Ausgabe 
5.11.1935
 
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Ur. 259 Zweiter Blatt

Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Dienstag. 5 November (955

Die englische Straße.

Oer Roman eines abessinischen Heerweges

Die italienischen Truppen der abessinischen Nordfront sind, wie gemeldet, im Vormarsch auf Makale. Sie haben sich als nächstes Ziel die englische Straße" gesetzt, die zur Festung Magdala führt.

Der phantastische Zug eines europäischen Heeres auf afrikanischer Erde wird noch einmal wach bei obenstehender Meldung: die sogenanntee n g lische Straße", Italiens nächstes Ziel an der Nordfront, ist jener Heerweg, den im Jahre 1868 der englische Lord Napier mit seinen Truppen auf Magdala zu überwand, wo sich der grausame Negus Theodoros, dem diese Strafexpedition galt, verschanzt hatte

In dem Hafenort -Zula, heute der italienischen Kolonie Erythräa zugehörig, hatten sich damals die englischen Truppen zunächst gelagert; von hier aus traten sie ihren ebenso strapaziösen wie bewun­dernswerten Zug hinein ins Innere Abessiniens an. Anfangs ging der Marsch schnell vorwärts. Bald aber war man im Gebirge, und die großen Schwierigkeiten m den zerklüfteten Bergen, in denen manchmal ein Durchmarsch überhaupt un­möglich schien, begannen und wuchsen mit jedem Schritt. Man mußte sich den Weg überhaupt erst schaffen daher der Namebie englische Straße" für diese ganz weite Strecke von Abessiniens Nord­grenze bis zu der Festung Magdala.

In Ober-Suru befand man sich schon zweitausend Fuß über dem Meeresspiegel in Senafe war man bereits 7464 Fuß hoch. Und von hier nach Magdala war es noch vierhundert eng­lische Meilen weit... Und es galt, hier Pfade du hauen und vom Meere her eine ununterbrochene, gesicherte Kette herzustellen, die das He -r davor be­wahren mußte, abgeschnitten und dem Verhun­gern preisgegeben zu werden eine Aufgabe von gewaltiger Größe...

Von Senafe aus ging es immer höher empor: in einer Höhe von 8291 Fuß erreichte man die erste größere Stadt, A d i g r a t, heute schon im Besitz der Italiener Bis hierher allein war das Heer zwei Monate unterwegs gewesen. Der Weg, den die Truppen dann bis Mai Wihis weiterzo­gen, war besser als der frühere. Allmählich ging es nun wieder abwärts, nach Ad Abagin und wei­ter nach Agala und Tschelikut. Aber die Nächte während dieses phantastischen Zuges waren trotz der sich mindernden Höhenlage oft so kalt, daß den Soldaten unter den wenigen Decken, die sie mit sich führen durften, die Glieder vor Frost klapper­ten, während Raubtiere, besonders Schakale und Hyänen, das Lager umheulten. Dann aller- i dings wieder, vielleicht schon in der nächsten Nacht, > hüllten weiche balsamische Düfte sie ein.

Vorwärts über reißende Flüsse; das war die Parole nach dem Verlassen von Tscheli­kut. Es handelte sich um jene Gewässer, die auch jetzt wieder eine große Rolle während der Kriegs­handlungen spielen; sie fließen der Geba zu, die sich wiederum in den Nil ergießt und großen An­teil an den hier ortsüblichen Ueberschwem- m u n g e n hat, von denen heute wieder des öftern gemeldet wird. Alsbald ging es dann erneut auf­wärts. nach Antalo, im Bereich der jetzt viel ge­nannten befestigten Stadt Makale gelegen. Hier war man schon wieder fast 8000 Fuß hoch überm Meeresspiegel. Und man zog nicht nur müh­sam vorwärts, sondern baute sich Tag und Nacht recht eigentlich erst den Weg, den man zu ziehen gedachte dieenglische Straße", wie sie seither heißt und sie führt noch heute hinein in das Gebiet Abessiniens, das vielleicht in den nächsten Tagen die ersten wirklich großen Kampfhandlungen dieses Krieaes sehen wird

tige Aladschin-Paß überquert, bis man in Lat die Truppen trennte: ein Teil blieb zurück zur Befestigung und Sicherung der Etappenlinie, Der andere zog vorwärts gen Magdala.

Immer ging es hinauf und hinab: elftausend Fuß hoch zum Emano-Pah, dreitausend Fuß ab­wärts bis zur Quelle des Takazzieflusses, wieder zehntausend Fuß aufwärts nach Biedehor.. und tief drunten rauschte in einer unwegsamen Schlucht die Dschidda. Wie man diesen Fluß schließlich überschritt, hatte man enorme V e r l u st e zu ver­zeichnen, vor allem an Lasttieren und Artillerie, aber auch an Soldaten, die kaum noch den ständi­gen Strapazen zu widerstehen vermochten.

Auf der Hochebene von Talanta angekommen, waren die Engländer jeden Tag gefaßt auf einen Angriff der Abessinier. Aber er blieb aus: der Negus Theodoros, den es bei diesem Kriegszug zu bestrafen galt, weil er grausame Uebergriffe gegen britische Staatsangehörige gewagt hatte, erwartete den Feind erst in der starken Bergfeste Magdala. Und bis dorthin galt es, sich wegebauend vorzuar­beiten. Die schlimmste Katastrophe für die kühne europäische Truppe kam beim Uebergang über den Beschlofluß. Hier waren die Verluste an Tieren, an Soldaten, an Verpflegungs- und Artillerie- material am stärksten. Nachdem die Engländer aber auch noch das hinter sich gebracht, konnten sie end­

lich die Bergterrassen nach Magdala emporklet- tern und hier ihren Feind belagern nach einem Marsch, der nicht weniger als viereinhalb Monate gedauert hatte... Die Feste wurde später erobert. und die Heerstraße, die von Abessiniens Grenze zu ihr führt und damals von dem Expeditionskorps angelegt war, besteht heute noch: sie ist das nächste Ziel des großen"italie­nischen Angriffs im Norden des begehrten Lan­des...die englische Straße"! h. w. k

Arbeitstagung der HL.

und der Gaujugendwaltung der DAF.

LPD. Frankfurt a. M., 4. Nov. Am 2. und 3. November hat im Haus der Jugend in Frankfurt am Main eine bedeutsame Tagung stattgefunden, die sämtliche Kreisjugendwalter und Kreis­jugendreferentinnen der DAF., sowie die Bann - Sozial st ellenleiter der HI. und Untergau - Sozialreferentinnen des B D M. vereinte. Die Tagung diente tn erster Linie der Vorbereitung des dritten Reichs­berufswettkampfes, zu welchem im kom­menden Februar wieder rund eine Million Jung­arbeiter aller Berufe antreten werden. Bannführer G r ü n d l e r vom Reichsamt für Jugend in der DAF. sprach eingehend über Vorbereitung, Durch­führung und Auswertung des Reichsberufswett­kampfes, dessen erzieherische, innen- und außenpoli­tische Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden könne. Der Gebietsführer der HI. Herbert Pott-

Das Richtfest aus dem Migsplah in München.

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Der Marsch ging durch die Gebiete von Wodsche- rat und Doba, und auf einer Höhe von fast zehn­tausend Fuß wurde der strategisch wich-

Links auf dem Balkon des Führerhauses der Führer während seiner Ansprache. Im Hintergrund die beiden Ehrentempel und dahinter das neue Verwaltungsgebäude der NSDAP.

- (Preffe-Bild-Zentrale-M.)

hoff gab einen umfassenden Ueberblick über das Geschehen unserer Tage und die Aufgabe der Ju­gend in der Gegenwart und Zukunft. Die deutsche Jugend kämpfe an vorderster. Front und spanne alle Kräfte an, um durch ihre Arbeit und durch ihr Schaffen Deutschlands Aufstieg mit herbeizuführen. Jeder einzelne müsse Diener am Ganzen sein, seine

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3um Wiederaufbau:

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Pflicht tun und stets so handeln, als laste die höchste Verantwortung auf seinen Schultern. Auf der Ta­gung sprachen außerdem der Gaujugendwalter der DAF. über die Aufgaben des Jugendamtes und der Gebiets-Sozialabteilungsleiter der HI. über Zusam­menarbeit von HI. und DAF. An einer Sonder- tagung der Referentinnen nahm auch die Obergau­führerin des BDM. teil.

Weitere Betrügereien jüdischer Weinfirmen ausgedeüt.

Aus einem Fatz 15 Sorten Wein.

Mainz, 4. Nov. (LPD.) Die Kriminalpolizei teilt mit: Die im Anschluß an den Fall H e y m a n n Söhne von der Kriminalpolizei Mainz durchge­führte Kontrolle der übrigen Weinfirmen hat zur Aufdeckung ähnlicher Schwindelgeschäfte bei den ineinander geschachtelten jüdischen Weinhand­lungen August Feldheim Söhne und Gebrü­der Masbach in Mainz geführt. Auch diese be­dienten sich zur Ausführung ihrer betrügerischen Manöver zum Teil einer arisch getarnten Firma Eduard Ritter. Es wurde festgestellt, daß in einem Falle nicht weniger als 15 Sorten Wein aus e i n und demselben Faßge­wonnen" wurden. Aus einem Faß Malaga kamen acht verschiedene Sorten mit sie­ben verschiedenen Preisen.

Der junge Masbach und der Prokurist der Firma, Kohler, wurden in Haft genommen. Kohler war als Mittelsperson bei den Geschäften mit der Firma Ritter dazwischengeschoben worden, und zwar in der Weise, daß Ritter, der früher eine Weinhandlung in Gonsenheim hatte, den Namen hergab, aber selbst keinerlei Verfügungsrecht hatte, während Kohler die finanzielle Sache übernahm

Veranlaßt durch die Pressemeldungen über den Fall Heymann Söhne teilte ein früherer Angestellter der Firma Gaertner & Blum in N i e r st e i n der Kriminalpolizei mit, daß dort ganz ähnlicheGe­schäfte" getätigt würden, wie bei der Firma Hey- mann Söhne. Die polizeilichen Nachforschungen be­stätigten den Verdacht in vollem Umfange, so daß die beiden Inhaber Blum s e n. und Blum jun. ebenfalls in Untersuchungshaft genommen mürben. Der gleichzeitig festgenommene Prokurist S ch n e i b e r konnte nachweisen, daß er direkt mit der Festsetzung der Preise und dem Vertrieb der Weine nichts zu tun hatte, sondern lediglich die büromäßige Bearbeitung der Geschäfte leitete Er wurde daher wieder aus der Haft entlasten.

In allen Fällen wurden die Kellereien und Büros versiegelt.

Im Zusammenhang mit der Angelegenheit Hey- mann Söhne, über die wir kürzlich berichteten, sei darauf hingewiesen, daß der Name des Inhabers der arischen Firma" richtig Fritz P r o s ch (nicht Porsch) lautet.

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OieWerst zum grauenHecht."

Lichtspielhaus.

Der vor kurzem verstorbene Schriftsteller Hans Joachim Freiherr von R e i tz e n st e i n ist durch sei­nen RomanOberwachtmeister Schwenke" und durch dessen geglückte und erfolgreiche Verfilmung schnell bekannt geworden.' Bald nach seinem Tode hat die Terra auch den zweiten Roman dieses zweifel­los begabten Menschen verfilmt:Die Werft zum arauen Hecht"; daraus hat Frank Wysbar ein yeiteres Volksstück gemacht und es auch selber in Szene gesetzt. Wysbar hat ein sehr feines, auf die besonderen Erfordernisse des Films empfindlich reagierendes Gefühl und einen sicheren künstlerischen Blick bereits mit der Verfilmung der Keller-Novelle Das Fähnlein der sieben Aufrechten" bewiesen; es ist wohl kein Zweifel, daß diese Fähigkeiten auch dem Roman von Reitzenstein außerordentlich zugute gekommen sind. Es ist ja mit der Verfilmung von epischen Stoffen, wie an dieser Stelle oft genug gesagt und an zahlreichen Beispielen belegt worden ist, allemal eine gefährliche Sache. Das Experiment scheint uns aber auch tn diesem Falle, aufs Ganze gesehen, geglückt zu sein, zumal Wysbar so klug und so vorsichtig war, im Film ein Volksstück daraus zu wachem, wozu an sich bei dieser Vor­lage mancher Anlaß und genügend Anregungen ge­geben waren. Denn erstens nimmt man es tradi­tioneller Weise beim Volksstück (das ist im Film wie auf dem Theater) nicht so genau, und außerdem hatten Wysbar wie Reitzenstein bei den erwähn­ten früheren Filmen Gelegenheit zu zeigen, daß sie jeder auf seinem Felde für Erfassung und Ausformung volksmäßiger Szenen und Bilder in besonderem Maße befähigt sind. Die Umwelt und die Schauplätze sind hier klar und einhellig abge­grenzt, und man bekommt eine richtige Vorstellung davon, wie es auf einer Bootswerft bei Potsdam und in einer Autowerkstatt nicht weit davon aus­sieht und zugeht. Ein interessantes, kaum erst in Reportagen und Bildberichten erfaßtes Lebens- und Aroe'knfteld, die Welt der Chauffeure auf Fernlast­zügen, eröffnet sich so nebenbei, und wo man hin­schaut, sind bis auf eine Ausnahme Men­schen von Fleisch unt) Blut, mit Arbeitslust und Unternehmungsgeist und allerhand geschäftlichen Plänen, aber natürlich auch mit dem dazugehörigen Privatleben, (ohne das ja der Film kein Spielfilm wäre, sondern ein Kulturfilm) mit allerhand Sor­gen und allerhand Gefühlen. Ganz natürlich und glaubhaft, und wenn in der rauhen Wirklichkeit vielleicht manches doch ein bißchen anders aussieht, und auch zum Schluß die geschäftlichen und die Lie­bessorgen nicht immer so gefällig und so glatt

wie ein gutgemachtes Rechenexempel aufzugehen und ins Reine zu kommen brauchen, wie das hier der Fall ist, so darf man eben wieder daran erinnern, daß wir ja im Kino sitzen und nicht geradezu auf der Landstraße oder irgendwo an der Havel. Da geht das alles ja auch für gewöhnlich ohne die sehr hübsche und melodiöse Musik vor sich,-die Fr. W. R u st dazu geschrieben hat, die das Spiel einleitet und auch ausklingen läßt. Außerdem freut man sich über die feine und kultivierte Regieführung von Wysbar; er photographiert io nebenbei ein paar Einzelheiten heraus, ein Stück Himmel, ein bißchen bewegtes Wasser mit hohem Schilf und mit Segelbooten, und man merkt gleich, daß das nicht umsonst, von ungefähr und zufällig geschieht, son­dern dazu gehört und sogar ein bißchen mitspielt; deswegen unterbricht es nicht störend die im übrigen straft und übersichtlich geführte Handlung und wirkt nicht wie eine aufgepappte Naturstimmung. Auch sonst wird man des öfteren daran erinnert, was Wysbar kann (und in denSieben Aufrechten" ge­zeigt hat): an ein paar sparsamen Lrebesszenen, ganz einfach und ganz ernst, und später etwa bei einer luftigen Hochzeitsgesellschaft, wo er so richtig aus dem Vollen wirtschaften kann. Was die Liebes­szenen betrifft, so ist es ein Gewinn, die junge Marianne Hoppe wiederzusehen mit ihrem schma­len, gescheiten und ausdrucksvollen Gesicht, und mit einer ungemachten, warmen Herzlichkeit, die einem wohltut. Speelmans ist der, den sie meint und endlich auch bekommt, wie sich's gehört, und es steht ihm nicht übel, daß er diesmal dem sieges­gewissen Draufgängertum, das ihn sonst auszeich- net, durch die bubenhafte Unbeholfenheit eines guten großen Jungen ein Gegengewicht schafft. Ausge­zeichnet, sehr scharf und plastisch Oscar Sima, gut auch die Nebenfiguren: Barthel, Leibelt, S t e p a n e k und Ruth E w e l e r. Dann ist da noch Fita B e n k h o f f in einer recht wichtigen Frauenrolle, die sie auch höchst komisch heraus- bringt; trotzdem glauben wir, daß es sich hier um eine Fehlbesetzung handelt, und daß die Frau, die hier gemeint war, ganz anders aussieht. (Im Schwenke" war eine ähnliche Figur richtig besetzt.) Die Benkhoff dagegen spielt eine jener geschwätzigen, aufgeplusterten, oberflächlichen und entrüsteten Tan­ten, die man schon öfters von ihr gesehen hat: sie macht das sehr witzig, wir sagten es schon, aber es entsteht eine Gestalt, die gar nicht hierher gehört.

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Abgesehen davon wird jedermann bei diesem Film auf feine Kosten kommen. Im Beiprogramm sieht man außer der Wochenschau u. a. je einen Vorspann zu dem neuen Albers-FilmVarietö", zumIdealen Gatten" (nach Oscar Wilde) und zur Leichten Kavallerie".y

Sophie Reinheimer.

Nachruf auf eine Iugendschrifistellerin.

Dank und Gruß allen Freunden!" ist ein Auf­trag meiner geliebten Schwester Sophie Rein­heimer aus ihren letzten Tagen.

Und Dank für alle Liebe in Wort, Blumen, Ge­leit, Gesang und Gedenken fügt tief ergriffen hinzu

Marie Reinheimer.

Hofheim a. T., im Oktober 1935.

So lautet die Danksagung, die alle die erreichte, die zur Zeit in engster Fühlung mit Sophie Rein­heimer und ihrer Schwester Marie standen.

Sophie Reinheimer, die bedeutende und weithin bekannte und geliebte Märchenerzählerin, hat ihre Augen für immer geschlossen. IhrDank und Gruß allen Freunden" gilt all denen im deutschen Lande und vielfach darüber hinaus, die ihre Märchen liebten und somit in innerer Verbundenheit mit der Dichterin standen. Denn nur im Gleichklang der Empfindungen kann die Künstlerseele begeistern und entzünden. Ich bin gewiß, wo die Kunde von Sophie Reinheimers Hinscheiden gehört wird, wird bei stiller Anteilnahme viel aufrichtiger Dank zurückklingen für all die Freude, die sie durch ihre lebendigen Erzählungen großen und kleinen Men­schenkindern bereitet hat.

Wer die Dichterin nur durch ihre Märchen kennt, die voll kindlicher Fröhlichkeit, voller Humor und von bunter Mannigfaltigkeit sind, ahnt nichts da­von, daß ihr Leben Tragik war im schwersten Sinne des Wortes. Doch durch die Tragik ihres Lebens, die sie ohne Klage trug, wurde das Große und Schöne ihrer Seele geboren. Nur kurz konnte sie den in ihrer Jugend mit Begeisterung ergriffenen Beruf als Kindergärtnerin in Frankfurt am Main ausüben. Ihr zarter Körper hielt nicht stand, sie brach zusammen. Ihr Schicksal führte sie nach Hof­heim am Taunus. Sie kam und blieb ihr Leben lang in Behandlung des weithin geschätzten Arztes Sanitätsrat Dr. M. S ch u l z e - K a h l e y ß. Zu körperlicher Betätigung jedoch konnte sie nie wieder zurückkehren. Welch ein Schmerz für ein Menschen­kind, das in sich zur freudigsten Lebensbejahung veranlagt ist. Im Ringen mit ihrer versagenden Körperlichkeit kristallisierten sich jedoch die Gaben und Kräfte ihres Geistes und ihrer Seele. Die ersten und feinsten ihrer Märchen nahmen Gestalt an, und in unermüdlicher Schaffensfreudigkeit hat sie durch drei Jahrzehnte hindurch in sprudelnder Lebendigkeit die kleinen Dinge in Wald und Flur, die Wolken und Regentropfen, den Wind und das Wetter, die Sonnenstrahlen und die Sternlein am Himmelszelt, ja selbst das Christkindlein in die Un­

sterblichkeit ihrer Märchenwelt ausgenommen. Es sei ihr gedankt.

Umsorgt von aufopfernder Schwesterliebe und Treue, von ihrem ärztlichen Freund geführt und ge­leitet, von eigenem starken Lebenswillen beseelt, durch viel Freundestreue gestützt, konnte die zarte Hülle ihrer starken und reinen Seele so lange dem Erdendasein erhalten werden, bis schließlich das flackernde kleine Lichtlein durch einen Windstoß ausgelöscht wurde.

Ich sah und sprach sie acht Tage vor ihrem Hin- scheiden, tief ergriffen und erschüttert ich sah und grüßte sie als Letzte, ehe ihre sterblichen Reste der Erde übergeben wurden, in Tannengrün und bunten Blumen gebettet ich werde dies nie ver­gessen.

Auf ihrem Antlitz-lag Ruhe und Frieden. Möchte Sophie Reinheimer, erlöst von aller Erdennot, nun unaufhörlich in vollkommener Reinheit und Schönheit das schauen dürfen, das Gott bereitet hat denen, die ihn lieb haben. Wir aber schaueü ihr nach und grüßen sie in der Ewigkeit... M. E.

Ein preisgekröntes Volksstück.

Im Nationaltheater in Mannheim wurde das VolksstückPetra und Alla" (Obrist Michael) von Max Geifenheyner uraufgeführt. Das Werk des bekannten Frankfurter Schriftstellers wurde seinerzeit beim Dietrich-Eckart-Wettbewerb preisgekrönt. Es handelt sich um die Dramatisie­rung der Kleiftschen NovelleMichael Kohlhaas". Petra und Alla sind die Namen zweier Pferde, die dem Dbriften Michael durch den Grafen von Sasch- witz beschlagnahmt werden, weil er den Zoll für seine Waren nicht zahlen will. Das Gericht spricht Michael die Pferde zu, aber der Haß des Grafen gegen ihn wird immer größer, und es kommt zu einer neuen Gerichtsverhandlung, die durch eine aufrührerische Horde gesprengt wird. Michael lehnt es ab, sich mit dieser Horde zu verbünden, um sein gutes Recht durchzusetzen. In letzter Minute versucht er, die Stadt Torgau vor der Einäscherung durch die aufrührerischen Mordbrenner zu bewahren. Das gelingt ihm nicht; er wird verhaftet. Im letzten Akt sieht er vor Martin Luther sein Unrecht ein, wie fein Gegenspieler.

Das Stück, das besonders in der zweiten Hälfte stark dramatisch ist,- wurde von dem vollbesetzten Haus sehr beifällig ausgenommen. Die Hauptrolle des Obristen Michael wurde durch Hans Fi n o h'r hervorragend verkörpert. Sein Gegenspieler Graf von Saschwitz war Erwin Linder. Am Schluß der Aufführung gah es für die Darsteller und für ben Verfasser, der sich wiederholt zeigen mußte, leb­haften Verfall. l.