Ausgabe 
5.10.1935
 
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Ur. 253 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) 5am§tag/5onntag, 5./0. Oktober 1955

Em Ruck geht durch England

Die Lage aus dem Kriegsschauplatz

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men. Die mittlere Säule unter General B i - coli befindet sich in Debradarno, nordwest­lich Adigral, während die rechte Säule unter Ge­neral Waravigna unmittelbar auf Adua marschiert. Die Italiener sollen beabsichtigen, die abessinischen Streitkräfte zwischen der linken und der rechten Säule zu zerreiben. Die Mittlere ita­lienische Heeressäule soll aus zehntausend einge­borenen Truppen bestehen, die von weihen Offizieren befehligt werden.

Rach einem Havas-Bericht aus Addis Abeba dauerte die Schlacht an der Front Akfum-Adua mit unverminderter Heftigkeit an. Die Abessinier leiste­ten erbitterten Wider st and. Der Hauptteil des abessinischen Heeres unter dem Befehl des Ras S e y u m habe noch nicht in den Kampf eingegrif­fen; nur eine Division unter dem Befehl des Gene­rals Gabriel Woelde, die dem Ras Seyum mit unterstellt fei, habe gegenwärtig mit dem Feinde Fühlung. Die Italiener hätten Infan­terie, Artillerie, Tanks und Flugzeuge, aber keine berittenen Truppen eingesetzt. Die Flug­zeuggeschwader lösten einander zwecks ununter­brochener .Bombardierung ab. Während die Italiener vor allem auf ihre Luftwaffe hofften, schienen die militärischen Befehlshaber des Regus ihre Hoffnungen auf das Fußvolk zu fet-

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dens, ein unproduktives Zehren an dem geliebten Reichtum, eine ungesunde Verlagerung der Kräfte vom Handel auf einen blutigen Sportplatz. Nach dem Kriege galt es deswegen, aufzuholen. Eng­land war das einzige Land, das die Schäden des Krieges, langsam, ohne wesentliche Erschütterungen und aus den eigenen Kraftreserven wieder gutmachte, die moralischen Veränderungen der Gesellschaft un­gerechnet, die von Kennern als tiefgehend bezeich­net, aber wahrscheinlich überschätzt werden.

Die Verträge, auf denen der europäische Frie­den begründet war, wurde in England als man­gelhaft empfunden und bald von den englischen Urhebern selbst hart kritisiert. Aber sie waren d i e Basis, auf der sich England erholen wollte. Da­zu waren zwei ihrer Bestimmungen vorzüglich ge­eignet: die allgemeine Abrüstung, die Versailles versprach, und die Organisation des Völkerbundes, die künftige Kriege ver­hindern sollte. Das waren Gedanken ganz nach eng­lischem Sinn, eine Paarung von Ideal und Vorteil, gegen die andere Bestimmungen der Verträge, wie territoriale Ungeheuerlichkeiten, entehrende oder un­gerechte Diskriminationen der ehemaligen Gegner allzu leicht gewogen wurden. Mit den für England wünschenswerten Punkten derNeuordnung der Welt" nahm man es dagegen sehr genau und ehrlich.

England war der einzige Siegerstaat, der ab­rüstete, zum mindesten nicht aufrüstete. Es lebte, wie ihm jetzt von französischen Freunden halb ver­weisend, halb triumphierend gesagt wird, von den Reserven des Krieges.- Das Budget für das Landheer, ohnehin das Stiefkind Englands, wurde mehr als kärglich bemessen. Die Flotte wurde zur Not gegenüber der Frankreichs und Italiens, die dem 1930 mit den Vereinigten Staaten und Japan geschlossenen Verhältnisabkommen nicht beigetreten waren, in der traditionellen Ueberlegen- heit gehalten. Die neue fünfte Waffe, das un­heimliche Fragezeichen künftiger Kriege, die die B e- herrfchung der Luft vielleicht zur Entschei­dung macht, wurde fast gänzlich vernachlässigt, sie ist jetzt eine schwere Sorge Englands, aber auch Gegenstand der ungewöhnlichen Energie und Lei­stungsfähigkeit dieses merkwürdig lässigen und doch so stahlharten Landes.

Es dauerte lange, bis sich England überzeugte, daß die Abrüstung ein Betrug, nicht einmal ein frommer, war, dem die Machtstellung Englands zum Opfer fallen mußte, wenn es noch länger an ihn glaubte. Die deutsche Aufrüstung war die entschei­dende Aufklärung Englands, nicht weil sie eine Be­drohung Englands darstellt, so oft dies auch in der zwangsläufigen Argumentation der auf ein Ziel eingeschlossenen Propaganda behauptet wurde, son­dern weil Deutschland es gewagt hatte, den letzten Schleier von der vernebelten europäischen Situation wegzuziehen. Von diesem Augenblick wußte England, daß es mit der Abrüstung nichts wird oder daß sie von einem ganz anderen Ende wieder angefaßt werden muß. Das Flottenabkommen mit

London, 5. Oft (DRB. Funkspruch.) Auf Grund der letzten Berichte von der italienisch-abes­sinischen Front rechnet die englische Morgenpresse mit dem unmittelbar bevor st ehenden Fall von Adua. Es wird gemeldet, daß sechs italienische Divisionen mit insgesaml 100 000 Mann über eine 65 Kilometer breite Front von Eritrea her vor­rücken. Sie gehen mit Hilfe von Flug­zeugen, kleinen schnellen Tanks und Gebirgsartillerie vor. In Addis Abeba soll ferner zugegeben worden sein, daß die Italiener den Berg Ramat, einen wichtigen strategischen Punkt im Gebiet von Adua, befehl haben. Riedrig flie­gende Flugzeuge und leichte Tanks unterstützen die italienischen angreifenden Kolonnen. Die abessini­schen Schützen wurden aus den Aeltlöchern, in denen sie sich verschanzt hatten, vertrieben. Die abessinischen Truppen leisteten lebhaften Widerstand. Die Umgebung Aduas sei militärisch als ein voll­kommen organisiertes Wider st ands- Zentrum zu betrachten.

Der italienische Vormarsch erfolgte, nach einem inDaily Telegraph" veröffentlichten Be­richt von der italienischen Front, in drei Heeres­säulen. Die linke Säule unter dem Oberbefehl des Generals Santini hat Adigrat genom-

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Erbitterte Kämpfe vor Adua.

Die Italiener rücken in drei Heeressäulen vor, stoßen aber auf heftigen Widerstand abessinischer Truppen.Ist der Angriff zum Stehen gekommen?

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Es ist in diesem ersten Anfangsstadium des Krie­ges in Afrika sehr schwierig, sich ein klares Bild der militärischen Lage aus dem Wust von ebenso widerspruchsvollen wie zahlreichen Meldun­gen zu konstruieren. Am Freitag schienen die Dinge so zu liegen, daß der für die Italiener historisch und prestigemäßig so wichtige Ort A d u a an der Nord­grenze von Abessinien den italienischen Truppen ohne einen Schwertstreich in die Hände gefallen ist. Wenn es dazu auch noch nicht gekommen ist, so scheinen die schweren Kämpfe im Gebiet von Adua doch den Fall der Stadt wahrscheinlich zu machen. Die weiteren Angriffsabsichten der Italiener an der Nordfront scheinen sich dann zunächst auf den Pro­vinzort A k s u m zu richten, der etwa 35 Kilometer westlich von Adua liegt. Der Besitz dieses Ortes ist für die Italiener insofern von Bedeutung, als von dort eine Straße (abessinischer Art) in südwestlicher Richtung über das Hochgebirge nach G o n d a r und von dort weiter zum Tana-See führt. Die Italiener würden damit am Tana-See in die rein britische Interessensphäre ein- dringen (der Tana-See speist mehrere Quellzuflüsse des Nils und ist daher für die große Baumwoll­wirtschaft des brittschen Sudans und Aegyptens von unersetzlichem Wert). Und zweitens würde dieser südwestliche Vormarsch der Italiener über Gondar fie in das Gebiet von Amhara bringen, das

zen und gute Stimmung zu bewahren. Die Regie- , rungskreife in Addis Abeba zeigten hinsichtlich der j Einheit der abessinischen Politik keinerlei Besorgnis ; trotz der von den italienischen Fliegern abgeworfe- ' nen Flugblätter, die unter den Abessiniern Uneinigkeit stiften sollten.

Nachlassen der Kämpfe?

Addis Abeba, 5. Oft. (DNB. Funkspr.) Arn ; Freitagabend haben auf der gesamten Rordfront die Angriffe der italienischen Trup­pen nachgelassen. Rach unbestätigten Wel- dungen sollen in der Schlacht, die sich zwischen Adua und Aksum abgespielt hat, auf abessi­nischer Seite 600 bis 1000 Wann gefallen sein. Die Verluste der Italiener sollen dieselbe höhe erreicht haben.

In der nordwestlichen Provinz W a l k a i t haben die Abessinier in der Rächt erfolgreiche Gegenangriffe unternommen. Die Italiener haben in der Verlängerung der Straße Bereritu hemberti angegriffen, aber nur geringe Fortschritte erzielen können. Der Führer der ihnen gegenüberliegenden Trup­pen, Dedjas Ayalu, gilt in abessinischen Krei­sen als hervorragender Stratege.

Ein abessinischer Regierungsvertreter soll erklärt haben, daß Abessinien auf Grund eines lange vor­bereiteten Planes niemals beabsichtige, die Linie Aksum Adua zu verteidi­gen. Der wirkliche Entscheidungskampf werde viel weiter südlich vor sich gehen. An der Südfront in Ogaden sei ein allgemeiner italie­nischer Vormarsch zur Zeit unmöglich, da das Gebiet noch völlig vom Regen durch­weicht sei.

Unsichere Derlustziffern

L o n d o n, 4. Okt. (DNB.) Der Korrespondent der Nachrichtenagentur Central News hatte Don­nerstagabend unter Berufung auf amtliche Angaben die Zahl der Toten und Verwundeten in Adua mit 1 700 angegeben. Nach einer Reuter-Meldung aus Addis Abeba find amtliche Ziffern über die auf abessinischer Seite entstan­denen Verluste nicht ausgegeben worden. In Regierungskreisen wird die genannte Zahl als gröblich übertrieben bezeichnet. Nach einer Mitteilung aus Addis Abeba haben die Abessinier an der südlichen Front in der Provinz Oga­den 18 0 Mann Verluste erlitten. Nach ande­ren, allerdings völlig unbestätigten Gerüchten sollen die Abessinier bisher insgesamt 5 0 0 0 lote und Verwundete an allen Fronten ver­loren haben. NachDaily Telegraph" verlautet in Rom gerüchtweise, daß bei dem Vormarsch in Abes­sinien am Freitag 4 0 0 italienische Offi­ziere und Mannschaften getötet worden seien.

... . .... . . .. . iinhorhiirf Über die Laae des Landes feine Siedlungen und feine Bodengestalt. Im Nordosten erheben sich gewaltige Gebirge, während im Sudosten

$ieJe^^nrnbufdifteooen52Inareikrearo^e Schwierigkeiten bieten. Straßen fehlen fast ganz, nur eine einzige Eisenbahn führt von der Küste, dem französischen Djibouti, nach Addis Abeba, der ausgebehnte dürre Dornbuschsteppen dem Angreifer große $HaUptftobt DOtt Abessinier!. - (Scherl°M. - Zeichnung: Dietrich Reimers

Durch den englischen Staatskörper geht ein fast hörbares Sichftraffen. Eine Periode der englischen Politik ist abgeschlossen, eine neue beainnt. Die zu Grabe getragene fing an mit dem Enoe des Welt­krieges. Sie kann dahin charakterisiert werden, daß sie ein tiefes Aufatmen und die Verlockung eines wohligen Sichausruhens war. Der Krieg ist für den Engländer und die Staatspolitik folgt ihm hier­in eine unangenehme Unterbrechung des Frie-

fich unmittelbar südlich an den Tana-See anschließt. In diesem Gebiet sitzt der größte Teil des Arnhara- Volkes, der Abessinien völlig beherrscht und ihm nationalpolitisch das Gerüst gibt.

Der italienische Vorstoß in dieser Richtung von Norden her kann zweierlei bezwecken, einmal das Zentrum des abessinischenKriegerreservoires ver­nichtend zu treffen und dann im weiteren Vor­dringen nach Südosten abschwenkend, sich im Ge­biet der Bahn Addis-Abeba Dji­bouti mit der von Osten und der dritten vorn Süden her eindringenden Armee zu vereinigen, durch Stillegung der Bahn Abessinien von Zu­fuhren abzuschneiden und dann die nächsten Operationen auf eine direkte Verbindung zwischen Eritrea im Norden und Italie - nisch-Somaliland im Süden durch einen breiten abessinischen Streifen abzustellen.

Gesetzt den Fall, diese militärischen Operationen würden von den Italienern unter strenger Respek­tierung der britischen Interessen durchgeführt wer­den, so würden sie für England zum mindesten die fast völlige Einschließung von Britisch-Somaliland durch italienisches Gebiet zur Folge haben. Ob Eng­land die damit verbundene erhebliche Verschiebung der Machtoerhältnisse in Ostafrika hinnehmen würde, ist eine offene Frage.

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