Nr. 58 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
5amstag,Y.März;yZ5
Wehr und Waffen.
Oie Dicke Bertha.
Wer erinnert sich nicht mit Begeisterung und Stolz an die Tage des August 1914, als die Oberste Heeresleitung die Nachricht verbreitete, daß e s m i t Hilfe der 42-Zentimeter-Mörser, der „Dicken Bertha", gelungen sei, die modernen Forts der Festung Lüttich in Staub und Asche zu legen und zur Uebergabe zu zwingen. Die ganze Welt horchte auf. Es dürfte deshalb am Platze fein, dieser fast sagenhaft gewordenen Waffe zu gedenken und an ihre Leistungen und Erfolge zu erinnern, die im Gesamtbild des Kriegserlebnisses in den Hintergrund getreten sind. Das Werden und Vergehen dieser herrlichen Waffe, die der Soldatenmund mit dem Scherzwort „Dicke Bertha" belegte, und zwar nach dem Namen der Erbin des Hauses Krupp. Frau Bertha Krupp von Bohlen und Halbach ist für die meisten in geheimnisvolles Dunkel gehüllt, und es ist deshalb mit Freuden zu begrüßen, daß Oberstleutnant a. D. Karl Justrow es sich zur Aufgabe gestellt hat, in seinem soeben erschienenen Buch „Die Dicke Bertha und der Krieg" den Schleier zu lüften, der über diesem Geschütz auch heute noch schwebt, damit die kommende Generation sich ein Beispiel daran nehme, um später ein Gleiches und vielleicht noch Besseres auf diesem Gebiet der.Technik zu leisten. Zur Beruhigung der Gemüter kann gesagt werden, daß die Konstruktion dieses Geschützes den Feinden in seinen konstruktiven Einzelheiten nicht bekannt geworden ist, da sowohl sämtliche Geschütze als auch die Konstruktionszeichnungen rechtzeitig vernichtet werden konnten
Der g e i st i g e Vater der „Dicken Bertha" war demnach der Techniker, der tatsächliche Vater die Firma Krupp. Neben dem Techniker ist auch noch der Chemiker zu nennen, der für den geeigneten Sprengstoff zu sorgen hatte. Als die Heeresverwaltung mit der Forderung der Konstruktion eines wirkungsvolleren Geschützes an die Firma Krupp herantrat, haben die Direktoren Dreger und Professor Rausenberger diese Konstruktion unter völliger Aufgabe der Beweglichkeit des Geschützes übernommen.
Im Mai 1909 führte Krupp das 42-Zentimeter- Gefchütz zum ersten Male vor Die Geschoßfrage war damals noch wenig geklärt. Bei diesem Probegeschütz war eine dickwandige Panzergranate von 1160 Kilogramm mit einer 25-Kilogramm-Spreng- ladung und -einer Schußweite von 12 500 Meter vorgesehen. Die Vorführung dieses Geschützes befriedigte^ wenig. Der -^2-Zentimeter-Mörser wurde daher ^erst im Frübfahr 1911 unter dem Decknamen „Kurze Marine-Kanone" eingeführt. Auf Vorschlag des Vorsitzenden der Artillerie-Prüfungs-Kommission (APK.) General Siegel kam nun die Konstruktion und Erprobung einer wirkungsvolleren Langgranate von nur 930 Kilogramm Gesamtgewicht mit einer Sprengladung von 110 Kilogramm und 14 200 Schußweite zur Ausführung. Auch das dazu benötigte Geschütz wurde von Krupp konstruiert. Es hatte eine größere Beweglichkeit und konnte ohne Geleiszuführung und Bettungsgrube in die Feuerstellung gebracht werden. Um die Jahreswende 1913/14 konnte dieses erste Versuchsgeschütz erprobt und dem Kaiser in Kummersdorf vorgefübrt werden. Von der Vielseitigkeit der Prüfung aller Konstruktionsteile kann sich der Nichtfachmann kaum einen Begriff machen. Es seien hier nur einige erwähnt: Rücklaufbremsen, Zusammensetzung und Menge der Bremsflüssigkeit, Vorholvorrichtungen, Schraubenverschluß, Verbrennungsart des Pulvers, Bestimmung des Pulvers usw. Man muß dabei berücksichtigen, daß die Pulvergase einen Druck bis zu 4 000 000 Kilogramm ausüben, und daß Vorkehrungen getroffen werden mußten, daß Bedienungsmannschaften und Konstruktionsteile keinen Schaden nahmen. Welche Summe von Arbeit mußten hier die , Arbeiter der Stirn" leisten!
Außerordentlich schwierig war auch die Frage zu lösen: Wo sollten die Geschoß- und Schußweite- Versuche vorgenommen werden, zumal hierbei auch die Frage der Geheimhaltung der Hebungen zu be-
Kurzkurse für amerikanische Reserveoffiziere.
X)0ti Major a. D von Belli.
Man nennt zuweilen Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. An diesen Ausspruch wird man erinnert, wenn man in der Fgchzeit- schrift der Kavallerie der Vereinigten Staaten folgenden Satz liest: „Ein amerikanischer Durchschnitts- junqe mit ausreichender Schulbildung kann in 14 Tagen die Bedienung jeder Waffe der amenkani- fchen Armee erlernen. In derselben Zeit kann er etwas einmarschiert werden, sei es zu Fuß, zu Pferd oder auf dem Rücksitz eines Kraftfahrzeuges. Er kann lernen, feinen Offizieren zu gehorchen, und die hauptsächlichsten Obliegenheiten eines gemeinen Soldaten im Kriege zu erfüllen." Diefe Behauptung überrascht, besonders aus der Federern e s Generals, also eines Fachmannes, der sich zett- lebens mit dem Soldatenhandwerk beschäftigt hat Ganz so schnell, wie es hier behauptet wird, scheint der Durchschnitt der amerikanischen Jugend die militärische Ausbildung im allgemeinen aber doch nicht in sich ausnehmen zu können. Zwischen der Knegs- eiklärung im Frühjahr 1917 und dem <£rfci)einen stärkerer amerikanischer Truppen an der Front in Frankreich sind in Wirklichkeit erheblich mehr als 14 Tage vergangen.
Immerhin weichen die amerikanischen Anpcylen über die Möglichkeiten einer Kurzbildung von unseren Ansichten auch sonst ziemlich ab. Dies sehen wir z. B. an der Art und Weise, wie die Ausbildung der amerikanischen Reserve- Offiziere gehandhabt wird. Die Vereinigten Staaten unterhalten im Frieden nur eine sehr kleine reguläre Armee mit mehrjähriger Dienstzeit. Daneben besteht eine freiwillige Miliz, die im Vergleich mit der gewaltigen Bevölkerungszahl ebenfalls als f e h r klein zu bezeichnen ist. Als dritte Wehrorgani- fation besteht daneben eine stattliche Zahl von Reserve-Offizieren, die schon im Frieden in Regimenter zusammenge- foßt sind, zu denen es aber im Frieden keine Mannschaften gibt. Diese Reserve-Ossiziere er-
rücksichtigen war. Der Versuchsplatz der APK. in Kummersdorf hatte nur eine 10 Kilometer lange Geschoßbahn, außerdem sehr ungünstige Grundwasserverhältnisse, so daß jedes der blind verfeuerten Geschosse unweigerlich in die Tiefe versacken mußte und für Messungen und Untersuchungen verloren ginge. Auch die Verhältnisse auf dem Meppener Schießplatz waren ähnlich, vielleicht noch ungünstiger. Die eigentliche Prüfung der Wirkung (Haltbarkeit des Geschosses beim Aufprall und die Größe der praktischen Sprengwirkung) konnte aber nur durch den Versuch festgestellt werden. Endlich mußten aber auch die nötigen Ziele aufgebaut werden mit den nötigen Wand- und Deckenstärken. Auf Grund der Kriegserfahrungen kann man heute sagen, daß die tief in die Erde versenkte Betonkasematte in dem Wettstreit zwischen Beton und Geschoß den Sieg über die Geschoßwirkung davon- aetragen hat. Für die Verstärkung der am Ort gefesselten Betonbauten gibt es keine Beschränkung, für die Geschütze ist dagegen die äußerste Grenze erreicht. Das 42-Zentimeter-Kaliber wurde im Krieg nicht überschritten.
Anfang 1912 konnte das erste 42-Zentimeter- Geschütz, nachdem die geschütztechnischen Versuche befriedigt hatten, der ÄPK. zur Verfügung gestellt werden. Wohin aber mit dem Geschütz? Man fand zwischen Jüterbog und Kummersdorf eine geeignete Geschützstellung, von wo man über das zivile Gelände hinweg auf den Jüterboger Platz schießen konnte. Das Geschütz arbeitete in allen Teilen ausgezeichnet, obwohl beim ersten Schuß beinahe ein schwerer Unfall vorgekornrnen wäre. Mit diesen Versuchen war aber noch nicht die Sprengwirkung der Granate gegen moderne Festungsbauten erprobt. Das Risiko eines normalen Beschüsses mit scharfgeladenen Geschossen konnte unter diesen Verhältnissen nicht übernommen werden, denn die Längenstreuung belief sich auf etwa
300 Meter, die Breitenstreuung auf rund 40 Meter. Ganz außerordentliche Schwierigkeiten bereitete auch die Konstruktion des Geschosses, des Zünders und der Sprengladung.
Große Sorge bereitete auch die Beseitigung des Mündungsfeuers und -rauches, wodurch auch die beft getarnte Geschützstellung dem Feinde verraten werden konnte. Häufig wurde der Rauch in Form eines immer größer werdenden rotierenden und unheimlich heulenden Ringes hoch in die Luft geschleudert. Im Kriege konnte hier nur Täuschung des Feindes stattfinden, indem man in einigem Abstand von der eigentlichen Geschützstellung eine Scheinbatterie aus mächtigen Blechröhren, sogenannte Rauchring-Rohre aufstellte, mit denen man künstliches Mündungsfeuer und Rauchringe erzielte.
Um nun unter allen Umständen einen praktischen Beschuß mit scharfgeladenen Granaten auf gefechtsmäßige Entfernungen gegen ein entsprechendes Ziel durchzuführen, wurde kurz vor dem Kriege der neue Pionier-Uebungsplatz Markendorf bei Jüterbog gebaut. Auch hier mußte der Beschuß von außerhalb durchgeführt werden. Alles war vorbereitet, um die Friedensvorbereitungen durch einen großen Wirkungsbeschuß zu krönen. Da brach der Krieg aus. Die „Dicke Bertha" wurde ins Feld ae- schickt, ohne ihren wichtigsten Versuch durchgeführt zu haben. Das Ziel-Fort ist dann später dem Versailler Friedensdiktat zum Opfer gefallen.
Wie groß war nun in Wirklichkeit die Wirksamkeit der Geschosse der „Dicken Bertha"? Da das Geschütz mit verschiedenen Ladungen schießen konnte, die der jeweiligen Schußentfernung angepaßt waren, so war die Auftreffwucht bei Verwendung der größten Ladung und der dazu gehörigen größten Geschwindigkeit natürlich am größten. Sie betrug im Höchstfall 6000 mt bei dem eingebauten Geschütz, 3500 mt (Metertonnen) bei dem fahrbaren Geschütz. Zum Vergleich mit anderen Geschoßgrößen betrug
Der Marschallfiab im Tornister.
Dom Or. Unteroffizier zum Hauptmann.
In der Zeitschrift des Reichstreubundes ehemaliger Berufssoldaten teilt Regierungs- Praktikant P u tz k e- u. a. mit:
Der Unteroffizierstand kann heute mit Stolz schon darauf verweisen, daß es eine nicht geringe Anzahl ehemaliger Unteroffiziere gibt, die bereits Stabsoffiziere find ober a l s Komp.- Chefs in der Wehrmacht für das Vaterland dienen. In den meisten dieser Fälle handelt es sich um Unteroffiziere, die während des Weltkrieges wegen Tapferkeit zum Offizier befördert worden find. Wenn sie heute noch in der deutschen Wehrmacht Dienst tun, dann ist das Beweis dafür, daß sie nicht nur tapfer, sondern auch tüchtige und befähigte Soldaten sind, die alle Eigem'chaften eines tüchtigen Offiziers besitzen.
Neben diesen prächtigen Frontkämpfern gibt es aber and) solche, die sich in den Jahren nach dem Kriege mit einer Zähigkeit empor- gearbeitet haben, die allgemeine Anerkennung verdient. Das gilt u. a. für Willi Reib ert, der den Angehörigen der Wehrmacht durch die Herausgabe seines Instruktions - Buches „D e r Dien st unterricht im R e i ch s h e e r" schon bekannt geworden ist.
Kamerad Reibert wurde im September 1900 in einem oberhessischen Dörfchen bei Friedberg geboren. Nach vollendetem 15. Lebensjahre trat er in die Kgl. Preuß. Unteroffiziervorschule Weilburg -ein. Im Oktober 1917 versetzt zur 3. Komp. Unteroff-Schule Wetzlar, wurde er einer der ersten Gefreiten des Jahrganges. Von Mitte 1919 ab gehörte er als Oberjäger den Marburger Jägern an. Im Jahre 1921/22 unternahm Reibert den ersten Versuch, die Osfizierslauf- b a h n einzuschlagen. Irgendwie klappte es nicht.
Nun setzte er alles in Bewegung, um ans Ziel zu gelangen. Durch Privatunterricht, den Besuch der Heeresfachschule und einem verhältnismäßig kurzen Besuch der Oberrealschule erreichte er in kurzer Zeit das erste Ziel, das Abitur. In dieser Zeit saß Kamerad R. nicht nur hinter französischen Vokabeln usw., sondern dieselbe Zeit wurde auch noch dem Jnstruktionsbuch gewidmet Dieses Buch brachte ihm die persönliche Anerkennung des damaligen Chefs der Heeresleitung, des Generalobersten Heye, ein. Bald war er Unteroffizier, Feldwebel und Oberfeldwebel. Der Oberfeldwebel wurde Student, und nach dem 6. Semester bereits Referendar. Zum Oberfeldwedel und Referendar kam die Würde eines Doktors der Rechte hinzu. Im Frühjahr 1934 legte er das große Staatsexamen ab das ihm die Ernennung zum Regierungsassessor einbrachte. Das Reichswehrministerium aber hat das unermüdliche Streben des Dr Oberfeldwebels belohnt, indem es ihn zum Hauptmann und Komp. - Chef im 15. Jnf.- Regiment ernannte.
Die deutschen obersten militärischen Führungen haben das Wort vom „Marschallstab im Tornister" immer zu verwirklichen versucht. Nur Dummheit und Böswilligkeit konnten in der Vergangenheit dem deutschen Offizierkorps unterstellen, es wehre sich gegen die nicht zünftigen Eindringlinge. Kein Wort war törichter als dieses. Wenn alle Stände Deutschlands so aufgeschlossen jedem tüchtigen Könner ihres Faches gegenüberstünden, dann würde das sicher nicht zum Schaden der Berufsstände ausschlagen, so wie wir auch wissen, daß die dem Unteroffizier- und Mannschaftsstande entstammenden Offiziere der deutschen Wehrmacht jederzeit unter Beweis stellen werden, daß sie würdig und fähig sind, die Achselstücke zu tragen.
gangen sich größtenteils aus den an vielen Mittelund Hochschulen bestehenden Reserve-Offizier-Ausbildungskorps. Sie müssen sich im Kriegsfälle ihre Truppe im Laufe von Monaten aus neueinge stellten Rekruten bilden.
Jedem der nur aus Reserve-Offizieren bestehenden Regimenter wird im Frieden ein aktiver Offizier a l s Lehrkraft beigegeben. Dieser und der Reginäentskommandeur, der selbst der Reserve angehört, müssen zusammen versuchen, die Offiziere des Regiments neben ihrem bürgerlichen Beruf zu freiwilligen Planübungen, Vorträgen, taktischen Aufgaden und dergleichen zusammen zu bekommen. Die sinzige praktische Ausbildung bilden daneben vierzehntägige Lagerübungen. Aber nicht einmal diese finden regelmäßig jedes Jahr statt, weil die bewilligten Geldmittel dazu nicht ausreichen. Während der vierzehn Uebungs- tage werden die Resi'.roe-Offiziere entweder zu einem aktiven Truppenteil, der ihnen als Uebungs- truppe dient, eingezngen ober sie üben für sich allein. Zuweilen werden die Reserve-Offiziere auch als Ausbildungspersonal bei den freiwilligen Sommerkursen für junge Leute, den sogenannten militärischen Bürgerausbild.^ngslagern, verwendet.
Die den Reserve-Regimentern zugeteilten aktiven Offiziere schildern dann itnb wann in Fachzeitschriften den Verlauf solcher Hebungen, so daß wir ein Bild davon bekommen, was in dieser kurz bemessenen Ausbildungszeit getrieben wird. So hat z. B. kürzlich der zürn 315. Pionier-Regiment kommandierte aktive Major in der Zeitschrift „The Military Engineer" den Verlauf der Hebung 1934 in etwa folgender Weise geschildert: C£s waren 53 Offiziere zu dem vierzehntägigen Ueßungslager eingerückt. Als Hebungstruppe stand zeitweise ein aktives Pionier-Bataillon zur Verfügung. Die Offiziere wurden ihrer beabsichtigten KriegsverwPndung entsprechend auf alle Führer- und Hnter führerstellen eines kriegsstarken Pionier-Regiments eingeteilt. 5.30 Hhr begann der Dienst mit Leibesübungen. Es qab ferner R e i t u n t e r r i ch t, da die Pionier- Offiziere im Kriege beritten sind. 14 Tage sind zwar sehr kurz, um reiten zu lernen. Wir wissen aber aus der Erfahrung des Weltkriegs, wie überraschend schnell sich manche Kriegsosstziere mit dieser Schwierigkeit abgefunden haben. Die Vorliebe
des Amerikaners für militärische Aeußerlichkeiten zeigt sich darin, daß trotz der wenigen zur Verfügung stehenden Tage mit den Mannschaften des aktiven Pionier-Bataillons formell exerziert wurde, um den Offizieren Gelegenheit zum Kommandieren zu geben. Seltsamerweise wurde auch auf den Gebrauch des Degens zu Fuß wie zu Pferd Zeit verwendet. Revolverschießen wurde sportmäßig betrieben.
Die praktische Ausbildung in der Feldbefesti- g u n g erfolgte in der Weise, daß jedem Offizier Gelegenheit gegeben wurde, die Lage von Befestigungsanlagen für einen Zug im Gelände zu bestimmen. Im übrigen bestand dieser Teil der Ausbildung großenteils in Anschauungsunterricht. Dazu waren von der regulären Truppe Musterstücke aller Arten von Hnterständen und sonstigen Anlagen geschaffen worden. Die Herstellung von Drahthindernissen wurde praktisch durchgeführt. Erst bauten aktive Mannschaften ein Muster. anschließend wurden Bautrupps aus den Offizieren zusammengestellt Auch die Zerstörungsarbeiten wurden praktisch vorgeführt. Es wurden Schienen unterbrochen, Bäume gefällt, Minen gesprengt usw. Vom Maschinengewehr wurden der Mechanismus, die Pflege und das Gurten der Patronen gezeigt. Die Offiziere schossen ferner selbst mit dieser Waffe am Schießstand. Auf Befehl von höherer Seite wurde besonderer Wert auf die Bekämpfung von Tief-Fliegern gelegt. Dazu wurde eine Stunde theoretischer Hnterricht an der Wandtafel erteilt; anschließend wurde mit dem schweren Maschinengewehr gegen Luftziele geschossen. Der taktischen Verwendung von Maschinengewehren und Minenwerfern waren zwei Unter* richtsstunden gewidmet.
Ein halbtägiger Hebungsritt führte den Offizieren das Verteidigungssystem einer Infanterie-Division vor. Die ganze Gliederung nach der Tiefe von den Vorposten bis zu den Reserven wurde im Gelände gezeigt. In der Haupt- widerstandslinie wurde die Lage der Beobachtungsstellen und der Stützpunkt bestimmt. Ein Stützpunkt wurde in allen Einzelheiten durchgesprochen. Auch Zeit- und Arbeitsbedarf-Berechnungen fehlten nicht. Für den Bau einer Schiffsbrücke mangelte es an dem nötigen Gerät. Immerhin
die Auftreffwucht 2000 mt bei einer 30,5-cm-, 600 mt bei einer 21-crn- und 200 mt bei einer 15-cm-Gra- nate. Die Leistung der Detonationsgase betrug bei der
42,0-cm-Grcmate 38 000 mt 30,5- „ 14 000 „
21,0- „ 6 000 „
15,0- „ 1 500 „
Die Wirkung der 42-cm-Granate war also ganz gewaltig. Die reine Bewegungsenergie der 42-cm- Granate kommt, um ein Vergleichsbild zu gewinnen, derjenigen von 4 je 50 Tonnen schweren v-Zug- roagen bei 90 km Stundengeschwindigkeit gleich. Der l)-Zug würde an dem Betonblock glatt zerschellen, ohne den Block zu zertrümmern, während die Granate sich mit ihrer Hartstahlspitze in den Beton eingräbt und ihn vernichtet. Dabei muß die Zündvorrichtung so eingerichtet sein, daß die Granate erst krepiert, wenn sie tief eingedrungen ist. Während sich die 42-cm-Granate bei den älteren belgischen und nordfranzösischen Forts gut bewährte, hat sie sich gegen die neuzeitlichen und tiefversenkt angelegten Betonräume, insonderheit gegen die Außenwerke der Festung Verdun, als machtlos erwiesen. So steht z. B. fest, daß das Fort Manon- viller, 12 km östlich von Luneville, dessen Betonkasematten durch den Beschuß mit der 42-cm-Granate keineswegs zerstört war, Ende August 1914 nur deswegen die weiße Fahne hißte, weil die Lüftungsanlagen zerstört und starke Gasschwaden der 42-cm-Gefchoffe in das Fort eingedrungen waren und auf die noch kriegsungewohnte Mannschaft lähmend eingewirkt hatte
Die „Dicke Bertha" durfte, da sie kostbar und nur schwer zu ersetzen war, nur gegen stärkste Ziele Verwendung finden, denn jeder Schuß kostete 1500 RM. (1000 RM. Munition und 500 RM. Amortisation). Das Geschütz selbst kostete fast eine Million RM. einschließlich Troß und Zubehör und besaß nur eine Lebensdauer von 2000 Schuß. Die dicke Wand der 42-cm-Granate zersprang in rund 15 000 Splitter, so daß die Wirkung z. B. im Kampf gegen befestigte Städte ganz ungeheur gewesen wäre. Leider wurde im Krieg eine Anzahl 42-cm-Geschütze durch Rohrkrepierer verloren, wobei das Rohr vollkommen auseinandergerissen wurde. Die Hrsache wird auf das Geschoßmaterial, auf den Zünder oder die Sprengladung, nicht aber auf die Geschütz- konstruktion zurückgeführt.
Bei Beginn des Krieges standen nur zwei 42- Zentimeter-Eifenbahnbatterien (Gamma-Gerät) zu je zwei Geschützen, eine fahrbare 42-Zentimeter- Batterie (M.-Gerät) zu je zwei Geschützen zur Verfügung. Kurze Zeit darauf folgte dann noch eine Halbbatterie zu einem Gamma- Geschütz.
Die Tatsache, daß Offiziere und Mannschaften im Frieden nicht genügend eingearbeitet werden konnten, hat uns im Kriege viel Lehrgeld gekostet. Bei den Kämpfen um die Forts von Lüttich am 12. August und den folgenden Tagen hat die fahrbare Batterie (M.-Gerät) ihr Wort mitgesprochen. Sie hat bis zum 6. Oktober nicht weniger als sechs Forts niedergekämpft und damit die Heberlegenheit des M.-Geräts über das Gamma-Gerät klar bewiesen. Sie war es, die den Ruhm der „Dicken Bertha" begründet hat. Nach einem glücklichen Treffer in das Munitionslager des Forts Loncin flog dieses auf einmal in die Lust. Die Eisenbahnbatterien waren zu schwerfällig und zu solchen Glanzleistungen nicht befähigt, sie konnten nach Zerstörung der Eisenbahnen im Feindesland den Operationen zunächst nicht mehr folgen. Von den Eisenbahnbatterien wurde je eine am rechten und linken Flügel unserer Heeresfront in Belgien bzw. Lothringen eingesetzt, gegen Antwerpen und gegen das oben erwähnte Fort Manonviller. Dieses wurde nach 158 Schuß in eineinhalb Stunden zur Hebergabe gezwungen. Weiter wurde die „Dicke Bertha" gegen Befestigungen an der serbischen und russischen Grenze verwendet. Inzwischen mar ihre Zahl verdoppelt worden. So wurden u. a. neun der 40 mächtigen Brückenbogen bei Dammerkirch mit 50
standen Faltboote zur Verfügung. Mit ihrer Hilfe wurde ein 15 Meter langes Stück einer Brücke gebaut. Der Gasschutz wurde theoretisch und praktisch gelehrt. Eine mit Tränengas durchsetzte Nebelwand wurde erst mit, dann ohne Maske durchschritten. Heber den Nachschub an Pioniergerät wurde Hnterricht erteilt, ebenso über die Wasserversorgung einer Division. Dabei wurden die fahrbaren Geräte, um Wasser trinkbar zu machen, vorgeführt.
Den Höhepunkt bildete eine dreitägige Rahmenübung. Eine Division sollte nach gelungenem Flußübergang eine Brückenkopfstellung ausbauen. Die Offiziere mußten die nötigen Erkundungen ausführen und die zu erstattenden Meldungen oder die zu erteilenden Befehle schriftlich ausarbeiten. Die Hauptwiderstandslinie wurde am Ende des Tages abgegangen. Dabei erhielt jeder Gelegenheit, über seine Maßnahmen vorzutragen. Am folgenden Tage wurde die Instandsetzung des Wegenetzes hinter der Front zum L»hr* gegenstand gemacht. Abends wurde ein notwendig werdender Rückzug über den Fluß angenommen. Dies gab Anlaß zur nächtlichen Anlage von Laufstegen und zum Bau einer Schiffsbrücke am dritten Vormittag. Die nötigen Erkundungen und fchrift- ' liehen Arbeiten wurden durchgeführt.
Auch die Geselligkeit kam zu ihrem Recht. Dieser Punkt spielt bei der Freiwilligket, auf der das ganze System beruht, eine nicht unbedeutende Rolle. Im Falle des 315. Regiments ist der angestrebte Zweck der geselligen Veranstaltungen jedenfalls erreicht. Das Regiment ist so beliebt, daß sich junge Leute, die noch dem Reserve-Offizier-Aus- bildungskorps einer Schule angehören, bereits vormerken lassen. Es ist klar, daß eine Ausbildung, deren praktischer Teil auf solchen, nicht einmal alljährlich stattfindenden kurzen Sommerübungen beruht, keine feste Grundlage für den Ernstfall ergeben kann. Wo aber alles nur freiwillig geleistet wird, und wo vor allem keine drohende Kriegsgefahr ein höheres Maß von Abwehrbereitschaft nötig macht, muß sich die Wehrmacht mit dem Erreichbaren begnügen. Es ist immerhin beach. tenswert, was sie aus der äußerst kurzen verfügbaren Zeit herauszuholen versteht.


