Ur. 105 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 7. Mai 1935
H. W.
Eulenspiegel!
Aus der Provinzialhauptstadt
errichteten ihre
Wald? Es ist laden uns ein,
ihrem Laufe zu folgen bis zu den kühlen, schattigen Tälern, die umsäumt sind mit jungbelaubten Buchen und Birken. Ein Tag im grünen Wald wird zu einem Fest.
Der Frühlingswind umfächelt uns und läßt uns freier atmen. Und alle die, die da glaubten, nie
em, zwischen hellgrünen Buchen und trotzigen Fichten zu wandeln und den Alltag mit seinen Sorgen zu vergessen. Wenn wir Ruhe für unsere Nerven brauchen, suchen wir den Wald auf. Unsere Jugend durchwandert ihn, sie lagert an lauschigen Plätzchen, sie schläft im Walde. Viele, viele unserer schönsten Lieder singen vom deutschen Wald und seiner Herrlichkeit.
Und es wäre schlimm, wenn wir den Wald nur als „Holzlieferant" betrachten wollten. Er bedeutet uns viel, viel mehr. Er ist der Jungbrunnen für unser Herz, für unsere Seele. Unsere Vorfahren lebten in seinem Schatten, er gab ihnen Schutz vor den Zugriffen der Feinde. So wurde der Wald zur Urheimat der Deutschen.
Sagen und Märchen sind mit unserem Walde aufs innigste verwachsen. Das Rotkäppchen wandert hinaus in den Wald, Schneewittchen wohnt dort „hinter den sieben Bergen" und liegt dann in einem Glassarg unter rauschenden Bäumen. Heinzelmännchen, Heren und böse Zauberer bevölkern unseren Wald. Wir denken an Hänsel und Gretel, an Siegfried und den Freischütz. Unsere Vorfahren verehrten in den heiligen Eichen ihren Gott, und die
ersten Verkünder des Christentums Kapellen mitten im Walde.
Drum hinaus in den deutschen Frühling. Die Bäche rauschen und
dois hat es sich geschaffen. Im schwarzen Rock, die lange Pfeife in der Linken, den Eichenstock in der Rechten steht er auf seinem Sockel. Oben im umfänglichen Zylinderhut ließ er einen Trinknapf für seine Vögel aussparen, „damit die guten Tiere für alle Zeiten an ihn dächten".
Professor Landois bediente sich einer Galakutsche, die wie ein Kinderwagen aus Korbweiden geflochten war und von zwei stattlichen Ziegen- böcken gezogen wurde. Er war Mitglied des „Vereins der Ehrenmitglieder zur Hebung der Ziegenzucht", der dem Vernehmen nach auch jetzt noch in irgendeinem Altbiergarten Münsters seine Ta- gungen abhält. Landois war Hans Dampf in allen Gassen. Er stand mit Straßenkehrern auf Du und Du und genehmigte mit hohen Würdenträgern aus allen Herren Länder, das Bier aus der Flasche. Er verulkte seine Gäste, die gekommen waren, zu sündhaften Preisen Bärentatzen zu essen, indem er ihnen zahmes Kalbfleisch vorsetzte. Er stand heute auf Kriegsfuß mit der Geistlichkeit, um morgen mit ihr zusammen eine neue Großaktion steigen zu lassen. Er verbündete sich mit aller Welt, um seinem Zoo und seiner Vaterstadt Münster Gutes anzutun.
Vor hundert Jahren ist Landois geboren. Er ist längst tot und zu seinen Vätern versammelt. Aber er wird im Volksmunde weiterleben, solange in Münster ein Stein auf dem anderen steht. Gerade in diesem Jahre spricht man besonders viel von ihm. Münster feiert das 600jährige Bestehen seines weit und breit berühmten Rathauses, begeht die Vierhundertjahrfeier der Vertreibung der Wiedertäufer, die man einst in eisernen Käfigen an der Lamberti- Kirche aufgehängt hat. Und aus diesem Anlaß gedenkt man auch des 100. Geburtstages des einzigartigen Originals, des Professors und Pädagogen, des Zoogründers und Weltweisen Landois. „De Jselmott" ist tot, es lebt der westfälische
Oer Wald ist grün
Der Wonnemonat hat sich heuer recht unangenehm eingeführt. Er brachte in der ersten Nacht starken Frost, so daß viele Blüten erfroren. Aber auch das junge Grün des Waldes, besonders das der Bäume am Rande, mußte leiden. Seine zarten Blättchen waren zum Teil ganz braun und unansehnlich geworden.
Aber es war ja nur eine kalte Nacht. Die Sonne brachte am Tage den Ausgleich. Ihrer Macht kann nichts widerstehen. Ihre Strahlen durchdringen die Luft und erwärmen die Erde. Der Mai wird durch sie nun doch zum Wonnemonat Und wenn man in diesen frohen Maientagen aus dem Felde kommend in den Wald eintritt, so freut man sich, wenn der Schatten den Menschen umfängt. Hier wirft das Sonnenlicht zitternde Lichtkreise auf das junge Grün, das den Boden bedeckt Ueberall drängen die neugierigen Maiblumen aus dem vorjährigen Laub hervor. Ihre spitzen Blätter zeigen nach der Sonne. Die kleinen Meisen zirpen und hüpfen, von fern lockt eine Amsel. Drosseln und Finken schmettern ihre Lieder. Und wenn man dann noch den Kuckuck hört, bleibt man unwillkürlich stehen und schaut sich um. Ja, er ist schön, unser Maienwald? So frisch und unberührt, so lebendig und leuchtend, daß ihm nichts gleich kommt. Wir sehen schon nicht mehr den Schaden, den die kalte Nacht .anrichtete, zu machtvoll und sieghaft drängt das junge Laub nach. Ein leichter Wind säuselt in den zarten Blättern und fährt wie liebkosend über sie hin.
Immer wieder treibt uns die Sehnsucht in den deutschen Wald. Erhabene Ruhe umfängt uns hier, ein weicher, mit Moos bewachsener Weg lädt uns
Heimatstadt, eine wundervolle Anlage mit reichem Bestände, ist seine ureigenste Schöpfung Nicht mit viel Geld hat er ihn begründet: eine Mark achtzig ist kein nennenswertes Kapital. Aber um des guten Zweckes willen erfand der große Menschenkenner ein ganzes System lustiger Schnorrerei, ein wahres Netz von ulkischem Bettel; erst an seinem Plan, einen musterhaften Zoo aus dem Nichts hervorzustampfen, wuchs er auf zu seiner ganzen Popularität, zu seiner ganzen klugen Narretei, zu seinem Eulen- spiegeltum, das seinesgleichen nicht hat.
DasDenkmol und dieZiegenböcke
Verband der „tolle Bömberg", Zeitgenosse par excellence, verrückte Ideen mit riesigem Aufwand an schier unerschöpflichem Vermögen, so fehlten dem armen Schlucker im Bratenrock die nötigen Silberlinge dazu; um so mehr aber schöpfte er aus dem Born eines echten, von Herzen kommenden Humors. Nicht immer ging er mit Spießern und Muckern glimpflich um: gar oft war sein Witz mit Paprika gewürzt, gar oft ging es hart am Radau und am Kladderadatsch vorbei. Aber schließlich wandte sich immer noch alles zum Besten. Das große Kind im echten Mann fand immer wieder ein Hintertürchen, um zu entwischen.
Hat man schon anderwärts davon gehört, daß sich einer s e l b st ein Denkmal setzt, ein lebensgroßes, naturgetreues Erzstandbild? Professor Lan-
Muster,die fchöneWestfaienttadt
Wenn ich an Münster denke, Westfalens Prooin- zialhauptstadt, entsteigen schöne Erinnerungen der Vergangenheit. Aus der Entfernung ist die Studentenzeit verbrämt vom Geläut unzähliger, wundervoller Kirchen; von frohen Stunden mit kernigen, trunkfesten Münsterländern; von zahllosen Schützenfesten, die jeweils alles Geschehen in den „zuständigen" Kirchengemeinden überschatteten; von gemächlichem Bummel auf dem „Prinzipienmarkt" mit seinen gotischen Bogengängen, die sich bis zum Drubbel hinziehen; von der schattigen Promenade, die die ganze Stadt umkränzt und in deren ragenden Bäumen zur Sommernacht die Nachtigall singt.
Ich behaupte, daß die Einwohnerschaft dieser herrlichen alten Stadt eine angenehme Sorte Mensch für sich darstellt; ein von Herzen frohes und aufrechtes Volk mit Sinn für Humor und für die gute Reputation. In den Straßen liegen die herrschaftlichen Stadtsitze des reichen Landadels, der hier von jeher sein Kultur- und Gesellschaftszentrum aufgeschlagen hotte. Die Universität gegenüber dem massigen grauen Dom läßt noch heute erkennen, daß die gute Bischofsstadt seit unvordenklichen Zeiten eine Hochburg des katholischen Glaubens ist, in der gleichwohl eine freie und erträgliche Luft weht. Es ist so, als sei in Münster die ganze wehrhafte und weltmännische Geistlichkeit zuhause, die in deutschen Landen jemals eine Rolle spielte.
Das Münsterland ist nicht arm an deftigen, schwungvollen Originalen; auch heute noch, obwohl man immer herbetet, es sei eine Zeit ohne Romantik angebrochen. Allerdings: die Hoch-Zeit eines derben, urwüchsigen Humors ist seit geraumer Zeit verstrichen. Es war damals, so um die Jahrhundertwende, als der Professor Landois sein Wesen trieb und mit ihm der „tolle Bomber g". Ein ulkiges Gespann diese beiden; Sprößlinge aus westfälischem Uradel der eine, Spaßvogel im feierlichen schwarzen Rock der andere.
Der „Jselmott"
Von Jselmott sei heute nur die Rede; beinahe ist es jetzt hundert Jahre her, seit er gestorben wurde. Jnselmott? Tja, man muß westfälisch Platt verstehen, um zu wissen, wer es ist. Jselmott, zu hochdeutsch „Der Esel muß!" Wenn man sein bißchen Französisch zur Hilfe nimmt, dann weiß man, daß Landois = „L’äne doit" damit gemeint war Das Stichwort sagt alles: heiter und symbolisch war das Leben dieses sonderbaren Mannes, der zugleich ein geistlicher Herr und ein namhafter Wissenschaftler, zugleich Heimatdichter und Akademieprofessor, zugleich Vädagoge von Ruf und Eulenspiegel, zugleich Komponist und Ritter hoher Orden war.
Er war zu seiner Zeit „Westfalens volkstümlicher Mann"; so kennt und nennt ihn Hermann Löns; so schildert und preist ihn Josef Winckler in seinem Buch vom tollen Bömberg, in dem jede der unglaublichen Geschichten aktenmäßig belegt und eidlich erhärtet ist. Es war Fein Streich zu kühn und gewagt, den Landois nicht ausgeheckt hätte, um seinen ehrbaren Mitbürgern den Schabernack zu spielen; sei es um des Schabernacks willen, sei es zu höheren und besseren Zielen.
Er war ein großer Tier- und Menschenfreund, der Herr Professor. Der Zoologische Garten seiner
Professor Landois, der westfälische Eulenspiegel. Zum hundertsten Geburtstage eines münsterltindischen Originals.
Ehrennische für den Führer im Lyzeum.
(Aufnahme: Neuner. Gießener Anzeiger)
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Das Lyzeum in Gießen hat in dankbarer Würdigung der großen Verdienste des Führers um das deutsche Volk nach sorgfältiger Vorarbeit an einem geeigneten Platz im Flur des ersten Stockwerks eine schöne und würdige Ehrennische geschaffen. Dort steht auf einem Podest vor einem in braunen Tönen gehaltenen Hintergrund eine Porträtbüste des Führers. Das Kunstwerk stammt von dem Berliner Bildhauer Wolf. Die Büste wird von zwei Kerzenhaltern flankiert, die der hiesige Bildhauer Bourcarde gestaltete, dem auch die Ausführung des Entwurfs für diese Ehrennische übertragen worden war. Zwei immergrüne Bäume tragen zur Verschönerung des Raumes bei. Unser Bild zeigt die Ehrennische, wie sie sich nach ihrer Fertigstellung dem Beschauer darbietet.
mehr von ihren Sorgen loszukommen, können sich Erholung und Freude im deutschen Walde holen.
Blühende Blumen, rauschende Bäume, Bienengesumm, schaukelnde Schmetterlinge und Vogelgesang: Alles bietet uns der Wald'
Drum komme, wem der Mai gefällt, und schaue froh die schöne Welt! M.
Aus parteiamilichenBekanntmachungeu
Der NSLB., Kreis Gießen, weist darauf hin, daß die nächste Kreisversammlung am Mittwoch, 5. Juni, in Gießen stattfindet.
Der NSLB., Bezirk Hungen, hält am morgigen Mittwoch, 8. Mai, um 15 Uhr, im „Solrn- ser Hof" zu Hungen eine Konferenz ab, in der die Aufstellung eines Arbeitsplanes vorgesehen ist.
NIVEA
mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack
Z 20
Uso W, lll 611....
Roman von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
15 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Liane entließ die Köchin ohne ein weiteres Wort. Sie fühlte sich mitschuldig und dachte zugleich voll banger Sorge an die neue Köchin, die die Unwissenheit ihrer Herrin bald wahrgenommen haben würde und sich noch schlimmer entwickeln konnte als ihre Vorgängerin.
Vorläufig unterließ es Liane, sich nach einem Ersatz umzusehen. Betty erwies sich wirklich als sehr patentes Mädchen. Sie zauberte einige Tage lang schmackhafte Mittagmahle auf den Tisch, und dann machte eine Geschäftsreise Freds dieser Sorge vorläufig ein Ende.
Mit Betty allein zu wirtschaften war wirklich eine Freude. Auf das Mädchen konnte sich Liane verlassen. An Betty konnte sie sich mit allen Fragen wenden. Dankbar empfand sie die Anhänglichkeit des Mädchen, fühlte, daß in dem einfachen Ding eine Seele war, der sie verstand, daß echtes Mitgefühl dem Mädchen sagte, wie furchtbar die junge Frau unter ihrer Ehe leiden müßte.
Auf die Dauer freilich konnte der immerhin recht große Haushalt mit dieser einen Kraft nicht auskommen, und als die Tante von ihrer Reife zurück war, kam Liane mit ihrer Not zu ihr.
„Kind, du wirst immer elender!" sagte Frau Widemann. „Ich rate dir dringend, gehe zu einem Arzt. Was sorgst du dich nur um ganz unnötige Dinge, wo Fred doch selbst für eine Hausdame ist? Du scheinst mir den Anforderungen einer Ehe nicht gewachsen."
„Es muß ohne Hausdame gehen, Tante?" beharrte Liane. „Ich will lernen, will meinem Haushalt selbst vorstehen. Jetzt, da Fred fort ist, habe ich die beste Gelegenheit dazu."
Frau Widemann überlegte. Niemand wußte besser als sie, woran es Liane mangelte. Sie hatte es dem Bruder immer gesagt, daß er die Tochter nicht wie eine Prinzessin erziehen solle. Es war nur ein Glück, daß Liane selbst so vernünftig war und ihre Tätigkeit nun dem Haushalt widmen wollte, zu etwas anderem reichten weder ihre Fähigkeiten noch ihre Talente.
„Ich will dir einen Vorschlag machen," sagte sie endlich. „Du läßt Betty vorläufig zn. Hause allein schalten, und du kommst während der Abwesenheit Freds zu uns. Es wird dir wohl nicht schwer werden, bei mir und meinem alten Faktotum in die Lehre zu gehen. Die Babette hat dich ja schon auf den Armen getragen."
Liane war glücklich über den Vorschlag. Mit Feuereifer ging sie ans Werk und erschien jeden
Morgen so früh bei der Tante, daß diese und der Onkel sich nicht genug über die Frühaufsteherin wundern konnten, die in der kurzen Zeit ihrer Ehe schon vieles gelernt zu haben schien.
Einmal hatte Liane morgens auf dem Weg zu der Tante eine Begegnung. Sie war an dem Herrn, der ihr entgegengekommen war, schon vorüber, als es ihr zum Bewußtsein kam: das war Ernst Schröder.
Sie konnte nicht anders: sie wandte sich nach ihm um und sah, wie auch er stehengeblieben war und zurück sah.
Nun kam er mit eiligen Schritten näher, zog grüßend den Hut und sagte entschuldigend:
„Verzeihen Sie, Frau Morland' Ich habe Sie gar nicht erkannt."
Sie leate ihre Hand in die seine. Seine guten, warmen Augen sahen sie so voller Teilnahme an, daß sie lächelnd erwiderte:
„Wir haben uns lange nicht gesehen."
„Ja!. Bei Ihrer Hochzeit damals das letzte Mal."
Ihr Lächeln verflüchtete sich schnell. Ihre Hochzeit! Wie lange lag die zurück9 Monate? Jahre? Er war ihr Trauzeuge gewesen Sie erinnerte sich noch, wie warm und teilnehmend sein Blick damals auf ihr geruht hatte, wie er ihr nach Ler standesamtlichen Trauung, ohne ein Wort zu sagen, die Hand gedrückt hatte. Ob er die Vorgeschichte ihrer Verlobung wußte?
„Warum haben Sie niemals den Weg zu uns gefunden?" sagte sie endlich.
„Hätten Sie gewünscht, daß ich gekommen wäre?"
,,^a'" bekannte fi» ehrlich. „Ich habe fast darauf gewartet, aber ... Es konnte wohl nicht fein!?"
Wie blaß sie war, wie ihr Mund von verhaltenen Tränen zitterte, wie müde die großen Augen aus dem feinen Gesichtchen sahen!? Dieses Mädchen sollte sich verkauft haben?
„Ich habe nicht gewußt, daß Sie sich meiner noch so genau erinnern würden. Unsere Bekanntschaft war nur flüchtig."
„Flüchtig? Für mich nicht! Sie standen mir einmal bei, als ich in meiner Erregung jede Dummheit begangen hätte, und Sie waren an dem wohl bedeutungsvollsten Tage meines Lebens an meiner Seite"
„Ich hätte mir gewünscht. Ihnen viel öfter dienen zu können."
„Wirklich?" entfuhr es ihr ungläubig.
„Ja! Und vielleicht kann es immer noch fein."
Ihr Blick senkte sich vor feinen warmen, gütigen Augen. Wie seltsam das war. Sein Freund stand vor ihr, sprach zu ihr, bot ihr seine Hilfe an. Sein Freund, der wohl wissen würde, wie die Ehe zustande gekommen und der sie dennoch nicht ver- acbtete9
Einem jähen Impuls folgend, streckte sie ihm die Hand hin.
„Ja, es wird immer noch sein können, wenn Sie wirklich wollen. Ich habe viel Hilfe nötig."
Er umschloß ihre Hand mit festem Druck. Wie sie ihn liebt!, dachte er. Mit jedem ihrer Worte denkt sie an ihn. Sie leidet unter feiner Kälte, seiner Nichtachtung Nein, dieses Mädchen hat sich nicht verkauft. Wie könnte sie unter dem Verhältnis leiden, wenn sie ihn nicht liebte?
„Liebe, kleine Frau Liane! Verzagen Sie nicht?" sagte er weich. „Auch wenn der Weg noch so weit ist, um das zu errinaen, was Sie dem Namen nach schon besitzen."
Er weiß alles. Er weiß auch, daß ich Fred liebe?, dachte Liane und fühlte, daß sich ihre Augen verschleierten Und nun fiel es ihr auch nicht schwer nnn ihren innersten G-dankpn zu svrechen.
„Sie sind immer um Fred? Sie kennen ihn schon lange? Warum hat das Leben Sie so warm und teilnehmend gemacht, während er so kalt, fn schroff geworden ist?"
„Das ist eine lange, lange Geschichte, Frau Liane. — Denken St- immer, daß der, um den Sie leiden, kein glücklicher Mensch ist."
Wie Schupven fiel es ihr vlößlich von den Augen. Ja, Fred war nicht glücklich. Das Schicksal mußte ihm viel in den Wen aelegt haben, darum sein Ehrgeiz, sein unstillbares Verlangen, vorwärts zu kommen: fein Verzicht auf jedes Gefühl, auf jede Liebe
„Erlauben Sie, daß ich Sie noch ein Stückchen begleite9" unterbrach er ihre Gedanken.
„Oh, wenn es Ihre Zeit erlaubt — wie gern!"
Sie gingen zusammen weiter. Wieder erschien es ihr seltsam, daß sie an der Seite dieses Mannes gina. den Fred Freund nannte. Sie hätte unzählige Fragen auf den Sinnen gehabt, hätte viel zu wissen gewünscht — trotzdem schwieg sie. Einmal wird sich alles auf Hären?, dachte sie tapfer. Ich will warten. .
„Gehen Sie immer so früh spazieren?" horte sie seine Frage.
S»-> fammelte ihre Gedanken
„Nein! Ich gehe zu einer Tante. Aber Sie
(Sie entfernen sich immer weiter von dem Geschäft.
„Ich habe noch Zeit. Ich war ohnehin noch nicht auf dem Wege nach dem Geschäft Ich wollte nur schnell einen meiner kleinen Freunde besuchen." Er lachte über ihren verwunderten Blick. „Eigentlich habe ich nun schon zu viel gesagt", fuhr er fort. „Haben Sie noch nie etwas von dem Waldheim gehört, das zum größten Teil Blinde birgt? Dort bin ich täglicher Gast, versuche den armen Menschen etwas Sonne in ihr lichtloses Leben zu bringen."
„Dort gehen Sie bin?"
„Ja, Sehen Sie, Frau Liane, ich bin vielleicht noch einsamer wie Sie. Ich habe außer Fred nie
einen Freund gehabt, bin mit ihm großgeworden, hatte keine Eltern. Das, was mir als junger Mensch vorgeschwebt hat, die Welt einmal mit meinen großen Tonwerken zu überschwemmen, ist mir nicht gelungen. Ich habe es Fred zu verdanken, daß ich mein Vermögen überhaupt noch besitze. Ich freue mich jetzt, wenn ich mit meinem Talent noch einige Freude machen kann "
„Sie sind Komponist?"
„Ich hoffte einmal, es zu werden. Aber dann kam der Krieg, und ich wurde aus der Bahn gerissen. Ich hätte noch einmal von vorn anfangen müssen, als ich zurückgekehrt war. Dazu reichte weder mein Geld noch meine Zeit. Ich war zu alt geworden, und mein Vermögen bedeutend kleiner. Wie ich schon sagte: alles, was ich noch besitze, verdanke ich Fred. Ich bin kein Kaufmann, werde nie einer werden, handle nur nach Freds Angaben und freue mich, ihm trotzdem dienlich zu fein. Meine Liebe zur Musik ist die gleiche geblieben. Ich spiele allerlei Instrumente, und Sie glauben nicht, wie das den Blinden gefällt.
Wie schämte sich Liane, daß sie einmal, damals nach ihrem Unfall, über das ungleiche Freundes- paar gelächelt hatte? Wie recht batte Fred damals gehabt, sie ihre Unart fühlen zu lassen. Ach, es war ja kein Wunder, daß sie in feinen Auaen immer das verzogene, trotzige Kind bleiben würde, als daß er sie nun einmal kennengelernt hatte.
Sie standen vor dem Hause ihrer Tante.
„Würde es gehen", sagte sie zögernd, „könnten Sie es einrichten, daß ich Sie einmal begleite?"
„Man sieht viel Trauriges auf diesem Weg."
„Ich werde nicht schwach werden. Ich habe ja auch meinen Vater gepflegt bis zum Ende."
„Wenn Sie wollen?? Mir wird es eine Freude fein, Sie an meiner Seite zu wissen."
Wie anders wurde Lianes Leben, seitdem sie Ernst Schröder getroffen. Sie sah in Tiefen, von denen sie nicht gewußt; sie sah Elend, hörte Jammer und ging tapfer an feiner Seite, wurde nicht schwach, versuchte, es ihm gleich zu tun. Hier lernte sie diesen stillen, fast scheuen Mann erst richtig kennen. Aus dem reichen Schatz seines Wissens und seiner Kunst teilte er mit, versuchte den Sinn dieser Stiefkinder des Lebens allem Kleinlichen abzuwenden, sie mit ihrem Los versöhnlich zu machen.
Es gab nun keine einsamen Abende mehr für Liane, keine endlosen Sonntage. Sie war immer tätig, immer bemüht, den Blinden eine Freude zu machen. Wie gedankenlos hatte sie bisher verschenkt, weggegeben. Jetzt wählte sie aus, nahm Nadel und Faden zur Hand, änderte, und ihre feinen Finger, die bisher zu nichts hatten taugen wollen, sie fanden plötzlich reichlich ihre Beschäftigung.
(Fortsetzung folgt!)


