Nr. 235 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 8. Oktober (Y35
niten aus Südrußland, die aus Glaubensgrundsatz nach Amerika auswanderten, über 6000 in den Jahren 1874 und 1879 ihr Glück auf der unberührten Prärie in Süd-Manitoba. Ein besserer Schlag von Kolonisten war gar nicht zu finden, denn er konnte seine Erfahrungen als Steppenbauer mit deutscher Gründlichkeit, Anspruchslosigkeit und unverwüstlichem Arbeitswillen verbinden. Der Versuch gelang, die Deutschen wurden zu Bahnbrechern jener großen Einwanderungsbewegung, die in einem kurzen Zeitraum Hunderttausende nach Westkanada brachte. Die deutschen Einwanderer sind auch immer ein wesentlicher Bestandteil der Bevölkerung geblieben, und wiederum kamen sie aus früheren
erforderte nun aber auch gerade den Menschentypus, wie ihn der Deutsche aus Osteuropa darstellte: den landhungrigen Bauern, der zusammen mit seiner Familie in systematischer schwerster Arbeit an die Neugewinnung von Ackerboden heranging und, sofern er nur in gewissen Abständen einen deutschen Gottesdienst besuchen konnte, auf alle Ansprüche an Zivilisation und Kultur verzichtete. Ein beschauliches religiöses Leben im Kreise einer festzusammenhaltenden, sich selbstgenügenden Familie gab ihnen die Kraft, sich gegen die Unbill der Natur und die Seele und Geist bedrückende Einöde
Deutsche Pioniere in den Prärien Westkanadas
daß die Nachricht zutreffend ist, es sei Titulescu in Genf endlich, unterstützt von der französischen und tschechoslowakischen Diplomatie, gelungen, den Widerstand der heimischen Gegner eines Paktes mit der Sowjetunion zu brechen und mit Litwinow jenen Freundschafts- und Nichtangriffspakt zu schließen, dessen Modell in Paris und Prag liegt. Diese Verträge, die der argwöhnischen Oeffent- lichkeit als Friedens sicherungen gepriesen werden, sind in Wirklichkeit Kriegsbündnisse und verschaffen der Sowjetrepublik die Möglichkeit, die vorgeschobenen europäischen Bastionen Böhmen und Bessarabien als Aufmarschgebiet in einem europäischen Krieg zu benützen. Die französische Politik des Herrn Benesch hat kein Bedenken getragen, diesen gefährlichen Pakt mit dem Bolschewismus einzugehen. Ob Rumänien wirklich durch Titulescu das künstlich verpflanzte Symbol der kleinen W ö l - f i n zum Gefährten des gar nicht symbolhaften, sondern sehr wirklichen großen russischen Bären gemacht wurde, ist zwar mit dem Verstand nicht zu begreifen, aber bei der geistigen Beschaffenheit eines Teiles des "Landes und des die Außenpolitik leitenden Mannes durchaus nicht ausgeschlossen.
Vera hörte schon nicht mehr hin. Mit stöhlichem Gruß war sie draußen und überreichte dem Freudebringer ihre Tüte.
„Fünf Stück, feine Dinger!" Der Mann roch sachverständig anerkennend daran, dankte, salutierte wie in seinen schönsten Soldatenzeiten: „Iehorsamsten Dank, Frau Hauptmann, und wenn Sie mal wieder was brauchen, allzeit gerne zu Diensten!" Er schlägt die Hacken zusammen.
Vera aber tänzelte die Straße zurück.
„Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich." Ihr Haar schimmert ganz golden in der Sonne.
Wenn wir als Knaben in atemloser Spannung Prärie-Geschichten lasen, dann haben wir zuweilen vergessen, daß es viele tausende unserer Landsleute waren, die jene Abenteuer bestehen und der Steppe Schritt um Schritt fruchtbaren Ackerboden abgewinnen mußten. Heute leben allein in Westkanada nach Ermittlungen aus dem Jahre 1931 über 270 000 Sprachdeutsche, davon annähernd 260 000 allein in den drei großen Prärieprovinzen Manitoba, Sasketschewan und Alberta. Das Deutschtum macht dort rund elf von Hundert der Gesamtbevölkerung aus und bildet die stärkste fremdnationale Gruppe. Geographisch, klimatisch, siedlungsgeschichtlich und bevölkerungspolitisch bilden diese Prärieprovinzen eine große gewaltige Einheit. Nach Westen ist das Gebiet durch das Felsengebirge, nach Osten durch den breiten, unbesiedelbaren Kanadischen Schild abgegrenzt; in drei Stufen steigt die weite Ebene an, die mit einer Gesamtfläche von fast zwei Millionen Quadratkilometer mehr als viermal so groß ist wie das Deutsche Reich. Nicht ganz die Hälfte der Gesamtfläche ist bis heute unter den Pflug genommen worden; allerdings werden weite Strecken im Norden aus klimatischen und verkehrsgeographischen Gründen auch niemals besiedelt werden. Kurze heiße Sommer und lange eisig kalte Winter, die wenigstens sieben Monate dauern, das ist das Klima in diesem sibirisch-kontinentalen Gebiet.
In diesem Lande, das eigentlich erst seit rund fünfzig Jahren erschlossen wurde, sind Deutsche die ersten und brauchbarsten Pioniere gewesen. Noch um 1870 hat man es, wie Heinz Lehmann in der im Verlag Grenze und Ausland, Berlin, erscheinenden Zeitschrift „Deutsche Arbeit" mitteilt, für unmöglich gehalten, daß das weite Gebiet der heutigen drei Prärieprovinzen besiedelt und gar in wenigen Jahrzehnten in eine der reich st en Kornkammern der Erde verwandelt werden würde. Während zweier Jahrhunderte war das Gebiet nichts anderes als ein riesiges, unerschöpfliches Pelzjagdrevier gewesen. Zwar saßen am Roten Fluß im heutigen Manitoba rund zwölftausend Siedler, Franko-Kanadier und Mischlinge und eine Anzahl Schotten, aber die weite Fläche der heutigen Provinzen war von Kolonisten freigehalten worden. Man baute eine Trans- kontinental-Bahn aus politisch-strategischen Gesichtspunkten, aber glaubte nicht, damit das dazwischenliegende Land zu erschließen.
Da wagten von 15 000 d e utschen Menno-
„Ein falscher Fuffziger.-
Schon vor Jahren ist einmal jemand aus den Gedanken gekommen, einen beliebigen Geldschein auf seinem Wege durch den täglichen Verkehr mit der Filmkamera ein Stück zu begleiten und im Bilde festzuhalten; daraus entstand, wenn wir uns recht besinnen, ein spannender kleiner Roman, der auf eine einfache und doch neuartige Weise im Vorübergleiten allerlei menschliche Schicksale spiegelte. Dieser neue Film, den wir gestern sahen — von Walter Wassermann nach einem Theaterstück von Robert Over weg; Albö Film G. m. b. H. — greift das Motiv wieder auf, gibt ihm aber dadurch einen besonderen Akzent, daß der Fünfzigmarkfchein, um den es sich hier handelt, ein falscher Schein ist, eine Blüte, wie der Fachausdruck dafür lautet. Der wandert, als er erst einmal in den Verkehr gebracht ist, so schnell wie gutes Geld von Hand zu Hand, und es ist nicht ohne Reiz, diesen Weg zu verfolgen; man sieht da wieder einmal, wie der Zufall spielt, und daß es Situationen geben kann, die den Unschuldigsten im Handumdrehen verdächtig und jede seiner Aussagen zweideutig und unwahrscheinlich machen. Das'geschieht alles in Form einer Spiele Handlung zwischen Scherz und Ernst, geht zuletzt aut aus, obwohl es auch ebenso hätte schief gehen können, und regt sogar ein wenig zum Nachdenken an. Der Regisseur Carl B o e s e, der früher leichtere Ware fabrizierte, hat sich des Drehbuches mit Verständnis und filmischem Geschick angenommen. Theo Lingen, der hier einen kleinen Reisenden spielt, ist diesmal von gedämpfterer Komik, als man es von ihm gewöhnt ist. Lucie Englisch ist das kleine, unschuldige, ungeschickte und verstörte Ladenfräulein, dem das' Malheur mit dem ialschen Fuffziger passiert. Sehr angenehm, unaufdringlich und gepflegt Georg Alexander; treffend charakterisiert das Hochstavlerpaar: Hilde Hildebrand und Hubert von Meyerinck; Gülstorfs, Käthe Haack,
Ich bin verrückt, ich bin glücklich. Urn's Himmels willen, wenn nur der Postbote nicht ausbleibt. Bringt er mir etwas, dann ist alles echt uhb gut und schön; und nie hat's Böses und Trübes gegeben. Bringt er mir nichts, dann, ja dann ...
Soll ich an ein Orakel glauben? Bringt er nichts, dann ist eben etwas dazwischen gekommen. Ich will glauben, ich will glücklich sein. Der Tag ist ja so schön, so schön ...
Dera lief hastig den Weg zurück. Jetzt war sie in ihrer Straße. Ganz am Ende erspähte sie die blaue Uniform des Briefttägers.
Sie blieb einen Augenblick stehen.
„Herzklopfen bis zum Hals hinauf", sagte sie, feststellend, vor sich hin.
Was war das? Winkte die blaue Uniform da hinten nicht? Ja, der alte treugediente Postonkel, der schon über zehn Jahre dieses „Revier" versorgte, hatte sie entdeckt und hielt etwas Weißes hoch.
Sie sauste auf ihn zu: „Guten Morgen." ..Mojen, Fräuleinchen, ein Brief!"
Sie hatte ihn schon in der Hand und hörte gar nicht das „schönes Wetter heute". Sie riß den Umschlag. auf und trat ein wenig beiseite. Eine Karte lag darin. Ein B.ild von Fred, und schräg unten wär über das Photo geschrieben: „Ich liebe Dich."
Weiter nichts. Wieder Herzklopsen. Ganz tolles Herzklopfen vor lauter Freude. Nur Freude. Gar keine Angst mehr. Glück! Weg mit den Fragen und Zweifeln! Alles war gut! Glück!
Was hatte doch der Briefträger gesagt? Schönes Wetter heute. Jetzt erst hörte sie's richtig. Wo steckte der Mann überhaupt? Sie hatte ihn ganz vergessen. Und ob das schön war! Der Mann kam aus dem Haus, vor dem sie stand.
„Ja, herrlich!"
Er sah Vera verdutzt an und wunderte sich über die späte Antwort. Er lachte über's ganze Gesicht.
„Warten Sie mal einen Augenblick!"
Er stand geduldig. Sie nestelte in ihrem Handtäschchen herum und förderte eine Mark zutage:
Da, bitte nehmen Sie." Das Geldstück blitzte in der Sonne. „Danke auch schön, Fäuleinchen."
„Warten Sie noch einen Augenblick. Ich schenke Ihnen noch was. Was rauchen Sie, Zigarren, Zigaretten? — Zigarren, schön. — Schwarze oder ‘ blonde? — Gut, Brasil. Aber ich gehe selber in den
Laden." _, ,Ll
Schon war sie, em paar Schritte weiter, m einem Geschäft verschwunden, dessen Besitzerin gerade eben geöffnet hatte und erstaunt fragte:
Brasil wollen Se? Ach so, für den Herrn Post- rat. Hier bitte. Hat Ihnen wohl schöne Nachricht gebracht?"
Oberlandesgerichtspräsldenti.R. Dr. Test 80 Jahre alt.
LPD. Darmstadt, 7. Okt. Die Justizpressestelle Darmstadt schreibt u. a.: Am 8. Oktober d. I. wird Oberlandesgerichtspräsident i. R. Dr. B e st in Darmstadt 8 0 Jahre alt. An diesem Tage sich seiner als des unermüdlichen Vorkämpfers des Aufwertungsgedankens zu erinnern, ist gleicher Weise Pflicht der Justizverwaltung, als auch der großen Zahl von Sparern und Gläubigern, welche, vor dem Nichts stehend, ihm in mehr oder minder großem Umfange die Aufwertung ihrer Guthaben zu verdanken haben. Der Jubilar hat es verstanden, seine überaus glänzenden juristtjchen Fähigkeiten in produktivster Weise in den Dienst von Volk und Staat zu stellen. Die hessischen Ausfährungsgesetze zum Bürgerlichen Gesetzbuch und seinen Nebengesetzen sind zum größten Teil von Dr. Best verfaßt und dann als eine mehrbändige kommentierte
Fred schreibt drei Worte.
Von Günter Schab.
Vera war ganz früh aufgestanden. Sie lief durch die Morgensonne der erwachenden Stadt. Welch eine Sonne! Die Häuser verloren ihre drückende Höhe. Die blaue sonnendurchflirrte Himmelsglocke wölbte sich über das steinerne Gewirr. Es sah alles so ganz anders aus °. ganz neu ... wie Feiertag .., und es war doch mitten in der Woche.
Vera lief an Milchmännern und Brötchenjungen vorüber, vorbei an noch festgeschlossenen Geschäften, die, wie ihr Büro, erst in einer oder zwei Stunden Tür und Fenster öffneten. Ihr war so merkwürdig leicht und frei zumute. Wie kam es nur? Vorgestern als sie sich von Fred trennte, war alles so dunkel, nicht nur der späten Stunde wegen. Auch innendrin: düster.
Nein, sie hatten sich nicht gezankt. Aber Fred war so -merkwürdig. Aerger im Geschäft ... man kennt das ja ... die Unterhaltung war nicht recht m Fluh gekommen während der knappen Stunde ihres Spazierganges. Und als sie fragte: „Was hast du denn?",'kam die Antwort so müde und abweisend: „Nichts, Kind" und dann, als sie sich bedruckt die Hand gaben und jeder eine andere Straße nahm, was war wie ein Abschied ... und es regnete gleich darauf. Und der Wind pfiff richtig ein bißchen böse um ihre Ohren, als sie ihrer Wohnung zustrebte. Dummer Tag, der dann kam. Kein Anruf im Büro. Kein Kärtchen zu Haus. Nichts. Alles aus. Alles grau und traurig.
Und nun dieses Heute. Sie hatte die Anlagen erreicht, die jetzt schon ganz kahl waren und doch so lieblich den Straßenzug unterbrachen. Sie blieb stehen und breitete die Arme aus. Dieses Wetter! Herrlich! Sie atmete ttef ...
Hier sind wir gegangen, Fred und ich, damals und vorgestern noch.
Ob er heute wieder schreibt? ... Wenn ein Brief kommt, antworte ich sofort. Ich bin ja auch nicht besonders nett zu ihm gewesen. Er war abgespannt, weiter gar nichts. Ich hätte nicht so eindringlich fragen sollen, nur ein wenig freundlich sein.
Von der Johanneskirche schlug die Uhr sieben. Klar wehte der dunkle Klang der Schläge herüber.
Ich muß umkehren. Vielleicht fange ich den Briefträger ab. Was ist mir nur? Warum habe ich mir Überhaupt Sorgen gemacht? Natürlich schreibt er. Er muß schreiben. Heute, jetzt gleich habe ich einen Gruß. Sie sagte leife vor sich hm: Fred.
der Prärie durchzusetzen. Nur Männer und Frauen dieses Schlages konnten über die schwierigen Anfangsjahre Hinwegkommen, haben es dann aber auch häufig zu Wohlstand gebracht, der wieder Freunde und Bekannte aus der alten Heimat in immer größerer Zahl zur Einwanderung veran-
Der große Bär und die kleine Wölfin.
Die Rumänen von heute sind sehr stolz auf ihren alten geschichtlichen Zusammenhang mit dem kaiserlichen Rom und lieben sich als echte Nachkommen des einst weltbeherrschenden Volkes zu betrachten. In der Hauptstadt Bukarest hat man, allerdings an einer ziemlich abgelegenen Stelle, eine kleine Nachbildung der die Zwillinge säugenden Wölfin, des Wahrzeichens der ewigen Tiberstadt, aufgestellt, um die gemeinsame ruhmreiche Abkunft zu dokumentieren. In Wirklichkeit liegen die Dinge nicht so klar und einfach. Das heutige Rumänien ist zwar unter dem Kaiser Trajan in Grenzkämpfen mit den wilden thrakischen und skytischen Stämmen, die die Gebiete der unteren Donau bewohnten, erobert, mit römischen Kolonisten bevölkert und zur römischen Provinz D a - eien gemacht worden, aber die Goteneinfälle beseitigten auf immer diese vorübergehende römische Zeit, und in den folgenden Jahrhunderten nahm das linke Donaugebiet ein vielfaches Völkergemisch aus Hunnen, Gepiden, Avaren, Slawen, Ungarn usw. in sich auf, das sich schließlich mit den restlichen dacisch-rörnischen Elementen zum heutigen Volk der Rumänen verschmolz. So ist auch die rumänische Sprache auf der Grundlage des Volkslateins entstanden, aber mit vielen slawischen und anderen Bestandteilen vermischt und selbständig fortgebildet.
Diese mehr oder minder legendären Zusammenhänge mit der römischen Kultursphäre hat auch in der rumänischen Politik immer eine große Rolle gespielt und sie oft in Gegensatz zu den wirklichen Interessen des Landes gebracht, dessen geographische Lage ganz andere Forderungen stellt als jene romantische Ideologie der Abstammung. Die Politik der westlichen romanischen Mächte, namentlich die Frankreichs, hat aus dieser Schwäche des rumänischen Volkes und der öffentlichen Meinung, der sich auch jeweils geschickte und fähige politische Persönlichkeiten zur Verfügung stellten, großen Nutzen zu ziehen gewußt und durch seine Diplomatie, seine politisch geleitete Anleihe- und Finanzmethode, nicht zuletzt auch durch den französischen Roman und die verführerische Eleganz der Frauen- mode zu allen Zeiten sowohl die parlamentarischen Couloirs, als die mondänen Salons beherrscht. Auch während der Zeit, in der Rumänien sich als Schutz gegen das übermächtige benachbarte Zarenreich und in realpolitischer Verfolgung seiner wirtschaftlichen Interessen mit den Mittelmächten verbündet hatte. Der Eintritt Rumäniens in den Weltkrieg war im Grunde nichts anderes, als die Entscheidung im ständigen Kampf und Gegensatz der zwei Richtungen der rumänischen Politik, der real- politisch-wirtschaftlichen Verfolgung der Interessen des Landes und der Betonung der Gemeinsamkeiten
In der Tat wäre der Entschluß Frankreichs, das alte gegen Deutschland gerichtete Bündnis mit dem Zarenreich auch mit der Sowjetunion zu erneuern, für Rumänien ein dringender Anlaß gewesen, seine außenpolitische Lage unter dem Gesichtspunkt nachzuprüfen, ob die Hinwendung der Sowjetunion zu Europa und zu europäischer Entwicklung nicht d i e alten Gefahren wieder heraufbeschwört, denen der Bestand des aus ehemals russischen und türkischen Teilen zusammengefügten rumänischen Staatswesens durch die Grenznähe des mächtigen Reiches stets ausgesetzt war. Eine Gefahr, die um so dringender ist, als Rumänien unter feiner Kriegsbeute die russische Provinz Be s s a r a b i e n nach Hause tragen durfte, auf die Svwjetrußland nie, wenigstens nicht formell und ausdrücklich verzichtet hat und die bisher jede Annäherung verhinderte. Aber für rumänische Politiker vom Schlage und der Geistesrichtung Titulescus sind solche Gedankengänge viel zu prosaisch, die Verlockung der mit großen Worten von Menschlichkeitsidealen ausstaffierten französischen Diplomatie zu verführerisch, als daß er nicht, der kleine Pariser, der, wenn auch nur von einer nachgebildeten Wölfin Gesäugte, die neue Wendung der französischen Politik für fein Land getreulich z u kopieren geneigt wäre.
Es ist unter diesen Umständen durchaus möglich,
Sammlung von ihm herausgegeben worden. Aus der großen Reihe seiner weiteren Veröffentlichungen sind hier zu nennen das eheliche Güterrecht des BGB. unter Berücksichtigung der hessischen Güterrechte, das Grundbuch- und Hypothekenrecht des BGB. unter besonderer Berücksichtigung des hessischen Grundbuchrechts, ein Kommentar zum Reichsgesetz über den Versicherungsvertrag, ein Kommentar zu dem von ihm verfaßten hessischen Gesetz über das Eigentum an Kirchen und Pfarrhäusern, und zahlreiche Abhandlungen, gutachtliche Aeuße- rungen und Aufsätze, die sich mit dem Währungsverfall vornehmlich auf dem Gebiete der Aufwertung bewegten. Als fein größtes Verdienst muß jedoch die von ihm in der Aufwertungsrechtsprechung entwickelte richterliche Tätigkeit und Initiative hervorgekehrt werden. Am 18. Mai 1923 verkündete Dr. Best als Vorsitzender des ersten Senates des Oberlandesgerichts Darmstadt das von ihm ver- laßte." " " faßte und veranlaßte erste Darmstädter Answer-
So lebten im Bereich der heutigen Prärie-Pro-1 tungsurteil, welches seinerzeit in Fach-, Wirtschafts-,
mit der westlichen parlamentarischen Demokratie französischer politisch-kultureller Prägung.
Alle Erscheinungen, Wandlungen und Persönlichkeiten der rumänischen Politik, auch die heutigen, sind aus diesen allgemeinen Voraussetzungen heraus zu untersuchen und zu verstehen. Wenn der jetzige Außenminister Titulescu, dessen geschäftige Betätigung im Rahmen der Kleinen Entente, in den Genfer Konferenzen und Hotelzimmern und auf fast ununterbrochenen diplomatischen Reisen eine ständige Rubrik der journalistischen Berichterstattung bildet, feit fast einem Jahre sich um eine enge vertragliche Bindung an Sowjetrußland bemüht und dabei stets auf den Widerstand der Krone und offenbar auch eines Teiles feiner Ministerkollegen, jedenfalls auf starke anders gerichtete Einflüsse gestoßen ist, so haben wir hier das typische Bild des rumänischen Politikers, der die großen Linien d er französischen Politik auf die ganz anderen Voraussetzungen seines Landes projiziert und nachzieht; der dabei aber die Gegnerschaft derer findet, die nüchtern genug sind, die Brauchbarkeit von Ideologien für den Alltag zu bezwei- fein, besonders wenn sie mit dessen Forderungen nicht übereinftimmen.____________________________
vinzen im Jahre 1901 unter insgesamt 420 000 Einwohnern 50 000 Deutsche, und diesen Anteil von zwölf von Hundert an der Gesamteinwanderung hatten sie auch im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, als die Masseneinwanderung von Slawen, besonders Ukrainern, und von Amerikanern und Skandinaviern einsetzte. Die Einwanderung in den Nachkriegsjahren wurde durch die Organisationen der bereits in Kanada ansässigen Mennoniten unterstützt, die für ihre Glaubensbrüder bei Regierung und Eisenbahn gutsagten; so gelang es, eine große Zahl von mittellosen, wirtschaftlich und religiös bedrückten Mennoniten aus der Sowjet-Hölle her- auszubekommen. Allerdings haben sich die Hoffnungen der deutschen Nachkriegseinwanderer nicht immer erfüllt. Die auf Abzahlung gekauften Farmen konnten infolge des Absinkens der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse nicht mehr verzinst werden. So siedelten viele Einwanderer n a ch den Städten Ostkanadas über, wo sie Der Arbeitslosigkeit und Not ausgeliefert waren. Die Spezialisierung auf den Weizenbau hatte sich als ein zu großes Risiko erwiesen.
Das wichtigste Bindeglied der Deutschen in Stadt und Land ist heute die deutschsprachige Presse Westkanadas, da die deutschen Kinder seit dem Weltkriege in die englische Volksschule gehen und deutschen Unterricht im allgemeinen nur im Religionsunterricht und in freiwilligem Studium durch die Geistlichen ihrer Gemeinde erhalten. „Trotz der Belebung durch die neue, auf den Glauben an die Unveräußerlichkeit des deutschen Blut- und Kulturerbes begründete gesamtdeutsche Weltanschauung wird in Westkanada das Deutschtum dennoch rettungslos geschmolzen, wenn es ihm nicht gelingt, der Jugend Deutsch als zweite Umgangs- spräche zu erhalten und aus den eigenen Reihen eine Führerschicht heranzubilden, die die Spannung zwischen Volks- und Staatszugehörigkeit willig auf sich nimmt, um die ererbten Güter deutschen Volks- iums zu erhalten und für die felbftgewählte neue Heimat Kanada einzufetzen."
deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südost- Europa, aus Rußland (Wolhynien, Ukraine, Krim, Bessarabien, Wolga-Gebiet) und aus den deutschen Streusiedlungsgebieten der alten Donau-Monarchie (Galizien, Bukowina, Ungarn, Banat).
„Der beginnende Landmangel in den alten Kolonistendörfern, überlebte Wirtschaftsformen, dazu die allmähliche Entziehung der dem Deutschtum zugebilligten politischen, sozialen und religiösen Privilegien, überhaupt die allenthalben gegen das Deutschtum sich richtenden Nationalisierungsbestrebungen in Rußland und in den slawischen und magyarischen Teilen des Habsburger Reiches trieben viele junge deutsche Bauern mit ihren Familien seit den achtziger Jahren zur Auswanderung, zur gleichen Zeit also, als Westkanada als neues Einwanderungsziel entdeckt wurde. Das harte Leben in Westkanada
bie Sandrock unb Westermeier spielen auch mit.
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Im Beiprogramm bringt bas Lichtspielhaus bie neue Wochenschau mit wichtigen Ausschnitten vom Parteitag, ferner einen Reichsbahn-Lehrfilm, eine kleine Darietövorstellung unb einen Vorspann zu „Hslöne". — r —
Zeitschriften.
— „D a s I n s e l s ch i f f", eine Zeitschrift für die Freunde des Insel-Verlags zu Leipzig (Herbst 1935), wird begonnen mit dem einfältig-rührenden Kapitel „Das Begräbnis des Einsiedlers" aus der Insel- Ausgabe von Grimmelshausens berühmtem Roman „Simplizissimus". Hans Wahl berichtet über die Schicksale von Goethes kürzlich aufgefundenem, lange verschollen gewesenen „Reise-, Zerstreuungsund Trostbüchlein", auf das wir im „Büchertisch" noch zurückkommen werden. Ein interessantes unb lebendiges Stück Geschichte findet man als Probe aus dem Buche des Engländers Duff Cooper über Talleyrand, von dem auch eine vorzügliche Porträtzeichnung beigegeben ist. Aus dem reichhaltigen Inhalt des von Karl Weißer mit gewohnter Sorgfalt redigierten Heftes nennen wir Eberhard Meckels schönes Gedicht „Mutter Gottes vom Breisgau", ein Stück aus Ernst Bertrams Einleitung zu Hölderlins Gesammelten Briefen, einen spannenden Abschnitt aus Edzard H. Schapers russischem Roman „Die sterbende Kirche" und Wolfgang Goetzens liebevoll eingehende Betrachtung über die Entstehungsgesckichte und die Illustratoren der Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen.
— Das Mittelmeer hat fast in allen Zeiten im Brennpunkt weltpolitischen Geschehens gestanden. Phönizier, Griechen, Römer lösten einander in der Beherrschung der Gestade des Mittelmeeres ab; die Machtstaaten des Mittelalters kämpften um seinen Besitz, und in der Neuzeit rückte der Bau des Suezkanals das Mittelmeer wieder in den Blickpunkt europäischer Machtpolittk. So wird auch bie abessinische Frage nicht zuletzt zu einer Mittelmeerfrage, wie dies ein interessanter Artikel „Die europäischen Großmächte und das Mittelmeer" von Dr. Kurt Krause in der neuesten Nummer der „I l l u st r i r t e n Z e i t u n g" (I. I. Weber, Leip- zig) klarlegt. Ein anderer illustrierter Beitrag gibt einen interessanten Querschnitt durch Zentralasrika. Einem Altmeister der deutschen Musik, der in diesem Jahre neben den hundert Jahre jüngeren Bach und Händel gefeiert wird: Heinrich Schütz, ist anläßlich seines 300jährigen Geburtstages am 8. Okt. ein reich illustrierter Beitrag gewidmet.


