Ausgabe 
5.11.1935
 
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geschmähten, vielaerühmten Makkaroni und Spa­ghetti der ganze schöne Sanktionsplan.

3m übrigen erklärte Mussolini klipp und klar, jeder müsse jetzt den Gürtel enger schnal­len und zur gleichen Stunde haben wir ihn auch um ein Loch enger geschnallt. Ich sage wir, denn die Ausländer machen natürlich nolens yolens mit. Morgen kommt das zweite Locy daran, übermorgen das dritte undsoweiter. Mal schauen, wer es länaer aushält, Rom oder Genf. Das ist gegenwärtig die Stimmung, um von unvernünftigem Uebermut, der sich gelegentlich auch aeigt, zu schweigen. Die Ein­sichtigen geben sich keiner Täuschung darüber hin, daß es bald verdammt Ernst werden muß, wenn die Blockade ernst gemeint ist. Denn die übrigen Spardekrete zeigen schon, wie traurig es mit Den Reserven, das Brot ausgenommen, bestellt ist.

Der Mangel an Fle i s ch soll gemildert wer- den durch fleischlose Tage, Beschränkung auf eine Fleischplatte in den Gasthäusern, Erweiterung der Jagd und Fischerei. Nun, eine Jagd in unserem Sinne gibt es in Italien Überhaupt nicht. Das Land, durch jahrtausendelangen Raubbau an Fauna und Flora, von allem durch die Vernichtung der Wälder trostlos verarmt, ist an sich terra ingrata, undankbare Erde, und treibt ja hauptsächlich des­halb seine Menschen zur Eroberung von Kolonien an. Dank ober vielmehr schuld der allgemeinen Schießerlaubnis ist es völlig ausgeschlossen; ober hätte schon jemals einer in Italien einen Hasen, ein Reh, ja nur ein Eichhörnchen zu Gesicht be­kommen? So etwas gibt es nur im zoologischen Garten ober in ben Reservaten ber großen Herren. Daher sollen bie nun geöffnet werben. Viel kann dabei nicht herauskommen, geht bie Nachricht doch schon durch alle Zeitungen, wenn irgendwo ein Schwarm von Jägern bei einer solchen Festjagd vier Wildschweine zur Strecke bringt. In den Al­pen muß für jede Gemse ein Schußgeld bezahlt weichen, mit dem man in Deutschland eine ganze Jahrespacht begleichen kann.

Infreier Wilbbahn" gibt es eigentlich nur Vögel, Zugvögel, und wie ihnen nachgestellt wird, ist ja zum Ueberdruß bekannt. Wird nun auch die Dvgelschießerei noch eifriger betrieben, so kann damit keineswegs die alte Nutzrechnung verbessert werden, die sich aufstellen läßt,roenn man unter Verzicht auf dieSentimentalität", wie sie den Tierfreunden von den Dvgeljägern vorge- warfen wird, lediglich ben Nährwert ins Auge faßt: ein Rotkehlchen ober Buchfink liefert höchstens acht bis zehn Gramm Fleisch, auf ein Kilo gehen baher 100 Stück. Selbst jeden Schuß mit einem Treffer gleichgesetzt, kommt man also, bei einem Patronen- vreis von mindestens 30 Eentesimi, auf 30 Lire für das Kilo Singvogelfleisch. Und jeder Schuß verrin­gert doch wieder das Vermögen der nationalen Ver­teidigung an Pulver, Blei, Papier und Messing. Das ist kein Ausgleich gegenüber ben Sanktionen.

Etwas, nicht viel besser steht es mit der Fische­rei. Der italienische Fischer kratzt mit seinem male­rischen Segelboot schon ohne besondere Ermunte­rung alles zusammen, was frutta di mare ist, Meeresfrucht. Von der einen Zentimeter langen Fischbrut bis zum Hai kommt sie auf den Markt, dazwischen die merkwürdigsten Krebsgebilbe, die wir höchstens als Kuriosität bestaunen, ohne daß uns das Wasser im Munde zusammenläust. Hoch­seefischerei? Steckt noch in ben Kinderschuhen, und überdies brauchen die Dampfer Kohlen. Die Fische- reikorporation glaubt bei intensiver Ausnützung der Süßwasser vierzigtausend Doppelzentner mehr her­auszuholen, aber das Zehnfache und Fünfzehnfache wurde bisher jährlich eingeführtl Folglich kann der Fisch das Fleisch nicht ersetzen.

Um Kohlen und Strom zu sparen, werben die Bürozeiten geändert. Um Papier zu sparen, dürfen die Zeitungen nur noch sechs Seiten haben, die Amtsdruckereien werden an allen Ecken und Enden beschnitten, das Format für Schreibpapier samt Umschlägen schrumpft zusammen, Neuanschaf­fungen von Möbeln sind zu unterlassen. Und so weiter. Das führt uns zur H o l z n o t. Für die herrlichen Südtisoler Wälder bricht eine böse Zeit an, eine schlimmere noch als für die Singvögel. Ich fürchte, ber Baum, aus dem das Papier gewonnen werben soll, bas ich für den ersten Frühlingsartikel brauche, ist noch nicht gewachsen. In den Geschäften herrscht Ausverkaufs st immun g. Man gibt her, was da ist, mit mehr oder minder großem Aufschlag, empfindlich bereits bei allen Metall- fachen, solange Vorrat reicht. Und bann? Mistero! Selbst bas aber wirb mit einem Lächeln ausge­sprochen.

Nein, die großen Reserven des italienischen Vol­kes liegen nicht auf Stapelplätzen, in Magazinen und Vorratskammern, sondern in seiner Ge­nügsamkeit, seiner Verzichtbereitschaft und Disziplin. Unsere faschistische Disziplin, das ist das Schlagwort, das der Stein ber Weisen, bas Tischleindeckdich. Ein im vormussolinischen Italien unbekannter Begriff, um so begeisterter daher in den Mund genommen und angewendet. Preu­ßischer als die Preußen, spartanischer als die Spar­taner wollen alle werden und scheinen. Als erste vor die Front traten die Frauen, die Mütter und Witwen der Kriegsgefallenen. Von Haus zu Haus wollen sie ziehen und alle Familien zum heiligen Krieg der Entsagung, der Abwehr, der Verteidi­gung gegen die Sanktionen aufrufen. Sie haben es leichter als damals die Frauen der belagerten Mittelmächte, denn niemand fällt ihnen mit Spott und Hetze, mit defätistischen Wühlereien in den Arm. Sie sind Faschisten, sie in erster Linie, sagen sie. Und das heißt schweigend gehorchen und dienen zum Wohle des Vaterlands.

Die Italiener fetzen den Vormarsch fort.

21 5 m a r-a, 5. Nov. (Funkbericht des Kriegs- berichtserstatters des DNB.) Die italienische Kamel- reiter-Abteilung, bie sich bei Renba Como mit ben Danakil vereinigt hat, rückt in Gewaltmär­schen a u f 2) a t o vor. Sie steht bereits bei D a g a- d a r o unb hat schon bie Hälfte bes Weges zurück- gelegt. An ber Norbf ront hatte ber Dormarfch unter starken Regengüssen zu leiben. Trotzdem ge­lang es bem Eingeborenenkorps Haz, Wogoro zu erreichen. Das Korps Maravigna hat in ber Gegend von Abua ben Vormarsch auf Abiabo fortgesetzt. Die Fliegeraufklärung stellte fest, baß nicht nur am Aschangi-See, fonbern auch an ande- ren Stellen, insbefonbere in ber Hochebene von lembien, süblich von Abua, starke abessi­nisch e K r ä f t e sich sammeln.

Aus Berichten ber italienischen Prelle ergibt sich, daß Montag mittag bie italienische Vorhut Abbi A b b i, 90 Kilometer süblich von Haussien und 40 Kilometer westlich von Makalle, erreicht hatte. Nordöstlich von Makalle hatte sich die Vorhut bis Agula, 35 Kilometer Luftlinie, an Makalle her­angearbeitet. Die ganze Landschaft G e r a 11 a ist vor allem durch die Besetzung des Berges M a g a b praktisch bereits in italienischen Händen. Abgesehen von einigen Derteibigungsnestern, die ausgehoben

werben mußten, vollzieht sich ber italienische Vor­marsch fast ohne feben Wider st anb, was auf bie Stimmung ber Bevölkerung zurückgeführt wirb, die die italienischen Truppen als Befreier be­grüße. Auch die Haltung des koptischen Klerus sei den Italienern sehr günstig.

Umbildung der dänischen Regierung.

Kopenhagen, 4. Nov. (DNB.) Nach den Wahlen zum dänischen Folketing hatten Verhand­lungen über eine Umbildung der aus Sozial­demokraten und Demokraten bestehenden Regierung das Ergebnis, daß fünf bisherige Minister ihre Aemter niedergelegt haben. Die neue Regierung setzt ich folgendermaßen zusammen: Ministerpräsidium: Staun in g, Sozialdemokrat (unveränd.); Aeuße- res: Dr. Munch, Demokrat (unverändert); Finan­zen: H. P. H a n s e n, Sozialdemokrat (unverändert); Inneres: Dahlgaard, Demokrat (unverändert); Justiz: S t e i n ck e , Sozialdemokrat (bisher soziale

Angelegenheiten); Landwirtschaft: Bording, So­zialdemokrat (unverändert); Verteidigung: Alsing Andersen, Sozialdemokrat (neu); Soziale An­gelegenheiten: Christensen, Sozialdemokrat (neu); Handel, Industrie und Seefahrt: Kjaer- b ö I, Sozialdemokrat (neu); Oeffentliche Arbeiten: Fisker, Sozialdemokrat (neu); Unterricht: Jör­ge n f e n , Demokrat (neu); Kirchliche Angelegen­heiten: Johannes Hansen, Sozialdemokrat (neu).

Von den neuen Ministern hatten ber Verteidi- gungs- und der Unterrichtsminister bisher den Vor­sitz der sozialdemokratischen bzw. demokratischen Folketing-Fraktion. Der neue Handelsminister kommt ebenso wie der Minister für soziale Ange­legenheiten, der dem Landsting angehört, aus der Gewerkschaftsbewegung. Der Minister für öffentliche Arbeiten, bisher Direktor einer Hypothekenbank, be­kleidete das Amt des zweiten Vorsitzenden der sozial­demokratischen Folketing-Fraktion. Der neue Kir­chenminister, der von Beruf Lehrer ist, gehört dem Landsting an.

Ein deutsch-polnischer Wirtschaftsvertrag

Warschau, 4. Nov. (DNB.) Am 4. November 1935 ist in Warschau ein d e u t s ch - p o l n i s ch e r Wirlschaflsvertrag unterzeichnet wor­den, der den gesamten Warenverkehr zwischen den beiden Ländern aus der Grundlage der W e i st b e - günftigung regelt und eine Erweiterung der Warenumsätze unter Berücksichtigung der beiderseitigen wirtschaftspolitischen Erfordernisse vorsieht. Die Zahlungen für den gegenseitigen Warenverkehr werden aus dem Verrech­nungswege abgewickelt werden.

21m sicherzustellen, daß das vereinbarte Vertrags­system reibungslos arbeitet, werden von beiden Seiten Regierungsausschüsse eingesetzt, die alle bei der praktischen Auswirkung etwa ent­stehenden Hemmnisse beseitigen sollen. Deutscher­seits ist der Vertrag von dem Botschafter von Moltke und dem Delegationsführer Botschafts­rat hemmen, polnischerseits von Unterstaats- sekretär Graf Szembek und dem Delegations­führer Ministerialdirektor Sokolowski unter­zeichnet worden. Der Vertrag, der ratifiziert wer­den soll, wird am 20. November vorläufig in Kraft gesetzt werden.

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Zu dem Abschluß des Wirtschaftsvertrages wird derVolkswirtschaftlichen Korrespondenz" von maßgebender Seite u. a. geschrieben:

Der Wirtschaftsvertrag setzt an bie Stelle ber bis­herigenKompensationsabkommen", Kontingent« unb sonstigen Einzelregelungen einen Neubau, ber ben gesamten Warenverkehr zwischen beiben Ländern auf Grundlagen stellt, die den beiderseitigen wirtschaftlichen Belangen entsprechen. In den Ver­handlungen über den Wirtschaftsvertrag ist jene klare unb offene Sprache" geführt war» ben, bie seit bem für bie Neugestaltung ber deutsch- polnischen Gesamtbeziehungen grunblegenben Ver­trage vom 26. Januar 1934 nach einem Worte bes polnischen Außenministers Beck benBoden für den 2lufb'au dauerhafter Formen eines guten nachbar­lichen Verhältnisses" geschaffen hat. Trotz all der Schwierigkeiten, die sich aus Len Folgen der Welt­wirtschaftskrise, aus devisengesetzlichen Rücksichten unb aus ber allgemeinen Wirtschaftslage ergeben, hat b er guteWillebeider Seiten unb bas gegenseitige Verstänbnis für bie wirt­schaftlichen Notwenbigkelten bes Partners zu einer Neuregelung Geführt, bie bie vom Führer unb von Marschall Pllsudski zwischen beiden Ländern einge­leitete Verständigungspolitik auf wirtschaftlichem Gebiete ausbaut.

Mit dem neuen Wirtschaftsverträge ist ein wei­terer Schritt auf dem Wege vollzogen worden, den der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler in der Reichstagsrebe vom Januar 1934 bezeichnete, als er unmittelbar nach Abschluß bes Zehnjahresvertrages bie Hoffnung ausfprach, baß nun auch die wirt­schaftlichen Beziehungen eine Gestaltung derart er­fahren würden, daß dem Zustande unfruchtbarer Zurückhaltung eine Zeit nützlicher Zusam­menarbeit folgen könne. Dem Zehnjahresver- trag ist im März 1934 das Protokoll über bie B e - enbigung bes deutsch-polnischen Zoll­krieges aefolgt unb neben einer Reihe privat- wirtschaftlicher unb Einzelabkommen ber für ein Jahr geschlossene Kompensationsvertrag vom Oktober 1934.

Der jetzige Wirtschaftsvertrag geht in feiner Bebeutung unb in feinem Umfange weit über bas vorjährige Kompensationsabkommen hinaus. Als wichtigste Neuerung führt er zwischen Deutschlanb unb Polen ben Grunbsatz ber Meistbegünsti­gung für ben Wirtschaftsverkehr zwischen beiben ßänbern ein. Statt ber bisher befolgten Methobe ber Einzelkompensationen schafft ber neue Wirt­schaftsvertrag bie Möglichkeit einer erheblichen Ausbehnung bes Warenaustausches unb regelt dabei ben Zahlungsverkehr über Ver­rechnungsstellen so, baß ein Ausgleich ber Handelsbilanz angestrebt werben kann, der sich aus dem ständigen, regelmäßigen Fluß ber Wirtschaft ergibt.

Der Wirtschaftsvertrag, ber zunächst bis zum 31. Oktober 1936 laufen soll, sieht bie Möglich­keit ber Verlängerung vor unb schafft da- durch bie erwünschte Festigkeit unb Stänbigkeit im Handelsverkehr. Fast noch wichtiger als biese Tat­sache ist, baß er zugleich auch für bie Biegsam­keit ber Einzelbestimmungen oorsorgt unb jeberzeit bie Möglichkeit gibt, bie starren Para­graphen ben praktischen Bedürfnissen und der Er­fahrung anzupasfen. Zu diesem Zwecke werden in Berlin und WarschauReglerungsaus- f ch ü s s e" errichtet, deren Führung voraussichtlich die Leiter ber jetzt abgeschlossenen Verhandlungen deutscherseits Botschaftsrat Hemmen und pol- nischerseits Ministerialdirektor Sokolowski übernehmen werden. Die Ausgabe dieser Ausschüsse wird es fein, in dauernder Fühlungnahme mitein­ander zu stehen, um alle bei der Durchführung bes Wirtschaftsvertrages sich ergebenden Schwierig­keiten zu beseitigen unb durch etwaige Neuregelung ber Kontingents- unb ähnlicher Bestimmungen von Jahr zu Jahr ben Vertrag mit ben praktischen Bedürfnissen ber Wirtschaft in Einklang zu halten.

Der E>tavisky-Prozeß hat begonnen.

Paris, 4. Nov. (DNB.) Montagnachmittag be­gann in Paris der Staoifky-Prozeß. Das gesamte Aktenmaterial war bereits einige Tage zuvor in einem Stahlfchrank untergebracht worden, der Tag und Nacht von zwei Polizeibeam­ten bewacht wurde. Das Material umfaßt nicht we­niger als 4 8 Bände von insgesamt 35 000 Sei­ten, 33 Sachoerständigenberichte und weitere 7000 Seiten technische Erläuterungen.

Lange bevor der Verhandlungssaal geöffnet wurde, hatte sich vor dem Gerichtsgebäude eine große Menschenmenge eingefunden. Nur Inhaber von Sonderkarten wurden jedoch von den Polizei­wachen in den für diesen Riefenprozeß viel zu klei­nen Verhandlungsraum eingelassen. Pressevertreter unb Photographen, Rechtsanwälte unb Sachverstän- bige erhielten Einlaß. Einen Platz mußten sie sich jeboch erst erkämpfen. Nachbem bie lange Reihe ber Angeklagten Einzug gehalten, gefolgt unb um­geben von einem starken Polizeiaufgebot, nahm ber Präsident, Gerichtsrat Barnaub, mit seinen Ge­schworenen Platz. Die erste Sitzung bestand im we­sentlichen in der Verlesung der Namen ber Ange­klagten.

Die Stavisky - Affäre hat vor etwa zwei Jahren bas politische Leben ber Republik tief auf- gerührt und schien einen Augenblick lang nicht nur bie amtierenbe Regierung, fonbern auch bas poli­tische System ber bemvkratischen Republik über­haupt zu bebrohen. Man erinnert sich ber großen Straßendemonstrationen in Paris, in benen ins- befonbere bie rechtsgerichtete Jugend gegen bas Korruptionssystem bes Parlamentarismus und ber republikanischen Bürokratie protestierte, unb bie ben Sturz ber rabikalsoziali st Ischen Regie­rung zur Folge hatten unb Frankreich hart an ben Rand einer allgemeinen Revolution führten. In­zwischen ist es gelungen, ben Skandal, ber seinen üblen Geruch über bie ganze Welt ausbreitete, in die prozessualen Formen eines Monstrepro- zesses einzufangen unb statt bes Systems eine Reihe von mehr ober minder bedeutenden unb mehr ober minber schulbigen Angeklagten auf bie An­klagebank zu setzen. Da etwa breißig Verhandlun­gen vorgesehen sind und siebzig Rechtsanwälte sich um bie Reinwaschung ihrer Klienten bemühen wer­den, wird Paris etwa zwei Monate lang die Sen­sation bes gerichtlichen Nachspiels biefer Affäre haben, ohne baß jeboch bie von bem einen Teil Frankreichs befürchteten, vom andern erhofften politischen Wirkungen zu erwarten sind. Ein Großer Prozeß auf ber Grundlage einer riesigen Anklageschrift von tausend Schreibmaschinenseiten, die kaum jemand übersehen kann, steht bevor, aber keine Reinigungsaktion des öffentlichen und staatlichen Lebens der Republik.

Der Hauvtangeklagte, der aus Ostgalizien einige Jahre vor dem Kriege nach dem Lande der Freiheit

und Demokratie eingewanderte Jude Stavisky, ber Freunb von Ministern, Abgeordneten, Bank- birektoren unb einflußreichen Zeitunasleuten, ber Besitzer von Spielhöllen, Diamantenhändler, Be- grünber zweifelhafter Aktiengesellschaften, ber Groß- runbe stäbtffcher Leihanstalten, berbe^aubewbe Mensch", der mit feinem Scheckbuch die PaiVser Gesellschaft beherrschte, ber wiederholt Angeklagte und sogar Verhaftete, aber immer wieder auf Ein­spruch hoher Gönner unb nach geheimnisvollem Verschwinden ber Akten wieder Freigelassene, ber Ausländer dunkler Herkunft, den das nationalistische Paris unbesehen an sein kosmopolitisches Herz zog, dieser Riesenschwindler, an bem nichts groß war als seine Menschenverachtung, hat sich bekanntlich burch seinen Selbstmorb in Chamonix ober war es ein Morb? nicht nur ber Gerechtigkeit, sondern auch der Aufklärung seiner verwickelten Geschäfte und der restlosen Feststellung ber Mit­schulbigen entzogen. Auf der Anklagebank bleibt feine Witwe, als ehemaligeSchönheitsköni­gin" ein Liebling der Pariser snobistischen Salons und der Sensationspresse und eine Reihe von Per­sönlichkeiten zweiten Grades, bie man gerade noch erwischt hatte, als sich die Tür hinter den großen Mitschuldigen der Regierungs-, Parlaments- und Verwaltungskreise lautlos, aber fest geschlossen hatte: der Direktor des Bayonner Leihhauses, der radikale Abgeordnete unb Bürgermeister von Bayonne, ber Direktor einer Versicherungsgesell­schaft, drei Rechtsanwälte, von denen einer auch radikaler Abgeordneter ist, die ihre Rechtskunde gegen hohe Honorare dem Schieber und feinen Schiebungen zur Verfügung gestellt hatten, vier Zeitungsbesitzer ober Journalisten, bie gegen Be­zahlung die Unternehmungen Staviskys Dem fran­zösischen Publikum empfahlen, unb enblich ein früherer General und Kommandeur der Ehren­legion, der geldgierig und einfältig genug war, als Aufsichtsratsoorsitzender verschiedener Stavisky-Ge- sellschaften seinen guten Namen unb seinen Offi­ziersrock zu beschmutzen. Alles in allem mehr ober minber schuldige Opfer eines Milieus, das sie für unanfechtbar hielten, weil es eben bas Milieu von Paris war unb in bem sie alle sich tummeln sahen, bie Minister, bie Abgeorbneten, die Bankleute, die Männer der öffentlichen Meinung, die schönen be­gehrten Frauen, alles, was zur großen glänzenden Gesellschaft von Paris und Frankreich gehörte.

Der Prozeß wird mit der Verurteilung aller, ober vielleicht auch mit ber Freisprechung bes einen ober anberen Angeklagten enden unb beansprucht, nach­dem man ihn auf bas kriminell Faßbare beschränkt hat, kaum ein weiteres Interesse. Aber bie Sta- olsky-Affäre wirb in ber Geschichte ber brüten Re­publik nicht vergessen werben, benn ihre Wir- jungen auf bas moralische Bewußt- fein Frankreichs dauern fort und sind noch nicht zu überblicken. Man hat sie mit jener

berühmten Halsbandgeschichte verglichen, die ber großen französischen Revolution vorausgmg und bie bas Ansehen bes Königtums im Bewußtsein bet Volkes so untergraben hatte, baß es einige Jahre barauf zum Sturm auf bie Bastille geführt werden konnte. Auch damals stand im Hinter­gründe ein Abenteurer, wenn auch großen Formats, der Magier C a g l i o ft r o , und der Kardinal R o han, ber bie Tugenb ber Königin leichtfertig kom­promittiert hatte, würbe unter bem Jubel bes Vol­kes freigesprochen. Der wahre Schuldige war in einen Augen das Königspaar, obwohl es un- chuldig war, und nicht die armseligen Werkzeuge, die man verurteilt hatte. Solche historischen Analo- gien liegen nahe, aber sie erfüllen sich nie ganz. Die staatlichen Hüter der Republik haben es jeden- alls verstanden, bie bireften Serbinbungen, bie von ber Affäre Stavisky zum politischen System Frankreichs führten, in ein geheimnisvolles Dunkel zu hüllen. Die Frage ist nur, ob sich das franzö- ifche Volk damit abfindet, daß der Stavifky-Skandal nur in einem Gerichtsprozeß und nicht in einem Staatsprozeß enden soll.

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Mit einem Schwerthieb zerteilt Ministerpräsident Göring das Band und übergibt damit die Rheinbrücke bei Neuwied dem Verkehr. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Grußpflichten in der Wehrmacht.

Gegenseitige Grußpflicht besteht zwi­schen: Wehrmachtsangehörigen untereinander, so­weit nicht die Bestimmungen über Ehrenbezeigun­gen in Frage kommen, einschl. ehemaligen Ange­hörigen ber Wehrmacht, bes alten Heeres unb ber alten Marine in Uniform, Angehörigen der Wehr­macht, der Polizei und der Gendarmerie, den Forst- beamten des öffentlichen Dienstes und den Bahn­schutzbeamten, den Angehörigen des DLV. unb RLB., der SA. mit ihren Gliederungen, der SS. und des FDA.

Grußpflicht des einzelnen besteht fer­ner: gegenüber Den Fahnen unb Felbzeichen, beim Spielen bes Deutfchlanbliebes unb bes Horst- Weffel-Liebes, beim Herantreten an Ehrenmale ober beim Betreten von Ehrenmalen, vor allem Leichenbegängnissen, Gegenüber Vorgesetzten in bürgerlicher Kleibung, sofern sie bem Wehrmachts- angehörigen bekannt sind, gegenüber ben in Uni­form befinblichen politischen Leitern ber Partei­organisation.

Die Grußformen ergeben sich für Wehrmochts- angehörige in Uniform mit Kopfbebeckung sinn­gemäß aus ben Bestimmungen über Ehrenbezei­gungen. Wehrmachtsangehörige in Uniform ohne Kopfbedeckung ober in bürgerlicher Kleibung grü­ßen mit bem Deutschen Gruß. Der im Dienstgrad Niebere ober im Dienstalter Jüngere soll mit bem Gruß zuvorkommen. Es ist insbesonbere auch bem zu grüßenben Nichtangehörigen der Wehr­macht gegenüber Ehrensache des Soldaten, jeden Gruß soldatisch stramm zu erweisen.

Vorgesetzte erwidern eine Ehrenbezeigung durch Gegengruß; in Gemeinschaft mehrerer er­widert jeder Vorgesetzte einzeln die Ehrenbezeigung. Erwidert ein Vorgesetzter die Ehrenbezeigung eines Soldaten mit dem GegengrußHeil",Guten Morgen"" usw., so wird der Gruß im gleichen Wortlaut unter Hinzufügen von Herr......

(Dienstgrad des Vorgesetzten)" beantwortet. Vorge­setzte begrüßen geschlossene Abteilungen mitHeil!" unter Hinzufügung ber Waffengattung ober des Verbandes. Die Antwort der Truppe lautet:Hell" unter Hinzufügen . von Herr . . . (Dienstgrad des Vorgesetzten)". Dem Reichskriegsmini­ster antwortet die Truppe:Heil! Herr General­oberst!" Dem Führer und Reichskanzler antwortet die Truppe:Heil! Mein Führer!"

Uniform ber Offiziere bes Beurlaubienstanbes

Der Reichskriegsminister hat verfügt: Ehema­lige aktive Offiziere unb Offiziere des Beurlaubten standes der alten Wehrmacht, welche noch nicht in bas Offizlerkorps^ bes Beurlaubtenstandes ber neuen Wehrmacht übernommen worden sind, tragen bei Ableistung von Hebungen die Uni­form der Reserve-Offiziere des betreffenden Wehr­machtsteils mit den Achselstücken ihres Dienstgrades ohne Regiments- usw. Nummern und mit folgender besonderer Kennzeichnung: quer unter ben Schulter­stücken zwei Tressen nach bem Muster für Verab­schiedete des Heeres, ber Kriegsmarine unb der Luftwaffe. Diese Uniform darf nur im Dienst, auf dem Wege vom und zum Dienst, sowie in Offi­ziershelmen angelegt werden. Für ehemalige Offiziere einer fremden Wehrmacht Gelten dieselben Bestimmungen mit der Einschrän­kung, daß sie vor Uebernahrne in das Offizierkorps des Beurlaubtenstandes zunächst die Achsel- stücke eines Leutnants zu tragen haben, unbeschadet ihres in der fremden Wehrmacht er» reichten Dienstgrades. Bei ihrer Anstellung im Offi- zierkorps des Beurlaubtenstandes erhalten sie den Dienstgrad, der ihrer Eignung entspricht.