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Nr. 5 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 7. Januar 1955

re

eine lokale

Die Farmer-Labor-Partei ist

Demokraten Republikaner Farmer Labor Progressive

Neues Haus 321 104

3

7

Neuer Senat 69 25

1

1

Alter Senat 60 35

1

Bisheriges Haus 309 113 5

Jahrzehnte hindurch hat die konservative, kapita­listische Partei der R e p u b l i k a n e r fast alle Bun­desposten vom Weißen Haus abwärts im Besitz gehabt, während sich die Demokratische Par­tei mit den lokaleren Stellungen in den Einzel­staaten begnügen mußte. Nur im Jahre 1912 ver­schaffte die Spaltung im republikanischen Laaer (Teddy Roosevelt gegen Taft) den Demokraten die Möglichkeit, ans Ruder zu kommen und es infolge der Weltkriegs-Psychose bis 1920 zu behalten. Dann aber wurden sie von den sieggewohnten Republika­nern vernichtend geschlagen, und noch im Jahre 1928 befand sich die Demokratische Partei in einem Zustand völliger Desorganisation und Schwäche. Der große Wirtschaftskrach im Jahre 1929/30 half nicht den Demokraten, sondern schadete Herbert Hoover und damit seiner Republikanischen Partei. Die Wahlen im November 1932, die Franklin Roosevelt in das Weiße Haus brachten, be­deuteten daher weniger eine Begeisterung für dessen Programm, als tiefen Unwillen über Hoovers un-

Das innerpMsche Mstederhällms in WA. Von unserem K.G.S.-Berichierstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Washington, Ende Dezember 1934. Präsident Roosevelt fyat das zweite Kalenderjahr seiner Präsidentschaft so gut wie vollendet. In Gestalt einerBot­schaft" an den Bundeskongreß hat er soeben über seine bisherige Tätigkeit Be­richt erstattet und seine Pläne für das Jahr 1935 dargelegt. Da diese Botschaft selbstver­ständlich keine erschöpfende Darstellung der Verhältnisse vermitteln kann, haben wir unseren Berichterstatter in Washington ge­beten, uns eine Uebersicht über alle wichti­geren amerikanischen Probleme zu geben.

Organisation des Agrarstaates Minnesota, die Progressiven sind unter der Führung von La Follette in Wisconsin begründet worden. Erstere ist eine rein ländliche Interessengemeinschaft, letztere der Versuch, aus den Links-Republikanern eine neue Partei zu bilden. Weder Sozialisten noch Kommuni st en haben auch nur einen einzigen Sitz im Bundeskongreß erlangen können!

Aehnlich fielen die gleichzeitigen Wahlen für die 48 Einzel st aaten aus: Vom 1. Januar 1935

tätiges Zusehen, während das große und einstmals so reiche Land immer mehr verarmte und ver­zweifelte.

In einer Atmosphäre beispielloser Panik und während einer Periode völligen Versagens aller Banken mußte Franklin Roosevelt die Führung der Vereinigten Staaten übernehmen. Er griff mutig zu, diktierte ein Notgesetz nach dem andern, scheute sogar vor Manipulation mit demallmächtigen Dollar" nicht zurück, und am 6. November 1934 ging das Volk abermals an die Wahlurne, um sich zu der Frage zu äußern, ob es den neuen Kurs (New Deal) gutheiße. Es hat den neuen Kurs in einem Umfang gebilligt, den selbst die Demo­kraten nicht erwartet hatten! Seit dem Bürgerkrieg war es das erstemal, daß die regierende Partei in denZwischenwahlen" (das Abgeordnetenhaus und ein Drittel des Senats werden alle zwei Jahre, der Präsident aber nur alle vier Jahre gewählt) nicht nur keine Sitze verlor, sondern in beiden Häusern des Bundeskongresses eine reichliche Zweidrittel-Mehrheit erlangte, also mehr als im Jahre 1932. Der neue Kurs hat seine Feuer­probe glänzend bestanden. Der neue Kongreß, der am 3. Januar 1935 Zusammentritt, t)at folgendes Bild:

an sind die höchsten Posten (Gouverneur) der Staaten überwiegend in demokratischen Händen: 40 Demokraten, 6 Republikaner, 1 Farmer-Labor, 1 Progressiver.

Die Zahlen sprechen für sich selbst. Die Repu­blikanische Partei, die von individualistischen Geldjägern geführt wurde, ist so gut wie zer­schlagen, wenigstens in ihrem bisherigen Aufbau. Was davon an rührigen Persönlichkeiten noch übrig geblieben ist, steht dem Neuen Kurs ziemlich nahe. Eine Erneuerung auf konservativer Grundlage er­scheint ausgeschlossen. Der ganze Bundeskongreß hat ein viel radikaleres Gesicht bekom­men als je zuvor, die Opposition gegen Roose­velt wird sich daber nicht nach der Parteischablone richten, sondern aus den beiden extremen Gruppen seiner eigenen Partei kommen: dem Bourgeois-Demokraten einerseits, den Links-Radikalen andererseits. Die große Mehrheit aber wird ihm durch Dick und Dünn folgen, und im Senat ist (da die Senatoren je­weils auf sechs Jahre gewählt werden) eine demo­kratische Mehrheit bis 19 4 0 gesichert. Un­ter diesen Umständen erscheint Roosevelts Wiederwahl im Jahre 1936 fast als selbstver­ständlich. Der gewaltige Wahlsieg im November 1934 war weniger ein Sieg der Demokratischen Partei als ein Volksentscheid für Roose- v e l t. Die Mehrheit der Wähler stimmte nämlich für diejenigen Kandidaten, die den Präsidenten un­terstützt hatten oder für dessen Programm eintraten.

Das Programm Roosevelts, das er im kom­menden Jahre weiter verfolgen und ausbauen wird, ist bekannt: gerechtere Verteilung der Lebensgüter, Schutz der wirtschaftlich Schwachen, Erholung aus der Krise und Reform zur möglichsten Vermeidung weiterer Krisen. Naturgemäß wird jetzt, wo die Panik und der gröbste Notstand vorbei sind, das Tempo etwas langsamer sein und mit reiflicher Ueberlegung sowie nach Abwägung allen Für und Widers regiert werden. Unverändert jedoch bleiben Roosevelts obige Richtlinien. Geplant sind daher vor allem soziale Maßnahmen: Versiche­rungen gegen Arbeitslosigkeit oder Krankheit, Al­ters- und Hinterbliebenen-Renten, Kinderfürsorge, Arbeitsvermittlung, Kontrolle der Anlagewerte für die kleinen Sparer, Arbeitsbeschaffung durch bun­desamtliche Unternehmungen großen Stils, Schaf- fung von Siedlungen für die großen Massen, deren Rückwanderung von den Großstädten zum.eigenen Boden man eifrig betreibt, bessere Lebensbedin­gungen für die Bauern und schließlich Unterstützung der noch nicht untergebrachten oder nicht unter­bringbaren arbeitslosen Städter.

Daneben gehen Reformbestrebungen für das öf­fentliche Wohl im allgemeinen. Roosevelt will den Alkoholschmuggel, der trotz einjähriger Frist seit Abschaffung der Prohibition immer noch flo­riert, möglichst beseitigen; er will das Verbre­chertum energisch bekämpfen, das infolge der Aufteilung der Rechtspflege in 48 Einzelstaaten sich immer wieder der Festnahme und insbesondere der Bestrafung entziehen kann

Jnnerpolitisch wird nur ein Problem dem Präsi­denten besonders Sorge bereiten: bid Forde­rung der Kriegsteilnehmer nach Aus­zahlung desbonus". Bekanntlich erhielten alle amerikanischen Kriegsteilnehmer, ob sie nun Front­kämpfer waren oder nicht, eine Entschädigung oder Vergütung (bonus) in Form einer Lebensversiche­rung, die später in eine Art Geldgeschenk umge­ändert wurde, auf deren künftige Auszahlung hin die Veteranen Anleihen aufnehmen konnten. Diese Anleihen wurden von der Bundesregierung gewährt und sind zum großen Teil von den Empfängern verjubelt worden. Deswegen verlangen die Kriegervereine, die u. a. in derAmerican Legion" zusammengeschlossen sind und in ihren Wahlbezirken sehr starken Druck auf die Parlamentarier ausüben, Streichung der Anleihen und sofortige volle Aus­zahlung desbonus". Rosevelt hält diese Forderung für ungerechtfertigt und die Ausschüttung von etwa zwei Milliarden Dollar für finanztechnisch unmöglich. Seiner Ansicht nach haben nur kranke Veteranen Anspruch auf Unter­stützung; Zahlung an arbeitsfähige Bürger, die zum I

Teil nicht arbeitswillig sind, hält er für unvernünf­tige Klaffengefetzgebung und hat daher in der vori­gen Kongreßtagung ein solches Gesetz a b g e l e h n t. Der Bundeskongreß kann ein Veto des Präsidenten nur durch nochmalige Annahme des betreffenden Gesetzes mit Zweidrittelmehrheit in beiden Häusern umstoßen, und es ist sehr zweifelhaft, ob der Bun­dessenat dies gegen den eigenen Präsidenten tun wird.

Neben den Reformplänen Roosevelts gehen ähn­liche Bestrebungen in den E i n z e l st a a t e n. So gibt es bereits in 28 Staaten Arbeitslosenversiche­rung und Altersrenten, wenn auch in sehr begrenz­tem Umfang. Die Bestrebungen von U p t o n S i n- clair, in Kalifornien ein Paradies für Arbeits­lose einzurichten und zu diesem Zweck alle größeren Vermögen wegzusteuern, sind daran gescheitert, daß

Sinclair bei der Wahl zum Gouverneurposten durch­fiel. In Louisland dagegen gewinnt Huey Long immer mehr an Macht. Er kontrolliert die dortige staatliche Regierung und das dortige Parlament vollkommen; er hat soeben ein zweijähriges Mora­torium für alle Schuldner eingeführt, und er spricht von 5000 Dollar für jeden Bürger und ähnlichen phantastischen Versprechungen. Man wird jedoch gut tun, über seine Agitation, die sich bereits auf anlie­gende Staaten des Südens ausdehnt, nicht mit einem Achselzucken hinwegzugehen. Roosevelt jedenfalls wünscht weder Sozialisierung aller Betriebe noch Unterdrückung der p ri« Daten Betätigung oder des privaten Ge­winns, wenn er auch gegen Übermäßigen Zinsfuß und gewissenlose Ausbeutung sehr scharf vorgehen wird.

Der Führer im Atelier der Ufa.

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Der Führer besichtigte in Begleitung des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels (rechts) di« Ateliers der Ufa in Berlin-Neubabelsberg, wo ihm der Produktionsleiter Günther Stapenhorst (links) die technischen Einzelheiten des Werdegangs eines Films erklärte.

Der Bezwinger des Aermelkanals.

Am 7. Januar 1785 vor 150 Zähren überflog Blanchard zum erstenmal mit einem Lustballon den Aermelkanal.

In einer Nummer der Zeitschrift für Luftschiff­fahrt vom Jahre 1889 erschien ein sehr interessanter Aufsatz, der einen Ballonaufstieg des berühmten französischen Luftschiffers Blanchard schildert. Es heißt in diesem spannenden Bericht:Auf dem großen Exerzierplatz vor dem Brandenburger Tor (es war am 27. September 1788) erhob sich ein Riesensaal, in dem der Ballon war; ringsum waren Plätze für 4000 Zuschauer abgegrenzt. Für den Hof war eine besondere Loge vorhanden. Diese Schaubühne war von ungeheuer großen Jagdnetzen umspannt, welche von einem großen Aufgebot Soldaten Tag und Nacht bewacht wurden. Die Polizei hatte besonders strenge Vorsichtsmaßregeln getroffen. Obwohl der Aufstieg Blanchards erst für drei Uhr angefetzt war, erschien schon um 27» Uhr der König auf dem Platz, bald darauf die Königin, die Prinzen und der gesamte Hofstaat. Zur fest­

gesetzten Stunde machte Blanchard mit Hilfe einet Maschine an der einen Seite des Saales eine Oeff- nung von 36 Fuß und der Ballon schwebte ins Freie, bejubelt von der vieltausendköpfigen Men­schenmenge. Gleich darauf fuhr das Luftschiff wohl­gemut in die Luft empor. Als sich Blanchard etwa 3000 Fuß erhoben hatte, ließ er einen Fall­schirm herunter, woran ein Korb mit zwei klei­nen Hunden befestigt war. Dieser senkte sich lang­sam und kam, ohne daß die Hunde eine Beschädi­gung erlitten hatten, in der Gegend des Gesund­brunnens zur Erde. Blanchard stieg hieraus bis zu einer Höhe von 5764 Fuß empor und kam in der Gegend des Dorfes Buchholz wieder zur Erde. Un­zählige Personen waren ihm dorthin nachgeeilt. Eine mit sechs Pferden bespannte königliche Chais- war auch bald zur Stelle und brachte den Luft­schiffer in einem wahren Triumphzug nach dem

Der weinende Schornsteinfeger.

Eine romantische Geschichte.

Bon Paul Ernst.

Man sieht Schornsteinfeger nicht oft meinen, aber gewiß können sich die Leser trotzdem sehr gut vor­stellen, wie ein weinender Schornsteinfeger aussieht; die Tränen waschen in dem schwarzen Gesicht eine weiße Straße, bis zum Mundwinkel; hier ver­breitert sich die Straße und erzeugt ein unbestimm­tes Grau; wenn der Schornsteinfeger sie sich nicht abwischt, so sammelt sich an dieser Stelle wieder genug Naß, durch welches sich meistens eine weiße Rinne vom Mundwinkel bis zum Kinn bildet.

Arturo ist Schornsteinfeger und ist erst fünfund­zwanzig Jahre alt. Der Theaterdirektor hat ihm eine Eintrittskarte gegeben, damit er einmal den Schornstein er wird nicht sehr viel gebraucht in seinem Hause reinigt. Er hat zum ersten Male eine Aufführung gesehen und ist von der Schönheit und dem guten Charakter Jsabellens begeistert.

Er besitzt ein kostbares goldenes Armband mit einem großen spanischen Rauchtopas, das er in feinem Koffer aufhebt unter dem Bett in dem Keller, wo er mit den anderen Gesellen schlaft. Arturo ist ein ehrlicher Mann; er kommt in man­ches Haus, aber vor ihm können Millionen auf den Tische im Zimmer herumliegen, wenn er allein im Zimmer ist und den Kamin fegt. Er ist arm, aber ehrlich, und das ist sein Stolz. Das Armband hat ihm eine vornehme Dame geschenkt; vornehme Damen haben zuweilen sonderbare Einfälle; sie hatte sich in Arturo verliebt, als er aus dem Kamin hervorkam, an welchem sie saß, indem sie in einem Buche las. Arturo ist ein anständiger Mensch und versteht zu schweigen, obwohl er manches erzählen könnte, was die Leute in Erstaunen versetzen wurde, denn man erlebt merkwürdige Dinge in der Welt; aber er erzählt nichts, er ist verschwiegen wie das Grab, und das Armband also hat ihm eine vor­nehme Dame geschenkt.

Dieses Armband holt er aus dem Koffer vor, in welchem fein Sonntagsanzug, das zweite Hemd, ein ßiebesbrieffteUer und ein Taschentuch mit abwasch­baren Pergamentblättern liegen; er borgt sich von der Meisterin das Stück Kreide, von dem sie ab­zuschaben pflegte, wenn sie sich die Zähne bürstet, geht zum Kaufmann und holt sich ein Gläschen Branntwein uno putzt das Armband bis es funkelt. Dann wi^elt er es sauber in einige Blätter, die er aus bemßiebesbrieffteUer herausreißt und geht zu Isabellen.

Er geht in feiner Schornsteinfegertracht, denn er will ihr das Armband bringen, als fei er ein Bote, der von einem vornehmen und reichen Herrn ge­schickt ist. Ich erstrebe nichts für mich, sagt er sich; meine Belohnung wird fein, wenn ich ein Lächeln auf den Lippen meiner Göttin sehen darf.

So klopft er an, und als sie ruft, tritt er ein. Sie tut einen leisen Aufschrei, dann aber faßt sie sich schnell. Er tritt auf sie zu und reicht ihr das Päckchen, indem er sagt, daß ihre Sippen zwei Kirschen gleichen, welche zu pflücken ein allzu kühner Wunsch wäre. Er hat noch einige andere Sätze in Vorbereitung, aber als er von den Lippen zu dem vornehmen Herrn überleiten will, versagt ihm das Gedächtnis, denn die Fortsetzung ist eigentlich nicht ganz organisch mit der Einleitung verbunden ge­wesen, weil diese aus dem Liebesbriefsteller genom­men war. Deshalb reicht er ihr stumm bas Päckchen.

Isabelle weiß nicht recht, was sie tun soll unb zögert etwas, deshalb sagt ber Schornsteinfeger, baß er ein ehrlicher Mann ist, unb vor ihm können Millionen auf bem Tisch liegen, wenn er in einem Zimmer ben Kamin fegt, unb weil er ihr bas Päckchen bei biefen Worten noch immer noch reicht, so nimmt sie es schließlich.

Als sie es aufwickelt, sieht sie bas wunberschöne Armbanb unb sagt in ber ersten Verwunberung unb Freube:Ah!" Arturo murmelt jetzt seine Sätze von bem vornehmen unb reichen Herrn, Isabelle aber hört gar nicht auf ihn, fonbern streift sich bas Arm­banb über ihr zierliches Hänbchen an ihren reizenben runben Arm, hält es sich vor bas Gesicht, halb näher, halb weiter, haucht auf ben Topas unb be- rounbert, wie er anläuft, zieht ein Taschentuch vor unb putzt an ihm, streift bas Armbanb ab unb nimmt es an ben anberen Arm, schiebt ben Aermel höher unb niebriger, um bie Wirkung zu beobachten, läuft ans Fenster, hält es in ben Sonnenschein, um bas Blitzen bes Steines zu sehen, unb bricht zu­letzt in ein glückseliges Lachen aus. Nachbem sie eine Weile gelacht hat, hüpft sie auf einem Bein burch bie ganze Stube, inbem sie babei immer mit bem Arm, an welchem bas Armbanb ist, vor ihrem Ge­sicht herumfuchtelt.

Der Schornsteinfeger tritt von einem Fuß auf ben anberen unb lächelt glücklich, stolz unb beschei­ben. Zuletzt kommen ihm Tränen, unb bies war nun bie Gelegenheit, wo er meinte. Die Tränen aber sammeln sich bei ihm zuletzt nicht so wie bei anbern im Munbwinkel, fonbern an ber Nasenspitze, unb weil er so gerührt ist über Jsabelles Freube unb feine eigene Großmut, so wischt er sie mit ber Hanb ab, und man kann sich vorstellen, wie sein Gesicht nun aussieht.

Endlich bleibt Isabelle auf einem Bein stehen, sieht Arturo prüfend an, sieht dann auf das Arm­band, sieht wieder Arturo an, macht sich die Worte klar, die sie vorhin mechanisch ausgenommen, aber nicht verstanden hatte, und zuletzt blitzt ein Lächeln des Verständnisses über ihr hübsches Gesicht. Es wäre doch auch merkwürdig, wenn ein Mädchen nicht merkte, daß ein Mann sie liebt, ber vor ihr steht.

Wir wissen ja nicht, wie es sich mit ber Dame verhalten haben kann, bie ihm bamals bas Arm­banb geschenkt hatte; bamals hatte er wahrscheinlich nicht gemeint; jebenfalls sieht er jetzt nicht so aus, daß ihn ein Mädchen, sollte man meinen, hätte küssen mögen. Aber ist es das Armband oder ist es seine Liebe, was Isabellen bewegt: sie eilt auf ben Fußspitzen zu ihm, legt vorsichtig bie Arme um seinen Hals unb küßt ihn mit spitzem Münbchen.

Das bin ich nicht wert, bas bin ich nicht wert", ruft schluchzenb ber Schornsteinfeger unb stürzt aus bem Zimmer.

Er eilt burch bie Straßen, ber Leute nicht achtend, welche er anftreift, durch das Tor, auf die Land­straße hinaus, welche sich endlos dehnt. ,Lch hätte das Armband für hundert Skudi verkaufen können, aber der Kuß ist mehr!" ruft er aus.Was ist einem Gold, wenn man liebt!"

Oismarck im Gachsenwaid

Als durch ben Sachsenwalb eine Bahnstrecke ge­legt wurde, war dies dem Fürsten Bismarck schmerzlich. Auf seinem täglichen Mvrgenspazier- gange besichtigte er den Fortschritt ber Bah narb ei­ten und stellte mit Betrübnis fest, daß sein geliebter Wald auf immer größerem Gelände abgeholzt wurde. Jeder Axthieb, der seinen Eichen galt, fügte ihm einen Schmerz zu, doch Bismarck erkannte die Notwendigkeit an, der Technik dieses Stück Natur zu opfern. Aber als er einmal gerade hinzu kam, als eine seiner mächtigen Eichen gefällt wurde, deren ehrwürdiges Alter und gewaltige Höhe und Breite ihn immer besonders erfreut hatten, konnte er feinen geheimen Grimm nicht mehr bezwingen. Er gab den Arbeitern den Auftrag, den verant­wortlichen Ingenieur der Bahnbaubehörde, der den Auftrag zur Fällung dieses Baumes ge­geben hatte, zu ihm aufs Schloß zu schicken, damit er ihm seine Meinung über ein solch frevelhaftes Tun mitteilen könne. Wütend erwartete er, mit großen Schritten auf- und abgehend, den Ingenieur unb trat ihm in heftigster Bewegung entgegen. Aber als er ihm von Angesicht zu Angesicht gegen» überstand, da vermochte er fein einziges zorniges

Wort hervorzubringen. Seine finster zusammen- gezogenen Brauen glätteten sich, unb verlegen bot er bem baumlangen Ingenieur eine Zigarre an. Dieser nahm sie freunblich an unb fragte* ruhig unb gelassen, was benn Fürst Bismarck von ihm wünsche. Statt einer Antwort fragte Bismarck ihn über seine Herkunft unb feinen Namen und ließ sich von ihm vieles über feine Berufstätigkeit er­zählen. Der gut neun Schuh hohe, breitschultrige Mecklenburger war über biefe Teilnahme bes Für­sten an seinem Tagwerk sehr erfreut unb über eine Stunbe lang unterhielten sich bie beiben Männer in aller Ruhe miteinanber, ohne ein einziges Wort über bie Eiche, bie ben eigentlichen Anlaß zu bieser Begegnung gegeben hatte. Als man später beim Familientisch auf biefen Vorgang zu sprechen kam unb man Bismarck fragte, warum er bem Ingenieur nicht seine Meinung gesagt habe, schüt­telte er ben Kopf unb sagte bebächtig:Ich konnte einfach nicht ben Ton nach ,oben finben. Der Mensch war ja einen Kopf größer als ich!"

Zeitschriften.

Das Innere R e i ch." Zeischrift für Dich­tung, Kunst unb beutfches Leben. Herausgeber Paul A l v e r b e s unb K. B. v. Mechow. Verlag Al­bert Langen / Georg Müller, München. Die Zeitschrift legt das erste Heft des neuen Jahres vor. Es enthält u. a. einen ergreifenden Gedicht­zyklusDie Briefe der Gefallenen" von Eberhard W. Möller. Versucht in diesen Gedichten einer ber Jungen bas große Geschehen jener Jahre bichte- risch zu bewältigen, stellt Rubolf Kreutzers Bericht Aus ber Sommeschlacht" ein Zeugnis ber Gene­ration bar, bie vom Grauen unb Tob in ben Gra­nattrichtern ber Front geprägt, heute auf ben Hohen ihres fchaffenben Lebens steht. Dichterische Beiträge in Prosa liefern bie Deutsch-Oesterreicher Julius Zerzer unb Richarb Billinger: bieser ein HörspielNebel überm See", jener eine besinn­liche Erzählung vom jagbfrohen unb bemütig-from- men Kaiser MaximilianMaria in ber Zuidersee". Johann Pfeiffer spricht über bie Erneuerung der deutschen Dichtung im Zeitalter Herders. Fritz von Engdlbrechten versteht in seinem AufsatzWille unb Weg", mit bem eine neue RubrikStimme ber Jugenb" beginnt, Jugenb alsbas Aufgebot geistig-sittlicher Wehrhaftigkeit" unb zeichnet bi« Aufgabe ber Jugenb als geistig-sittliche Auslese. Gebichte von R. Kreutzer unb Georg v. b. Bring unb eine Folge von Wiebergaben schöner Lanb» schaftsbarstellungen unb Porträts Albrecht Birkle« runben das erfreulich reichhaltige Heft ab.