Nr. 106 vierter Natt Gießener Anzeiger sGeneral-Anzeiger für Dberheffen) Mittwoch. 8. Mai 1955
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SportgroDettkämpse der HZ.
3m Rahmen des „Festes der deutschen Jugend" am 22. und 23. 3uni führt die Hitler-Jugend Sport- wettkämpfe als Mannschaflsmehrkämpfe der Gefolgschaften, Fähnlein, Mädelgruppen und 3ung- mädelgruppen im ganzen Reich durch, mit deren Vorbereitungen jetzt begonnen wurde.
Das Deutsche Jungvolk und die Jungmädel im VdM. veranstalten ihre Wettkämpfe am „Tag des Deutschen Jungvolks", Samstag, den 22. Juni. Die Wettkämpfe der HI. und des VdM. finden am „Tag der Hitler-Jugend", Sonntag, den 23. Juni, skakt.
Die Teilnahme jeder Kameradschaft der HI., jeder Jungenfchaft des Jungvolks, jeder Mädelschaft des VdM. und jeder Jungmädelschaft der Jungmädel im VdM. ist Pflicht. Die Gliederungen nehmen vollzählig an den Wettkämpfen teil und bereiten sich in den Monaten Mai und Juni planmäßig darauf vor.
ZusammenlegungderVadfahrervereine in Klein-Linden.
Auf Einladung des Leiters der Ortsgruppe des Reichsbundes für Leibesübungen Karl Eyring hatten sich am Samstagabend im Lokal „Zur deutschen Eiche" die Vorstandsmitglieder der beiden seitherigen Radfahreroereine unseres Dorfes, des Radklubs „Germania" und des Radfahrervereins „Klein-Linden 1904" versammelt, um über die Verschmelzung der beiden Vereine zu beraten. An der Versammlung nahmen auch der Ortsgruppenleiter der NSDAP, und der örtliche Sachbearbeiter für das Sportwesen teil. Nachdem der Leiter der Ortsgruppe des Reichsbundes für Leibesübungen die Gründe für die Zusammenlegung vom sportlichen Gesichtspunkt aus und der politische Leiter sich vom nationalpolitischen Standpunkt aus geäußert hatten, einigte man sich in den beiden Vorständen auf Verschmelzung der beiden Vereine.
In der sich anschließenden Mitgliederversammlung beider Vereine wurde die Zusammenlegung einstimmig angenommen. Der Name des neuen radsporttreibenden Vereins heißt „Radfahrervereinigung Klein-Linden". Zum Dereinsführer wurde das Mitglied Johannes Gärtner, das auf dem Gebiet das Radsports über eine jahrzehntelange Erfahrung zurückblickt, einstimmig gewählt. Der neue
Vorstoß nach Chinesisch-Ost-Turkestan
Sven Hedins letzte Forschungsreise.
südliche Route. Das erste Ergebnis dieser letzten Expedition Sven Hedins war die Gründung einer Autobus-Gesellschaft für den Verkehr nach Chinesisch-Ostturkestan, die bereits damit begonnen hat, regelmäßig wöchentlich Wagen mit Fracht und Post nach Hami abzuschicken. Mit einer dieser Auto-Karawanen, die meistens aus sechs bis sieben Wagen bestehen, reisten bereits die Frauen und Kinder von Soldaten, die gegenwärtig die Festung Uruntschi besetzt halten.
Diese Reise ist noch außerordentlich beschwerlich, denn es gibt kaum einen Schutz gegen die eisige Kälte, gegen die wilden Staub stürme und die brennende Sommerhitze. Um eine Verbindung im modernen Sinne zu unterhalten, bedürfte es der Errichtung verschiedener Zwischenstationen und eines gründlichen Ausbaues der Straße. Das sind Aufgaben, deren Lösung bei den gegenwärtigen Verhältnissen in China noch viel Zeit beanspruchen wird.
hielten sie den Wagen mitsamt dem Führer unbeschädigt und unbehelligt nach einiger Zeit zurück. Kurz darauf aber wurden alle Teilnehmer bei Korla ins Gefängnis geworfen, aber auch dieser Zwischenfall lief gut aus, und General Ma lieferte ihnen wiederum alle Wagen mit Versicherungen der Freundschaft und einigen wertvollen Fellen als Geschenk zurück.
Die Heimreise wurde auf der südlichen Straße angetreten, und zwar über die Orte Tunhuang, Anhsi, Sutschou, Kantschou und Lingtschou. Die chinesische Regierung besitzt nun zuverlässige Angaben über den geplanten Höhenweg nach Hsin- kiang, sowohl über die nördliche als auch über die
Die Expedition, von der der berühmte schwedische Forscher Sven Hedin jetzt zurückgekehrt ist, bedeutet nicht nur in der wissenschaftlichen Erschließung eines der unbekanntesten Winkel Jnnerasiens einen großen Fortschritt, sie ist auch wegen der politischen Hintergründe von besonderem Interesse. Sven Hedin hat der Regierung in Nanking einen umfassenden Bericht über ein Land erstatten können, das seit langem einer der am schwersten zugänglichen und deshalb kaum beherrschbaren Teile des chinesischen Reiches ist. Chinesisch- Ostturkestan oder Hsin-kiang, wie dieses Gebiet auch genannt wird, befindet sich in dauernder Unruhe. Bis 1932 gab es dort praktisch keine chinesischen Streitkräfte, und die Sowjets übten einen mächtigen Einfluß aus.
Inzwischen ist eine mohammedanische Armee aus der Kansu-Provinz in Hsinkiang eingefallen, und ihr General Ma bedrohte die Hauptstadt. Zwar wurde er durch einheimische Truppen geschlagen, die von jenseits der russischen Grenze unterstützt worden sind, aber noch immer sind der Krieg aller gegen alle, Rebellion und Raubzüge an der Tagesordnung, und die Oberhoheit der chinesischen Regierung steht zumeist nur auf dem Papier.
Unter diesen Umständen war es ein imponierender Beweis von Tatkraft und Mut, wenn sich Sven Hedin in dieses Wirrwarr oorwaate und sogar beachtliche Ergebnisse mit nach Hause brachte, die den Behörden in Nanking ermöglichen, der Frage der Verkehrsstraßen nach diesem äußersten Zipfel Chinas gründlicher als bisher näherzutreten. Der schwedische Forscher hatte den Auftrag zu erkunden, welche Route sich am besten für den Bau einer großen Automobil-Hoch st raße eignen würde. Die am weitesten vorgeschobenen Eisenbahnstationen liegen gegenwärtig von Kaschgar noch über 3000 Kilometer entfernt, und die üblichen Karawanen brauchen zur Ueberwindung dieser Strecke viele Monate. Zwar haben auch einige Autos den Weg zurückgelegt, die Ueberquerung großer Sandwüsten und der völlige Mangel an Nahrungsmittelzufuhren machen ein solches Unternehmen jedoch so kostspielig, daß von einer praktischen Lösung der Verkehrsfrage noch nicht gesprochen werden kann.
Als Sven Hedin im Oktober 1933 Peking verließ, um noch einmal die Gegenden aufzusuchen, in die er vor rund vierzig Jahren zum erstenmal eingedrungen war, begleiteten ihn zwei bewährte Mitarbeiter seiner früheren Expeditionen, zwei chinesische Sachverständige und einige Diener. Don Kweihwa ging es westwärts. In Pailingmiao empfingen die Reisenden den Segen des Taschi Lama von Tibet, und um Weihnachten hatten die Forscher Edsin erreicht. Von dort stießen sie gegen Hami in den unbevölkerten Südwesten der W ü st e Gobi vor. Hier hatte Sven Hedin eine Begegnung mit dem mohammedanischen General Ma, der damals noch'nicht der erklärte Feind der chinesischen Regierung war. Von Hami führte der Weg nach Uruntschi, wo die Reisenden von aufsässigen Tungusen angegriffen wurden, so daß sie ihre Wagen zeitweilig verlassen mußten, um sich im Busch zu verbergen.
Zu einem späteren Zeitpunkt hatten sie auf dem Rückweg noch einmal ein gefährliches Abenteuer mit dem General Ma zu bestehen, der von ihnen einen Wagen forderte, den er nach Kaschgar senden wollte. Seine Soldaten drohten von der Waffe Gebrauch zu machen, und so mußte man sich entschließen, auf die Drohung einzugehen. Zum Erstaunen Sven H e d i n s und seiner Begleiter er»
Dereinsführer bestimmte zu seinen Mitarbeitern: Karl Klinkler als Stellvertreter; Aug. Müller jr. zum Schriftführer; Adam Gießler zum Kassenwart; ferner zum Werbe- und Pressewart Hans Funke; zu Fahrwarten die Mitglieder G. Deibel und A. Mohr und zu Zeugwarten Fritz Speier und Wilhelm Weigel Von der Versammlung wurde noch der Beschluß gefaßt, bei Festlichkeiten die Banner der beiden früheren Vereine bis zur Beschaffung eines neuen Banners mitzuführen. Zum Uebungslokal wurde das Gasthaus „Zur deutschen Eiche" bestimmt. In seiner Schlußansprache gedachte der neue Vereinsführer des leider so früh verstorbenen treuen Anhängers des Radsportes, des Mitgliede Philipp Hahn, dessen Gedenken in üblicher Weise geehrt wurde. Mit dem Sieg-Heil auf den Führer und Volkskanzler wurde die Versammlung geschlossen.
Aus der Geschichte des Radsportes in unserer Gemeinde sei erwähnt, daß der seitherige Radfahrerverein Klein-Linden 1904 21 Jahre bestanden hat, der Radklub „Germania" wurde in den Jahren nach der Inflation gegründet. Beide Vereine galten als führend auf dem Gebiete des Radsports in Oberhessen und haben auf Rennen und im Kunstfahren nahmhafte Preise errungen. Die neue Radfahrervereinigung verfügt über ein stattliches Vermögen und ein großes Inventar, es stehen ihr allein zwölf Saalmaschinen zur Verfügung. Die Vereinigung zählt viele Mitglieder und wird bei der ersten Veranstaltung der hiesigen sporttreibenden Vereine in dem kommenden Monat aktiv beteiligt sein. Durch den Zusammenschluß ist mit einem Neuaufblühen des in unserer Gemeinde in früheren Jahren so eifrig getriebenen Radsportes zu rechnen.
SpieLvereimgung 1900 Gießen.
1900 II — SpV. Riederohmen I 8:1 (2:1).
Die erste Syalb^it dieses schönen und fairen Spiels sah nicht nach einer so hohen Niederlage der Gäste aus. Im Gegenteil, den ersten Treffer machte Nie- der-Ohmen und die Gießener hatten, trotz des heftigen Rückenwindes, ihre Not auszugleichen und durch ein weiterhin erzieltes Tor in Führung zu gehen. Nach dem Seitenwechsel fielen die Gäste dem Tempo zum Opfer und konnten den fortgesetzten Angriffen der Platzbesitzer nicht mehr stanohalten. Zunächst kam 1900 durch ein, aus klarer Abseitsstellung erzieltes Tor zum 3:1 und erst in der letzten halben Stunde durch fünf weitere Erfolge zu dem hohen Endsieg. Zweimal lenkten die Leute aus dem nördlichen Oberhessen dön Ball selbst in ihr eigenes Gehäuse.
VfB. Kurhessen 05 Warburg Ah. — 1900 Ah. 3:3.
Ueberruschend kommt das unentschiedene Ergebnis aus dem „Alte Herren"-Jubiläumsspiel in Marburg. Das hätte man den Blauweißen nicht zugetraut. Die Mannschaft spielte aber schon merklich besser als im ersten Spiel gegen den Sportverein 05 Wetzlar.
VfV. Kurhessen 05 Warburg 1. Jugend — 1900 1. Jugend 1:3.
Trotzdem die Gastgeber einem etwas älteren Gießener die Mitwirkung verweigerten, ließen sich die zehn Gäste nicht unterkriegen. In einem temperamentvoll geführten Kampf blieben sie mit 3:1 Treffern verdienter Sieger.
SpV. Vieber 1. Jugend — 1900 2. Jugend 0:4.
Auch die zweite Jugend 1900’5 kehrte von ihrer Expedition ins Biebertal als sicherer Sieger, nach wirklich ansprechenden Leistungen, zurück.
1900 Schüler — Garbenleich Schüler 3:2.
Die Kleinsten wollten es den älteren Vereinskameraden gleichtun, Ihr feines Spiel begeisterte. Der knappe Sieg ist besonders hoch zu bewerten, da der Gegner in Körpergröße und Alter bedeutend überlegen war.
Fußballableilung des TV. Wißmar.
Am Sonntag weilte die 1. Mannschaft des Turnvereins Wißmar zum fälligen Rückspiel in Vetzberg und gewann verdient mit 8:2 Toren. Durch Umstellung der Mannschaft fand sie sich sehr bald und führte bis zur Halbzeit bereits 2:1. Nach Halbzeit wurden in gleichen Abständen noch sechs Tore geschossen und somit das Endergebnis von 8:2 hergestellt.
Am nächsten Sonntag findet der Lokalkampf Lounsbach—Wißmar statt. Das Vorspiel gewann Wißmar knapp mit 3:2.
Erste Vorbereitungen für das Derg- turnfest auf dem Hoherodskopf.
Am vergangenen Sonntag fand auf dem Hohe- rodskopf die erste vorbereitende Sitzung für das Bergturnfest auf dem Hoherodskopf (1. September 1935) statt. Die Versammlung wurde von dem Turnkreisführer Dr. S i e g e r t - Stockheim geleitet. Das Bergfest soll in diesem Jahre zum ersten Male wieder stattfinden. Eine eingehende Besichtigung des für das Turnfest zur Verfügung stehenden Platzes ergab, daß er auch für die gesteigerten Ansprüche eines Bergfestes nach dem heutigen Stand der Leibesübungen und der Turnerei. sehr gut geeignet ist. Dem Turnverein Schotten wurde die Ausrichtung des Festes übertragen. Es wurde ein Ausschuß gebildet, der die Vorarbeiten zu erledigen haben wird. Vorsitzender des Vorbereilungsaus- schusies ist Dr. S i e g e r t - Stockheim. An der Sitzung nahm u. a. auch der Gauoberturnwart Paul- Gießen teil.
Hockey-Länderturnier in Brüssel.
Deutschland Gruppensieger.
Beim Brüsseler Hockey-Länderturnier wurden am Dienstag die Spiele der Gruppe B abgeschlossen. Deutschland sicherte sich den ersten Platz durch einen knappen 3:2-(2:l-)Sieg über die Schweiz, und Holland erwarb sich ebenfalls die Berechtigung zur Teilnahme an den Schlußspielen, da es Frankreich mit 2:0 (0.0) besiegte. Am Freitag trifft nun Deutschland auf den Verlierer der Begegnung England — Spanien, während Holland gegen den Sieger antritt.
Trotz einer ersatzgeschwächten Mannschaft kam Deutschland zu einem zwar knappen, aber durchaus verdienten Erfolg über die Eidgenossen. Die Schweizer spielten recht hart, aber fair, und erreichten ihre bisher beste Form, dazu hatten sie
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Vornan von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
16. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Drittes Kapitel.
Fred.
Als Fred nach etlichen Wochen zurückkam, ging er noch mehr feine eigenen Wege. Er sah nicht, daß manches Deckchen und manches Kissen sich verändert hatte, merkte auch nichts davon, daß Liane nun wirklich die Führung des Haushalts in ihre Hand genommen hatte.
Er war im Ausland gewesen, hatte daher nicht über Sonnabend nach Hause kommen können, fand nun wieder Arbeit in Hülle und Fülle vor.
Das Geschäft blieb schwer. Alte Geschäfte, auf deren Zahlungsfähigkeit man sicher gerechnet, gerieten in Konkurs, die Unannehmlichkeiten mit dem amerikanischen Vertreter häuften sich, das Geld ging schlecht ein, die Bezahlung der Rechnung van Zoomens stand immer noch aus, und das Wech- nachtsgeschäft erlebte nicht den Aufschwung des vergangenen Jahres.
Ja, es gab Sorgen für. Fred. Er sah keine' Möglichkeit, den Verdienst zu erhöhen, die Verluste schnell wieder einzubnngen. Wenn man sich wenigstens auf van Zoomen hatte verlassen können. Bei einem Besuch in Amsterdam hatte Fred den Mann nicht angetroffen. Er hatte sich wohl verleugnen lassen.
Seine junge Frau sah Fred kaum noch. Er zog es jetzt vor, auch mittags in Offenbach zu blel- oen, kam abends immer später aus dem Geschäft heim, nahm in irgendeinem Restaurant auch das Abendbrot ein und begab sich, kaum heimgekommen, sofort zur Ruhe. Sonnabend nachmittags aber schickte er den Chauffeur, wie vor seiner Reise, mit der Elektrischen nach Hause und setzte sich selbst an das Steuer.
Ernst ließ zwei Wochen verstreichen, auch noch die dritte, dann erlebte Liane eine fteudige Ueber- raschung.
Ernst rief telephonisch an:
„Wir sind heute abend Ihre Gäste, Frau Liane. Ich bringe Ihnen Fred."
„Sie glauben wirklich?"
„Sie können sich auf mich verlassen, auch wenn es spät wird."
Am Abend desselben Tages erschien Ernst kurz nach Geschäftsschluß in Freds Büro.
„Laß es heute einmal genug sein des Guten, Fred! Mache Schluß!"
„Hast du Ausgehgelüste? Ich habe eigentlich nöch ein paar Ideen, die ich aufs Papier bringen
„Ich muß mit dir reden."
„Warum so feierlich? Da setz dich! Hast du mir den Konkurs von Zoomens schon zu melden?"
„Nein, Fred! Aber mir liegt eine andere Angelegenheit am Herzen, die mir wichtiger erscheint als das ganze Geschäft. Ich habe während deiner Abwesenheit deine Frau näher kennengelernt."
Fred lehnte sich in seinen Sessel zurück.
„Ja — und? Hast du Hausfreundabsichten? Hat sie sich bei dir beklagt?"
„Fred, bitte nicht diesen frivolen Ton! Siehst du denn nicht, daß sie nur noch ein Schatten von früher ist, daß sie körperlich und seelisch einfach zu Grunde geht unter deiner Nichtachtung?"
„Also eine regelrechte Gardinenpredigt. Erlaube, daß ich mir schnell eine Zigarette anzünde."
Ernst kam auf ihn zu.
„Ich habe deine Frau mehrere Male getroffen. Verzeih, daß ich erst jetzt davon spreche, aber ich wußte, daß diese Mitteilung eine längere Auseinandersetzung zwischen uns nach sich ziehen würde. Sie hat mich auch des öfteren in das Blindenheim begleitet. Sie bat mich darum, und sie tat mir leid in ihrer Einsamkeit."
„Und dann hast du mit ihr hinter meinem Rücken eine Verschwörung angezettelt, deren Opfer ich sein soll?"
„Fred, sieh sie dir doch einmal an, ganz kühl, ganz ohne Vorurteilt — dann wirst du finden, daß sie dein Opfer ist."
Fred war ernst geworden.
„Ich habe Herrn Scholz versprochen, sie vor Not zu schützen, das habe ich gehalten und werde es weiter tun. Für ihre weiteren Leiden habe ich kein Verständnis"
„Und wenn Herr Scholz heute seine Tochter sehen könnte, glaubst du, er wäre dir dankbar, daß du so dein Versprechen eingelöst hast?"
Fred stand auf. Er warf die Zigarette in dcn Aschenbecher und machte einige Schritte durchs Zimmer.
„Kann ich etwas für seine verkehrte Erziehung? Darf ein Mädchen Worte für Ernst nehmen, die ich im Spott hingesagt habe? Mußte sie nicht wissen, daß ich sie niemals als meine Frau anerkennen werde? Nun leidet sie natürlich wie damals unter den Klatschereien der Leute, die über sie und ihre Ehe herziehen. Ich kann den Menschen den Mund nicht verbieten. Sie muß sich darein finden."
„Treibe das Spiel nicht zu weit. Du könntest es bereuen, wenn es zu spät ist."
„In meinem Leben ist kein Platz mehr für sie."
„Sie steht schon in deinem Leben, Fred. Sie trägt deinen Namen. Du hättest es einfach mcht so weit kommen lassen dürfen. Nun mußt du die Konsequenzen tragen."
Fred wandte sich ungeduldig ab.
„Ich habe uns heute für diesen Abend bei ihr angesagt", fuhr Ernst fort. „Ich verlange ja
nichts weiter von dir, als daß sie nicht täglich, stündlich deine Mißachtung trifft."
„Erlaube! Ich lasse nicht über meinen Kopf hinweg über mich bestimmen."
„Fred, ich habe dir oft geraten — vergiß das nicht. Ich habe dir auch oft gut geraten. Höre noch einmal auf mich. Kommt mit mir!"
Fred schwieg. Er ging mit großen Schritten durchs Zimmer.
„Gut!" sagte er plötzlich in ganz verändertem Ton. „Dann werden wir also den sicher sehr unterhaltenden Abend über uns ergehen lassen."
Liane erwartete die Herren mit laut klopfendem Herzen. Auch die Hausftau in ihr zitterte und zagte. Der erste Besuch, den sie ganz allein empfangen und bewirten sollte! Sie wollte dem Abend ein festliches Gepräge geben, hatte sich zum ersten Male seit langer Zeit wieder geschmückt, hatte den Tisch selbst mit dem besten Porzellan gedeckt, in dem Weinkeller ihres Vaters Auswahl getroffen.
Nun lief sie voll Auftegung durchs Haus. Ob sie auch kommen würden? Sie ging von einem Zimmer ins andere, trat auf die Diele. Gerade in diesem Augenblick tönte die Klingel.
Liane kam ihnen die Treppe hinab entgegen.
Fred sah sie an. Seltsam, mit einem Male erinnerte er sich ganz deutlich des Abends, der so tragisch geendet. Damals war sie ihnen, wie heute, entgegengekommen. Leichten Fußes war sie die Treppe herabgesprungen, reizend hatte sie in dem hellen Winterkleid ausgesehen, das ihre zierliche Gestalt so vorteilhaft zur Geltung gebracht hatte. Mit einem freudigen Lächeln und einem frohen Aufstrahlen ihrer glücklichen Kinderaugen war sie dem Vater entgegengelaufen. Nun kam sie langsam, mit fast schleppenden Schritten, die großen, ängstlichen Augen scheu auf ihn gerichtet. Kraftlos lag ihre Hand in der seinen, und ihre zierliche Gestalt sah schmächtig in dem dunklen Kleid aus. Ein weiches Gefühl wollte sich seiner bemächtigen. Ernst hatte recht, Franz Scholz würde ihm keinen Dank wissen, wenn er die Tochter jetzt wiedersähe. Zugleich aber wollte wieder der Zorn in ihm aufkommen, der ihn so oft in ihrer Gegenwart befiel; sie hatte ihn in diese Fessel gezwungen — mußte er sie wirklich, auch vor sich selbst anerkennen?
Er blieb finster und schweigsam den ganzen Abend, und schon am nächsten Morgen am Frühstückstisch kam es zu einer längeren Aussprache zwischen ihnen.
Fred, immer gewohnt, alles Unangenehme möglichst schnell und kurz zu erledigen, ging ohne weitere Einleitung auf den Kern der Angelegenheit ein.
„Du siehst schlecht aus, Liane!" sagte er. „Du solltest dich mehr ausruhen und pflegen. Dein Leben kann unmöglich so weiter gehen. Du scheinst
mir viel zu viel zu Hause zu sitzen. Wenn du schon keinen Arzt befragen willst, dann raffe dich wenigstens auf und tue selbst etwas für deine Gesundheit. Du nützt wahrhaftig keinem Menschen damit, wenn du immer mit einer wahren Trauermiene herumläufst."
Liane war es, als ob ihr Herzschlag stockte. Kaum die nötigsten Worte hatte er mit ihr gewechselt. Wie sollte sie sein plötzliches Interesse deuten?
„Mir fehlt nichts", erwiderte sie leise.
„Dein Aussehen sagt das Gegenteil. Wenn dein Leiden nur nervöser Natur ist, mußt du am besten wissen, was dir gut tut: Ruhe oder Zerstreuung. An Ruhe dürfte es dir kaum gefehlt haben, so Der» suche dich zu zerstreuen. Soviel ich gesehen habe, hast du dein Auto den ganzen Sommer über nicht benutzt. Warum?"
„Ich Hube die Steuer schon lange nicht mehr bezahlt."
„Der Kauf hat sich allerdings gelohnt!" antwortete er und dachte, wie viele Konflikte ihnen beiden erspart geblieben wären, wenn sie den Kauf unterlassen. Nun, da ihr sehnlichster Wunsch erfüllt war, benutzte sie den Wagen nicht. War sie nicht wirklich ein launisches, verzogenes Kind?
„Jetzt ist es freilich zu spät, um noch auszufahren, aber der Winter bringt Abwechslung genug mit sich, daß du dich nicht über Langweile zu beklagen brauchst. Was hast du denn sonst immer getan? Es ist ja recht schön und gut, daß du den Eifer hast, den Haushalt allein zu führen, aber deine Gesundheit darf nicht darunter leiden. Lieber verzichte darauf." '
Lianes Kopf senkte sich tief. Ihr war, als ob jedes seiner Worte sie wie ein Schlag traf. Sie konnte den aufsteigenden Tränen kaum wehren.
„So antworte doch!" fuhr Fred, nervös werdend, fort. „Der Ring an deinem Finger sollte wahrhaftig kein Grund sein, deinem Leben eine andere Wendung zu geben. Auch kannst du ihn jederzeit ablegen.,y
Das war zuviel für die arme Liane. Aufschluchzend legte sie den Kopf auf den Tisch.
Fred entfuhr ein ungeduldiger Seufzer. Seine Finger begannen auf der Tischplatte zu trommeln. Frauentränen hatten ihn nie weich gestimmt. Im Gegenteil, er kam sich fast bemitleidenswert vor. Es war wirklich unmöglich, mit diesem Mädchen ein vernünftiges Wort zu sprechen. Er stand auf, ging im Zimmer auf und ab, während er weiterfprach:
„Sv höre doch auf zu meinen, Liane. Laß uns lieber in Ruhe überlegen, wie dem liebel abzu» helfen ist. Geh aus, suche Verkehr, lade dir meinetwegen jeden Tag das ganze Haus voll Menschen. Warum du dich auf einmal so abschließt, verstehe ich nicht. Früher hat dein Leben doch auch nur aus dem bißchen Sport, dem bißchen Geselligkeit bestanden."
(Fortsetzung folgt!)


