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Montag, st.Mrz 1935

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Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Nr. 59 Zweites Matt

EchwarzerLäger Eleonore.

Zum 150. Geburtstage des Lützower Heldenmädchens am 11. März.

Eleonore Prochaska wird im SefdV i" 6-^d'ch uermunDef

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Der Jäger August Renz von der Lützowschen Freischar schreibt einen Brief nach Hause. Tief beugt er sich über das Papier, damit nicht ein Ka­merad im Üeberrnut einen Blick auf denLiebes­brief" wirft. Aber Renz fürchtet nicht die Neckerei, sondern etwas viel wichtigeres, das sein weiteres Derweilen in 'der kampflustigen Schar unmöglich machen könnte. Der Brief enthält das Geheim­nis des wackeren Jägers, der den Bruder in Potsdam herzlich bittet, dem Dater schonend mit­zuteilen, daß seine Tochter Eleonore sich unter dem Namen August Renz als Soldat zu den Frei­willigen begab, die das Vaterland von der Herr­schaft des 'Korsen befreien wollen.Mein Entschluß wurde unumstößlich, denn ich war im Innern mei­ner Seele überzeugt, keine schlechte oder leichtsinnige Tat zu begehen", fielst in dem Brief zu lesen.Sieh nur nach Spanien und Tirol, wie da die Weiber und Mädchen handelten; ich verkaufte also mein Zeug, um mir erst eine anständige Manneskleidung zu kaufen, bis ich Montierung erhalte; dann kaufte ich mir eine Büchse für acht Taler, Hirschfänger und Tschako für dreieinhalb Taler zusammen. Nun ging ich unter die schwarzen Jäger; meiner Klugheit kannst Du zutrauen, daß ich unerkannt bleibe."

Was Eleonore Prochaska in diesem Bries aus dem ersten Biwak an ihren Bruder schreibt, bewahrheitet sich; ihr Entschluß, hinter den jungen Patrioten nicht zurückzustehen, die ihr Leben für die Sache des Vaterlandes einsetzen wollen, wird in ebenso sicherem Selbstvertrauen durchgeführt,, wie er begonnen worden ist. Dem Soldatenkind, das im Militärwaisenhaus in Potsdam aufgewachsen war, wo sie für den Vater, einen invaliden Unteroffizier, und ihre Geschwister Sorge tragen mußte, ist das Kriegshandwerk allerdings von früh auf vertraut und es weiß sich im kameradschaftlichen Zusammen­leben mit den Lützower Jägern, deren Uni­form es nun trägt, wohl zu behaupten. Wieder gibt ein Brief Eleonores an den Bruder, den sie zu ihrem Vertrauten gemacht hat, ein Zeugnis ihrer heiteren selbstverständlichen Einfügung in die Sol­datenschar.Wegen meiner Stimme necken sie mich,

da habe ich mich für einen Schneider ausgegeben; die können auch eine seine Stimme haben. Zu tun gibt es im Biwak genug, denn außer mir ist nur noch ein einziger Schneider bei der Kompanie, ein bucklicht altes Männchen, das sie nirgend als Sol­daten annehmen wollen; aber unser Hauptmann sagte: ,Jm Kriege sieht Gott nicht den Buckel, son­dern das Herz an, wenn das nur auf dem rechten Fleck filjt*. Mit dem halt ich zusammen und nähe und wasche fleißig, und weil ich mich auf die Küche verstehe, mögen sie mich alle gern." Kein Wort des Verdrusses darüber, daß sie nun wieder Frauen­arbeit tun muß, sie ist stolz darauf, zu Lützows wilder verwegener Jagd zu gehören. Sicherlich wird auch noch der Tag kommen, wo sie sich als Soldat bewähren kann!

An vielen siegreichen Gefechten nimmt Eleonore Prochaska im weiteren Verlauf der Unternehmun­gen der Jäger teil, immer in der vordersten Reihe, 'wenn die Kugeln pfeifen. Im Gefecht an der Göhrde am 16 September 1813 bei Lüneburg, das die tapfere Schar schwere Opfer kostet, nimmt sie, als der Trommler gefallen ist, eine französische Trommel auf und wirbelt auf ihr zum neuen An­griff. Ein Kamerad, der neben ihr geht, ruft ihr anerkennend zu:Du verstehst dich doch auf alles, du schneiderst, kochst, wäschst, singst und schießt, wie keiner es besser versteht, und nun -bist du auch noch Tambour!" August Renz lacht.Ein Potsdamer Soldatenkind muß sich auf alles verstehen!" Nun stimmt er zum Lied der Trommel noch einen er­munternden Gesang an und stürmt der kleinen übrig gebliebenen Kampftruppe todesmutig voran. Eine Kartätschenladung trifft die angreifenden Schwarzen Jäger.Unser tapferer Tambour stürzte neben mir", berichtete Leutnant Förster spater darüber,krampfhaft hielt er den Zipfel meines Ueberrockes fest und rief mit jammervoller Stimme: Herr Leutnant, ich bin ein Mädchen!" Ohne darauf zu achten, riß ich mich los, nur wenige Schritte noch, und wir standen in der Schanze Da plötzlich kam mir der Hilferuf unseres armen Trommelschlägers wieder ins Gedächtnis; dunkel

schwebten mir die Worte vor, die Renz mir zu- gerufen. Ich stürzte zurück nach der Stelle, wo ich noch manch anderen Freund hatte fallen sehen. Um Renz fand ich einen unserer Aerzte beschäftigt; eine Kartätschenkugel hatte ihm den Schenkel zer­schmettert; man hatte ihm den beklemmenden Waffenrock geöffnet; der schneeweiße Busen verriet in pochenden Schlägen das jungfräuliche Helden­

herz. Kein Laut der Klage kam über ihre Lippen, um die noch sterbend ein beseligtes Lächeln schwebte." Drei Wochen lag sie im Todeskampf, als Soldat ohne Murren und Klagen die Schmerzen ertragend. Dann geleitete man sie zu Grabe. Die Fahne senkte sich, drei Gewehrsalven hallten. Ein Kamerad aus der schwarzen Schar hatte sein Leben gelassen für seine Brüder.

Schwierigkeiten von einst.

Die Kleinstaaten als Hindernis des Verkehrs.

Noch erinnern wir uns daran, daß alle möglichen notwendigen Verwaltungsmaßnahmen an der Län­derwirtschaft im Reich scheiterten. Gerade die la n d- wirtschaftliche Verwaltung ist ein Schul­beispiel dafür gewesen. Heute ist dagegen gerade auf dem Reichsnährstandsgebiet wertvolle Pionier­arbeit zur Ueberwindung dieser Grenzen geleistet worden. So wurden bei der Neuregelung der Milchwirtschaft die notwendigen Ge­bietseinteilungen phne Rücksicht auf die Landes­grenzen durchgeführt. Auch beim Aufbau der natio­nalsozialistischen Marktordnung und bei an­deren Erzeugnissen hielt man sich nicht mehr an bestehende Grenzen und Zuständigkeiten. Inzwi­schen ist auch die Zusammenarbeit der Reichs- und Länderbehörden bei der Neubildung deutschen Bauerntums und den drän­genden Aufgaben des Landeskulturwerkes a u f neue Grundlagen gestellt worden.

Es wird nicht mehr lange dauern, daß man sich kaum noch vorstellen kann, was für Schwierig­keiten einst bestanden. Das Jahr 1935 als Ge­denkjahr für das hundertjährige Bestehen der deutschen Eisenbahnen läßt die Er­innerung an die früher bestehenden Hemmnisse er­neut wach werden. Wir sehen, wie damals die Dielstaaterei sich als Hindernis für die Verkehrs­entwicklung auswirkte. Der Reichsbahnkalen­der berichtet über die Schwierigkeiten im Rhein- Main-Gebiet. Die staatliche Zerklüftung machte dort beim Eisenbahnbau stets den Abschluß einer Reihe vonStaatsverträgen" zwischen den von der geplanten Eisenbahn berührten Staaten

notwendig. Auch die Einwirkung der Landesfür­sten und der Parlamente war für den Bau und die Linienführung fehr ungünstig. Um die vom Kurfürstentum Hessen-Kassel Hanau-Bebraer Bahn nichtdas Ausland Hessen-Darmstadt" be­rühren zu lasten, führte man sie ganz durch kurhessifches Gelände, ein Plan, der den Bahnbau wegen der zu überwindenden Steigungen unnötig verteuerten, und nicht den natürlichen Weg durch das Tal der Fulda. Der damalige Kurfürst von Hessen-Kassel soll den Ausspruch getan haben: Ich werde meine Bahn doch nicht durch das Aus­land führen".

Auf ähnliche Einwirkungen soll auch der große Viadukt über das Usatal zwischen Friedberg und Bad-Nauheim der Main- Weser-Bahn zurückzuführen fein. Der Großherzog von Hessen wünschte,daß die Bahn im Osten von Friedberg, dicht an der Burg herführend angelegt werde, damit er vom Schloß aus den Verkehr beobachten könne." Der Kurfürst von Hefsen-Kassel dagegen konnte die gleiche Bahn nichtam Johan­nisberg in Bad-Nauheim vorbeiführen lassen, da er sich dort ein Schloß bauen wolle". Auch in den Parlamenten kämpfte man gegen dasAusland". So mußte Staatsminister Du Thiel 1838 im Hessischen Landtag die Konzessionierung der Tau­nus b a h n (Frankfurt a. M.KasselWiesbaden) verteidigen.Man behauptet, die Mainzer Gesell- schäft wolle das Land zugunsten des Auslandes verraten und jeder, der eine abweichende Meinung habe, fei wohl bestochen".

Dreihundert Lahre Llnsterbliche.

Von unserem I.-Äerichterstatier

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Paris, Februar 1935.

Die Academie Fran^aife feiert ein stol­zes Jubiläum Dor dreihundert Jahren fchuf ein Richelieu diese Körperschaft dervierzig Un­sterblichen", die sich im Frack mit der Palme be­mühen, die französischen Sprache rein und unversehrt zu halten. Ihre drei Wörterbücher drei Bücher in drei Jahrhunderten haben sorgfältig das Ebelgut der französischen Sprache gesammelt. Ihre andere Aufgabe, gewissermaßen der Literatur die Regeln zu geben, sie zu über« wachen und Auswüchse fernzuhalten, hat zwar einigermaßen an Bedeutung verloren, immerhin aber gilt die Acadömie noch als oberste Schönheits- reglerin. Und der Traum, jemals im Palmenfrack zu erscheinen, den Unsterblichen zugerechnet zu wer­den, lebt in jedem Franzosen.

Als der große Kardinal im Kampf gegen die aristokratische Fronde und in den Glaubenskriegen Frankreich für zwei Jahrhunderte zusammen­schmiedete, galt das Wort von 1598:Der Wille des Königs macht allein das Gesetz aus." Aber dieser König, Ludwig XIII., war schwach, und Richelieu hatte zumindest gegen feine Gegnerschaft ebenso zu kämpfen wie gegen feine hochgestellten Feinde. Aber er wußte um das französische Wesen. Er erkannte, daß der Franzose trotz gelegentlicher tumultuarischer Neigungen im Grunde ein Mensch

ist, dem das Scheinen vor das Sein geht, der nicht um der Wahrheit und der Freiheit wil­len sich wie der andersgeartete Deutsche vom Nächsten trennt. Und daher ist der Franzose der Mann des Rücksichtnehmens, der gesellschaftlichen Talente, der ft r e n g e n Regeln im Verkehr, und feine Erziehung entwickelt ihn zu einem Muster­schüler, dessen Ziel der bei der Schlußprüfung ver­liehene Preis ist. Diese Erziehung formt die Men­schen des französischen Landes seit Jahrhunderten. Das Ziel ist der Demokrat, der sich durch ein Bänd­chen vom anderen auszeichnet, ist der in seiner Schicht lebende Franzose, der sogar die Ehe peinlich danach gestaltet, was die Verlobte mitbringt und welchem Kreis sie entstammt.

Montesquieu, der selbst der Akademie an­gehörte, sagte von sich:Ich war der Freund aller Geister und der Feind aller Herzen." Damit drückt er auch die gegenwärtige französische Praktik aus, die ein starkes Gegengewicht gegen die Parlaments­spielerei ist. Diese Politik besteht für den Fran­zosen darin, fchlechte Gesetze zu machen, die der Mißbrauch korrigiert. Aber immer wieder flüchtet er in den Zwang der Regel, in das Dasein des Schichten-Menschen. Im Gegensatz zur deutschen Individualität ist der Franzose in erster Linie ein zoon politikon, ein geselliges Wesen; und ihn dazu zu machen, bedurfte es zweier Genies, das Bona­partes und das Richelieus. Wie Napoleon politisch

Gießener Konzertverein.

IV. Solistenkonzert

Wohl eine jede unserer deutschen Streichquartett- Vereinigungen trägt ein eigenes Gepräge, das sich neben reichem musikalischem Vermögen in der Art der Klanagestaltung wie in der Auffassung er­kennen läßt. Das Huber- Quartett (München) er­wies sich als eine musikalisch äußerst günstig fun­dierte Spielergruppe. Trefflich in den einzelnen Stimmen besetzt, gleichwert in jeder Hinsicht, ver­einigen sich die vier Künstler in überaus abgewoge­nem Ausgleich des Zusammenspiels ohne eigen­williges Aervortreten des einzelnen. So berührt einen besonders der schöne satte Klang, voll Wärme und Innigkeit, mit seiner überaus großen Modula­tionsfähigkeit: schwebend im Piano blüht der Ton zu fast orchestraler Klangfülle auf, stets aber dabei frei von der geringsten Scharfe des Klanges bleibend. Im Quartett war übrigens eine Um­besetzung notwendig geworden: als Bratscher wirkte an Stelle von Herrn Adalbert Huber Professor Härtel mit. m # .

In der Durcharbeitung der einzelnen Werke wird einem die überaus sorgsame und liebevolle, aber nie überspitzte Behandlung des Thematischen auf­fallen, ein Herausarbeiten sowohl im Dynamischen wie auch in der besonderen Modifizierung des Tempos.

Die Wiedergabe von Beethovens r - -0 u r s Quartett (op. 59, 1) ließ aufhorchen durch die tiefeindringende Gestaltung, die den ersten Satz in scharfer Profilierung des Hauptthemas heraus­wachsen ließ. Mit feinem Eingehen auf die ein­zelnen Episoden erklang das Scherzo. Voll innerer tiefer musikalischer Gebundenheit das Adagio mit feinen reichen Solostellen für die einzelnen Instru­mente, stets in der äußerst peinlichen Abschattierung Thema und Figurierung in Kontrast stellend. Das Finale war in seinem Aufbau glänzend durch­geformt.

Hatte Professor Joh. H o b o h m sich hier in Gießen schon bei früheren Gelegenheiten als ein Meister musikalisch durchglühter Anschlagskunst ge­zeigt, so wurden diesmal durch ihn Regers Bach-Variationen zu einem allerstärksten Erleben. Bei bis ins einzelnste gehender Artikulie­rung trug jede der Variationen bei durchsichtiger Klarheit ihr eigenes Gesicht; stets war die Stim­mungssphäre sicher eingefangen und bis zum letz­ten aufgeschlossen. So fügte sich jede Veränderung dem Aufbau des Ganzen in großem Zuge organisch ein: das gab ein Wachsen, ein Steigern zu höchstem Ausmaß. Die Schlußfuge entfaltete sich aus dem Piano heraus in ausgeprägter Uebersichtlichkeit;

scharf gegliedert in ihren Entwicklungsstadien; im­mer sich türmend zu immer größeren Dimensionen, die Thematik bis in die entfernteste Einzelheit auf­leuchten lassend.

Die Verschmelzung beider Klangkörper wurde in dem f-Moll - Klavier-Quintett (op. 34) von Joh. Brahms zu einem Faktor, der die Vor­züge dieses Werkes ins Helle Licht setzte, noch dazu, wo die klangliche Nachgiebigkeit sowohl der Strei­cher wie auch des Klaviers Brahms besonders nahe führte. Im Kopfsatz ein deutliches Herausheben der Themen in ihrer Individualität, ein Sich-Finden in der höheren Einheit des Werkes mit Freude am Klange das Andante in seiner Innigkeit im Trio des Scherzos reich aufblühende Melodik. Innerlich schwer gebunden wurde die Einleitung des Finale erschlossen, einkehrend in tiefstes Ahnen; das nach­folgende Allegro erwuchs in dem Wechsellicht seiner Themen.

Stark war der Beifall nach jedem Werk, immer wieder neue Hervorrufe; ein spontaner Dank der Hörer denen, die sich als berufene Künder der Schöpfungen unserer Größten erwiesen hatten.

Dr. H.

Lieber kleiner Orona

von Paul E'pper

Drang Utan; in deutscher Übersetzung heißt die- ses malaiische Wort: Waldmensch! Wenn die zoolo­gische Wissenschaft nicht schon längst für den Drang (und für Schimpanse und Gorilla) die Bezeichnung Menschenaffe" geprägt hätte, beim Anblick eines jungen Drang würde jeder Laie die Menschenähn­lichkeit ohne weiteres feststellen. Solch ein kleines, rostrot bepelztes Geschöpf kann man gar nicht an­ders betreuen als ein Menschenkind; das hqben die Tiergärtner wohl erkannt; ich weiß einen Zoo, in dem eine als Säuglingsschwester ausgebildete junge Dame die Menschenaffenstation betreut.

Es kommt nämlich nicht allein darauf an, daß ein junger Drang richtig gefüttert, sauber gewaschen und gebürstet wird, die nötige Bewegung hat und ein warmes, weiches Bett für die Nacht. Diese emp­findlichen und empfindsamen Lebewesen brauchen auch seelische Anregung, damit ihr Gemüt nicht ver­kümmert. Vor dem Alleinsein hat jeder junge Men­schenaffe Angst; er will in den Arm genommen und gestreichelt werden. Langeweile darf nicht sein; daraus wird Melancholie, und dann leidet der Ap­petit, die Verdauung.

Ist aber ein junger Drang in guten Pflegerhän­den, so beglückt er uns durch feine Schelmerei, durch Klugheit, vor allem durch fein anhängliches Wesen

und durch seine Dankbarkeit für empfangene Wohl­taten. Allerdings, auch jähzornig sind oft die jun­gen Drangs, rechthaberisch und eigensinnig; wenn sie nicht sofort ihren Willen bekommen, werfen sie sich zu Boden, strampeln mit allen Vieren, schreien und zetern, als wären sie bei lebendigem Leib ge­rädert. Da hilft dann keine brutale Gewalt; auch mit Schlägen ist wenig auszurichten, und dennoch muß sich der menschliche Pfleger alsAutorität" durchsetzen, darf nicht immer nur nachgiebig sein. Wer ein Herz für Tiere hat, wer Güte nicht mit Sentimentalität verwechselt, sondern seine Tierliebe, mit Beobachtung und Verständnis paart, der wird auch in der Erziehung von jungen Drangs bald den rech­ten Weg finden.

Eine große Hilfe ist dabei das ausdrucksvolle Mie­nenspiel der Tiere. Ich habe in meinem Leben mehr als hundert kleine Drangs aus nächster Nähe ange- fehen, bin manchen Tag von früh bis spät mit vier oder fünf Affenkindern zusammengewesen; immer wieder mußte ich voll Erstaunen feststellen, daß jedes in Benehmen und Charakter anders war als felbst feine Blutsgeschwister. Das eine wollte still auf den Arm genommen und sanft getätschelt wer­den; wenn man dabei ein Liedchen leise vor sich hin fang, kniff der kleinebeglückt" die Augen zu; während ein anderes Drangkind ganz allein ein» fchlafen wollte, durch die Nähe des Menschen sofort zum Spiel verleitet wurde, selbst wenn ich es noch so aut in sein Heubett eingevackt hatte.

Wie verschieden sind die Spielregeln der Drang­kinder! Da gibt es Rüpel, die immerzu schreien und jauchzen müssen, die in tollem Uebermut am frei hängenden Kletterseil hinaufflitzen, übers Decken- gebält weghangeln und ehe der Mensch auch nur auf den Gedanken kommt, schon wieder drüben her­untersausen, heimlich von hinten den verdutzten Ka­meraden ins Bein kneifen.

Ich weiß von einemDrang-Mädchen", einem dunkelbraunen, sanften Geschöpf, das am liebsten stillsaß beim Spiel, so lange miefte, bis der mensch­liche Freund auf dem Boden hockte. Dann setzte sich das Tier dicht vor ihn; ein Strohhalm wurde auf­gegriffen, und damit kitzelte die kleine Aeffin meine Hände, mein Gesicht; je tollere Grimassen ich schnitt, je mehr ich lachte, um so vergnügter wurde das Tier. Nur als mir der Strohhalm in die Nase kam, als ich laut und stürmisch niesen mußte, da floh meine kleine Affenfreundin entsetzt auf das oberste Querbrett des Spielraums und war den ganzen Nachmittag nicht mehr herunter zu locken.

Sairu, ein etwa zwei Jahre alter Drang, ist ein leidenschaftlicher Freund von Reisbrei (aber mit Milch gekocht!). Wenn fein Pflegevater ihn mit dem Löffel füttert, dann kann der sonst recht quecksilb­rige Bursche wunderschön still sitzen. Geht ob°r die

Herrlichkeit zur Neige, bettelt er, bis er den Topf in die Hände bekommt, setzt ihn an die Sippen, neigt und kippt ihn; kein Wunder, daß schließlich das ganze Gesicht weiß und milchbeklebt ist, der schüttere Kinnbart auch. Das hat jedoch sein Gutes; nun kann man sich viertelstundenlang beschäftigen, nicht gerade sehr wohlerzogen, nämlich mit genuß­vollem Ablecken eines jeden Fingers. Vorausgesetzt, daß der Wärter nicht Schwamm und Wasser bringt, eine gründliche Wäsche für notwendig hält.

Soll man nun schreien, zornig die Zähne zeigen? Nein, in der linken Hand hat der Mensch irgend etwas verborgen, eine Feige, eine Nuß; da mutz man dahinter kommen als neugierig-naschhaftes Drangkind.

Junge Menschenaffen brauchen, wie alle Kinder, sehr viel Schlaf. Wenn der Tag verdämmert, ebbt auch die wildeste Spielleidenschaft ab; man kauert sich still in einen Winkel. Manchmal meine ich, solch ein kleiner Drang träume schon im Wachsein fried­lich vor sich hin; aber dann sehe ich, daß das Tier eine Blume, ein Laubblatt, irgend eine bislang versteckteKostbarkeit" schnuppernd an seine Nase hält.

Zeitschriften.

In der Märznummer beginnen Westermanns Monatshefte mit der Veröffentlichung des neuen Romans von Dtfo BrüesFliegt der Blau- fuß?" Ein Gegenwartsroman, der feine starke in­nere Spannung vom Stoff her erhält, nämlich von dem jahrhundertelangen, heute wieder unerhört er­bittert durchgefochtenen Kampf der uns blutsver­wandten Flamen um Behauptung des eigenen nie­derländischen Volkstums gegenüber der französisch- wallonischen Uebermacht. Der Weg deutscher Land­schaftsmalerei im 19. Jahrhundert, der von den strengen klaren Formen der Klassik über roman­tisch-sentimentale Jdyllik zu der wahrhaften deut­schen Romantik führt, die neben andächtiger Hin­gabe vernunftsgemäße Durchdringung der Natur verlangt, schildert Universitäts-Professor Dr. A. E. Brinckmann. Zum Heldengedenktag schreibt Prof. Dr. Philipp Witkop, vom Erlebnis des ewigen Frühlings aus bisher unveröffentlichten Kriegsbrie­fen junger Gefallener. Neue Forschungsergebnisse über Vorgänge unsres Milchstraßensystems ver­mittelt die' AbhandlungDas Metall zerstiebt" von Hanns Derstroff.Bauernmädel lernen wieder (pin­nen und weben" nennt Liselotte Gervais ihren Bei­trag, der die Wiedererweckung bäuerlicher Volks» kunst in der jüngsten Generation der weiblichen Bauernjugend durch planmäßige Schulung in der Arbeits- und Wohngemeinschaft der ersten Web» schule in Pommern schildert