jffland verliebt, sich bald mit ihm verlobt und nach Jahresfrist verheiratet.
Und das Experiment, wie der alte Heßlin diese Ehe genannt hatte, war über die Maßen gut geglückt. Das Zusammenleben des jungen Paares verlief ungemein harmonisch. Ein Sohn machte das Glück voll, wenigstens annähernd, denn um es ganz voll zu machen, hätte ihnen auch noch eine Tochter geschenkt werden müssen.
Aber es blieb bei diesem einen Sohn.
Dieser zählte jetzt fünfundzwanzig Jahre und war, was man einen tüchtigen Kerl nennt. Der alte Heßlin, vernarrt, wie nur ein Großvater in feinen einzigen Enkel vernarrt fein kann, behauptete, er hätte alle Vorzüge der Jffland-Heßlinschen Generationen in sich vereint, angefangen von der Untadeligkeit der Gestalt bis zu der Männlichkeit der Züge. Trotz feiner Jugend war er ein schon fertiger Charakter, und was wohl die größte Seltenheit war, die Belegschaft der Heßlinschen Werke, die gegen fünftausend Mann zählte, hielt zu ihm, wie nur je eine Arbeiterschaft zu ihrem Brotherrn halten konnte.
Dabei war der junge Jffland kein Schmeichler. Er warb nicht, versuchte auch nicht, sich durch irgend» welche Kompromisse lieb Kind zu machen — er war ganz einfach von unbestechlicher Gerechtigkeit, das war alles.
Seine beiden alten Herren, wie Jffland junior den Vater und Großvater nannte, behaupteten zwar, auf diese Weise würde der Betrieb fast zum Allgemeingut von Arbeitern und Unternehmern, aber bas chien für die Heßlin-Werke nur von Vorteil zu ein. Die Schlote rauchten Tag und Nacht. Die Ma- chinen stampften! In ununterbrochener Schicht wechselten die Arbeiter durch die riesigen Tore.
Zuweilen, wenn der alte Heßlin den Enkel in der Fabrik suchte, fand er ihn aus der Unzahl von blauen Kitteln gar nicht heraus. Hans Jffland junior hatte fein Ingenieur-Examen mit Auszeichnung bestanden und war außerdem ein glänzender Geschäftsmann. „Er sollte eigentlich Heßlin heißen", nörgelte der Großvater, was zur Folge hatte, daß man mit den Jahren nicht mehr vom „jungen Iss. land", sondern vom „jungen Heßlin" sprach.
(Fortsetzung folgt 1)


