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m.108 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Freitag. 10. Mai (935

Aus der Provinzialhauptstadt.

Der Radfahrer im Straßenverkehr.

Regeln, die beachtet werden müssen!

Durch unvorschristrnäßiges und unzweckmäßiges Verhalten der Radfahrer sind in letzter Zeit wieder­holt Verkehrsunfälle heroorgerufen worden, bei denen die Radfahrer selbst erhebliche Schäden er­litten haben, aber oft auch andere Personen erheb­lich gefährdet wurden oder zu Schaden kamen.

Die Polizeibeamten sind angewiesen, gegen das disziplinlose Verhalten vieler Radfahrer rück- sichtslos einzuschreiten und wegen Ver- kehrsübertretungen und mangelhafter Beschaffenheit der Fahrräder Anzeigen zu erstatten. Bei Mängeln am Fahrrade hat der Radfahrer damit zu rechnen, daß das Fahrrad aus dem Verkehr gezogen und sichergestellt wird. Wer als Radfahrer gegen verkehrspolizeiliche Vorschriften verstoßen hat, er­weist sich als ungeeignet zum Führen von Fahr­rädern und hat zu gewärtigen, daß ihm das Radfahren verboten wird.

Radfahrer weißt du:

Daß du zur Vermeidung von Verkehrsunfällen von Grundstücken aus nur dann, und zwar vorsichtig auf die Straße fahren darfst, wenn der Verkehr es erlaubt?

Daß das Anfahren und Halten, soweit nicht be- sondere Umstände entgegenstehen, nur auf der rech­ten Seite der Fahrstraße gestattet ist: daß erhöhte Bankette und Bürgersteige nicht mit dem Fahrrade befahren werden dürfen, wenn sie nicht als Radfahr­weg bezeichnet sind? Daß du die Fahrstraße nicht benutzen darfst, wenn ein Radfahrweg vor- Händen ist?

Daß das ständige Nebeneinanderfahren in den be­lebten Straßen verboten ist?

Daß Kraft- und Schienenfahrzeuge an Kreuzun­gen und Einmündungen von Straßen bevorrechtigt sind?

Daß das Fahrrad, auch wenn es geschoben wird, in Einbahnstraßen nur in der vorgeschriebenen Fahrtrichtung bewegt werden darf?

Daß weder die Lenkstange losgelassen noch die Füße beim Fahren von den Tretkurbeln entfernt werden dürfen und du dich nicht an andere Fahr­zeuge anhängen darfst?

Daß du Zeichen zu geben hast, wenn du die Fahrtrichtung ändern oder anhalten willst?

Daß ein zu schnelles und unvorsichtiges Fahren strafbar ist und du an Haltestellen der Straßenbahn auf den Ein- und Aussteigeverkehr besondere Rück­sicht zu nehmen und wenn notwendig, zu halten hast?

Daß der Rückstrahler am Hinteren Schutzblech oder an der linken Hinterrad-Strebe so angebracht sein muß, daß er sich nicht höher als 50 Zentimeter über dem Erdboden befindet und der Lichtkegel der Lampe so geneigt sein soll, daß er 20 Meter vor deinem Fahrrade auf die Fahrbahn fällt (Blend­gefahr).

Werde dir über diese Fragen klar, handle richtig und helfe Unfälle verhüten.

Die Frostschäden.

In der Nacht zum 2. Mai hatten wir in Gießen 2L bis 4 Grad kalt. In tiefliegenden Wiesen und i* angrenzenden Gärten soll die Temperatur noch tiefer gesunken sein. Als ein Glück ist es zu be­trachten, daß die Entwicklung der Obstblüte gegen andere Jahre noch weit zurück war. Süßkirschen, selbst die im Schutze des Waldes stehenden Vogel­kirschen, sind fast restlos erfroren, ebenso die Mehr­zahl der Pflaumensorten und Reineclauden. Zwet- schen haben weniger gelitten. Sauerkirschen waren meist noch zurück, so daß die Frostgefahr an ihnen vorübergegangen ist. An den Blüten der frühblü­henden Aepfel- und Birnensorten, wie Baumanns Renette, Boskop, Charlamowski, Gravensteiner, Ge-

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Ehrung der Sieger im Mchsverusswetlkamps.

Die Verteilung der Preise. (Aufnahme: HI.)

Amtswatter-Appell der DAF.

Am Samstag, 11.2Uai, abends 8 Uhr, findet im Cafe Leib ein Amtswalter-Appell statt, zu welchem alle Block- und Zellenwalter sämtlicher Gießener Ortsgruppen zu erscheinen haben.

Die 0(5IB. geben Stärke-Meldung ab.

Kreiswallung der DAF.

Deutsche Arbeitsfront.

Ortsgruppe Giehen-Ost, Licher Straße 17.

Zahlstunden und Markenabgabe an die Block- walter finden nur noch jeden Donnerstag in der Zeit von 19 bis 21 Uhr statt-

Für sonstige Angelegenheiten, Unterstützung usw., nur noch jeden Freitag in der Zeit von 19 bis 21 Uhr.

Montags fallen die Sprech- und Zohlftunden aus.

Am Samstag, 11. Mai, findet im Cafe Leib eine Amtswalter-Versammlung statt. Die Zellenwalter haben dafür zu sorgen, daß alle Block- und Be- triebsgemeinschaftswalter erscheinen. Die Stärke­meldungen sind von den Zellenwaltern an Kamerad Römer abzugeben. Entschuldigungen sind aus­geschlossen. Zeitpunkt der Versammlung: 20 Uhr

Ebenso haben die Zellenwalter wegen Kassierungs- fraaen am Donnerstag, 9. Mai, 20 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Licher Straße 17, zu erscheinen.

Amt für Bottswohlfahrt, Ortsgruppe Gießen-Güd.

Lebensmittelopferring.

Die nächste Lebensmittelsammlung wird am Montag, 13. Dienstag, 14. und Mittwoch, 15. Mai, durchgeführt. Wir bitten die Hausfrauen, die Pa­kete bereitzuhalten und die Mitgliedskarte der Sammlerin zum Quittieren vorzulegen.

Am gestrigen Abend hatten sich im Saale des Hauses der Deutschen Arbeitsfront die Sieger des zweiten Reichsberufswettkampfes aus dem' Kreise Gießen versammelt. Die Jnnungsmeister und die Führer der verschiedenen Berufsgruppen waren sämtlich anwesend, um an diesem Taae, der den Reichsberufswettkampf im Kreise Gießen offiziell beendete, ihre Verbundenheit mit der Jugend zu bezeugen, die durch eine HI.-Gefolgschaft und eine HJ.-Fahnen- und eine BdM.-Mimpelgruppe ver­treten war.

Das Lied des deutschen Arbeiters,Es pfeift von allen Dächern", war der Auftakt der schlichten Kund­gebung. Sodann sprach Pg. W e h r u m von der Deutschen Arbeitsfront einige kurze Begrüßungs­worte, wies auf die Bedeutung, die der Reichs­berufswettkampf für das deutsche Volk hat, noch­mals hin und ermahnte besonders die Sieger dieses edlen Wettstreites deutscher Arbeit, sich auch ferner­hin mit ganzem Können und ganzer Kraft in den Dienst der Sache zu stellen.

Hierauf überreichte der Kreisjugendwalter der DAF., Pg. F r i tz g e s, den Siegern und Siege­rinnen des Berufswettkampfes die Urkunden mit den Preisen, die teils aus weltanschaulich politischen Büchern, teils aus Fachliteratur zur Weiterbildung und hauptsächlich aus Handwerkszeug bestanden. Freudige Ueberraschung konnte man auf den Gesich­tern derjenigen Jungen erkennen, die an den Tisch herantraten, um das ihnen zugedachte Arbeitsgerät, das doch für ihre eigene Handwerkskiste eine be­trächtliche und praktische Vermehrung bedeutet, ent­gegenzunehmen.

Ein Sprechchor über den singenden, dröhnenden Rhythmus der Arbeit, von der Gefolgschaft 4/116 der HI. zum Vortrag gebracht, fügte sich gut in den Rahmen dieser Feierstunde ein

Der Sozialamtsleiter im Bann 116 der HI., Pg. Heid, dankte in den Schlußworten den Teil­nehmern und denen, die mit der Durchführung dieser zweiten Olympiade der deutschen Arbeit betraut waren. Das Lied der Jugend beschloß den Abend.

heimrat Oldenburg, Gellerts Butterbirne, Gute Luise, Diel, Gräfin von Paris u. a., sind die Griffel auch an den Blüten schwarz, die äußerlich nicht gelitten haben. Die Blüten der freistehenden Pfirsich sind auch unter Schutzdecken erfroren. Am Spalier hat der Frost, soweit die Bäume schon ab­geblüht hatten, nichts geschadet, aber die meisten Sorten zeigen nach dem Frost auffallend viel rote Flecken als die ersten Anzeichen der pilzlichen Kräuselkrankheit. Auch sonst hat der^Frost im Gar­ten mancherlei Schaden angerichtet. Die ersten Schosse der jungen Spargelanlagen sind erfroren, alle Hortensien, die diesmal gut durch den Winter gekommen sind, sehen schwarz aus.

Leider ist die Gefahr noch nicht vorüber. Die Eisheiligen stehen vor der Tür. Da jetzt das Haupt­obst (Aepfel) schon in Blüte steht, kann der Scha­den noch größer werden, falls noch ähnliche Spät­fröste kommen sollten.

Stachelbeeren hatten schon abgeblüht. Himbeeren sind noch zurück. Dagegen stehen zur Zeit die Johannisbeeren, rote und schwarze, in Blüte, denen sowohl stärkere Fröste, wie länger anhaltender Regen schaden können.

Zwecklose Bewerbungen

Bei den Dienststellen der Wehrmacht gehen fort­laufend Gesuche ein um Anstellung als Beamter, Angestellter, Arbeiter und ähnliches. Diese Bereit­willigkeit zum Dienst in der Wehrmacht ist zu be­grüßen. Da aber der Bedarf im allgemeinen bereits gedeckt ist, sind derartige Bewerbungen zwecklos. Bei dieser Sachlage ist es leider auch nicht möglich, auf die zahlreichen Gesuche stets einen Bescheid zu erteilen. Auch Nachfragen sind zwecklos. Gesuche, au die nicht innerhalb von vier Wochen ein Bescheid erfolgt, können als erledigt betrachtet werden.

Gparerbund und Äeninerbund.

Vom Sparerbund, Ortsgruppe Gießen, wird uns berichtet:

Zu Beginn eines gemeinsam veranstalteten Vor- tragsabends am vergangenen Dienstag imHessi­schen Hof" gedachte zunächst der Ortsgruppenführer des Sparerbundes, H. L o r e n z, mit anerkennenden Worten der Tätigkeit zweier kürzlich verstorbener langjähriger Sparerbundsmitglieder, zu deren Ehren sich die gutbesuchte Versammlung von ihren Plätzen erhob. Darauf erinnerte der Versammlungsleiter an den Tag der Nationalen Arbeit, 1. Mai, an dem gerade die deutschen Sparer und Rentner nicht ge­dankenlos vorübergehen könnten, sei doch in erster Linie durch die unermüdliche Arbeit und die große Sparsamkeit vieler Generationen Deutschland bis zum Jahre 1914 zu großer Blüte und Macht ge­langt und auch während des Weltkrieges der Feind­bund von Deutschlands Grenzen ferngehalten wor­den. Auch im jetzigen Deutschland sei das Spar­kopital das beste Grundkapital für das Deutsche Reich. Nach einer kurzen Berichterstattung über die kürzlich unter Leitung des Landesverbandsführers Ministerpräsident a. D. Professor Dr. Werner stattgehabten Landestagung in Darmstadt gab Herr Lorenz noch Aufschluß über die in letzter Zeit für die Dorkriegspfandbriefgläubiger unternomme­nen Schritte, über die neuesten Erfolge bei der Ab-

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jetzt in der luftleeren Dose:

stets frisch wie am Tage der Röstung

W-MU M

Roman von Charlotte prenzel.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).

18. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Irene lachte belustigt, 30g die Freundin in eine Sofaecke, setzte sich neben ste.

Du hast kein Talent, dich zu verstellen, Klein­chen. Deine Worte verraten mir, daß dein Mann dich wirklich jeden Sonntag allein löst. Bist du noch nie auf den Gedanken gekommen, ihm zu folgen?"

Nein!"

Aber du kennst doch das Ziel seiner Fahrten nicht?"

Ich finde dich reichlich indiskret, Irene."

Verzeih! Es will so scheinen! Aber meine Freundschaft zu dir gebietet mir, offen gegen dich zu sein. Ich habe immer gewußt, daß deine Ehe mit diesem Manne keine leichte sein wird, daß er dich aber belügen und betrügen würde, das habe ich ihm eigentlich nicht zugetraut."

Ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst." Ich werde dir schon erklären; laß mir nur Zeit. Es ist schon ziemlich lange her, als ich an einem Sonntagmorgen nicht mehr schlafen konnte und früh aufstand. Ja, es war noch ein warmer Tag. Ich lehnte ganz gedankenlos am Fenster, als ich das Auto von deinem Mann vorbeifahren sah. Natürlich dachte ich mir nichts dabei. Zufällig aber mußte mein Mann am nächsten Sonntag ver­reisen. Ich brachte ihn in aller Frühe zur Bahn. Da begegnete uns dein Mann wieder. Es machte mir nun Spaß, ihn noch ein drittes Mal zu be­obachten, und tatsächlich sah ich ihn am nächsten Sonntag wieder mit seinem Auto vorbeifahren. Na, mich ging's ja weiter nichts an, und schließlich vergaß ich meine Beobachtung wieder, bis ich am letzten Sonntag wieder daran erinnert wurde. Da unternahm ich nämlich mit meinem Wagen nach dem Mittagessen eine Ausfahrt und war kaum von unserem Hause entfernt, als das Auto deines Mannes an mir vorüberfuhr. Ich folgte ihm erst gedankenlos; bis es mir schließlich Spaß machte, ihm nachzufahren. Dein Mann hatte schärfstes Tempo, und du weißt ja, wie gern auch ich so da­hin flitze. So sausten wir Darmstadt zu, fuhren die Bergstraße entlang. Da, mit einem Male blieb sein Wagen kurz vor Bensheim stehen. Ich lenkte schleunigst ab, beschrieb einen regelrechten Kreis, kam nach einigen Minuten wieder auf die Land­straße zurück und sah ihn nicht mehr. Ich war so frech, in der nächsten Tankstelle mein Benzin nach­füllen zu lassen, kam mit dem Mann in ein Ge­spräch, bedauerte ihn, daß er den schönen Sonn­tag dort sitzen müsse, und dergleichen mehr.

Schließlich brachte ich heraus, daß er vor wenigen Minuten eine kleine Reparatur gehabt hatte, und daß der Herr mit seinem Wagen wohl jeden Sonntag an ihm vorbeifahre. Da wurde es mir zur Gewißheit, daß es sich nur um deinen Mann handeln konnte, und ich wußte, was ich wissen wollte. Ich fuhr dann zurück, da es für mich ohne­hin höchste Zeit wurde."

Liane starrte die Freundin mit vor Entsetzen geweiteten Augen an. Sie begriff kaum, daß es hier um sie und ihren Mann ging; sie erkannte nur die raffiniert angelegte Spionage Irenes. Unwillkürlich wich sie vor der schönen Frau in die Ecke des Sofas zurück.

Tja, Kleinchen! Das ist keine angenehme Ent­deckung für dich. Aber mache dir nichts daraus. Ein Mann, der das fertigbringt, ist wahrhaftig nicht wert, daß man sich über ihn erregt. Ich würde mich jedenfalls nach diesem Benehmen rich­ten. Aber... mache, wie du denkst. Neugierig bin ich nun wirklich, ob er meiner Silvestereinla­dung Folge leistet. Ich glaube nun fast, er weiß wieder eine Ausrede und sagt ab. Dabei wird es recht schön werden. Ich habe eine neue, reizende Bekanntschaft gemacht. Tue mir wenigstens die Liebe an und komm allein!"

Liane nickte wie mechanisch. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Ihr graute plötzlich vor der Freundin. Sie entschlüpfte, so bald es ging.

Erst auf dem Heimweg verwischte sich der depri­mierende Eindruck, den Irene bei ihr hinterlassen, und quälende Gedanken tauchten auf. Irene mußte ja recht haben, so furchtbar es war, den Verdacht auszusprechen, ja, ihn nur auszudenken. Es konnte nicht anders sein: Fred verbrachte die freien Stunden bei einem geliebten Menschen. Nein, nicht bei einem geliebten Menschen! Was nützte es, sich selbst etwas vorzutäuschen? Er ver­lebte die Stunden mit einer Frau, konnte kaum er­warten, bis die Stunde des Wiedersehens kam. Daher seine Unruhe, sein schnelles Verabschieden. Er schöpfte aus diesem Beieinandersein Lebens­frische und Fröhlichkeit. Kam er nicht immer er­frischt und fröhlich wieder zurück? Aber hatte er wirklich eine Ehe schließen können, wenn eine andere sein ganzes Denken und Fühlen beherrschte? Hatte er diese andere zu seiner Frau machen wollen und war durch das törichteJa!" des kleinen Mäd­chens daran gehindert worden? Verachtete er sie darum so tief, weil er von ihr in Fesseln gezwun­gen war, die die Verbindung mit einer anderen verhinderten?

Liane war es, als ob ein Abgrund sich vor ihr auftat, in den sie versank.

Es war eine furchtbare Nacht, die Liane erlebte. Wilde Selbstvorwürfe wechselten ab mit schweren Beschuldigungen gegen Fred.

Der Morgen brachte ihn zurück. Sie hörte das Auto kommen, hörte die Haustür gehen, vernahm

seinen eilenden Schritt auf der Treppe. Sie lauschte an ihrer Tür. Ein Klirren von Porzellan wurde plötzlich hörbar, dann ertönte seine lochende Stimme:

Lieber Himmel, Betty, haben Sie mich denn nicht kommen sehen? Um ein Haar läge die ganze Bescherung auf der Erde. Und nun machen Sie fix, ich will ein Bad haben."

Er trat in das Nebenzimmer sein Schlaf­zimmer ein. Liane hörte ihn hantieren. Sie glaubte, seine fröhlichen, leichten Bewegungen zu sehen, und sie floh vor den furchtbaren Gedanken, die auf sie eindrangen, aus ihrem Zimmer.

Eine halbe Stunde darauf kam er an den Früh- stückstisch. Er sah frisch aus. Man sah ihm die gute Laune förmlich an. Er begrüßte sie lebhaf­ter als sonst. Ihr aber blieb der Gruß in der Kehle stecken. Sie starrte auf seine Krawatte. Sie war neu. Liane hatte sie nie zuvor gesehen. Sie war ein Geschenk...

Liane hielt sich am Tisch fest. Ihr war, als müsse sie umsinken. Sah sie schon überall Ge­spenster?

Nun, hast du dich gut bei Frau Widemann unterhalten?" fragte er heiter.

Sie nickte stumm.

Er fragte nach diesem und jenem. Ihre Schweig­samkeit schien ihm nicht aufzufallen. Er frühstückte mit bestem Appetit, machte durchaus nicht den Eindruck, als ob er von einer Beerdigung käme.

Was hast du erlebt? Wie war es bei der Be­erdigung?" fragte sie endlich.

Er sah fast verwundert auf.

Beerdigung? Ach so! Nun, die verlief natür­lich wie jede andere."

Liane wußte nun ganz genau: die -Beerdigung war ein Vorwand gewesen, um sie verlassen zu können. In seinem Leben gab es etwas, was er verschwieg vielleicht verschweigen mußte. Wa­rum aber hatte sich sein Gesicht plötzlich verdüstert? Warum stand er jäh auf und verließ sie mit kühlem Gruß?

Sie wartete förmlich auf eine neue Ausrede von feiner Seite, die ihn auch Silvester wieder ent­führen würde. Aber die Ausrede kam nicht.

So folgten sie beide der Einladung Irenes.

In der geräumigen Etagenwohnung waren alle Zimmer hell erleuchtet. Ein ganz intimer Kreis war geladen, der immerhin aus zwanzig bis drei­ßig Personen bestand. Verschiedene Gäste waren bereits anwesend, als sie kamen.

Das ist recht, daß Sie uns die Ehre geben, Herr Morland!" sagte sie.

Das war selbstverständlich, gnädige Frau!" gab Fred zurück.Ich hatte fast mit einer Absage ge­rechnet Sie waren auch die letzten Feiertage ab­wesend."

Leider mußte ich meine Frau allein lassen. Um so selb^verständlicher ist es, daß ich chr diese Stunden widme."

Ich staune noch immer, in Ihnen Talente zum treubesorgten Ehegatten zu entdecken!" lachte Irene silberhell auf...

Oh, gnädige Frau, ich glaube fast. Sie haben nie daran gezweifelt."

Irene biß sich auf die Lippen. Andere Gäste drängten hinzu, das Paar zu begrüßen.

Eine Bewegung Freds schreckte sie aus ihren Gedanken. Sie sah ihn an und erstarrte. Fred hatte die Augen weit aufgerissen. Sein Gesicht war erblaßt. Wie gebannt sah er auf die Frau, die gerade am Eingang der Tür erschienen war.

Frau Kommerzienrat Marckart!" stellte Irene gerade vor, und man sah ihr die Freude an, die schöne Fremde bei ihren Gästen einzuführen.

Die Fremde war der Typ einer Dame aus der besten Gesellschaft; ein sehr gepflegtes Aeußeres ließ schwer das Alter bestimmen. Sie war schlank und biegsam von Gestalt, die kaum an Mittelgröße heranreichte, dazu mit gesuchter Einfachheit geklei­det, die wohltätig von Irenes immer Überelegan­ter Kleidung abstach. Sie hatte ein blasses, eher interessantes, als schönes Gesicht mit unregelmäßi­gen, pikanten Zügen, den halb verschleierten Augen, dem kleinen, blutroten Munde.

Habe ich recht gesehen!, dachte Liane. Schon hatte das Gesicht ihres Mannes wieder den kühlen, fast hochmütigen Ausdruck.

Irene führte den Gast von einem zum andern. Nun stand die Fremde vor Fred. War es nicht, als ob die leichtverschleierten Augen plötzlich hell wurden, als ob der Blick aufsprühte?

Eine leichte, fast zwitschernde Stimme klang auf:

Herr Morland Morland? Sollte ich diesen Namen nicht kennen? Wahrhaftig! Liebe Iren», hier brauchen Sie nicht vorzustellen, wir sind ja alte Bekannte. Nein, diese Ueberraschung, Sie nach so langen Jahren wiederzusehen!"

Freds Anlitz war eisige Abwehr. Seine Stimme klang spröde.

Ich glaube, mich erinnern zu können, gnädige Frau!"

Natürlich, Herr Morland! Ich habe Sie sofort erkannt. Nein, wie klein die Welt ist! Hier, nach so vielen Jahren, trifft man sich wieder. Wie mich das freut! Und nun haben Sie eine so entzückende, kleine Frau!"

Lianes ganzes Wesen war Abwehr. Ein in­stinktives Gefühl der Abneigung bemächtigte sich ihrer. Sie gab der Fremden nur die Finger­spitzen. Kein Zweifel war mehr in ihr: diese Frau hatte in dem Leben Freds eine Rolle gespielt. Fred hatte sie sofort erkannt! Warum gab er so zögernd diese Bekanntschaft zu? Gab es wirklich Geheim­nisse in dem Leb.n ihres Mannes, die er vertuschen wollte vielleicht vertuschen mußte!?

(Fortjetzung folgt 1)