Ausgabe 
5.8.1935
 
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Nr. 180 Zweites Blatt GlHener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Montag, 5. August 1955

Aus der provl

Volkskunst schafft Reiseandenken.

Zum Zeichen, daß ich dein gedacht, Hab' ich dir dieses mitgebracht!"

Dieser sinnige Spruch steht in schwarzer Drucker- schrist auf einem kleinen weißen Tafelchen, das fest­gelötet ist an dem goldgehörten Hirsch aus Guß­eisen, dessen linke Flanke in verschnörkelter Schrift einenGruß aus Fichtenberg" vermittelt. O, hättest du meiner nicht gedacht in Fichtenberg! Mir wäre es erspart geblieben, dieses gußeiserne Monstrum in meinem so geschmackvoll sachlichen Arbeitszim­mer, das keinerlei Nippes aufweist, aufzustellen. Und es muß aufgestellt werden, denn du wirbelst so oft ohne Anmeldung in mein Zimmer und wärest erstaunt, den Goldgehörnten dann nicht vor­zufinden. Und vielen Leidensgefährten wird es so gehen wir mir. Sie wünschen gleich mir die Reise­andenken, über die man sich freuen muß, wenn man sie erhält, und die man ein Jahr um sich dulden muß, bis einem eine glückliche Ausrede ein­fällt, daß sie das Opfer eines Einbruchs, einer Feuersglut oder eines Orkanes geworden sind. Reiseandenken für die Daheimgebliebenen, ein er­habener, schöner Gedanke. Aber es gibt kaum eine andere Gelegenheit, wo der Geschmack sich so ver­irrt. Zugegeben, in den kleinen oder größeren Som­merfrischen wird auf Kunst weniger Wert gelegt als in den Städten, aber muß dann die Muschel mit dem strotzenden Segel, in deren rotem Samt­polster sich ein Fingerhut befindet, gekauft werden? Und ich frage mich, ob eine Porzellankuh, die die Dünen von Strandmüde auf der einen und drei Windmühlen aus der anderen Seite zeigt und aus deren Maul die Milch fließt, unserem Frühstückstisch zur Zierde gereicht? Oder gar ein Gnom aus Baumrinde, häßlich angetan mit einer roten Filz­jacke und einem grünen Schurzfell, dessen Buckel schöngespitzte Zahnstocher trägt?

Was gibt es nicht für Sommerfrischengreuel. Ich kenne Leute, die schon am ersten Tage ihres Aufent­haltes in den Ferien die Derkaufsstände mustern und die einzelnen Gegenstände für die Lieben da­heim auswählen. Die Daheimgebliebenen verdienen einen anderen Lohn fürs Daheimbleiben. Nichts wäre mehr, als solcheAufmerksamkeiten". Man kann nicht genug vom Mitbringen bemalter Gips­wandteller mit der Alpenlandschaft oder dem ge­polsterten Pantoffel-Nadelkissen abraten. Das sind geschmacklose Staubfänger, die den Empfänger ärgern, ihm im Wege stehen und die meist nicht zu ihm und seiner Umgebung passen.

Es gibt schon hübsche Reiseandenken, wenn man sich die Mühe macht, die einheimische Industrie ein­zelner Gebirgsgegenden, der Wasserkante oder wo man sich gerade befindet, zu studieren. Wie hübsch sind oft Schnitzereien, die Gebirgsbewohner fertigen und die eine künstlerische Note aufweisen. Oder gar Handwebereien in Leinen, in bunten Stoffen. Und dann gibt es selbstgeklöppelte Spitzen in deutschen Mittelgebirgen, in anderen Gegenden sind es Glas­bläsereien oder Glasschleifereien, die zu erschwing- sichen Preisen die schönsten Reiseandenken Herstel­len. Und wenn man in einem kleinen Fischerdorfs weilt, so soll man keine muschelbeklebten Leucht­türme kaufen, sondern frischgeräucherte Flundern und Aale, die zwar keinen Ewigkeitswert haben, aber den Gaumen erfreuen.

Beim Einkäufen von Reiseandenken soll man in erster Linie die einheimische Volkskunst prüfen, dann an den Geschmack und die Lebensgewohn­heiten des zu Beschenkenden denken und danach seine Auswahl treffen. Es braucht nicht nachviel" auszusehen, aber es soll den Zweck, Freude zu be­reiten, erfüllen.

Vornotizen.

Tageskalender für Montag: NSG. Kraft durch Freude: 18 bis 19.15 Uhr, Schwimmen in der Badeanstalt des Männerbadeoereins; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Das Erbe in Pre­toria". __

Unsere Garnison rückt ab.

In der Nacht zum Mittwoch werden unsere Sol­daten die Garnison verlassen, um auf dem Truppen­übungsplatz Altengrabow ihre Ausbildung fortzu­setzen. Der Transport geht auf dem Bahnwege vor sich.

NGV., Ortsgruppe Gießen-TIorb.

Lebensmittelopferring.

Am Dienstag, 6. August, und Mittwoch, 7. August, findet die Einziehung des Lebensmittelopferringes statt. Die Hausfrauen werden gebeten, d'ie Pfund­pakete bereitzuhalten und den Inhalt auf den Um­hüllungen anzugeben. *

** Berkehrsunfälle. Am gestrigen Sonntag ereigneten sich hier zwei Verkehrsunfälle, bei denen es leider zwei erheblich Verletzte gab. In der Kaiier- allee/Ecke Wolfstraße stießen ein Auto und ein Mo­torrad zusammen, wobei der Motorradler, der 32 Jahre alte Schreiner Ernst Müller aus Wieseck, am linken Bein schwer verletzt wurde. Der Auto­fahrer kam, obwohl sich sein Wagen durch den Zu­sammenprall mehrmals überschlug, wie durch ein Wunder unverletzt davon. Bei dem anderen Unfall wurde die Frau Wilhelmine K e r st e n aus Kassel, die auf dem Motorrad mit ihrem Mann fuhr, von einem Auto von hinten angefahren, wobei sie neben allerlei Prellungen anscheinend auch innere Ver­letzungen davontrug. Das Motorrad wurde schwer beschädigt. Beide Verletzte wurden nach der Chirur­gischen Klinik verbracht.

In den vom Wirtschaftsprüfer Hermann Will zu Gießen herausgegebenenAktuellen Steuer­fragen" (Rundschreiben Nr. 8) lejen wir:

Das Verfahren, betreffend die Ausgabe der Schuldverschreibungen auf Grund des Gesetzes zur Förderung des Wohnungsbaues vom 30. 3. 1935 (RGBl. Nr. I, S. 469) ist inzwischen durch den Runderlaß d. RdF. v. 14. 6. 1935 H 2078 15II, RStBl. 1935, S. 909 näher geregelt worden.

Ein besonderer Antraa ist anders als bei den erörterten Guthabenbescheinigungen (im Rund­schreiben Nr. 5 vom 1. Mai 1935) und früher bei der Erteilung der Steuergutscheine nicht erfor­derlich. Der Anspruch auf Aushändigung der Schuldverschreibungen entsteht von selbst, und zwar in dem Zeitpunkt, in welchem auf dem Anleihe­konto ein Guthaben von je 100 Mark erreicht ist. Die Schuldverschreibungen, die an die Einzah­lungspflichtigen zur Ausgabe gelangen, lauten über Nennwerte von 100, 200, 500 und 1000 Mark.

lieber die Zinsansprüche ist in dem Runderlaß vom 14. 6. 1935 zu III b angeordnet, daß der Zeit­punkt, in welchem auf dem Anleihekonto jeweils volle 100 Mark erreicht sind, für den Zinsenlauf maßgeblich ist, und zwar rückwirkend, indem als­dann Zinsscheine für das in Frage stehende Halb­jahr auszuliefern find. Wer also auf seinem An­leihekonto je 100 Mark in der Zeit vom 1. 4. bis 30. 9. 1935 erreicht, hat mit einer Schuldverschrei­bung über 100 Mark auch die Zinsabschnitte ab 1. 4. 1935 zu beanspruchen. Zugunsten des Einzah­lungspflichtigen ist zur Vermeidung verspäteter Gutschriften besonders angeordnet, daß es auf den Zeitpunkt ankommt, in welchem die Gebäudeent­schuldungssteuer auf der Hebestelle entrichtet wird; alle Zahlungen, die in den Monaten September 1935, März 1936 usw. bei der Hebestelle geleistet werden, sind noch in die Anleihelisten für diese Monate aufzunehmen.

Bei Guthabenbescheinigungen ist für die Verzin­sung der Zeitpunkt entscheidend, in welchem das Kreditinstitut den Umtausch bei der Finanzkasse oder Oberfinanzkasse beantragt.

Soweit ein Hausbesitzer die Gebäudeentschul­dungssteuer gemäß der Notverordnung vom 8. 12.

Die deutlcke Arbeitsfront n.9.=Gemcinf(haftfiraft burch frcubc"

Sonderzug nach Heidelberg am 25. August.

Die NS.-GemeinschaftKraft durch Freude", Kreis Gießen, veranstaltet am Sonntag, 25. August, die letzte Heidelbergfahrt des Jahres 1935. Der Preis beträgt einschließlich Mittagessen 5 RM. Alle KdF.- Warte haben sofort Aushang auf roten KdF.- Anschlagtafeln in den Ortsgruppen und den betrie­ben zu machen. Die Anmeldungen werden bei den KdF.-Warten abgegeben. Meldungen aus den Be­trieben müssen nachweisen, in welchem Bahnort die Teilnehmer einsteigen, damit wir rechtzeitig für rich­tige Anschlüsse sorgen können. Gesamtteilnehmerzahl 800 Personen also möglichst umgehend anmelden. Mit der Anmeldung ist sofort der Betrag einzu­zahlen; andere Anmeldungen sind ungültig.

Ein großer Abend in der Volkshalle

Die Preise sind: 40, 60, 80 Pf. und 1, Mk.

Man wird für dieses Geld einen Abend erleben, der hinter den beiden Abenden des Schumann- Theaters und des Kabaretts der Komiker bestimmt nicht zurückbleiben wird. Ein Abend des gemein­schaftlichen Besuches für ganze Betriebe. Eine gute Lautsprecheranlage und Helle Bühnenbeleuchtung werden dafür sorgen, daß man auch am letzten Platz für das wenige Geld einen wirklich fröhlichen Abend verleben kann.

Willi Reichert, der vom Rundfunk her be- kannte große Humorist aus Stuttgart, der Mann, dessen unbeschreibliches Lachen alles mit in Bann Aietjt und alle zu befreiendem Lachen erlöst die­sen Mann müssen Sie gesehen haben.

1931 (RGBl. I, S. 706) bereits durch Zahlung eines einmaligen Betrages abgelöst hat, hat er keinen Anspruch auf Anleihestücke. Dies ist auch nicht etwa unbillig, da in der vorerwähnten Notver­ordnung bereits die Senkung der Gebäudeentschul­dungssteuer ab 1. 4. 1935 um 25 v. H. vorgesehen war und die Zuteilung der Anleihestücke dieser Sen­kung entspricht.

Die Weiterveräußerungen der Schuldverschrei­bungen seitens des Empfangsberechtigten ist gemäß § 17 KapDerkStG. der Börsenumsatzsteuer unter­worfen. Auch ist, sofern der Hausbesitz zum Be­triebsvermögen gehört, und deshalb die zutzeteilten Schuldverschreibungen ebenfalls dem Betriebsver­mögen zuzurechnen find, bei einer Weiterveräuße­rung der Schuldverschreibungen der etwa erzielte Gewinn einkommensteuerpflichtig, während ein sol­cher Veräußerungsgewinn, soweit die Anleihestücke zu dem Privatvermögen gehören, nicht der Einkom­mensteuer unterliegt, selbst wenn die Veräußerung bereits innerhalb eines Jahres seit dem Erwerb erfolgt (§ 23 Abs. 2 Ziff. 1 EinkStG. 1934).

Kurs der hauszinssteuer-Anleihe.

Demnächst erhalten die Hauseigentümer erst­malig für die 25prozentige Hauszinssteuersenkung, und zwar für die Monate April und Mai, die auf sie entfallenden Stücke der Gemeinde-Umschuldungs- anleihe oder anstatt dessen entsprechende Guthaben­bescheinigungen. Die vierprozentige Gemeinde-Um- schuldungsanleihe ist am 27. Mai d. I. erstmalig an der Berliner Börse halbamtlich notiert worden, und zwar belief sich der Geldkurs der Anleihe auf 89 Prozent. Die Kursfeststellung der Gemeinde-Um- schuldungsanleihe wird auch in Zukunft täglich auf dem Berliner unnotierten Markt stattfinden. Auf den einzelnen Börsen im Reich wird dagegen eine gesonderte Notierung nicht erfolgen.

Die Guthabenbescheinigungen, die an Stelle der Anleihestücke bei kleineren Beträgen ausgegeben werden, sind ebenfalls verwertbar. Wie mitgeteilt wird, haben die Kreditinstitute sich ausdrücklich bereit erklärt, die Guthabenbescheinigungen für Anleihe­beträge unter 100 RM. zu einem 0,5 v. H. unter dem Geldkurs liegenden Preis zu erwerben. Beim Erwerb findet eine Stückzinsenberechnung nicht statt.

Großfeuer in Geiß-Nidda.

CO Nidda, 5. Aug. (Drahlberichi des Gieße- ner Anzeigers.) 3n der letzten Nacht wurde unser Nachbarort G e i h - N i d d a von einem furcht­baren Grohfeuer heimgesucht. Dem ver­heerenden Brand, dessen Ausbreitung durch star­ken Nordwind und durch erheblichen Wassermangel begünstigt wurde, sind zwei Wohnhäuser und fünf mit ungedro­schener Frucht voNgesüllte Scheunen vollständig zum Opfer gefallen. Zwei weitere Wohnhäuser wurden durch die Flammen erheblich beschädigt, konnten aber schließlich gerettet werden. Milverbrannl sind die Kleinviehbestände, während das übrige Vieh zum Glück rechtzeitig gerettet werden konnte. Ferner sind dem wütenden Element landwirt­schaftliche Maschinen zum Opfer gefal­len. Welter bedrohte Nachbargebäude konnten ge­rettet werden. Die Ortsfeuerwehr und die Feuer­wehren aus zahlreichen anderen Orten waren sehr eifrig tätig, sie konnten aber ihre Kraft nicht voll entfalten, da der starke Wassermangel ein unüber­windliches Hindernis bot, die niedergebrannten Ge­bäude auch einen völlig zusammenhängen­den Vaublock bildeten. Die Ursache des gewal­tigen Feuers ist noch unbekannt. Der Brand- s ch a d e n ist g r o ß , da die Geschädigten nur z u m Teil versichert sind. Besonders bedauerlich ist es, daß von dem schweren Unglück nur kleine und mittlere Bauersleute betroffen wur­den. Die Brandgefchädigten find die Einwohner Gustav Beltz, Johann Groh, Gustav Schmie­del, Emil Scherer, Hermann Spieß und Jo­hann D 8 l l. Die Ortseinwohner zeichneten sich durch eifrige Hilfeleistung bei den Rettungsarbeiten aus.

Feuer in Ahback.

> Atzbach (Kreis Wetzlar), 5. August. In dem Grundstück des Einwohners Friedrich Velte, Haus Nummer 96, brach in der letzten Nacht in der mit Frucht (fast die ganze Ernte) v o l l g e - füllten Scheune Feuer aus, dem die Scheune mit ihrem gesamten Ernte­inhalt und mit landwirt sch östlichen Maschinen zum Opfer fiel. Mitverbrannt sind auch die Hühner, dagegen konnte das übrige Vieh gerettet werden. Das Wohnhaus und ein be­nachbartes weiteres Wohnhaus waren stark ge­fährdet, konnten aber durch eifrige Arbeit der Orts­feuerwehr und der Wehren aus den Nachbarorten gehalten werden. Der Brandschaden ist durch Ver­sicherung gedeckt. Die Ursache des Feuers ist noch unbekannt.

Rundfunkprogramm.

Mittwoch, 7. August.

6 Uhr: Choral, Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. In der Pause 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Frühkonzert. 10.45: Praktische Ratschläge für Küche und Haus. 11.30: Sozialdienst. 1. Aus Fürsorge und Sozialpolitik. 2. Offene Stellen. 11.45: Bauernfunk. 12: Mittagskonzert. 13: Nachrichten. Anschließend: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert II. 14: Nach­richten. 14.15: Wirtschaftsbericht. 16: Kleines Kon­zert. 16.30: Der Zeitfunk fährt über Land. 17: Nachmittagskonzert. 18.30: Das Leben spricht. 18.45: Saardienst. 19: Unterhaltungskonzert. 19.40: Bau­ernfunk. 19.50: Der Tagesspiegel des Reichssenders Frankfurt. 20: Nachrichten. 20.15: Stunde der jungen Nation. Heilig ist das Blut. 20.45: Fern­gesteuertes Funkbrettl. 22: Reichswettkampf der SA. Hörbericht 3. Gruppe Kurpfalz. 22.10: Nach­richten. 22.15: Nachrichten aus dem Sendebezirk und Sportbericht. 22.20: Deutsche Fechtmeister­schaften. 22.30: Tanz- und Unterhaltungsmusik. 24 bis 2 Nachtmusik.

Andersen.

3um 60. Todestage des dänischen Marchendichters.

Von Walter Schwerdtseger.

Betrachtet man den Lebenslauf dieses Jungen, den das Schicksal für das Gefängnis oder das Spit- tel bestimmt zu haben schien und dem eine gute Fee die Galoschen des Glücks gab, man ist versucht, die Schilderung mit dem unsterblichen Anfang aller Märchen zu beginnen: Es war einmal ...

Als seine Mutter im siebenten Monat schwanger ging, heiratete sie den Flickschuster Andersen. Sie eine Dienstmagd, triebhaft und robust, aus einem Bauerngeschlecht der Insel Fünen. Er, fünf­zehn Jahre jünger, klein, schwächlich, zerfahren, da- bei außergewöhnlich belesen, der Sohn eines geistes­schwachen Häuslers, der, in bizarre Lumpen geklei­det, phantastische Holzfigürchen mit Tierköpfen, die er selber schnitzt und bemalt, in der Stadt feilbtetet. Dies waren die Eltern. Und ihr Erbe, das 6rbe einer psychopathischen Familie, hat das Leben des Hans Christian Andersen veraiftet, ihn in ständiger Furcht vor dem Wahnsinn gehalten, dessen Keim er in seinem Blute spürte.

In einer Bodenstube, die zugleich als Werkstatt diente und außer einem Bett und der Schlafbank für den Knaben kaum mehr als eine Truhe und ein Wandbrett mit Büchern und Noten enthielt, verbrachte er feine Kindheit. Der Johannisbeer­strauch in dem engen Hof, Petersilie und Schnitt­lauch, die in einem Holzkasten an der Dachrinne wachsen, das ist sein Garten. 1812 verdingte sich der Vater als Soldat; in jener Zeit ein Akt der Ver­zweiflung. Als er starb, heiratete die Mutter zum zweiten Mal, einen trägen Kerl Ende der Zwanzig. Nach'wie vor mußte sie für die wohlhabenden Fa­milien der Stadt waschen. Wenn sie mit den andern Weibern in dem seichten Wasser der Odense Aa stand und mit dem schweren Schlägel die Buchenasche aus den Linnen klopfte lag der Knabe am Ufer und träumte: Am andern Ende der Erde, gerat) unter dem Bach ist das Kaiserreich China das weiß er von den Spinnweibern aus dem Armenhause der Großmutter und einmal, in einer Vollmondnacht, wird ein chinesischer Prinz, der ihn hat singen hören, aus dem Flusse steigen und ihm Glanz und Reich­tum verleihen. Und er wird sich in Odense ein Schloß bauen größer noch als das des Buchdruckers Joersen, dessen Park man am andern Ufer sieht.

Ganze Abende lang saß er und entwarf Zeichnun- gen seines künftigen Palastes. Morgens ging er wieder in die Armenschule.

Die Knaben hänselten ihn:Komödienschreiber!" denn seine Gedanken kreisten immer um das Thea­ter. Aus dem Personenverzeichnis der Zettel, die er für eine deutsche Truppe austragen half, fabu­lierte er sich ganze Dramen zusammen. Und als er, nach kurzer Beschäftigung als Färberlehrling und als Arbeiter in einer Tuchfabrik, eingesegnet wurde, erklärte er, nach Kopenhagen an das Staatstheater gehen zu wollen, um berühmt zu werden. Eine alte Kartenlegerin weissagte der Mutter, ihr Sohn werde einst ein großer Mann werden und die Stadt Odense ihm zu Ehren illuminieren. Fast ein halbes Jahrhundert verging, ehe sich die Prophezeiung des alten Weibes erfüllte, und die Stadt Odense dem Staats- und Konferenzrat Andersen anläßlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechtes einen Fackel­zug darbrachte. Die Mutter war längst, halbblind, gelähmt und immer im Branntweinrausch, im elen­den Altersheim der Stadt gestorben und auf dem Armenfriedhof verscharrt.

Kopenhagen! Mit wieviel Hoffnung, wieviel banger Erwartung hat er als Vierzehnjähriger die Residenzstadt betreten: hoch aufgeschossen, im hecht- grauen Rock, dessen Aermel die mageren Hand­gelenke sehen lassen, schrägen Augen, großer Nase und dem langen Hals im festgeknüpften Kattun­tuch. In feinem Zimmer in der üblen Holmensgade übt er Ballettschritte, Triller und Mordente, die ihm der italienische Gesanglehrer einstudiert, schreibt er Gedichte und Tragödien. Abends steht er ge­drängt in denHökerlogen" des Theaters. Manch­mal nimmt man ihn als Figuranten in den Chor, als Hirten ober als Krieger. Ein Mitglied der Theaterleitung, der Finanzdeputierte Collin, wird schließlich auf ihn aufmerksam und verschafft ihm ein Stipendium für die Lateinschule. Er ist einBücherschlucker", liest Lessing Goethe, Tieck, Jean Paul. E. T. A. Hoffmann, veröffentlicht ein BändchenJugendversuche".

Dann beginnt die Zeit seiner Reisen, die ihn durch ganz Europa führen, bis nach England, nach Gi­braltar, an den Bosporus. Die romantische Schilde­rung einer Wanderung nach der Sundinsel Amak bringt ihm den ersten Ruhm. Es folgen dieSchal- tenbilber von einer Reise nach bem Harz". Cha- misso übersetzt Gebichte von ihm, barunterDer Solbat" (Es geht bei gedämpfter Trommel Klang), das durch die Vertonung Friedrich Silchers zu einem unserer volkstümlichsten Lieber geworben ist.

Sein erster Roman,Der Improvisator", macht ihn berühmt; halb barauf erscheinenO. T." unbNur ein Geiger", im Grunbe alles bunte Verkleibungen eines Ich. Don Deutschland aus, wo er zuerst An­erkennung finbet, erobert er sich allmählich bie Welt: zuletzt fein Vaterland, besten führenbe Literatur­zeitschrift von demImprovisator" überhaupt keine Notiz genommen hat.

In feinem hübschen Biedermeierzimmer am Bo­tanischen Garten in Kopenhagen schreibt er bie ersten Märchen: vom Feuerzeug, bas maliziöse, von ber Prinzessin auf der Erbse und Klein Idas Blumen. Schon damals urteilte ein Freund:Der Improvisator macht Dich berühmt, die Märchen werden Dich unsterblich machen." Bald vergeht keine Buchsaisvn ohne ein Heft dieser Märchen und Ge- schichten mit ihrer Unschuld der Empfindungen, der ganz germanischen Tiefe des Gefühls und der klaren Schlichtheit ihrer Sprache. Bis nach Indien und Japan bringen sie. Jbealifiert tauchen bie Ereig­nisse unb Gestalten seines Lebens in vielen Mär­chen Andersens auf: in berGeschichte von einer Mutter", imKleinen Mäbchen mit ben Schwefel- hölzern"; bie zarte Luise Collin ist das Däume- linchen, bie große Sängerin Jenny Linb bie Nachtigall, er selbst ber Schweinehirt. Am klarsten spiegelt sich sein eigenes Leben in bem Schicksal bes Häßlichen jungen Entleins".Er bachte baran, wie er verfolgt unb verhöhnt worben war, unb hörte nun alle sagen, baß er ber schönste aller schönen Vögel sei; selbst ber Flieder bog sich mit den Zweigen gerade zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien warm und mild." Ist es nicht die Quintessenz, die harmonische Auflösung des Märchens seines Lebens?

Wie ein Löwenbaby reist.

Dor kurzem ist ein kleiner Lowe in ben ßonboner Zoo gebracht worben, besten bisherige Lebens­geschichte bes Erzählens wert ist. Shing so heißt der junge König der Tiere wurde Ende März dieses Jahres im Zoologischen Garten ber inbischen Stabt Dschamnagar geboren unb alles beutete bar» auf hin, baß er seine Tage in diesem Tierpark be­schließen werde. Da griff der Brief eines kleinen englischen Jungen in sein Schicksal ein. Dieser schrieb nämlich an feine Mutter, die als Gast bei bem Maharadscha Dscham Sahib weilte, sie müsse ihm unbedingt einen Löwen ober einen Tiger aus Indien mitbringen. Als die Dame diese Bitte lachend an der Hoftafel erwähnte, nahm der

Maharabscha die Sache sehr ernst unb ließ sofort das einzige männliche Löwenbaby, das sich gerade in seinem Tierpark befand, als Geschenk für den kleinen Jungen auswählen. Die Mama mußte wohl oder übel den Transport übernehmen. Singh war damals noch nicht vierzehn Tage alt, ein Bündel aus rauhem Fell von der Größe einer Katze. Um für die Reife vorbereitet zu werden, mußte er erst entwöhnt werden »und wurde daher jeden Tag einige Stunden von seiner Mutter entfernt, bis er in menschlicher Umgebung heimisch war. Ein starker Holzkäfig, der gegen das Licht abgeschlossen werden konnte, wurde angefertigt, denn Singh liebte die Dunkelheit. Als man ihn schließlich für immer von feiner Mutter trennte, konnte er noch nicht allein trinken, sondern ihm mußte alle zwei Stunden Milch eingeflößt werden. Er nahm aber recht gut zu, überstand glücklich die Landreise bis Bombay und wurde bann in seinem Käsig auf ben Dampfer aebracht. Als er groß genug war, um zu gehen, führte man ihn täglich an Halsbanb unb Kette auf dem Deck spazieren. Das gehörte zu ben großen Ereignissen für die Passagiere während der See­reise. Er spielte mit jedem, der sich ihm widmete, unb lernte bald, seine schon ziemlich langen Kral­len so einzuziehen, daß sie seinen Spielkameraden nicht gefährlich würben. Bei einer Ernährung, bie aus Kinbermehl unb rohen Eiern bestaub, gedieh er vortrefflich; er wurde wie ein Schoßhündchen gebadet und gebürstet und erhielt dadurch ein glat­tes, glänzendes Fell und zeigte auch niemals den unangenehmen Raubttergeruch. Die italienische unb französische Regierung gewährten bem Gast beim Überschreiten ihrer Grenzen jebe Erleichterung, aber in Englanb hatten bie Behörden ihre Be­denken, und erst als die Direktion des Zoologischen Gartens sich verpflichtet hatte, ihn aufzunehmen, wenn es sich als notwendig erweisen würde, durfte Singh im Auto nach seinem neuen Heim gebracht werden. Ein Inspektor des Ackerbau-Ministeriums begutachtete die Unterbringung und erklärte, daß ein großer Speicher unb bie bichten Rosenhecken des anschließenben Gartens genügenb Sicherheit für seine Unterbringung gewährten. Hier lebte Singh ein paar Monate in bester Freundschaft mit allen Hausgenossen und zeigte niemals schlechte Laune ober irgendwelche gefährliche Angriffslust. Aber bann kam die Zeit, wo er so groß geworben mar, baß man ihn nicht mehr als Haustier hegen unb pflegen konnte und ihm im Zoo eine neue Wohnstätte angewiesen werden mußte.