„Hat man sein typisches kommt."
stab ausgeübte Praxis Frankreichs. Daß endlich Deutschland die Eingeborenen in seinen Kolonien bedrückt haben foU, ist eine Lüge, die schon vor Jahren der jetzige Lord Snowden eine „kostspielige und unwahre Weltpropaganda" genannt hat.
Hiernach beginnt der positive Teil des Funkspruchs. Er lautet: „Was sind die berechtigten Ansprüche Deutschlands? Daß es einen Zugang zu den Tropen mit ihren Rohstoffen braucht, daß es ein Gebiet für seinen Bevölkerungsüberschuß notwendig hat, daß nach den vorgeschlagenen Friedensbedingungen die Eroberung keinen Rechtsanspruch der Gegner begründet."
In diesen Sätzen liegt der Kern des hier abgegebenen Gutachtens über die Frage der deutschen Kolonien. Wäre beim Friedensschluß danach verfahren worden, so wäre Deutschland heute noch als Kolonialmacht ungeschädigt. Die Siedlungsfrage mag hier auf sich beruhen, weil sie für die Entwicklung der Kolonien als Rohstofflieferanten weder positiv noch negativ entscheidend ist. Auch auf die Fortsetzung des Funkspruchs über die Interessen der Eingeborenen in den Kolonien gehen wir nicht weiter ein. Wollte jemand die deutsche Kolonialverwaltung vor dem Kriege kurz charakterisieren, so brauchte er sich da zu nur derselben Sätze, die im Funkspruch als Forderung auftreten, in der einfachen Berichtsform zu bedienen. Mehr als einer von unseren Kriegsgegnern hätte Anlaß gehabt, wenn ihm der Funkspruchkatalog über die „Interessen der Bevölkerung" vorgehalten wurde, zu bekennen: Gott sei mir Sünder gnädig!
Oberst House war ein Gegner Deutschlands, aber er war ein ehrlicher Mann. Darum mußte er anerkennen, daß Deutschland eigene koloniale Rohstoffgebiete nötig hat. Eine Ergänzung zu den Sätzen Houses gab im Januar 1926 der damalige Vizepräsident der französischen Deputiertenkammer, Ferdinand B u i s s o n , mit den Worten: „Die Reichsregierung muß ihren Industrien ein genügendes Absatzgebiet verschaffen. Das ist nur durch Wiedergewinnung der Kolonien möglich. Deutschland muß durchaus seine überseeischen Besitzungen zurückbekommen, um seine Produkte absetzen zu können." Buision ist aber keineswegs der einzige Franzose mit solcher Einsicht. Gerade vor einem Jahr veröffentlichte der damalige französische Innenminister, frühere Ministerpräsident
Charakter, so hat man auch Erlebnis, das immer wieder Fr. Nietzsche.
Schnelligkeit des Verkehrs, die Humanisierung des Strafrechts, die Befreiung des einzelnen Individuums von der Bevormundung durch den Staat und die Kirche (Pressefreiheit, Glaubensfreiheit u. a. m.) als Fortschritt schlechthin zu bewerten und einen Zustand, der diese Errungenschaften nicht aufweist, als kulturlos, als Barbarei oder als Rückständigkeit zu betrachten.
Will man feststellen, was bei all diesem Fortschritt wertvoll ist, so muß man zuvor eine Rangordnung der Werte aufstellen, an denen gemessen bestimmte Erscheinungen daraufhin beurteilt werden können, ob sie als Fortschritt anzusprechen sind oder nicht. Eine solche allgemeingültige Rangordnung aufzustellen, ist aber nur dann möglich, wenn sie vom Standpunkt einer be stimmten Welt- und Lebens- anschauung aus erfolgt. Solange nicht eine Einheitlichkeit der weltanschaulichen Grundlagen erzielt ist, wird der Beoriff „Fortschritt" stets Zweifel- haft erscheinen müßen, jedenfalls niemals eine innere Zustimmung aller oder der Mehrheit, die zu einem bestimmten Kulturkreis gehören, finden.
Selbst gegen Erscheinungen, die ganz eindeutig als Fortschritt zu bewerten sind, können von einem anderen weltanschaulichen Standpunkt Skepsis und Zweifel geltend gemacht werden. So gilt im allgemeinen als unbestreitbar, daß die leibliche und geisti-ge Gesundheit ein erstrebenswertes Ziel, ein unbedingter Wert ist, wenngleich (hier beginnen schon die Zweifel!) ein Mensch noch nicht viel Wert zu haben braucht, wenn er nichts anderes als „gesund und munter"* ist, und leidende Naturen geistig außerordentlich produktiv sein können („Aus meinen großen Schmerzen, mach' ich die kleinen Lieder", Rob. Schumann). Descartes, Chopin, Nietzsche u. a. hervorragende Geister waren rhr lebtaglang kränklich und körperlich leidend.
Ein Fortschritt wird aber doch wohl dann oor- , liegen, wenn d i e Bevölkerung eines Landes im Laufe der Zeit gesünder geworden ist, d. h. wenn die Zahl der Erkrankungen und der Todesfälle während einer bestimmten Zeitspanne abgenommen hat. Auch das kann nicht schlechthin gelten. Denn es ist schwerlich erstrebenswert, daß । durch einen sehr großen Aufwand von Mitteln ein sieches Leben auch dann aufrechterhalten wird, ' wenn aller Lebenswille geschwunden, eine, Ge» . nesung ausgeschlossen erscheint, und der betreffende lediglich eine Quelle des Schmerzes und der Sor- : gen für feine Umgebung ist. Eine Aufrechterhaltung minderwertigen und siechen Le- i bens erfolgt doch immer auf Kosten der Jungen und Rüstigen, die zumindest die Mittel aufbringen : müssen, um die Siechen zu erhalten. Wir sehen
Schuß <ru5 nur einem Geschütz in knapp drei Stunden niedergelegt.
Der Zweck dieser Zeilen sollte nur sem, J>ie hervorragenden Leistungen der „Dicken Bertha in da^ nichtige Licht zu stellen, und wie der Verfasser sehr richtig sagt: „Die körperliche Ertüchtigung geht zwar der geistigen voran: mens sana in corpore sano. Jrn Geiste aber ruht die Macht, welche alles lenkt und leitet, welche die Materie zur Konstruktion formt, welche unter Anerkennung einer höheren Macht nicht gegen die Natur der Dinge handelt und welche allein die militärische Schwache zu überwinden vermag, unter der wir leiden.
Möge die heutige Jugend nicht blind an den Erfahrungen der Vergnngenhe.it voruberge-hem $
Zwanzig Jahre Stahlhelm.
Vor nunmehr 20 Jahren schlug die Geburtsstunde des deutschen Stahlhelms. Im Februar 1915 wurden die er st en Formationen des deutschen Frontheeres an der Westfront mit bem Stahlhelm ausgerüstet. Der mittelalterliche „Schalle r" fand seine Auferstehung. Der Stahlhelm verdrängte die Pickelhaube und niit ihr all' die anderen Helmformen. Ein seltsamer Weg führt bis zum Stahlhelm. Dom Schalter angefangen Über Pelzmützen, Dreispitz und Pickelhaube hinweg wieder zurück zum Ritterhelm. Unendlich vielen hat er das Leben gerettet. Oberst Bauer, der damalige Abteilungschef in der Obersten Heeresleitung, schreibt in seinen Erinnerungen: Die Einführung des Stahlhelms war ein alter Lieblings- gedanke von mir. Bei einem Versuchsschießen gegen
Dr. Schacht hat in seiner Rede auf der Leip- 1 ziqer Frühjahrsmesse gesagt, es zeige sich immer klarer, daß für einen Industriestaat der Besitz l kolonialer Rohstoffgebiete als Ergün- : zung der heimischen Wirtschaft unerläßlich ist; unser Transferproblem wäre auch viel leicht, wenn wir einen erheblichen Teil unseres Rohstoffbedarfs innerhalb eines eigenen kolonialen Währungsbereichs erzeugen könnten. Dieser Appell an die Vernunft des Auslandes wird die deutsche Kolonialfrage hoffentlich ein Stück weiterbringen. Dr. Schacht hat aber Vorgänger sogar unter unseren früheren Kriegsgegnern, an die zu erinnern wichtig und interessant ist. Gleich der erste und — durch den Zeitpunkt, zu dem er sprach — bedeutendste ist Wilsons Vertrauensmann in Europa während des Weltkrieges, Oberst House, in seinem Lyoner Funkspruch vom 19. Oktober 1918.
Der Funkspruch ging auf Ersuchen Wilsons nach Washington und bezog sich auf die praktische Durchführung der Vierzehn Punkte. Von diesen lautete Punkt 5 bekanntlich: „Freie weitherzige un- bedingt unparteiische Schlichtung aller kolonialen Ansprüche, unter strengster Beobachtung des Grundsatzes, daß bei der Entscheidung aller solcher Souoeränitätsfragen die Interessen der betreffenden Bevölkerung gleiches Gewicht haben müssen, wie die berechtigten Ansprüche der Regierung, deren Rechtstitel bestimmt werden."
Daraufhin fürchtete man in Frankreich, alle Kolonialfragen sollten als offene behandelt werden. Oberst House stellt in seinem Funkspruch zunächst fest, daß es sich nur um die mit dem Krieg zusammenhängenden kolonialen Ansprüche handle. Danach untersucht er die „berechtigten" Ansprüche England und Japans (von Frankreich ist merkwürdigerweise nicht die Rede) gegen eine Rückgabe der Kolonien an Deutschland, und stellt fest, diese Mächte hätten ein Einspruchsrecht 1. gegen die Verwendung der Kolonien als Häfen für Unterseeboote, 2. gegen die Bewaffnung und Unterdrückung der Eingeborenen, und 3. gegen „Intrigen", die ihren Ausgang vom deutschen Kolonialbesitz nehmen könnten, lieber diese Einwände ist kein Wort zu verlieren. Deutsche koloniale Intrigen hatesnie gegeben, koloniale U-Boots- Häfen kommen auch nicht in Frage und die Bewaffnung afrikanischer Eingeborener zur Verwendung außerhalb der Kolonien ist die im größten Maß-
Diese Frage zu stellen, ist heute möglich, denn der Fortschrittglaube, von dem unsere Väter noch erfüllt waren, ist erschüttert und zwar nicht nur in Deutschland, sondern im ganzen westeuropäischen Kulturkreis. Aber zunächst kommt es darauf an, festzustellen, was unter „Fortschritt" zu verst e h e n ist. Darunter versteht man den Willen des Einzelmenschen sowohl, wie der menschlichen Gesellschaft als Ganzes, immer vollkommenere Daseinsformen zu schaffen und in aufsteigender Linie, sich von einem Naturzustand entfernend, seinen Geist und seine Fähigkeiten immer mehr auszubilden und zu vervollkommnen. Daß den Fortschritt zu fördern und ihm zu „dienen" Aufgabe und Pflicht jedes Menschen und auch des Staates sei, galt und gilt auch heute wohl noch als kaum zu bestreitende Selbstverständlichkeit. Zweifel stellen sich erst dann ein, wenn man danach fragt, was denn eigentlich Ziel und Zweck dieses Fortschrittes ist, worin die Vervollkommnung bestehen soll, wann wohl der Fortschritt zum Abschluß gekommen sein wird, was eigentlich als Endziel, als Ideal vorschwebt — denn es kann doch nicht ein sinnvolles Fortschreiten ins Leere geben.
Sobald man auf diese Fragen keine bündige Antwort erhält, entstehen weitere Zweifel. Zum Beispiel die Frage, wie sich die einzelnen Kulturkreise (die Antike, der deutsche, der französische, der englische Kulturkreis) z u e i n - ander verhalten; ob sie unabhängig von einander bestehen oder sich gegenseitig beeinflussen, ob das 19. Jahrhundert unbedingt einen Fortschritt gegen die vorhergehenden darstellt und so weiter. Ja man fragt sich — ob es i n n e r h a l b der einzelnen Kulturkreise ein Aus und Nieder und em schließliches Absterben gibt; ob hier bestimmte Gesetzmäßigkeiten obwalten und, wie Spengler behauptet, jede Kultur bestimmte, bei den einzelnen Kulturen gleiche Züge aufweisende Stadien durchläuft und unvermeidlich in einer zivilisatorischen Verflachung und schließlich in einen „Untergang" der einzelnen Kulturen ausmündet uud die Vorstellung, daß es unaufhörlich „aufwärts" und „vorwärts" gehe und die Menschheit „immer besser und vollkommner" werde, gänzlich abwegig Ist.
Um zu diesen Fragen Stellung zu nehmen, betrachten wir die Erscheinungen, die wir gewohnt sind als kulturellen Fortschritt der Neuzeit, insbesondere des 19. Jahrhunderts, zu bezeichnen. Wir haben uns gewöhnt, vor altem die Steigerung der produzierten Gütermengen, die
Leichen etwa im Jahre 1900 hotte ich gesehen, wie s e l b st kleinste S p r e n g s p l i 11 e r von wenigen Milligramm noch den Lederhelm und das Schädeldach durchschlugen .. Wiederholt habe ich deshalb später im Generalstab die Einführung eines Stahlhelms vorgeschlagen — zuletzt 1912, jetzt (Anfang 1915) kam mir Geheimrat Bier (der berühmte Mediziner) zu Hufe, der in einem Bericht anschaulich die Wirkung dieser kleinsten Sprengstücke im Gehirn schilderte: Siechtum, Verzweiflung, Selbstmord. F a l k enhayn griff die Idee des Stahlhelms, als ich sie ihm vortrug, mit Energie auf, das Kriegsministerium erhielt entsprechende Anweisung, ich selbst gab Krupp kurz an, wie ich mir den Helm dachte.. Er ist dann im wesentlichen auch so geworden ...
Sehr bald griffen auch d i e Gegner diesen Gedanken au:' und somit wi^de er für den Weltkrieg die bestimmende „Behauptung" des Soldaten. Nach Friedensschluß haben alle Armeen ixn Stahlhelm beibehalten. Verschiedenartig ist seine Form; ohne Ueberhebung kann aber gesagt werden: An sinngemäßer Formenschönheit kommt keine der vielen Arten dem deutschen Stahlhelm gleich. Für uns Frontsoldaten ist er zum Symbol geworden; unter ihm haben wir vier Jahre an der Front gekämpft. Der Bund der Frontsoldaten hätte für fein Wollen und Wirken kein männlicheres, soldatischeres und schöneres Symbol finden können als den Stahlhelm. In seinem Namen und Zeichen hat er vierzehn Jahre um ein besseres Deutschland gerungen, sein Zeichen leuchtet im Verein mit dem Hakenkreuz den alten Frontsoldaten im NSDFB. (Stahlhelm) vorauf.
und Kolonialminister Albert Sarraut einen Artikel, in dem er erklärte: „Vielleicht konnte man die Wegnahme der deutschen Kolonien gesetzlich (!) legitimieren, aber diese Wegnahme war sicher nicht weitblickend. Deutschland wurde se iner Rohmaterialländer und der Märkte, deren es zur Erholung seines europäischen Gebiets bedurfte, beraubt. Und mehr als das; die Wegnahme der Kolonien hat Deutschland aus der Reihe jener Kräfte ausgeschlossen, die der Verteidigung kolonialer Unternehmungen überhaupt dienen, wahrend doch diese Unternehmungen, soweit ich sehe, gewissen Attacken ausgesetzt sind."
Deutlicher und bündiger noch als Sarraut äußerte sich im März vorigen Jahres Lord Rot her - mere in seiner Zeitung „Daily Mail : Man habe Deutschland ein dreifaches Unrecht zugefugt, indem man ihm erstens seine kolonialen Rohstoff- quellen raubte, zweitens jede koloniale Einwanderung unter deutscher Flagge unmöglich machte, drittens Deutschland beschuldigte, es sei u n «= geeignet, über Eingeborene zu herrschen. „Das Erste war ungerecht, das Zweite war u n k l u g , das Dritte war unwahr!" — in diese Worte faßte der Presielord seine Sätze zusammen, und er schloß daran die Forderung, die britische Regierung möge ihren Mandatsbefitz an einstigen deutschen Kolonien dem Völkerbund zurück-
Kolonialwirtschast — Kohstoffwirtschast
Don Or. Paul Rohrbach.
geben, damit er an Deutschland übertragen werden könne.
Das ist nur eine kleine Auswahl aus den Stimmen im Lager unserer früheren Kriegsgegner im Sinne der jetzt von Dr. Schacht — nid)t ^um erften Mal, aber noch nie mit solchem Nachdruck ausgestellten These, daß allein ,!chon wirtschaft s- und währungspolitische Grunde die Notwendigkeit deutschen Kolonialbesitzes beweisen. Einer unserer alten kolonialen Sachverständigen, Geheimrat S ch l ü p m a n , hat die praktische Kolonialformel aufgestellt: „Jede Mill i o n Geviert- filometer an Kolonialbesitz mittlerer Güte und mittleren Entwicklungsstandes gibt jahraus, jahrein f u r 1 00 000 bis 200 000 Volksgenossen zu Hause und auf See Arbeit und verbessert unseren jährlichen Außenzahlungsabschluß um hundert bis zweihundert Millionen Reichsmark." Unsere alten Kolonien umfaßten drei Millionen Geviertkilometer! Vor zehn Jahren schon, im April 1925, schrieb das südafrikanische Regierungsblatt „Die Burger" in Pretoria: „Da also bewiesen ist, daß Deutschland seine Kolonien nicht schlecht verwaltet hat, so fallen auch die Gründe weg, aus denen es feiner Kolonien beraubt wurde." Solche Worte setzen den moralischen und rechtlichen Schlußpunkt unter Schachts wirtschaftliches Argument für die Kolonien.
Gibt es kulturellen Fortschritt?
Don Dr. Roderich von Ungern-Sternberg.
Beethoven, Brahms, Reger.
Zum IV.Solisten-Konzert des Gießener Konzertvereins.
Hatte Beethoven bis zum Jahre 1806 gelegentlich der Freitagszusammenkünfte des Schup- panzigh - Quartetts beim Fürsten Lichnowsky Gelegenheit zum Studieren der Klangwirkungen feiner Werke gehabt, so trat in demselben Jahr, in dem auch die drei Quartette op. 59 entstanden, eine Trennung von feinem Mäzen ein. Dieser hatte Beethoven zwingen wollen, auf seinem schlesischen Gut Troppau vor französischen Offizieren zu musizieren. Beethoven fand in dem russischen Gesandten Grasen R a s u m o w s k y einen neuen Gönner, der außerdem sich das Schuppanzigh-Quartett verpflichtet hatte. Ihm widmete Beethoven die drei Quartette op. 59.
Nach den sechs Quartetten op. 18 hatte Beethoven eine längere Pause auf diesem Gebiet eintreten lassen, nicht etwa weil fein Interesse für diese Gattung ermüdet war, sondern weil seine innere Entwicklung dem Erschließen und Neu-Fundieren der symphonischen Form (Eroika) wie auch zum Opern- schafsen hindrängte („Leonore").
Es ist für das Schaffen Beethovens eigentümlich, daß am Abschluß einer Entwicklungsperiode das Streichquartett jedesmal das Erworbene und wertmäßig Neu-Erschlofsene als einen geistigen Niederschlag zusammenfaßt. In der Symphonie war er über die formale Durchgestaltung des Werkes hinaus zu einer durch ein außermusikalisches Geschehen bedingten Gestaltung vorgedrungen. Der Leonoren-
stosf hatte ihm bisher unbekannte Gründe tiefer menschlicher Leidenschaft eröffnet. Das Tor seines Innern war geweitet, und es drängte ihn, das vorausgegangene Erkennen in schärfster logischer Abstraktion kundzutun. Die vier instrumentalen Individualitäten des Streichquartettes wurden ihm Sprecher. Da Farbwirkungen wie auch eine durch die verschiedenen Orchesterinstrumente ermöglichte Klangintensität dem Streichquartett fehlen, so wird der Schaffende hier zu äußerster Konzentration seiner Ausdruckswerte gezwungen, wenn er ihnen die beabsichtigte Auswirkung geben will.
Im Vergleich zu den vorausgegangenen Quartetten zeigt op. 59 Beethoven auf dem Höhepunkt des Instrumentalen mit einer Reife und Vielseitigkeit, ohne die in den Spätwerken sich zeigende subjektive Droblematik. Hier drängt die Fülle des Erlebens sich in den Rahmen des Streichquartetts, wie man es bisher dieser Form noch nicht gugemutet hatte.
Das vom Cello eingeführte Hauptthema des ersten Allegros gibt diesem Kopfsatz ebenso das Gepräge wie das kraftvoll kontrastierende Gegenthema. Im schöpferischen Auswirken der gebundenen Kräfte steigert sich das mezza voce eingeführte Hauptthema zu höchster klanglicher Apotheose trotz der Beschränkung auf vier Instrumente. Ob man in dem wiederum vom Cello angeführten Allegretto vivace e sempre scherzando ein Dorausahnen des Som- mernachtstraumspukes erkennen will, ob dieses Scherzo den Ausdruck subjektivsten Phantasiespieles darstellt: es bindet in sich die schärfsten Kontraste vom ausgelassensten Humor bis zu versinkender Schwermut. Das f-Moll-Adagio molto e mesto gibt menschlichem Trauergefühl Ausdruck in einem organisch geschlossenen Stimmungsverlauf, der den einzelnen Instrumenten ausdrucksvolle Kantabilität gibt und die melodische Linie in feiner Figuration umkleidet. Eine fast konzertante Episode führt direkt hin zum Finale, dem in unverbrauchter Lebenskraft ein russisches Thema das Motto gibt.
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Eins der stärksten Brahms' schen Kammermusikwerke ist das Klavier-Quintett f-Moll op. 3 4. Es gehört zu den Schöpfungen des Meisters aus den sechziger Jahren und kann als typisches Beispiel für den Stil des etwa Dreißigjährigen gelten. Es hat Jahre gedauert, bis das f-Moll- Quintett feine jetzige Form erhielt. Dreimal^wurde cs umgearbeitet. Entscheidend für die geistige Sphäre dieses im Keimen begriffenen Werkes war ein Aufenthalt am Fuße von Sickingens Ebernburg; ein Zug des Geistes Ulrich von Huttens möchte einem im ersten Satze spürbar erscheinen. Als Streichquintett (2 Celli) vollendet Brahms das op. 34 in Hamm bei Hamburg, und es begleitet ihn auf feiner Fahrt nach Wien 1862. Eine Aufführung in privatem Kreife überzeugt hier Brahms von der Notwendigkeit einer Umarbeitung. Es wird zu einer Sonate für zwei Klaviere, und Brahms selber spielt sie mit läufig zusammen in einem Konzert der Wiener Sing-Akademie. Endlich im Sommer 1864 entschließt er sich unter dem Einfluß des Urteils von Clara Schumann zu der kontrastierenden Gegenüberstellung des Streichquartetts zum Klavier. Der innere Grund zu dieser mehrfachen Bearbeitung lag zweifellos in dem ungewöhnlichen Reichtum des thematischen Materials. Vier Themengruppen beherrschen den Kopfsatz, stark von einander unterschieden durch die Ausdruckswerte; mannhaftem Krastgefühl steht beinahe elegische Weichheit gegenüber. Fast träumend erschließt sich das Andante un poco Adagio mit seiner volksliednahen Terzen- und Sechstengebundenheit
des Seitenthemas. Drohende unheilgebundene Mächte prallen im Scherzo aufeinander; um so lichtvoller das Trio mit seiner ans Volkslied gemahnenden melodischen Linie. Eine ähnliche Situation wie. im beginnenden Finale der E-Moll-Symphonie von Joh. Brahms erschließt die Einleitung des Schlußsatzes des Quintetts; da gärt es in dem Ueb'rrfchneiden der Themen, bis sich das Allegro non troppo herauskristallisiert und dem Abschluß des Werkes das typische Gepräge gibt.
Es war für Max Reger eine persönliche Notwendigkeit der inneren Entwicklung, daß er die Ausdrucksformen des Barock wieder mifteben ließ. Das Plus seiner ungemein starken Schaffenskraft hob ihn dabei weit aus der Reihe der Nachahmer historischer Formen heraus. Denn ihm gelang es, diese historischen Formwerte, die für die meisten als ein Mittel strenger Tonsatzdisziplin galten, lebensnah und lebensstark werden zu lassen, indem er die formalen Teilvoraänge mit den Mitteln einer bis zum äußersten gesteigerten Chromatik intensivierte und ihnen damit eine neue Bedeutung verlieh. Was er in seinen großen Orgelwerken gegeben hatte, das wurde in eigenartiger Durchdringung zu größtem schöpferischen Wert 'm seinen Variationswerken. Während die Dariatwnen bei Beethoven und auch bei Brahms darauf hinzielen, dem Thema einen neuen Charakter abzuyewinnen durch Neu- und Umbildung des Materials, so charakterisiert sich Reger durch eine bis dahin in diesem Grade noch nicht beobachtete Kunst, das Thema aufzulösen und durch eine immer wieder aufs neue bewunderungswürdige Figuration im neuen Lichte erscheinen zu lassen. Die harmonischen Teilvorgänge werden durch eine unerschöpfliche Fähigkeit im modulatorischen Ausdeuten in höchstem Grade traftgebunben und spannungserfüllt.
Seiner Variation über ein Thema von Bach op. 81 ?egt er die Einleitungstakte (Oboe) zu einer Arie aus einer Himmelfahrtskantate (Nr. 128) von Joh. Heb. Bach zugrunde. Er selber bezeichnet das Werk als ein kolossales, „das Beste, was ich je geschrieben habe." Die Schwierigkeit von op. 81 kennzeichnet er dadurch, daß er, dessen hohe picmistische Fähigkeiten noch in aller Erinnerung sind, es für unmöglich erklärte, dieses Werk im Gewandhaus selber zu spielen, well sein Können dafür nicht ausraiche.
Das choralmätzige Thema wird zunächst in strenger Weise variiert; von Variation zu Variation gesteigert; immer freier gestalten sich die Durchbildungen, getragen von den vielfältigsten Stimmungen,
in breiter Kantilene, in fast impresfionistifcher Gelöstheit, in starker Erregung, in gesteigertster Klang- entladung, und dann wieder die Reger eigentümliche Weichheit. Der Wechsel der so mannigfaltigen Erregungen und klanglichen Spannungen findet feine Krönung in einer Fuge, deren Klangmassen sich immer höher türmen und deren thematischer Bau immer reicher und vielseitiger sich auswächst.
Dr. H.
Afrikanischer Totentanz. «
In einem Dorf am Nigerstrom dröhnen die Trommeln. Weithin sind die Schläge zu hören, die den Tod des Häuptlings in der Trommelfprache verkünden. Im Dorf, in dem der Häuptling residierte, geht es wie in einem Bienenschwarm zu. Im Krale des Toten tanzen Jünglinge, Männer und Greife zu Ehren des Verstorbenen den Totentanz. Sie tanzen ohne Unterbrechung bei einem wilden und wehmütigen Gesang. Hin und wieder bricht einer der Tänzer zusammen, es wird nicht weiter daraus geachtet. Die Weiber bereiten inzwischen das Trauermahl und bringen sich im Schmerz um den Toten Wunden bei. Der Tote liegt in feiner Hütte auf dem aus Riemen geflochtenen Totenbett. Noch immer raffeln die Trommeln die Trauerkunde, und der Tanz der Männer wird immer wilder und fanatischer. Frauen reichen den Tänzern Schalen mit narkotischen Tränken, die von den Männern, ohne daß sie im Tanz aufhören, getrunken werden. Die Männer und die Weiber rufen im Schein der Fackeln unaufhörlich den Namen des Toten. Sie rufen den Toten, wollen ihn zwingen, vor ihnen zu erscheinen. Dann wird die Matte des Totenhauses zurück- geschlagen, und von Fackelträgern begleitet, erscheint der Tote, so wie ihn jeder Neger im Kral kennt. Er schreitet langsam durch die Reihen der Männer und Frauen, spricht mit ihnen, lacht, verkündet fein Testament und hält unter dem Gerichtsbaum Gericht. So wandelt der Häuptling tagelang unter den Seinen, tröstet sie und erteilt Ratschläge. Dann verschwindet er wieder hinter der Matte des Totenhauses, in dem der Medizinmann noch immer an dem Leichnam seine Zeremonien vollzieht. Wieder dröhnen die Trommeln und Pauken, während die S ch w e st e r des Toten dessen Kleider und Waffen wieder ablegt und sie auf den Leichnam legt. Die Neger sprechen von einem „Totenurlaub", der es dem Toten gestattet, nach einmal in dem Leib des Menschen, der ihm am ähnlichsten war, unter Den Seinen zu erscheinen. Erst wenn dieser Urlaub abgelaufen ist, wird der Tote, dessen Seele dann wieder zu ihm Zurückgekehrt ist, beigefetzt oder verbrannt.


