Ausgabe 
5.11.1935
 
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ttr. 259 Erstes Blatt 185. Jahrgang Dienstag, 5. November 1935

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MM General-Anzeiger für Oberhessen

Kranifuri am motn 11686 Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfiiülrvuch- und Steindruckerei R. Lange In Sieben. Schriftleitung und ScschSstrftelle: Schulftratze 7 Mengenabschlüsse Staffel B

Oie bolschewistische Herrenschicht.

Don unserem 7!.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Moskau, Oktober 1935.

Ende September haben die Sowjetregierung und der Zentralvollzugsausschuß der Sowjetunion, also die höchsten Exekutivbehörden des Staates, eine Verordnung beschlossen und veröffentlicht, die im Innern der Sowjetunion wie nach außen hin gleichermaßen sensationell wirkt. Es handelt sich um die W i ederherstellung der alten Rang­bezeichnungen in der Armee und die Ein­führung einer Reihe von neuen Rangstufen. Sie stellt einen der weithin sichtbarsten Meilensteine in der innersowjetrussischen Entwicklung der letzten Lahre dar. Die Diktatur des proletarischen Staates hat sich hier entschlossen, mit dem letzten Rest der kommunistischen Gleichmacherei aus der Epoche des Kriegskommunismus zu brechen und der Armee einen äußeren Rahmen zu geben, der sie bewußt an die Armeen derwe st europäischen Staaten annähert.

Diese Entscheidung ist natürlich nicht von un­gefähr erfolgt. Rach dem Abschluß des militärischen Bündnisses mit Frankreich und insbesondere auch während der vor kurzem in der Ukraine statt­gefundenen großen Manöver der Roten Armee haben fortlaufend militärische Besprechun­gen zwischen den Vertretern der beiderseitigen Ge­neralstäbe stattgefunden. Man wird auch in der neuen sowjetrussischen Offiziersrangliste' unschwer französische Einflüsse feststellen können. Von der Kampfkraft derRoten Arbeiter- und Bauern­armee" haben sich die Franzosen bei den Manöoern in der Umgebung von Kiew selbst überzeugen kön­nen; nun präsentiert man ihnen auch ein dem französischen nachgebildetes Offi­zierskorps, das die Armee des Sowjetstaates Der des Verbündeten im Westen annähern soll. Der Leutnant" ist wieder auferstanden, derKapitän", wie in Frankreich, regiert die Stunde und, ebenso wie es einenMarschall von Frankreich" gibt, wird künftighin einMarschall der Sowjetunion" von dem Willen der Sowjetunion zeugen, die beiden Armeen, die stärksten der Welt, möglichst eng ver­wandt erscheinen zu lassen.

Man gibt sich in Moskau die allergrößte Mühe, die Rote Armee als einen in jeder Beziehung bündnisfähigen Machtfattor hinzustel­len und unterstreicht bei jeder Gelegenheit ihre außergewöhnliche Bedeutung für die ganze Zukunft des bolschewistischen Staates. Und man stößt fid erst recht nicht daran, auch die letzten Reste der alten kommunistischen Begriffe alsüberlebt" an­zusehen und abzuschaffen. Hinzu kommt, daß auf der einen Seite Stalin ein täglich steigendes Interesse für die militärischen Dinge beweist und daß er damit der Armee eine Geltung im Lande verschafft hat, wie sie außer ihr vielleicht nur noch die GPU. besitzt, während auf der anderen Seite diese bevorzugte Kaste im bolschewistischen Staat sich ihrer gestiegenen Geltung durchaus bewußt ist und bereits begonnen hat, nicht ohne einen ge­wissen Erfolg selbst in außenpolitische Angelegenhei­ten hineinzureden.

Wohin dieser neue Zustand für die Sowjetunion selbst eines Tages führen kann, bleibt eine Frage der Zukunft. Tatsache ist schon heute, daß die An­gehörigen der roten Wehrmacht durch diese Verord­nung auf innenpolitischem Gebiet einen Macht­zuwachs erfahren haben, der sie um mehrere Stufen von den übrigen, dereinfachen" Sterb­lichen im Sowjetparadies, von der großen Masse der Sowjetproletarier, trennt. Die gesetzliche Fest­legung der ausgesprochenen Rangunterschiede lega­lisiert hier einen Zustand der Schichtung, der heute nicht einmal mehr verhüllt wird. Der Offiziers- stand soll bewußt ein gehobener Stand sein, der sich sowohl in feinen Idealen wie in der allgemeinen Lebenshaltung von deneinfachen Sowjetbürgern" unterscheidet. Das Bewußtsein der besonderen Aufgaben, die er zu lösen hat, der be­sonderen Würde, die er besitzt,, und der besonderen Verdienste, die er sich erworben hat, wird ihm mit klarer Absicht eingetrichtert; er soll einen pri - vilegierten Stand, eine bevorzugte Kaste, * eine Klasse für sich imklassenlosen Staat" bilden!

Zusammen mit der Klasse der hohen Parteifunktio­näre, der höchsten Staatsbeamten, der Fabrikdirek­toren" und Ingenieure, sowie schließlich der freien Künstlerschaft und einiger Hochschullehrer wird der Offiziersstand in Zukunft noch mehr die k o m - munistische Herrenschicht im Staat bilden. Und wenn diese neue Erscheinung der Stalinschen Herrschaft in der Tat auch nicht mehr viel mit den alten kommunistischen Dogmen zu tun hat, so ist doch kein Zweifel, daß auch oiese Elite der bolschewisti­schen Diktatur sich fest in der Hand Stalins be­findet, daß sie nur ein Werkzeug bildet, um feine Gewalt im Lande zu befestigen und fein Regiment im Mutterstaat des Kommunismus zu sichern.

Auch für das Ausland von besonderem Interesse ist aber diese Entwicklung der klaren Unterscheidung zwischen denführenden Menschen" und denNur- Sowietbürgern"; eine Entwicklung, die vielfach Übersehen werden konnte, weil sie äußerlich mit den Grundsätzen derDiktatur des Proletariats" nicht in llebereinftimmung zu bringen war. Es ist nicht übertrieben, und man tut wohl auch den leitenden Männern in Moskau heute nicht mehr weh, wenn inan behauptet, daß diese Diktatur des Proletariats sich in der Tat in eine Diktatur über das Proletariat verwandelt hat! Auf Schritt und Tritt kann man Feststellungen treffen, die von der rücksichtslosen Ausnutzung der Arbeiter und Bauern, dafür aber aud) von einem unerhörten

Englands VölkerbundspoM im Mlelpunkt des Wahlkampfes

Englands europäische Sendung

Baldwin sieht gute Vorzeichen für die kollektive Sicherung des Friedens.

London, 5. Rov. (DRB. Funkspr.) In einer Wahlrede in Liverpool sagte Ministerpräsident Baldwin u. a.: Vor vierzig Jahren habe ich in dieser Halle erklärt, es handele sich nicht darum, einen neuen Staat zu schassen, sondern den alten Staat zu retten. Wir haben den alten Staat gerettet. Diesmal wünschen wir eine Vollmacht, die es uns ermöglicht, unser Werk fort» zusetzen, und die Schöpfer eines neuen Staates und, wenn es Gottes Wille ist, eines neuen Europa zu werden. England verlangt eine starke und erprobte Regierung. Aber ich glaube auch, daß Europa heute feine Blicke auf England richtet, um Hilfe, Ratschläge und eine Führung zu erhalten, wie es dies niemals zuvor getan hat.

Es gibt kein ermutigenderes Zeichen der Zeit, als die Tatsache, daß der Völkerbund eine Le­benskraft und eine Männlichkeit gezeigt hat, die ein gutes Vorzeichen für den kollek­tiven Frieden der Zukunft bilden. In ganz Europa herrsche zweifellos ein starker und ent­schlossener Wunsch nach Frieden. Dies komme in dem Wunsche des Völkerbundes zum Ausdruck, daß Frankreich und England ihr möglichstes tun möch­ten, um eine friedliche Lösung zu finden, die für Italien, Abessinien und den Völkerbund annehm­bar wäre. Diesen Versuch würden Frankreich und England mit Unterstützung des Völkerbundes unter­nehmen. Nichts werde hinter dem Rücken des Völkerbundes geschehen. Es werde keine isolierte Handlung Englands geben. Alle würden sich zu­rückhalten und das Risiko und, falls eine Regelung erreicht werde, die Ehre miteinander teilen.

Englands pvÄlk ist die Politik des Völkerbunds.

Hoare gegen seine Kritiker.

London, 4. Nov. (DNB.) In einer Rede im Londoner Stqdtteil Chelsea wandte sich Außenmi­nister Sir Samuel Hoare gegen die Auslegung, die die britische Außenpolitik durch politische Gegner im In- und Auslande erfahre. Die englische Außen­politik sei einfach und äußerst gradlinig. Das Kabinett habe keinen Plan zur Reform des Völkerbundes erwogen. Es habe auch nicht bei ausländischen Nationen in dieser Frage Fühlung genommen. Er habe seit Wochen alles getan, um den Völkerbund zu stärken und seinen kollektiven Maßnahmen zu einem wirklichen Erfolg zu verhelfen. Zum ersten Male in der Geschichte der Welt seien kollektive Maßnahmen gegen einen nicht herausgeforderten Angriff vorbereitet worden. 40 bis 50 Staaten hätten sich auf einer gemein­samen Grundlage geeinigt und dadurch zum Aus­druck gebracht, daß sie bereit feien, für die Sache des kollektiven Friedens beträchtliche Opfer zu bringen. Sie hätten gezeigt, daß sie nicht den unnatürlichen Argwohn hegten, wie Lloyd George, Lord Snow­den und die Arbeiterführer, und daß sie die Bemü­hungen der französischen und britischen Regierung, eine ehrenvolle Lösung der Auseinandersetzung zu finden, in jeder Hinsicht billigten. Das seien die beiden großen Ergebnisse von Genf, die ohne einen Druck der britischen Regierung zustandegekommen feien. Die gradlinige und einfache Politik der Treue England.s zum Völkerbund und die Bereitwilligkeit, sich um eine ehrenvolle Lösung zu bemühen, sei die Politik des Völker­bundes in feiner Gesamtheit. Das fei feine Antwort auf die Wahlmanöver der politischen Gegner, die erklärten, daß England den Völker­bund heute unterminiere und entschlossen sei, ihn morgen zu zerstören.

Englische Familien verlassen Italien.

London, 5. Nov. (DNB. Funkspruch.) Reuter meldet aus Rom, daß sich eine Anzahl englischer

Familien aus Furcht vor einem Boykott und vor Lebensmittelmangel infolge der Sühnemaßnahmen veranlaßt gesehen habe, Ita­lien zu verlassen. Andere, die ihre Sommer« ferien außerhalb von Italien verbracht hätten, hätten ihre Rückkehr dorthin aufgeschoben, um eine Besserung der Aussichten abzuwarten. Der englisch-amerikanische Verein in Rom habe infolge mangels an Mitgliedern seine Tätigkeit ein­gestellt.

Wirtschaftliche Folgen der Sanktionen für Frankreich.

Paris, 5. Nov. (DNB. Funkspr.) DieJournse Industrielle" weist auf die immer mehr zuneh- menben Klagen französischerJndustrie-

Zweige hin, die besonders stark durch die wirt» schaftlichen Sühnemaßnahmen gegen Italien be» troffen werden. Diese Industrien, deren ganze Tä­tigkeit auf die Ausfuhr nach Italien eingestellt sei, lägen praktisch lahm. Andererseits werde aber auch Beschwerde darüber geführt, daß gewisse Staaten trotz Zustimmung zu den Sühnemaßnah­men versuchten, das Handelsverbot mit Italien zu umgehen. Man weise besonders auf die Anwe­senheit einer sowjetrus fischen Wirt­schaftsabordnung in Mailand hin, die an­geblich ihren italienischen Abnehmern die Ein­fuhr von Erzen garantiert habe, voraus­gesetzt, daß die Lieferung nicht mehr wie bisher frei Genua sondern frei Poti (Schwarzes Meer) erfolge.

Gruß an die Feinde von einst."

Eine italienische Betrachtung am Waffenstillstandstag.

Rom, 4. Nov. (DNB.) Unter der Überschrift Gruß an die Feinde von ein ft" richtet das halbamtlicheG i o r n a l e d ' I t a I i a" am Jahrestag des Waffenstillstandes, an dem es sich von feinen einstigen Weltkriegsverbündeten völlig im Stich gelassen fühlt, einige Worte an die Feinde Italiens im Weltkriege. Das Blatt schreibt?Am Samstagabend hat eine fest zusammengefügte Schar von Völkerbundsstaaten endgültig das Datum für die wirtschaftliche Belagerung Italiens festgesetzt. Unter den Teilnehmern an dieser Belagerung befinden sich weder Oe st erreich noch Un­garn, die auch dem Völkerbund angehören, noch Deutschland, das aus dem Völkerbund ausge­treten ist. Unseren loyalen früheren Feinden ent­bieten mir einen bewegten Gruß. Die wechselvolle europäische Geschichte will es, daß alles dies mit dem Jahrestag unseres Siegeszuges zu­sammenfällt. Auf dem Schlachtfeld, durch ein ver­schiedenes aber hohe« Ideal getrennt, haben auch die Feinde Gelegenheit gehabt, sich kennenzulernen und ihren Mut als Kämpfer und Männer abzu­schätzen, um sich dadurch zu achten. Oesterreicher und Ungarn haben vier Jahre lang den Italienern gegenübergestanden, und alle werden sich nach an die Worte erinnern, die sie dem Monte San Michele widmeten. Die Deutschen maßen sich mit uns bei Bligny und am Jsonzo. Und aus dieser auf dem Schlachtfelde entstandenen Achtung heraus fühlen die Feinde, die heute zu Freunden wurden, tiefer den Wert der Freundschaft, der man nicht mit schönen aber leeren Worten Genüge leistet, sondern die sich durch V e r st ä n d n i s und Solidarität ausdrückt. Die Italiener müs­sen feststellen, daß die Erinnerung an die in ver­schiedenen Ländern durchkämpften harten Krieae un­ter den Feinden von gestern das Gefühl der

Loyalität, anstatt es zu verdunkeln, noch v er­st ä r k t hat. Diese Loyalität fand in männlichem Mut ihren Ausdruck, von dem Europa als eine der glänzendsten Tatsachen seiner Kultur und Ehre Kenntnis nehmen muß."

DerTeuere" schreibt, daß die Italiener heute alsBelagerte" den Tag feierten, dem einst die Alliierten den allgemeinen Waffenstillstand vom 11. November verdanken durften. Die letzten 17 Jahre hätten nur dazu gedient, das Band der im Kriege geborenen und geweihten Freundschaften zu einem dünnen Faden werden zu lassen, mit dem man heute Italien erwürgen wolle. Jedes Jahr seien die Kränze der einstigen Verbün­deten an dem Grabe des italienischen unbekannten Soldaten niedergelegt worden. Es sei heute nicht einmal mehr möglich, einen Eichenzweig nach Ita­lien auszuführen. Ebensowenig wie man in Ver­sailles Italien Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte, wolle man heute, wo Italien einen ent­schlossenen und unwiderruflichen Willen zeige, Ver­ständnis für feine Ansprüche aufbringen; im Gegen­teil, man versuche, ihm den Weg zu versperren und sein Vorgehen schwieriger zu gestalten, indem man den absurden Sanktionsapparat einsetze Italien werde jedoch weder Drohungen noch Druck nach­geben.

Auf dem Savona-Friedhof in Mailand wurde am Sonntag an dem Denkmal, das für 2 0 0 im M a i 1917 mit einem torpedierten Schiff untergegangene britische Sol­daten errichtet worden ist, ein großer Kranz niedergelegt. Die Schleife in den italienischen Far­ben trägt die AufschriftTrotz der Undank­barkeit der Lebenden".

Italien schnallt den Gürtel enger.

Don unserem römischen (5 -Korrespondenten.

R o m, Anfang November.

Es war einmal eine Internationale Getreidekon­ferenz und die Weifen der Wirtschaft faßen um den Duce herum und redeten auf ihn ein, er solle doch feine Getreideschlacht abblasen. Es gäbe ja ohnehin schon viel zu viel Korn auf der Welt, in Amerika heize man die Hochöfen damit und dem ungarischen Bauer werde das Mehl fix und fertig zu einem niedrigeren Preise ins Haus geliefert, als er für den Weizen auf dem Halm erzielen könne. Der Duce aber meinte, wenn wirklich ein lieber» schuß an Korn vorhanden sei, so solle man dem Herrgott für den Segen danken; denn sicherlich gäbe es neben den besagten Hochöfen und den durch Wei­zenfütterung fettgewordenen ungarischen Karpfen auch noch einige hungrige Menschen, die sich über

ein Stück Brot freuen könnten. Vielleicht liege der Fehler nicht an der Ueberzeugung, sondern an der mangelhaften Verteilung. Da lächelten die anderen Herren und sprachen in hohen national­ökonomischen Tönen. Der Duce blieb fest. Und siehe, sie verstanden einander nicht, denn der eine übersetzte Getreide mit Preis und Geld, beranbere mit Brot unb Volk. Da sahen ihn bie Fremben entgeistert an unb machten sich kopfschüttelnb davon: dem Manne konnte nicht geholfen werden.

Heute feiert Mussolini einen feiner schönsten Siege. Er kann seinem Volk die Brotkarte ersparen. Ohne die erfolgreiche Getreideschlacht müßte es jetzt schon vor der Aushungerungsbrohung kapitulieren; so aber reichen bie Vorräte bis zur nächsten Ernte. Und vielleicht scheitert an den viel-

Wohlleben der Herrschenden Zeugnis ablegen.

In der Stadt füllt diese Entwicklung am ehesten in die Augen. Vor einem der Torgsin-Magazine, d. h. der Äuslänberläben, die aber auch an oalutafräftige Inländer verkaufen, konnte kürzlich folgendes Gespräch belauscht werden, das sehr ein­dringlich für die Klassenbildung in Sowjetrußland spricht. Vor dem Schaufenster steht eine Arbei­terfrau mit ihrem Kind:Mutti, kauf mir diese schöne Wurst".Das kann ich nicht, mein Kind. Ich habe kein Geld!"Mutti, ich möchte dieses Spielzeug da haben."Das können wir uns nicht leisten. Das ist nur etwas für bie Reichen! Komm, mir gehen!" Das ist be» zeichnenb: Das Bewußtsein von bem Unterschieb in der Schichtung ber Bevölkerung je nach Besitz hat sich schon fest bem Sowjetbürger eingeprägt!Das ist nur was für bie Reichen'... Wie früher bie reichen Russen Hunderttausende verschwendeten, während Millionen der armen Mitbürger hunger­ten und ihre Not als etwas Schicksalgegebenes Hin­nahmen, so hat heute das Leben selbst den Grundsatz der kommuni st ischen Gleich­macherei beseitigt und an seine Stelle das Prinzip der Schichtung gesetzt. Nur, daß in diesem Falle von einem klassenlosen Staat nicht mehr die Rede sein kann. Der bevorzugte, ber be­sitzende Sowjetrusse ist auch auf den ersten Blick schon zu erkennen. Der hohe Parteibeamte, der leitende Staatsangestellte, der Ingenieur oder

Fabrikbirektor, der von den Bolschewisten privile­gierte Künstler sie alle gehen gut angezogen, sie flitzen in eigenen Automobilen durch die Straßen, sie besitzen irgendwo in der Umgebung der Stadt ein Landhaus, wo sie das Wochenende verbringen, sie verfügen über Wohnungen, die mit dem mo­dernsten Komfort eingerichtet find, sie haben ihr Bankkonto, das oft sechsstellig ist, sie verdienen 3000, ja 5000 und 10 000 Rubel im Monat,--während

die allgemeine Verelendung Riesenfortschritte macht, während ein einfacher Arbeiter sich und feine Fa­milie mit 150 Rubel im Monat ernähren muß.

Aber nicht nur der Besitz, auch die öffent­liche Geltung ist das bevorzugte Anrecht jener dünnen Oberschicht. Wenn es heute, was einem Ausländer besonders seltsam im kommunistischen Staate erscheint, tatsächlich bereits RubelmiHi­li o n ä r e gibt, so ist das nur das Gegenstück zu der Heranbildung einer ausgesprochenen kommu­nistischen Aristo kratie durch die Sowjet­leitung auf der anderen Seite. Vertreter dieser Sow­jetaristokratie findet man in allen Berufen und in allen Städten wie auch auf dem Lande. Zunächst sind es überall bie Parteimitglieder, die um mehrere Stufen nicht nur von der allgemeinen Rechtlosigkeit, sondern auch von der allgemeinen Not getrennt sind. Sie werden bevorzugt beliefert, sie erhalten freie Reise auf den Sowjetbahnen und frei Erholung in den Kurorten, ihre Kinder wer­den in den Schulen als erste berücksichtigt, sie haben'

das höchste Einkommen und die besten Aussichten auf allen Gebieten. Neben den Angehörigen ber höchsten Sowjetbürokratie, der GPU. und ber Armee bilben sie ben bevorzugten Stand im Sowjetstaat. Freilich haben sie noch nicht die so­ziale Höhe ber großen Partei» unb Staatsfunktion- näre erreicht; aber wenn biese bereits an ihren Wohnungen wieder besondere Eingängefür Dienst­boten" einrichten lassen, so ist es jedenfalls ihrer aller Bestreben, es auch einmalso weit zu bringen".

Dieser Grundsatz ber strengen Schichtung zieht sich burch alle öffentlichen unb halböffentlichen Einrich­tungen bes Staates unb ber Partei unb burch bas ganze Sowjetleben. Waren in ber Jnbustrie früher bieUbarnifi", bieStoßtruppler", bie Orben be­kamen, freie Wohnungen erhielten unb mit allen Lebensmitteln bevorzugt beliefert würben, so finb es heute bieOtlitschniki", bieausgezeichneten Arbei­ter". Waren es in ben Kollektiven ehebem bieSri- gabiere", bie selbst für ben Mist nur etwa ein Zehntel des allgemein geltenden Preises zu bezahlen brauchten, so sind es heute diealten Kolschosniki", bie bie führende Schicht auf dem Dorfe bilden und Stalins stärkste Stütze auf bem ßanbe finb. In ber Beamtenschaft unb bei den Angestellten, bei der In­dustrie und ber Staatsleitung, in Stabt unb Dorf gibt es diese Herrenschicht der neuen Reichen. Die Masse aber ist rechtlos. Und die Masse darbt.