Nr. 85 Drittes Blatt
«'ebener Anzeiger «Zeneral-Anzeiger für <SI>erhe«en>Mittwoch,!«. April 1955
Das Hochwasser der Lahn.
Die Lahn ist zu einem raschfließenden breiten Strom geworden.
Der Wasserstand der Lahn hat sich im Laufe des gestrigen Nachmittags noch wesentlich erhöht. Der Fluß trat an zahlreichen Stellen über die Ufer. Der Wasserstand von heute morgen lag noch gut einen halben Meter über dem des gestrigen Mittags. Hochwasserschäden konnten unter diesen Umständen nicht ausbleiben. Ganz besonders hatten die Badeanstalten unter der steigenden Flut zu leiden. Die festen Laufstege der Müller- schen Badeanstalt, wie auch die des Männerbadevereins setzten dem steigenden Wasser erheblichen Widerstand entgegen. Das Wasser staute sich an
den Brücken. Dem immer stärker werdenden Wasserdruck war die Stärke der Laufstege schließlich nicht mehr gewachsen, so daß sie zerstört und fortgerissen wurden. Auch die beiden Brücken, die in den Badeanstalten in hohem Bogen vom linken zum rechten Lahnufer führten und auf der einen Seite an den Laufstegen befestigt waren, fielen dem Wasser zum Opfer. Ein Teil der Brücke der Müllerschen Badeanstalt trieb etwas unterhalb der Badeanstalten ans Ufer und konnte mit großer Mühe geborgen werden, die Stege des Männerbadevereins wurden abgetrieben.
(Aufnahmen: Neuner, Gießener Anzeiger)
Zahlreiche Bäume an der Bleiche stehen tief im Wasser.
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Aus der Provinzialhauptsiadt.
Gutes Borbild ist alles!
Die eigenen Fehler an den Kindern zu gewahren,
Ist wohl die bitterste der Strafen, die wir je erfahren.
Welche Mutter, die mit Sorgfalt ihre Kinder erzieht, fragt sich nicht bei einer wiederholt auftretenden Unart eines ihrer Kleinen: Wie kann ich verhüten, daß dieser Fehler Wurzel faßt im Herzen oder Charakter meines Kindes? /
Um einen Fehler zu bessern, um das „Uebel mit der Wurzel" ausreißen zu können, müssen wir aber vor allen Dingen nach der Entstehungsursache forschen. Jeder Erziehende soll daher bei einem Fehler Des Kindes sich fragen: „Woher kommt er?" und Zuerst sich selbst zur Rechenschaft ziehen. Häufig werden wir uns dann eingestehen müssen: „Wir haben dieses oder jenes Unziemliche vor dem Kinde gesprochen oder getan und in ihm den Keim zur Unart, zum Bösen gelegt."
Am verhängnisvollsten ist das böse Beispiel! Man sagt nicht mit Unrecht, Kinder würden die Erzieher ihrer Eltern. Was wir von unserem Kinde nicht leiden, dürfen wir vor allen Dingen selbst nicht tun. Kinder beobachten sehr scharf; sie entdecken die Fehler ihrer Erzieher und ahmen sie nach, und wenn wir nicht streng auf uns selbst achten, so werden wir leicht zum bösen Beispiel für die Kinder. In Gegenwart von Kindern soll nie die Unwahrheit gesagt werden, selbst die sogenannten Notlügen sind zu vermeiden. Ein Kind soll durchaus nicht darüber nachdenken: ist hier eine Lüge erlaubt oder nicht? Die Lüge muß ihm in jeder Gestalt verwerflich erscheinen. Merkt ein Kind erst, daß wir, wenn auch nur in kleinen Dingen, nicht immer der Wahrheit die Ehre geben, so haben wir es schon in seiner Wahrheitsliebe wankend gemacht.
Aehnlich geht es mit anderen Dingen. Verlangt die Mutter, daß das Kind pünktlich aufsteht, angezogen, gewaschen ist, zum Essen rechtzeitig erscheint usw., so muß sie vor allen Dingen selbst ihre Zeit genau einteilen. Sieht das Kind, daß die Mutter ihre Sachen nicht immer an die rechte Stelle legt, daß im Haushalt Unordnung vorkommt, so wird kein Tadel und keine Strafe das Kind zur Ordnung zwingen, solange das böse Beispiel herrscht. Werden in einem Hause die Hilfskräfte unfreundlich behandelt oder die Armen mit harten Worten von der Schwelle gewiesen, so wird sich beim Kinde bald ein befehlshaberisches und unartiges Benehmen gegen die Untergebenen und Hartherzigkeit und Gefühllosigkeit beim Anblick fremden Elends heranbilden. Eine gar böse Saat im Kinde geht auf, wenn es sieht, wie die Erwachsenen die Tiere quälen und roh und streitsüchtig zueinander sind. Das Kind meint zuletzt, das alles müsse so sein; es wird roh, gewalttätig, respektlos und unlenkbar, Eigenschaften, die leider gar manches brave Elternpaar noch in feinem wohlverdienten Lebensabend zu verspüren bekommt!
Aber auch eine unrechte Behandlungsweise eines hervortretenden Fehlers kann diesen, statt ihn auszumerzen, noch verstärken. Dahin gehört vor allen Dingen das viele Androhen von Strafen, die unausführbar sind, ober an deren Ausführung in Wirklichkeit niemand denkt; z. B.: „Warte, ich werde dich in den dunklen Keller bringen oder in die kalte Kammer sperren!" Das Kind wird damit anfänglich wohl eingefchüchtert, es sieht aber bald ein, daß es nicht ernst gemeint sei, und die häufige Wiederholung der Drohung schadet immer mehr. Überhaupt soll man einem Kinde nicht fortwährend drohen, vielmehr soll es wissen, daß im Wiederholungsfall die Drohung unbedingt wahr gemacht wird.
Ein Drittes haben wir uns oft noch als eigene Schuld einzugestehen, und das ist das Aufschieben. Eine kleine Unart wird nicht geachtet, höchstens
flüchtig getadelt; sie wiederholt sich und wird bald zum eingewurzelten Uebel. Manche Eltern treiben bas Aufschieben so weit, daß sie sich in den ersten Lebensjahren der Kinder vorreden, das Kind fei immer noch zu klein, es verstehe das noch nicht, dis Unart fei immer noch abzugewöhnen, wenn es größer ist. Solche Eltern bedenken nicht, daß mit dem Kinde auch der Fehler größer wird und daß das, was erst ein leicht auszurottender Keim war, zu einer Pflanze mit kräftigen Wurzel heranwächst. Sie werden zu spät einsphen, daß man nicht früh genug anfangen kann, ein Kind zu erziehen.
So laßt uns denn stets uns selbst zuerst zur Rechenschaft ziehen und so von Grund auf gegen die Fehler ankämpfen; — dann wird der Erfolg nicht ausbleiben. F. M.
Pflichtmäßige Leibesübungen in den Berufs- und Gewerbeschulen.
Der Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung Abteilung II — hat an die Kreis- und Stadtfchul- ämter folgende Verfügung gerichtet:
„In größeren Betrieben wird die tägliche Arbeit der Lehrlinge mit einem fog. Frühsport begonnen, der mancherorts zur Morgenfeier erweitert ist. Bei meinen Besuchen konnte festgestellt werden, daß hier zeitlich und inhaltlich jeden Tag in einem solchen Umfang dem körperlichen Bedürfnis der jungen Menschen entsprochen wird, daß für die Lehrlinge solcher Betriebe, die zu sog. Jndustrieklassen zusammengefaßt sind, zunächst in ihrer Berufsschulzeit keine besonderen Unterrichtszeiten für Leibesübungen eingesetzt werden brauchen.
Ich gebe den zuständigen Kreis- und Stadtschulräten sowie den betreffenden Schulleitern auf, durch gelegentliche Besuche in den Betrieben sich Kenntnis zu verschaffen über die täglichen Werk-Leibesübungen und mit Anregungen und Beratung sich zur Verfügung zu stellen.
Im übrigen verbleibt es bezüglich der Einführung der pflichtmäßigen Leibesübungen an den Berufsund Gewerbeschulen bei der Verfügung vom 20. Dezember 1934.
In diesem Zusammenhang wird erneut betont, daß bei der Vielgestaltigkeit der Berufsschulverhältnisse eine örtliche Regelung gefunden werden muß. Nicht das äußere Gesicht des Einbaues der einen Stunde Leibesübung ist entscheidend, sondern das andere, daß im Rahmen des Berufsschulunterrichts dem körperlichen Bedürfnis des jungen Menschen Rechnung getragen wird.
3. 21.: Ringshausen."
Pfarrer Knodt
an die Matthäusgemeinde.
Der mit der einstweiligen Verwaltung der Matthäusgemeinde beauftragte Pfarrer Knodt veröffentlicht in dem Gemeindeblatt der Matthäusgemeinde (April-Ausgabe) das nachstehende Grußwort an die Gemeindeglieder:
An meine liebe TNatihäusgemeinde!
So darf ich wohl sagen, obgleich ich zunächst nur die Verwaltung der Gemeinde übernommen habe und noch nicht endgültig ihr Pfarrer bin. Aber Ihr seid mir jetzt anoertraut, liebe Gemeindeglieder, und ich grüße Euch von Herzen!
Ich bitte um Euer volles Vertrauen! Zwanzig Jahre hat Euer seitheriger Gemeindepfarrer unter Euch wirken dürfen mit seinen reichen Gaben. Wie seid Ihr an ihn gewöhnt und an seine Art, und wie schwer wird es vielen von Euch werden, sich an neue Art zu gewöhnen! Aber bedenkt, auch von mir gilt das gleiche! Wir werden einander lieb gewinnen, wenn wir es ernstlich wollen. Dazu gehört vor allem, daß wir von vornherein bereit, mit Dielen Freuden bereit sind, eines die Art des anderen auch da in Kauf zu nehmen, wo sie ihm fremd und deshalb zunächst nicht lieb ist. Es ist wie in einer guten Ehe, wo auch alles beruht auf dem festen
Srahms, Dvorak, Tschaikowsky.
3um IV. Symphonie-Konzert des Gießener Konzertvereins.
Nach der Akademischen Fest-Ouvertüre (op. 80), dem Dank in Tönen für die Verleihung der Doktorwürde durch die Universität Breslau, regt sich bei Johannes Brahms der Gestaltungswille einer gegensätzlichen Gefühlswelt, dem er in der Tragischen Ouvertüre (op. 81) Formung gibt. Seinem Verleger Fritz Simrock berichtet er darüber: „Bei dieser Gelegenheit konnte ich meinem melancholischen Gemüt die Genugtuung nicht versagen — auch eine Trauerspielouvertüre zu schreiben." Den Kontrast zwischen diesen beiden Ouvertüren bezeichnet er Earl Reinecke gegenüber: „Die eine weint, die andere lacht."
Das Werk war geschaffen; nur seine endgültige Benennung fehlte noch. Da sollte der Freundeskreis von Johannes Brahms bei der Titelgebung mithelfen; anderseits spricht er in einem Briefe an Bernhard Scholz von einer dramatischen, tragischen oder Trauerspiel-Ouvertüre. Diese Tatsache gibt am deutlichsten darüber Aufschluß, daß Brahms bei der Abfassung des Werkes kein bestimmtes Trauerspiel, noch irgendeine tragische Persönlichkeit vorgeschwebt hat; er hat das auch selber bestätigt. Damit erübrigen sich die mannigfachen Deutungsversuche, die doch nie zu völligem Einklang mit dem Werk hin- zuführen vermochten.
Selbst, wenn man in Erwägung zieht, daß der Direktor des Wiener Burgtheaters, Dingelstedt, mit Brahms in Verbindung getreten war wegen einer Musik für die Neuinszenierung des ganzen „Faust" (Pläne, die sich aber bald zerschlugen), so wird man zugeben, daß die intensive Beschäftigung mit Goethes „Faust" wohl mehr nur einen allgemein - musikalischen Untergrund ohne jede gestalt- liche Beziehung wachwerden ließ, aus dem die „Tragische" erwachsen konnte.
Die bewußt tragische Einstellung Brahmsens in der Ouvertüre gab dieser etwas ungemein Strenges, Herbes. Ein Ahnen unheimlichen Waltens der Schicksalsmächte bestimmt den Grundton des wie eine düstere nordische Ballade anmutenden Werkes, das beherrscht wird vom unerbittlichen Moll. Scharfe rhythmische Ausgeprägtheit zwingt das Melodische mit harter Hand. Dem unentrinnbaren niederschmetternden Wuchten der Gewalten stehen in dem Verlaufe der Ouvertüre jene Momente gegenüber, die in ihrer scheinbaren Ruhe, ihrem Einhalten, einem unheimlichen Drohen, tiefen Erschauern Raum geben; so zu Beginn der Durchführung, wo
das Hauptthema in den Streichern unisono absinkt zu todesblassen langangehaltenen Bläserstimmen; oder beim Tempo primo, wo nach dem Abklingen trauermarschartiger Rhythmen das Thema in unheimlicher Verhaltenheit die Wiederkehr erzwingen will, oder in jenen bannenden Augenblicken vor Eintritt des Schlusses.
Wohl selten hat ein Brahmssches Werk so auf feine Anerkennung harren müssen wie dieses; zuerst sehr kühl vom Publikum aufgenommen, hat es sich erst allmählich durch seine innere Größe durchgesetzt.
Die beiden anderen Zeitgenossen von Johannes Brahms, die auf dem Programm des kommenden Konzerts vertreten sind, sind durch ihre Stellung zu Johannes Brahms gekennzeichnet: Anton Dvorak, obwohl slawischen Blutes, dem Meister durch den Geist der Werkrichtung verbunden, Peter Tschaikowsky, durch Rasse und Musikanschauung zu ihm im schärfsten Gegensatz stehend.
Als Mitglied der Kommission des österreichischen Unterrichtsministeriyms, die an mittellose, aber begabte Künstler Stipendien zu vergeben hatte, war Johannes Brahms auf Dvoraks originelle Schaffensart aufmerksam geworden und bemühte sich nun mit allen Mitteln, diesem in dürftigen Verhältnissen lebenden Prager Musiker zu helfen und ihm jed- mögliche Förderung zuteil werden zu lassen. Er führte ihn feinem Verleger Simrock zu, der dann im Laufe der Jahre fast ausschließlich Dvoraks gesamtes Werk übernimmt; zur Existenzgründung in Wien bietet er ihm sein ganzes Vermögen an; bei der Drucklegung von Dvoraks Werken übernimmt er sogar das Korrekturlesen. Denn er hat bei Dvorak einen unerschöpflich sprudelnden Erfindungsquell erkannt? „Ich möchte vor Neid aus der Haut fahren über das, was deni Menschen so ganz nebenbei einfällt."
Und Dvorak war dieser Gunst würdig. Seine Entwicklung als national-böhmischer Musiker, die ihren Schwerpunkt in der Symphonie und in der Kammermusik findet, läßt ihn maßgebende Richtlinien bei den Klassikern suchen, und so erfährt die absolute Musik durch die Verbindung mit der Bedingtheit durch die Rasse eine Neuformung, Erfüllung mit neuen Inhalten; im Gegensatz zu seinem Landsmann Smetana, der Lißtschen Anregungen folgt.
Dvoraks ursprüngliche Gabe zur Musik, die ihn vom Metzgerhandwerk her allen Hindernissen zum Trotz den Weg doch finden ließ, das unverfälschte, elementar-naturhaste Empfinden von Reinheit und Unbefangenheit gründen sich auf einer kraftvollen musikantischen Vitalität, die tief im Volkstum verankert ist. Unaffektiert ist seine melodische Erfin
dung wie auch seine Formung. Angeborener Klangsinn gibt seinen Orchesterfarben bei einer herzhaften Frische doch auch die Möglichkeit zu unverbrauchten Feinheiten; genau so, wie seine Rhythmik nie das Erdgeborene verleugnet. Und doch begegnen wir bei ihm wiederum Stellen, die in geistige Höhen vorstoßen, die, weil bei ihm unerwartet, überraschen.
In seine reifste Zeit fällt sein Cellokonzert (op. 104), vielleicht eines der beliebtesten und am meisten gespielten Werke dieser Gattung. Brahms räumte ihm im Schaffen Dvoraks eine bevorzugte Stellung ein; und das mit Recht; denn fein hoher musikalischer, symphonischer Wert gibt dem Musiker vor dem Virtuosen den Vorrang. Ja, Dvorak wehrte sich gegen jede virtuose Verfälschung dieses Konzertes; so u. a. auch gegen das Einlegen einer Kadenz im letzten Satz durch den Cellisten im Böhmischen Streichquartett Wiyan, dem das Konzert gewidmet ist. So wie er „es gefühlt und gedacht" hatte, in der Gestalt wollte er fein Werk gewahrt wissen. Entgegen dem allgemeinen Konzertgebrauch verzichtete er im letzten Satz auf die übliche grandiose Koda und findet hier gerade verklärte, fast jenseitige Töne; er selber sagt dazu: „Das Finale schließt allmählich diminuendo — wie ein Hauch — mit Reminiszenzen aus dem 1. und 2. Satz; das Solo klingt aus bis zum pp., bann ein Anschwellen — und die letzten Takte übernimmt das Orchester und schließt im stürmischen Tone"
Führten enge Bindungen zwischen Schaffen und Persönlichkeit Brahms und Dvorak zusammen, so bestand zwischen Brahms und Tschaikowsky keiner Möglichkeit, einander näherzukommen; abgrundtief sind ihre Welten von einander geschieden. Hier deutsches Fühlen und Schaffen, dort russisches Volkstum, gebunden mit westlichem Geist (Tschaikowskys Mutter war Französin). Das zeigt sich am deutlichsten auch in ihrer Einstellung zu den Meistern des Hochbarock: Bach und Händel. Für Brahms sind sie das Fundament; Tschaikowsky steht ihnen fremd, ja, verständnislos gegenüber; Bachs Kantaten waren für ihn eine „wahrhaft klassische Quälerei". Solche scharfen Kontraste ließen sich nicht überbrücken, auch nicht durch ein wohlwollendes Vermitteln, das Hans von Bülow bei Tschaikowsky versuchte.
Für uns ist Tschaikowsky zum Mittler für die Bindung russischen Volkswesens in der Musik geworden, indem er in seinem instrumentalen Schaffen Anschluß an die übernommenen symphonischen Formen sucht und in dieser Weitung des Nationalen uns eher eingängüd) erscheint als etwa die radikalen Vertreter der russisch-nationalen Richtung.
Wenn auch damit manches spezifisch Russische eine gehörige Glättung erfahren hat, so verleugnet er doch andererseits keinesfalls gänzlich die russische Eigenart.
In seinem Schaffen erweist er sich als eine äußerst sensible Natur, die sich ebenso tief aufgewühlt erregbar gibt, wie sie in Feinnervigkeit sich kundtut: dazu tritt ein Einschlag zum Melancholischen. So findet sich in seiner Musik eine, durch die reizsame Persönlichkeit bewirkte Ueberbetonung der dem russischen Temperament eigentümlichen starken Kontraste, vom gefühlsweichen Sichverlieren bis zu elementaren, klanglich übersteigerten Kraftausbrüchen. Zum andern aber zeigt sich, vielleicht infolge des französischen Bluteinschlages, ein Zug zum Vornehmen, Weltmännisch-Eleganten, ja Salonhaften, begründet in einem ausgesprochen sinnlichen Schönheitsempfinden.
Der Erfolg von Tschaikowskys sechster Symphonie, der „Pathetischen", die ja kurz vor seinem Tode zur Aufführung gelangte, hatte die musikalische Welt angeregt, sich auch seiner früheren symphonischen Arbeiten anzunehmen und zumal die Fünfte Symphonie in L-Moll hat ihre Stellung auf dem Konzertprogramm gehalten; ja, für viele Meister des Taktstocks ist sie ein besonderer Liebling geworden.
Das einleitende Andante-Thema mit seiner Moll- schwermut und Ernsthaftigkeit wird zum Motto für das ganze Werk. In allen vier Sätzen kehrt es wieder. Meist erscheint es da, wo der geistige Gehalt des Satzes zu einer besonderen Entwicklung drängt, und mit seiner entschlossenen Haltung stellte es immer wieder die Beziehung zur Grundidee des Werkes her.
Typisch russisch geben sich in ihren Auffteigerun- gen die Ecksätze der Symphonie; der Eingangssatz mit seinem Abklingen im tiefsten Pianissimo, gleichsam ein Vorahnen des Schlusses der Pathetischen, das Finale mit seinen triumphalen Klängen des Schicksalsthemas. Das schwärmerische Andante erblüht mit schönen und druckesstarken Kantilenen, zumal in den Bläsern. An Stelle des Scherzos setzt Tschaikowsky einen Walzer mit graziöser Rhythmik.
Dr. H.
Hochschulnachnchten.
Professor Dr. H ä m e l, Extraordinarius an der Universität Würzburg, hat einen Ruf auf den ordentlichen Lehrstuhl für Haut- und Geschlechtskrankheiten und als Direktor der Universitätshautklinik in Greifswald als Nachfolger des nach Heidelberg berufenen Professors Dr. Schönfeld erhalten.


