Nr. 158 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, lÜ.Zuli 1955
Aus der Provinzialhauptstadt
dienstpflicht der Reichszeitung „Deutscher Arbeits- I dienst" (Verlag Deutscher Arbeitsdienst, Berlin SW
Der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, und Reichsleiter der Deutschen Arbeitsfront Dr. Robert Ley veröffentlicht in der Sondernummer Arbeits-
Ein ganzes Schaffensjahr hat Felix Lützken- darf seinem Drama „A l p e n z u g" geopfert; er nennt es im Untertitel „Ein Schauspiel vom Untergang der Kaiser und von der heiligen Ewigkeit des Reichs". — In einigen Monaten wird I. Wies- s a l l a sein Lustspiel „Ohne Gesicht" abgeschlossen haben, während das neue Lustspiel von Bruno Wellenkamp unter dem Titel „Ein Geschenk des Himmels" bereits vorliegt.
Alfred Möller arbeitet gleichzeitig an zwei neuen Werken — gemeinsam mit Hans Lorenz an einem Gesellschaftslustspiel, das im Herbst bereits zur Uraufführung gelangen soll, und an einer großen Operette, zu der Horst P l a t e n die Musik schreibt.
Von dem mecklenburgischen Dichter Friedrich Griese werden wir laut eigener Aussage in der kommenden Spielzeit kein neues Werk erleben, während Siegmund Graff, seit Jahren schon einer der erfolgreichsten deutschen Bühnendichter, erst im Herbst einen dramatischen Stoff anzugreifen und auszuführen gedenkt, der ein ernstes Thema behandelt. H. W. C.
as gibt es Aeues in der kommenden Spielzeit?
Arbeiten und pfäne der deutschen Dramatiker.
Wege, deren Richtung allein der über allem Planen und Geschehen stehende Grundsatz „Gemeinnutz vor Eigennutz" wies. Das Reichserbhofgesetz riß das Bauerntum aus den verderblichen Klauen des Kapitalismus. Das Reichsnährstandsaesetz hat mit seiner Marktordnung die wichtigsten Gebiete der Ernährung erfaßt und geordnet zum Segen und Nutzen für Bauer und Städter. Die Mehrerlöse der Landwirtschaft — die Einnahmen stiegen im Jahre 1933/34 von 6,5 Milliarden Mark auf 7,2 Milliarden Mark und im Jahre 1934/35 sogar auf 8,2 Milliarden Mark — sind im wirtschaftlichen Kreislauf starke Antriebe für die Arbeitsbeschaffung geworden, wie auch die Erhaltung der Kaufkraft der Verbraucher arbeitserhaltend und arbeitsbeschaffend gewirkt hat.
So hat die nationalsozialistische Agrarpolitik das Ihre getan, auf dem Weg zur Rettung des deutschen Bauerntums im gleichen Schritt und Schritt mit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit vorwärts zu kommen. So wollen wir als Städter, wenn wir im Urlaub aufs Land kommen, das unsere dazu beitragen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Schicksalsverbundenheit von Stadt und Land zu stärken und zu vertiefen.
Deutsche Arbeitsfront.
Verwaltungsstelle 19, Gießen.
Wir weisen unsere Mitglieder nochmals darauf hin, daß der Einzug der Mitgliedsbücher zwecks Umschreibung bevorsteht. Sämtliche Rückstände müssen bis zum Einzug der Bücher entrichtet sein. Mitgliedsbücher, welche größere Rückstände aufweisen, werden wertlos.
Wir bitten unsere Mitglieder, ihre Mitgliedsbücher auf den Rückstand zu prüfen und evtl. Rückstände bei den Ortsgruppen durch Nachzahlung aufzuholen.
Die Gießener Ortsgruppen der DAF. haben wie folgt Sprechstunden:
Gieß en-Mitte: Goethestraße 29: Montag, Donnerstag, Freitag von 17 bis 21 Uhr.
Gießen - Nord, Ederstraße (Wirtschaft Nohl): Montag und Freitag von 17 bis 21 Uhr.
Gießen-Süd, Frankfurter Straße 23: Montag, Mittwoch, Freitag von 17 bis 21 Uhr:
Gießen - Ost: Licher Straße 17: Freitag von 19 bis 21 Uhr.
Arbeitsdienst-Oas Gesicht der Nation.
Besinnlichkeit im Urlaub.
VA. Besinnlichkeit — dieses Wort liegt uns ebenso fern wie Postkutschenzeit und Tagebuchschreiben und will ebensowenig in unsere Zeit passen wie diese. Und trotzdem ist nichts dienlicher und förderlicher für uns selbst, als von Zeit zu Zeit etwas Besinnlichkeit zu üben. Keine Zeit ist wohl besser dazu angetan als der Urlaub, den wir uns in einem arbeitsreichen Jahre verdient haben. Schon mit dieser Feststellung besinnen wir uns, wenn auch nur auf uns und unseren Wirkungskreis. Wir stehen aber nicht allein in Deutschland, wir arbeiten auch nicht um unserer selbst willen, sondern Unsere Arbeit, ja überhaupt unser Dasein haben nur Zweck und Inhalt, wenn wir sie als Teile eines großen Ganzen, unseres Volkes nämlich, auffassen. So darf auch unsere Besinnung nicht ^bei unserem engeren Wirkungskreis stehen bleiben, sondern muß sich weiter erstrecken auf unseren gesamten städtischen Lebensraum und darüber hinaus auf den anderen großen Lebensraum unseres Volkes, das Land. Stadt und Land, diese beiden großen Lebens- und Schaffensräume in Deutschland und ihr Verhältnis zueinander bestimmen das Schicksal unseres Volkes. Keiner ist ohne den anderen denkbar; denn wir wollen ja das Rad wirtschaftlicher und kultureller Entwickluna nicht zurückdrehen, — keiner kann ohne den anoeren leben. Auch hier gibt uns der Urlaub die beste Veranlassung, uns auf das zu besinnen, was uns das Land und das Bauerntum bedeuten, denn wohin wir auch fahren, immer wird uns unsere Reise durch Felder und Fluren führen, wo wir den Bauer bei seiner schwersten und auch schönsten Arbeit, dem Einbringen der Ernte, sehen.
Vor zweieinhalb Jahren war es, als der Führer das bis dahin durch Mißverständnisse und bewußte Hetze völlig zerstörte Verhältnis zwischen Stadt und Land auf die naturgegebene Schicksalsverbundenheit zurückführte, indem er die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und die Rettung des deutschen Bauerntums als zusammen zu lösende, vordringlichste Aufgaben des jungen Staates herausstellte. Mit dieser, im Sinne des Aufbaus einer wahren Volksgemeinschaft unentbehrlichen Verkoppelung der Interessen von Stadt und Land war auch eine völlig neue Methode der Lösung beider Aufgaben notwendig. Mit den bisherigen agrapolitischen Methoden der Preiserhöhung, des Zollschutzes oder Kontingentierung hätte man wohl für den Augenblick der Landwirtschaft schneller und leichter helfen können, aber nur auf Kosten der städtischen Verbraucher und ihrer Kaufkraft, auf die Dauer also auch zum Schaden der Landwirtschaft. Deshalb ging die nationalsozialistische Agrarpolitik grundsätzlich neue I
feit". „Irrfahr t", ein dramatisches Gleichnis in vierzehn Szenen, nennt Paul Beyer fein in der nächsten Spielzeit herauskommendes Bühnenwerk.
Jochen Huth wird sein neuestes Stück vermutlich „Der siebente Tag" taufen. Hier bemüht sich der Dichter, den Typ des Angestellten zu zeichnen und gleichzeitig auch anzugreifen, der sein alltägliches Leben einem Traum vom Leben opfert, für den er ein Jahr lang spart, um dann im Urlaub nur diesem Phantom zu leben.
Seit Greta Garbo die schwedische Königin Christine im Film verkörperte, beschäftigt die seltsame Gestalt die Dichter, auch die Dramatiker wieder: Sie wird nun auch die Hauptfigur und Heldin des neuen Stücks von Roland Schacht fein, das den Konflikt zwischen Staatsmann und Individuum in moderner Prosa zu gestalten bemüht ist.
Noch hallen in der deutschen Kulturwelt die grundlegenden Ausführungen des Reichsminifters Dr. Goebbels nach, die er anläßlich der zweiten Reichstheaterwoche in Hamburg der Oeffent- lichksit unterbreitete —: hier ward neben grundlegender Kritik Richtunggebendes und Zukunftweisendes dem seit Beginn des Dritten Reiches in ebenso ernster wie notwendiger Umschichtung befindlichen deutschen Theater so gut wie den deutschen Dramatikern dargeboten — ähnlich, wie es Minister Goebbels in seiner Ansprache an die in seinem Ministerium versammelten Vertreter der preisgekrönten Abteilungen des Arbeitsdienstes tat, die sich an dem Wettbewerb „Die Lagerbücherei" beteiligt hatten —: „Wir müssen auch jene Manuskriptschreiber und Dichter haben, huf die die Nation niemals verzichten kann, wenn sie nicht überhaupt auf den Rang eines Kulturvolkes verzichten will!" — und ähnlich, wie es der Präsident der Reichsschrifttumskammer Hans Friedrich B l u n ck im Namen der von Deutschland zur Dreihundert- Jahrfeier der „Academie fran^aise“ nach Paris entsandten Vertreter eindrucksvoll verkündete.
Anläßlich dieser mehrfachen Darlegungen und Forderungen von berufenster Seite scheint es doppelt interessant, sich mit den derzeitigen Plänen der deutschen Dramatiker für die kom- menbe Spielzeit zu befassen, von denen man aufschlußreiche Einzelheiten durch „Die Deutsche Bühne", das amtliche Organ des Deutschen Bühnenvereins erfährt.
Der Präsident der Reichsschrifttumskammer, Hans Friedrich Blunck selbst, ist mit feiner Arbeit für die kommende Wintersaison 1935/36 der deutschen Bühnen bereits fertig —: es handelt sich um eine Neugestaltung feines im Jahre 1920 entstandenen Schauspiels „D i e Frau im Tal", dem sich damals die in verzweifelter Richtungslofigkeit umher- tastenden deutschen Theater versagten. Wilhelm v. Scholz ist dabei, ein Drama des großen Spaniers Calderon einer Nachdichtung zu unterziehen.
Mit einer umfangreichen Produktion wartet Friedrich B e t h g e, der Dramaturg der Städtischen Bühnen in Frankfurt, auf —: fertig zur Uraufführung ist das Drama „Pfarrer Pede r", das in Anlehnung an eine Novelle Strindbergs die Zerstörung einer harmonischen Pfarrerehe durch die Einführung des Zölibats schildert; gleichzeitig wird die Komödie „Die Blutprobe" den Bühnen angeboten, die an angebliche Kindervertauschungen in einem Krankenhaus anknüpft. In einer Neufassung wird man ferner fein starkes Schauspiel „Der Hungermarsch der Veteranen" erleben, und zwar entweder unter dem Titel „Ritter vom Georgskreuz" ober „Solbatenrecht", welche Titel von ben interessierten Bühnen in Vorschlag gebracht würben. Dies Drama wirb noch im kom- menben Monat auch als Buch im Verlag Albert Langen / Georg Müller herauskommen.
Cäsar v. A r x, ber auf beutschen Bühnen längst heimische schweizer Dichter, arbeitet an einem historischen Schauspiel „Der heilige Helb" unb gleichzeitig an einer Komöbie „Vogel, friß ober st i r b !", bie in ber Zeit vor bem russischen Felbzug Napoleons spielt.
Der preisgekrönte Dramatiker Hans Christoph Kaergel, innig verwachsen in seinem Schaffen mit seiner schlesischen Heimaterbe unb ihren Dolks- unb Blutkräften, wirb zunächst bas soeben fertig« gestellte Märchenspiel „Rübezahl" veröffentlichen, bas namentlich als ein Heimatgebunbenes Naturspiel für bie Weihnachtszeit gebucht ist. Daran soll sich noch ein zweites Spiel aus ber schlesischen Heimat schließen.
Ebenfalls zwei neue Werke werben bei Beginn der neuen Spielzeit von Hans Fritz v. Z w e h l vorliegen, unb zwar bas Drama „Zwischen den Reichen" und das Versdrama „Unsterblich-
11, Dessauer Straße 38) folgende Stellungnahme Zum Arbeitsdienstpflichtgesetz:
„Der Arbeitsdienst ist bas Gesicht bes nationalsozialistischen Deutschlanbs. Die roiebererftanbene Nation nahm freiwillig dieses Opfer spontan zu ihrer höchsten Pflicht. Noch nie ist ein Gesetz so wahrhaftig ein tief empfundenes Volksgesetz gewesen, wie das Gesetz über die Arbeitsbienstpflicht."
3n bem gleichen Heft nimmt ber Adjutant bes Reichsarbeitsführers H i e r l zur Arbeitsbienstpflicht wie folgt Stellung: „Die Krönung unserer bisherigen Arbeit haben wir am 26. Juni dieses Jahres erlebt. Der Sieg sei uns Ansporn unb Verpflichtung. Während bisher staatliche Institutionen vom Nationalsozialismus durchdrungen wurden, stellt der Arbeitsdienst die erste rein nationalsoziali- stische Einrichtung bar, die als Ganzes in unfern Staat eingebaut wird. In dieser Haltung wird der Reichsarbeitsdienst seine weiteren Aufgaben anfassen. Klein unb bescheiden hat ber Freiwillige Arbeitsbienst angefangen, groß unb bescheiden soll ber Reicksarbeitsbienst fein."
Auch Oie Wehrmacht nimmt in diesem Heft aus berufenem Munde zur Frage Arbeitsdienst und Wehrmacht Stellung. Charakteristisch sind folgende Ausführungen: „Das Wehrgesetz unb bas Arbeitsdienstgesetz gehören beide in engster Gemeinsamkeit zu den Grundsätzen bes nationalsozialistischen Staates. In der Einheit von Arbeitsbienst und Wehrmacht ist das innerste Wesen bes neuen nationalsozialistischen Deutschlanbs am kennzeichnendsten ausgebrücft. Der Sozialismus bes Arbeitsdienstes findet im Sozialismus bes Solbatentums seine Vollenbung. Die Erkenntnis dieser gegenseitigen Verbundenheit muß das kameradschaftliche Verhältnis zwischen den Angehörigen des Arbeits- dienstes und der Wehrmacht bestimmen."
In den Worten: „Für den deutschen Bauern gibt es keinen getreueren Mitkämpfer um die Verwirklichung bes Gebankens von Blut und Boden als den nationalsozialistischen Arbeitsmann", die in dem gleichen Heft in einem Aufsatz „Bauerntum und Arbeitsdienst" von einem der engsten Mitarbeiter des Reichsbauernführers Darre geschrieben wurden, liegt auch die enge Verbundenheit des Bauerntums mit dem Reichsarbeitsdienst. So gibt gerade dieses Heft, das eine Woche nach der Verkündung der Arbeitsdienstpflicht erscheint, einen tiefen und umfassenden Einblick in die harmonische Zusammenarbeit und die zwischen Arbeiter, Bauer und Soldat geschlossene deutsche Volksgemeinschaft, auf deren Schultern in Zukunft Deutschland sicher ruht.
Oie Entscheidung im Rundfunk« sprecherwettbewerb.
Sm Sendebezirk des Reichssenders Frankfurt am Main hatten sich rund 700 Personen zur Teilnahme am Rundfunksprecherwettbewerb gemeldet. Die einzelnen Kreise meldeten ihre besten Sprecher zum Bezirksausscheidungswettkampf nach Frankfurt am Main. Hier wurden unter 52 Sprechern die 10 Besten ausgesucht. Die gesamte Hörerschaft wird aufgefordert, von diesen 10 Sprechern ben Besten auszusuchen. Im Rahmen bes Bunten Abends, den der Reichssender Frankfurt am 13. Juli in Bad Homburg abhält, werden alle Hörer in der Zeit Zwischen 21 Uhr und 21.30 Uhr den Funkbericht dieser Sprecher am Lautsprecher hören können. Alle Rundfunkteilnehmer werden gebeten, bem Reichssender Frankfurt a. M. bis zum Dienstag, ben 16. Juli, mitzuteilen, wen sie für den besten Sprecher halten.
Billige Sonberzüge nach Berlin.
Anläßlich ber Großen Funkausstellung verkehren zu den großen Funktagungen verschiedene Sonberzüge aus bem Gau Hessen-Nassau nach Berlin. Es wirb ben Volksgenossen Gelegenheit geboten, am Samstag, ben 17. August, zu einem dreitägigen Aufenthalt nach Berlin unb am Sonntag, ben 18. August, zu einem fechstägigen Aufenthalt nach Berlin zu fahren. Die Fahrpreisermäßigung beträgt 75 v. H., die Teilnehmer zahlen also nur ben vierten Teil des normalen Fahrpreises. Anmeldun-
H'mbeervstücker im Hochwald
on Peter Bauer
Hinter unferm Dorf locken die herrlichen Rand- roälber des Gebirges. Es ist eine Luft, auf ihren verschlungenen Pfaden höhenwärts zu klimmen unb dabei in vollen Zügen ben herben Ruch von Laub unb Erbe zu atmen.
Ein Trauermantelpärchen faltert in tänbelnbem Liebesspiel, einander haschend und fliehend, ben verschütteten Weg vor mir her, ben zuweilen spärlich einfaüenbe Sonnenstrahlen golben durchgittern. Der gelbe Saum der schwarzbraunen Schmetterlingsflügel blitzt auf und verschwindet wieder.
Beiderseits des Weges wuchert der Wildwuchs üppigster Kräuter und Sträucher, die Kühle und Feuchtigkeit lieben: Zwischen riesigen Sträußen von Farnwedel, bie weithin einen Walb für sich bilben, schießen, übermannshoch, bie scharfgerippten Schäfte bes Kälberkropfs hoch, unb Einbeere unb Tollkirsche heben bie Hexenbecher ihrer bunkel- Dioletten unb grünen Blüten, in denen sich verruchtes Gift kredenzt. Nesseln und Klebkraut lauern ebenfalls, wenn auch weniger tückisch und gefährlich, auf einen Eindringling, und ber widerhakige Hopfen, ber jeben Stengel umroinbet, ben er greifen kann, webt oft unburcAringliche Dickichte.
Plötzlich riecht hinter einer Wegbiegung der Wind nach Himbeeren. Der köstliche Duft weht aus einer Lichtung, bie sich breit bis zu einem Fahrweg hinunter über ben Hang Bahn bricht. An ber schrägen Wanb klettern Männer, Frauen unb Kinder in einer Wirrnis von borstigen Hecken herum, deren grtne Ruten sich zu Girlanden und Bögen verschlingen, unter denen sie sich kaum zu bücken brauchen. Ihre Hände schimmern rot, als bluteten sie. Denn manche von den prallen Beeren sind überreif, so daß selbst bei behutsamem Lösen ber Frucht von bem weißen kegelförmigen Zäpfchen der Saft die samtzarte Haut sprengt. Während an den grünen Schößlingen die Beeren wie rote Lippen lachen, tragen bie braunen unb verholzten Stecken nur kleine Früchte mit milchigem Belag. Es war nicht genug Saft mehr ba, sie größer schwellen zu lassen, weshalb auch bie Blätter eingeschrumpft unb vergilbt finb.
Aber bie weißen Eimer füllen sich bennoch rasch, unb zwei Knaben, bie sie holpernb unb ftolpernb zu einem Hanbwägelchen auf ben Fahrweg hinabtragen, bringen anbere zum weiteren Sammeln mit herauf. Ein Wolke von Duft zerfließt über bem Hang und weckt Gelüste nach wundersamen Erfrischungen aus Himbeermark und -saft. Oh, das
herbsüße Aroma des Himbeereises und der Himbeer-Essenz, die einem Pudding oder einer Kreme erst den letzten Wohlgeschmack verleiht ober mit einer Sprubelmischung als lieblich munbenbes Getränk erquickt!
Ich banke es heimlich bem Pfab, baß er sich schlangenhaft hinanwinbet unb im Gegenzug roieber» holt ben Blick zu ben Himbeerpflückern in ber Tiefe freigibt. Wie weiße Tauben nicken unb roenben sich die Kopftücher der Frauen bei ihrer emsigen Arbeit. Auch das Klirren der zurückfallenden Bügel, wenn die Eimer von da nach dort gestellt werden, klingt durch die Stille zu mir herauf.
Und nun habe ich selbst ein Gebüsch mit prangenden Beeren entdeckt. Ich winke rufend hinab und zeige den belustigten Lachern, daß ich auch sammle — von der Hand in ben Munb.
Goethe führt Regie.
Aus neuen Urkunden über seine Spielte terta'tigkeit.
Wenn bie Schauspieler es sich auch zur Ehre anrechneten unter ber Leitung bes Geheimrat Goethe spielen zu bürfen, so haben sie boch auch manch liebes Mal über ihren gestrengen Spielleiter geseufzt. Goethe beschränkte seine Kritik nämlich keineswegs auf bas geistige Erfassen einer Rolle unb bie Art bes Zusammenspiels, sondern er achtete auch auf die kleinste Aeußerlichkeit, um eine vorbildliche Gesamtwirkung der Aufführung zu erreichen. Ein beredtes Zeugnis für diese Genauigkeit sind die Theaterakten, in bie „Das Inselschrf f" bes Jnselverlags zu Leipzig einen Einblick gewährt. Währenb ber Proben unb bes Spiels zu „Don Juan" zeichnete ber Spielleiter Goethe unter an« berem auf: „Im zweiten Akt, wo es im Zimmer Nacht ist, muß genau angegeben werben, wenn bie Bebienten mit Fackeln hereintreten unb wie lange sie bleiben müssen; gestern wurden einige Szenen ganz unschicklich im Dunkeln gespielt." Unb später vermerkt er: „Auch finb bie Ketten roieber einmal anzustreichen unb babei zu beobachten, daß Leim genug unter die Farbe genommen werde, weil sonst die Menninge nicht hält."
Auch mit den Gabeln der Hexen in einer Aufführung des von Schiller bearbeiteten „Macbeth" ist er unzufrieden. Zunächst wünscht er eine realistischere Darstellung in den Mordszenen. „In den Mordszenen würde es doch rötlich fein, daß Macbeth die Hände und die Dolche blutig hätte, ferner, daß man etwas Blutfarbe an den Händen der Lady sähe, wenn sie wieder aus dem Gemach
kommt." Dann wendet er feine Kritik den Hexen zu: „Die an ber Seite ftehenben Hexen haben bie Gabeln nicht hoch genug in bie Höhe gehoben, wenn sie bas Mengen im Kessel vorstellen wollten." Dann macht er einen Vorschlag zur wirksameren Bemalung ber Gabeln: „Die Gabeln könnte man vergilben und roieber hie unb ba mit Grün anfärben, daß sie wie Bronze ausfehen."
Nicht weniger Kummer macht ihm ber Umgang ber Spieler mit ihren Waffen. „Die Schwerter in ber Tragöbie und ber heroischen Oper sollten nicht auf der rechten Seite getragen werben," merkt er bei „Titus" von Mozart an, „benn bie Alten trugen ihre Schwerter so gut auf ber linken wie wir, unb bas Tragen berfelben auf der rechten ist von Kupferstichen genommen, die umgekehrt abgedruckt sind. Doch ist dieses gleichgültig. Allein ein anderes wünschte ich abgeschafft. Man trägt die Schwerter nämlich nur an Schnüren, so daß sie bei jeder Bewegung wie ein Perpendikel bammeln. Diesem könnte abgeholfen werden auf mehr als eine Weise; welches man weiterer Ueberlegung anheimgibt."
Bei einer Aufführung der „Jungfrau von Orleans" erhebt Goethe bie Forderung: „Die Hanb nie auf ben Degengriff, sonst steht ber Degen hinten in bie Höhe wie eine Hanswursten-Pritsche." Auch' bei ben Kostümen ber Schauspieler erspäht Goethe bie kleinsten Fehler. So lesen wir in ben Aufzeichnungen zur „Zauberflöte" ben labet: „Dem Ma- ticzeck wird ersucht, ein ganz weißes Schnupftuch zu nehmen, sie hatte eins mit einer roten Kante." Um bie Verwanblung ber Szene nicht burch einen Koftümwechfel lange aufzuhalten, rät Goethe zu einem kleinen Trick. „Könnte Mab. Voß (Papa- gena) bas Tuch um ben Kopf etwa auf bie Weife an ber Kutte festnähen, baß es zugeknöpft aussähe, jeboch nicht wäre, bamit sie es vor der Verwandlung nicht aufzuknüpfen braucht."
Bei einem anderen Schauspieler gefällt Goethe nicht bie Art, wie mit einem Mantel umgegangen wirb. „Herrn Unzelmanns Mantelspiel war nicht glücklich. Er zog ben Zipfel immer zu sehr mit ber einen Hanb aus, woburch ein unangenehmer Effekt entstaub." Unb ganz in Ungnabe fällt bei biefer Kritik bas Gewand bes Titus. „Das Unterkleid des Titus", merkt Goethe mißbilligenb an, „sollte nicht fleischfarben fein und bie Bordüre um dasselbe bedeutender. Jetzt sieht er gar zu nackt aus und, wenn er im gelblichen Mantel kommt, gar zu gespenfterhaft." Auch der Schreckenspforte in der „Zauberflöte" schenkt der Spielleiter feine Aufmerksamkeit. Er rät: „Mit der Schreckenspforte wollen wir's künftig so halten: daß Tamino und Pamina und an beiden Seiten ein Gewappneter auf die
Pforte losgehen, dann zieht sich die Dekoration aus. einander, es kann in der Mitte eine schöne Gruppe geben, indem das Paar sich entsetzt einander in bie Anne fällt, bie Geharnischten sie burch gebietenbe Gebärde an ihre Pflicht erinnern, worauf denn jene rechts, diese links abgehen. Es wird nur über alles dieses eine kleine Verabredung mit dem Souffleur und dem H. Konzertmeister nötig fein."
Zeitschriften.
Das Juliheft der „Zeitwende" (Michern- Verlag, Berlin-Spandau) bringt eine Auseinander- fe|jung mit ber Lebensphilofophie von ßubroig Klages, in ber eine heute weit um sich greifenbe Stimmung ihre tiefste geistige Formulierung gefun« ben hat. Der zerfetzenbe unb vernichtenbe Geist einer mechanisierten, rationalisierten, zweckhaftbewußten Zivilisation, ben Klages leibenschaftlich bekämpft, weil er Raubbau am Leben unb Frevel an seinen Wunbern unb Geheimnissen begeht, ist ber Geist bes in vermessener Selbstherrlichkeit von Gott abgefallenen Menschen, nicht aber, wie Klages in einem grunblegenben Mißverstänbnis meint, ber Geist bes Christentums. Gerabe im christlichen Glauben ist ber von Klages konstruierte Gegensatz zwischen Leben unb Geist aufgehoben, benn der heilige, Geist Gottes ist „zugleich erfüüenbes, volles Leben" unb „bejaht bie Schöpfung in ihrer leiblichen unb seelischen Gestaltenfülle." Mitten in bas lebenbigste geistige Ringen ber Reformations- Zeit führt uns ein vollenbeter Essay von Rubo^k Thiel über Philipp Melanchthon, den Freund Luthers. Auch die feine, die tiefsten Fragen ber ehelichen Gemeinschaft zwischen Mann unb Frau be- rührenbe Erzählung „Der verschlossene Brief" bes fränkischen Dichters Gustav Sonbermann wirb be- berrscht von ber Gottesfrcme; nicht minber Heinrich Grimms Bauernroman „Der Preßreiter", der in diesem Heft seinen Abschluß findet.
Sochschulnachrichten.
Professor Dr. Erwin Schrödinger, Ordi- narius der theoretischen Physik an ber Universität Berlin, würbe auf seinen Antrag von ben amtlichen Verpflichtungen entbunben. Prof. Schröbinger stammt aus Wien unb wirkte seit 1927 als Nachfolger von Max Planck in Berlin.
An ber Universität Bonn würben von ben amtlichen Verpflichtungen entbunben ber ordentliche Professor für Augenheilkunbe, Geh. Mebizinal- rat Dr. Paul Römer unb ber ordentliche Professor für technische Chemie unb Nahrungsmittelchemie Dr. Karl Kippenberger.


