Nr. 155 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
§amstag,b.Zuli (935
Aus Der provinzialhauptstaDt.
Das ZohanniSkäferchen.
Ein Meisterstück und Wunderwerk der Natur ist das lebendige Licht, und wenn auch die Forschung manchte Punkte im Leuchten der Pflanzen und Tiere aufgehellt hat, so ruht doch noch vieles im Dunkel. Für uns Menschen wird ja das lebendige Licht; das Licht der leuchtenden Pflanzen und Tiere, wohl niemals von praktischer Bedeutung werden, weil es nicht so hell ist, wie es für unsere Arbeiten notwendig wäre. Aber über alle Zonen und Länder sind die leuchtenden Pflanzen und Tiere verbreitet, bald sind es winzige, mikroskopisch kleine Wesen, bald größere, mit eigenen Leuchtorganen ausgerüstete Tiere, bald sind sie beweglich, bald wieder an Ort und Stelle wachsend. Ähr Licht aber ist im wesentlichen dasselbe, es ist kalt und an Farbe meistens grünlich. Am leichtesten zu beachten sind nun die Johanniskäferchen.
Wenn in der Mitte des Sommers nach einem heißen Tage am Abend die Luft etwas kühler, so recht würzig und erquickend ist, wenn die Rosen blühen und die Linden ihren süßen Duft verbreiten, wenn wir in der Dämmerung dem Abendliede der Amsel oder später den herrlichen Melodien der Nachtigall lauschen, da flimmern und weben um Busch und Strauch die Johanniskäferchen und leuchten wie lebendige Sternlein im Grase und in der lauen Luft. Wer einmal dies Schauspiel der nächtlichen, stillen Tänze der Lampyris in den Parkanlagen beobachtet hat, wird das feenhafte Blitzen und Leuchten, das Aufleuchten im Grafe und im Fluge der lebendigen Fünkchen immer gerne wieder einmal sehen.
Johanniskäferchen heißen diese Tierchen wohl deshalb, weil sie um Johanni fliegen, schwärmen und leuchten. Obwohl sich das Tierchen wie ein Wurm anfühlt und deshalb oft auch Glüh- oder Feuerwürmchen genannt wird, gehört es doch zu den Käfern, und zwar zu den Weichkäfern. Bei genauer Betrachtung finden wir den Kopf versteckt unter dem verhältnismäßig großen Halsschild. Er trägt zwei Fühler, die fadenförmig zusammengedrückt sind und aus elf Gliedern bestehen; die großen Augen nehmen den größten Teil des Kopfes ein. An der Brust entspringen drei Paar Beine, wie auch sonst bei den Insekten; der Hinterleib weist sieben Ringe auf. Einige der Käfer- chen sind geflügelt, andere ungeflügelt, wie bei den Ameisen. Flügel besitzen nur die Männchen, während die im Grase sich bewegenden Weibchen flügellos sind. Es gibt mehrere Arten von Leucht- käferchen, von denen Lampyris splendidula in Deutschland am häufigsten ist. Wie die Käfer und überhaupt die meisten Insekten eine Metamorphose durchmachen, eine Verwandlung, so entsteht auch hier aus dem Ei die wurm- oder raupenförmige Larve, die in ihrer Gestalt einer Kellerassel gleicht, aber viel träger in ihren Bewegungen ist, bann die in eine feste Hülle eingepackte Puppe und zum Schlüsse der fertige Käfer. Die Hauptnahrung der Larven besteht in kleinen Nacktschnecken, die sie in den stillen Nächten im Grase an den Ufern der Bäche reichlich finden.
Die Johanniskäferchen sind wohl recht unscheinbar, aber in einer Hinsicht überstrahlen sie alle ihre Genossen, mögen sie noch so geziert oder stark sein, wie der Hirschkäfer, der Goldschmied oder der Prachtkäfer. Es ist das zauberhafte Licht, der grüngoldene Schein, womit sie unsere Augen auf sich ziehen und laute Bewunderung erregen. Man fragt, was das wohl für ein Feuer fei, das diese Tierchen an sich tragen. Darüber ist schon viel geforscht worden, man ist aber noch immer „so klug als wie zuvor". Fängt man die Johanniskäferchen und betrachtet sie nachts, so findet man, daß nur einzelne Stellen auf der Unterseite des Hinterleibes glänzen, und diese lebendigen Lämpchen, diese Leuchtorgane des Tieres sind auch bei Tage als gelblich-weiße Flecken zu erkennen. Da diese Stellen etwas versteckt an den Seiten der Ringe liegen, so können sie nur bann ihr volles Licht entfalten, wenn ber Körper gestreckt wirb. Beim Fliegen
Richtseisr—schöner alter Brauch.
Ein herrlicher Anblick bot sich gestern mittag bem Spaziergänger am Trieb. Solbaten unb Arbeiter marschierten unter ben schneiDigen Klängen einer Militärkapelle im großen Zug zu gemeinsamen Feiern. Alte zünftige Bräuche unb alte Jnnungs- irachten würben roieber neu im nationalsozialistischen Staat. Grunbbegriffe bes Nationalsozialismus Volksgemeinschaft unb Kamerabschaft sinb Wirklichkeit geworben. Arbeiter ber Stirn unb ber Faust arbeiten nach bem Willen bes Führers, vollenben ein Werk unb treffen sich bann zur freubigen Dan- kesfeier. Felbgraue Uniformen, bas braune Ehren- kleib ber NSDAP., Hamburger Zimmermannstracht unb Maurerkittel geben schon äußerlich bem Festsaal das bunte Bild der Gemeinschaft. Kopf- und Handarbeiter rühmen in ihren Ansprachen die durch den Nationalsozialismus neu geschaffene Volksverbundenheit. Man hat wieder Arbeit und Lebensideale gefunden. Märsche und Lieder erklingen, jeder singt begeistert mit. Man prostet sich freundig zu, ber Bauherr seinen Unternehmern, ber Solbat bem Arbeiter. Frohe Gespräche unb launige Darbietungen verkürzen bie Zeit
Schließlich verläßt man die Feierstunde in dankbarem Gedenken an unseren Führer Adolf Hitler, der es in kurzer Zeit fertig brachte, was man vordem noch für unmöglich hielt: Kameradschaft und Volksgemeinschaft, gemeinsames Werk und gemeinsames Feiern.
Der Zimmermeister trägt die Richtsprüche vor.
Mit dem Richtbaum unterwegs zum Festlokal. — (Aufnahmen |2]: Photo-Pfaff, Gießen.)
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biegen die Tierchen ihren Leib bald ein, bald strecken sie ihn gerade, auch die kriechenden Weibchen halten ihn nicht ruhig, drehen und wenden die Unterseite nach oben. Die Folge davon ist, daß das Licht nicht ruhig brennt, „sondern bald aufleuchtet und dann wieder verschwindet". Dadurch kommt es, daß furchtsame, abergläubische Menschen durch Johanniskäferchen gar manchmal schon in heillose Angst versetzt worben sinb unb vor ihnen bie Flucht ergriffen haben als vor „leuchtenden Jrrgeistern". Unzweifelhaft sind aber auch schon viele Menschen durch die Beobachtung der Johan
niskäferchen zur Bewunderung von Gottes schöner Natur und zum Lob und Dank gegen Gott, den Urquell alles Lichtes unb aller Freude, angeregt worden. Wie schön und lieblich ist die bekannte Geschichte des Jugendschriftstellers Ehr. v. Schmid mit dem Titel „Das Johanniskäferchen".
Die Träger des Lichtes sind kleine Säckchen, die mit der Nadel abgenommen werden können und doch noch fortleuchten. Unter bem Mikroskop erkennen wir eine teigartige Masse, bie in einer feinen Haut eingeschlossen ist, an ber bas Licht haftet. Der Inhalt ber Säckchen ist weich, fettartig unb läßt
sich leicht ausbrücfen, wobei er einen schwachen Geruch nach Zwiebeln ober Knoblauch verbreitet. Man hat schon alle möglichen Versuche angestellt, um ben Tierchen bas Geheimnis ihres Lebens zu entlocken, aber ohne besonderen Erfolg. Es ist aber festgestellt, daß bas Leuchten bes Johanniskäferchen nicht von Phosphor herrührt, benn vor allem fehlt der Rauch, ber phosphorische Geruch, der sich schon bei sehr geringen Mengen von Phosphor für bie Nase bemerkbar macht. Auch verbrennt und leuchtet der Phosphor nur an ber Luft, weshalb man ihn unter Wasser aufbewahrt. Die Leuchtkäferchen aber leuchten ähnlich bem faulen Holz unter Wasser gerabe so gut wie an der Luft, ohne im eigentlichen Sinne dabei zu brennen ober Wärme zu erzeugen. Ihr Licht ist kalt wie bas Monblicht, es ist aber boch roieber nicht wie bas Mondlicht, von der Sonne geliefert, denn die Tierchen glänzen auch, roenn sie viele Tage im Dunkeln gehalten wurden. — Rätselhaft ist es ferner, zu welchem Zwecke die Tierchen bas Licht ausstrahlen. Viele Forscher halten bas starke Licht ber ungeflügelten Weibchen für geeignet, bie geflügelten Männchen anzulocken, andere halten dafür, daß das Leuchten ein Schutz- und Trutzmittel der schwachen Tierchen sei, besonders gegen Fledermäuse, Ziegenmelker und sonst allerlei Raubgesindel. Man möchte aber eher glauben, daß das Johanniskäferchen mit seinem Glanze die Feinde mehr anlockt als abschreckt. Sehr schön drückt das Pfeffel aus in der Fabel:
Ein Johanniswürmchen saß. Seines Demantscheins Unbewußt, im weichen Gras Eines Bardenhains.
Leise schlich aus faulem Moos Sich ein Ungetüm, - Eine Kröte her und schoß All ihr Gift nach ihm.
„Ach, was hab' ich dir getan?" Rief der Wurm ihr zu.
„Ei", fuhr ihn das Untier an:
„Warum glänzest du?" Gr.
Provinzialausschutz Oberheffen
Der Provinzialausschuß für die Provinz Oberhessen unter dem Vorsitz von Kreisdirektor Klostermann befaßte sich in seiner letzten öffentlichen Sitzung am Freitag zunächst mit der Klage des Heinrich W i ß m a n n in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamtes Gießen wegen Versagung des Hausiererlaubnisscheines mit Speiseeis. Da seine Frau einen solchen schon besitzt, wurde die Bedürftigkeitsfrage verneint und die Klage kostenpflichtig abgewiesen.
Ebenfalls abgewiesen wurde die Klage des Peter Ebender in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamtes Gießen wegen Versagung des Wandergewerbescheines für das Kalenderjahr 1935 wegen nationaler Unzuverlässigkeit des Klägers
Der Klage des 60jährigen Händlers Nikolaus Ries in Gießen in gleicher Angelegenheit wurde stattgegeben unter besonderer Berücksichtigung der Unbescholtenheit und des hohen Alters des Klägers. Der BezirksfürforgeverbanD Kreisgemeindeoerband Holzminden hatte Entscheidung wegen Erstattung von Fürsorgekosten für Wilhelm Schünemann aus Kirchbrak durch den Bezirksfürsorgeverband Kreis Alsfeld mit der Begründung beantragt, daß die Fürsorgebedürftigkeit schon während des Aufenthaltes Schünemanns in Alsfeld begonnen habe. Der Bezirksfürsorgeverband Kreis Alsfeld wurde zur Erstattung der entstandenen Kosten verurteilt, die Klage im weiteren aber abgewiesen.
In den zwei weiteren Fällen des Sally Wertheim in Angenrod und des Berthold S p e i e r in Alsfeld wegen Versagung der Legitimationskarte zum Handel mit Vieh wurden die Klagen abgewiesen und der jeweilige Bescheid des Kreisamtes Alsfeld bestätigt. Jttl gleichen Sinne wurde mit der Klage des Leopold Levi aus Rülfenrod, jetzt T j RASIERCREME
( | ä macht das Rasieren zum Genuß.
VvUAV Große, langreichende Tube 5r Pf.
Kleines Erlebnis
Von Wilhelm Scharrelmann
Vor kurzem ging ich an dem Laden eines Alt- händlers vorüber und sah zwischen Tassen und Krügen aus Großmutters Zeiten, porzellanenen Pfeifen und Puppenköpfen, getragenen Taschenuhren und Fernstechern ein Kaleidoskop im Fenster liegen, ein heute beinahe vergessenes Spielzeug, das in meiner Kindheit einmal der Inbegriff aller Wunder für mich war, als daß ich es hätte vergessen können, und alle Einzelheiten stehen noch heute so klar vor meinem Auge, als wären statt der Jahrzehnte erst Tage darüber hin.
Immer lag es wohlverwahrt auf dem höchsten Bord im Leinenschrank unserer Mutter. Es war sein angestammter Platz sozusagen, und ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich je darüber gewundert hätte, es gerade an dieser Stelle aufbewahrt zu sehen. In Hinsicht auf unsere begierigen und vorwitzigen Bubenhände lag es dort ausgezeichnet. Wurde es aber wirklich einmal von feinem Platz herabgenommen .und uns für eine kurze Zeit überlassen, wachte unsere Mutter mit Argusaugen darüber, daß es hinterher sofort wieder an feinen Platz zurückgelegt wurde, wo es denn von neuem schweigend und geheimnisvoll über den Stößen und Hemden und Bettbezügen wie über Wolken thronte — und das von Rechts wegen, denn es galt uns Kindern als der kostbarste Besitz, den wir aufzuweisen hatten.
Hinter seinem kleinen Guckloch warteten die Wunder und Zeichen einer geheimnisvollen Welt, aufgebaut aus farbigen Glasstücken, Perlen und Stäbchen, von denen einige sogar hohl waren und eine gelbe, goldklare Flüssigkeit in sich bargen, die beim Drehen des Rohrs langsam wie ein rinnender Tropfen Blut darin herabfloß und so etwas wie Bewegung in den strahlenden Stern brachte, der am Ende der Schwarzen Pappröhre zu erblicken war und bei der leisesten Drehung sich sofort und unermüdlich verwandelte. Niemals, daß eine feiner Formen der voraufgegangenen glich, und eine war von ebenso großer Schönheit und Harmonie wie die andere. Es gab einfach keine Möglichkeit, das Ebenmaß dieser kristallenen Bilder zu zerstören, man mochte die Röhre schütteln und drehen, so oft und soviel man nur wollte. Kaum, daß die Glasstückchen hinter ihrer Mattglasscheibe durcheinanderstürzten, war schon der Wirrwarr, den man unter ihnen angerichtet hatte, zu einem neuen Stern gefügt und stand ebenso schimmernd wie der vorige und mit neugebauten Strahlen vor dem entzückten Kinderauge.
Ich habe oft ganze Stunden vor dieser Wunderröhre zugebracht, roenn ich einmal das Glück genoß, sie ganz für mich allein zu haben. Natürlich wußte ich längst, daß die beiden Spiegel drinnen das ganze Wunder schafften, es hat mich aber nie gestört und ich bin nie schonsamer und oerehrungsvoller mit einem Spielzeug umgegangen. Selbst das Dromedar aus Papiermachee, das mit dem Kopfe nicken konnte und einen Mohrenknaben mit weißem Turban als Führer hatte und mir alle Zauber des Morgenlandes in die Stube trug, konnte ich darüber vergessen.
Aber eines Tages geschah das Unglaubliche. Vielleicht hatte ich es beim Drehen allzu achtlos in den Händen gehalten, als es mir entglitt und klirrend auf den Fußboden fiel. Zitternd vor Schreck hob ich es auf, doch Furcht und Sorge wurden zum Entsetzen, als durch die Mattglasscheibe die gläsernen Stäbchen und Perlen, die es enthalten hatte, auf die Dielen rollten. Kopflos und hastig begann ich sie aufzusammeln, aber hin war hin, zerbrochen war zerbrochen, und von der Mattglasscheibe standen nur ein paar Reste mit spitzen Zacken noch in der Messingfassuna — ein bitterer Hohn, daß die Spiegel drinnen selbst die ausgezackten Reste noch zu einem neuen Stern fügten. Wie mit feinem Stift gezeichnet stand er Da, doch starr und wie gefroren.
War's Glück oder Unglück, daß ich allem im Zimmer war? Ich nahm's als Glück, — erstieg den nächsten Stuhl und legte das zerbrochene Spielzeug bedrückt und still an seinen Platz zurück, verschloß den Schrank, in dem zum Glück der Schlüssel steckte, und ging mit matten Knien zum Spielen auf die Straße.
Ich wußte, es konnte Tage Dauern, vielleicht Wochen, bis man entdeckte, was ich angerichtet hatte und täglich neu verschwieg. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben, und einmal kam die Wahrheit doch ans Licht... — Lügen hatten kurze Beine? und nichts war so fein gesponnen, es kam endlich an die Sonnen ...
Es war in einer Abendstunde. Das Abendbrot war eben abgetragen und die Hängelampe brannte schon überm Tisch, als einer meiner Brüder das Kaleidoskop erbat..
Die Posaunen des jüngsten Gerichts können einem Schwerverbrecher nicht furchtbarer in die Ohren dröhnen, als mir an diesem Abend das eine Wort: Kaleidoskop!
„Ist dir etwas?" fragte meine Mutter, als sie vom Stuhl aufstand, > um das Spielzeug aus dem Schrank zu nehmen, und sah verwundert und be- forqt zu mir herüber
O ja, mir war schon etwas, und ich log nicht, als ich sagte, daß mir erbärmlich schlecht und schwindlig sei.
Das Unerwartete geschah. Noch einmal ging die Nemesis an mir vorüber, — denn schon im nächsten Augenblick war das Kaleidoskop vergessen und alle überboten sich an Sorge um mein Wohlbefinden ..
Beschämter bin ich nie zu Bett gegangen, als an diesem Abend. Auf meiner schuldbewußten Seele lag eine wahre Zentnerlast, — denn wenn das Unglück diesmal auch vorbeigegangen war —, einmal mußte es sich erfüllen, und fest nahm ich mir vor, das zweitemal nicht mehr zu kneifen.
Von neuem gingen Tage, gingen Wochen hin, — eine wahre Ewigkeit, erfüllt von Furcht und Scham.
Es war nicht Furcht vor Strafe — ich scheute nur die Trauer in den Augen meiner Mutter, wenn das zerbrochene Glas ihr in die Hände fiel, — wußten wir doch alle, wie sie an diesem Stück aus ihren eigenen Kindertagen hing.
Da, eines Tages — es war ein stiller Sonntagnachmittag — erbat mein Bruder sich von neuem das Kaleidoskop.
Ich glaube, ich bin so bleich geworden wie der Tod, als mein Vater ruhig nickte, von seiner Zeitung aufstand, zum Leinenschrank ging, das Verlangte von seinem Platz herabnahm und meinem Bruder in die Hände legte.
Strahlend vor Freude hob es der vors Auge.
Wie? — kein Schrei des Schreckens, kein Verwundern? Nicht mal ein Wort? Waren denn alle blind und keiner merkte den Schaden, den ich angerichtet hatte?
Und nun, als ich hinüberspähte, die Daumen krampfhaft in die Hand gekniffen und Zahn auf Zahn gepreßt, sah ich das Kaleidoskop so heil und unversehrt, als hätte ich es nie berührt... War es denn möglich? Nicht eine Perle fiel heraus, und die zerbrochene Mattglasscheibe saß wieder heil und unversehrt in ihrer Fassung.
Ich hätte jubeln können — aber Bestürzung, Glück und Scham zugleich erstickten jedes Wort in mir. Unfähig nur ein Glied zu rühren, stand ich und starrte auf das Glas.
Gesprochen wurde nichts. Ich hörte nur Den Pendelschlag der Uhr, als ginge sie plötzlich dreimal so hart als sonst und fühlte nur den Blick meines Vaters auf mir ruhen, ernst und doch voll sttller Güte. Zu gestehen brauchte ich nichts mehr. Mein tränenüberströmtes Gesicht sagte ihm mehr als Worte. Selbst meine Mutter hatte nicht geahnt, mas ich verschwiegen hatte und verstand darum
nicht, was mich nur so plötzlich in Tränen bringen konnte. Mein Vater hatte viel zu gut gewußt, wieviel sie von Dem Glücke hielt, und als er's eines Tages zerbrochen fand, es still und unbemerkt zur Reparatur getragen. Nur er begriff deswegen auch, warum ich wie ein armer Sünder weinte. Und um das Maß der Güte vollzumachen und meine Tränen harmlos umzudeuten, sagte er gelassen: „Was heulst du denn? Du kannst es doch nachher noch kriegen?"
Einer gegen Zweihundert.
Wer jahrzehntelang auf einsamem Posten in den Kolonien lebt, der kennt sich in den Sitten und Gewohnheiten der Eingeborenen zur Genüge aus, um nicht auf eine falsche Alarmnachricht hin den Kopf zu verlieren. Es muß also schon ein triftiger Grund vorliegen, wenn sich ein Weißer dort in einen Kampf mit zweihundert bewaffneten Kriegern einläßt, wie es der Distriktsbeamte von Narok im Kenia-Gebiet Major C. E. V. Buxton kürzlich getan hat. Er hatte schon geraume Zeit Kunde davon, daß die kriegerischen Massai-Stärnrne für eines ihrer uralten Feste, Die „Blut-Zeremonie", rüsteten unD er hatte mit wachsamen Augen Die Entwicklung verfolgt. Dennoch rourDe er von Der Nachricht überrascht. Daß zweihundert bewaffnete Krieger im Banne Der blutgierigen Zeremonien sich unweit seines Hauses sammelten, um es im Sturm zu nehmen. Vorsorglich schickte er seine Frau, sein KinD unD eine bei ihm roohnenDe 23er« wanDte mit Den ihm ergebenen Dienern in einen Schlupfwinkel in Der Nähe Der Farm unD oer- barritaDierte sich alsDann in seinem Haus. Noch hoffte er, Daß Die Krieger sich in letzter Stunde eines Besseren besinnen würden, aber als er sie mit Kriegsrufen gegen das Haus anrennen sah, blieb ihm nichts anderes übrig, als sie mit Schüssen zu empfangen. Dann entspann sich zwischen dem eingeschlossenen Hauptmann und den zweihundert Kriegern ein richtiges Gefecht, in dem er sich solange behaupten konnte, bis eine zur Hilfe Derbeigerufene kleine Polizeitruppe von zwölf Mann eintraf. Unter seiner Führung gelang es den wenigen Leuten die Massai-Krieger von dem Besitztum des Hauptmanns zu verjagen. Offenbar haben sie ihre feindseligen Absichten gegen den Hauptmann noch nicht eingestellt und sammeln sich irgendwo im Busch zu einem neuen Angriff. Es ist aber inzwischen Vorsorge getroffen worden, daß Der Haupte mann nicht noch einmal gezwungen ist, Den ungleichen Kampf auf eigene Faust, einer gegen zwei- hundert, zu führen^ Durch Den er seine Familie vor einem araufiqen Schicksal bewahrt hat.


