Oie Siegerehrung.
Zur Siegerehrung bot sich den vielen Zuschauern ein großartiges Bild. Unter dem Kommando von Gauoberturnwart Paul traten die Turner und Turnerinnen, Sportler und Sportlerinnen gemeinsam zur Siegerehrung an. Rechts und links flankierten Fahnenreihen das Bild und gaben den prächtigen Rahmen, in der Mitte stand das Gaubanner. In großen geschlossenen Säulen standen die Turner und Sportler, ihnen zur Seite, nach innen, die Turnerinnen und Sportlerinnen. Im Vordergrund standen die Sieger und Siegerinnen des Gaufestes.
Die Siegerehrung gestaltete sich ebenso einfach, wie würdig. Beispielhaft und zum Vorbild wurden der 1. Sieger im 12-Kampf Kurt Wedekind vom ATC. Kassel und die Siegerin im Neunkamps Elfried Gerthenbach vom Tv. Rothenditmold auf die Tribüne gebeten, wo ihnen der Gauoberturnwart die schlichten Eichenkränze aufsetzte. Alle übrigen Siegerinnen und Sieger folgten dann dem Beispiel. Mit einem begeistert aufgenommenen „Sieg-Heil!" schloß der Gauoberturnwart seine kurze Ansprache zur Siegerehrung.
Der Oberturnwart und stellvertretende Führer der Deutschen Turnerschaft, Carl Steding, überbrachte dann in einer kurzen Ansprache die Grüße des Reichssportführers von Tschammer und Osten und dankte allen Mitarbeitern, die um die Gestaltung und die Durchführung des Gaufestes bemüht waren.
In einer weiteren kurzen Ansprache übergab sodann der Leiter des hessischen staatlichen Sportamtes, Verwaltungsdirektor Löwer, Darmstadt, im Auftrage des Reichsstatthalters und Gauleiters Sprenger die beiden von diesem gestifteten Ehrenpreise. Den einen der beiden Preise konnte sich der Gießener Schwimmverein sichern, den anderen Preis errang die Aeltere Kasseler Turngemeinde.
Der DT.-Gauführer B r u n st dankte auch seinerseits allen Mitarbeitern, insbesondere auch der Gauleitung und der Kreisleitung der NSDAP., und schloß seine Ansprache mit einem begeisterten dreifachen Sieg-Heil auf Volk, Führer und Vaterland.
Mit den gemeinsam gesungenen beiden Nationalhymnen klang das Gaufest aus.
Verdienstvolle Helfer.
Um das volle Gelingen des Gaufestes haben sich neben den berufenen Männern — hier in erster Linie Gauoberturnwart Paul und der Leiter des Hauptausschusses Reining — noch viele Helfer verdient gemacht. Es seien in diesem Zusammenhang genannt: das Musikkorps unseres Regiments, der Musikzug der SA.-Standarte 116, die Polizei, die SA.-Reserve und SA.-Landwehr im Absperrdienst auf dem Festplatz, die SS. und die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz; die Sanitätskolonne leistete bei einer großen Anzahl leichter Sportverletzungen, wie sie bei solchem Massenbetrieb immer vorkommen, tatkräftig Hilfe, zum Glück aber kamen schwere Verletzungen nicht in Betracht. Noch einmal sei auch hier auf die großen Verdienste von Georg Heß und allen seinen Mitwirkenden hingewiesen, ferner sei die zum Glück nicht in Anspruch genommene Feuerwehr erwähnt. Sollte bei dieser Aufzählung irgend jemand übersehen worden sein, so mag er sich selbstverständlich In die Front der verdienstvollen Helfer einreihen, denen die Festleitung und alle Beteiligten Dank zu sagen haben.
Kasiel den 1. Sieg. Die Spielvereinigung 1900 mußte sich mit dem dritten Platz begnügen. Im Rahmen des Gemeinschaftstoges am Sonntag wurde noch eine „R e i ch s b u n d st a f f e l" über 10 X Va Runde gelaufen, an der sich fünf Kreise beteiligten. Den Sieger stellte hier der Kreis 1 (Wilhelms- höhe-Reinhardswald). Der heimische Kreis 8 (Lahn» Dill) schnitt wenig gut dabei ab.
Von den leichtathletischen Wettbewerben der Frauen sind erwähnenswert der Sieg im 100-Meter- Lauf von Frl. B r e h l (Tgmde. Fulda), der Sieg von Frau M a l k o m e s i us (TC. Kassel) im Hochsprung mit 1,35 Meter, und der schöne Sieg von Frl. Lotti Diehl (Spielvereinigung 1900 Gießen) im Mädchen-Dreikamps.
Der Samstag und der Sonntag brachten auf zahlreichen anderen Sportstätten interessante Begegnungen.
Die Gchwrmmwettkämpfe.
Die Wettkämpfe des Fachamtes V, Schwimmen, wurden am Samstag in der Müllerschen Badeanstalt an der Lahn ausgetragen. Die erzielten Leistungen standen fast durchweg auf beachtlicher Höhe. Im Springen der Herren (Klasse 1) ging wieder Max Schüler, Schwimmverein Gießen (124,82 Punkte), mit überlegenem Punktvorsprung
Tum- und Sporlweükämpfe auf breiter Front.
Die Mehrkämpfe der Turner.
Rings um den Festplatz und um die Kampfstätten flatterten di/Fahnen im Morgenwind, hell glänzte das Licht der Frühsonne über den blitzblanken neuen Geräten, reges Leben füllt bereits um 6 Uhr morgens den weiten Platz. Die Wettkampfturner versammelten sich außerhalb des Kampfplatzgeländes auf dem freien Trieb, standen beisammen und übten zum Teil rasch noch einmal ihre Freiübungen. In Riegen traten sie dann an und unter dem oemeinsam gesungenen Lied „Turner auf zum Streite, wir treten in die Bahn", marschierten sie auf den Kampfplatz. Die Kampfrichter hatten inzwischen auch alle Vorbereitungen getroffen. lieber den Verlauf der Kämpfe am Samstagoormittag berichteten wir bereits.
Die außerordentlichen Leistungen sah man wiederum in der Sonderstufe, wenngleich die Leistungen in der Ober- und Unterstufe zum Teil auch hervorragend waren. Unsere heimischen Turner konnten sich in den einzelnen Wettbewerben sehr günsttg placieren. Im 12-Kampf der Turner-Sonderklasse dominierten die Kasseler, Schöffmann-Wieseck kam auf den 4. Platz vor Seth-Großen-Linden. Im Zehnkampf der Turner-Sonderklasse belegte Seth- Großen-Linden den 5. Platz vor Schöffmann- Wieseck.
Im Zwölfkampf der Turner-Oberstufe kam erfreulicherweise der Gießener Ludwig Herbert mit 201 Punkten an die erste Stelle. Als Dritter placierte sich Schick vom Turnverein 1846 mit 189 Punkten. Einen großen Erfolg errang der Gießener Turner K. Reuter vom Turnverein 1846, der im Hessenkampf den ersten Sieger mit 141 Punkten stellte. Einen weiteren 1. Sieg hatte der Turnverein 1846 Gießen durch B i n g e l im Zehnkampf der Jugend zu verzeichnen.
Der Wettkampfbetrieb hielt während des ganzen Samstag ununterbrochen an. Immer wieder bot sich das Bild der Riegen, wie sie von einem Kampfplatz zum anderen wechselten, von Gerät zu Gerät, von der Sprungbahn zur Wurfbahn oder zur Aschenbahn.
Oie Mehrkämpfe der Turnerinnen und Volksturner. Am Nachmittag leuchtete das Kampffeld auf dem Trieb kornblumenblau: Die Turnerinnen zogen mit frischem Kampflied ein. Es waren 22 Riegen, tue sich zu je einem Neun-Kampf der Ober- und Unter-
stufe, zu einem Sechskampf mit Wasserübungen und einem volkstümlichen Vierkampf gliederten.
Der Nachmittag brachte aber in erster Linie die Austragung der volkstümlichen Mehrkämpfe, den Fünfkampf der Oberstufe, den Dreikampf der Unterstufe, den Dreikampf der Altersturner der Klasse I (33 bis 39 Jahre) und bef Klasse II (über 40 I.), ferner den Dreikampf der Jugend und den Vierkampf der Turnerinnen. Die Zahl der Turner und Sportler, die zu diesen Wettkämpfen antraten, war außerordentlich groß. Am schnellsten konnten sich die Läufe abwickeln, da eine elektrische Zeitnehmervorrichtung geschaffen worden war, die in wenigen Sekunden die Ermittlung der gelaufenen Zeiten gestattete. Den zahlreichen Zuschauern bot sich durch die rasche Folge der Läufe ein sehr anregendes Schauspiel. Die Läufer, insbesondere die Jugend, lieferten sich erbitterte Kämpfe.
Im volkstümlichen Fünfkampf der Oberstufe gingen die ersten vier Plätze an Fulda, Lauterbach, Eschwege und Marburg. An fünfter Stelle konnte sich Herrmann und an siebenter Stelle Mohl, beide vom DfB.-R. Gießen behaupten. Einen achten Platz errang der MTVer Lindenstruth. Im Dreikampf der Unterstufe stellte der Ruttershause- ner Will den Sieger. Hill (Mtv. Gießen) wurde Zweiter. Im Dreikampf der Altersturner Klasse I siegte Gröh von der Turngemeinde Friedberg, in der Klasse II Fink (Lauterbach). Den volkstümlichen Sechskampf gewann Jüngst vom TV. 1846 Gießen und den Sechskampf der Turnerinnen Frau Malkomefius von der Kasseler Turngemeinde, die ja in Gießen keine Unbekannte ist. Frau Malkomefius ging beim Mtv. Gießen in eine gute Schule. Den volkstümlichen Dier- kampf der Turnerinnen konnte Erika R ö h m i g vom Mtv. Gießen als Siegerin an sich bringen.
In der schweren Konkurrenz des Neunkampfes der Turnerinnen-Oberstufe stellte Frl. Gerten- bad) vom TV. Rothendittmold die Siegerin, im Neunkampf der Unterstufe Frl. Gautier vom TV. Hanau 1837.
Oie leichtathletischen Einzelkämpfe.
Leider konnte eine stattliche Anzahl der besten Leichtathleten nicht teilnehmen, da sie zum größten Teil bei den Deutschen Leichtathletischen Meisterschaften in Berlin starteten. Aus unserer engeren Heimat fehlten aus diesem Grunde die vier ausgezeichneten Kämpfer Kilo, Jung, Faulseit und Gugel von der Spielvereinigung 1900 und Otto Luh vom VfB.-Reichsbahn. Die stark besetzten Dor-
und Zwischenkämpfe wurden in verhältnismäßig kurzer Zeit ausgettagen. In den Entscheidungskämpfen gab es stets nur knappe Differenzen. Im hart umstrittenen 100-Meter-Lauf siegte Müller von der Hanauer Turngemeinde in 11,3 Sekunden. Hill vom Mtv. Gießen erreichte allerdings in einem der Zwischenläufe die bessere Zeit von 11,1 Sekunden. lieber 400 Meter siegte Pfeiffer (Kassel), über 800 Meter Ries (Kassel). Langrock (1900 Gießen) kam über 400 Meter nur auf den 3. Platz. Peters (1900 Gießen) belegte über 800 Meter ebenfalls einen 3. Platz.
Ein außerordentlich spannendes und dramatisches Rennen brachte der 5000-Meter-Lauf, den in einer überragenden. Manier der Heuchelheimer Turner Franz Neide! in der hervorragenden Zeit von 15:47 Minuten gewann. Als zweiter folgte sein Bruder Hans in 16:02,4 Minuten. Für den Sieger bedeutet dieser Lauf einen großen Erfolg. Er schloß sich der Deutschen Extraklasse an.
Der Samstag brachte noch zahlreiche Vorkämpfe, u. a. auch in den Staffeln. Ferner wurden auch die Vorkämpfe — zum Teil fielen auch die Entscheidungen — in den technischen Wettbewerben für Aktive, Frauen und Mädchen ausgetragen. Während der ganzen Nachpnttagsstunden hatten die Zuschauer Gelegenheit, Turner und Sportler in heißen Wettkämpfen zu sehen. x
Auf dem Waldsportplatz wurde in der 4X150 0- Meter-Staffel um die Gaumeisterschaft gelaufen, die sick die Kasseler Turngemeinde in 18:23,2 Minuten vor der Spielvereinigung 1900 Gießen mit 18:31,0 Minuten, also mit einem nicht sehr erheblichen Vorsprung vor der Gießener Mannschaft sichern konnte. An dritter Stelle kam Heuchelheim mit 18:36,4 Minuten ein.
Im Rahmen des Gemeinschaftstages des Reichsbundes für Leibesübungen fielen am Sonntag einige weitere Entscheidungen in den leichtathletischen Disziplinen. Dor allem interessierten hier die Staffelläufe, wie auch die Entscheidungen in den kurzen Sttecken. In einer scharfen 4X100- Meter-Staffel der Männer siegten mit klarem Vorsprung die Hessen-Preußen Kassel vor der Turngemeinde Kassel und der Turngemeinde Friedberg. Die 4 X 10 0 - M e t e r - S t a f f e l der Frauen ging an die Turngemeinde Hanau 37, da die an sich siegreiche Staffel von CT. Kassel distanziert werden mußte. Die Gießener Mtverinnen kamen durch sehr schlechte Wechsel stark in das Hintertreffen. In der 4X400-Meter-Staf- fel der Aktiven holten sich die HessenPreußen von
als Sieger hervor; den zweiten Platz belegte Hermann Eckhard, Tgm. Kassel (96,96 Punkte). Auch im Springen der Damen konnte sich die 1. Siegerin von den Gaumeisterschaften Frieda Henkel (1860 Marburg) wieder klar behaupten.
Im Mehrkampf der Herren, der nur in der Klasse 2 ausgetragen wurde, errang Fritz Werner (Tv. 1846 Gießen) vor Meyer (To. Großen-Linden) und vor dem Jugendlichen Koh- linger (Tv. 1846 Gießen) durch bessere Durch» schnittsleistungen den ersten Sieg. Im Brust- schwimmen der Herren (Klasse 1) über 200 Meter konnte in einem spannenden Rennen Fredi Mewes (Schwimmverein Gießen) mit der guten Zeit von 3,06 Minuten seinen Sieg wiederholen.
In der Klasse 2 siegte Hübner (Tv. Wetzlar) mit 3:13,6 klar über den Jugendlichen Walter D ö p f e r (1846 Gießen), der mit 3:21,1 ebenfalls eine sehr beachtliche Zeit schwamm. Großes Interesse fanden die Rennen der Herren-Altersklassen. Während in der Klasse 32 bis 40 Jahre Fritz Pascoe (Gießener Schwimmverein) in der erstaunlichen, kaum von den Aktiven gebotenen Zeit von 1:25,6 Minuten den 1. Sieg errang, konnte in der Klasse über 40 Jahre Rudolf Renz (Tgm. Kassel) mit Handschlag vor Franz Sauer (Tv. 1846 Gießen) den ersten Platz belegen. Im 200-Meter-Brust- schwimmen der Damen (Klasse 2) konnte Margot K ö h l i n g e r (Tv. 1846 Gießen) sich bedeutend verbessern. Im 100-m-Kraulschwimmen für Herren (Klasse 1) konnte A i ch i n g e r (Kurhessen Kassel) seinen Sieg wiederholen, Arnold Zimmer (Gießener Schwimmoerein) belegte den zweiten Platz. In der Klasse 2 zeigten die Jugendlichen von Gießen, daß sie sich bereits in der Herren-Klasse durchzusetzen verstehen.
In der 10 X 50-Meter-Herren-Brust- st a ff e l konnte der Gießener Schwimmoerein seine Tradition bewahren und ein klar überlegenes Rennen gegen den To. Wetzlar schwimmen. Ein scharfes Rennen lieferten sich auch der Tv. Wetzlar und der Tv. 1846 Gießen in der 3 mal 50-Meter-Damen- Lagenstaffel. Wetzlar siegte knapp. Eine sehr gute Zeit wurde schließlich auch im 100-Meter-Rücken- schwimmen der Herren-Klasse 2, bei dem Kurt Horeyseck vom Turnverein 1846 Gießen (1:27) seinem Konkurrenten Seibert vom Turnverein Wetzlar (1:26,6) mit Handschlag knapp unterlag.
Bei dem Wasserballspiel Schwimmoerein Gießen gegen Tv. 1846 gewann der Gießener Schwimmoerein mit 2:1 (1:1).
Oie Fechter in der Liebigshöhe.
Während des Samstags und des Sonntagvormittaas wurde in der Liedigshöhe fast ununterbrochen gefochten. Die Meldungen waren sehr zahlreich eingegangen und es gab bei den verschiedenen
Nachdruck verbotenl
19 Fortsetzung.
Vornan von Klothilde v. Stegmann.
Urheberrechtschutz: Fünf-Türme Verlag Halle (S.)
Flink lief sie zu einer Vase, in der em paar wunderbare mattrosa Rosenknospen dufteten. Geschickt befestigte sie diese mit einer Brillantnadel an dem Pelz des Mantels. Dann reichte sie Marlen die Tasche aus grauer Schlangenhaut. „Nun sind gnädiges Fräulein fertig. Darf ich dem gnädigen Fräulein viel Glück wünschen."
Marlens ernste Augen verschleierten sich.
„Ick danke Ihnen, Gretchen. Ja, ich kann's brauchen, das Glück."
Dann ging sie schnell aus dem Hotelzimmer hinaus. Das Mädchen sah ihr erstaunt nach. Hatten die Worte des gnädigen Fräuleins nicht traurig geklungen? Ach, das bildete sie sich wohl nur em. Denn ein größeres Glück gab's wohl nicht, als einen Mann wie den Grafen Veltheim zu heiraten. Aber ihre Herrin war auch die schönste und beste Dame, die sie je kennengelernt hatte. Die beiden würden recht glücklich miteinander merbetr.
Flink lief sie ans Fenster. Sie mußte doch sehen, wie das junge Paar das Hotel verlieh.
In dem eleganten Vestibül des Hotels saß Dietrich. Er war in tadellosem Besuchsanzug. Vor ihm auf dem niedrigen Tisch lag ein großer Strauß Rosen.
Jetzt sprang er auf. Marlen kam aus dem Fahrstuhl ihm entgegen. Einen Augenblick stockte ihm fast der Atem. Jäh schoß es ihm zu Herzen. Wie schön, wie hinreißend schön Marlen aussah! Er hatte sie seit dem Verlobungstag nicht mehr wiedergesehen. Er war am nächsten Tage abgereist und hatte nur brieflich alles mit ihr verabredet. Gestern war sie auf seinen Wunsch hier in Locarno angekommen. Er hatte sie nicht am Bahnhof erwartet, denn sie hatte ihn brieflich ausdrücklich gebeten. es nicht zu tun. So hatte er sich nur telephonisch von seinem Sanatorium aus erkundigt, ob sie eine gute Reise gehabt hätte, und ihr mitgeteilt, daß er sie heute mittag zum Standesamt abholen würde.
• Marlen hatte ihm telephonisch kaum zu antworten vermocht. Seine Stimme wieder zu hören, bedeutete für sie ein Aufreißen aller Wunden. Jetzt hatte sie es doch bereut, daß sie Karlas Begleitung abgelehnt hatte. Hauptmann Weckenroth fjatte, ja mächtig gescholten und erklärt: So etwas Verrücktes wie diese Heirat im fremben Laybe, ohne einen lieben Menschen, ber zu einem gehörte^ wäre ihm noch nicht passiert.
Aber Karla hatte Marlen unterstützt unb beteuert, daß ihr die weite Reise viel zu beschwerlich wer- den würde.
Grollend hatte sich Hauptmann Weckenroth den „Weiberlaunen", wie er es nannte, fügen müssen.
Aber an dem einsamen Abend in dem fremden Hotelzimmer am Abend vor ihrer Hochzeit hatte Marlen es doch bereut, daß nicht ein lieber Mensch sie bei diesem Schritt begleitete. Wer mochte wissen, was für gleichgültige Zeugen Dietrich Veltheim bereit hatte!
Lange hatte sie am Abend auf dem Balkon vor chrem Zimmer gesessen. Das Zimmer hatte Aussicht auf den See. Die blaue Fläche lag im vollen Licht des Mondes wie dunkles Silber vor ihr. Die Lichter von Locarno und fernhin von den vielen Orten leuchteten wie eine flirrende Kette von Glanz durch den stillen Abend. Mandolinenklang floß aus einer italienischen Schänke irgendwoher zu ihr herauf. Die Grillen zirpten unermüdlich.
Die ganze Nacht atmete Süße und Sehnsucht. Da wollte ihr das Herz beinah brechen vor Leid. Sie sehnte sich nach Dietrich. Er war ihr ja so nahe; dort in jenem großen weißen Hause, dessen Lichter zu ihr herüberleuchteten, weilte er. Ganz nahe waren sie sich, und doch ferner, als wenn sie auf verschiedenen Erdteilen geweilt hätten. Das war nun ihr Glückstag! Sie legte den Kopf auf das kühle Geländer des Balkons. Niemand als die stille Nacht sah ihre Tränen.
Als aber der Tag graute, hatte sie sich wieder in der Gewalt. Nichts regte sich in ihrem Gesicht, als sie Dietrich Veltheim jetzt wiedersah.
Ihre Begrüßung klang, als hätten sie sich eben erst getrennt.
„Guten Tag, Dietrich! Du siehst gut aus.— ich freue mich, daß du dich jo gut erholt hast. Also können wir wohl gehen/
Sie sagte es in gleichmütigem Plauderton, als ob sie zu irgendeinem ganz entfernt Bekannten spräche.
Dietrich Veltheim zuckte zusammen. Er hatte einen Augenblick bei Marlens Anblick alles vergessen, was zwischen ihnen stand. Er hatte nur ihre Schönheit und Anmut in sich hineingetrunken. Gefühlt, wie er mehr und mehr von Marlens Zauder umsttickt wurde. Diese kühle Begrüßung aber riß ihn in die Gegenwart zurück. Und wieder stieg ein Haß in ihm auf gegen die Frau, die ihm feinen Glauben zerstört hatte.
„Jawohl! Darf ich dich bitten!"
Gemessen schritt er an ihrer Seite dem Ausgang zu. Der Portier riß die Flügeltüren vor ihnen auf, ein kleiner Boy öffnete den Schlag des Autos. Ein paar vorübergehende Passanten blieben stehen und sahen dem schönen Paar nach.
Das Auto fuhr durch die bunten Straßen mit ihren glänzenden Auslagen, wand sich geschickt um alle Ecken. Nun ging der Weg ein Stück am Meer ent2ßie’ wunderbar schön!" sagte Marlen leise und wandte ihren Blick der See zu. Ihr reines, klares Profil bot sich Dietrichs Blicken. Mit Zorn und > Schmerz prüfte er diese schönen Zuge. Wie war
es möglich, daß diese grauen Augen lügen konnten? Daß dieser zarte, reine Mund zu einem habgierigen Menschen gehörte? Zu einem Mädchen, das sich um äußerer Vorteile willen verkaufte. Das war das richtige Wort. Verkauft hatte sie sich, nur um ein sorgenloses Leben zu führen. Und er fjatte diesen schmählichen Handel mitmachen müssen, nur um das Erbe der Väter wahren zu können. Wie beschmutzt erschien ihm auf einmal alles, was ihm einst so heilig und rein war. Wäre nur dies alles vorbei! Nach der standesamtlichen Trauung würden sie sich sofort wieder trennen. Er würde noch im Süden bleiben. Marlen konnte reifen, wohin sie wollte. Sie würden nur noch durch den Anwalt verkehren.
Nun näherten sie sich dem Gebäude, in dem sich das Standesamt befand. Zwei Herren gingen in der hellen Sonne dort wartend auf und ab.
„Die Zeugen!" erklärte Dietrich. „Der eine ist ein Universitätsprofessor aus Süddeutschland, der andere der zweite Sanatoriumsarzt hier, mit dem ich mich recht angefreundet habe/
Das Auto fuhr in einem Bogen um das blühende Boskett des Vorhofs. Marlen fühlte' ihr Herz in einem jähen Entsetzen schlagen. Dieser Herr dort, der ihnen nun entgegenkam, sie kannte ihn doch? Das war doch Doktor Langgisser.
Doktor Langgissers Augen wurden groß. Erstaunt sah er auf die elegante schöne, junge Dame in dem kostbaren grünen Kostüm, der Veltheim nun höflich aus dem Auto half.
Tief erblaßt stand Marlen nun vor den beiden Herren. , ,v
„Gestatte, liebe Marlen, daß ich dir die beiden Zeugen vorstelle: Herr Professor Doktor Berger, Heidelberg — Herr Doktor Langgisser."
„Ich habe schon den Vorzug, Ihr Fräulein Braut zu kennen, Herr Graf." Doktor Langgisser. schüttelte Marlen freudestrahlend die Hand. „Welch unverhofftes Wiedersehen, mein gnädiges Fräulein! Ich hatte keine Ahnung. Darf ich Ihnen nachträglich meine innigsten Glückwünsche aussprechen."
Erstaunt sah Dietrich auf Langgisser.
„Sie kennen meine Braut?! Aber warum haben Sie mir denn das nicht gesagt?"
„Aber ich habe doch den Namen Ihrer Braut überhaupt nicht gewußt, Herr Gras. Außerdem habe ich doch bis heute früh überhaupt keine Ahnung gehabt, daß Sie verlobt sind. Sie haben Ihr glückliches Geheimnis gut gewahrt, Herr Graf."
Lächelnd fiel Professor Berger ein:
, Da sieht man, daß nicht jedes Sprichwort wahr ist. Es heißt immer: „Wes des Herz voll ist, des fließt der Mund über. Aber Ihr Verlobter, mein gnädiges Fräulein, hat eifern geschwiegen."
Marlen wurde noch blasser. Doktor Langgisser sah sie forschend an. Was war aus der immer gleichmäßig heiteren Marlen Korda geworden? Irgend etwas Gequält-Fremdes war in ihrem Gesicht. Unb dasselbe Gequälte war in den Zügen des
Grafen Veltheim. Ueberhaupt war Veltheim immer gedrückt und stumm gewesen. Obgleich es ihm täglich gesundheitlich besser ging, schien seine Seele dem erfahrenen Arzt irgendwie krank zu fein. Langgisser hatte schon mehrfach versucht, in behutsamen Gesprächen zu ergründen, was Veltheim bedrückte. Denn er wußte: ehe die Seele eines Menschen nicht gesundete, war auch der Körper nicht völlig genesen. Darum war er über die Mitteilung von Veltheims Verlobung und dicht bevorstehender Heirat ehrlich erstaunt gewesen. Wie ein glücklicher Bräutigam sah Veltheim nicht aus unb Marlen Korba nicht wie eine glückliche Braut. Was war nur zwischen diesen beiden Menschen? Nun, er mußte sehen, Marlen einmal allein zu sprechen, um dies Geheimnis zu ergründen. Sie hatte ihm ja früher so viel Vertrauen geschenkt, sie würde ihm vielleicht auch jetzt Rede und Antwort stehen.
Nur Professor Berger hatte von der Spannung zwischen den drei Menschen nichts gespürt. Sein fröhliches und unbefangenes Geplauder rettete die Situation. Und nun standen Marlen und Dietrich vor dem Beamten. Kalt und klar klang Dietrichs „Ja!" durch den Raum. Leise und tonlos war Marlens Stimme.
Nachdem der Beamte dem jungen Paar Glück gewünscht hatte, wandte man sich zum Gehen.
„Darf ich Sie bitten, meine Herren, mit mir und meiner jungen Frau ein kleines Frühstück einzunehmen?" bat Dietrich. „Ich schlage vor, daß wir bei dem herrlichen Wetter eine Autofahrt nach Lugano machen. Ich habe dort im Hotel ein Frühstück bestellt. Wenn es dir recht ist, Marlen, nehmen wir beide zunächst auch Wohnung in Lugano. Ich wollte ja ohnehin den Sanatoriumsaufenthalt jetzt beenden und ein wenig nördlicher gehen. Wir haben dann von Lugano aus direkten Anschluß. Mein großes Gepäck habe ich nach Sankt Moritz dirigiert. Mein kleiner Handkoffer ist heute früh bereits vom Sanatorium zum Auto gebracht worden."
„Mir ist alles recht, Dietrich!" versetzte Marlen leise.
Aber ihr Herz zitterte vor Angst. Dietrich würde doch nicht etwa die Verabredung brechen und von ihr verlangen, daß sie mit ihm zusammenbliebe? Nur das nicht!, dachte sie angstvoll.
Aber äußerlich ließ sie sich nichts merken. Sie plauderte lächelnd, während man jetzt im Wagen an der himmlisch schönen Küste des Lago Maggiore entlang fuhr. Dann wand sich der Weg steil unb steiler an den Berghängen entlang. Eine wunderbare Gebirgslandschaft öffnete sich, um immer wieder durch hohe, grüne Bäume den Blick auf das tiefblaue Wasser frei zu geben. Vorbei an romantischen Dörfern unb freundlichen Wiesen ging es, bis man sich Lugano näherte.
(Fortsetzung folgt!)


