Ausgabe 
6.5.1935
 
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GewichtsfestsetzungauchsiirWeizen-undMWwt

die Wiederherstellung beschädigter Ruhebänke in der Umgebung des Schiffenbergs hat die Heimat­vereinigung im abgelaufenen Jahre weitgehende Mittel ausgewendet. Um die Ausschmückung der Räume des Schiffenbergs hat sich die Heimatver­einigung ebenfalls begrüht. Leider gibt es immer noch Menschen, die das Verständnis für derartige Bestrebungen vermissen lassen. In der Nacht zum 1 Mai haben Rohlinge ein Bild der Heimatvereini­gung Schiffenbera aus dem Heimatsaal durch das Fenster in den Klosterhof geworfen, so daß es voll­ständig in Stücke gmg. Im Einvernehmen mit dem Forstamt Schiffenberg wurden auch die Wege nach dem Schifsenberg teilweise verbessert. Im übrigen hat die Vereinigung im abgelaufenen Jahre eine Reihe von Veranstaltungen durchgeführt, die in erster Linie der Heimatpflege dienten.

Aus dem vom Rechner H. Kirchner erstatte­ten Rechenschaftsbericht ging hervor, daß die Ver­einigung zu Beginn des Vereinsjahres über einen Kassenbestand von 209,77 RM. verfügte. Im Laufe des Vereinsjahres wurden 263,95 RM. ein­genommen, zusammen also 473,72 RM. Ausge­geben wurden insgesamt 340,42 RM., so daß heute 133,30 RM. noch vorhanden sind. Außerdem verfügt die Vereinigung noch über einen beson­deren Fonds von etwa 500 RM. als Ueberschuß der 800-Iahrfeier, der für besondere Aufgaben der Heimatvereinigung bestimmt ist.

Im weiteren Verlaufe der Versammlung gab der Vorsitzende davon Kenntnis, daß Geh. Rat Prof. Dr. Sommer sich entschlossen habe, seinen Besitz in Obersteinberg, am Pfahlgraben, der Hei­matvereinigungSchiffenberg" zu schenken. Es handelt sich um eine unbebaute Fläche von etwa 2000 Quadratmeter Größe. Die Versammlung be­schloß einstimmig, diese hochherzige Schenkung an­zunehmen.

Die hierdurch bedingte Eintragung des Vereins in das Vereinsregister wurde gutgeheißen. Ebenso wurde der hierdurch notwendigen Aenderung der Satzungen zugestimmt. Die Bestimmung über die Verwendung des Vermögens bei Auflösung der Vereinigung soll der Vorstand treffen.

In der Aussprache wies Dr. Michel auf die ersprießliche Zusammenarbeit zwischen dem Land­schaftsbund Volkstum und Heimat und der Heimat­vereinigung Schiffenberg hin, unter gleichzeitiger

Brote hergestellt werden. Die bisher gültige Be­stimmung, wonach Kleingebäck, d. h. Brot bis 250 Gramm, nicht unter die Gewichtsangabevorschriften fällt, wird aufrechterhalten. Weiterhin wird für Brot, das in Packungen oder Behältnissen in Schei­ben geschnitten verkauft wird, ebenfalls ein Min­destgewicht und eine Gewichtsskala sowie ein Zwang zur Kenntlichmachung des Gewichtes eingeführt. Dadurch werden Umgehungen der Gewichtsvor­schriften durch Verkauf des Brotes in Scheiben verhindert.

Rr. 2 des Gesetzes bringt eine Anpassung der Zuständigkeiten auf Grund des Brotgesetzes in der bisherigen Fassung an die Vorschriften der Ver­ordnung zur Ordnung der Getreidewirtschaft. Den Zusammenschlüssen der Getreidewirtschaft wird die Befugnis gegeben, Ausnahmen von den Gewichts­vorschriften für geschnittenes Brot zuzulassen, um zur Vermeidung von Härten Uebergangsvorschriften zu ermöglichen.

Aus dem gleichen Grunde tritt das neue Ge­setz auch nicht sofort in Kraft, sondern erst zu einem Zeitpunkt, den der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft bestimmt.

Den beteiligten Wirtschaftsgruppen kann so insbe­sondere auch für die Umstellung auf die neuen Ge­wichtsvorschriften und zum Verbrauch von noch vorhandenen abweichenden Packungen eine ange­messene Uebergangsfrist gewährt werden.

Die Reichsregierung hat ein Gesetz zur Aende­rung des Brotgesetzes beschlossen, das soeben im Reichsgesetzblatt verkündet wird. Danach wird be­stimmt, daß Brot gewerbsmäßig nur in bestimmten Gewichten hergestellt werden darf. Bisher galt diese Vorschrift lediglich für solches Brot, für das aus­schließlich ober überwiegend Mahlerzeugmsse des Roggens verwendet werden. Die Zunahme des Verbrauchs von inländischem Weizen als Brotfrucht machte die Ausdehnung dieser Bestimmung auch auf die anderen Brotarten, wie Mischbrot und 2ßei= zenbrot, erforderlich. Der Verbraucher wird dadurch nunmehr bei allen Brotarten vor Uebervorteilung durch Verabreichung eines zu niedrigen Brotge­wichts geschützt.

Weiterhin wird das bisherige Mindestgewicht für Brot von 500 Gramm auf 750 Gramm heraufgefeht, soweit das Brot aus 20 und mehr Hundertteilen Roggenmehl oder Roggenschrot hergestellt ist (Schwarz-, Roggen- und Misch­brot).

Der Brotmarkt wird hierdurch von allzu vielen Brotgrößen bereinigt. Die Mindestgewichtsgrenze für die übrigen Brotsorten (insbesondere Weizenbrot und Spezialbrote) wird auf 500 Gramm festgesetzt, weil diese Brote bisher durchweg kleiner als Roa- gen- und Mischbrot hergestellt wurden. Durch diese Mindestgewichtsvorschriften wird im übrigen ver­hindert, daß in unwirtschaftlicher Art zu kleine

Bekanntgabe der nächsten Veranstaltungen des Landschaftsbundes.

Der Vorsitzende schloß die Versammlung mit dreifachem Siegheil aus den Führer.

Anschließend an die Jahresversammlung fand eine Familienzusammenkunft statt. Den musikali­schen Teil hatte die Kapelle Bender, Watzenborn- Steinberg, übernommen und erfolgreich durchge­führt. Auch her GesangvereinEintracht" Stein­berg, unter Leitung von Chormeister Harnisch, erfreute durch den Vortrag einer Anzahl wirkungs­voll zu Gehör gebrachter Volkslieder. Zwischen­durch sang Frau Steiner, Hausen, ein von Rek­tor i. R. V. Müller verfaßtes und vertontes Lied:Heimat, o Heimat, wie bist du so schön", begleitet von Pfarrer Steiner, das besonderen Beifall fand. Im weiteren Verlauf der Veranstal­tung erfreuten Frau Steiner und Frau Kirchmann durch den Vortrag mehrerer Duette.

Vornolizen.

Tageskalender für Montag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Die Freundin eines großen Mannes".

** E i n Neunundachtzigjähriger. Am morgigen Dienstag, 7. Mai, kann Herr Peter V ö l - zing von hier, Steinstraße 21, in körperlicher und geistiger Frische feinen 89. Geburtstag feiern. Der hochbetagte Mann ist Veteran von 1870/71. In diesem Kriege verlor er den linken Arm und das linke Sein. Er ist treuer Leser desGießener An­zeigers".

** D i e Geschäfts stunden der Kreis - dien ft stelle der NS. - Gemeinschaft Kraft durch Freude" sind ab 6. Mai von Montag bis Freitag von 11 bis 13 Uhr und von 16 bis 18.30 Uhr, Samstags von 10 bis 13 Uhr.

**BetretenundBefahrenderReichs- auto-Kraftfahrbahn durch Unbefugte strafbar. Mit Genehmigung des Reichsstatthalters in Hessen Landesregierung Abt. Ib wird von der zuständigen Stelle angeordnet:Das Betreten und Befahren der Kraftfahrbahn in allen Teilen ist Unbefugten verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 150 RM. oder mit Haft be­straft. Die Verordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündigung im Amtsverkündigungsblatt (3. Mai 1935) in Kraft."

Zahlung der Vermögenssteuer am 15. Mai.

Vom Reichsfinanzministerium wird darauf hin­gewiesen, daß nach der gesetzlichen Regelung am 15. Mai 1935 der gleiche Betrag an Vermögens- steuer zu entrichten ist, Den der Steuerpflichtige am 15. Februar 1935 zu zahlen hatte. Entsprechendes gilt für die späteren, im Rechnungsjahr 1935 fällig , werdenden Teilbeträge an Vermögenssteuer vom 15. August, 15. November 1935 und 15. Februar 1936.

Lossprechung der Buch- und Steindrucker-Lehrlinge.

In feierlicher Form fand am Samstagnachmittag im Saale des Caf6 Ebel die feierliche Lossprechung der Lehrlinge des Buch- und Steindruckgewerbes statt. Der Saal war festlich geschmückt. Unter einem Bilde des Führers prangte inmitten von frischem Grün die Porträtbüste Gutenbergs, des Altmeisters der Buchdruckerkunst. Nach einer feinen musikalischen Darbietung am Klavier (Herr Andreas) betraten die neuen Iunggehilfen den Saal. Der Obermeister der Buch- und Steindrucker-Jnnung für die Pro­vinz Oberhessen (Reichsbetriebsgemeinschaft Druck) Christ-Gießen hielt eine kurze Ansprache, in der er darauf hinwies, daß auch in diesem Jahre die Lossprechung der Lehrlinge des Gewerbes in feier­licher Form erfolgen solle. In eindrucksvollen Wor­ten ermahnte er die Iunggehilfen, die beendete Lehrzeit nicht so aufzufassen, als ob es nichts mehr zu lernen gebe. Jeder müsse stets bestrebt sein, das berufliche Können in dem so vielseitigen Gewerbe immer weiter auszubauen, um so ein wertvolles Glied des Berufsstandes zu werden. Er forderte auf, den älteren Berufskameraden gegenüber stets ehrerbietig zu sein, die sich dann jederzeit gerne bereit finden würden, aus ihren Erfahrungen auch dem jüngeren Kameraden zu vermitteln. Nachdem der Obermeister die Iunggehilfen aufgefordert hatte, auch stets ihrer Pflichten dem Volke und dem Da- terlande gegenüber eingedenk zu fein, sich außerdem stets als rechte Jünger Gutenbergs und Senefelders zu fühlen und dementsprechend zu handeln, erklärte er durch Handschlag die jungen Berufskameraden zu Gehilfen. Anschließend überreichte er ihnen die entsprechende Urkunde und überantwortete sie, nach altem Brauch, dem Gautschmeister Karl Lind en - st r u t h, der nach einer kurzen, zunftgemäßen An­sprache seine Helfer ausforderte, den neuen Gehilfen die ordentliche Weihe zu vermitteln. Mit Standhaf­tigkeit und ohne Widerspruch ließen die jungen Ge­hilfen die eigenartige, luftige Wassertaufe über sich ergehen, begaben sich dann für einige Zeit an die Sonne, um schließlich und zum guten Ende an den Tischen bei den älteren Gesellen Platz zu nehmen..

Zur feierlichen Lossprechung und zur Gautschfeier fand sich eine Anzahl Gehilfen ein, die mit großer Aufmerksamkeit dem Brauchtum folgte. Am Abend traf man sich zu einem kameradschaftlichen Beisam­mensein.

Heimatvereinigung Schiffenberg.

Die Heimatvereinigung Schiffenberg hielt am gestrigen Sonntagnachmittag auf dem Schiftenberg ihre Jahresversammlung ab.

Oberforstmeister Nicolaus begrüßte die aus Gießen und Umgebung außerordentlich zahlreich er­schienenen Volksgenossen und gedachte der im ab­gelaufenen Dereinsjahr aus dem Leben geschiedenen Mitglieder des Vereins, zu deren Andenken sich die Besucher von ihren Sitzen erhoben.

Hierauf erstattete der Schriftführer der Heimat­vereinigung, Rektor i. R. Valentin Müller, den Jahresbericht. Daraus war zu entnehmen, daß die Heimatvereinigung auch im letzten Jahre bemüht gewesen ist, die Schönheiten des Schiffenbergs und feiner Umgebung zu heben. Din geplante Samm­lung von Volksliedern zu einem Liederbuch ist nahezu beendet. Außerdem hat die Vereinigung im abgelaufenen Vereinsjahr auf dem Altan des Schif­fenbergs eine Orientierungstafel aufgestellt, die be- fonbers von Fremben eifrig benutzt wirb. Auch für

** Erster schöner Maisonntag. Nach langen regnerischen Monaten unb Wochen änberte ich in ben letzten Tagen bas Wetter grünblich und im besten Sinne. So war uns geltem ein prächti­ger Maisonntag beschieben, ber bisher wohl ber, chönste Tag bes Jahres genannt werben barf. Die Bevölkerung unserer Stabt hatte sich zu Ausflügen gerüstet unb allenthalben konnte man gestern in Falb unb Felb unserer näheren unb weiteren Um­gebung ben Spaziergängern begegnen. Zu Fuß, auf bem Fahrrab unb im Kraftwagen befanb man ich unterwegs. Die Reichsbahn hatte. ebenfalls verstärkten Verkehr zu verzeichnen. Die Natur hatte sich auf bas Schönste geschmückt unb bot herr­lichen Aufenthalt. Gestärkt für bie Arbeit bes Werktags kehrte man am Abenb zurück.

** Gefährlicher Biß. Der elfjährige Sohn bes hiesigen Artisten Vetter, wohnhaftAn ber Kläranlage", würbe biefer Tage von einem Affen

Seinen Urlaub verbringt der deutsche Junge in den Sammellagern der Hitler-Jugend!

in das Knie gebissen. Die Wunde verschlimmerte ich so sehr, daß der Junge in die Klinik gebracht werden mußte. Sein Befinden ist nicht unbedenklich.

** Briefposten für die KreuzerEm° ben" unbKarlsruhe". Die Absendung der Briefposten für bie KreuzerEmben" unbKarls­ruhe" vom Marinepostbüro Berlin C 2 erfolgt im Mai unb Anfang Juni an folgenden Tagen: 1. an ben KreuzerErnbe n" am . 17., 18. unb vom 20. bis 26. Mai täglich nach Lissabon (Portugal), vom 27. Mai bis 3. Juni werktäglich nach Vigo (Spa­nien); 2. an ben KreuzerKarlsruhe" vom 24. bis 29. Mai täglich, am 31. Mai, 1. und 3. Juni nach Vigo (Spanien). Die gewöhnlichen Brieften- bungen müssen spätestens an ben Absenbungstagen vormittags beim Marinepostbüro eingehen.

** Kein Geld in gewöhnliche Briefe e i n l e g e n ! Die einzig richtige Art, Gelb mit ber Post zu verschicken, ist bie mit Postanweisung, Zahl­karte ober Gelbbrief. Wer einen größeren Zahlungs­verkehr unterhält, bem kann nur bringenb bie Ein­richtung eines Postscheckkontos empfohlen werben. Er hat bann nur nötig, eine kostenlose Überweisung ober einen Scheck auszuschreiben unb ben gelben Scheckbrief mit 5 Pfennig frankiert in ben nächsten Briefkasten zu werfen. Diese einfachen unb sicheren Gelbversendungsarten werben leiber von einem großen Teil bes Publikums nicht benutzt. Vor ber Versenbung von Gelb in gewöhnlichen Briefen wird bringenb gewarnt. Für in Verlust geratene Ein­schreibbriefe werben höchstens 40 Mark Ersatz ge­leistet, für beraubte Einschreibbriefe besteht ba- gegen keinerlei Haftung. Bei Verlust ober Berau­bung gewöhnlicher Briefe haben Absenber und Empfänger immer ben Schaben zu tragen, weil biß Post nicht haftet.

Oberhesten.

Fahrplanverbefferung auf der Vogelsbergbahn.

Der Sommerfahrplan bringt auf ber Reichs­bahnstrecke Frankfurt a. M. Stockheim Gebern Lauterbach erfreuliche Ver­besserungen. Die bisherigen langen Fahrzeiten werben verkürzt unb burch Einlegung neuer Züge die Fahrgelegenheiten vermehrt. Von Wichtigkeit ist ferner bie birekte Durchführung mehrerer Züge von Frankfurt bis Lauterbach. Ebenso sind bie Anschlüsse von HanauGelnhausenFriebberg unb Gießen günstiger gestaltet. Besonbers zu begrüßen ist bie neu geschaffene günstige Verbinbung zum Wochenenbe im Vo­gelsberg. Ein birekter Zug ab Frankfurt Hbhf. 13,41 Uhr, ber bereits zwischen 16 unb 17 Uhr bie Orte bes hohen Vogelsberges erreicht, er­möglicht ben schaffenben Volksgenossen eine loh­nende Ausnützung ber Sonntage. Die Rückfahrt am Sonntagabenb kann mit bem bekannten Sonn-

Vornan von Charlotte prenzel.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.).

14. Fortsetzung. Nachbruck verboten!

Sie fühlte sich schulbig, sie hatte bem Mäbchen zu viel zugemutet, sie hatte Ueberlegung unb Spar­samkeit von Sophie erwartet und sich selbst un­fähig gefühlt, sparsam zu wirtschaften. Die Ein­sicht' war bitter. Gestern hatte sie sich noch ge­rühmt, ohne Hausbame auszukommen, heute sah sie fast bie Unmöglichkeit ein, bem Haushalt selbst vorzustehen. Woher sollte sie bas Gelb zum Be­zahlen ber Rechnungen nehmen?* Freb bitten? Unmöglich, sie schämte sich viel zu sehr. Sie mußte in ber nächsten Zeit sehr sparsam sein, nur Freb bürste nichts merken. Im Gegenteil, er mußte zufriebengestellt werben; sie mußte versuchen, feine Wünsche kennenzulernen, auch wenn er nichts sagte.

Mittags kam eine weitere Enttäuschung. Der Chauffeur kam zu Fuß zurück.Die gnäbige Frau möchten nicht auf ben Herrn warten. Herr Morlanb hat mit bem Auto wegfahren müssen. Er wirb wahrscheinlich erst am Sonntag spät wie- berkommen."

Liane setzte sich allein an ben gebeckten Tisch, sagte nicht, würgte am Essen unb fragte sich immer toieber: Wo mag er hin fein?

Sie betrat bas einstige Arbeitszimmer ihres Vaters, in bas jetzt Freb eingezogen war. Nichts verriet ben neuen Herrn, kein Zettel lag auf bem Schreibtisch, nur in bem Bücherschrank glaubte sie einige neue Bücher zu entberfen.

Sie nahm ein Buch heraus, schlug es auf. Ein Briefumschlag klemmte zwischen ben Seiten. Von einer Damenhand geschrieben, las sie Frebs frü­here Abresse. Liane fühlte, wie ihr Herz zu schla­gen begann; sie nahm bas Kuvert in bie Hand, drehte es um. Es zeigte keinen Absender und war leer. Sie suchte den Poststempel zu ermitteln, vergebens.

Fred empfing Damenbriefe! Gewiß, es konnte eine Mutter, eine Schwester jein, die ihm schrieb; aber betonte er nicht stets, völlig ohne Familie da- zustehen?

Schnell legte Liane den Briefumschlag zurück, stellte das Buch in den Schrank, schloß ab und warf sich plötzlich herzbrechend weinend auf den Diwan. Sie war so erschöpft, als sie sich endlich erhob, daß sie müde nach ihrem Schlafzimmer schlich und sich zu Bett legte.

Spät abends hörte sie die Mädchen heimkommen, noch später kam Fred. Sie lag und starrte mit bren­nenden Augen ins Dunkle. Würde ihr Leben nie anders werden? Würde es immer so weitergehen?

Für Fred war die Komödie seiner Ehe beendet; er glaubte seine Pflicht getan zu haben, er hielt es nicht mehr für nötig, die Scheinehe, in der er lebte, zu vertuschen, zeigte sich nie mit feiner Frau, machte keinerlei Besuche mit ihr, ließ sie stets abends allein. Sonntags nahm er immer das Auto und fuhr, ganz gleich wie das Wetter war, schon bei Morgengrauen davon. Ja, es kam vor, daß er schon Samstags verschwand und erst am Montagmorgen seltsam er­frischt wieder erschien.

Liane fügte sich stumm, aber sie litt maßlos un­ter dem Verhältnis. Sie ließ sich verleugnen, wenn jemand kam, sie zu besuchen, verließ nie das Haus, sorgte sich um die Schulden, die nicht kleiner werden wollten, fühlte sich elend.

An einem ber nächsten Sonntage erschien vor­mittags bas Ehepaar Lechner in aller Form. Der Zufall wollte es, bah Liane gerabe vom Garten ins Haus schlüpfen wollte, als sie bas Ehepaar vor ber Gartentür sah. Nun mußte sie bas Paar begrüßen, mußte sie zum Näherkommen nötigen.

Wie geht's, wie steht's, Liane? Wo ist ber Gatte?" lachte Irene sie an.

Er wirb sehr bebauern, nicht zu Hause zu sein. Gerabe ist er nach Offenbach gefahren."

Was bein Mann nur immer Sonntags ge­schäftlich zu tun hat!" münberte sich Irene.Da hätte ich wohl lange warten können, bis ihr bei uns erschienen wäret. Warum hast bu bich nicht längst einmal blicken lassen? So förmlich brau­chen wir es boch nicht zu machen."

Liane suchte nach Ausflüchten, log, sah bie schone, strahlenbe Irene, bie einfach fabelhaft ele­gant gekleibet war, voll Bewunberung unb heim­lichen Neibes an. Irene erzählte wie am Schnür­chen von ihrer herrlichen Reise, von ihrem großen, schonen Haushalt, von ben Dienstboten, von ihrem Zweisitzer bas Hochzeitsgeschenk ihres Gatten unb von bem großen geselligen Verkehr, ben sie pflegten. Zum Tennisspielen käme sie gar nicht mehr, aber Liane solle sodalb als möglich kommen.

Liane bachte nicht baran, sie zu besuchen; bas Glück ber anberen in Augenschein zu nehmen; ging über ihre Kraft.

Irene aber bestaub auf ihrem Willen, sie holte bie Freunbin ganz einfach mit ihrem Auto ab, unb Liane blieb nichts weiter übrig, als zu folgen.

Die beftricfenbe ßiebensroürbigfeit Irenes war Liane schrecklich, unb wie quälenb waren so manche Fragen, bie Irene, scheinbar ohne sich etwas babei zu benfen, hinwarf, wie:

Warum geht ihr nie aus? Habt ihr euch schon bieses unb jenes angesehen? Neulich trafen wir beinen Mann übrigens allein."

Liane umging bie Antworten, unb Irene in ihrer großen Erfahrung wollte belehren;

Ich würbe meinen Mann nicht allein fortlaffen. Die Sonntage müßte er mir auf jeben Fall roibmen. Weißt bu denn, was er tut, wenn er nicht ba ist?

Uebrigens trafen wir boch neulich beinen Mann, unb zwar in einer Bar. Er war wohl mit Kunb- fchaft bort unb sehr vergnügt. Das würbe ich nicht zugeben. Du mußt ihn mehr an bich fesseln. So sehr ich meinen Mann liebe, ja, gerabe weil ich ihn so sehr liebe, mürbe ich ihn nie allein aus­gehen lassen."

Innerlich staunte Liane. War bas biefelbe Irene, bie sich eigentlich immer ein Bißchen über Kurt luftig gemacht hatte, von beren Liebe zu ihm man eigentlich nie etwas gemerkt hatte?

Liane verließ bie Freunbin, fobalb es nur ging. Sie ärgerte sich, überhaupt mitgegangen zu sein. War es nicht bas beste, sich im eigenen Haus zu vergraben, sich von keinem Menschen sehen zu lassen? Mußten benn nicht überall mitleibige ober spöttische Blicke sie treffen? Würben nicht halb zu biefen mitleibigen Blicken auch noch bro- henbe kommen, wenn sie weiter nicht bezahlen konnte?

Die Katastrophe kam schneller, als sie gebacht; sie kam in ber breiten, vierschrötigen Gestalt bes Metzgers, ber sich auf ber Diele breitmachte unb mit seiner lauten, harten Stimme schrie, baß man ihn im ganzen Haus hörte.

Liane achtete kaum auf feine Worte. Sie zitterte auch nicht einmal vor bem Manne. Sie bangte vor bem Kommen Frebs. Wenn Freb ben Mann hier antraf er konnte jeben Augenblick kommen was bann?

Sie gab ihre letzten zehn Mark her, versprach, noch heute ben Rest zu senben, unb atmete wie er­löst auf, als sie allein war.

Kaum eine Minute später kam Freb. Sie ging in bas Eßzimmer unb erwartete ihn, sich ben Kopf zergrübelnb, was zu tun sei. Wenn Frau Wibe- mann wenigstens nicht auf ber Reise gewesen wäre.

Freb kam mit gefurchter Stirn, grüßte flüchtig.

Diese Rechnung hat sich zu mir verirrt!" sagte er, inbem er ein Blatt aus feiner Brieftasche zog. Ich wünsche bergleichen nicht mehr zu erhalten. Wenn bu irgenbwelche größere Ausgaben hast, roenbe bich an mich. Mit bem Kleinkram kannst bu mich aber verschonen."

Sie war über unb über rot geworben, nahm bie Rechnung in Empfang.

Es ist ein Irrtum!" stammelte sie.

Dann ist es gut!"

Er, wie immer, mit bem besten Appetit, ohne sich roeiter um sie zu kümmern. Als sie sich vom Tisch erhoben, zitterten Liane noch immer bie Knie. Sie ging in ihr Schlafzimmer, suchte in ihrem Schmuckkasten, rief nach Betty.

Hier, Betty! Sehen Sie zu, bie Kette zu ver­kaufen. Ich brauche Gelb."

Plötzlich stauben ihre Augen voll Tränen. An jebem Schmuckstück hing eine Erinnerung an ben Vater. Trotzdem es mußte fein.

Gnäbige Frau", staub Betty unschlüssig ba,ich will nichts gesagt haben, aber... aber ich würbe ber Sophie mal orbentlich auf bie Finger sehen. Nein, ich will nicht auklagen. Sie hat mir nur einen Pelz gezeigt, ben sie sich neulich gekauft hat. Sie will mir zwar oorreben, bas fei Imitation, aber so bumm bin ich nicht. Etwas verstehe ich schon bavon."

Liane waren wohl schon ähnliche Gebauten ge­kommen, aber sie hatte sich bisher nicht getraut, bem Verbacht nachzugehen. Wenn Sophie wirklich zur Diebin geworben war, so hatte sie ganz einfacy einer Versuchung nicht wiberstehen können. Der man sie nicht hätte aussetzen bürfen.

Sie warf sich erschöpft auf bie Couch niebcr. Die Tränen stossen stärker, wie in einem Wein­krampf zuckte ihr Körper. Sie war nicht fähig, aufzustehen. Als sie sich etwas beruhigt hatte, hämmerte sie eine ganze Weile vor sich hin, schlief schließlich ein.

Es mußte schon am späten Nachmittag fein, als ein Klopfen an ber Tür sie weckte. Betty verlangte Einlaß.

Gnäbige Frau, ber Metzger hat schon wieber angerufen. Da ist auch bas Gelb."

Wie wenig brachte Betty für bas kostbare Schmuckstück! Aber es reichte wenigstens, um bie bringenbften Schulben zu bezahlen.

Schon im Hinausgehen, roanbte sich Betty noch einmal um.Hier ist auch noch etwas abgegeben worben, gnäbige Frau."

Liane empfing erstaunt ein Päckchen, auf besten Umhüllung bas' Firmenschild eines bekannten Ju­weliergeschäfts zu sehen war. Sie öffnete es. Eine golbene Armbanbuhr kam zum Vorschein. Die quittierte Rechnung lautete auf ben Namen ber Sophie.

Ich habe mir's boch gleich gebacht!" kam es vorschnell aus Bettys Munb. Neugierig war sie hinter ihrer Herrin stehengeblieben.

Liane würbe es schwarz vor ben Augen.

Sie glauben wirklich?" roanbte sie sich Hilfe- suchenb an Betty.

Je nun... Ich weiß, wie roeit man mit feinem Lohn kommt. Ich kann mir keinen Pelz, keine Armbanbuhr kaufen, unb Sophie steht auch allein."

Ja, ja, es wirb schon so sein. Was fange ich aber nun an? Wo nehme ich so schnell Ersatz her?" fragte Liane fast roeinenb. In biefem Augenblick erschien ihr bas Unglück, bie gute Kö­chin zu verlieren, bas weitaus schlimmste.

Nun, bas wirb nicht so schwer sein", meinte Betty frisch.Der Herr kommt sowieso nur mit­tags. Das bißchen Essen werbe ich schon zusam­menbringen."

Betty, Sie glauben wirklich?"

Ja, ich habe mich schon immer ein bißchen fürs Kochen interessiert. Soviel weiß man boch, um einige Mittagessen zusammenzustellen."

(Fortsetzung folgt!)