Nr. 207 Zweites Blatt______________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 5. September 1935
Wir wollen eine gesunde Lugend!
Oie NS.-Volkswohlfahrt bittet um 200000 Zreiplähe auf dem Lande.
mer die gleiche Sorge drückte sie: was machen unsere Kinder, wer kümmert sich um sie? Da hat die NS.-Volkswohlfahrt helfend eingegriffen. Auch die Kinder wurden verschickt. Das bedeutet keine finanzielle Belastung für die Eltern. Der Beitrag, den sie zahlen müssen, ist sehr gering. Und Sorge um das Wohlergehen der Kinder in den Ferien ist nicht nötig. Die Pflegeeltern haben allenthalben mit Liebe und Sorgfalt ihre Ferienkinder behandelt. Und zudem sind die Kinder für die' Dauer ihrer Reise und ihres Aufenthaltes — der über vier lange Wochen sich erstreckt — gegen Unfall und Krankheit versichert.
Fast unbemerkt von der großen Oeffentlichkeit arbeitet die NS.-Dolkswohlfahrt für die Kinderlandverschickung. Welche Arbeit und Mühe aber dahinter stehen, wird erst klar, wenn man sich überlegt, was für ein großer Apparat in Szene gesetzt werden muß, bis wieder ein Zug mit erwartungsvollen Kindern hinausfahren kann in die Ferien. Masurenkinder kommen nach Breslau, Ostpreußens Kinder nach Berlin — was übrigens ein Erlebnis ganz besonderer Art für diese Kinder war. Manche von ihnen sind noch nie gereist, und wenn man sie fragte, auf was sie sich sehr freuen, so kam fast immer die Antwort: „daß ich unfern Führer sehen kann". Ein kleiner Junge wußte nichts zu antworten als: „Ich freu mich — auf alles?" Kreuz und quer durch ganz Deutschland reisen Kindertransporte. Aus dem Ruhrgebiet in die bayrischen Berge und an die See, von Süddeutschlano nach Norddeutschland. Unsere Jugend lernt ihr Vaterland kennen!
Uralter Traum vom fliegenden Menschen
Oie Vorläufer der deutschen Muskelkraft-Flieger.
Seit Jahrtausenden haben die erfinderischen Köpfe aller Völker darüber gegrübelt, wie sich der alte Märchentraum erfüllen und der Mensch vermöge feiner Muskelkraft fliegen könne. Däda- lus und Ikarus gaben ebenso wie Wieland der Schmied die Vorbilder, und immer wieder versuchte man Apparate zu bauen, die jenen mythischen Flügelkonstruktionen ähnlich waren. Der Meister der Scholastik Roger Baco beschrieb in seinem Traktat über die „Wunderbare Macht der Kunst und Natur" schon im 13. Jahrhundert einen solchen Flugapparat. Die Renaissance lenkte dann die Aufmerksamkeit auf Beschreibungen solch künstlicher Flügel, wie sie die Antike gegeben hatte. Ein Mathematiker aus Pöronne stellte sich ein Paar künstliche Flügel her und versuchte sich in die Luft zu erheben, aber er fiel herunter und brach sich beide Schenkel. Aehnlich erging es einem gelehrten englischen Benediktinermönch, Oliver von Malmesbury, dem die Schilderungen, die Ovid in den Metamorphosen vom Fluge des Dä- dalus gibt, als Vorbild dienten; er lieh sich Flügel anfertigen genau nach den Vorschriften, die er dort fand, und im festen Glauben an diese alten Erzählungen ließ er sich von einem Turm in die Lust nieder. Natürlich stürzte er sogleich zu Boden, brach beide Beine und blieb für sein ganzes Leben gelähmt. Doch sein Glaube an die Möglichkeit des Fliegens war nicht erschüttert und sein einziges Bedauern war nur, daß er nicht noch einmal den Versuch wagen könne; er würde sich nämlich daun, so versicherte er, noch eines Instrumentes in der Form eines Vogelschwanzes bedient haben und damit sicher geflogen sein.
Die Vorstellungskreise, auf denen solch unerschütterlicher mittelaltetlicher Glaube geboren wurde, sind zum letztenmal in dem Werke des frommen
„Ein Staat verjüngt sich ewig in seiner Jugend, deshalb muß die Sorge um die Gesunderhaltung der Jugend unsere vornehmste und edelste Tat sein." Adolf Hitler.
Wer jetzt in den Sommermonaten durch Deutschland reist, der wundert sich immer wieder über manchen singenden, klingenden Zug voller Kinder, der uns begegnet. Schmale, blasse, müde Kinder verlassen die Sädte, fahren hinaus aufs Land — wohlbehütet und betreut von Helfern und Helferinnen. Gebräunt, munter und frisch und nicht zuletzt wohlgenährt und mit dicken Backen kehren sie zurück, bringen Freude und Glück in manche trübe und arme Elternwohnung, stecken voll von Erlebnissen und können plaudern und berichten mit strahlenden, glückseligen Augen. Ein kleiner Junge z. B. ist ganz beglückt über all die großen und kleinen lebenden Wesen, denen er auf dem Lande begegnet- ist. Besonders ein Fohlen hat es ihm angetan, das zwar — so erzählte er in seinem Brief an die Eltern — ausgeschlagen hat, als er mit ihm spielte, aber „süß ist es doch", schloß er seinen Bericht. Em anderer Junge schreibt nach Haus: „Wenn Ihr sehen könntet, was ich hier esse, das ist nicht mehr zum Aushalten. Onkel sagt immer, ich esse wie ein Scheunendrescher. Aber dabei lacht er immer und legt mir noch 'ne Wucht auf den Teller." Und zum Schluß schreibt er: „Wecken ist hier nicht. Ich bin schon immer wach um halb fünf, wenn die anderen aufstehen. Dann gehen wir Männer aufs Feld raus, und die Frauen machen erst mal das Haus in Ord- "una." So schreiben die Kinder, die im Rahmen der Kinderlandoerschickung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt hinausgeschickt werden aus den Städten auf das Land. 200 000 deutsche Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren haben auf diese Art Freude und Erholung genießen dürfen. 200 000 deutsche Kinder aber warten noch darauf, ihre Ferien auf dem Land verleben zu können, warten darauf, Freude zu erleben an irgendeinem schönen Platz ihres Vaterlandes, bei gastlichen Bauern.
Erneut hat die N^s. - Volkswohlfahrt begonnen, für die Kinderlandverschickung zu werben. Jeder deutsche Bauer sollte mithelfen an diesem Werk der NS.-Dolkswohlfahrt. 200 000 deutsche Kinder warten noch! In einzelnen ländlichen Orten haben sich sogar die tapferen Hitler-Jungen und Mädchen in engster Zusammenarbeit mit der zuständigen Stelle der NS.-Volkswohlfahrt an die Arbeit gemacht. Sie werben in ihrem Ort und auf ihre Art für die Aufnahme von Ferienkindern und Bereitstellung von Freiplätzen.
Wer aufmerksam die Zeitungen des Reiches gelesen hat, fand in den letzten Monaten immer wieder begeisterte Briefe von Ferienkindern und Pflegeeltern und manches vergrämte, freudlose Elternpäar hat in bewegten Worten der NS.-Volkswohlfahrt Dank gesagt, für das Glück, das ihren Kindern und damit auch ihnen zuteil wurde. Manchem Vater ist es geschehen, daß er seinen Jungen gar nicht wiedererkannte, als er ihn am Bahnhof aus den Ferien zurückerwartete. Alle diese Tatsachen und manche andere Beweise noch haben klar und eindeutig gezeigt: die NS.-Dolkswohlfahrt ist mit ihrem Erholungswerk auf dem richtigen Weg.
Das Erholungswerk der NS. - Volkswohlfahrt! In diesen Rahmen gehört außer der Kinderlcmdver- schickung auch die Erwachsenenverschickung, die Hitler-Freiplatzspende, die Tuberkulosen-Verschickung und die Mütter-Erholungssürsorge. Die Mütterverschickung ist wohl letzten Endes der sachliche Ausgangspunkt der Kinderlandoerschickung geworden. Gewiß, die Mütter waren froh und dankbar, daß die NS.-Dolkswohlfahrt ihnen die Möglichkeit bot, in Heimen der NS.-Volkswohlfahrt und an anderen Plätzen Erholung finden zu können. Aber im-
Wie geht die Kinderlandverschickung nun praktisch vor sich? Der tätige Faktor dieser Arbeit ist die je- wellige Ortsgruppe der NS.-Volkswohlfahrt, deren Reichsleitung in Berlin ist, von wo aus die großen Richtlinien an die Untergliederungen im Reich gegeben werden. Die Helfer und Helferinnen der Ortsgruppen der NS.-Volkswohlfahrt besuchen die Familien ihres Gebietes, sie wissen, wo Kinder sind, die Erholung dringend nötig haben. Sie werden auch unterstützt von Hinweisen der Lehrer auf einzelne Kinder. Die Vorschläge werden der Ortsgruppe unterbreitet. Die letzte Auswahl wird nach strengen gesundheitlichen Gesichtspunkten getroffen. Sämtliche in Frage kommenden Kinder werden von Aerzten untersucht. Keins der Kinder, die verschickt werden sollen, darf eine übertragbare Krankheit haben. Aus klar ersichtlichen Gründen! Die Ortsgruppe und die übergeordneten Stellen — Kreisleitung und Gauleitung, bearbeiten gemeinsam die zur Verfügung stehenden Freiplätze, die von Stadt und Land angeboten werden. Unendlich viel Kleinarbeit! Aber jede nur irgendwie in Betracht kommende Behörde hilft mit. Besonders hervorzuheben sind die Vergünstigungen, die die Reichsbahn für die Beförderung der Kinder gewährt.
Alles geschieht, damit unsere deutsche Jugend gesund bleibt. An Stelle der vielfach übertriebenen Jugendfürsorge vergangener Zeiten ist die Jugend h i l f e getreten. In den Aufgabenkreis der planmäßigen vorbeugenden erzieherischen Arbeit des Nationalsozialismus an der deutschen Jugend ist die Kinderlandoerschickung ein ganz erheblicher und wesentlicher Faktor geworden. Der Nationalsozialismus konnte diesen Weg beschreiten, geleitet von der Idee: das Gesunde gesund zu erhalten und stark zu machen für den Kampf mit dem lebendigen Leben und für Erhaltung der Nation.
Bischofs von Chester, John Wilkins, „Abhandlung von mechanischen Bewegungen" (1682), zusammengefaßt. In diesem wird das Flugproblem aus folgende vier Arten gelöst: einmal ist es möglich zu fliegen mit der Hilfe Gottes oder auch des Teufels, indem Engel oder böse Geister den schwachen sündigen Menschen darin unterstützen; dann kann man sich in die Lüfte erheben, wenn man sich durch große Vögel tragen läßt, wie dies denn auch in der alten Geschichte und in neueren Erzählungen vorgekommen; das dritte Mittel besteht in Flügeln, die unmittelbar am Körper befestigt werden müssen, und viertens spricht der Bischof von „fliegenden Wagen", für die er eine recht merkwürdige Bauweise anaibt. Lange bevor diese Phantasien erschienen, hatte bereits die genialste Persönlichkeit der Renaissance, Leonardo da Vinci, die Probleme des V o g e l f l u g s und der Flugmaschine in wissenschaftlicher Form erörtert. Geeigneter als die Flügel des Vogels erschienen ihm die der Fledermaus als Vorbild für den Bau eines Flugapparates. „Erinnere dich", fo schreibt er, „daß dein Luftschiff nichts anderes nach- ahmen darf, als die Fledermaus, denn sie hat die Hilfe der Flughaut, und dies Gewebe macht eine Armatur oder besser eine Verbindung der Armatur, d. h. das Hauptsegel der Flügel aus."
Allerdings fanden sich immer wieder kühne Wagehälse, die ohne jede wissenschaftliche Gewähr an Die menschliche Flugkraft glaubten. So kündete unter Ludwig XIV. ein französischer Seiltänzer Allard an, er werde vor den Augen des Sonnenkönigs von der Terrasse von St. Germain über den Wald von Vesinet fliegen; er stürzte aber sogleich auf der Terrasse nieder und zog sich schwere Verletzungen zu. Größere Erfolge hatte ein junger Schlosser, Besnier, der sich ein Paar aus höl-
zernen Stäben bestehende bewegliche Flügel baute, die mit Tuch bespannt waren und auseinander« gefaltet und zusammengeklappt werden konnten. Sie mürben an den Schultern gedreht, und zwar öffneten sie sich beim Zurückdrehen der Holzstäbe und falteten sich beim Heraufdrehen zusammen. Diese Stofflügel waren mit Füßen und Händen so verbunden, daß,« wenn die rechte Hand den rechten Flügel herabdrückte, das linke Bein den ' linken Flügel herunterzog und umgekehrt, so daß man auf diese Weise die Bewegungen beim Gehen nach- ahmte. Besnier stieg mit Diesen Flügeln zunächst auf einen Stuhl und sprang von diesem herab, um sich in der Luft zu halten. Als ihm dies glückte, stieg er auf einen Tisch, bann würbe er kühner und ließ sich von dem ersten und zweiten Stock eines Hauses in die Lust fallen. Es gelang ihm so, glücklich über das Dach eines benachbarten Gebäudes zu segeln, später soll er sogar über einen breiten Fluß geflogen fein.
Im Jahre 1742 erregte der Marquis von Becqueville ein ungeheures Aufsehen durch die Ankündigung, er werde von feiner Pariser Wohnung aus über die Seine fliegen. Eine zahllose Menschenmenge hatte sich versammelt und begrüßte den Marquis, der mit großen Flügeln an Händen und Füßen auf dem Dache feines Hauses erschien und sich in den weiten Raum erhob. Eine kurze Zeit ging es vorwärts, dann taumelte er und fiel gerade überXder Seine auf das Deck eines Bootes herab, wobei er sich ein Bein brach. Er hat sich nie mehr dem unsicheren Element, der Luft anvertraut, und ebenso sank der Kanonikus Des- f o r g e s , der von dem Turm Guitet in Estampes ausflog, schnell zur Erde, obwohl er mit rasender Geschwindigkeit feine Flügel bewegte.
Die Erfindung des Ballons in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts benutzte der Wiener Uhrmacher Jakob Degen für feinen Flugapparat. An einem kleinen Ballon, der ihn gerade in der Luft halten konnte, hängte er sich an, um den Leib einen Ledergürtel, der auch die Schenkel umschloß. An den Händen und Füßen, die er frei hatte, befestigte er sich große Flügel, die ihm die Fortbewegung und besonders die Lenkbarkeit ermöglichen sollten. Er wußte weite Kreise für feine Versuche zu interessieren, aber sie glückten nicht recht, und ein entscheidender Flug auf dem Mars- selde mißlang; die wütende und enttäuschte Menge mißhandelt ihn und zerbrach ihm seinen Apparat.
Aber andere folgten ihm auf der Märtyrerbahn. Erwähnt fei der tollkühne Versuch von C o ck i n g, der sich aus einer Höhe von 1800 Metern mit einem von ihm konstruierten Fallschirm in die Luft wagte, um zu fliegen, zur Erde stürzte und als formlose Masse liegen blieb. Das gleiche Schicksal erlitt L e - t u r r, der fein Glück in der Kombination eines Fallschirms mit zwei großen Flügeln versuchte. Auch er wurde unter seiner Maschine begraben, und nicht anders ging es dem Holländer de G r o o f, der mit einem interessanten Apparat einige Erfolge erzielte. Er bestand in einem rechteckigen Holzrahmen, an dessen oberen Teil zwei Flügel von je zehn Meter Länge befestigt waren, die auf und ab bewegt werden konnten. Mit dieser Maschine, die einem phantastischen Vogel glich, vermochte de Groof von größeren Höhen langsam abwärts zu schweben; als er aber den Flug von einem Ballon aus wagte, stürzte er und starb bald darauf an den Verletzungen, die er erlitten hatte. Einen gewissen Abschluß erreichten all diese Versuche in der Methode des deutschen Ingenieurs Otto L i l i e n t h a l. Er ging davon aus, daß sich das Flugproblem durch das Studium des Vogelfluges und die Nachahmung des Segelfluges der großen Vögel lösen lasse.
Auch nachdem der Segelflug zum Sieg gelangt war, ruhten die Versuche mit durch Menschenkraft beweglichen Flügeln nicht. Aber erst in unseren Tagen sollten durch die Erfindungskraft deutscher Ingenieure und die Kunst und den Wagemut eines deutschen Flugzeugführers die ersten Flüge durch Menschenkraft in der Welt vollbracht werden.
„Petterson und Bendel."
Lichtspielhaus.
Heber diesen schwedischen Film, der nach einem preisgekrönten Roman von Waldemar Hammen- h ö g gedreht wurde, ist hier früher bereits mehrfach berichtet worden: anläßlich der Uraufführung in Berlin, wobei es am Kurfürstendamm zu schnell beseitigten Zwischenfällen kam, und anläßlich der Erklärung des Staatskommissars Hinkel, die sich scharf gegen die in einer Reihe von Berliner Lichtspieltheatern festgestellten Fälschungen der schwedischen Originalfassung wandte. Der Film, der als erste ausländische Produktion in Deutschland mit dem Prädikat „st a a t s p o l i t i s ch wertvoll" ausgezeichnet worden ist und auch auf der Internationalen Filmausstelluna in Venedig gezeigt wird, hat bei seiner Uraufführung einen ungewöhnlichen Publikumserfola erzielt, der sich auf der anschließenden Reise Durch die deutsche Provinz ebenfalls bewähren dürfte.
„Petterson und Bendel" ist ein Lustspielfilm, dessen Handlung allerdings jederzeit und besonders gegen Ende hin einen ernsthaften und ernstzunehmenden Kern aufweist und infolge der darin berührten Probleme gerade heute und gerade in Deutschland von brennender Aktualität ist: ein galizischer Jude namens Bendel — fo beginnt es — hat sich als blinder Passagier auf einem Revaler Frachtdampfer nach Kopenhagen eingeschmuggelt, obwohl er bereits siebenmal unter verschiedenen Namen in Schweden war und dort ebensooft wieder ausgewiesen wurde. Im Hafen trifft er zufällig einen arbeitslosen schwedischen Matrosen namens Petterson; er macht sich an ihn heran und macht sich dessen Gutmütigkeit zunutze, um mit ihm eine „Firma" aufzutun und zweifelhafte Geschäfte zu tätigen. Petterson sträubt sich zunächst, aber Bendel läßt nicht locker; er wird das Ding schon drehen, und der große, blonde Schwede braucht vorerst bloß nach außen hin die Firma zu repräsentieren.
Nun geht das Geschäftemachen munter los. Es beginnt mit einem Veilchensträußchen, fuhrt alsbald zum gerissenen An- ur.d Berkaus eines ge- brauchten Sofas, und es fehlt nur das erforderliche Betriebskapital, um die Firma auf ähnlicher Basis schnell zu vergrößern. Zum ©lücf leiht Mia, Pet- rersons Freundin, ihm hundert Kronen, und mit diesem Grundstock beginnt die Firma, immer unter Bendels raffinierter Führung, einen schwunghaften Und betrügerischen Handel mit „Cleopatras Schönheitskrem", der aus altem Rindertalg besteht, und ähnlichen minderwertigen Ramschartikeln. Das Geschäft blüht; Petterson als Direktor bekommt einen schicken Anzug, und es gelingt ihm alsbald, unter einem Decknamen, die Generalvertretung von Agda Alvins Handschuhgeschäft an sich zu bringen.
Da diese Agda aber auch persönlich an dem stattlichen und gut aussehenden Vertreter nicht uninteressiert ist, bringt Bendel Petterson schließlich dazu, bei Agda einen großen Pump aufzunehmen. „Petterson und Bendel" machen mit dem Selbe ein neues großes Geschäft in „Ouietsch-Ballons mit Gratis-Lutschstange", aber Agda hat die Gelegenheit benutzt, sich mit Petterson öffentlich zu verloben. Die arme Mia, der Bendel mit einem geschickten Manöver den Sachverhalt beigebracht hat, will ins Wasser gehen und ist tatsächlich verschwunden, als Petterson, der Agda inzwischen alles gebeichtet und mit ihr gebrochen hat, mit einem Versöhnungsblumenstrauß bei ihr antreten will.
Als Bendel merkt, daß aus dem Riesengefchäft (mit Agdas Geld) nichts geworden ist, zumal die Gesundheitspolizei die Ballons aus hygienischen Gründen beschlagnahmt hat, beschließt er zu verschwinden, — nicht ohne seinen Kompagnon zuvor nochmals kräftig übers Ohr gehauen zu haben. Schon gedenkt er mit dem gesamten Bargeld der Firma, das er dem gutgläubigen Petterson mit Hilfe eines famosen „Vertrages" abgejagt hat, auf einem Dampfer nach Reval zu verreisen, da entdeckt Petterson, der inzwischen seine Mia wiedergefunden hat, den geplanten Betrug; er nimmt dem jammernden Bendel (der auch noch Pettersons Paß gestohlen hat) fünf Minuten vor Abgang des Schiffes das Geld wieder ab und kehrt zu Mia zurück, die am Ufer auf ihn wartet und ihm, zum glücklichen Ende, ein süßes Geheimnis ins Ohr flüstert...
So läuft, in großen Zügen, die Handlung, die der Regisseur Per-Axel Brauner mit einfachen Mitteln, aber wirkungsvoll und lebendig gestaltet hat: er arbeitet die grundlegenden charakterlichen und rassischen Gegensätze der beiden Hauptgestalten mit nachdrücklicher Schärfe heraus, so daß — über den Einzelfall der Lustspiel-Fabel hinweg — das aktuelle Problem in seiner ganzen Spannweite erfaßt und beleuchtet wird. In Petterson und Bendel stehen sich die Vertreter zweier im tiefsten We- fensgrunbe verschobenen Rassen gegenüber, unb so ist ber Film weit mehr als ein simples Lustspiel ober bie alltägliche Geschichte einer Firma; rein filmisch ist übrigens ber Charakter der von „Petterson und Bendel" getätigten Geschäfte gerade in der Darstellung der dick aufgeblasenen und schnell zerplatzenden Luftballons sehr geschickt und sinnfällig gekennzeichnet.
Brauner hat diesen Film mit unbekannten Schauspielern gedreht, die sich ihrer Aufgabe mit viel Verständnis unterzogen haben: Adolf Jahr spielt den Petterson; groß, blond, gutmütig, ehrlich und ahnungslos. Semmy Friedmann gibt den Bendel als einen schmierigen, verschlagenen und gerissenen Ostjudeu, der hemmungslos und skrupellos auf feine dunklen Geschäfte ausgeht und ge-
schickt den andern vorzuschieben und für sich aus- zunutzen versteht. — Recht gut und lebendig sind auch die unterschiedlich angelegten Frauengestalten mit Birgit ©ergelius (Mia), Elsa Carlson (Agda) und Isa Q u e u s e l (Elsa) besetzt. Der Film läuft .n der Originalfassung; die deutschen Dialog-Titel sind ins Bild komponiert, leider nicht immer sehr deutlich lesbar; aber die Zusammenhänge werden auch so hinreichend klar. —
Der Film läuft feit gestern im Lichtspielhaus und dürfte auch bei uns ein großes und interessiertes Publikum finden. Im Beiprogramm sieht man die Wochenschau unb einen lehrreichen Naturfilm „Vampyre". — r —
Kunst und Wissenschaft.
Naturärzte-Tagung in Wiesbaden.
In Wiesbaden fand eine gut besuchte Tagung des Gaues Hessen-Nassau des Reichsoer dandes der Naturärzte statt. Es war auch eine größere Anzahl anderer Aerzte erschienen, was als sehr erfreuliches Zeichen zu werten ist für das zunehmende Verständnis, das die Bestrebungen der Naturheillehre jetzt auch in Aerztekreisen genießen. In seinen Begrüßungsworten wies der Gaubeauftragte, Dr. M a l e ch, Gießen, auf den vor einigen Monaten erfolgten Zusammenschluß aller biologischen Aerzteverbände zu einer Arbeitsgemeinschaft hin, sowie auf die ernsten Bemühungen des Reichsärzte- führers, Dr. Wagner in München, das wertvolle Gut der Naturheillehre und anderer biologischer Heilrichtungen der Allgemeinmedizin nutzbar zu machen. Dr. Malech betonte weiter, daß bei der Naturheillehre eine besondere Lehre vom Krankheitsgeschehen und der Krankheitsbehandlung vor- liege, der durchaus Allgemeingeltung zukomme. Deshalb müsse sich jeder Arzt damit befassen, insbefon« dere müßten unsere jungen angehenden Aerzte darüber unterrichtet werden.
Dr. M o r k r a m e r, Facharzt für Lungenkrank- heiten in Frankfurt, hielt darauf einen bedeutungsvollen Vortrag über die Entstehung und die naturärztliche Behandlung der Tuberkulose. Er halte die operative Behandlung mancher schwerer Tuberku- losen durchaus nicht für einen Fehler wider die Natur, legt im übrigen besonderen Wert auf die Liegekur, gegebenenfalls in Verbindung mit Mas- fagebehandlung. Don höchster Bedeutung sei die Behandlung der Haut, da der Lungenkranke hautkrank ist. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Aussprache an, die sich vorwiegend um die Ernährungsfrage und die Frage des Pneumothorax drehte.
Dr. Jockel, Darmstadt, sprach über „die Bedeutung der Mandeln in gefunden und kranken Tagen".
Er wies u. a. besonders darauf hin, daß die Mandeln keineswegs überflüssig sind, sondern ein wichtiges Ausscheidungsorgan für im Stoffwechsel entstandene Gifte seien. Auch an diesen Vortrag schloß sich eine lebhafte Aussprache. Ferner berichteten Dr. Römer, Reichenbach i. O., über gute Erfahrungen mit Eigenblutbehandlung und Dr. Malech, Gießen, über günstige Erfahrungen mit der Darreichung frischer Gurken bei Darmkatarrhen, die den Erfolgen mit rohen geriebenen Aepfeln mindestens gleichkommen.
Deutscher llebersee-Preis.
Schriftleitung und Verlag von Westermanns Monatsheften nehmen den mit der September-Ausgabe 1935 beginnenden achtzigsten Jahrgang der Zeitschrift zum Anlaß, einen Preis von dreitausend Reichsmark auszusetzen für eine im Druck noch nicht veröffentlichte Niederschrift, die als Roman, Erzählung oder Tatsachenbericht ein deutsches Schicksal, Erlebnis oder Lebensbild in Hebersee gestaltet. Die Arbeit soll mit innerer Wahrhaftigkeit Leistung und Einsatz deutscher Kraft jenseits der europäischen Meere schildern und dazu angetan sein, bei uns und bei den andern Nationen Verständnis und Anerkennung für Wesen, Art und Lebensrecht des deutschen Volkstums in fremden Erdteilen zu wecken und zu fördern. Der deutsche Hebersee-Preis wird zugeteilt durch gemeinsamen Beschluß von Dr. Richard C s a k i, Leiter des Deutschen Ausland-Jnstituts, Stuttgart; Dr. Karl Kl in gen fuß, Kulturamt der Auslands- Organisation der NSDAP., Berlin; Professor Dr. Dr. Werner Jansen, Hochschulabteilung des Reichserziehungsministeriums, Berlin; Otto August Ehlers, Hauptschriftletter von Westermanns Monatsheften, Berlin.
Sochschulnachflchiett.
Geh. Rat Professor Dr. Friedrich Panzer, der namhafte Heidelberger Germanist, beging seinen 65. Geburtstag. Geh. Rat Panzer, der früher in Frankfurt und Freiburg lehrte — einen Ruf auf den Lehrstuhl Gustav R o e t h e s in Berlin hat er 1927 abgelehnt —, hat sich in zahlreichen Arbeiten vor allem mit der deutschen Heldensage und mit Märchenforschungen beschäftigt.
Der ao. Professor Dr. Otto Kuhn ist durch den Führer und Reichskanzler zum ordentlichen Professor für Zoologie in der Philosophischen Fakultät der Universität Köln und zum Direktor des Zoologischen Instituts in Köln ernannt worden.
Professor Dr. Fr. Jager, Extraordinarius für Sinologie an der Universität Hamburg, ist zum ordentlichen Professor in Hamburg ernannt worden und wird dort den chinakundlichen Lehrstuhl von Professor Forke übernehmen.


