Erster Gentleman seines Landes.
Von unserem Koe.-Berichterstaiier.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
London, März 1935.
Am 6. Mai begehen England und das britische Weltreich einen großen Festtag. Ueberall, wo die britische Flagge weht, auf den eisigen Shetland- Inseln und der glühenden Sonne Indiens, in den unendlichen Räumen Kanadas, am Kap Horn und im jüngsten Erdteil Australien wird das eine große Ereignis gefeiert: Die fünfundzwanzig sie Wiederkehr des Tages, an dem König Georg V., „von Gottes Gnaden König Großbritanniens, Irlands und der britischen Dominien jenseits der Meere, Verteidiger des Glaubens, Kaiser von Indien", den Thron bestiegen hat.
Fünfundzwanzig Jahre Weltgeschichte rollen ab, fünfundzwanzig Jahre, in denen die Grundfesten der Erde erschüttert wurden. Große Reiche sind zerschmettert, glänzende Throne sind verschwunden. Inmitten der ungeheuren Brandung aber steht der englische Thron im englischen Weltreich. Alle Blicke werden sich dieses Jahr nach der kleinen, zerklüfteten Insel im Nordwesten Eurasiens richten, von der einst nordische Abenteurer auszogen, um eine noch unerschlossene Welt zu erobern. Dreihundert Jahre schon steht das Reich, in dem die Sonne nie untergeht. Kann auch seine Zukunft nach Jahrhunderten bemessen werden? Wann wird sich das bittere Gesetz der Vergänglichkeit alles Irdischen auch an dieser gewaltigen Schöpfung erweisen? Diese Frage kann niemand beantworten. Heute kann nur festgestellt werden, daß das „Imperium" trotz der Weltkatastrophe von 1914 bis 1918 und trotz der Umwandlung aller Werte feine Gestalt bewahrt hat.
Und dennoch ist vieles anders geworden. Die Umrisse sind zwar geblieben. Aber Licht und Schatten, Perspektive und Hintergrund haben sich verschoben. Schon lange hat sich die aufsteigende Linie in eine horizontale verwandelt. Die Zersetzung der alten Werte und der Aufstieg neuer Weltanschauungen, die Emanzipation der Rassen und die Dekadenz des europäischen Herrenmenschentums haben das gewaltige Staatengefüge gelockert, seinen politischen und ethischen Zusammenhalt erschüttert. Heute kann England nicht mehr mit selbstherrlicher, in sich ruhender Vollmacht die Weltpolitik diktieren. Heute muß es in erster Linie bemüht sein, seinen eigenen weitläufigen Bau so lange als möglich gegen die tausend Stürme und Strömungen der neuen Zeit zu verteidigen. Englands Politik heißt daher aus ureigenstem Interesse heraus: Frieden. Jeder neue Stoß kann dem Gebäude einen Riß versetzen, der vielleicht nicht mehr auszubessern ist.
Inmitten dieser Stürme und Strömungen geht der englische Thron als Hort der Ueberlieferung, als Spitze und Sammelpunkt des Reiches und als ruhender Pol im Wandel der Ereignisse. Darin, in der symbolhaften Bedeutung des englischen König- und Kaisertums liegt vielleicht seine größte Kraft. Der englische König ist die einzige und o b e r ft e Instanz, in der sich die gewaltige Einheit des englischen Weltreiches verkörpert; er ist das strahlende Oberhaupt der „großen Familie", wie König Georg selbst in feiner Neujahrsansprache feine Völker bezeichnete. Die verbrieften Rechte, die dem König im Rahmen der typisch englischen Regierungsform der parlamentarischen oder ministeriellen Monarchie zustehen und den Fürsten manchmal als bloße Repräsentationsfigur erscheinen lassen, mögen eng umgrenzt sein. Der englische König ist zwar ein konstitutioneller Monarch, der durch seine Minister regiert, aber innerhalb dieser Begrenzung ist fein Einfluß unbeträchtlich. Die verfassungsmäßigen Privilegien des Königs sind „das Recht, um Rat gefragt zu werden, das Recht zu ermutigen und das Recht zu warnen." Wie alles in England, ist auch der Königsgedanke elastisch und von der Person des Trägers abhängig. Eine überragende Persönlichkeit an der Spitze des Landes — wie Königin Victoria oder Eduard VII. — kann die englische Politik maßgebend beeinflussen.
Von König Georg ist bekannt, daß er ein „ge-
Gießener Gtadtiheater.
Hjalmar Bergman: „Der Nobelpreis".
Aus dem Programmheft wird der Besucher, vermutlich mit Staunen, ersehen haben, daß der vor einigen Jahren verstorbene Verfasser dieses Stückes, der in feiner schwedischen Heimat bereits einen sehr angesehenen Namen hat, in Deutschland aber bis vor kurzem ziemlich unbekannt war, ein außerordentlich umfangreiches literarisches Werk hinterlassen hat. In Mainz wurde vor kurzem „Der Nobelpreis" uraufgeführt, in Berlin spielt man jetzt „Seiner Gnaden Testament". Damit ist Bergman bei uns eingeführt worden; aber das ist nur ein verschwindend kleiner Teil seiner dramatischen Produktion, und von seinen 24 großen Romanen und über hundert Novellen dürften nur die wenigsten bekannt sein. Man hat Bergman übrigens unter anderm als den bedeutendsten skandinavischen Komödienschreiber seit Holberg bezeichnet, und nach der Probe, die wir gestern zu hören bekamen, scheint eine derartige Erinnerung an die klassische Lustspieltradition nicht einmal übertrieben.
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Das Thema der Komödie „Der Nobelpreis" mag dem Schweden Bergman schon landschaftlich nahe gelegen haben, aber auch unter seinen Landsleuten würde kaum jemand darauf verfallen sein, es von dieser Seite zu betrachten: von der materiellen Seite nämlich, von der geschäftlichen, die ja neben der Ehre und dem Weltruhm, die mit der Verleihung verbunden sind, auch noch eine Rolle spielt. Daß, mit nüchternen Worten, das Geld welches der Preisträger erhält, schließlich wichtiger wird als der Ruhm — weil es die Familie des Empfängers vor einer bürgerlichen und moralischen Katastrophe bewahrt —: das ist die freilich etwas bitter schmeckende Quintessenz einer Komödie, die gegen Ende hin bedenklich ins Gegenteil umzuschlagen droht.
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Es fängt damit an, daß man zum Frühstück in der Zeitung lesen kann, der Ingenieur und Erfinder Rolf Swedenhjelm werde den Nobelpreis höchstwahrscheinlich nicht erhalten — während die ganze Familie, besonders seine drei erwachsenen Kinder, noch inbrünstiger darauf gehofft Haden als der Alte selbst. Natürlich hat er iyn verdient, aber vor allen Dingen haben sie mit dem Geld gerechnet: Rolf Swedenhjelm, ebenfalls Ingenieur und bester Mitarbeiter seines Vaters; Bo, der jüngste, schneidiger, aber armer Leutnant; und Julia, die Schauspielerin. Die Söhne haben beide Schulden,
schickter Beobachter der auswärtigen Politik" ist und daß er seine Rolle als ausgleichender und über den Dingen stehender Faktor in den politischen Strömungen und Kämpfen des Tages mit einzigartigem Takt ausübt. König Georg ist nicht nur der Monarch, er ist auch der „erste G e n t l e - m a n" feines Landes, der „princeps inter pares", den noch heute theoretisch nach altem Recht jeder Engländer zum Zweikampf mit dem Schwert herausfordern kann. Die Beliebtheit König Georgs V. beim englischen Volk ist nicht zum geringsten Teil in seiner „good sportmanship", seiner einfachen Lebensweise und seinem taktvollen Auftreten begründet. Jedermann weiß, daß das Familienleben des Königs ein sehr glückliches ist. Vierzehn Jahre seiner Jugend verbrachte er als Seeoffizier und zuletzt als Kommandant eines Kreuzers der englischen Flotte, und noch heute kann er seine frühere Laufbahn nicht verleugnen. Der Segelsport ist immer noch seine Lieblingsbeschäftigung und seine Vorliebe für alles Militärische im allgemeinen ist sprichwörtlich. Im übrigen dürfte es nicht allgemein bekannt fein, daß Georg V. eine der umfassendsten und kostbarsten Markensammlungen in der Welt besitzt.
Zum ersten Male lenkte Georg V., damals noch Prinz von Wales, im Jahre 1901 die Augen der Öffentlichkeit auf feine Person, als er nach einer großen Rundreise durch die britischen Besitzungen in der Londoner Gildenhalle das Schlagwort prägte „England, erwache!" und erklärte: „Das alte Land muß aufwachen, wenn es feine Vorherrschaft im kolonialen Handel aufrechterhalten will." Neun Jahre später, im Alter von 45 Jahren, hatte Prinz Georg die Nachfolge seines Vaters, Eduards VII. anzutreten. Es war kein leichtes Erbe. Der kommende Weltbrand warf feine Schatten voraus. Englands politische Linie war schon — und dafür war Eduard VII. weitgehend verantwortlich — so gut wie endgültig in Richtung auf Frankreich hin f e st g e l e g t. Die „splendid Isolation" bestand schon damals nicht mehr. Die Sonne des englischen Weltreiches hatte gerade den Mittag überschritten. Im Innern hat der alte Parteienkampf zwischen Liberalen und Unionisten einen Höhepunkt erreicht. Der Streit um die Kompetenzen des Oberhauses führt im Herbst 1910 zur Auflösung des Parlamentes, das erst im Frühjahr neu gebildet worden war. Schließlich gelingt es, das absolute Veto der Lords in ein aufschiebendes Veto zu verwandeln und die gesamte Finanzgesetzgebung dem Machtbereich des Oberhauses zu entziehen. Das vor dem Abschluß stehende Home-Rule Gesetz für Irland wird auf unbestimmte Zeit aufgeschoben, als der Weltkrieg ausbricht.
1914: König Georg und Königin Mary, beide deutscher Abstammung — der König aus dem Hause Sachsen-Koburg, die Königin aus dem württembergischen Fürstenhause Teck — sehen sich an der Spitze des Volkes, das Deutschland den Krieg erklärt. Sie sind schon lange hundertprozentige Briten. König Georg legt seine sämtlichen ausländischen Titel ab und tauft feine Dynastie „Haus Windsor". Nach dem Weltkrieg erhält das gelockerte Gefüge des Weltreichs sogar neuen Zuwachs: Die früheren deutschen Kolonien werden als Völkerbundsmandat der englischen Oberherrschaft unterstellt. Irland, das sich im Weltkriege erhob und blutig niedergeschlagen wurde, erhält eine freistaatliche Verfassung. Ende 1928 erkrankt König Georg ernstlich. Die ganze Nation steht zwei Monate lang in Angst und Besorgnis: England beweist der Welt, daß seine politische Macht und wirtsckaftliche Wohlfahrt zwar geschmälert, aber nicht verschwunden sind. Die Krise im Jahre 1931 läßt den König seine Ferien in Schottland plötzlich abbrechen und sofort nach der Hauptstadt zurück- kehren. Die Krise wird siegreich überwunden. England marschiert wieder.
Ein besonderer Kabinettsausschuß hat das Programm für die ausgedehnten Feierlichkeiten des Jubiläums ausgearbeitet. Das Schatzamt hat 50 000 Pfund, die Stadt London hat 5000 Pfund zur Verfügung gestellt. Alles ist vorbereitet, um das Jubiläum mit grösster Pracht zu begehen. Der 6. Mai ist zum nationalen Feiertag erklärt worden. Ganz London wird mit Blumen und Lichtern geschmückt, ganze Straßenzüge und die größten Gebäude werden wochenlang im Scheinwerserlicht stehen. Die erste große Feierlichkeit ist der Dank-
die Schauspielerin braucht Toiletten, und keiner macht sich Gedanken darum, wo Tante Martha, die den Haushalt führt, überhaupt das Geld dazu hernimmt. Zu allem Ueberfluß ist noch der letzte des Monats und Großreinemachen im Haufe.
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Welch ein Glück, als sich wenig später herausstellt, daß die pessimistischen Pressestimmen im Unrecht waren: das Telephon klingelt, und es ist fein Gläubiger und kein Wucherer vor der Tür, sondern Rolf der Aeltere hat tatsächlich den Preis bekommen. Die Nachricht wirft den Alten fast um, aber nun ist doch alles in Ordnung, das vorausgegangene kleine Sektfrühstück im Galgenhumor braucht keinen Katzenjammer zu hinterlassen, und der Leutnant Bo braucht seine Verlobung mit der reichen Astrid nicht aus männlichem Ehrgefühl zu lösen, wozu Astrid ohnehin keine Lust hat.
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Aber das Stück hat nicht zwei Akte, sondern vier. Und jetzt kommt es, und nun sieht man erst, wie nahe Bergman seinen großen skandinavischen Landsleuten Ibsen und Strindberg verwandt ist: als erster Gratulant erscheint ein Milchbruder und Jugendfreund des alten Herrn, Bankier Eriksson, den hätte sich Ibsen auch nicht besser ausdenken können. Nachdem die beiden verschollene Schulgeschichten und später etliche minder heitere Erinnerungen ausgegraben haben, zieht Eriksson zum Abschied ein Bündel Papiere aus der Tasche: das sind die von ihm gekauften Wechsel der Söhne Rolf und Bo, die der Alte ja jetzt bezahlen kann und auch gern bezahlen will. Aber leider sind neben den klaren auch ein paar „unklare" Wechsel zum Vorschein gekommen — von Bo, dem jungen Leutnant.
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Nun denkt man schon, bas gibt dem Alten den Rest, und es ist eine mehr als peinliche Szene, wenn die drei Kinder, festlich gekleidet, auf den Alten warten, um ihn zur Preisverteilung zu begleiten. Man fürchtet schon, der Alte habe sich was angetan, und als er endlich erscheint und der Leutnant auf seine Frage glatt zugibt, er habe die Wechsel gefälscht, da scheint wahrhaftig alles aus und verloren zu fein — bis sich dann im wirklich allerletzten Augenblick herausstellt, daß Bo gelogen hat, weil er seinerseits den älteren Bruder im Verdacht hatte. Aber es war auch nicht Rolf der Jüngere, sondern die gute alte Tante Martha, der es wirklich niemand zugetraut hat (obwohl sie sich alle gewundert haben, wo eigentlich das Geld für den Haushalt immer herkam) und die die fatale
gottesdienst in der St. Pauls-Kathedrale am 6. Mai, dem alle Mitglieder der königlichen Familie beiwohnen. Am selben Tage hält König Georg eine Rundfunkansprache an seine Völker über den Weltreichssender. Am Abend findet ein großes Staatsbankett im Buckingham-Palast statt. An einem großen Aufmarsch der britischen Armee auf dem Truppenübungsplatz Aldershot werden sich etwa 20 000 Mann beteiligen. 1700 Knaben der „Boys Brigade" werden einen bereits vor Ostern beginnenden Stafettenlauf veranstalten, um dem Könia aus den entferntesten Teilen Englands Glückwunfchadreffen zu überbringen. Ueberall draußen im Weltreich wird das Jubiläum festlich und in ähnlicher Weife wie in England begangen. Die Dominien senden ihre hervorragendsten Vertreter nach London. Auch Politik und Wirtschaft werden zu ihrem Recht kommen. Das englische Kabinett beschäftigt sich schon jetzt mit einem großen „Jubiläums-Programm" für die engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Staaten des Weltreichs — ein Programm, das aleichzeitig im Zeichen der Propaganda für d i e nächsten Neuwahlen stehen wird. Das Jubiläum soll dem Weltreichsgedanken einen neuen Auftrieb verleihen: In König Georg wird das Symbolder Einheitdes britischen Weltreichs verehrt.
Rundfunkproqramm
Donnerstag, 11. April. *
6 Uhr: Bauernfunk. 6.15 und 6.30: Gymnastik. 6.55: Morgenspruch, Choral. 7: Frühkonzert. 8.15 bis 8.35: Gymnastik. 9.15: Musik am Morgen. 10: Nachrichten. 10.45 Praktische Ratschläge für Küche und Haus. 11: Werbekonzert. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittagskonzert I. 13: Nachrichten. Anschließend: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittags
konzert II. 14.15: Nachrichten 14.30: Wirtschasts- bericht. 15: Nachrichten der Bauleitung. 15.15: Kinderfunk. 16: Kleines Konzert. 16.30: Gorodok, die Stadt der Kriegsgefangenen. Von Dr. Bruno Wolfgang. 16.45: Bücherfunk. 17: Von München: Nachmittagskonzert. 18.30: Kunstbcricht der Woche. 18.35: Deutsche Gespräche. 19: Reichssendung: Der Vizepräsident der Reichsfilmkammer, Oberregierungs- rat Raether, und Reichssendeleiter Hadamowsky sprechen über Fernsehen. 19.20: Unterhaltungskonzert. 20: Nachrichten. Anschließend: Der Zeitfunk bringt den Tagesspiegel. 20.15: Polenblut. Operette in drei Bildern. 22: Nachrichten.
Freitag. 12. April.
6 Uhr: Bauernfunk. 6.15 und 6.30: Gymnastik. 6.55: Morgenspruch, Choral. 7: Frühkonzert. 8.15 bis 8.35: Gymnastik. 9: Werbekonzert und Nachrichten. 10: Nachrichten. 10.45: Praktische Ratschläge für Küche und Haus. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittagskonzert I. 13: Nachrichten. Anschließend: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert II. 14.15: Nachrichten. 14.30: Wirtschaftsbericht. 15: Nachrichten. 15.15: Für die Frau. 15.45: Elli Beinhorn zurück aus Zentralamerika Zwiegespräch zwischen Elli Beinhorn und Dr. Paul Laven. 16: Klaviermusik. 16.30: Frühjahrsblumen im (Barten. Eine naturkundliche Plauderei von Fritz Wolfart (Frankfurt a. M.). 16.45: Eine Begegnung mit dem Hakenkreuz im hohen Norden. Ein Reisebericht mit Schallplatten. 17: Nachmittagskonzert. 18.30: Jugendfunk. Von Werwölfen und Bärenhäutern. Von G. P. Gath. 18.45: Das Leben spricht! 19: Unterhaltungskonzert. 20: Nachrichten. Anschließend: Der Zeitfunk bringt den Tagesspiegel. 20.15: Stunde her Nation. Zwischen Himmel und Erde. Hörspiel. 21: Konzert. 22: Nachrichten. 22.15: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.30: Die Sportschau der Woche. 23: Die Geschichte vom zweimal gehenkten Roßkamm Edeling. 24 bis 2: Nachtmusik.
Ursula und Anneliese lernen „Artist".
Oie große Schule des Willens und der Selbstbeherrschung.
Von Paul Eipper.
Artistik kann man lernen; aber man muß früh beginnen und darf niemals damit aufhören. Ob es sich um Reckturner, Seiltänzer, Schulreiter, Parterre-Akrobaten, um Taschenspieler ober Jongleure hanbelt: immer heißt es üben, probieren, hinzulernen. Ich begegnete viele Jahre hinburch R a st e l l i hinter ber Bühne, im Hotelzimmer, in der Garberobe; nie sah ich ihn, ohne baß er übenb jonglierte, selbst noch in ber letzten Minute vor seinem Auftritt.
Artistenkinber fangen meist schon im fünften Lebensjahr mit „Lernen" an; es gilt, jebe Muskel und jede Sehne geschmeidig zu machen, weich, wie es in der Zunftsprache heißt. Kräftig muß ein Artist fein; er soll harte Muskeln haben; aber nichts ist so gefürchtet, wie die Verkrampfung. Jede Minute, jeder Ort, jedes Gerät und jeder Gedanke dient dem „Weichmachen" des ganzen Körpers.
Noch etwas eint alle Artisten, die Erwachsenen und die Kinder: Beherrschung nach außen. Ich habe tausendmal den Proben zugesehen und den Vorstellungen in aller Welt; ein jedes Artistengesicht lächelt immerzu. Lachen; auch wenn es recht weh tut, wenn has Herz stürmisch klopft und die Muskeln zitter "''a lernt z. B. Ursula den Salto. Alle Vorübung am Boden sind gut durchgestanden; nun wird ein breiter Ledergurt um die Hüfte geschnallt; der „Chef" greift ins Seil, und das Kind wird von der Longe hochgehoben, schwebt in der Luft. Mag sein, man ist em roenia ängstlich, doch nur in den ersten Sekunden. Der Lehrmeister gibt die richtigen Hilfen durch ein aufmunternbes Wort und burch fachmännische, entschlossene Griffe. Schon wirbelt man um sich selbst, begreift, wie man’s machen muß, fühlt, baß bie Hilfe von außen ben eigenen Schwung unterstützt. Nur immer üben, probieren, nicht mübe werben. Schon ber jüngste Zögling begreift, wie sehr es auf jeben Tag ankommt.
Die zukünftigen Artisten haben einen brennenden Ehrgeiz. Die Fortschritte der Kameraden
stacheln mächtig an, verleiten jedoch nie zu Mißgunst ober Eifersucht; im Gegenteil, die Artistenkinber helfen unb unterstützen sich wechselseitig, verraten einander sogar ihre kleinen Kniffe. Es muß ja so viel gelernt werben, bis man bie Grunb- lage erworben hat, auf der allein man sich zu seiner Spezialität entscheiben kann. Die „Brücke", bas „Herz", Salto und Spakat gehören zur Ausbildung jedes guten Artisten; aber wieviele Darin» tionen gibt es dabei: einfacher Spakat, Spakat aus dem Sprung, vom Stuhl herab, vom Tisch, von einer Leiter, Salto vorwärts, Salto rückwärts, doppelter Salto, ber Wunschtraum bes breifachen — ob man nicht gar einen vierfachen bezwingen könnte? Dann wäre man mit einem Schlag bie „Große Numme r"!
Davon träumt jebes Artistenkinb, vom bonnern- ben Applaus im Scheinwerferlicht der internatro» nalen Varietebühne. Diesem Ziel zuliebe wird immer wieder geübt, wird Schmerz und Unfall, Mißgeschick und auch mancherlei Entbehrung „lächelnd" überwunden. Es entsteht eine eiferne Disziplin des Körpers und der Seele, eine Zielstrebigkeit, die mich stets verblüfft bat, wenn ich mit Artistenkindern sprach. Sie wissen um den Ernst des Lebens, und das macht sie vielleicht gerade so bescheiden und hilfsbereit.
. Auch in der bürgerlichen Schule sind für gewöhnlich die Artistenkinder sehr beliebt, weil sie freigebig ihrerseits den Klassenkameraden Unterricht erteilen, natürlich nicht in Rechnen und Schreiben, sondern in Turnen, Handstandmachen, Fußspitzenlaufen und dergleichen. Aus der Artistenschülerin Anneliese wird bann plötzlich ein Lehrer; solch ein junges Menschenkind kann gar nicht anders; es muß sich in seiner Welt betätigen. Daher werden auch häusig Probevorführungen im Familienkreis veranstaltet, Zwischenstationen auf dem Weg zum Ruhm, der gerade für ben Artisten durchaus dornenreich ist.
Nur durch bie Kraft bes Willens wird aus aber tausend Hebungen der endgültige Sieg.
Geschichte zum Glück mittlerweile schon ins Reine gebracht hat. Na, nun scheint die Sonne endgültig, die ganze Familie kann ins Auw steigen, und Seine Majestät ber König braucht nicht auf ben Preisträger zu warten, ber aus seiner Hanb bie hohe Auszeichnung in Empfang nehmen soll. —
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Ein gefährlicher, ein wetterleuchtenber unb etwas pessimistischer Humor ist bas m dieser Komöbie; man muß sich erst baran gewöhnen. Der Spielleiter Herr Kühne war nach Kräften bemüht, den Leuten bie Schwedenplatte so munbgerecht wie möglich zu servieren unb ihnen bie Uebergänge von reiner Situationskomik zu einer Hintergrünbigkeit zu vermitteln, bie über ben Charakter bes bloß unterhaltenben Lustspiels hinausreicht. Eine ganz reale Spannung, bie sich in ber Mitte etwas lockert, gegen Ende aber wieder heftig ansteigt, ja fast übersteigert wirb, kommt ber Regie babei sehr zu Hilfe. Herrn Löfflers Innendekoration erwies sich als recht angemessen, im Stadium bes Großreinemachens sogar als hochaktuell.
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Für ben Komöbiencharakter des Stückes zeugten wenn nicht aste, so doch einige Gestalten bes Stückes; bie Hauptperson des alten Swedenhjelm vornehmlich: ihn spielte Herr L ü p t e mit einer glaubhaften Mischung aus Heiterkeit, Leichtsinn, (Benietum unb Ehrenhaftigkeit, bie an ben brama- tischen Höhepunkten von unmittelbarer Wirkung war. Recht geschickt waren bie beiben jüngeren Herren ber Familie gegeneinanbergestellt: Herr Löser als Rolf nervös, peinlich berührt, nicht ohne Verlegenheit, auch nicht ohne Selbstbewußt- fein; Herr D i e t e n als Leutnant schlicht, knapp unb von nüchternem Humor. Fräulein Decker (Julia) machte sich unb uns bas Vergnügen, bie wahrhaft komödiantische Rolle einer Schauspielerin zu spielen. Frau Stirl gab ruhig und einleuchtend, zuletzt mit ganz menschlich-ungeschminkten Tönen, die Tante Marta, Fräulein Pflug eine heitere unb verliebte junge Braut. Herr Neuhaus spielte ben fatalen Gratulanten Eriksson genau, als wenn er irgenbroo bei Ibsen vorkäme; Herr Göbel bemühte sich mit jugenblicher Herzlichkeit um ben Journalisten Pebersen, ber keineswegs bei Ibsen vorkommt, sondern eine etwas verunglückte Schwankrolle barstellt. —
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Den starken Beifall zum Schluß konnte der Spielleiter gemeinsam mit dem Ensemble entgegennehmen. hth.
Zeitschriften.
— „Das innere R e i ch." Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deutsches Leven. Herausgeber: Paul A l v e r b e s unb K. B. o. Mechow. Jebes Heft 1,80 Mark. Verlag Albert Langen-Georg Müller, München. — Die Herausgeber lassen ben neuen (2.) Jahrgang mit einem Wort Goethes beginnen, in bem er von bem stillen Bewußtsein spricht, einem großen, starken, geachteten unb gefürchteten Volke anzugehören. Alverdes schaut in feinem klugen „Brief an einen Ausgewanberten" noch einmal auf ben Beginn ber Arbeit an biefer Zeitschrift vor einem Jahr zurück. Aus den dichterischen Beiträgen des Heftes heben wir hervor Ernst Wiecherts Schauspiel „Der verlorene Sohn", mit bem ber Dichter zum erstenmal aus bem ihm bisher nur gegebenen Raum bes Erzählers heraustritt. Mit stillen unb geheimnisvollen Erzählungen finb Joachim von ber Goltz unb Julius Zerzer vertreten. Gebichte von Paul Appel, Abolf Beiß und Hans Branbenburg. In ber Folge ber Lanbschafts- barftellungen, bie das „Innere Reich" bringt, nimmt Agnes Miegels „Ostpreußische Heimat" ohne Zweifel einen Sonberrang ein: solch ein innerstes Verwurzeltsein im mütterlichen ©oben ber Heimat finben wir heute nur selten. An betrachtenden Beiträgen sind noch zu verzeichnen: Paul Wegwitz' Gedanken über Bluncks „Große Fahrt", Johannes Pfeiffers Vortrag über Andreas Gryphius als Lyriker und schließlich ein reich bebilderter Aufsatz von Alfred Zacharias: „Lob des Holzschneidens".
— Die Außenpolitik der Tschechoslowakei unterzieht Werner Wächter im Märzheft 1935 der Politischen Monatshefte „Volk und Reich" (Berlin: Volk und Reich Verlag, Einzelpreis 1,50 Mk.) einer zufammenfaffenden Darstellung, die durch eine lehrreiche graphische Uebersicht über das komplizierte Paktsystem unterstützt wurde. Anschließend behandelte Johann von Seers bie große Wunbe der Tschechoslowakei, „bas Problem ber Slowaken". Ludwig Weichsel stellt die Geschichte der polnisch-französischen Beziehungen dar, Karl Krüger berichtet über die Gestaltung ber neuen türkischen Staatlichkeit und ihrer außenpolitischen Bedingtheiten. Der Hauptabteilungsleiter im Stabsamt des Reichsbauernführers, Hans Erich Winter, zeigt die Auswirkung der europäischen Bauernidee auf die Ueberseeländer. Walter Anreiner stellt Litauens Rechtsbrüche in Memel zu einer vernichtenden Anklage zusammen. In einem politisch betonten Bildteil wird hierzu der Schauplatz des zweiten großen Konfliktes Litauens, Wilna, in prachtvollen Aufnahmen gezeigt.


