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Ur. 56 Zweiter Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhchen)

Donnerstag, I.März 1935

Die Regierungstruppen rücken in Rordgriechenland vor.

Oer strenge Winter beeinträchtigt die militärischen Operationen.

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In der Mitte: Ministerpräsident und Außenminister Ts Admiral Hodjikyriakos und rechts Kriegsminister sitzung. Die Gesichter der Minister tragen

aldaris, links von ihm Marineminister General Kondylis nach einer Kabinetts- den Ausdruck großen Ernstes.

Sie griechische Wehrmacht.

Von Konteradmiral a. O. Brüninghaus

Die sehr weitgehenden, imperialistischen Pläne des großen" Kreters V e n i s e l o s , zu deren Verwirk­lichung er Griechenland in den Krieg gegen die Mittelmächte getrieben hatten, fanden ein jähes Ende, als der jetzige Diktator der Türkei, Kemal Pascha, dergraue Wolf", die griechische Armee vor den Toren Angoras vernichtend schlug. Wenn in diesen Tagen eine Revolution in Griechenland ausgebrochen ist, deren Drahtzieher offenbar der über siebzigjährige, aber auch heute noch mit Tat­kraft und Ehrgeiz geladene Veniselos ist, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß der Staatsstreich nicht der spontane Ausdruck irgendeiner politischen Unzufriedenheit ist, sondern auf einem wohl vor­bereiteten Plane beruht.

Es scheint, daß die Kriegsmarine der Hauptträger der revolutionären Bewegung ist. An sich hätte die griechische Wehrmacht alle Veran­lassung, die jetzige Regierung zu stützen; denn gerade in der letzten Zeit hat diese ernsthafte An­strengungen gemacht, die Landesverteidigung zu verstärken. Es darf aber nicht übersehen wer­den, daß ein beträchtlicher Teil der Flottenmann­schaften sicherlich aus Jnselgriechen besteht, die, schon rein gefühlsmäßig, mit ihrem engeren Landsmann Veniselos sympathisieren.

Die griechische Marine ist in den jüngst vergan­genen Jahren mit Bezug auf die leichten Streit­kräfte stark ausgebaut worden. An großen Schiffen besitzt sie nur den vielgenannten schweren KreuzerGeorgiers Averoff". Er stammt aus dem Jahre 1910, ist aber in den Jahren 1927/29 auf der französischen WerftLa Seyne". einer Grundreparatur und Modernisierung unterworfen worden. Das Schiff verdrängt 9450 Tonnen, hat eine verhältnismäßig starke Armierung (12 schwere Kanonen und einige'Flugzeugabwehrkanonen), läuft 23 Seemeilen und hat 670 Mann Besatzung. Die griechische Marine hat außerdem den kleinen Kreu­zer Helli ", der, ursprünglich für China gebaut, 1914 von den Griechen bei der New York Ship Building Company gekauft wurde. Er ist ebenfalls auf der genannten französischen Werft 1927 moder­nisiert und zum Minenlegen (100 Mine») eingerichtet worden. Seine Armierung besteht aus drei 15,2-cm- und einer 7,6-cm-Flugzeügabwehrkanone.

An Zerstörern verfügt Griechenland neben vier älteren über fünf ganz neue, die, 1931/32 in Genua gebaut, bei voller Ausrüstung etwa je 2000 Tonnen verdrängen, also auch eigentlich kleine Kreuzer sind. Sie laufen 42 Seemeilen (78 Stdkm.) und sind mit vier 12-cm- und drei 4-cm-Flugzeugabwehrkanonen bestückt. Die fünf in Frankreich gebauten großen Unterseeboote sind auch ganz moderne Fahrzeuge, die außer ihrer starken Torpedoarmierung mit einem 10,2-crn-Ge- schütz und einer Flugzeugabwehrkanone armiert sind. 17 kleine ältere Torpedoboote stammen zum größten Teil aus Deutschland und Oesterreich. Der Personal­bestand der Marine beträgt 757 Offiziere, 1802 Unteroffiziere und 6859 Mann. Im Juli vorigen Jahres veröffentlichte die Regierung ein Programm, das an Neubauten vorsieht: einen leichten Kreuzer und 16 Zerstörer von demselben Gefechts­wert, wie die bereits vorhandenen.

Wie man sieht, hätte gerade die Marine an sich wirklich allen Grund gehabt, der jetzigen Regierung dankbar zu sein. Für die Marine besteht, ebenso wie für das Heer, die allgemeine Wehrpflicht vom 21. bis zum 50. Lebensjahr. Für das Heer beträgt die aktive Dienstzeit 18 Monate. Die oberste Leitung des Heeres im Frieden hat der K r i e g s m i n i st e r , dem auch zwei Divi­sionen unmittelbar unterstellt sind. Im Kriege geht der Oberbefehl über die Operationsarmee an den Chef des General ft abs über. Der Sitz der vier Armeekorpskommandos ist Athen, Larissa, Saloniki und Cavalla. Der Siebenjahresplan des neu errichteten Luftministeriums sieht die Auf­stellung einer aktiven Luftdioision zu drei Fliegerregimentern mit insgesamt 120 Flug­zeugen und eine weitere Reserve-, (Rahmen) Divi­sion vor. Die französisch.e Militärmis­sion, die die griechische Armee betreut, läßt durch zwei ihrer Offiziere auch die Ausbildung der Mili­tärflieger überwachen. Die Friedensstärke des Heeres beträgt 5248 Offiziere und 48 048 Mann. Daneben steht noch die Gendarmerie mit rund 16 000 Mann.

Die Bewaffnung des Heeres ist nicht ein­heitlich. Neben französischen sind auch deutsche Ma­schinengewehre in Gebrauch. Die Geschütze 7,5-

und 12-cm-Kanonen, 15-cm-Haubitzen stammen von Schneider-Creuzot, Krupp und Skoda. Die Mobilmachung ist nach französischem Muster vorgesehen. Zu ihrer Durchführung bestehen 27 Mobilmachungszentren. Der A u f m a r sch im Ernst­fall, in dem mit 600 000 Mann gerechnet wird, bei einer Gesamtbevölkerung von 6,5 Millionen, ist durch das sehr gering entwickelte Bahn­netz wesentlich erschwert, ein Umstand, der sich auch bei dem jetzt ausgebrochenen Bürgerkrieg leicht unliebsam bemerkbar machen kann. Zu erwähnen ist noch, daß die Jugend in den Schulen eine vormilitärische Ausbildung erhält. Vom wehrwissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist die in Griechenland ausgebrochene Revolution ge­radezu ein Schulbeispiel dafür, daß ohne f e st e innere Bindung zwischen politischer Leitung und Wehrmacht eine gedeihliche ungestörte Entwick­lung eines Volkes ein Ding der Unmöglichkeit ist. Veniselos die Seele des pulsches

Eine Unterredund mit Tsaldaris»

Athen, 7. März (DNB.) Ministerpräsident Tsaldaris erklärte dem Vertreter des Deutschen Nachrichtenbüros u. a.: Meine Regierung hatte sich das Ziel gesetzt, die beiden innenpolitischen Gegner zu versöhnen und die bittere Vergangenheit zu überwinden, aber selbst meine treuesten Anhänger legten die Bemühungen um eine innere Befrie­dung Griechenlands als Schwäche aus. Die Regie­rung ist hervorgegangen aus den Wahlen, die Ve­niselos selb st durchgeführt hat. Unmittel­bar nach dem Wahlsiege vom 5. März 1933 hatte General P l a st i r a s einen Putsch unternommen, dessen moralischer Urheber Veniselos gewesen ist und der den eindeutig geäußerten Volkswillen zum Schweigen bringen sollte. Dieser Putsch schei­terte an dem Widerstande im Volke und bei der Armee. Wir übernahmen damals die Regierung und damit die Schwierigkeiten. Der neue Anschlag gegen die Sicherheit des Staates ist zum großen Teil von den gleichen Personen unter­no m m e n worden. Nur ganz persönliche Interessen leiten diese Männer. Sie haben nur ein Ziel, unter allen Umständen wieder an die Regierung zu gelangen und ihren eigenen Vor­teil zu finden. Unsere Regierung ist verpflichtet, das Volk, das uns gewählt hat, gegen diese Anschläge zu verteidigen. Die Ereignisse der letzten Tage haben die Regierung gezwungen, drakonische Maßnahmen zu ergreifen. Es ist alles versucht worden, um Blut­vergießen und Bürgerkrieg zu vermeiden. Meine Regierung ist entschlossen, vor keiner Maß­nahme zurückzuschrecken, um den von Veniselos bedrohten inneren Frieden zu schirmen.

Kondylis berichtet.

Athen, 7. März. (DNB.) Aus Saloniki ging am Mittwochabend in Athen folgender tele­

graphischer Bericht des Kriegsministers Kondylis ein:Trotz des sehr strengen Winter­wetters wurde der Vormarsch der Truppen zur Front ohne Unterbrechung fortgesetzt. Die Verpflegung unserer Einheiten ist nicht behin­dert. Am Nachmittag begann sich das Wetter zu bessern. Bombenflugzeuge unternahmen meh-

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Kriegsminister Kondylis wurde von dem Kabi­nett Tsaldaris zum Oberkommandierenden der Armee ernannt und mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet.

rere Flüge. Jeder Gefahr trotzend gelang es ihnen, bis nach Serres zu gelangen. Sie gingen dort bis auf 20 Meter herunter und belegten Kasernen, Truppenansammlungen und den Bahnhof sowie Kavakli - Serres mit Bomben, wodurch sie große Verwirrung hervorriefen. Meldungen aus Ostmazedonien bezeichnen die Lage der Aufständischen als hoff­nungslos, was auch an der Front von Urlisko festgestellt wurde, die immer mehr jedes kriegerische Aussehen verliert. Morgen, wenn das Wetter sich bessert, werden wir v o r r ü ck e n , um die Aufstän­dischen zu zerstreuen. Die ganze Angelegenheit ist jetzt nur noch eine einfache Frage der Zei t." lieber den von den Rebellen besetzten Gebieten, insbesondere über Cavalla, sind erneut von Regie­rungsflugzeugen aus Aufforderungen zur Waffen st reckung abgeworfen worden. Wie mitgeteilt wird, mehren sich die Zahlen der Auf­ständischen, die überlaufen und sich ergeben.

Ungarn im Ausbruch.

Neuwahlen zum Parlament. Graf Bethlen trennt sich von Gömbös und der Regierungspartei.

(Nachdruck verboten.)

Mit überraschender Schnelligkeit treiben die Dinge in Ungarn der Entscheidung zwischen den Kräften, die den Staat neu formen wollen, und den alten Gewalten zu. Am Montag demisfionierte Minister­präsident G ö m b ö s, wurde aber von dem Reichs­verweser Hort Hy sofort wieder bestätigt. Am Dienstag löste Gömbös, durch Horthy autorisiert, kurzerhand das Parlament auf. Damit kam der Gegensatz zwischen Gömbös und Graf Bethlen zum Ausbruch, der latente Gegensatz wurde ein offener, und Graf Bethlen trat mit seinen Anhängern aus der Einheitspartei aus. Andererseits verhandelte Ministerpräsident Gömbös unmittelbar nach der Auflösung mit Tibor von Eckhardt und dem Führer der Christlich-Sozialen, Karl von Wolff. Es gelang ihm, die beiden Parteiführer ür sein Reformprogramm zu gewinnen. Denn wenn auch diese beiden Parteien, also die kleinen Land­wirte und die Christlich-Sozialen, von der Regie­rungspartei getrennt marschieren, so haben sie doch die gleichen Ziele wie Gömbös. Alle drei gehören zu den fortschrittlichen Geistern Ungarns, die erkennen, daß mit den Methoden des Grafen Bethlen sowie des Liberalismus und Marxismus gebrochen werden muß, um Ungarn zu erneuern.

Als vor 15 Jahren Graf Bethlen daran ging, Ungarn nach dem Wüten der Kommunisten unter Bela Khun wieder zu stabilisieren, ging er aller­dings auf die tausendjährige Verfassung insofern zu­rück, als in dieser Verfassung seit jeher die Macht der großen Magnaten das Hervorstechende war. Die Latisundienbesitzer bildeten eigentlich die Politikerkaste in Ungarn, die sich durch die öffent­liche Stimmabgabe an der Gewalt hielt. Diese öffentliche Stimmabgabe machte natürlich die Wahl zu einem Objekt der herrschenden Klasse. In den Städten verband sich diese Schicht mit den reak­tionären Kreisen des Liberalismus, dagegen richte­ten sich seit längerer Zeit eine immer gewaltiger werdende Volksbewegung. Der Führer dieser Volks­bewegung war der Leiter der Partei der Kleinen Bauern, Tibor von Eckhardt. Er hatte sei­nem Lande als Delegierter in Gens große Dienste geleistet, legte aber sein Amt in Genf nieder und richtete schwere Angriffe gegen den Grasen Bethlen und seine Hintermänner, die er bezichtigte, aus reak­tionären und kapitalistischen Gründen der Erneue­rung Ungarns zu widerstreben. Graf Bethlen, da­mals noch im Regierungsblock, antwortete auswei­chend und berief sich auf feine Verdienste um das Land, die unzweifelhaft vorhanden find. Mittler­weile aber hat sich in Ungarn jener Geist des Durchbruchs bemerkbar gemacht, den Graf Bethlen insgeheim bekämpfte. Immerhin ließen diese Rede­duelle erkennen, daß Graf Bethlen sich immer stär­ker auf die Elemente stützte, die man als reaktionür- liberalistisch bezeichnen kann. Ministerpräsident Gömbös mischte sich zunächst nicht in den Streit, bis die Entscheidung im Parlament Graf Bethlen in die Defensive drängte und er sich zu einem Bruch mit Gömbös entschloß.

Inzwischen war dem Ministerpräsidenten eine er­freuliche Verstärkung erwachsen. Karl von Wolff, der Führer der ungarischen Katholiken, nämlich der Christlichsozialen Wirtschaftspartei, hatte pch auf die Seite vom Gömbös gestellt und befürwortete eine deutschfreundlichere Orientierung, nicht nur, weil Deutschland Ungarns bester Kunde ist, son­dern auch aus weltanschaulichen Gründen. Er be­tonte, daß gerade die liberalistische Presse Ungarns den Sowjets Tor und Tür geöffnet hätten. Im übrigen stimmte er dem Reformprogramm des Ministerpräsidenten Gömbös zu. Er will also die geheime Wahl auf dem Lande zur Brechung der Herrschaft der Magnaten, er verlangt, genau wie Tibor von Eckhardt, die Aufteilung der riesigen ^Latifundien und Förderung der Bauernwirtschafte n.

Mit diesen beiden Männern beginnt, durch das Vertrauen des Reichsverwesers Horthy gestärkt, der wegen seiner Zurückhaltung in den innerpoliti­schen Kämpfen im ganzen Lande großes Ansehen genießt, Gömbös den Kampf um die Erneuerung, und das Programm heißt: Reform der tausend­jährigen und vollkommen veralteten Verfassung, die dem ungarischen Volke den Atem abschnürt. Es ist geplant, die Macht des Reichsverwe­sers auszudehnen, das Oberhaus in neuzeit­lichem Sinne zu reformieren, ein neues autoritäres Prefserecht einzuführen, das feudale Fideikommißrecht umzugestalten, aroße Siedlungspläne durchzuführen und schließlich auf dem Gebiete der Volkserzie­hung mit dem bisherigen ungenügenden und Über­alterten System zu brechen.

Die außenpolitische Linie der neuen

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Das Bild links zeigt Tanks der regierungstreuen Truppen, die in großer Zahl aufgeboten waren, um die Regierungsviertel gegen An­griffe der Aufständischen zu schützen, mif dem rechten Bild sieht man eine Kaserne der (Ed3 0 ne n, jener Glitetruppe, bie Zu Beginn des Auf­standes zu den Veniselisten übergetreten war Nach einem Bombardement mit Geschützen ergab sich bie Besatzung. Man sieht biß vom Geschützfeuer zerstörte Fassade der Kaserne:

Entwicklung ist dadurch gekennzeichnet, daß sich im Regierungslager viele Freunde des neuen Deutschlands befinden. Karl von Wolff ist in diesen Tagen erst ostentativ für eine Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland eingetreten und bemüht sich auch, den Boden für eine Verständigung mit Jugoslawien vorzubereiten.

Aus der Gegenseite findet sich alles zusammen, was aus den verschiedensten Motiven dieser staat­lichen und völkischen Erneuerung abhold ist. Graf Bethlen will die alte Magnetenherrschaft. Die Liberalen in den Städten erblicken in dem Re­formprogramm einen Umbruch, der ihre bisherige Mitwirkung in politischen Dingen und ihre wirt­schaftliche Vormacht beschränkt. Aber der Prozeß der Erneuerung des ungarischen Lebens läßt sich durch solche Gewalten nicht verhindern. Der Reichs­oerweser hat durch Gömbös dem Reformprogramm seine Zustimmung gegeben, und das ungarische Volk wird am 28. April darüber entscheiden.

Kunst und Wissenschast.

Vom hessischen Landesthealer in Darmstadl.

Generalintendant Franz E v e r t h hat das Schau­spielDer tolle Christian, Herzog von Braunschweig" von Theodor Haerten, einem bisher noch wenig bekannten Autor, zur alleinigen Uraufführung für das Hessische Landestheater Darmstadt erworben. Die Urauffüh­rung wird voraussichtlich im Rahmen der Festwoche stattfinden, die das Hessische Landestheater zur Feier seiner 125. Spielzeit in der Woche nach Ostern veranstaltet.