Mährend Abessinien seit Dezember 1934 wiederholte Anträge auf Schiedsverfahren und fried li'ch e Regelung g e st e l l t hat, hat Italien seine seit August 1934 begonnenen Truppen- und Kriegsmaterialsendungen und die Verstärkung seiner kriegerischen Vorbereitungen weiter fortgesetzt. während der ganzen Dauer des vor dem Rat anhängigen Verfahren, und hat alle Vor- schläqe einer friedlichen Lösung ab- gelehnt. Es beginnt heute mit der Ausführung seiner offen angekündigten Drohungen auf Eroberung des abgerufteten Abessinien. Trotz des klaren und brutalen italienischen Angriffs, der Abessinien zwingt, sein Gebiet gegen den Angr elfer zu verleid ig en, erneuert die kaiserliche Regierung hiermit ihren festen Willen zur Zusammenarbeit mit dem Völkerbundsrat im Rahmen des Dölkerbundspaktes.
Herouy.
Der italienische Staatssekretär telegraphierte an das Völkerbundssekretariat: „Ich habe die Ehre, mich auf das Telegramm der abessinischen Regierung an den Völkerbund vom 2. Oktober zu beziehen. Rach diesem Telegramm hätten die italienischen Truppen an diesem Tage südlich des Berges Mussa im Sultanat Aoussa die G r e n z e ü bersch r i t t e n. Die italienische Regierung hat die Ehre, diesbezüglich mitzuteilen, daß abgesehen von der Tatsache, daß in dem angegebenen Gebiet d i e Grenze zwischen Eritrea und dem Sultanat von Aoussa noch nicht fest gestellt ist, keine militärische Bewegung italienischer Truppenteile in dieser Gegend stattgefunden hat. Die Nachricht ist also gänzlich unbegründet.
Suvich."
Wiinschi Mussolini weitere Verhandlungen?
Eine Botschaft des Duce an Hoare und Laval.
London, 5. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die „Times" veröffentlicht einen ausführlichen Bericht über die Unterredung zwischen dem englischen Außenminister Sir Samuel Hoare und dem italienischen Botschafter Gran di. Grandi übermittelte dem englischen Außenminister eine sehr herzliche Botschaft Mussolinis, die mit der gleichzeitig dem französischen Ministerpräsidenten Laval überreichten Mitteilung gleichlautend ist. Mussolini erklärt, daß die jetzt von den Italienern ergriffenen Maßnahmen in keiner Weise seinen Beschluß änderten, wenn irgend möglich in voller Uebereinstimmung mit der englischen und der französischen Regierung einen Schritt zu vermeiden, der zur Ausdeh- nungbes Streitfalles führen könnte. Wenn es von ihm abhänge, würde der Streit örtlich begrenzt werden, und es würde verhindert werden, daß sich ein Kolonialkrieg zu einem allgemeinen Krieg entwickelt. Nach Ansicht Mussolinis würde die Dauer der Feindseligkeiten verkürzt werden, wenn an Stelle der gegenwärtigen Spannung im Mittelmeer eine ehrliche Zusammenarbeit im Interesse einer endgültigen Regelung treten würde» Alle betroffenen Parteien könnten zu diesem wünschenswerten Ziel beitragen durch eine gleichzeitige und entsprechende Aufhebung der Vorsichtsmaßnahmen, die zur Begegnung einer Gefahr ergriffen worden seien, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sei.
Mussolini sei sich seiner Verantwortung für die Verteidigung der hauptsächlichsten italienischen Interessen bewußt, er habe aber gleicher Weise den Wunsch, die Zusammenarbeit zwischen den Nationen aufrechtzuerhalten, die die Bedingung fester und friedlicher Zustände in Europa sei. Aus diesem Grunde wolle er s i ch nicht von den internationalen Besprechungen in Genf zurückziehen, obwohl er nicht der Ansicht sein könne, daß Italien bis jetzt in Genf gerecht behandelt worden sei. Italien würde zu diesen Besprechungen in einem Geist der Zusammenarbeit beitragen, falls es nicht durch die Stellungnahme anderer Völkerbundsmitglieder gezwungen werde, sich von Genf zurückzuziehen.
Die jetzt in Afrika eröffneten militärischen Maßnahmen schließen nach Ansicht Mussolinis nicht die Tür zu einer friedlichen Erorte- rung mit der englischen und der französischen Regierung. Diese Erörterung würde das Ziel haben, eine Verständigung herbeizufühkren, die sowohl die gerechten Forderungen Italiens befriedigte, als auch eine friedliche Regelung des gegenwärtigen Streites erzielen würde, wobei die In t e r e f f e n aller betroffenen Parteien angemessen berücksichtigt werden sollen. Verhandlungen, die die Herstellung normaler Beziehungen bezwecken, werde man in Rom begrüßen.
Frankreichs Marschroute in Gens.
Ausschließlich »wirtschaftliche Oruckmaßnahmen", zeitlich und sachlich gestaffelt, sobald der Angreiferstaat festgestellt ist.
Deutschland war die erste überraschend schnelle und wendige Folgerung der neuen Lage.
Von den Ruhepolstern der Fnedensvertrage blieb noch der Völkerbund mit seiner paragraphenreichen Versicherung gegen den Krieg. In keinem Lande war der Glaube an ihn so tief, allgemein und ehrlich wie in England. Wir haben schon gesagt, warum: aber es war auch viel Frömmigkeit und Ideal dabei. Der Völkerbund funktionierte schlecht und kompromittierte sich, wo er konnte. Das sah man auch in England. Dinge wie Oberschlesien, Ruhrbesetzung, Memel, die Auslieferung Chinas und anderes waren nicht nach feinem Geschmack, und die Direktion des Bundes und der europäischen Politik durch Frankreich reizte die Nerven des letzten englischen Außenministers alten Schlages, des Lord Curzon, oft genua bis zum Zerreißen. Aber das Bedürfnis nach Ruhe, die Rücksicht auf den in vielen Dingen geradezu psychopathischen Kriegsfreund Frankreich, wohl auch die geheime Furcht vor seiner Gewalttätigkeit, blieben vorwiegend. Auch innere Strukturwandlungen der englischen Politik, die lange Herrschaft der Arbeiterpartei, die Qualität der neuen Staatsmänner, trugen dazu bei, daß England das halbe Menschenalter nach dem Kriege die Führung an Frankreich verlor, dieser neuen, noch mehr gefährlichen als beschämenden Tatsache mit fatalistischer Ergebenheit zusah und verwundert zuhörte, daß man überall in der Welt vom Nieder- gang der englischen Weltmacht sprach und es gelegentlich auch fühlen ließ.
Dann kam die abessinische Frage Die Hochrüstung Italiens hatte man in England als die notwendige Maskerade eines nicht unsympathischen Diktators angesehen, jedenfalls nicht als bedrohlich empfunden, zumal sie Frankreich m Bescheidenheit halten konnte, ehe sich die beiden im Januar dieses Jahres überraschend gefunden hatten. Als das Ausmaß der italienischen Pläne in Afrika sichtbar wurde, wachte England auf. Was es noch im Frühlicht des neuen Tages, aber schon in festen Umrissen vor sich sah, war nicht sehr erhebend: hochgerüstete Mächte, die, wenn sie sich zusammenfanden, dem zwar wieder leidlich wohlhabend gewordenen, aber schlecht mit Waffen versehenen England ihren Willen auszwingen und es langsam ohne Krieg und Gewalt von der stolzen Höhe seiner Weltmachtstellung herunterholen konnten. Die Erkenntnis ist bitter, aber sie kommt nicht zu spät. Noch ist England eine gewaltige Macht. Wer mit ihm geht, dem kann nicht viel geschehen;' seine Feindschaft schließt ein großes Risiko ein. Diese Entscheidung hat Frankreich zu treffen oder hatte zu treffen, wenn man richtig sieht, daß die erprobte Macht Englands in Paris stärker wog, als die unerprobte Italiens Der Völkerbund ist nur der von England gewählte Kampfplatz, auf dem diese Entscheidung von geschichtlicher Tragweite ausgefochten wird.
Es wäre falsch, anzunehmen, daß m die neue Periode der englischen Politik nichts von der alten übernommen wird und daß sie einen vollständigen Umbruch darstellt. Dies wäre wahrscheinlich nur bann, wenn sich der Völkerbund m der abessinischen Frage der englischen Politik versagen und damit von selbst als Hiljsorgan jeder Politik ausschalten würde. Aber seine Führung wird in di e Hande Englands übergehen, das entschlossen ist nicht mehr in die Träumerei der Nachkriegszeit zurückzufallen. Durch die englische Politik geht em Ruck, der sich zunächst in schneller Verstör- kung der Rüstung ausdrücken wird. Der deutsche Gedanke, daß Abrüstung nur unter Starken möglich ist, ist England ungeahnt schnell aufgegangen. Es wird die beiden Fortschritte, die nach seiner Meinung und nach seinen Bedürfnigen der Weltkrieg zurückgelassen hat, die Abrüstung und den Völkerbund, nicht aufgeben, aber es wird sie nach seinem Willen zu gestalten suchen und seine Vorleistungen zurücknehmen. Nicht nur Mussolini, sondern die ganze Welt steht vor dem englischen Anspruch und Willen zur Führung. Allerdings mit sehr verschiedenen Empfindungen und Aussichten.
Der ttalienMe Feldzugsplan.
L o n b o n, 5. Okt. (DNB. Funkspruch.) llöie „T i - mes" meldet, erfolgt der italienische Vormarsch m Abessinien auf Grund eines seit Wochen oufge ft eilten Planes, dessen provisorische Daten den militärischen Geheimdiensten Europas bekannt gewesen seien. Dadurch werde die amtliche italienische Note an den Völkerbund, wonach der Vormarsch auf Grund der Herausforderung durch die abessinische Mobilmachung erforderlich geworden sei, beeinträchtigt. Das Vorrücken der italienischen Truppen an die Grenze sei auf den 1. und 2. Oktober, eine Rekognoszierung auf den 3. Oktober, und die Besetzung neuer Stellungen durch die Hauptkolonnen auf den 4. Oktober festgesetzt gewesen.
Der italienische Feldzug werde sich voraussichtlich in Form von zwei strategischen Flankenbewegungen von Norden und Süden gegen Addis Abeba mit einer mittleren „Sicherungstruppe" (Holding Force) entwickeln. Die letztere würde aus den nördlichen und südlichen Armeen durch Verbindung an den seewärts gelegenen Flanken außerhalb der Grenzen von Britisch- und Französisch-Somaliland gebildet werden. Dieses Zentrum sei als Sicherungstruppe für die Eisenbahnlinie und gegen die zentrale Verteidigung der Hauptstadt gedacht, deren Außenkreis in Äwash, etwa 160 Kilometer östlich von Addis Abeba liege. Die Haupt- truppen sollten im Norden den Angriff vorwärts tragen, im Süden dagegen verzögernde Bewegungen machen, um diesen nördlichen Angriff zu erleichtern. Sollte der Angriff im Norden aufgehalten werden, so würden die süd- lichen Kolonnen energischer vorgehen, um die Hauptstadt zu bedrohen und so den Druck im Nor- den zu erleichtern.
Beide Knegspartelen depeschieren an den Völkerbund.
Genf, 4. Okt. (DNB.) Der abessinische Außenminister hat folgendes Telegramm an den Völkerbundsrat gesandt:
Die abessinische Regierung nimmt davon Kenntnis, daß Italien seine Verantwortlichkeit für den Einfall in die Provinz Agame und die Bombardierung zweier offener Städte z u - gibt, wobei Kinder und Frauen getötet und das Spital mit dem deutlich sichtbaren Zeichen des Roten Kreuzes zerstört wurden, in dem die Handlungen als für die Verteidigung notwendige Maßnahmen bezeichnet wurden und der Rückzug der abessinischen Truppen um 30 Kilometer hinter die Grenze als strategische Bewegung ausgelegt wird.
Paris, 4. Okt. (DNB.) Der französische Ministerrat hat bis 18 Uhr gedauert. Der Ministerrat hat sich, wie in gut unterrichteten Kreisen verlautet, für die Durchführung des Artikels 16 der Dolkerbundsfatzungen ausgesprochen, der Maßnahmen für den Fall eines Angriffes gegen ein Völkerbundsmitglied vorsieht. Laval hat dem Ministerrat einen vollständigen Bericht über die Lage gegeben, die durch die Eröffnung der Feindseligkeiten zwischen Italien und Abessinien geschaffen' worden ist. Er hat weiter seine Leitgedanken entwickelt, denen er am Samstag in Gens zu folgen gedenkt, wo nach Pariser Auffassung der Völkerbundsrat nunmehr den Artikel 16 in A n - Wendung bringen wird. Die Regierung hat die Absichten Lavals einmütig gebilligt zum einen, um die Achtung vor dem Völkerbund s p a k t sicherzustellen, der, wie man erneut in Paris betonte, die Grundlage der französischen Politik bleibt, zum anderen, um die Belange Frankreichs zu verteidigen, die sich nach Lavals Aufruf an das Land mit der Sache des Friedens decken. Man erwartet daher, daß Laval in Genf feine Bemühungen zur Mäßigung und Aussöhnung fortsetzen oird.
Der minifterrat befand sich mit Laval in Heber- einffimmung, daß jeder Gedanke an militärische Sühnemahnahmen gegen den Angreifer zurückgewiesen wird. TUan glaubt, daß diese Ansicht von allen in Genf vertretenen Ländern geteilt wird, besonders von England. Laval hat weiter die Art der „wirtschaftlichen Druckmaßnahmen" zur Kenntnis gegeben, die er zu unterschreiben bereit ist, und die automatisch gegen den Angreifer st aal a u s g e l ö ff werden, sobald der Völkerbundsrat den Angreifer bezeichnet haben wird. Diese wirtschaftlichen Sühnemahnahmen gehen von der Kreditverweigerung bis zum Verbot der Waffenausfuhr und der Ausfuhr solcher Rohstoffe, die für die Kriegsindustrie notwendig sind. Sie gehen fogar bis zum Verbot von Käufen in dem Land, das als für den Streitfall verantwortlich bezeichnet werden wird; fchliehen jedoch die Möglichkeit der Blockade aus, die als m i l i t ä r i f ch e Maßnahme bezeichnet wird. Der Mechanis- mus dieser Maßnahmen wird zeitlich und sachlich gestaffelt.
Frankreich wird also sich keiner Verplich- t u n g entziehen, die sich aus den Volkerbunds- satzungen ergeben. Aber es will auch nicht auf feine versöhnende Rolle verzichten, die es von Beginn des Streitfalles an übernommen hat. Frankreich wird feine Bemühungen darauf richten, eine Ausdehnung des Streitfalles zu verhindern, und es wird zu erreichen versuchen, daß der Friede sobald wie möglich wieder hergestellt wird.
Im Ministerrat ist weiter die Antwort der französischen Regierung auf d i e englische Anfragewegen d er Haltung Frankreichs im Falle eines Streitfalles im Mittelmeer ohne Abänderung angenommen werden. Der Wortlaut der Antwort deckt sich mit den bereits bekanntgewordenen Hinweisen. Ebenso wie die Anfrage ist auch die Antwort allgemein gehalten. Sie zielt darauf ab, die von England geforderte Zusammenarbeit zur See a u f alle militärischen Gebiete z u erweitern, zu Wasser, zu Lande und in der Lust.
Ein Aufruf Lavals an das französische Volk.
Paris, 4. Okt. (DNB.) Ministerpräsident und Außenminister Laval hat am Freitagabend folgenden Aufruf an das französische Volk erlassen:
„Indem ich den Ministerrat verlasse und kurz vor meiner Abreise nach Genf stehe, ist das Vertrauen, das meine Kolleg en mir einmütig ausgesprochen haben, für mich eine Ermunterung. Die Tätigkeit, die ich während der letzten Wochen vor dem Völkerbund unter der nützlichen und herzliches Wirkung der gesamten französischen Abordnung verfolgt habe, hat eine voll» ständige Biligung erfahren. Ich über- nehme die Verantwortung, die mir zufällt und über deren Schwere ich mir Rechenschaft gebe, in der klaren Erkenntnis der Belange meines Landes, die sich mit b e r Sache des Friedens in Uebereinstimmung befinden.
Ich habe unter den gegenwärtigen Umständen das Recht, an alle Franzosen zu appellieren. Die inneren Meinungsverschiedenheiten müssen sich beschwichtigen, die parteipolitischen Leidenschaften müssen schweigen, die Auseinandersetzungen unter Bürgern des gleichen Landes müssen aufhören. Dem Beispiel der Regierung folgend muß das ganze Land den Beweis derEinig- feit, der Ruhe und der Kaltblütigkeit bieten. Wenn es sich um unsere innere Politik handelt, sind alle Auseinandersetzungen berechtigt, sie müssen aufhören, wenn es die höheren Belange des Landes erfordern. Ich werde morgen in Genf nicht eine politische Partei, sondern ganz Frankreich vertreten. Je stärker die Einigkeit des Landes ist, um so größer wird meine Autorität sein."
Die Sanktionen.
London, 5. Okt. (DNB. Funkspruch.) „Daily Telegraph" meldet, wenn die Vollversammlung am kommenden Dienstag oder Mittwoch zusammentrete, werde sie voraussichtlich direkt auf den Kern der Sache gehen, und Italien in bestimmter Form zum Angreifer erklären. Dann werde der Völkerbund zum erstenmal aufgefordert, zu erwägen, welche Sühnemaßnahmen von den Mitgliedsstaaten ergriffen werden können, um den Krieg in Abessinien so schnell wie möglich zu beenden. Eden teilte dem französischen Ministerpräsidenten Laval am Donnerstagabend mit, daß die Sühnemaßnahmen nach Ansicht der britischen Regierung „in eindrucksvollem Ausmaß" aufgestellt werden sollen. Man erkenne zwar, daß keine Form der wirtschaftlichen Sühnemaßnahmen sofortige Ergebnisse zeitigen könne; aber England sei der Ansicht, daß geringfügige Scyri11e, die den Verlauf der Feindseligkeiten nicht wirksam beeinflussen, zwecklos wären.
„Time s" meint, man wisse wohl, daß ein kollektives Vorgehen zunächst wirtschaftlicher und finanzieller Natur sein werde. Aber das bedeute nickt, daß es unwirksam wäre, und noch weniger, daß seine Unwirksamkeit bereits der Gegen st and einer st illschweigendenVereinba rung zwischen Italien und anderen Völkerbundsmächten sei. Die britische Abordnung werde vor dem Völkerbundsrat und später vor die Vollversammlung mit Vorschlägen für verschiedene und beträchtliche Maßnahmen sowohl aktiver wie passiver Natur auf wirtschaftlichem Gebiete treten.
England wird ausschließlich als VölkerbundS-WWed handeln.
Baldwin über die Notwendigkeit britischer Rüstungen.
London, 4. Oktober (DNB.) Ministerpräsident Baldwin hielt nach dem Abschluß der Jahres- tagung der Konservativen Partei auf einer Massen- Versammlung in Bournemouth eine Rede. Baldwin sprach zunächst über die Gründe, die seiner Meinung nach zur Bildung des Völkerbundes geführt hätten. Er zweifle nicht, daß, wenn die ganze Welt dem Völkerbund beigetreten mare, Kriege heute verhindert werden konnten. Mehrere wichtige Mächte befänden sich außerhalb des Völkerbundes; dadurch werde die Aufgabe schwieriger. Aber wenn man diese Aufgabe jetzt verlasse, dann werde jede Gelegenheit verschwinden, die Nationen der Welt im Völkerbund zu vereinigen, was heute vielleicht noch möglich fei. Nach seiner Ansicht werde vielleicht die Zeit kommen, wo bie Ereignisse in Europa Rückwirkungen haben könnten, die im ganzen Britischen Reich verspürt werden würden. Nicht nur als Nation, sondern auch als Reich müsse England seine Rolle auf dem Festland spielen.
Baldwin sprach dann über den italienisch-abessinischen Streitfall. Von Anfang an habe England lediglich in seiner Eigenschaft als Mitglied des Völkerbundes gesprochen und gehandelt. Niemals habe es irgendeine nationale Feindschaft zwischen England und Italien gegeben, und er hoffe, daß dieser Fall niemals eintreten werde. Die britische Regierung Habs niemals die Absicht gehabt, in diesem Streitfall allein vorzugehen. Wenn die Sicherheit am besten durch gemeinsame Beratung und gemeinsames Vorgehen erzielt werden könne, dann müsse die Verantwortung für jede Aktion ehrlich und aufrichtig von allen übernommen werden.
Baldwin wandte sich dann gegen die Behauptung, daß England seine Ansichten Italien nicht schon seit Monaten mitgeteilt habe. England habe seit dem Weltkriege auf dem Gebiet der prak- tischen Abrüstung mehr ils irgendein anderes Land getan. Dieser Weg könne nicht mehr länger be- schritten werden. Die gesamte Perspektive auf dem Festlande habe sich in den letzten ein oder zwei Jahren durch die Wiederaufrüstung Deutschlands geändert. Er habe keinen Grund, an irgendwelche feindselige Absichten zu glauben. Er sehe nicht in Deutschland oder in irgendeinem anderen Lande notwendigerweise einen möglichen Feind. Er erhoffe eine Fortsetzung j en e r Freundschaft, die England nach dem Weltkriege so oft mit denjenigen habe schließen können, die kürzlich noch im Felde seine Feinde gewesen seien. Aber er könne nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, daß das Vorhandensein einer anderen großen Nation, die bewaffnet fei, das Bild Europas ändere.
Vielleicht werde einmal der Tag kommen, an dem die Nationen, die ihre Völkerbundsver- pflichlungen erfüllen, die Satzungen mit Waffengewalt auf rechter halten müßen. Mit der ganzen Verantwortung, die auf ihm als dem Hauptberater der britischen Maje- stät falle, müffe er sich die Frage vorlegen, ob diese Verpflichtungen in jeder Hinsicht angenommen werden konnten, ohne daß d i e Mängel in der britischen Verteidigung wieder gulgemacht würden.
Baldwin sprach hierauf von Diktaturen, die die Neigung zeigten, die Aufmerksamkeit von inneren Schwierigkeiten durch äußere Abenteuer abzu- lenken. Es liegt an uns, zu zeigen, daß ein großes Volk geeinigt und entschlossen ist, den Frieden der Welt durch kollektive Aktion zu bewahren und sich für diese Aufgabe bereitzumachen.
Henry de Zouvenel f.
Paris, 5. Okt. (DNB. Funkspruch.) Henry de I o u v e n e l ist im Alter von 59 Jahren gestorben. Gegen Mitternacht sahen Polizeibeamte, wie ein Unbekannter auf dem Champs Elysees von einem Unwohlsein befallen wurde. Sie begleiteten ihn in einer Kraftdroschke ins nächste Kranken- Haus, wo der diensthabende Arzt nur noch den Tod fest st eil en konnte. Bei der Durchsicht der Ausweise entdeckte man, daß der Tote Henry de I o u d e n e l war.
Jouvenel war früher Hauptschriftleiter des „Ma- tin" und wurde 1921 Senator. Von 1922 bis 1927 war er französischer Dölkerbundsvertreter und im November 1925 wurde- er zum Oberkommissar in Syrien ernannt. Nach dem Drusenaufstand trat er zurück. 1932 wurde er Botschafter in Rom, wo er bis zum Juli 1933 blieb. Seine Tätigkeit galt der französisch-italienischen Annäherung.
Stimmenfälschung eines litauischen Auszählers.
Memel, 4. Okt. (DNB.) Bei der Prüfung der Wahlumschläge ereignete sich ein Zwischenfall, der in Memel allergrößtes Aufsehen hervorgerufen hat. Zur Zählung und Nachprüfung der Stimmzettel sind von litauischer Seite 50 Studenten der litauischen Hochschule in Memel herangezogen worden, obgleich sich die Studentenschaft unter der Memeler Bevölkerung wegen mancherlei Krawalle schon mißliebig genug gemacht hat. Von drei bis vier Zu- schauern auf der Galerie wurde nun .beobachtet, wie einer der Zähler, der aus Südlitauen stammende Student Prapiestis, Stimmzettel 1 in einem schubladenähnlichen Fach an seinem Platz im Tisch f o geschickt verschwinden ließ, daß fein Gegenüber, ein bie Kontrolle ausübender Vertreter der Einheitsliste, nichts wahrnahm. Als der Vorsitzende der Wahlkreiskommission herbeige- rufen wurde, wurde das Schubfach untersucht, und man fand darin 56 Stimmzettel 1, sämtlich von Kandidaten der Einheitsliste bis auf zwei Stimmzettel litauischer Kandidaten, die der Student wohl in der Eile des Verschwindenlassens versehentlich mit den anderen Zetteln mit in das Schubfach hatte rutschen lassen. Der Student leugnete zunächst alles. Er wurde indessen verhaftet und yat ein Geständnis abgelegt. Er erklärte, aus eigenem Antrieb gehandelt zu haben. Der Wahlausschuß der Einheitsliste hat wegen dieses Vorfalles entschiedenen Protest bei der Wahlkreiskommission eingelegt. Das Zählen wurde am Freitagmorgen fortgesetzt. Beim Beginn des Zählens wurden alle Schubladen untersucht.
Bei schlechter Verdauung Bullrich-Salz


