Von der soldatischen Zucht.
23on K. L P. Oerhen, Ode, st a O.
Der frühere Pressereferent im Reichswehr- ministerium hat in der Hanseatischen Der- lagsanstalt, Hamburg, unter dem Tttel „Grundzüge der Wehrpolltik (Seinen 7,— RM.) ein grundlegendes Werk veröffentlicht, aus dem wir nachstehenden Auszug abdrucken.
Es gibt geborene Führer, die von dem ersten Tage an, wo sie vor der Front stehen, das Vertrauen ihrer Untergebenen wie von selbst gewinnen. Die meisten anderen müssen lernen, Untergebene zu behandeln. Unerfahrenheit richtet bei allem guten Willen Unheil an. Das haben wir im Kriege erlebt, wo die Heeresverwaltung gezwungen war, die Kommandogewalt blutjungen Männern zu überantworten, denen die dazu notige Urteilsfähigkeit noch abging.
Das Zusammenwirken aller, der Vorgesetzten, Gleichgestellten und Untergebenen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen, wirb erleichtert, eigent- iich erst möglich gemacht durch die Kamerao- chaft. Das Gefühl, miteinander verbunden, dem- elben Schicksal verhaftet Zu sein, laßt den Borge. etzten den richtigen Ton treffen den Untergebenen reshalb gern gehorchen. Wer dieselbe Uniform tragt, muß sich dadurch verpflichtet fühlen, der Farbe des Regiments und der Nummer der Kompanie Ehre zu machen. Sonst fehlt dem Verbände das wichtigste Bindemittel, die beste Unterlage für die Manneszucht. Das Gesetz verpflichtet daher den Soldaten, jedem anderen Soldaten unbedingt beizustehen, in welcher Lage er sich selbst und der Bedrohte auch befinde. Die K a m e r a d s ch a f t d e s L> f f l z l erkor p s muß verpflichtender fein als jede andere Bindung, welcher Art sie auch immer sei. Daraus beruhte insonderheit die Stärke des preußischen Offizierkorps. Wem der König die schwarz-silberne Schärpe umknüpfte, den machte er damit zum Mitglieds einer Genossenschaft, in der die Eigenschaft als Offizier stärker band als alle anderen Beziehungen. Sie ließ dagegen zurücktreten alle Unterschiede des Ranges, der sozialen Herkunft oder der Laufbahn. Der Feldmarschall und der Leutnant, der Sohn des Prinzen und des Subalternbeamten, der Generalstabsoffizier und der Trouppier — ste waren zunächst einmal Offiziere, die den gleichen Rock, dasselbe Portepee und dieselbe Schärpe trugen wie der König selbst. Gewiß bestanden die anderen Gegensätze weiter, mehr oder weniger scharf. Sie trennten aber auch dort, wo sie zu starker Spannung führten, nicht endgültig. Kein Offizier konnte einer Vereinigung angehören, die einen anderen ausgeschlossen hätte, den das Offizierkorps in feinen Reihen duldete. Die gleichmachenden Ideen, die lange Zeit vorherrschten und deren. Anhänger die Welt dadurch glücklich zu machen glaubten, daß man alle Menschen über einen Leisten schlug, legten dem Offizierkorps diese kameradschaftliche Solidarität als Ueberheblichkeit aus, die bekämpft werden müsse. Man wies auf andere Länder hin, wo die sozialen Unterschiede usw. auch im Offizierskorps unübersteigbare Trennungswände errichteten. Dadurch verliert der Begriff des Offizierkorps feine Bedeutung, sobald der Dienst endet. In Deutschland, wo man die Schmerzen, die sich aus der gesellschaftlichen Unterschiedlichkeit ergeben, mit Leidenschaft bis zur Neige auskostet, kann man den damit verbundenen Gefahren nur dadurch entgehen, daß man an der unbedingten kameradschaftlichen Solidarität des Offizierkorps festhält. Sie von außen anzutasten oder zu zerstören, setzt seine Leistungsfähigkeit herab; vielleicht nicht in anderen Ländern, sicher in Deutschland. Der einzelne kann selbstverständlich auch bei dieser Ordnung in Gewissensstreit geraten. Das ist, welche Auffassungen auch immer herrschen, nie zu vermeiden. Das für das Offizierkorps und das gemeine Wohl wesentliche ist aber, baß kein Zweifel darüber bestehen kann, nach welcher traditionellen Hebung man sich in dem Gewissensstreit zu entscheiden hat, wenn man sich nicht außerhalb der Gemeinschaft stellen und die damit verbundenen Folgen in Kauf nehmen will.
Was hier geschrieben wurde, gilt für den Frieden, für die Erziehungsarbeit. Es gilt aber auch für den Krieg in verstärktem Maße. Der Krieg entschleiert; reißt die Decke der Konvention
herunter, unter der der Soldat im Frieden feinen wahren Wert zu verhüllen in der Lage ist. Fehler in der Beurteilung werden rasch aufgedeckt und müssen schnell, ohne Ansehen der Person, gutgemach werden. Der Krieg erschüttert die Manneszucht jedes Heeres. Der Zwang, Gewalt aegen den Gegner anzuwenden, die Erschütterung des Eigentums- begriffes, die mit den kriegerischen Notwendigkeiten ebenso unabwendbar verbunden ist wie mit einer Revolution, bedarf, soll daraus nicht eine Gefahr für die Manneszucht entstehen, eines Gegengewichtes, das nur in einem Anziehen der Zugel bestehen kann. Dieser Zwang hart zu sein, stellt an das Herz des Vorgesetzten hohe Anforderungen. Er fall das Gesetz unerbittlich walten lassen gegen die Männer, die soeben willig Leib und Leben für das Vaterland in die Schanze schlugen. Das bedeutet einen schweren Entschluß, dem man gern aus dem Wege geht. ... , .
Solcher Weichherzigkeit hat man wahrend des
Großen Krieges in Deutschland nicht genügend entgegengearbeitet. Man fühlte sich der Hingabe der Wehrmacht zu Dank verpflichtet und glaubte ihn dadurch abstatten zu können, daß man die im Militär-Strafgesetzbuch angedrohten Strafen herabsetzte, die vom Arm der Gerechtigkeit Erfaßten amnestierte usw. Man mag hier und da dadurch Unrecht verhütet oder wieder gut gemacht haben. Die Weichheit gegen die, die sich gegen die Ordnungen der Manneszucht vergangen hatten, schädigte gerade die Besten und Tapfersten, setzte den Wert ihrer Leistung herab, erschütterte — was die schlimmsten Folgen hatte — die Ueberzeugung, daß Disziplm- brüche, wie Feigheit, Unzuverlässigkeit, Ungehorsam, Marodieren, Plündern und Fahnenflucht schwere, unsühnbare Vergehen gegen das gemeine Wohl seien. Die unausbleibliche Folge war, daß sich die liebel vermehrten. „Wir gebieten das Unrecht, wenn wir der Uebeltat den Freipaß geben anstatt der Strafe". (Shakespeare, Maß für Maß.)
Bei drei Pionieren europäischer Kolonialgelinng. Eine beschanliche Reise zu den glücklichen Inseln.
Don unserem H. 6r..Sonderberichterstatters
Das Ziel?
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Las Palmas, Mitte Juni 1935.
Die Fahrt von Marokko nach den Kanarischen Inseln enthüllt schon einen Teil des Reizes der Seefahrt in südlichen Meeren. Wie ein breites silbernes Band liegt abends der Mond über den Wellen. Am Bug des Schiffes spielen Tümmler, zum Teil Burschen weit über mannsgroß, und ab und zu sausen fliegende Fische über die Wogen. In der langen Dünung des Atlantik wiegt das Schiff auf und nieder, und über allem wölbt sich ein Sternenhimmel von märchenhafter Pracht. Hier ist aber auch der Räuber der Meere schon beheimatet, der Hai, und die Einwohner der Kanarischen Inseln haben mehr als ein Menschenleben zu beklagen, das diesem Raubtier zum Opfer gefallen ist. Darum darf man auf den Inseln auch nur an besonderen Stellen baden, die einen natürlichen oder künstlichen Schutz gegen das offene Meer haben.
„Glückliche Inseln"! So nannten sie schon die Römer, denen sie genau bekannt waren. Es gibt kaum etwas Schöneres, als das Auftauchen von Gran Canaria, — neben Teneriffa die Hauptinsel, — in den frühen Morgenstunden. Riesenhoch recken sich die bizarren vulkanischen Gebirge in die Wolken hinein. Es gibt kein Gebirgsbild/ das mit ihm vergleichbar wäre. Kantig und zerrissen in Schluchten fallen die völlig kahlen Berge steil ins Meer ab. Ihre Oberfläche: Sand, Gestein und Lava, leuchtet in der Sonne in den verschiedensten Farben.
Don Las Palmas aus geht es auf guten Straßen bft hinauf in die Berge. Unmittelbar an schroff abfallenden Hängen windet sich die Straße hinauf, ab und zu einen Blick freigebend auf die unendliche Weite des azurblauen Ozeans. Breite Lavaströme, in denen Riesenkakteen verschwenderisch blühen, zeigen den Ursprung des Landes an. Ganz selten Orte oder Wohnungen. Denn die Glücklichen Inseln sind heute nicht mehr glücklich ohne jegliche Einschränkung. Menschliche Unvernunft hat sie eines großen Teils natürlichen Reichtums beraubt. Alexander von Humboldt wußte noch von ausgedehnten Waldungen zu berichten. Sie sind verschwunden; das Land ist kahl und nackt und infolgedessen trocken. Aus den Wäldern wurde Holzkohle. Nur da, wo eine künstliche Bewässerung die natürliche ersetzt, wie etwa bei Orotawa, zeigt es sich, weich' einen Reichtum die Inseln hervorzubringen vermögen. Die Bewohner haben aus der Not eine Tugend zu machen gewußt: mit den raffinier
* Vergl. Nr. 149 des Gießener Anzeigers vom 29. Juni 1935.
testen Mitteln wird jeder Tropfen Regenwaffer auf- gefangen und in Staubecken und Zisternen abgeleitet. Und da, wo dieses Wasser zur Verfügung steht, wo die wenigen Quellen vorhanden sind, gedeiht das, dem die Kanarischen Inseln Ruf und Einkommen zu danken haben. Bananen und Tomaten sind an erster Stelle zu nennen. Aber auch Wein, Zwiebeln und Frühkartoffeln erschließen der anspruchslosen Bevölkerung eine ergiebige Einnahmequelle. Die Häfen, vor allem Las Palmas und Santa Cruz, liegen ständig vpller Schiffe aus aller Herren Länder, die die Ernte des Landes in alle Welt tragen. Daß d i e deutsche Flagge besonders stark vertreten ist, ist ein Beweis dafür, daß Deutschland zu seinem Teil an der Behebung der Weltwirtschaftskrise mitarbeiten könnte, wenn man sich endlich von der kriegsmäßigen Handelspolitik abwenden wollte.
Hoch oben in den Bergen Gran Canarias liegt das Dorf Atalaya. Die Einwohner hausen heute noch, wie einst die Guanchen, in Felshöhlen in denkbar primitiven Wohnungen. Ebenso wie ihre Vorfahren stellen sie — als Handwerkszeug dient nur ein Stein — Töpferwaren her. Damit sind wir bei dem interessantesten Kapitel der Kanarischen Inseln. Was sind sie? Woher stammen diese eigenartigen vulkanischen Gebirge mitten im Atlantischen Ozean? Ist hier ein Rest des sagenhaften Atlantis? Ist es ein lleberbleibfel der Landbrücke, die einst Amerika und Afrika verbunden haben soll, ehe die große Flut, von der die Sagen aller alten Völker sprechen, über die Menschheit kam? Bis heute weiß man es nicht, nicht zum geringsten Teil deswegen, weil die Spanier nach Eroberung der Inseln Ende des 15.Jahrhunderts d i e erste Urbevölkerung mit Feuer und Schwert a u s - rotteten. Das eine aber steht fest: die Bevölkerung war groß, blauäugig und langschädelig, und die vielen Funde auf den Inseln beweisen, daß man es mit einem auf hoher Kulturstufe stehenden Volke zu tun hatte. Die wenigen Guanchen, die die Konquistadorenzeit Überstanden, haben sich mit dem spanischen Eroberervolk gemischt, und noch heute trifft man hie und da einen blauäugigen und blonden Spanier als Nachfahren jener Guanchen, über deren Herkunft man sonst nichts Genaues weiß. Nach der einen Theorie sollen es Vandalen gewesen sein, die — von Nordafrika kommend — die Inseln besetzten. Andere wiederum vertraten die Ansicht, daß man die Guanchen der Cro-Maqnon-Rasse zuzählen muß, jener vor-arischen Rasse, die in der Quartärzeit gelebt haben soll. Daneben wird heute besonders stark die Atlantistheorie verfochten, während manche in den Guanchen aber auch Nachkommen von Wikingern sehen wollten.
Unbekümmert um alles aber reckt der Pic de leibe auf Teneriffa sein Haupt mit seinen beinahe 4000 Meter in die Wolken. Er weiß um die Vergangenheit und es scheint, als wollte der Berg
riese alle Versuche des kleinen Menschengeschlechts verspotten, in seine Geheimnisse einzudringen. Er ist es auch, der in seiner majestätischen Größe die letzten Grüße winkt von den glücklichen Inseln, als das Schiff schon wieder, viel zu früh, Kurs in die Heimat nimmt.
Zührergedanke und Selbstverwaltung.
Von Staatssekretär Dr. Lammers, Lhes der Reichskanzlei.
Wir entnehmen diese Ausführungen einem Aufsatz aus dem Iuliheft der „Europäischen Revue".
Die Selbstverwaltung ist die Form der Vermattung, die im besonderen Maße geeignet ist, den innigen Konnex zwischen der Verwaltung und dem Volksleben - herzustellen. Durch diese Form der Verwaltung wird einmal die Verwaltung selbst durch die Kraftströme des praktischen Lebens immer von neuem befruchtet und ihre Abkapselung verhindert. Auf der anderen Seite ist sie ein hervorragendes Mittel, um im Volke den Gemeinsinn zu wecken, lebendig zu erhalten und zu vertiefen.
Es war der verhängnisvolle Irrtum des Liberalismus, daß Selbstverwaltung nur in her Form des Parlamentarismus möglich sei, sie also nur dann zur Entfaltung zu kommen vermöge, wenn die Masse der Regierten die Entscheidungen der Regierung s e I b ft zu treffen habe. Daraus ergab sich die Teilung der Verantwortung bis zu ihrer völligen Befestigung überhaupt mit all den zerfetzenden Folgeerscheinungen, die der Parlamentarismus der Nachkriegszeit uns so eindrucksvoll vor Augen geführt hat, so daß aus dem Volk ein Interessenten- Haufen und aus dem gemeinsamen Kampf aller Volksgenossen für Volk und Vaterland e i n Kampf aller gegen alle wurde. Der Irrtum, daß Selbstverwaltung und Parlamentarismus ein und dasselbe sei, war schließlich so weit gediehen, daß viele, als mit dem Nationalsozialismus der Führergedanke in Regierung und Verwaltung zum Durchbruch kam, das Ende der Selbstverwaltung überhaupt gekommen sahen.
Auch der Nationalsozialismus ist tief durchdrungen von der Richtigkeit und der Bedeutung der Selbstverwaltung. Er erstrebt nicht, wie in mißverständlicher Auffassung des Begriffs der Totalität der nationalsozialistischen Bewegung manchmal angenommen wird, eine Totalität des Staates, die einer Selbstverwaltung keinen Raum läßt. Der Führer und Reichskanzler hat als der Schöpfer des neuen Staates bei verschiedenen Gelegenheiten d i e Notwendigkeit der Erhaltung der Selb st Verwaltung betont; denn in ihr wirke sich die initiative Kraft des Volkes in der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten aus; allein die Selbstverwaltung dürfe unter keinen Umständen so wie früher dem zersplitterten Willen des Volkes und den streitenden Parteien ausgeliefert werden. Hieraus ergibt sich als eine der besonders wichtigen Aufgaben des Nationalsozialismus d i e Synthese zwischen F ü h r e r g e d a n k e und Selbstverwaltung, die Verwirklichung des germanischen Prinzips des Eigenlebens einer Gefolgschaft unter einem aus ihr hervorgewachsenen Führer.
Die Deutsche Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935, ein Grundgesetz des nationalsozialistischen Staates, hat diese Synthese auf der Ebene der Gemeindeverwaltung in besonders glücklicher Weise zustandegebracht.
Sie hat den Gemeinden die eigenverantwortliche Wahrnehmung freiwillig übernommener oder gesetzlich übertragener Aufgaben belassen und die Universalität des gemeindlichen Wirkungskreises, der grundsätzlich nur durch die Gesetze und die Staatsaufsicht beschränkt ist, erhalten. Die Willensbildung innerhalb dieser Selbstverwaltung mutzte eine Regelung finden, die eines der wesentlichsten Merkmale des nationalsozialistischen Staates, den Führergedanken, verwirklicht.
Die Entscheidungen in der Verwaltung der Ge-
anderen Wegen versucht Harald B r a 11, der norddeutsche Dichter, dem großen deutschen Drama neue Richtung zu geben. Seine Stücke sind Kritik der Zeit und der Gesellschaft. Scharfe dramatifche Spannung verbinden sich bei ihm mit einer klugen, geistigen Sprache und einer glänzenden Menschen- darstelluna. Sein Hauptwerk „Die Insel" wird hier zur Auführung kommen. Er folgt in seinem Stil den Gesellschaftsstücken von Oscar Wilde, von dem in der kommenden Spielzeit „Eine Frau ohne Bedeutung" in der Neubearbeitung von Karl L e r b s mit Leopoldine Konstantin als Gast vorgesehen ist. Etwas älter und reifer als Bratt ist Hans Kyser, dessen Stücke sich aber durch ein besonders jugendliches Temperament auszeichnen und von hinreißender sprachlicher Kraft sind. Sein neuestes Werk, „Der große Kapitän" beyandelt in mächtigen Bildern die Geschichte des Christoph Columbus. Neben ihm steht der Flame Egmont C o l e r u s , dessen Lustspiel „Zweikampf" ein echtes Theaterstück mit brillantem Dialog einen Stoff aus der französischen Geschichte behandelt und in dessen Mittelpunkt die Figur des Kardinals Richelieu steht. Ein Schicksal unserer Zeit behandelt Curt Goetz in seinem Schauspiel „Towärisch" nach Deval, das der berühmte Berliner Schauspieler und Dichter in Gießen selbst zur Aufführung bringen wird. Auch zwei junge Begabungen, die im Volksstück den Versuch machen, zu einer neuen deutschen Komödie vorzustoßen, werden zu Wort kommen, und zwar der Hesse H. A. Weber mit der Bauernkomödie „Holzappel", die die Leitung des Stadttheaters zur alleinigen Uraufführung erworben hat, und der Niedersachse Friedrich Lindemann mit seinem Seemannsund Schmvgglerlustspiel „In Luv und Lee die Liebe".
Der Spielplan des Sladtthealers für die Spielzeit 1935/36.
Aus dem Dramaturgischen Büro des Gießener Stadttheaters geht uns die folgende Vorschau auf den neuen Spielplan zu:
Vor zwei Tagen erst hat die Abonnementswer- bung für die Spielzeit 1935/36 begonnen, und schon heute haben sich weit über 100 Abonnenten eingetragen. Das außerordentliche Interesse für die bedeutsamen Ereignisse der neuen Spielzeit bezieht sich gleichermaßen auf die neue Leitung, die vielen neu- verpflichteten Kräfte, die günftige Neugestaltung der Abonnementspreise und auf den Spielplan. Jeder spürt, es weht ein neuer Wind. Jeder erkennt, die neue Spielzeit wird ein bedeutsamer Fortschritt zur Aufwärtsentwicklung des Gießener Theaters bringen. Keiner will sich ausschließen. Auch die bisherigen Abonnenten, die in treuer Verbundenheit in den vergangenen schwierigen Jahren zu ihrem Theater hielten, sehen mit freudiger Erwartung dem kommenden Winter entgegen, lieber die neuoerpflichteten Mitglieder wurde bereits berichtet. Wir werden in den nächsten Tagen Bilder und Mitteilungen über den bisherigen Weg der fünfzehn neuen Künstler bringen.
Heute soll von dem Spielplan die Rede sein. Es ist dem neuen Intendanten gelungen, durch feine guten Beziehungen zur jungen Generation Der Dramatiker einige besonders wertvolle Werke für Gießen zu gewinnen. Von jungen deutschen Äutoren werden in der kommenden Spielzeit die folgenden Werke zur Aufführung gelangen: Theo- DOf Haerten, „Die Hochzeit von Dobeski". Haerten, der vom Niederrhein stammt, wurde im vorigen Jahre in Darmstadt mit der Uraufführung „Der tolle Christian" zum ersten Mal der deutschen Oeffentlichkeit vorgestellt. Man erkannte, daß hier eine große dichterische Begabung im Werden ist, die mit unerhörtem Temperament und sprachlicher Kraft große menschliche Stoffe anpackt. Dies sind auch die Vorzüge seines neuen Werkes „Die Hochzeit von Dobeski", das auf ein eigenes Kriegserlebnis in Rumänien zurückgeht, aber fern von Krieg und Zeitgeschichte ein zeitloses Problem behandelt. Auch Joses Wenter, ein junger süddeutscher Dichter, tritt immer mehr in den Vordergrund. Er bemüht sich um eine Neugestaltung großer historischer Stoffe und hat in feinem „Kanzler von Tirol" ein Stück Geschichte aus der Umwelt des
Neben diese jungen schöpferischen Begabungen treten zwei ältere Dichter, die für bas neue Deutschland wegweisend waren: Paul Ernst und Dietrich Eckart. Paul Ernst wird mit seiner Renaissancekomödie „Pantalon und seine Söhne" zu Wort kommen, die sprachliche Schönheit und klassische Form mit einer luftigen Derwechselungskomödie verbindet. Dietrich Eckart hat eine Neudichtung von Absens „Peer Gynt geschaffen, die uns das verwandte nordische Wesen dieser großen Dichtung besonders nahe zu bringen vermag, sie wird mit der berühmten Musik von Grieg aufgeführt werden. Don Gerhart Hauptmann ist ein selten gespieltes Werk feiner Spätzeit in Aussicht genom- , , , _________ men, und zwar „Der Bogen des Odysseus" oder sein
30jährigen Krieges angepackt und mit dramatischer letztes romantisches Schauspiel „Die goldene Harfe" Wucht und spannender Kraft gestaltet. Auf ganz!Auch Wildenbruch, der in den letzten Jahren
fast vergessen wurde, soll wieder im Spielplan erscheinen, und zwar mit einem verblüffend zeitnahen Werk „Die Tochter des Erasmus", einem glänzenden Theaterstück aus der Zeit der deutschen Reformation.
Im Mittelpunkt des Spielplans werden einige große Klassiker-Aufführungen stehen. Allen voran Shakespeaere, dessen Lebensnähe und dichterische Kraft richtungweisend für den ganzen Spiel- plan wurde. Zwei seiner Werke, die in Gießen bisher noch nicht aufgeführt wurden, sind vorgesehen, und zwar „Die Komödie der Irrungen" in der Neubearbeitung von Hans Rothe und das großartige Alterswerk „Der Sturm". Daneben tritt Schiller mit einer Neuaufführung der „M a r i a Stuart" und Goethes „Jphi- ge n i e", die beide im Stil der Aufführung neue Wege einschlagen und ihre ewige Jugend beweisen werden. Hier wird besonderer Wert auf die sprachliche Gestaltung gelegt, eine Aufgabe, die in noch höherem Maße bei Kleist zu erfüllen ist. Sein „Prinz von Homburg" wird die Spielzeit eröffnen, und die Aufführung dieser heroischen Dichtung soll gleich zu Anfang den neuen Stil und die künstlerischen Absichten des Stadttheaters beweisen. Es ist der Intendanz gelungen, zur alleinigen Ur- aufführuna das bedeutendste Werk des großen spanischen Klassikers Lope de Vega, „Der Stern von Sevilla" in der Uebersetzuna von Hans Schlegel, zu erwerben. Das Stück wird zur 300. Wiederkehr des Todestages Lope de Degas seine festliche Aufführung und Auferstehung erleben. Auch zwei klassische Komödien sind vorgesehen, des deutschen Romantikers Grabbe „Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung" und das reizende spanische Lustspiel „Donna Diana" von Moreto. Auch an eine Aufführung des Eichendorfs- Lustspiels „Die Freier" ist gedacht. —
Eine Reihe von niveauvollen heiteren Werken und Dolksstücken beschließt den Spielplan des Schauspiels. Wir finden hier Shaw, „Pygmalion"; Schurek, „Straßenmusik"; Lenz, „Der Mann mit den grauen Schläfen"; Nicodemi, „Tageszeiten der Liebe"; Böttcher, „Krach im Hinterhaus"; Fraser, „Die elf Teufel"; Selin ick, „Hilde und 4 PS", und Roberts, „Hau-ruck!".
Ganz besonderes Interesse findet bei dem Gießener Publikum die neueingeführte Oper mit eigenen Kräften. Das Repertoire wurde so zusammengestellt, daß nun jedes Werk in verantwortungsvoller Probenarbeit zu einer Aufführung gelangen kann, die hohes Niveau und wirklichen Enfemblegeist hat. Die Oper wird mtt einem Werk
Mozarts eröffnet, wahrscheinlich mit „Die Gärtnerin aus Liebe". Es folgt bann als besonderes festliches Ereignis Beethovens „Fibelio" und zu Weihnachten eine volkstümliche Oper von Lo r t» z i n g, „Der Waffenschmied" ober „Der Wildschütz". In der zweiten Hälfte der Spielzeit wird das bedeutendste musikalische Ereignis die Erstaufführung der Oper „Der Günstling" sein von Dem jungen deutschen hochbegabten Komponisten Wag- ner-R6geny. Es folgen dann noch Verdi, „Der Maskenball", und A u b e r, „Fra Diavolo".
Bei der Operette soll im kommenden Winter besonderer Wert auf eine geschmackvolle und beschwingte Form der Darstellung gelegt werden. Neben den klassischen Werken „D e r V o g e l h ä n d- l e r" von Zeller, In einer Neubearbeitung „D i e Fledermaus" von Strauß, „Der Bettel» ft u b e n t" von Millöcker und „Die große Unbekannte" von SuppL stehen zunächst zwei mo> moberne Operetten „D i e Vielgeliebte" von Dostal und „W enn öle kleinen Veilchen blühen" von Stolz. Zu Beginn der Spielzeit ist außerdem eine Neuaufführung „Der Zarewitsch" von LehLr geplant.
Neben der großen Zahl der Aufführungen in Schauspiel, Oper und Operette treten wieder vier Symphonie-Konzerte mit bedeutenden Solisten und einem ausgewählten Programm von klassischen und modernen Werken.
Dies sind die vielversprechenden Pläne, die das Stadttheater in der neuen Spielzeit verwirklichen will. Wir rufen alle Theaterfreunde in Gießen und Umgebung auf, an den großen Ereignissen des kommenden Winters teilzunehmen und die Bemühung der neuen Leitung um den Ausbau des Stadttheaters Gießen zu einem kulturellen Mittelpunkt Oberhessens tatkräftig zu unterstützen. Die günstigen Abonnementsbedingungen erlauben es heute fast jedem, ständiger Besucher des Theaters zu werden und damit einen unverlierbaren Schatz an Freude, Begeisterung und großen Erlebnissen zu gewinnen.
Sochschulnachrichten.
Professor Dr. Hauberisser, Ordinarius für Zahnheilkunde und Direktor der Klinik für Mund-, Zahn- und Kieferkrankheiten an der Universität Bonn, hat einen Ruf als Leiter der Universitäts- Zahnklinik in Erlangen und als Nachfolger von Professor Reinmöller erhalten; er wird dem Ruf Folge leisten.


