Ausgabe 
6.4.1935
 
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einer Tagung von Vertretern der sog.

Seite, zwischen Geist und Brot schwankt er hin

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Die Religiosität im Lande der unbegrenzten Mög­lichkeiten treibt zuweilen wunderliche Blasen auf. Aus Groton (Amerika) wurde vor einiger Zeit fol­gendes berichtet:C. S. Carter errang die P f a n n - kuchenmei ft erschuft von South Dakota. Er 51 Pfannkuchen in 35 Minuten, die ihm das örtliche kirchliche Komitee gewährt hatte. Er ver­besserte damit den Rekord, den W. P. Myrs hielt, um 8 Punkte." Diese Amerikaner haben doch ent­schieden originelle Ansichten von der Entwicklungs­fähigkeit des Christentums! Unwillkürlich denkt man an jene Wüstenheiligen der Urkirche zurück, deren

id) lange Zeit bleiben.

der Brotkarte und die

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Stück 30 Pfg, ) Stück RM 085

Streiszüge im Mittelmeer.

Äon Or. Paul Rohrbach.

EineHuldigung" eigener Art hat die Sowjet­regierung dem Grafen Leo T o l st o i auf dessen Besitzung Jassnaja Poljana im Gouvernement Tula bereitet. Das Gutshaus, in dem Tolstoi den größ­ten Teil seines Lebens gewohnt hat und wo seine HauptwerkeKrieg und Frieden" undAnna Kare­nina" entstanden sind, wird zwar, wie vor kurzem ein italienischer Reisender berichtete, als eine Art Nationalmuseum gut instand gehalten, allein die Gedenktafel, die den Besucher am Ein­gang empfängt, deutet nicht gerade auf ein be­sonders herzliches Verhältnis der heutigen Macht­haber zu Rußlands größtem modernen Schrift­steller. Auf ihr steht nämlich ein Ausspruch Lenins über Tolstoi, der so lautet:Tolstoi war ein sehr großer Künstler, aber ein schlechter Denker. Seine schwache Lehre beweist die Unfähigkeit der alten Adelsklasse, eine neue Staatsordnung zu schaffen." Daran ist nun zweifellos manches richtig, denn Tolstoi war in seiner reichlich verschwomme­nen Gefühlsmystik alles andere als ein klarer Kopf; immerhin hat seine Lehre sehr viel zur Unter­minierung des Zarismus und damit zum Siege der bolschewistischen Doktrin beigetragen. Da Tolstoi aber auch ein religiöser Reformator war (oder doch sein wollte), darf er natürlich nicht in die Reihe der geistigen Wegebahner der Revolution aufgenommen werden. Als Künstler mag er schon seinen Ruhm behalten; das ist unverbindlich und verpflichtet zu nichts. Dank vom Hause Lenin!

SanbMen iur kleine» Zeitgeschichte.

13 du Ernst v Niebelscküh

Der leidenden Menschheit eröffnen sich wieder einmalungeahnte Perspektiven". Diesmal auf dem Gebiete der Psychotherapie. Daß unsere Seele gehörig unter Suggestion gesetzt ober gar nach allen Regeln einer kunstgerechten Hypnose be­arbeitet, der tollsten Leistungen fähig ist und in solchem Zustande Dinge unternimmt,' auf die sie unter normalen Verhältnissen nicht kommen würde, wissen wir und notieren es mit Staunen. Bisher aber glaubten wir, dergleichen Wirkungen könne nur der Mensch auf den Menschen ausüben. Das Verfahren ist im Begriff, von einer neuen psychi­schen Beeinflussungsmethode überholt zu werden, die nun in verschiedenen europäischen Hauptstädten durch Experimentalvorträge eingeführt wird. Sie besteht, kurz gesagt, darin, daß die Suggestivkraft der menschlichen Persönlichkeit auf eine Schall- platte übertragen wird, die ihrerseits dem HilfsbeDürftigen genau die gleiche Diätetik der Seele verabfolgt wie früher der Seelsorger, der Arzt, der Hypnotiseur. Wer künftig Sorgen hat, braucht also nichts weiter zu tun, als sich im Hausgrammophon eine solche Platte vorspielen zu lassen, und gleich wird er spüren, wie sich unter dem Einfluß des psychophonen Zaubers eine unendliche Heiterkeit und Harmonie über fein eben noch so verstörtes Gemüt verbreitet. Denn diese Platten, die genau dosiert und auf alle nur denkbaren Fälle, vom einfachsten bis zum kompliziertesten, abge­stimmt sind, machen die bekanntlich überaus unbe­queme S e l b st e r z i e h u n g der Seele vollkom­men überflüssig. Sie stellen also gleichsam eine Sortimentkiste psychischer Exerzitien dar, die man wie eine Arznei zu bestimmten Tageszeiten ein- nimmt, um sofort aller Beschwerden los und ledig zu sein. Aber Scherz beiseite: wohin soll dieser fieberhafte Eifer, den Teufel der Nervosität durch Den Beelzebub einer falsch, d. h. rein mecha - nisch verstandenen Seelentherapie auszu- rotten, eigentlich noch führen?

nach wie vor groß. Auch die Ausbildung ist äußerst unbefriedigend; die Studenten werden im Eilzug­tempo durch einige Semester gehetzt im Beruf verderben dieseAerzte" dann mehr als sie zu nützen vermögen. Die sanitären Zustände Ruß­lands waren für den Westen stets ein eindeutig negativer Begriff sie werden es trotz aller amt

Bekanntlich wird der Wunsch des ehemaligen amerikanischen Schatzsekretärs Andrew Mellon, seine Kunstsammlungen zum größten Museum der Welt auszubauen und sie dem Staate zu schenken, in dem gegen ihn schwebenden Steuer­hinterziehungsprozeß eine große Rolle spielen. Uns interessiert hier weniger die Frage, ob sich der Staat von der angeblichen Uneigen­nützigkeit und dem Patriotismus Mellons über­zeugen lassen wird, als der Plan selber, und zwar deshalb, weil seine praktische Verwirklichung ja nur auf Ko st en Europas möglich wäre. Das angelsächsische Amerika besitzt keine nennenswerte eigene Kunst, dafür aber eine durch den Dollar repräsentierte magische Anziehungskraft auf den locker gewordenen europäischen Bestand an alter Kunst, der allen staatlichen Ausfuhrverboten zum Trotz in den letzten Jahrzehnten, besonders nach dem Weltkriege, sehr starke Verluste zugunsten Amerikas erlitten hat. Man kann heute Meister wie Rembrandt oder van Dyck ohne Zuhilfenahme des transozeanischen Museums- und Privatbesitzes in der alten Welt nicht mehr voll kennen lernen! Man versteht es also, wie Mellon den Plan fassen konnte, durch riesenhafte Ankäufe in Europa seinem Vaterlande einen Kunsttempel zum Geschenk zu machen,, in dem sich der amerikanische Größenwahn­sinn wie in einem Spiegel betrachten könne. Die für unsere Begriffe bereits phantastischen Bilder­erwerbungen Mellons aus dem Bestand an Meister­werken der Eremitage in Leningrad waren erst ein bescheidener Anfang. Denn in den Augen dieses Stahltrustmagnaten mit der verzehrenden Liede für die Kunst ist ja das alte Europa kaum etwas anderes als eine kostbare Beute, die von rechts- roegen dem Stärkeren, nach amerikanischer Vor­stellung also dem Mei st bietenden, gehört.

Aus aller Welt.

Der Raubmörder von Garmisch feslgenommen und geständig.

Der Raubmörder von Garmisch namens Jesko von Sz pingier, der in der Nacht zum 1. April die 52jährige Berliner Oberschwester Katha­rina Peters ermordet und beraubt hatte, wurde in Berchtesgaden fest genommen. Er hatte sich dort in einem Gasthaus unter falschem Namen eingemietet und wurde von einem Beamten der Berchtesgadener Polizei bei einer Fremden­kontrolle erkannt. Dem Polizeibeamten war auf- gefallen, daß sich unter den Fremden-Anmeldungen ein Zettel befand, auf dem ein junger Mann sich als Kaufmann mit einer fo schlechten Schrift ein­getragen hatte, daß die Berufsangabe unmöglich stimmen konnte. Bei einer Nachprüfung fand er den Verdächtigen noch im Bett vor. Der Beamte er­kannte ihn nach der Personalbeschreibung als den Raubmörder von Garmisch. Als er ihm die Tat auf den Kopf zusagte, legte der Bursche nach kurzem Zögern ein Geständnis ab. Bei ihm wurden noch die goldene Damenuhr und die Lorgnette, die er geraubt hatte, gefunden. Die anderen Gegen­stände will der Bursche in München verkauft haben. Der Täter wurde nach München gebracht. Der Mörder hatte in dem Berchtesgadener Gasthof unter dem Namen Wander gewohnt. Er ist personengleich mit dem am 28. August 1918 in Kiel geborenen Jesko von S^pingier. Der Mörder ist geständig, bestreitet aber die Tötungsabsicht

Jubiläumsspende für die englische Jugend.

Die anläßlich des silbernen Regierungs- jubiläurnsdesKönigsGeorg vonEng- land geschaffene Dankstiftung für die Wohl­fahrt der englischen Jugend wird über ein Grund­kapital von 4 Millionen Pfund Sterling verfügen. Die Stiftung wird durch weitere Spenden erwei­tert werden und gilt als ständige Einrichtung zur Unterstützung der großen Organisation des Lan­des, die sich die Sorge um die englische Jugend in sozialer und gesundheitlicher Hinsicht zum Ziele ge­setzt haben. Eine beträchtliche Anzahl von Spenden aus Kanada, Indien und dem Fernen Osten sind bereits eingegangen.

lichen Schlagworte noi

Die Aufhebung _________

Verteuerung der Lebenshaltung hat aber auch in der Arbeiterschaft zuneh­mende (Erbitterung hervorgerufen. Der Sowjet­arbeiter, zwar eine der stärksten Stützen des Systems, war bisher dennoch stets auch eines seiner ersten Opfer. Nach dem schweren Tagewerk bricht für ihn erst die Sorge an. Parteiversammlungen, Kundgebungen, Aufmärsche, Lernen und Lesen, Propagandaarbeit von derPolitik" ist er völlig gefangengenommen. Dazu aber die furchtbaren Wohnungsverhältnisse, Schlangestehen nach Lebens­rnitteln, sich nicht sattesten können zwischen Kvmiteeardeit, Versammlungen und Propaganda auf der einen und der Sorge um das tägliche Leben und um die Erhaltung der Familie auf der ande-

Fähigkeit des Lesens und Schreibens" hat zlpar unleugbar Fortschritte gemacht, von einer wirk­lichen Beseitigung des Analphabetentums ist man aber noch sehr weit entfernt, und schließlich hat die Schaffung von etwa 50 Millionen Halbanal­phabeten dem Staat ungeheuren Scha­den zugefügt. Denn sie sind es, die in allen Berufen vertreten sind, die in den Schulen Die Kinderseelen verderben und vergiften, in den Fabriken wertvolle Maschinen zerstören, auf den Lokomotiven Eisen- bahnunglücksfälle verschulden und auf den Feldern die Bauern aufreizen. Mit derLiquidierung des Analphabetentums" ist es wie mit DerAneignung Der Technik" unD mit DemKulturleben": Man glaubte es im ersten Ansturm zu erreichen und ein JahrhunDert westeuropäischer Entwicklung zu über­springen aber es sinD nur Schlagworte ge­blieben.

Seit den ersten Märztagen ist ein neuerFeld­zug" in Räterußland im Gange: d i eSchul - kampagne". Die Krise der Sowjetschule, die seit Den ersten Tagen des Regimes schwelt und die nie aufgehört hat, eines der wichtigsten Probleme des inneren Aufbaus der Sowjetmacht zu fein, ist nach

schulen der Sowjetunion" wieder akut geworden. Was auf der Tagung aus der Praxis dieser Musterschulen" ans Licht der Oeffentlichkeit ge­drungen ist, legt allerdings beredtes Zeugnis von den Zuständen in der Sowjetschule ab. Das ganze kommunistische Erziehungswesen erscheint hier in einem Lichte, das den Sowjetbehörden außerordent­lich unangenehm ist. In einer Reihe von Zuschrif­ten an Die großen Sowjetblätter aus Moskau und der Provinz werden nicht nur die Schulen auf dem weiten Lande, sondern auch diese Musterschulen als verwahrlost und heruntergekom­men geschildert. Man hat kein Geld also muß in drei Schichten unterrichtet werden. Dächer und Fußböden weisen große Löcher auf, durch die Fen­ster und Türen pfeift der Wind. Lehrer und Schüler sind geistig und moralisch gleich ver­kommen. Hier haben sich die Schüler einer An­stalt in zwei Parteien geteilt, die sich zwei bekann­ten Räuberbanden anschlossen, dort werden die Klassenschränke regelmäßig erbrochen, Mäntel und Bürogegenstände gestohlen, ja, die Aktentaschen der Lehrer mitgenommen; in Rostow am Don befin­den sich die Schulenin der Macht der Straße" (lautJswestija"), und in einer der Moskauer Musterschulen" also unter den Augen der Re­gierung! werden Prügeleien und Diebstähle gar nicht gezählt, manz registriert nur noch Messer­stechereien und Massenüberfälle von Schülern! Schul­disziplin im europäischen Sinne ist diesen Zöglingen ein unbekannter Begriff.

Zum größten Teil hat die Regierung diese Zu­stände selbst verursacht. Ursprünglich hatten die Schulen eineSelbstverwaltung", wobei die sog.Schülerräte" die ausschlaggebende Rolle spielten. Sie entschieden über Die Aufnahme eines neuen Schülers. Schüler saßen zu Gericht über die Lehrer und Eltern der Kinder, sie hatten selbst bei der Aufstellung des Lehrprogramms mitzureden! Die Folge war, daß die Moral Der Straße in Der Schule regierte. Nur allmählich rourDen in Den letzten Jahren hier Die gröbsten Auswüchse be­seitigt. Noch immer aber krankt Die Sowjetschule an Der sittlichen und moralischen Derlodderung, an der Unzulänglichkeit der finanziellen Mittel, an dem geistigen Tiefstand von Schülern und Lehrer, an der Üeberfütterung Der KinDer mit Partei- Dogmen von ihrem jüngsten Alter an und an dem katastrophalen Mangel an Lehrern. Diese erhalten 80 bis 90 Rubel im Monat, während ein Metall­arbeiter 200 bis 350 Rubel verdient und ein Pfund Brot 0,50 bis 1,50 Rubel kostet. Unterrichtet wird irgendwie und irgendwas", die Kenntnisse der Lehrer sindbescheidensten Umfanges" (wörtlich aus derJswestija), und es ist kennzeichnend für. ihr Wissen, daß auf einer Lehrerprüfung u. a. von einem der kommenden Erzieher der Jugend erklärt wurde, Tokio sei die Hauptstadt Indiens, Roosevelt sei der Präsident Chinas, die Seine sei ein Fluß in Sibirien und Peter der Große sei der Vater des letzten Zaren gewesen ...

Ein gleich wichtiges Problem ist das Der Aerzte- schäft. In Diesen Tagen brachte Die Sowjetpresse den Bericht über die bevorstehende Errichtung eines medizinischen © i ganten", eines gewal- , tigen Komplexes mit Krankenhäusern, Polikliniken, Laboratorien usw., das einen Stadtteil für sich dar­stellen, mit allem Komfort versehen sein und die sämtlichen Aerzte, Angestellte und Arbeiter beher­bergen soll. Also ein neuerRekord", wieder etwas Noch-nie-Dagewestnes". Man wird abwarten müs­sen, ob diesemedizinische Stadt" wirklich in fünf Jahren fertig sein wird. Während dieser Plan aber zu Papier gebracht wurde, tauchte ein ganz anderesmedizinisches Problem" auf. Die Regie­rung mußte sich mit der Lage der ärztlichen Betreuung des weiten Landes, mit dem Verdienst dermedizinischen Arbeiter" und an­deren sanitären Fragen befassen--und fest­

stellen, daß die gegenwärtigen Zustände Besorgnis erregen. Seit Jahr und Tag besonders aber seit der Abschaffung Der Brotkarte ist eine regelrechte Flucht Der Aerzte aus Dem Beruf im Gange. Zahlreiche Beamte des Sanitätskommissa­riats, Aerzte, Krankenpfleger und Schwestern ha- haben ihre Posten verlassen und das Weite gesucht. In einem Bezirk Großrußlands ist von 700 Aerzten nur noch die Hälfte im Dienst und der übergroße Teil der Jungärzte tritt seinen Dienst auf dem Lande überhaupt gar nicht erst an.

Nun werden in einer umfangreichen Verordnung die G e h ä l t e r der Aerzte und des Sanitätsper­sonals neu geregelt. Sofern aber einem Arzt je nach Dienstalter und Tätigkeit 300 bis 600 und einem Krankenpfleger und einer Schwester 80 bis 150 bis 220 Rubel zugebilligt werden, so ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stern, wenn Die Lebensmittelteuerung ftänDig zunimmt. Die Kran­kenhäuser sinD oft in einem völlig sanitatswidrigen Zustand, die ausreichende Verpflegung der Kran­ken und Genesenden scheitert an Der praktischen Un­möglichkeit, Lebensmittel zu beschaffen, unD Der Mangel an Aerzten es fehlen lautJswestiia z. B. in Westsibirien 50 v. H. Aerzte unD m Ka- sakstan mangelt es an 160 Krankenhäusern ist

Baratieris Unglück bei Adua war nicht zuletzt eine Folge des voreiligen Drängens in der Heimat auf Siegesnachrichten aus Afrika. Verstärkungen waren unterwegs, die Etappenlinie war noch im Ausbau, aber Crispi telegraphierte: Vorwärts! Das englische und das romanische Temperament waren eben verschieden. Heute verfügen die Italiener über den Vorteil, daß sie von zwei Seiten her kommen können, von Eritrea im Norden und von Somaliland im Süden. Von hier wie von dort sind teils Autostraßen, teils Eisenbahnen (teilweise Schmalspur) bis ai> die Grenze Des abessinischen Gebiets gebaut. Es bleiben aber sowohl von der südlichen als auch von der nördlichen Basis her 700 bis 800 Kilometer Luftlinie auf sehr schwieri­gem Terrain zu überwinden. Sollte man in Rom ernsthaft an einen Feldzug denken, so werden die verantwortlichen Stellen wohl Die Doppelte Lehre aus Den Erfahrungen Napiers unD Baratieris be­rücksichtigen. Italien hat gute Geographen, unD die Italiener sind seit Jahrhunderten bekannt als aus­gezeichnete Ingenieure und Techniker. Ein afrika­nischer Krieg ist aber stets zu drei Vierteilen e i n Kampf mit der Natur, mit den Schwierig­keiten für die Bewegung, Ernährung und Gesund­erhaltung einer europäischen Truppe, und nur zu einem Viertel ein Kampf mit dem bewaffneten Gegner. Die italienische Heeresleitung wird sich wohl hüten, Die nationale Stimmung in bezug auf Afrika Durch Uebereilungen zu gefährben, und Da­her könnte es vermutlich längere Zeit Dauern, bis Die Welt die wirklichen afrikanischen Pläne Italiens erfährt.

Gerade hier in Venedig erinnert die Ge­schichte Daran, Daß die Venetianer in früherer Zeit schon ein großes italienisches Kolo­nialreich gegründet haben, Das sich bis Kreta, bis Cypern unD zur Zeit des lateinischen Kaiser­tums vorübergehend sogar bis Ko n ft anti- n o p e 1 ausdehnte. Heute find solche Räume zu klein für ein Volk, das in die Weltpolitik hinaus will. Mag auch noch im Mutterlande ein z w e i - t e s Italien geschaffen werden können Die hei­mische Enge wird doch bleiben, und über kurz oder lang wird sie zum Wagnis des dritten, jeyseits Der Meere, Drängen! Das Wagnis Dabei wird nie­mandem in seinem Inneren besser gewärtig sein, als dem Mann am Steuer.

und he*. Seine Einkommensverhältnisse sind, ge­messen an Der Kaufkraft, mit Denen etwa eines europäischen Arbeiters nicht zu vergleichen.

Nach Der Aufhebung Der Brotkarte funktioniert die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungs­mitteln immer noch nicht. Der staatliche Handels­apparat ist äußerst s ch w e r f ä 11 i g , in allen amtlichen Stellen macht sich der Bürokratis­mus breit und die Erhöhung des Brotpreises hat auf allen Gebieten eine Verteerung nach sich ge­zogen. Die Lage der Arbeiterschaft in Sowjetrußland hat sich ganz allgemein verschlechtert. Die Teuerungs­zuschläge sind ungenügenb oder werden nicht aus« gezahlt, teilweise sind sie noch nicht einmal in ihrer Höhe festgesetzt worden. Selbst in derPrawda" werden diese Mißstände als unerhört bezeichnet. Brotschmuggel und Schiebungen stehen in voller Blüte und der Arbeiter ist wieder einmal das Opfer. Seit die Sowjetregierung dem Bauern den Kampf angesagt und das Brot politisiert hat, ist die Ernährungsfrage eines der wichtigsten Probleme. Hier wie überall sagt man sich in Den Kreml­palästen: E s roirD schon irgenDroie gehen. UnD Der Russe ist Fatalist also geht esirgend­wie". Nur darf man die Opfer nicht zählen!

Unser langjähriger Mitarbeiter, dessen po­litische Reiseberichte immer das besondere Interesse unserer Leser gefunden haben, trat soeben eine neue Reise durch d i e Küsten- länder des ö st lichen Mittelmeeres an, die ja durch Die politischen Ereignisse Der letzten Zeit besondere Aufmerksamkeit verdienen, lieber seine Beobachtungen wird Paul Rohrbach laufend imGieße­ner Anzeiger" berichten.

I.

Italiens Kolonialpolitik.

Venedig, 4. April 1935.

Daß Italien Kolonien besitzt, kommt Der Volksstimmuna hier immer erst zum Bewußtsein, wenn in Den behaupteten unD beanspruchten lieber« feegebieten eine Krise eintritt. So war es 1911, als plötzlich Der Krieg um Tripolis losging, unD so ist es jetzt wieder beim Konflikt mit Abessinien. Man muß unterscheiden zwischen den Zeitungen und der nichtöffentlichen Einstellung des Durchschnittsitalieners. Beides kann recht verschieden sein. So ist es ja auch im Augen­blick gegenüber Deutschland. Man wird Mühe haben, einen Italiener zu finden, dem nicht im Herzen die Deutschen lieber wären, als die Franzosen. Das Gefühl, daß Frankreich auf Dem Wege Italiens zur wirklichen Großmacht Der hin­dernde Block ist, wird sobald nicht schwinden, auch nicht beim Mann auf Der Straße, soweit sich dieser für die große Politik interessiert. Der Unterschied gegen früher ist immerhin bemerkenswert. Die poli­tische Erziehung des letzten Jahrzehnts hat bei der Masse gewirkt, ein Expansionswille ist vor­handen, auch trotz Der großen Erfolge DerBonifica Integrale, Der großen Landes-Melioration, die das Zweite Italien" auf dem Raum zwischen Alpen und Meer schaffen soll.

Es ist viel davon die Rede, daß dieses Jahr, 1935, ein halbes Jahrhundert italienischer Kolonial­politik schließt, ohne daß Italiensberechtigte kolo­niale Ansprüche" Erfüllung gefunden haben. Dabei fehlt aber in allen öffentlichen Aeußerungen die Note, daß Abessinien nun in Das afrikanische Kolo­nialreich Italiens einbezogen werden soll. Es heißt nur: die Abessinier haben uns herausgefordert, sie sind uns Genugtuung schuldig! Allerdings ist auch von der Revanche für Adua die Rede. Jene Nieder­lage vom Jahre 1896 hatte noch einen besonderen Stachel durch die Angabe des mit den Trümmern Der Drei vernichteten BrigaDen entkommenen Be­fehlshabers Baratieri, unter Den Truppen sei auf Dem Schlachtfeld eine grundlose Panik ausgebro­chen. Baratieri muhte den Vorwurf vor Dem Kriegsgericht zurücknehmen, aber etwas von ihm blieb trotzdem hängen.

Wenn auch noch Unklarheit herrscht, ob die eigentlichen Absichten auf eine friedliche Beilegung des Streites gehen ober auf die Durchführung einer großen Aktion in Afrika, wird es nützlich fern, sich Daran zu erinnern, daß eine große europäische Macht schon einmal einen geglückten Feldzug in das Innere von Abessinien unternommen hat: Die EnglänDer 1867/68. Damals regierte alsKönig Der Könige" von Äthiopien Theo- Dorus II., Der erste von Den abessinischen Reform- Herrschern. Er säkularisierte Die Kirchengüter, ver­suchte Die Einehe im Volk Durchzuführen und sein Heer europäisch, zu bewaffnen, wollte aber nichts von fremden Missionaren in seinem Lande wissen unD beleibigte Den englischen Gesandten. Darauf rüstete England eine militärische Expedition unter Sir Robert Napier aus. Der englische General war von Indien her in Kolonialkriegen erfahren. Er ließ sich nicht weniger als ein halbes Jahr Zeit mit der Vorbereitung des Nachschubs und der Transportmittel, drang erst, nachdem er seine Etappenlinie vollständig gesichert hatte, aufs Hoch­land vor und erstürmte dann auch glücklich die Bergfestung Magdala, wohin sich Theooorus mit den europäischen Gefangenen und seinen treue­sten Streitern zurückgezogen hatte. Der Negus gab sich selbst den Tod, bevor er in die Hände der Eng­länder fiel, und in England erwog man vorüber­gehend, die Position in Abessinien zu behaupten, aber man gab Den GeDanken auf, weil Die Dazu erforDerlidje Besetzung Des Laubes mit starken Kräften zu große Kosten verursacht hätte. Das englische Ansehen war roieber hergestellt, Napier bekam zur Belohnung Den Titel eines Barons von Magbala, aber Das blieb Die einzige Erinnerung an Den FelDzug; auch im Hafen Maffaua wurDe Die englische Flagge eingezogen. Siebzehn Jahre später trat, mit EnglanDs Zustimmung, Die ita­lienische an ihre Stelle.

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