Nr. 58 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
§amrtag,9.Märzl9Z5
Aus der Provinzialhauptstadt.
Kleines Wort — große Mißstimmung.
Vhne weiteres kann man sich kaum vorstellen, daß ein aus vier Buchstaben bestehendes Wort imstande sein soll, jede Stimmung bei Mann und Frau zu töten. Daß es Minderwertigkeitsgefühle hervorbringt. Daß es wie ein Dolch auf das Herz eines Menschen zuflitzt. Daß es Gefühle umbringt, Lachen erstickt. Es ist das Wort: Noch.
*
So hübsch wie an diesem Abend war die acht- undzwanzigjährige Grete sich schon bange nicht vorgekommen. Ein gutsitzendes Kleid, neue Schuhe, schönes Haar belebten ihre Freude am Dasein. Sie wird ausgehen, bei Bekannten plaudern, lachen. Sie fühlt, der Abend wird ein Höhepunkt in ihrem Leben. Wirklich, der erste, den sie trifft, ist Fritz, ein Jugendfreund, den sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Damals liebte sie ihn. — Dann vergaß sie ihn. — Heut gefällt er ihr wieder.
„Fritz!" — „Grete! Ich freue mich, dich zu sehen. Du bist noch immer hübsch!"
Aus? Das Noch hat unheilbare Folgen. Also: noch! Aber wie lange noch? Ist es wirklich schon vorbei mit der Jugend, der Hoffnung? Täuscht man sich über sich selbst! Grete ist aar nicht mehr lustig und auch nicht mehr glücklich. Und wenn auch Fritz nicht versteht, weshalb sie plötzlich so ablehnend gegen ihn ist, so wird sie es ihm wohl nicht erklären, weil Männer so etwas nur dann verstehen, wenn es sie selbst trifft.
Was sagen Sie? Männer sind nicht so eitel! Aber das ist ja gar keine Eitelkeit und auch kein leeres Sichverlieren in äußerlichen Werten. Es ist viel mehr: es ist ein plötzliches Jn-den-Spiegel-sehen, wenn der Spiegel ganz ungünstig steht, gar keine rosige Helligkeit zeigt. —
„Ich glaube wohl, daß ich Ihnen den Posten anvertrauen kann", sagte der Direktor zu einem Bewerber. Der Bewerber strahlt. Er ist nicht mehr jung an Jahren, aber er fühlt Arbeitslust, er hat Erfahrungen, er will tüchtig sein. Er kann es mit jedem ausnehmen, das weiß er. Ueberzeugt davon, daß man ihn für viel jünger hält, weil er schlank ist und gestählt, wirbt er in schlichten, einfachen Worten für sich und seine Leistungen. Da ruft der Arbeitgeber: „Gut, gut, davon bin ich überzeugt. Sie machen ja noch einen sehr frischen Eindruck?"
Noch! Also er ist alt. Man sieht es ihm an. ♦
Die schönsten Worte verblassen vor dem Wort noch. Ueberschütten Sie eine Frau mit Liebens- Würdigkeiten. Sagen Sie ihr, sie sei die Klügste, die Geistvollste, die Gütigste — sie wird lächeln und strahlen. Sagen Sie: Gnädiges Fräulein, Sie haben noch wunderbares Haar, und Sie werden sehen, daß das Haar jeden Glanz verliert, und daß die Frau in einer Minute um zehn Jahre altern wird. —
♦
Don der Familie will sich die Tochter lösen, das elterliche Haus verlassen, um in der Fremde eine Stellung anzunehmen. Die Mutter hofft jeden Tag aufs neue, daß ihre Aelteste in dem Entschluß wankend werden wird. Sie wagt nicht zu fragen. Immer näher rückt der Termin, ohne daß über d'.e Abreise gesprochen wird. Bis eines Abends ihre Aelteste im Laufe des Gesprächs sagt-: „Ich werde dir noch das eine Kleid ändern, Mutti". Da weiß die Mutter plötzlich, daß sie vergebens hoffte. Noch ändern ... noch etwas machen, bevor man dann weggeht... *
Was alles läßt sich aus dem Wort noch ersehen! Es ist noch Aussicht vorhanden, daß etwas besser wird ... dann hat man kaum noch Zuversicht. Es bleibt noch eine Weile kühl — aber nicht mehr
Ausruf!
Kameraden der HI. im Gebiet Hessen-Nassau.
Kameraden der f)3. im Gebiet Hessen-Nassau!
Zum zweitenmal werdet ihr aufgerufen, in friedlichem Wettstreit um die beste berufliche Leistung zu kämpfen, wiederum sollt ihr als nationalsozialistische deutsche Jugend eure freiwillige Einsatzbereitschaft beweisen, wenn es gilt, die deutsche Zukunft zu bauen. Ganz Deutschland wird aufhorchen, wenn in den Tagen des Wettkampfes e i n Wille, e i n pulsfchlag euch beherrscht. Das ganze deutsche Volk wird stolz sein, wenn es sieht, daß seine Jugend am Werk ist, sich beruflich zu ertüchtigen, um fo für alle Zukunft der deutschen Arbeit den Vorrang in der Welt zu sichern. Ein Zeichen des Friedens
lange. Durch das Noch scheint schon bie wärmende Frühlingssonne. Noch besteht die Derlobung ... Noch liegt die Reife in weiter Ferne... Noch ist man jung ... noch sind wir hübsch ... es gibt Männer, denen wir noch den Kopf verdrehen können...
Sagen Sie nie unbedacht das Wort noch...! Scnü.
Oie Flaggen der öffentlichen Gebäude heute Halbmast.
DNB. meldet aus Berlin: Am Samstag, 9. März, dem Tage der Beisetzung des tödlich verunglückten bayerischen Staatsministers und Gauleiters S ch e m m, flaggen die Gebäude des Reichs, der Länder, der Gemeinden, der Körperschaften des öffentlichen Rechts und der öffentlichen Schulen Halbmast. Diese Anordnung wird hiermit amtlich mit dem Hinzufügen bekanntgegeben, daß eine schriftliche Benachrichtigung der Behörden nicht erfolgt.
Oer VOA.
sammelt für das Winterhilfswerk.
Abzeichen-Verkauf am 9. März.
Die zweite Sammlung des BDA. für das Winterhilfswerk findet am 9. März 1935 statt. Der Opfer» tag wird diesmal im Zeichen verschiedener künstlerischer Sinnbilder stehen, die von den Mitgliedern des BDA. verkauft werden. In Stadt und Land sollen drei verschiedene Arten von Abzeichen von der Volksdeutschen Gesinnung Zeugnis ablegen: Bern st einnadeln, Bildnisse von Kindern mit Sammelbüchsen, wertvolle Hand- geschnitzte Bauernköpfe, mit deren Herstellung verschiedene deutsche Grenzgebiete wie etwa Ostpreußen und das Erzgebirge betraut wurden. Jeder erwerbe und trage ein solches Abzeichen als Bekenntnis der Gemeinschaft, die sich in Not und Härte ebenso bewähren muß, wie in Glück und Freude. Er erwirbt damit zugleich ein gefälliges kleines Kunstwerk, das ihm an sich schon Freude bereiten wird.
Oie Gießener SS. besucht das Saargebiet.
Die 8 3. S S. - S t a n b a r t-e unb bie 3 0. S S. - Motor st anbarte statten am morgigen Sonntag bem Saarlanb einen Besuch ab. Aus Gießen beteiligen sich an bieser Fahrt 75 Mann. Die Teilnehmer fahren zunächst nach Frankfurt und von dort mit den Angehörigen anderer Standarten nach bem Saargebiet. Die Gießener SS. verläßt am heutigen Samstag mit bem fahrplanmäßigen Zug um 22.45 Uhr unsere Stabt. Das Felbzeichen ber Standarte und die Sturmbannfahnen werben mit
soll es der ganzen Welt gegenüber sein, wenn am 18. März eine Million deutscher Jungarbeiter zum friedlichen Kampf um die Höchstleistung und die Ehre der Arbeit antritt.
Kameraden des Gebietes Hessen-Nassau! keiner von euch fehlt bei der
Olympiade der deutschen Jungarbeiter!
Beteiligt euch am Reichsberufsweltkampf!
Wiesbaden, 6. März 1935.
Der Führer des Gebietes Heffen-Nassau: gez. Kramer, Gebietsführer.
geführt. In Saarbrücken findet ein großer Aufmarsch vor dem SS. - Gruppenführer Heiß- meyer (Koblenz) statt, wobei den saardeutschcn Brüdern und Schwestern die straffe Disziplin der SS. vor Augen geführt werden soll. Die Gießener SS. kehrt in der Nacht zum Montag um 0.45 Uhr hierher zurück.
Unfer neuer Roman.
Nachdem wir in ber gestrigen Ausgabe unseres Blattes die Veröffentlichung bes Kriminalromans „Helma lächelt" von Klothilbe von Stegmann zum Abschluß gebracht haben, beginnen wir in ber heutigen Ausgabe bes Gießener Anzeigers mit bem Abbruck eines neuen großen Romanwerkes, bas bestimmt wieder ein gichtiger Schlager und ein ganz großer Publikumserfolg werden wird. Wir wissen genau, daß wir mit ber Erwerbung und Veröffentlichung dieses neuen Romans den Erwartungen eines sehr großen Teiles unserer Leserschaft in Stadt und Land in hocherwünschter Weise entgegenkommen:
„£)ie Ifflandstöchter und ihre Freier" von 3- Schneiber-Foerstl
— so heißt unser heute beginnender Roman, und der Name der in ganz Deutschland geschätzten und von vielen Tausenden gelesenen Autorin bürgt allein schon für Spannung, Eigenart und Zugkraft dieses Romans, der eines ihrer letzten Werke ist und erst vor kurzem vollendet wurde. Wir brauchen unsere Leser heute wohl kaum an die stattliche Reihe ber Noname von Frau Schneiber-Foerstl zu erinnern, bie in früheren Jahren bei uns erschienen sinb, unb von benen jeher — wir nennen nur „Wie sie ihn bezwang", „Wenn Töchter Frauen werben", „Helene Chlobwigs Schutt) unb Sühne" unb „Lache, Bajazzo!" — sich zu einem außergewöhnlichen Erfolg gestaltete.
Alles, was in biefen früheren Romanen ber Schneiber-Foerstl zahllose Leserinnen unb Leser ergriff unb entzückte, was sie von Tag zu Tag aufs neue in atemlose Spannung versetzte bis zum allerletzten Kapitel — bas finben Sie auch in diesem neuen Roman, einer herrlichen, zu Herzen gehenden Liebesgeschichte, die Ihnen auf den ersten Blick gefallen wird, und die Sie so bald nicht vergessen werden.
Oie Hamburger Lohngeldräuber abgeurteili.
Die Kriminalpolizeistelle Gießen teilt uns mit:
Am 28. Februar 1935 fand in Hamburg vor dem Schnellschöffengericht die Verurteilung der drei Lohngeldräuber statt, die am 18. Januar 1935 in Hamburg in die Reismühle eingedrungen waren,
wovon zwei am folgenden Tage in bem V-Zug Altona—Frankfurt zwischen Gießen und Bad» Nauheim festgenommen werden konnten. Der eine festgenommene, Robert Maertens, ber in Bad-Nauheim wieder flüchtig ging, am gleichen Abend aber in Gettenau ergriffen werden konnte, erhielt wegen zwei gemeinschaftlicher schwerer Diebstähle, eines einfachen Diebstahls und gemeinschaftlichen schweren Raubes 12 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust: bie Sicherungsverwah- rung war bereits vom Oberlanbesgericht in Braunschweig angeorbnet. Der zweite, Ernst Ewald P r e u s ch e, erhielt wegen gemeinschaftlichen Diebstahls unb gemeinschaftlichen Raubes 5 Jahre unb 6 Monate Zuchthaus, Der britte Täter, Bernharb P o l l o k, ber am 21. Januar 1935 in Bottrop festgenommen werben konnte, erhielt wegen zwei gemeinschaftlicher schwerer Diebstähle und eines gemeinschaftlichen schweren Raubes 6 Jahre und 6 Monate Zuchthaus. Gegen zwei weitere Beschuldigte wurden Gefängnisstrafen verhängt.
Deutsche Arbeitsfront, Berufsgruppenamt. Verufsgruppe der Techniker.
Der heutige Vortrag von Oberbaurat Eellarius (Gießen) über „Das Straßennetz ber Provinz Ober- Hessen und die neuzeitlichsten Bauweisen" findet um 20.15 Uhr im Ortsgruppenheim des Berufsgruppenamtes, Lonyftraße 18, statt, worauf besonders hingewiesen wird. Der Vortrag wird durch Lichtbilder umrahmt.
Berufsgemeinschaft der Werkmeister, Fachgruppe Tabak.
Der Lehrgang „Die Entstehung und Verarbeitung der Tabaks" beginnt am Samstag, dem 16. März, 16 Uhr.
Lehrgänge für Berufskameraden.
Das Berufsgruppenamt der Deutschen Arbeitsfront in Gießen führt zur Zeit Lehrgänge für st ellenlose Berufskameraden durch, die sich mit Kurzschrift, Maschinenschreiben, Gedächtnisschulung und Briefwechsel beschäftigen. Es hat sich bei Durchführung dieser Lehrgänge als außerordentlich vorteilhaft erwiesen, daß die Hausaufgaben gleichfalls unter Aufsicht erledigt werden und durch diese Beaufsichtigung eine sehr große Leistungssteigerung erzielt werden kann.
Mitte März sollen auch für berufstätige Kameraden in den Abendstunden solche Lehrgänge durchgeführt werden, um auch bei diesen in möglichst kurzer Zeit eine entsprechende Leistungssteigerung zu erzielen. Selbstverständlich soll jedem Teilnehmer, der nur Interessent für das eine oder das andere Fach ist, gleichfalls die Möglichkeit geboten werden, an dem von ihm ausgesuchten Lehrgang teilzunehmen. Die Teilnehmer werden in vier Gruppen erfaßt, und zwar Anfänger, Fortgeschrittene, Redeschrift-Anfänger und Praktiker.
Anmeldungen für die Lehrgänge werden bereits heute bei dem Berufsgruppenamt, Gießen, Lony- straße 18, entgegengenommen. Es wäre zu wünschen, wenn sich möglichst viele Arbeitskameraden an diesen Lehrgängen beteiligen würden, um den zur Zeit bestehenden Mangel an guten Stenotypisten unb Stenotypistinnen zu beheben. Interessenten mögen die heutige Anzeige beachten.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.Gemeinschaft „Äraff durch Freude".
Urlaubszug in die Pfalz vom 23. bis 3 0. März. Fahrtkoften 29,50 Mark. Schlußtermin für die Anmeldung 16. März. — Die Pfalz hat bekanntlich das wärmste Klima in Deutschland, und so wird diese erste Frühlingsfahrt zweifellos den Teilnehmern viel Freude bereiten. Während in anderen deutschen Gebieten noch hoher
Die Ifflandstöchter und ihre Freier.
Roman von 3- Schneiber-Foerstl.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.' Nachdruck verboten.
Seit dreihundert Jahren saßen die Jfflands auf bem großen Hof, der westwärts in bte Ebene hm- einreicht und nach Norden hin stch an die Berge lehnt, als suche er Rückendeckung.
Seit dreihundert Jahren war das bei den Jff- lanbs so gehalten worden: Der Erstgeborene bekam bas Gut. Der zweite Sohn wurde Geistlicher und ber dritte — ein einziges Mal war das vorge- kommen — mußte eben sehen, daß er bei einem reichen Schwiegervater unterschlüpfte.
Dann war mit einem Male eine grobe Unordnung eingeriffen, die verhängnisvoll zu werden drohte: Ada Jffland, geborene Dohrne, Kaspar Jfflands Frau, hatte dem Gatten drei Tochter geschenkt. Und erst als viertes Kind einen Sohn. Und als wollte sie mit der Geburt dieses Sohnes zeigen, baß sie nun ihre Pflicht erfüllt habe, legte sie sich an einem Herbstabend zum Sterben nieder und ließ den Mann mit den vier Kindern allem.
An alles das dachte Kaspar Jffland, als er, an feinem Schreibtisch fitzend, erwog, wie chwer es war, vier Kinder großzuziehen, von denen nur eines ein Junge und ine anderen drei Mädchen waren. So lange die Jfflandchronik beruhten tonnte, war das noch nie der Fall gewesen: drei Tochter. — Und was für welche!
Klaudine, die älteste, nahm Gesangsstunden, um sich auszubilden und hatte mit ihren neunzehn Jahren auch nicht die blasseste Ahnung, wie man es anstellte, einen durchlöcherten Strumpf zu stopfen.
Margot trug ausschließlich Sportkleidung und lag vom Morgen bis zum spaten Nachmittag im Was fer, um für ein Wettschwimmen zu trainieren.
Blieb noch Luzie, die Jüngste. Die focht und ritt spielte Tennis und Hockey, turnte über Graben und Hürden, und trieb sich bei schlechtem Wetter Zwischen Pferdekoppeln und Rinberweiben herum, um am Abend mit zerrauftem Haar, zerschunbenen Knien und einem Dutzend Schrammen an den Fußen ve, Tisch zu erscheinen und bte Weisheit ihrer sechzeh Jahre zum Besten zu geben.
Die Tür hinter Jffland schnappte leise em. „Du? fragte er, nach rückwärts blickend und streckte fernem Einzigen die Hand über die Schütter entgegen. „Ich habe gestern mit Professor Molz gesprochen. Du bist in allen Fächern gut. Hättest du Lust Offizier zu werden?"
Der Junge setzte sich auf einen Stuhl und fah über des Vaters Kopf hinweg durch das Fenster, vor dem ein Falter taumelte.
„Das hat noch Zeit, Papa."
„Das heißt", meinte Jffland, „du verspürst keine Lust zu diesem Beruf."
„Nein."
„Zu was sonst?"
Der junge Jffland sah jetzt, wie der Falter an ber Oberlichte des Fensters durch einen Spalt kroch und hinter diesem verschwand. Seine Augen glitten von ihm ab und richteten sich auf den Vater, der ihn unverwandt beobachtete. „Laß mich Maler werden, Papa."
„Ausgeschlossen!" Jffland fuhr dabei mit den Händen fo heftig über den Schreibtisch, daß verschiedene Papiere hochflatterten. „Wo denkst du hin? Kommt gar nicht in Betracht! Weil du schon mal ein paar nette Kritzeleien fertiggebracht hast. Doch um ein Großer zu werden, dazu gehört mehr. Aber selbst, wenn du das Zeug dazu hättest, würde ich nein sagen. Nein und nein unb roieber nein! Bis bu zur Geltung kommst, bist bu alt. Außerbem —" er sah jetzt seinen Einzigen an unb schüttelte ben Kopf, fo sehr sprang besten Aehnlichkeit mit ber toten Mutter ihm ins Auge — „Fann ich mir ben Luxus nicht erlauben, einen Sohn zu haben, ber nur feinen Neigungen lebt. Wenn bu allein wärst — bann vielleicht. Aber bu hast brei Schwestern! Vergiß bas nicht."
„Wie könnte er bas vergessen, Papa!" rief eine Helle Stimme von ber Tür her, unb bann trällerte ein Lachen herein. „Drei Schwestern!" Wie bu bas gesagt hast, Papa! So etwa, wie man kleinen Kin- bem broht: „Warte nur, wenn bu nicht brav bist, kommt ber schwarze Mann unb holt bich. Also heul' nicht mehr unb mach hübsch brav bie Guckerchen zu!"
Luzie trat näher, sah belustigt von einem zum anbern unb ließ sich auf ber Lehne von ihres Bru- bers Stuhl nieber, sorgsam bebacht, baß ihre schmutzigen Reitsttefel nicht besten Beinkleib streif- ten. Dicht über ihrem rechten Knie klaffte ein Loch im Seibenstrumpf, unb ehe Jfflanb noch fragen konnte, sagte sie: „Da bin ich roieber einmal irgendwo hängengeblieben."
Als ber Vater bie Stirn runzelte, wippte Luzie nachbenklich auf ber Lehne hin unb her. „Zwanzig Paar gestrickte Strümpfe — gestrickte, Papa! — liegen oben in ber Rumpelkammer, sagte bie alte Nanne. Die werben natürlich von ben Motten gefressen. Ober bie Mäuse geben sich barin ein Stelldichein. Aber da brüllt ja die ganze Stadt, wenn ich mit gestrickten Strümpfen angetrampelt komme!"
Der Bruder zog ihr den Gürtel des Kleides etwas zurecht und sagte mit Nachdruck: „Ja, das würde sie tun. Wenn ich erst einmal etwas verdiene--"
Ach, bis dahin!" unterbrach ihn Luzie unb langte über ben Wust von Briefschaften und Zeitungen hinweg nach bem Zigarettenetui bes Vaters. „Du
erlaubst boch, Papa? Ich gebe bir bafür von ben meinen." Sie zog a-'s bem Brustausschnitt eine Schachtel englischer Zigaretten. „Die sinb mir zu stark."
Jfflanb war überrascht. „Don wem hast bu benn bie?"
„Vom jungen Pöttmes. Das Ekel hat nicht nachgegeben, bis ich sie schließlich genommen t)abe.“
Jetzt war es nicht nur Staunen, sonbern offene Angst, bie aus Jftlanbs Stimme klang. „Ich will nicht hoffen, Luzie--"
Ihr Lachen zerstreute alle Besorgnis. „Was bu schon roieber benkst, Papa! Den nehm' ich nicht unb wenn ich Schweine hüten müßte!"
„Luzie!!" Jfflanb schleuberte bie Zigarettenschachtel so heftig auf ben Schreibtisch, baß ein Teil ber Briefe zu Boben flog. Bruber unb Schwester bückten sich gleichzeitig unb beförberten alles roieber an feinen Platz zurück. „Wenn bu noch einmal eine solche Aeußerung machst, Luzie--"
Sie wippte schon roieber auf ber Lehne bes Stuhles unb fah ihn verrounbert an. „War bas so schrecklich, Papa? Darüber ist sich boch bie ganze Welt einig, was mit ben Pöttmes los ist unb woher sie ihr Gelb haben."
„Du schweigst!" rief Jfflanb erbost, sprang auf unb begann im Zimmer auf unb ab zu laufen. „Ich finbe es unerhört, baß bu mit beinen sechzehn Jahren über all biefe Dinge schon Befcheib weißt."
„Das habe ich schon vor einem Jahr gewußt", entgegnete Luzie, glitt von ber Stuhllehne, als er eben roieber an ihr vorüberkam, unb hing lachenb unb schmeichelnb an seinem Hals. „Oh, bu lieber, lieber bummer Papa! Wir sinb boch nicht mehr wie bie Möbels von früher! Sei boch froh", begütigte sie, als er sich von ihr losmachen wollte. „Denk boch, wenn bu brei ganz weltunerfahrene Unschulbs- lämmer zu hüten hättest, bann gingen bir bie Haare noch viel stärker aus, als es ohnebies schon ber Fall ist."
„Jetzt aber Schluß, Luzie!"
„Eins noch, Papa!" Sie hielt ihn am Arm fest unb legte ihre erhitzte Wange gegen feine Schulter. „Unferetroegen braucht ber Fritz sich nicht in einen Beruf zu zwängen, ber ihm nicht liegt. Wir brei raufen uns schon burch. Latz ihn nur Maler werden. Ich reite, die Margot schwimmt, und Klaudine wird verheiratet."
„Unsinn!" brummte Jffland und schob sie von sich. „Du hast überhaupt nichts zu bestimmen."
„Nein, Papa!" Dabei blinzelte sie schelmisch zu ihm auf. „Will ich auch gar nicht. Du bist der Herr im Haus. Aber fo ein bißchen pinseln" — sie zwinkerte nach Fritz, der schweigend das Geplänkel verfolgte, hinüber — „da ist doch weiter nichts dabei. Das kannst du ihm doch gönnen, und wenn ..."
„Dagegen habe ich ja auch nichts", fiel ihr ber Vater ins Wort. „So nebenbei kann er stch ruhig mit ber Malerei beschäftigen. Nur als Hauptberuf meine ich--“
„Davon spricht ja auch niemanb", beschwichtigte Luzie. Ihre Blicke bebeuteten bem Bruber, sich fürs erste zufrieben zu geben.
Vater Jfflanb hatte bas Augenspiel bemerkt und sofort auch verstanben. Er ärgerte sich ein wenig über feine Schwäche. Aber ba schwätzte einem bas Mäbel bie Ohren voll, baß man zuletzt gar nimmer wußte, wie man eigentlich bazukam, zu etwas Ja unb Amen zu sagen, was man vor zehn Minuten noch kurzweg abgeschlagen hatte.
Es war eben ein Kreuz! Unb wenn er sich auch sonst ben Schicksalsschlägen fügte, bas würbe er nie unb nimmer begreifen; wie ber Herrgott einem Manne bie Frau nehmen unb ihn mit vier Kinbern allein zurücklassen konnte. Ganz einfach wibersinnig war bas! Zum minbeften sprach es gegen seine Weisheit.
Jawohl! Unb ber Pfarrherr, ber Bruber feiner verstorbenen Frau, mit bem er neun Jahre lang bas Pennal besucht hatte, hielt sich bes öfteren bie Ohren zu, wenn er feinem gequälten Herzen Luft machte. Es wäre sicher alles zu seinem Besten, meinte ber geistliche Herr bann deschwichtigenb.
„Wie benn?" fuhr Jfflanb jebesmal auf. „Du hast leicht reben, fitzt fröhlich unb zufrieben in beinern Wigwam, hälft morgens beine Messe unb rufst am Sonntag Pech unb Schwefel über uns fünbige Menschen herab; unb im übrigen kann ein jeber sehen, wie er sich burchrauft."
„Erlaube, Kaspar, ich trage boch all eure Sorgen mit, bie beinen insbesondre", war bie Entgegnung.
„Na ja", meinte Jfflanb bann einlenkenb, „aber im Grunbe genommen bleibt boch alles auf mir allein lasten. Wenn bu nur wüßtest, was mir bie Dienstboten verschlampen. Unb niemanb, ber ihnen auf bie Finger gucken, keiner, ber wenigstens im Hause ein strenges Regiment führen würbe."
„Du hast boch Töchter", erinnerte ihn ber Pfarrer.
„Aber was für Töchter!"
Da hatte er nun ben Schwager mieber zum Gegner. Mutterlose Mäbchen! müsse er bebenFen. Was er benn eigentlich wolle? Wie hätten sie benn anbers aufwachsen sollen! Immer nur auf sich selbst angewiesen. Ein Wunber, bah sie überhaupt fo geraten wären. Die Klaubine fei übrigens ein ganz seltenes, charaFtervolles Geschöpf. — Daß sie finge? Gott, fingen fei boch wahrhaftig etwas ganz Un- schulbiges. Er solle seinem Schöpfer banFen, daß fie sanft Feine Flausen im Kopfe trage.
Na ja, ba schwieg man eben roieber.--Ver
blüfft bemerFte Jfflanb jetzt, baß Sohn unb Toch- ter, die doch eben noch biergeroefen, mit einem Male verschwunden waren. Dafür Fayi ein unbändiges Lachen vom Garten herauf, und jemand patschte im TaFt in die Hände. Was mochte Luzie ba roieber in Szene gesetzt haben?
(Fortsetzung folgt!)


