185. Jahrgang
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
M. 155 Erster SM I«5. Zahrgang Samstag, 6.3uli 1955
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Abessinien berust sich auf den Kettoggpaki.
Eine Rote an Amerika, aber Hinweis auf den Völkerbund als Anlwori Roosevelts.
hoffen müsse, es werde dieser OrganifaHon gelingen, eine für beide Teile befriedigende Entscheidung zu treffen. Die amerikanische Regierung könne nicht glauben, dah entweder Italien oder Abessinien, die beide den Kellogg- pakt unterzeichnet hätten, zu Mitteln greifen werden, die mit ihren vertraglichen Verpflichtungen im Widerspruch stehen würden.
3fl eine Schließung des Suez-Kanals möglich?
London, 6. Juli. (DRV. Funkspruch.) Die rechtlichen Gesichtspunkte einer möglichen Schließung des Suez-Kanals als Kriegsmittel gegen Italien sind durch internationale Juristen in Genf geprüft worden, hierbei ist nach einem Reuter-Bericht die Ansicht vertreten worden,
dah die Statuten der Suez-Kanal-Gesellschafk eine Schliehung des Kanals gegen irgendeinen kriegführenden Staat nicht gestatten, jedoch hätten die Völkerbundsmitglieder auf Grund von Artikel 20 der Völkerbundsfahung einzeln zugestimmt, dah der Völkerbundsrat, falls er die Waffenausfuhr nach Somaliland und Erylhräa verbieten würde, die Befugnis hätte, eine Untersuchung aller durch den Suez-Kanal fahrenden Schiffe und die Beschlagnahme aller durch das Verbot betroffenen Ladungen anzuordnen. Der Generalsekretär des Völkerbundes Avenol werde anfangs nächster Woche nach London kommen und es fei möglich, dah er u. a. diese Frage mit den britischen Behörden besprechen werde. Selbstverständlich sei es sehr fraglich, ob der Völkerbundsral für ein solches verbot stimmen würde.
Die französisch-italienische Zreundschast.
Was wurde in Rom besprochen?
Ostafrika zwischen den Rächten.
Der A b e s s i n i e n k o n f l i k t hat sich in der letzten Woche ganz in den Mittelpunkt der Welt- politik geschoben. Wir hatten hier schon ausführlich dargelegt, daß Regierung und öffentliche Meinung Englands den Völkerbund als Kern eines künftigen kollektiven Sicherheitssystems unter allen Umständen vor der in jedem Falle einem Selbstmorde gleichkommenden Entscheidung bewahren möchten, entweder durch einen Spruch zugunsten der Rechte Abessiniens das faschistische Italien als dritte Großmacht nach Japan und Deutschland aus Gens zu vertreiben, oder durch ein Gewährenlassen des italienischen Kolonialimperialismus erneut offen seine Ohnmacht einzugestehen, schwachen und seine Hilfe anrufenden Mitgliedsstaaten gegen die Aspirationen einer Großmacht zu schützen. Auf der Frühjahrstagung des Völkerbundsrats war es England, damals noch mit französischer Hilfe, gelungen, den Völkerbund aus der gefährlichen Zwickmühle herauszulotsen. Der unmittelbare Anlaß des abessinisch-italienischen Konflikts, die Grenzzwischenfälle bei Ual-Ual, wurden dem in den Verträgen vorgesehenen gemischten Schiedsgericht überwiesen, das nun mit der in solchen Fällen üblichen Gründlichkeit in den Hotelpalästen des schönen holländischen Seebades Scheveningen tagt und soeben beschlossen hat, zur weiteren Klärung der Angelegenheit seine fruchtbare Tätigkeit an einen vermutlich nicht minder komfortablen Ort Südeuropas zu verlegen, um Zeugen leichter zur Stelle zu haben.
Von dieser Seite ist also vorerst nichts zu befürchten, was den Konflikt verschärfen könnte und das war auch wohl Englands Hoffnung, Zeit zu gewinnen, um inzwischen auf eine Entspannung hinarbeiten zu können. Indessen scheint dies bisher keineswegs gelungen zu fein. Schon im Frühjahr hatte Italien sich nur äußerst widerwillig an der Aussprache in Genf beteiligt und keinen Zweifel darüber gelassen, daß es die Folgerungen ziehen werde, wenn man etwa daran denken wolle, ihm Zumutungen zu stellen, die es mit seinen kolonialpolitischen Interessen oder auch nur mit seinem Prestige als Großmacht unvereinbar halte. Bei seinem Besuch in Rom hat nun der britische Völkerbundsminister Eden das Ausmaß der italienischen Verärgerung erfahren, aber auch die Entschlossenheit Mussolinis, sich unter keinen Umständen vom Völkerbund in den Arm fallen zu lassen bei der Durchsetzung seiner Ansprüche gegen Abessinien. Die Augustsitzung des Völkerbundsrats würde also die im Frühjahr mühsam vermiedene Zwickmühle für den Völkerbund erneut öffnen, wenn nicht bis dahin sich ein Weg gesunden hat, der Italien befriedigt, ohne Abessinien als Mitglied des Völkerbundes in seinen primitivsten Souveränitätsrechten zu vergewaltigen. Eden hat in Rom das großzügige A n - gebot eines Gebietstausches gemacht, dessen Kosten England aus der eigenen Tasche bezahlen würde. Mussolini hat diesen Vorschlag, dessen materielle Bedeutung wir noch beleuchten werden, rundweg abgeleynt. Er läßt sich nicht mit Brocken abspeisen, die Italien nicht satt machen können. Die Radikaloperation, die ihm unvermeidlich erscheint, wünscht er nicht durch einen unbefriedigenden Kompromiß bis zu einem Zeitpunkt zu vertagen, der für Italien vielleicht nicht mehr so günstig ist, wie der Augenblick.
England sieht sich also genötigt, in seinen Bemühungen um Erhaltung des Friedens in Ostafrika, die in britischen Augen identisch ist mit der Rettung des Völkerbundes, sich nach Hilfe umzuschauen. Wo anders könnte es, wenn es sich um die Idee des Völkerbundes handelt, auf größeres Verständnis und tatkräftigere Unterstützung stoßen, als i n Paris? Französische Staatsmänner wie Herriot und Briand waren es ja, die berauscht oon der Größe der Idee des ewigen Friedens, den Völkerbund als Ausdruck der internationalen Solidarität der Völker und Schrittmacher des ewigen Friedens in den überschwänglichsten Tönen gefeiert haben. Und französische Staatsmänner wie Poincare und Barthou waren es auch, die in kalter Berechnung der politischen Möglichkeiten den Völkerbund als Instrument der französischen Hegemonie in Europa mißbraucht haben. Man hätte also meinen sollen, daß Englands Wunsch nach Erhaltung des Völkerbundes sich auch mit Frankreichs Interesse decke. Jrn Grunde ist es auch tatsächlich so, trotzdem hat Laval Herrn Eden die kühle Schulter gezeigt und die französische Presse ironisiert Englands Sorgen. Man will die junge italienische Freundschaft nicht so bald schon einer Belastungsprobe aussetzen, der sie vielleicht nicht gewachsen sein könnte und sieht zudem noch die Möglichkeit, England, dessen Flottenabkommen mit Deutschland die Franzosen beträchtlich verschnupft hat, in seiner augenblicklichen prekären Lage eine Gegenrechnung zu präsentieren. Vielleicht hofft man in Paris, die britische Regierung durch kühle Zurückhaltung in ihrer Verlegenheit so unter Druck setzen zu können, daß sich in den europäischen Fragen, Luftlocarno, Ost- und Donaupakt, ein britisches Zugeständnis herausschlagen läßt.
Der Abessinienkonflikt hat nicht nur den Völkerbund in die eben erläuterte heikle Lage gebracht, sondern berührt auch Englands eigene weltpolitische Interessen an einer äußerst empfindlichen Stelle. Rur daraus ist es verständlich, daß die seit der Einigung Italiens traditionelle englisch-italienische Freundschaft jetzt eine so heftige Krisis durchmacht. Diese Freundschaft ist allerdings oon Italien gesucht worden, denn Englands Mittel- meerflotte zielte wie eine tödliche Dolchspitze auf die lang gestreckte offene Küste Italiens, dessen große Städte mit wenig Ausnahmen unter den Geschützen der britischen Flotte lagen. Das wegen Savoyen und Tunis leicht gereizte Verhältnis zu Frankreich machte die enge Freundschaft mit England notwendig, wie auch London diese Freundschaft pflegte, um Frankreichs Machtträumen im Mittelmeer einen
Addis Abeba, 5. Juli. (DRV.) Die abessinische Regierung hat dem hiesigen amerikanischen Geschäftsträger George eine Rote überreicht, in der der italienifch-abessinische Streitfall genau dargelegt wird. Ls wird auf die andauernden italienischen Truppenverschiffungen hingewiesen und eine Aufklärung des blutigen Zwischenfalls von Ual-Ual gegeben, dessen friedliche Beilegung von Italien abgelehnt worden sei. Seit dem 16. März 1935 unternehme Italien ständig Provokationen. Die Rote nimmt sodann auf den Völkerbund und den Kellogg p a k t Bezug und teilt mit, dah die abessinische Regierung nunmehr gezwungen sei, den Kellogg- pakt anzurufen, um in letzter Stunde mit g e s e h - mähigen Mitteln die Unabhängigkeit und Unversehrtheit des Landes zu verteidigen, nachdem Italien durch Zurückweisung des letzten englischen Vermittlungsvorschlages einen neuen Beweis feiner kriegerischen Absichten gegeben habe.
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Der Kelloggpakt, der einer der kürzesten internationalen Verträge ist, wurde am 27. August 1928 in Paris durch folgende Mächte unterzeichnet: USA., Frankreich, Belgien, Tschechoslowakei, England, Deutschland, Italien, Japan und Polen. Der K r i e g s - A e ch t u n g s p a k t, der in der internationalen Diskussion meistens nach seinem Urheber, dem damaligen amerikanischen Staatssekretär für Auswärtiges, Kellogg, benannt wird, enthält nur drei Artikel. Im ersten Artikel erklären die vertragschließenden Mächte feierlich im Namen ihrer Völker, daß sie den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Stieitfölle verurteilen und auf ihn als Werkzeug nationaler Politik in ihren gegenseitigen Beziehungen verzichten. Im zweiten Artikel vereinbaren sie, daß die Regelung und Entscheidung aller Streitigkeiten oder Konflikte, die zwischen ihnen entstehen könnten, niemals anders als durch friedliche Mittel angestrebt werden soll. Der dritte Artikel enthält Bestimmungen über die Ratifizierung des Paktes und erklärt, daß er so lange als notwendig für den Beitritt aller anderen Mächte der Welt offen stehen soll.
Washingtons Antwort.
Hinweis auf die Vermittlung des Völkerbundes.
Washington, 6. Juli (DRV. Funkspruch). Die amerikanische Regierung hat ihren Geschäftsträger in Addis Abeba angewiesen, das Ersuchen des Kaisers von Abessinien um Anwendung des Kellogg- paktes im Streitfall mit Italien dahingehend zu beantworten, daß der Völkerbund sich bemühe, in dem Streit zu vermitteln, und daß man
Dämpfer auszusetzen. Die Abhängigkeit von England war es auch, die Italien in erster Linie dem Dreibund entfremdete, nachdem die Bemühungen um ein deutsch-englisches Bündnis gescheitert waren. Italiens kolonialpolitische Ansprüche sanden in England allerdings nur einen äußerst zurückhaltenden Fürsprecher, denn sie waren, nachdem Frankreich auf Tunis die Hand gelegt hatte, nur auf Kosten der Türkei zu erfüllen, deren Erhaltung England mit Rücksicht auf die Gefahr eines Erscheinens Rußlands im Mittelmeer wünschen mußte. So konnte Italien den Türken wohl Tripolis abnehmen, aber das weit wertvollere Aegypten blieb auch als unabhängiger Staat fest unter ausschließlich englischem Einfluß, die Absichten auf Anatolien schlugen mit dem Erstarken der nationalen Türkei endgültig fehl und in Arabien war es wiederum England, das der italienischen Politik energisch entgegentrat.
Die bei Lavals Besuch in Rom besiegelte italienisch-französische Freundschaft ollte Italiens Kolonialpolitik aus dieser Abhängigkeit befreien, die man um so schmerzlicher empfunden hatte, als die Versprechungen, mit denen einst Italiens Eintritt in den Weltkrieg erkauft worden war, in einer Weise erfüllt worden waren, die weder dem italienischen Nationalstolz genügten, noch dem Bedürfnis eines rohstoffarmen, aber übervölkerten Landes nach Siedlungsraum entsprachen. Die Besprechung des französischen Gneralstabschefs mit einem italienischen Kollegen sollte gewiß nicht zuletzt auch England gegenüber die Bedeutung der neuen Freundschaft zwischen den beiden Mittelmeermächten unterstreichen. Ueberhaupt spielen militärische Gesichtspunkte in der äußerst gereizten Polemik der italienischen Presse gegen die als unbequem empfundene Vermittlungspolitik Englands eine be- onöere Rolle. Man erklärt, daß die moderne, äußerst leistungsfähige italienische Luftflotte den britischen Flottenstützpunkt Malta wertlos mache, vergißt nur dabei, daß England im Kriegsfälle unbesorgt Malta opfern kann, wenn es vorher als Ausgangspunkt der britischen Flotte bei der Zerstörung der großen italienischen Hafenstädte seine Schuldigkeit getan hat.
Schwieriger liegt schon das Problem am Suez- kanal, denn der Seeweg nach Indien ist auch im Zeitalter des Lusschisss von kaum veränderter Bedeutung für die Verteidigung des britischen Weltreichs. Wie England einst durch das Dazwischen-
London, 5. Juli. (DNB.) Reuter erklärt, es gebe keinen Geheimvertrag zwischen Frankreich und Italien hinsichtlich Abessiniens. Jedoch sei es Tatsache, daß Laval im letzten Januar in Rom Mussolini mitgeteilt habe, Frankreich werde sich in Zukunst wirtschaftlich an Abessinien desinteressieren mit Ausnahme der Eisenbahn Dji- buti — Addis Abeba und der dazugehörigen Zone. Dies fei der britischen Regierung mitgeteilt worden. In Rom sei jedoch nichts über d i e territorialen und politischen Probleme Abessiniens gesagt worden. Zu den Berichten über die fieberhafte Befestigung b eT Insel Dumeira im Roten Meer durch die Italiener, wird erklärt, daß diese Insel vor den Besprechungen in Rom Niemandsland gewesen sei. Die Insel liege unmittelbar vor der französisch-italienischen Grenze zwischen Eritrea und Französisch - Somalilanb. Nachdem man im Januar diese Grenze 15 Meilen südlich verlegt habe, sei Dumeira ipso facto italienisch geworden, da es sich nunmehr in italienischen Hoheitsgewässern befinde. In Paris halte man es für völlig ausgeschlossen, daß die Italiener diese Insel befestigen.
Ferner seien Behauptungen über ein französisch-italienisches Wtilitärab» kommen aufgetaucht. Es fei einleuchtend, daß angesichts der zunehmenden Wärme der französisch- italienischen Beziehungen seit dem Besuche Lavals Iin Rom Frankreich und Italien ihre gemeinsame Grenze nicht mehr mit starken
treten Kitcheners bei Faschoda 1898 die Franzosen an eine Ausdehnung ihres afrikanischen Kolonialreiches bis an die Küsten des Roten Meeres hinderte, so muß England auch aus Gründen der Selbsterhaltung der Gegner eines großen italienischen Kolonialreiches in Ostafrika sein, das dann womöglich auch im gegenüberliegenden Arabien die alte, der englischen entgegengesetzte Politik Italiens aufnehmen würde. Trotzdem hat England, um Schlimmeres zu verhüten, in Rom den Vorschlag gemacht, aus seinem eigenen Besitz an der Somaliküste den Hafen Z e i l a mit einem schmalen Korridor zum Meer an Abessinien abzutreten als Entschädigung für die Landschaft Ogaden, mit der Abessinien die italienischen Wünsche nach Grenzregulierung zwischen Abessinien und Italienisch-Somali befriedigen soll. Zeila liegt am Golf von Aden, in nächster Nachbarschaft des französischen Hafens Dschibuti, der als Endpunkt der mit französischem Kapital erbauten einzigen Eisenbahn Abessiniens die wichtigste Verkehrsstraße für den Außenhandel Abessiniens darstellt, diese Bedeutung aber mit Zeila zumindest teilen müßte, sobald dieser Hafen in abessinischem Besitz wäre und mit Addis Abeba durch eine Bahn verbunden wäre. Wenn also die Franzosen ebenfalls so wenig entzückt sind über den britischen Vorschlag, so hat dies neben den politischen auch sehr handgreifliche wirtschaftliche Gründe.
Italien hat den Vorschlag, wie schon gesagt, abgelehnt, weil es den Augenblick für außerordentlich günstig hält, seine Rechnung mit Abessinien zu begleichen. Und Englands Kopfschmerzen zeigen ja, dah tatsächlich die diplomatische Situation — über die militärische gehen die Meinungen auseinander, sie wird immer erst im Ernstfall geklärt — Italien ungewöhnlich große Vorteile bietet, so lange Frankreich sich zumindest passiv verhält. Wenn nun allerdings Englands Angebot mit der Begründung abgelehnt wird, die Landschaft Ogaden sei wertlose Wüste, mit der Italien nichts anfangen könnte, so mag man dem die Möglichkeit entgegenhalten, durch Bewässerung mit Hilfe der vom abessinischen Hochland kommenden Flüsse hier Baumwollkulturen anzulegen. Das Problem der Bewässerung macht ja Abessinien auch für Englands eigenen Besitz im Sudan so wertvoll. Der Blaue Nil entspringt aus dem Tana-See auf abessinischem Gebiet. Der so lange Jahre schon geplante und vielerörterte Staudamm würde auch
Garnisonen zu belegen brauchten. Französische Truppen seien daher auch von der italienischen Front an die Ost grenze verlegt worden. Der französische General G a m e l i n sei in Rom gewesen, und zwar zweifellos nicht, um archäologische Forschungen anzustel- l e n. Man könne sicher annehmen, daß er mit General Badoglio die Frage der G r enz - garnisonen besprochen habe, und zwar im Lichte der erneuten französisch-italienischen Freundschaft und angesichts der italienischen Truppenoerschiffungen nach den italienischen Kolonien am Roten Meer.
Im übrigen berichtet Reuter aus Paris, daß die diplomatischen Besprechungen Englands mit den Franzosen noch keinen greifbaren Vorschlag der Franzosen ergeben hätten. Die Franzosen seien bemüht, Mussolini möglichst nicht zu verletzen, da dies ihn sonst zu der Aktion treiben könnte, die man vermeiden wolle. Daher sei die französische Regierung für eine Lösung auf diplomatischem Wege und nicht für eine Anrufung des Völkerbundes. Keiner der Vorschläge Edens komme jedoch in Frage, da sie nicht nur nicht den italienischen,- sondern auch nicht den französischen Belang en entsprächen. Im übrigen behandelten Großbritannien und Frankreich die abessinische Frage als eine Frage für sich. Es sei nicht beabsichtigt, mit ihr über etwas auszuhandeln oder eine Unterstützung in der abessinischen Ftage für die Unterstützung in europäischen Fragen einzutauschen.
während der Trockenmonate den unvermindert starken Zufluß aus dem Tana-See für die Baumwollkulturen im Sudan und in Oberägypten sichern können. Für die Genehmigung dieses Projektes wäre der Verlust des Hafens Zeila gewiß kein zu hoher Kaufpreis. Aber Italien fürchtet mit Recht davon eine Erstarkung Abessiniens, die dann eine spätere Auseinandersetzung mit Abessinien, die man in Rom für unvermeidlich hält, noch schwie- riger mache als heute. Zudem laufen die italienischen Wünsche, die ursprünglich sich nur auf eine Bahn von Massaua, dem Haupthafen des italienischen Eritrea, quer durch Abessinien nach Moga- discio, der Hauptstadt Italienisch-Somalis, erstreckten, jetzt auf die Abtretung eines breiten Korridors hinaus, der die Landschaften, Ogaden, Harrar und Danakil umfassen und damit im Rücken oon Britisch- und Französisch-Somali einen großen zusammenhängenden italienischen Besitz schaffen würde.
lieber den Rest Abessiniens erstrebt bann Italien noch eine Art Protektorat, um sich ungestört seines ostafrikanischen Kolonialreiches erfreuen zu können. Es kann nicht wundernehmen, daß der Kaiser oon Abessinien die italienischen Ansprüche entschieden zurückgewiesen hat. Wenn Abessinien eines Tages unter Mandat kommen sollte, so werde nicht Italien die Mandatarmacht sein. Sollte das bedeuten, daß man in Abessinien überlegt, vor einem italienischen Angriff gegebenenfalls in die schützenden Arme einer andern Kolonialmacht flüchten will? Das könnte nur England sein. Wenn Italien die Vorbereitung eines Protektorates oder eines Mandats über Abessinien erstrebt, dessen knl- turelles Niveau es für unvereinbar mit einer Mitgliedschaft im Völkerbund hält, so weist man in London darauf hin, daß es seinerzeit gerade Italien und Frankreich gewesen waren, die trotz der starken Bedenken Englands Abessiniens Aufnahme in den Völkerbund durchgesetzt haben, man könne das nicht einfach ignorieren, sobald es einem unbequem zu werden drohe. Die Jnteressenoerquickung der drei Kolonialmächte England, Italien und Frankreich und das Engagement des Völkerbundes zeigen, daß der Abessinienkonflikt keine Frage von isolierter Bedeutung mehr ist, sondern in de« großen weltpolitischen Zusammenhang gehört, in dem er auch auf die nur träge Doranfommenben europäischen Probleme Einfluß nimmt.


