einer Tagung von Vertretern der sog.
Seite, zwischen Geist und Brot schwankt er hin
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Die Religiosität im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten treibt zuweilen wunderliche Blasen auf. Aus Groton (Amerika) wurde vor einiger Zeit folgendes berichtet: „C. S. Carter errang die P f a n n - kuchenmei ft erschuft von South Dakota. Er aß 51 Pfannkuchen in 35 Minuten, die ihm das örtliche kirchliche Komitee gewährt hatte. Er verbesserte damit den Rekord, den W. P. Myrs hielt, um 8 Punkte." Diese Amerikaner haben doch entschieden originelle Ansichten von der Entwicklungsfähigkeit des Christentums! Unwillkürlich denkt man an jene Wüstenheiligen der Urkirche zurück, deren
id) lange Zeit bleiben.
der Brotkarte und die
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Stück 30 Pfg, ) Stück RM 085
Streiszüge im Mittelmeer.
Äon Or. Paul Rohrbach.
Eine „Huldigung" eigener Art hat die Sowjetregierung dem Grafen Leo T o l st o i auf dessen Besitzung Jassnaja Poljana im Gouvernement Tula bereitet. Das Gutshaus, in dem Tolstoi den größten Teil seines Lebens gewohnt hat und wo seine Hauptwerke „Krieg und Frieden" und „Anna Karenina" entstanden sind, wird zwar, wie vor kurzem ein italienischer Reisender berichtete, als eine Art Nationalmuseum gut instand gehalten, allein die Gedenktafel, die den Besucher am Eingang empfängt, deutet nicht gerade auf ein besonders herzliches Verhältnis der heutigen Machthaber zu Rußlands größtem modernen Schriftsteller. Auf ihr steht nämlich ein Ausspruch Lenins über Tolstoi, der so lautet: „Tolstoi war ein sehr großer Künstler, aber ein schlechter Denker. Seine schwache Lehre beweist die Unfähigkeit der alten Adelsklasse, eine neue Staatsordnung zu schaffen." Daran ist nun zweifellos manches richtig, denn Tolstoi war in seiner reichlich verschwommenen Gefühlsmystik alles andere als ein klarer Kopf; immerhin hat seine Lehre sehr viel zur Unterminierung des Zarismus und damit zum Siege der bolschewistischen Doktrin beigetragen. Da Tolstoi aber auch ein religiöser Reformator war (oder doch sein wollte), darf er natürlich nicht in die Reihe der geistigen Wegebahner der Revolution aufgenommen werden. Als Künstler mag er schon seinen Ruhm behalten; das ist unverbindlich und verpflichtet zu nichts. — Dank vom Hause Lenin!
SanbMen iur kleine» Zeitgeschichte.
13 du Ernst v Niebelscküh
Der leidenden Menschheit eröffnen sich wieder einmal „ungeahnte Perspektiven". Diesmal auf dem Gebiete der Psychotherapie. Daß unsere Seele gehörig unter Suggestion gesetzt ober gar nach allen Regeln einer kunstgerechten Hypnose bearbeitet, der tollsten Leistungen fähig ist und in solchem Zustande Dinge unternimmt,' auf die sie unter normalen Verhältnissen nicht kommen würde, wissen wir und notieren es mit Staunen. Bisher aber glaubten wir, dergleichen Wirkungen könne nur der Mensch auf den Menschen ausüben. Das Verfahren ist im Begriff, von einer neuen psychischen Beeinflussungsmethode überholt zu werden, die nun in verschiedenen europäischen Hauptstädten durch Experimentalvorträge eingeführt wird. Sie besteht, kurz gesagt, darin, daß die Suggestivkraft der menschlichen Persönlichkeit auf eine Schall- platte übertragen wird, die ihrerseits dem HilfsbeDürftigen genau die gleiche Diätetik der Seele verabfolgt wie früher der Seelsorger, der Arzt, der Hypnotiseur. Wer künftig Sorgen hat, braucht also nichts weiter zu tun, als sich im Hausgrammophon eine solche Platte vorspielen zu lassen, und gleich wird er spüren, wie sich unter dem Einfluß des psychophonen Zaubers eine unendliche Heiterkeit und Harmonie über fein eben noch so verstörtes Gemüt verbreitet. Denn diese Platten, die genau dosiert und auf alle nur denkbaren Fälle, vom einfachsten bis zum kompliziertesten, abgestimmt sind, machen die bekanntlich überaus unbequeme S e l b st e r z i e h u n g der Seele vollkommen überflüssig. Sie stellen also gleichsam eine Sortimentkiste psychischer Exerzitien dar, die man wie eine Arznei zu bestimmten Tageszeiten ein- nimmt, um sofort aller Beschwerden los und ledig zu sein. Aber Scherz beiseite: wohin soll dieser fieberhafte Eifer, den Teufel der Nervosität durch Den Beelzebub einer falsch, d. h. rein mecha - nisch verstandenen Seelentherapie auszu- rotten, eigentlich noch führen?
nach wie vor groß. Auch die Ausbildung ist äußerst unbefriedigend; die Studenten werden im Eilzugtempo durch einige Semester gehetzt — im Beruf verderben diese „Aerzte" dann mehr als sie zu nützen vermögen. Die sanitären Zustände Rußlands waren für den Westen stets ein eindeutig negativer Begriff — sie werden es trotz aller amt
Bekanntlich wird der Wunsch des ehemaligen amerikanischen Schatzsekretärs Andrew Mellon, seine Kunstsammlungen zum größten Museum der Welt auszubauen und sie dem Staate zu schenken, in dem gegen ihn schwebenden Steuerhinterziehungsprozeß eine große Rolle spielen. Uns interessiert hier weniger die Frage, ob sich der Staat von der angeblichen Uneigennützigkeit und dem Patriotismus Mellons überzeugen lassen wird, als der Plan selber, und zwar deshalb, weil seine praktische Verwirklichung ja nur auf Ko st en Europas möglich wäre. Das angelsächsische Amerika besitzt keine nennenswerte eigene Kunst, dafür aber eine durch den Dollar repräsentierte magische Anziehungskraft auf den locker gewordenen europäischen Bestand an alter Kunst, der allen staatlichen Ausfuhrverboten zum Trotz in den letzten Jahrzehnten, besonders nach dem Weltkriege, sehr starke Verluste zugunsten Amerikas erlitten hat. Man kann heute Meister wie Rembrandt oder van Dyck ohne Zuhilfenahme des transozeanischen Museums- und Privatbesitzes in der alten Welt nicht mehr voll kennen lernen! Man versteht es also, wie Mellon den Plan fassen konnte, durch riesenhafte Ankäufe in Europa seinem Vaterlande einen Kunsttempel zum Geschenk zu machen,, in dem sich der amerikanische Größenwahnsinn wie in einem Spiegel betrachten könne. Die für unsere Begriffe bereits phantastischen Bildererwerbungen Mellons aus dem Bestand an Meisterwerken der Eremitage in Leningrad waren erst ein bescheidener Anfang. Denn in den Augen dieses Stahltrustmagnaten mit der verzehrenden Liede für die Kunst ist ja das alte Europa kaum etwas anderes als eine kostbare Beute, die von rechts- roegen dem Stärkeren, nach amerikanischer Vorstellung also dem Mei st bietenden, gehört.
Aus aller Welt.
Der Raubmörder von Garmisch feslgenommen und geständig.
Der Raubmörder von Garmisch namens Jesko von Sz pingier, der in der Nacht zum 1. April die 52jährige Berliner Oberschwester Katharina Peters ermordet und beraubt hatte, wurde in Berchtesgaden fest genommen. Er hatte sich dort in einem Gasthaus unter falschem Namen eingemietet und wurde von einem Beamten der Berchtesgadener Polizei bei einer Fremdenkontrolle erkannt. Dem Polizeibeamten war auf- gefallen, daß sich unter den Fremden-Anmeldungen ■ein Zettel befand, auf dem ein junger Mann sich als Kaufmann mit einer fo schlechten Schrift eingetragen hatte, daß die Berufsangabe unmöglich stimmen konnte. Bei einer Nachprüfung fand er den Verdächtigen noch im Bett vor. Der Beamte erkannte ihn nach der Personalbeschreibung als den Raubmörder von Garmisch. Als er ihm die Tat auf den Kopf zusagte, legte der Bursche nach kurzem Zögern ein Geständnis ab. Bei ihm wurden noch die goldene Damenuhr und die Lorgnette, die er geraubt hatte, gefunden. Die anderen Gegenstände will der Bursche in München verkauft haben. Der Täter wurde nach München gebracht. Der Mörder hatte in dem Berchtesgadener Gasthof unter dem Namen Wander gewohnt. Er ist personengleich mit dem am 28. August 1918 in Kiel geborenen Jesko von S^pingier. Der Mörder ist geständig, bestreitet aber die Tötungsabsicht
Jubiläumsspende für die englische Jugend.
Die anläßlich des silbernen Regierungs- jubiläurnsdesKönigsGeorg vonEng- land geschaffene Dankstiftung für die Wohlfahrt der englischen Jugend wird über ein Grundkapital von 4 Millionen Pfund Sterling verfügen. Die Stiftung wird durch weitere Spenden erweitert werden und gilt als ständige Einrichtung zur Unterstützung der großen Organisation des Landes, die sich die Sorge um die englische Jugend in sozialer und gesundheitlicher Hinsicht zum Ziele gesetzt haben. Eine beträchtliche Anzahl von Spenden aus Kanada, Indien und dem Fernen Osten sind bereits eingegangen.
lichen Schlagworte noi
Die Aufhebung _________
Verteuerung der Lebenshaltung hat aber auch in der Arbeiterschaft zunehmende (Erbitterung hervorgerufen. Der Sowjetarbeiter, zwar eine der stärksten Stützen des Systems, war bisher dennoch stets auch eines seiner ersten Opfer. Nach dem schweren Tagewerk bricht für ihn erst die Sorge an. Parteiversammlungen, Kundgebungen, Aufmärsche, Lernen und Lesen, Propagandaarbeit — von der „Politik" ist er völlig gefangengenommen. Dazu aber die furchtbaren Wohnungsverhältnisse, Schlangestehen nach Lebensrnitteln, sich nicht sattesten können — zwischen Kvmiteeardeit, Versammlungen und Propaganda auf der einen und der Sorge um das tägliche Leben und um die Erhaltung der Familie auf der ande-
Fähigkeit des Lesens und Schreibens" hat zlpar unleugbar Fortschritte gemacht, von einer wirklichen Beseitigung des Analphabetentums ist man aber noch sehr weit entfernt, und schließlich hat die Schaffung von etwa 50 Millionen Halbanalphabeten dem Staat ungeheuren Schaden zugefügt. Denn sie sind es, die in allen Berufen vertreten sind, die in den Schulen Die Kinderseelen verderben und vergiften, in den Fabriken wertvolle Maschinen zerstören, auf den Lokomotiven Eisen- bahnunglücksfälle verschulden und auf den Feldern die Bauern aufreizen. Mit der „Liquidierung des Analphabetentums" ist es wie mit Der „Aneignung Der Technik" unD mit Dem „Kulturleben": Man glaubte es im ersten Ansturm zu erreichen und ein JahrhunDert westeuropäischer Entwicklung zu überspringen — aber es sinD nur Schlagworte geblieben.
Seit den ersten Märztagen ist ein neuer „Feldzug" in Räterußland im Gange: d i e „Schul - kampagne". Die Krise der Sowjetschule, die seit Den ersten Tagen des Regimes schwelt und die nie aufgehört hat, eines der wichtigsten Probleme des inneren Aufbaus der Sowjetmacht zu fein, ist nach
schulen der Sowjetunion" wieder akut geworden. Was auf der Tagung aus der Praxis dieser „Musterschulen" ans Licht der Oeffentlichkeit gedrungen ist, legt allerdings beredtes Zeugnis von den Zuständen in der Sowjetschule ab. Das ganze kommunistische Erziehungswesen erscheint hier in einem Lichte, das den Sowjetbehörden außerordentlich unangenehm ist. In einer Reihe von Zuschriften an Die großen Sowjetblätter aus Moskau und der Provinz werden nicht nur die Schulen auf dem weiten Lande, sondern auch diese Musterschulen als verwahrlost und heruntergekommen geschildert. Man hat kein Geld — also muß in drei Schichten unterrichtet werden. Dächer und Fußböden weisen große Löcher auf, durch die Fenster und Türen pfeift der Wind. Lehrer und Schüler sind geistig und moralisch gleich verkommen. Hier haben sich die Schüler einer Anstalt in zwei Parteien geteilt, die sich zwei bekannten Räuberbanden anschlossen, dort werden die Klassenschränke regelmäßig erbrochen, Mäntel und Bürogegenstände gestohlen, ja, die Aktentaschen der Lehrer mitgenommen; in Rostow am Don befinden sich die Schulen „in der Macht der Straße" (laut „Jswestija"), und in einer der Moskauer „Musterschulen" — also unter den Augen der Regierung! — werden Prügeleien und Diebstähle gar nicht gezählt, manz registriert nur noch Messerstechereien und Massenüberfälle von Schülern! Schuldisziplin im europäischen Sinne ist diesen Zöglingen ein unbekannter Begriff.
Zum größten Teil hat die Regierung diese Zustände selbst verursacht. Ursprünglich hatten die Schulen eine „Selbstverwaltung", wobei die sog. „Schülerräte" die ausschlaggebende Rolle spielten. Sie entschieden über Die Aufnahme eines neuen Schülers. Schüler saßen zu Gericht über — die Lehrer und Eltern der Kinder, sie hatten selbst bei der Aufstellung des Lehrprogramms mitzureden! Die Folge war, daß die Moral Der Straße in Der Schule regierte. Nur allmählich rourDen in Den letzten Jahren hier Die gröbsten Auswüchse beseitigt. Noch immer aber krankt Die Sowjetschule an Der sittlichen und moralischen Derlodderung, an der Unzulänglichkeit der finanziellen Mittel, an dem geistigen Tiefstand von Schülern und Lehrer, an der Üeberfütterung Der KinDer mit Partei- Dogmen von ihrem jüngsten Alter an und an dem katastrophalen Mangel an Lehrern. Diese erhalten 80 bis 90 Rubel im Monat, während ein Metallarbeiter 200 bis 350 Rubel verdient und ein Pfund Brot 0,50 bis 1,50 Rubel kostet. Unterrichtet wird „irgendwie und irgendwas", die Kenntnisse der Lehrer sind „bescheidensten Umfanges" (wörtlich aus der „Jswestija), und es ist kennzeichnend für. ihr Wissen, daß auf einer Lehrerprüfung u. a. von einem der kommenden Erzieher der Jugend erklärt wurde, Tokio sei die Hauptstadt Indiens, Roosevelt sei der Präsident Chinas, die Seine sei ein Fluß in Sibirien und Peter der Große sei der Vater des letzten Zaren gewesen ...
Ein gleich wichtiges Problem ist das Der Aerzte- schäft. In Diesen Tagen brachte Die Sowjetpresse den Bericht über die bevorstehende Errichtung eines „medizinischen © i ganten", eines gewal- , tigen Komplexes mit Krankenhäusern, Polikliniken, Laboratorien usw., das einen Stadtteil für sich darstellen, mit allem Komfort versehen sein und die sämtlichen Aerzte, Angestellte und Arbeiter beherbergen soll. Also ein neuer „Rekord", wieder etwas „Noch-nie-Dagewestnes". Man wird abwarten müssen, ob diese „medizinische Stadt" wirklich in fünf Jahren fertig sein wird. — Während dieser Plan aber zu Papier gebracht wurde, tauchte ein ganz anderes „medizinisches Problem" auf. Die Regierung mußte sich mit der Lage der ärztlichen Betreuung des weiten Landes, mit dem Verdienst der „medizinischen Arbeiter" und anderen sanitären Fragen befassen--und fest
stellen, daß die gegenwärtigen Zustände Besorgnis erregen. Seit Jahr und Tag — besonders aber seit der Abschaffung Der Brotkarte — ist eine regelrechte Flucht Der Aerzte aus Dem Beruf im Gange. Zahlreiche Beamte des Sanitätskommissariats, Aerzte, Krankenpfleger und Schwestern ha- haben ihre Posten verlassen und das Weite gesucht. In einem Bezirk Großrußlands ist von 700 Aerzten nur noch die Hälfte im Dienst und der übergroße Teil der Jungärzte tritt seinen Dienst auf dem Lande überhaupt gar nicht erst an.
Nun werden in einer umfangreichen Verordnung die G e h ä l t e r der Aerzte und des Sanitätspersonals neu geregelt. Sofern aber einem Arzt je nach Dienstalter und Tätigkeit 300 bis 600 und einem Krankenpfleger und einer Schwester 80 bis 150 bis 220 Rubel zugebilligt werden, so ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stern, wenn Die Lebensmittelteuerung ftänDig zunimmt. Die Krankenhäuser sinD oft in einem völlig sanitatswidrigen Zustand, die ausreichende Verpflegung der Kranken und Genesenden scheitert an Der praktischen Unmöglichkeit, Lebensmittel zu beschaffen, unD Der Mangel an Aerzten — es fehlen laut „Jswestiia z. B. in Westsibirien 50 v. H. Aerzte unD m Ka- sakstan mangelt es an 160 Krankenhäusern — ist
Baratieris Unglück bei Adua war nicht zuletzt eine Folge des voreiligen Drängens in der Heimat auf Siegesnachrichten aus Afrika. Verstärkungen waren unterwegs, die Etappenlinie war noch im Ausbau, aber Crispi telegraphierte: Vorwärts! Das englische und das romanische Temperament waren eben verschieden. Heute verfügen die Italiener über den Vorteil, daß sie von zwei Seiten her kommen können, von Eritrea im Norden und von Somaliland im Süden. Von hier wie von dort sind teils Autostraßen, teils Eisenbahnen (teilweise Schmalspur) bis ai> die Grenze Des abessinischen Gebiets gebaut. Es bleiben aber sowohl von der südlichen als auch von der nördlichen Basis her 700 bis 800 Kilometer Luftlinie auf sehr schwierigem Terrain zu überwinden. Sollte man in Rom ernsthaft an einen Feldzug denken, so werden die verantwortlichen Stellen wohl Die Doppelte Lehre aus Den Erfahrungen Napiers unD Baratieris berücksichtigen. Italien hat gute Geographen, unD die Italiener sind seit Jahrhunderten bekannt als ausgezeichnete Ingenieure und Techniker. Ein afrikanischer Krieg ist aber stets zu drei Vierteilen e i n Kampf mit der Natur, mit den Schwierigkeiten für die Bewegung, Ernährung und Gesunderhaltung einer europäischen Truppe, und nur zu einem Viertel ein Kampf mit dem bewaffneten Gegner. Die italienische Heeresleitung wird sich wohl hüten, Die nationale Stimmung in bezug auf Afrika Durch Uebereilungen zu gefährben, und Daher könnte es vermutlich längere Zeit Dauern, bis Die Welt die wirklichen afrikanischen Pläne Italiens erfährt.
Gerade hier in Venedig erinnert die Geschichte Daran, Daß die Venetianer in früherer Zeit schon ein großes italienisches Kolonialreich gegründet haben, Das sich bis Kreta, bis Cypern unD zur Zeit des lateinischen Kaisertums vorübergehend sogar bis Ko n ft anti- n o p e 1 ausdehnte. Heute find solche Räume zu klein für ein Volk, das in die Weltpolitik hinaus will. Mag auch noch im Mutterlande ein z w e i - t e s Italien geschaffen werden können — Die heimische Enge wird doch bleiben, und über kurz oder lang wird sie zum Wagnis des dritten, jeyseits Der Meere, Drängen! Das Wagnis Dabei wird niemandem in seinem Inneren besser gewärtig sein, als dem Mann am Steuer.
und he*. Seine Einkommensverhältnisse sind, gemessen an Der Kaufkraft, mit Denen etwa eines europäischen Arbeiters nicht zu vergleichen.
Nach Der Aufhebung Der Brotkarte funktioniert die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln immer noch nicht. Der staatliche Handelsapparat ist äußerst s ch w e r f ä 11 i g , in allen amtlichen Stellen macht sich der Bürokratismus breit und die Erhöhung des Brotpreises hat auf allen Gebieten eine Verteerung nach sich gezogen. Die Lage der Arbeiterschaft in Sowjetrußland hat sich ganz allgemein verschlechtert. Die Teuerungszuschläge sind ungenügenb oder werden nicht aus« gezahlt, teilweise sind sie noch nicht einmal in ihrer Höhe festgesetzt worden. Selbst in der „Prawda" werden diese Mißstände als unerhört bezeichnet. Brotschmuggel und Schiebungen stehen in voller Blüte — und der Arbeiter ist wieder einmal das Opfer. Seit die Sowjetregierung dem Bauern den Kampf angesagt und das Brot politisiert hat, ist die Ernährungsfrage eines der wichtigsten Probleme. Hier wie überall sagt man sich in Den Kremlpalästen: E s roirD schon irgenDroie gehen. UnD Der Russe ist Fatalist — also geht es „irgendwie". Nur darf man die Opfer nicht zählen!
Unser langjähriger Mitarbeiter, dessen politische Reiseberichte immer das besondere Interesse unserer Leser gefunden haben, trat soeben eine neue Reise durch d i e Küsten- länder des ö st lichen Mittelmeeres an, die ja durch Die politischen Ereignisse Der letzten Zeit besondere Aufmerksamkeit verdienen, lieber seine Beobachtungen wird Paul Rohrbach laufend im „Gießener Anzeiger" berichten.
I.
Italiens Kolonialpolitik.
Venedig, 4. April 1935.
Daß Italien Kolonien besitzt, kommt Der Volksstimmuna hier immer erst zum Bewußtsein, wenn in Den behaupteten unD beanspruchten lieber« feegebieten eine Krise eintritt. So war es 1911, als plötzlich Der Krieg um Tripolis losging, unD so ist es jetzt wieder beim Konflikt mit Abessinien. Man muß unterscheiden zwischen den Zeitungen und der nichtöffentlichen Einstellung des Durchschnittsitalieners. Beides kann recht verschieden sein. So ist es ja auch im Augenblick gegenüber Deutschland. Man wird Mühe haben, einen Italiener zu finden, dem nicht im Herzen die Deutschen lieber wären, als die Franzosen. Das Gefühl, daß Frankreich auf Dem Wege Italiens zur wirklichen Großmacht Der hindernde Block ist, wird sobald nicht schwinden, auch nicht beim Mann auf Der Straße, soweit sich dieser für die große Politik interessiert. Der Unterschied gegen früher ist immerhin bemerkenswert. Die politische Erziehung des letzten Jahrzehnts hat bei der Masse gewirkt, ein Expansionswille ist vorhanden, auch trotz Der großen Erfolge Der „Bonifica Integrale“, Der großen Landes-Melioration, die das „Zweite Italien" auf dem Raum zwischen Alpen und Meer schaffen soll.
Es ist viel davon die Rede, daß dieses Jahr, 1935, ein halbes Jahrhundert italienischer Kolonialpolitik schließt, ohne daß Italiens „berechtigte koloniale Ansprüche" Erfüllung gefunden haben. Dabei fehlt aber in allen öffentlichen Aeußerungen die Note, daß Abessinien nun in Das afrikanische Kolonialreich Italiens einbezogen werden soll. Es heißt nur: die Abessinier haben uns herausgefordert, sie sind uns Genugtuung schuldig! Allerdings ist auch von der Revanche für Adua die Rede. Jene Niederlage vom Jahre 1896 hatte noch einen besonderen Stachel durch die Angabe des mit den Trümmern Der Drei vernichteten BrigaDen entkommenen Befehlshabers Baratieri, unter Den Truppen sei auf Dem Schlachtfeld eine grundlose Panik ausgebrochen. Baratieri muhte den Vorwurf vor Dem Kriegsgericht zurücknehmen, aber etwas von ihm blieb trotzdem hängen.
Wenn auch noch Unklarheit herrscht, ob die eigentlichen Absichten auf eine friedliche Beilegung des Streites gehen ober auf die Durchführung einer großen Aktion in Afrika, wird es nützlich fern, sich Daran zu erinnern, daß eine große europäische Macht schon einmal einen geglückten Feldzug in das Innere von Abessinien unternommen hat: Die EnglänDer 1867/68. Damals regierte als „König Der Könige" von Äthiopien Theo- Dorus II., Der erste von Den abessinischen Reform- Herrschern. Er säkularisierte Die Kirchengüter, versuchte Die Einehe im Volk Durchzuführen und sein Heer europäisch, zu bewaffnen, wollte aber nichts von fremden Missionaren in seinem Lande wissen unD beleibigte Den englischen Gesandten. Darauf rüstete England eine militärische Expedition unter Sir Robert Napier aus. Der englische General war von Indien her in Kolonialkriegen erfahren. Er ließ sich nicht weniger als ein halbes Jahr Zeit mit der Vorbereitung des Nachschubs und der Transportmittel, drang erst, nachdem er seine Etappenlinie vollständig gesichert hatte, aufs Hochland vor und erstürmte dann auch glücklich die Bergfestung Magdala, wohin sich Theooorus mit den europäischen Gefangenen und seinen treuesten Streitern zurückgezogen hatte. Der Negus gab sich selbst den Tod, bevor er in die Hände der Engländer fiel, und in England erwog man vorübergehend, die Position in Abessinien zu behaupten, aber man gab Den GeDanken auf, weil Die Dazu erforDerlidje Besetzung Des Laubes mit starken Kräften zu große Kosten verursacht hätte. Das englische Ansehen war roieber hergestellt, Napier bekam zur Belohnung Den Titel eines Barons von Magbala, aber Das blieb Die einzige Erinnerung an Den FelDzug; auch im Hafen Maffaua wurDe Die englische Flagge eingezogen. Siebzehn Jahre später trat, mit EnglanDs Zustimmung, Die italienische an ihre Stelle.
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