Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Ur. (04 Drittes Blatt
Montag, 6. Mai (935
„Krast-i>urch-Freui>e"-Sport für Alle.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Bilanz des Stücks.
Wenn die Behauptung, daß wir das Glück nur in uns selber finden können, auch so alt ist, daß selbst Methusalem in seiner Jugend bei ihrem Anhören kaum ein Gähnen unterdrücken konnte, so tft sie doch nichtsdestoweniger wahr. Um so erstaunlicher ist es, daß, wenn man sich aufmacht, um einmal eine hübsche Anzahl wirklich glücklicher Leute zusammen zu bringen, man meistens mit einem recht mageren Ergebnis zurückkommt.
Woran liegt das? Woran liegt es, daß alle diese Menschen, die doch angeblich das Glück, oder vielmehr die Möglichkeit zum Glück in sich tragen wie ein Licht, das bloß angezündet zu werden braucht, daß sie olle behaupten, nicht glücklich zu sein?
Es liegt in sehr vielen Fällen an einem wahren Mangel an Mut zum Glück. Es gibt tatsächlich wenig Menschen, die es wagen, sich selbst oder anderen einzugestehen, daß sie glücklich seien. Denn erstens fürchten sie, damit das Glück zu verscheuchen, zweitens fürchten sie, daß man es ihnen Übelnehmen könnte, und drittens, sind sie sich überhaupt nicht darüber klar. Sie sind zwar nicht krank, sie haben auch genug zu essen und ein Bett, sie haben einen guten Lebenskameraden und nette Freunde ... aber, aber ... es könnte doch besser sein. Und weil um sie herum alles klagt, so klagen sie halt mit.
Das ist die große Mehrzahl. Dann gibt es Menschen, deren Empfindungsmöglichkeiten für das Glück durch ein schreckliches Hebet für immer getötet sind: das find die Blasierten. Wenn jemand einmal zehn Gebote zum Glücklichsein aufstellen wollte, dann müßte er an den Anfang setzen: Du sollst nicht blasiert sein.
Wen die kleinen Wunder des Lebens, eine Blume, ein Frühlingshimmel, das Lachen oder das Geschenk eines Kindes, nicht mehr freuen können, der kann auf immer feine Hoffnungen einpacken. Nie in feinem Leben wird er glücklich fein.
Dabei brauchten sie nur „die Hand auszustrecken", nur ein bißchen Mut und Erkenntnis, Zufriedenheit und Phantasie zu besitzen, um zu erkennen, daß sie eigentlich so glücklich sind, wie man es nur auf die Dauer sein kann.
Und hier zeigt sich noch eine andere Bedeutung dieses mysteriösen kleinen Wortes: Glück. Das ist ein ganzes Leben von zwei Menschen, eine Reihe von Bildern, in denen diese zwei Menschen zusammen sind, oder arbeiten, oder mit ihren Kindern spielen. Und Glück ist: eine einzige Minute, die zischend aufsteigt wie eine Rakete, die gespannt ist wie ein Bogen, ach, viel zu gespannt, um dauern zu können; eine Welt von Gefühlen, eingepreßt in eine einzige Minute, so stark, daß es schmerzen würde, wenn sie länger dauerte.
Augenblick und Dauer, beides ist Glück. Das Gleichgewicht zwischen beiden, auch das ist Glück. Man muß nur begreifen, wissen, die Augen aufmachen. Man muß nur manchmal das „Brett von der Stirn nehmen" und sein Leben s o ansehen, als ob man eben frisch angekommen wäre.
Wieviel Glück kann in einer Minute liegen! Wieviel Glücksminuten sind in einem Jahr! Wieviel Jahre hat ein Leben!
Machen Sie einmal Bilanz, und dann werden Sie sehen, daß das Glück Ihnen gar nicht soviel schuldet, wie Sie glaubten.
Wartung zugeflogener Böget.
Vom Landschaftsbund Volkstum und Heimat, Landschaft Rheinfranken-Nassau-Hessen, wird uns geschrieben:
Im Frühling kommt es öfters vor, daß sich Jung- vägel im Zimmer verfliegen, oder im Garten regen- durchnäßt hilflos am Boden flattern. Was soll man da tun? Vor allem setze man Vögel, die am Boden kauern, auf einen Strauch ober Baum. Sie sind dort viel weniger Gefahren ausgesetzt. Sind die Alten in der Nähe, so werden diese sicher für die Jungen sorgen, besser als wir es könnten. Auch die im Zimmer verflogenen Jungen setzt man in der Regel am besten wieder aus. Die Eltern nehmen sich ihrer sofort wieder an. Wenn die Tierchen verletzt sind, muß man versuchen, sie aufzufüttern.
Im Rahmen der Freizeitgestaltung spielen die Leibesübungen eine wichtige Rolle. So wurden bisher durch die Sportämter der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in vielen Städten Deutschlands Turn-, Sport-, Spiel- und Gymnastikkurse eingerichtet, die für jedermann die Möglichkeit bieten, zu billigen Gebührensätzen sich körperlich zu betätigen.
Das Gausportamt der NSG. „Kraft durch Freude" in Frankfurt a. M. beabsichtigt nunmehr sein Arbeitsgebiet zu erweitern und hat in Gießen einen Stützpunkt errichtet.
Es ist jetzt allen Werktätigen der Stadl Gießen und aus der näheren Umgebung billig Gelegenheit gegeben, sich in den Sportkursen körperlich zu kräftigen, um damit die Leistungsfähigkeit im Berufe zu steigern. 3n froher Gemeinschaft finden in den Sporlkursen des Stützpunktes Gießen hunderte von Volksgenossen nach den beruflichen Anstrengungen körperliche Entspannung und Freude.
Durch die NS.-Gerneinschaft „Kraft durch Freude" sind folgende Sportkurse eingerichtet worden:
Allgemeine Körperschule (Frauen und Männer gemeinsam): Freitags von 20 bis 22 Uhr im Lyzeum, Gießen, ab 10. 5.1935.
Fröhliche Gymnastik und Spiele (nur für Frauen): Donnerstags von 20 bis 21 Uhr im Lyzeum, Gießen, ab 9. 5. 1935, für jüngere; Donnerstags von 21 bis 22 Uhr im Lyzeum, Gießen, ab 9.5.1935, für ältere; Freitags von 20 bis 21 Uhr in der Heilanstalt, Gießen, ab 10.5.1935.
Leichtathletik (Frauen und Männer gemeinsam): Samstags von 17 bis 19 Uhr, Universitätssportplatz Am Kugelberg, ab 11.5.1935.
Fröhlicher Sport- und Spielnachmit- t a g (Gymnastik, Leichtathletik und Spiele, für Frauen und Männer gemeinsam): Freitags von 18 bis 20 Uhr, Universitätssportplatz Am Kugelberg, ab 10.5.1935; Dienstags von 18 bis 20 Uhr, Universitätssportplatz Am Kugelberg, ab 14. 5.1935.
Diese Kurse sind offene Kurse, in die Eintritt jederzeit möglich ist. Die Gebühren für Gym-
Zuerst setze man solche Tierchen in einen Käfig, wo sie sich zunächst etwas beruhigen können. Oft sperren sie nach 1 bis 2 Stunden schon verlangend die Schnäbel auf, wenn man sich ihnen nähert.
Sind es Insektenfresser, erkenntlich am dünnen, meist langen Schnabel, so verfüttere man gewöhnlich vorher getötete Fliegen. Mit einer Pinzette gebe man dem Vogel die' Nahrung ein. Wenn er den Schnabel freiwillig öffnet, ist das natürlich keine Kunst. Man muß dann nur ja nicht zu mel auf einmal einführen wollen. Häufig will der Vogel aber nicht „sperren", dann muß er gestopft werden. Man nimmt ihn dazu sorgfältig in die Hand, ohne ihn zu drücken, und läßt nur das Köpflein zwischen Zeigefinger und Daumen durchgucken. Am Schnabelwinkel, oder besser noch etwas gegen die Spitze zu versuche man nun sorgsam den Schnabel zu öffnen — besser geht es, wenn zwei sich helfen — und schiebe das Futter gegen den Schlund, meist schluckt dann der Vogel. Sorgfältig muß man darauf achten, daß die Nahrung nicht unter die Zunge gerät, oder durch die Pinzette der Schlund verletzt wird.
Körnerfresser, am dicken, kurzen Schnabel erkenntlich, sperren in der Regel nicht. Als Stopffutter eignet sich Brot in Milch aufgeweicht. Es gelingt aber hier viel seltener und erst bei großer Uebung, den Vogel durchzubringen.
NSLB./ Kreis Gießen.
Fachschaft „körperliche Erziehung", Bezirk Gießen.
Tagung der Pflichtarbeitsgemeinschaft am Mittwoch, 8. Mai, in der Turnhalle der neuen Pestalozzischule.
15.30 bis 16.30 Uhr Knabenturnen;
16.30 bis 17.15 Uhr Leistungsturnen;
17.15 bis 18.15 Uhr Mädchenturnen.
nastik, Körperschule, Fröhlichen Sport- und Spielnachmittag betragen für DAF.-Mitglieder Mark —,20, für Vichtmitglieder Wart —,40.
Leichtathletik kostet 30 und 50 Pfennig.
. Schwimmen für Anfänger und Fortgeschrittene (Männer und Frauen gemeinsam): Mittwochs von 20 bis 21 Uhr im Volksbad, Gießen, ab 22.5. 1935; Mittwochs von 21 bis 22 Uhr im Volksbad, Gießen, ab 22.5.1935. Der Schwimmkursus ist ein geschlossener Kursus und ist Eintritt nur bei Kursus- beginnt möglich. DAF.-Gebühr: 6 Sportmarken je 30 Pfennig = 1,80 Mark. Normalgebühr: 6 Sportmarken je 50 Pfennig = 3,— Mark.
Am 8. und 15. Mai finden von 20 bis 21 Uhr und von 21 bis 22 Uhr Einführungsabende statt, an denen alle Volksgenossen zu dem Preis von 30 Pf. teilnehmen können.
Reiten (für Männer und Frauen gemeinsam): Montags von 21 bis 22 Uhr, Reitschule Schömbs, Brandplatz, ab 20.5.1935; Dienstags von 21 bis 22 Uhr, Reitschule Schömbs, Brandplatz, ab 14.5. 1935. Reiten sind geschlossene Kurse. DAF.-Gebühr: 6 Sportmarken je 1,— Mark = 6,— Mark. Normalgebühr: 6 Sportmarken je 1,50 Mark = 9,— Mark. Für die Teilnahme an diesen Kursen ist vorherige schriftliche Anmeldung an die Kreiswaltung der NSG. „Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18, Fernruf: 2919, einzureichen. Genaue Anschrift und evtl. Telefonnummer ist erforderlich.
Das Kulturgut des Sportes gibt frohen Mut und Lebenskraft. Darum ergeht auch an dieser Stelle wiederholt die Mahnung und Aufforderung an alle Volksgenossen:
Reiht euch ein in die Front des ,Kraft-durch- Freude"-Sportes! Wacht euren Körper stark und widerstandskräftig durch Teilnahme an Leibesübungen bei den Sporlkursen der RSG.
„Kraft durch Freude", Gießen.
Erwerbt die Jahressportkarte (mit Versicherung 30 Pf.), entweder in der Geschäftsstelle der NSG. „Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18, oder bet den Sportlehrern in den Sportstunden.
Im Mittelpunkt der Tagung stehen die von der Landesregierung für alle Schulen verbindlich ausgeschriebenen Wettspielrunden. Die beiden Spiele Fußschlagball und Grenzball werden besprochen und vorgeführt. Die Lehrer der anderen Bezirke sind dazu eingeladen.
Kem HI.-Dienst nm Muttertag. Anordnung des Reichsjugendführers.
Am Sonntag, 12. Mai, feiert das deutsche Volk wiederum den Muttertag. In würdigen Familienfeiern bekennt es sich zur deutschen Mutter und zum deutschen Familien- und Volksleben.
Aus diesem Grunde hat der Reichsjugendführer Baldur von Schirach angeordnet, daß der Sonntag,derl 2. Mai,fürHJ. und B d M. dienstfrei ist.
Da der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Schulfeiern zu Ehren der deutschen Mutter und der deutschen Familien für Samstag, 11. Mai, angeordnet hat, wird nach der Anordnung des Reichsjugendführers der Staatsjugendtag an diesem Tage um 11 Uhr abgeschlossen. Die Schüler und Schülerinnen, die Mitglieder der H. I. und des BdM. sind, beteiligen sich in Zivilkleidung an den für 11 Uhr angesetzten Schulfeiern.
Amtliche Mitteilung der Reichsmusikkammer.
Bekr.: Eingliederung der Solisten in die Fachschaft IV der Reichsmusikerfchaft in der Reichsmusikkammer.
Gemäß Anordnung des Herrn Präsidenten der Reichsmusikkammer vom 18. März 1935 betr. Eingliederung von Solisten in die Fachschaft IV der
Reichsmusikerschaft bitten wir die Künstler, welche auf dem Gebiete des Oratoriums und Konzerts so- listisch tätig sein wollen, sofort einen Antrag auf Aufnahme in die Fachschaft IV der Reichsmusiker- schäft stellen zu wollen. Diese Bekanntmachung betrifft auch Mitglieder welche bisher der Fachschaft IV schon angehört haben.
Dem Antrag sind beizufügen: Lichtbild, Lebenslauf, polizeiliches Führungszeugnis, künstlerisches Material, Pressestimmen, Repertoire usw.
Von dem Befund dieser Unterlagen wird es abhängen, ob der Antragsteller eine Prüfung abzulegen hat, deren Zeitpunkt noch bekanntgegeben wird. (Prüfungsgebühr RM. 5,—).
Die Anträge sind an die zuständige Ortsmusikerschaft bis spätestens 10. Mai 1935 einzureichen.
Darmstadt, 3. Mai 1935.
Reichsmusikkammer
Der Landesleiter Hessen-Nassau F i ch t m ü l l e r.
Glückwunsch vom Führer.
Anläßlich der goldenen Hochzeit der Eheleute Alois K u b e in Gießen, Aulweg 100, am Freitag, 3. Mai, erhielt das Jubelpaar das nachstehende, vom Führer und Reichskanzler Adolf Hitler eigenhändig unterzeichnete Glückwunschschreiben:
„Zu dem seltenen Fest der goldenen Hochzeit sende ich Ihnen und Ihrer Gattin meine herzlichsten Glückwünsche. Ich hoffe und wünsche, daß Ihnen noch ein recht langer und ungetrübter Lebensabend im Kreise Ihrer Familie beschieden sein möge. Gez. Adolf Hitle r."
Lebensmiiielsammluna.
Amt für Volkswohlfahrt. Ortsgruppe Gießen-TNitte.
Im Bereich der Ortsgruppe Mitte wird am Mittwoch, 8. Mai, die Lebensmittelsammlung durchgeführt. Die Sammlerinnen werden die erhaltenen Spenden in die Mitgliedskarten vom Lebensmittelopferring quittieren. Wir bitten deshalb die Hausfrauen, die Spenden sowohl als die Mitgliedskarten ab Mittwoch, vormittags 9 Uhr, bereitzuhalten.
Amt für Volkswohlfahrt.
proviuzmlausschuh-Gitzung.
In der öffentlichen Sitzung des Provinzialaus- fchusfes der Provinz Oberhessen am Samstag kamen folgende Verwaltungsstreitsachen zur Verhandlung:
Eine Klage des Jakob Stampfl in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 29. Januar 1935 wegen Versagung des Wandergewerbescheines für 1935 Kj. wurde als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen und der Streitwert auf 100 Mark festgesetzt.
Die Beschwerde des Max R u h l a n d in Bad- Nauheim gegen die Entscheidung der Bürgermeisterei Bad-Nauheim vom 7. März 1935 wegen Zurücknahme der Erlaubnis zum Verkauf von Milch wurde als unbegründet kostenpflichtig zurückgewiesen und der Streitwert auf 500 Mark festgesetzt
Der städtische Gelderheber Hugo Klinkerfuß aus Bad-Nauheim wurde in dem gegen ihn eingeleiteten Dienststrafverfahren freigesprochen und die Kosten des Verfahrens der Stadt Bad-Nauheim zur Last gesetzt.
Gegen Störungen der Ruhe und Ordnung durch Musizieren.
Die Polizeidirektion weist daraus hin, daß anhaltendes Musizieren, insbesondere Klavierspielen, Spielenlassen von mechanischen Musikapparaten (Grammophonen, Radiolautsprechern und dgl.) im Freien oder bei offenen Fenstern meist eine erhebliche Belästigung der Nachbarschaft bildet und häufig den Tatbestand des § 360, Ziffer 11, des Reichsstrafgesetzbuches (ungebührliche Erregung ruhestörenden Lärms oder Verübung groben Unfugs) erfüllt. Die Polizeibeamten sind angewiesen, dagegen einzuschreiten.
ffnfer größter Botschafter.
Wagner-Begeisterung in Italien.
Don unserem römischen E.-Korrespondenien.
Rom, im Mai.
Er ist immer noch unser größter Botschafter: vor Richard Wagner beugt sich der kaltschnäuzige Kanonenhändler, der gerissenste Diplomat, der unfreundlichste Politiker. Vielleicht kann nur der Auslanddeutsche so ganz ermessen, erfühlen, was wir an dem musikalischen Künder unseres Wesens haben, denn erst im feindseligen Ausland begreift man feine grenzensprengende Kraft. Von ihm geht aus ein Leuchten, eine menschen- und feuerzwingende Macht wie von Wotans heiligem Speer.
Es gibt überall -in der Welt, die uns im Kriege gegenüberftanb, Leute, die während der auch über die deutsche Musik verhängten Blockade schier verhungerten, die ohne Wagner nicht leben konnten und sich kümmerlich von Konserven nährten, den.hetm- lich gespielten Schallplatten. Kaum schwieg der Lärm der Waffen, da erzwangen sich die „Wagner- narren" allen Boykottversuchen zum Trotz den Weg nach Bayreuth, die Herren Kapellmeister in Paris sogar gehorchten — ach und wie gern sie gehorchten! Alles hatte genug von der vitammlosen Winternahrung, der K-Musik.
Und Nikisch zog nach Rom. Ich sehe ihn noch vor dem See am damals noch ungepflasterten Bahnhofsplatz stehen, ein Wolkenbruch ging nieder, und ich hatte den neuen Strohhut auf. Nikisch sand keine Furt, da hieß es halt durch, der Strohhut flatterte ihm als Signal entgegen, auf einem Seitenweg gelang es, den Maestro zu einer Droschke zu lotsen. Wie die Stimmung sei, fragte er. Besser als das Wetter, sagte ich, und sein durchdringender Blick verlor sich ungläubig in der molluskenhaften Masse, die in der Flohecke der Droschke schwabbelte: Strohhut wie Wagner, das schien ihm heute die gleiche Herausforderung.
Aber dann der Abend im Augusteum! Das Publikum war geladen mit Spannung, aus allen Fingern sprühte es wie St. Elmsfeuer, die Wagner- hungrigen verschlangen schon „Tannhäuser" mit förmlicher Gier. Und schließlich glomm es auf, das überirdische Leuchten, es zog Isoldes Liebestod durch das Mausoleum des Augustus — da hielt es die Menschen nicht mehr, da sprangen sie auf, vergebens rangen Frontkämpfer mit den Tränen, harte Männer gruben die Fingernägel in die Handflächen, um nicht aufschreien zu müssen ... und als die letzten tost hinstachM wie das Mri-W KM ainfifi (Lose
nenuniergangs auf dem Bodensee, als unermeßlich einherschritt das Sehnen einer Menschenseele, da, ja da war es, als müsse nun der zweitausendjährige Bau einstürzen. Deutschland hatte gesiegt ...
Und wieder herrscht unfreundliches Wetter in Italien, die Zeitungen, wie kontrapunktisch gebunden an das Pariser Leitmotiv, scheinen uns nicht verstehen zu wollen, sie ziehen wieder einmal in den Staub, was uns heilig ist. Sie verspotten den Wotan des Rings als „alten Nörgler", sie machen ein lächerliches Duell aus seiner letzten Begegnung mit Siegfried, sie tun sich etwas auf die überlegene lateinische Kultur. Macht auch das Volk dabei mit?
Nun, als die Oper in Turin kürzlich den Ring durchsetzte, mußte das Publikum durch Anschläge ersucht werden, das Beleuchten der Textbücher durch Taschenlampen während der Vorstellung zu unterlassen. So verbissen sich die Wagnerfreudigen in die Partitur!
Rom brachte dann in einer vollendeten Darstellung die Meistersinger heraus. Wer keinen Platz mehr errang, hängte sich an den Rundfunk. Wer in Deutschland mithörte, weiß, wie die Begeisterung durch das Haus hallte. Wäre der Fernseher schon da, so hätte man auf der allerhöchsten Galerie reihenweise junge „Fanatiker" sitzen gesehen, die, das Notenheft auf den Knien, den Kopf in den Händen vergraben, die Welt um sich vergaßen.
Das größte Musikereignis der Saison: Schlußkonzert des Augusteums. Niemand hätte etwas Ungewöhnliches dahinter gefunden, wenn es von den nationalen Musikheroen bestritten worden wäre, ist es ja doch auch guter Brauch, die Opernsaison stets mit einem nationalen Werk zu eröffnen. Ungewöhnliches aber geschah: das Augusteum hatte den Mut, die Saison mit einem Wagner-Konzert zu beschließen! Von allen Mauern schrien es die Plakate, von Mund zu Mund wurde die Sensation weiter- getragen. Nur Wagner! In Rom! Im Augusteum!
Mehr noch: Molinari dirigierte, der römische Nikisch. Und der Rundfunk wollte kein Geheimnis mehr daraus machen, er übertrug auf alle Landesund viele ausländischen Sender, unmittelbar nach der Weihe von Lourdes. So hörte man um 18.30 Uhr noch den Kardinal, eine Viertelstunde später den „Fliegenden Holländer", schließlich Wotan. Und unter dem fantasma des Walkürenritts verließen die Menschen summend und singend den Saal, wie blind für die Gefahren der Straße, der alltäglichen wie der politischen.
Da war keiner, der an einen alten Nörgler dachte, als der Gott schied von feinem Kinde. Da war nur ein einziger inbrünstiger Herzschlag, als das Maufo- teum jßlbes teoneu Mas m srsbstmdsL Lcchs»
UeberaU sind Anschläge, die die Zuhörer ermahnen, kein „bis" zu verlangen, keine Wiederholung, jeder weiß es von Jugend auf, und doch, was vergißt man nicht alles bei einer solchen Musik, die Leute rasten vor Verlangen: büs! büüüss! Da capo! Büsssss! Sie trommelten mit Fäusten und Füßen. Wäre Wagner selbst dagewesen, man hätte ihn in Stücke zerrissen vor Liebe und Begeisterung.
Er ist immer noch unser größter Botschafter.
Eine Schädel-Operation mit Feuersteinen.
Die modernen Mittel der Medizin, in der Chirurgie vor allem die Verwendung der feinsten Instrumente bei gleichzeitiger Schmerzbekämpfung durch Narkose, erscheinen uns heute als so selbstverständlich, daß wir uns kaum mehr vorstellen können, wie eine schwierige Operation vor vielen tausend Jahren ausgeführt wurde. Wie war es möglich, daß der Mensch unter den Werkzeugen des „Arztes" Nicht verblutete oder vor Schmerzen den Verstand verlor? Tatsächlich aber hat man — das wissen wir aus einer Reihe von Funden — schon in vorgeschichtlichen Zeiten sog. Trepanationen vorgenommen, d. h. operative Oeffnungen einer von Knochen umgebenen Höhle durch Aufmeißelung oder Anbohren, insbesondere an der Schädelkapsel. Nun ist an der Sussex-Küste van England vom Schleppnetz eines Fischdampfers ein derart primitiv behandelter Schädel vom Meeresgrund ans Tageslicht gefördert worden; er ist von dem Direktor des Brigh- ton-Mufeums auf die Bronzezeit bestimmt und von dem Londoner Chirurgen Doktor Wilson Parry einer genauen Untersuchung unterzogen worden. Es handelt sich hier um einen menschlichen Schädel, an dem zwei Trepanationen vorgenommen worden sind und der ein außergewöhnliches Beispiel vorgeschichtlicher Chirurgie darstellt. Die abgeschrägten Seiten der Löcher, von denen jedes mehr als 2,5 Zentimeter groß ist, sind offensichtlich mit Feuersteinen bearbeitet worden. Der Arzt hat wahrscheinlich vor dem Kranken gekniet und feinen Kopf fest zwischen die Knie genommen, eine Anzahl frisch vorbereiteter Feuersteine griffbereit zur Seite. Dann ist nach einem Einschnitt in die Kopfhaut mit einem scharf zugespitzten Feuerstein die Schädeldecke ausgehöhlt worden. Beide Trepanationen sind unmittelbar hintereinander durchgeführt worden. Nach den Versuchen, die Dr. Wilson Parry, der sich schon fast zwanzig Jahre mit dieser Art vorgeschichtlicher Chirurgie beschäftigt, an mehreren Schädeln vor- flßimmmen hat. hauM M jplcher operativer Um
griff mindestens eine halbe Stunde. Die Oeffnung des jetzt neuentdeckten Schädels aus der Bronzezeit erfolgte anscheinend als letzte dringende Hilfe gegen eine Knochenhautentzündung, worauf die in den Knochen hineingefressenen Löcher hindeuten. Einige dieser winzigen Löcher haben sich im natürlichen Wachstum geschlossen, ein Anzeichen dafür, daß die Operation vorgenommen wurde, während der Patient noch lebte. Der Kranke scheint den chirurgischen Eingriff aber nicht lange überstanden zu haben und dürfte nach ungefähr sechs Wochen vermutlich an Vergiftung gestorben sein. An zwei anderen Schädeln, die schon vor einiger Zeit auf englischem Boden gefunden wurden, haben die Operationen offensichtlich zu verschiedenen Ergebnissen geführt; der eine Patient hat nach der Trepanation höchstwahrscheinlich noch lange gelebt, während der andere unter den Händen des Arztes gestorben ist.
Am Fußabdruck wird das Kind erkannt.
Während man in deutschen Krankenhäusern mit den Neugeborenen so sorgsam umgeht, daß Verwechslungen ausgeschlossen erscheinen, hat man in Amerika ein Verfahren ersonnen, das jeden Zweifel an der Identität jedes Kindes tilgt. Dr. Hans Schneickert beschreibt es im Machest von Beltz a g e n & Klasings Monatsheften: Während im Gebunsraum die notwendigen ersten Tätigkeiten ausgeführt werden, wird als eine der ersten Maßnahmen eine Metallmarke an Hals ober Handgelenk des Neugeborenen befestigt, welche die gleiche Nummer trägt, wie eine entsprechende um den Hals der Mutter gebundene Metallmarke. Sofort nach der Waschung erhält der Neugeborene einen Stoffklebestreifen auf den Rücken geklebt mit dem Namen der Mutter und dem Tag der Geburt. Als drittes Verfahren wird die Aufnahme von Fußabdrücken angewendet an Stelle von Fingerabdrücken, die .unmittelbar nach der Geburt wegen der Feinheit der Papillarlinien noch nicht aufnahmefähig sind. Die Fußabdrücke werden ausgenommen, noch ehe der Neugeborene oder die Mutter den Geburtssaal verläßt. Die Abdrücke werden auf zwei Vordrucken ausgenommen, von denen ein Abdruck im Hospital verbleibt und der zweite in Form eines Hospital-Geburtszeugnisses der Mutter beim Verlassen des Krankenhauses ausgehändigt wird. Neuerdings wird auch ein Fingerabdruck der Mutter auf die im Hospital verbleibende Urkunde gesetzt, was deswegen die -oidjeröeit erhöht, weil damit nochmals einwandfrei beurkundet wird, welcher Neugeborene zu einer bestimmten Mutter go° HÜÄ»


