Ausgabe 
5.7.1935
 
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wird. Eier bleiben jedoch auch bei der schlechtesten Behandlung äußerlich unverändert. Noch schlimmer ist es, wenn man die genauestens auf Frische sor­tierten und auf schnellstem Wege in die Stadt ge­brachten Eier in offenen Kisten in praller Sonne wie Kartoffeln vor dem Laden stehen sieht. Viel­fach liegen sie im Schaufenster, der Wärme und Sonne ausgesetzt. Aus dem Aufbau des Schau­fensters kann man ersehen, daß die Eier nur in Abständen von mehreren Wochen ausgewechselt werden, wenn das Schaufenster neu eingeräumt wird. Die Hausfrau, die Wert auf frische Eier legt, wird daher gerade jetzt im Hochsommer nur in solchen Geschäften kaufen, in denen die Eier pfleg­lich behandelt und kühl aufbewahrt werden.

Große Strafkammer Gießen.

Vor der Kammer hatte sich gestern der im Jahre 1902 au Kassel geborene E. R. und die 1902 zu Frankfurt a. M. geborene A. Kl. wegen B e - trugs und Unterschlagung zu verantwor­ten. R., der nicht weniger als 21mal, darunter mehrfach wegen Betrugs vorbestraft ist, befand sich in Preungesheim zur Strafverbüßung. Während eines ihm gewährten Urlaubs lernte er die Kl. kennen, beide verlobten sich und R. faßte den Ent­schluß, nicht wieder in die Strafhaft zurückzukehren. R., der als Orthopäde tätig war, reiste nun mit seiner Braut umher, fertigte Schuheinlagen an und hielt für Fußkranke Sprechstunden ab. Inzwischen kam er nach Friedberg und fand in einer Schuhein­lagenfabrik Stellung. Beide Angeklagten wohnten iedoch in Nauheim. Ende November 1933 entschloß er sich, sich selbständig zu machen. Zu diesem Zweck ging er seinen Wirt wegen eines höheren Dar­lehens an, verschwieg ihm jedoch, daß ein Steck­brief wegen seiner Flucht aus der Strafhaft gegen ihn läuft. Der Zeuge, der in das neugegründete GeschäftDiktator Fußpflege" als Teilhaber aus­genommen werden sollte, erklärte sich auch zu wie­

derholter Hingabe von Darlehen bereit. Auf die­selbe Weise brachten es die Angeklagten fertig, sich einen größeren Geldbetrag von einem Gutsver­walter zu erschwindeln. Zur Einrichtung des Ge­schäfts kauften sie außerdem einen Schreibtisch, eine Schreibmaschine, Bretter und Stäbe, Wäsche, Ge­lenkstützen, ließen Flugblätter anfertigen, indem sie tetlroei|e nichts ober nur einen geringen Betrag anzahlten. Als ihnen in Bad-Nauheim der Boden zu heiß wurde, flohen sie, ohne ihre Schulden zu begleichen unter Mitnahme verschiedener Gegen­stände nach Hamburg. Von dort begaben sich die Angeklagten wieder nach Mitteldeutschland, schädig­ten in Kirchheim (Teck), Hof (Saale), Dresden, Er­furt und Pforzheim eine ganze Anzahl Firmen auf ähnliche Weise. In einem Fall wurde R. als Rei­sender angestellt, ließ sich von der Firma eine Netz­karte beschaffen und benutzte diese jedoch nie zu ge­schäftlichen Zwecken. In zwei weiteren Fällen ver­setzten die Angeklagten die ihnen zur Verfügung gestellten Musterkoffer oder verkauften dieselben. In der gestrigen Hauptverhandlung bestritten die Angeklagten im wesentlichen, sich strafbar gemacht zu haben, konnten jedoch durch die ausgedehnte Beweisaufnahme überführt werden.

Nach einstündiger Beratung verurteilte das Ge­richt den Angeklagten R. wegen Betrugs im Rück­fall zu einer Zuchthausstrafe von 3 Jah­ren und einem Monat, 600 RM. Geldstrafe und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren. Der Antrag der Staats­anwaltschaft auf Anordnung der Sicherungsver­wahrung wurde abgelehnt. Die Angeklagte Kl. kam in Anbetracht ihrer Unbestraftheit und Jugend mit 6 Monaten Gefängnis davon unter Anrechnung dreier Monate erlittener Untersuchungs­haft. Der Haftbefehl gegen sie wurde aufgehoben. Dem Angeklagten R. wollte das Gericht noch ein­mal Gelegenheit geben, auf andere Bahnen zu kommen und sah deshalb von Sicherungsverwah­rung ab.

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

£ Wies eck, ö. Juli. Der Gesangverein Sängervereinigung 1925 Wieseck feiert am Samstag, 6., und Sonntag, 7. Juli, das Fest seines 10jährigen Bestehens. In der Sängervereini­gung fanden sich vor zehn Jahren Sänger aus den GesangvereinenConcordia",Jugendgrund" und Eintracht" zusammen in dem Bestreben, dem Ge­sang besser zu dienen.

<5 Allendors a. d. Lumda, 4. Juli. Gestern kam das Heugras von den hiesigen städti­schen Wiesen zur Versteigerung. Es kamen etwa 25 bis 30 Morgen zum Ausgebot. Trotz des überraus reichen Bestandes der Wiesen waren die Preise verhältnismäßig gering. Der Morgen kostete durchschnittlich 25 Mark. Einem lang­gehegten Wunsche der hiesigen Einwohnerschaft ist unsere Stadtverwaltung nunmehr dadurch nachge­kommen, daß sie einen Leichenwagen angeschafft hat. Ein beträchtlicher Teil der Anschaffungskosten wurde durch freiwillige Spenden aufgebracht.

cZ A l l e n d o r f (Lumda), 4. Juli. Heute vor­mittag ereignete sich in unserer Gemarkung ein schwerer Verkehrsunfall. Der jüdische Händler Oppenheimer (Gießen) benutzte auf der Fahrt mit seinem Auto nach Allendorf wahr­scheinlich infolge des Erweiterungsbaues der Pro­vinzialstraße zwischen Treis und Allendorf einen Feldweg. Als er hinter der Kleinmühle, einer un­übersichtlichen Stelle, einen Bahnübergang über­queren wollte, wurde der Wagen von dem kurz vor 9 Uhr von Bahnhof Allendorf abfahrenden Personenzug erfaßt, zur Seite geschleudert und fast zertrümmert. Durch den starken Anprall war die eine Wagentür auf und Oppenheimer aus dem

Wagen herausgeflogen. Dadurch kam er mit einer Anzahl äußerer Verletzungen noch verhältnismäßig glimpflich davon. Ein Knabe von etwa 10 Jahren, der mit im Wagen faß, und unter dem Auto her­ausgezogen werden mußte, erlitt einen Schlüssel­beinbruch. Das Zugpersonal nahm sich der beiden Verletzten an und brachte sie mit dem Zuge nach Gießen zurück. Das Auto ging später in Flam­men auf.

Odenhausen a. d. Lumda, 5. Juli. Dieser Tage wurden hier die Kriegsehrenkreuze für die Frontkämpfer und Kriegsteilnehmer durch Bürger­meister und Stützpunktleiter Konrad zur Vertei­lung gebracht. Zu diesem Zweck versammelten sich die alten Soldaten in der WirtschaftBelling". Bürgermeister Konrad hielt eine kurze Ansprache und betonte, daß die Ehrenkreuze Sinnbilder großer unübertroffener Taten und neuen Glaubens seien. Ein jeder, der das Kreuz trage, soll sich bewußt sein, welchen unvergänglichen Wert es darstelle. Kom­menden Zeiten sei es ein Mahnmal zu Opfermut und soldatischer Größe. Ortsgruppenleiter Seipp gedachte in kurzen Worten der großen Taten und Erfolgen der alten Soldaten im großen Weltkriege, vom Niederbruch des ehemaligen großen soldatischen Deutschlands im Jahre 1918, dann endlich von der Läuterung des deutschen Menschen und seinem Auf­stieg durch unseren von Gott gesandten Führer Adolf Hitler. Kriegerkameradschaftsleiter Weber sprach seine besondere Freude über die Ehrung aus. Mit dem Gesang der ersten Strophen des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes und einemSieg-Heil!" auf Führer und Vaterland klang die Feier aus. Es kamen 26 Kreuze für Frontkämp­fer und 7 Kreuze für Kriegsteilnehmer zur Ausgabe.

rich Lehrmund, Schlosser, 66 Jahre, Kaiserallee 52; 21. Dr. Alexander Büchner, prakt. Arzt, 67 Jahre, Frankfurter Straße 12; Theresia Kobel, geb. Schä­fer, 56 Jahre, Liebigstraße 9; 25. Christine Wißner, fieb. Bambey, 46 Jahre, Plockstraße 5; 26. Ludwig Schwalm, Ausläufer, 66 Jahre, Steinstraße 31; 28. Albert Wiskow, Invalide, 80 Jahre, Land- «ttaße 7; 29. Karl Meixner, Zuschneider, re, Marktplatz 6.

** Unfall bei der Arbeit. Die hiesige 20jährige Hausangestellte Sophie G ö r n e r t, Wil- yelmstraße 5, zog sich bei der Arbeit schwere Schnitt­wunden am linken Unterarm zu und mußte in die Klinik gebracht werden.

** Sperrung der Bootshaus st raße. Anläßlich der 30. Ruderregatta der Gießener Ruder­gesellschaft 1877 e. D. am 6. und 7. Juli 1935 wird die Bootshausstraße zwischen Bootshaus und der Unterführung an der Ederstraße für den Durch­gangsverkehr in der Zeit von 14 bis 19 Uhr ge­sperrt.

** Wegen Rohrverlegungsarbeiten gesperrt. Wegen Vornahme von Rohrver- legungsarbeiten wird, wie die hessische Polizeidirek­tion Gießen mitteilt, der Erdkauterweg zwischen dem Umspannwerk und den Gailschen Tonwerken auf die Dauer von 14 Tagen für den gesamten Fahrzeugverkehr polizeilich gesperrt. Die aufgestell­ten Sperr- und Umleitungsschilder sind zu beachten.

** Die Begleichung der Fernsprech­rechnungen. Abwesenheit (Reise usw.) befreit, wie die Reichspost mitteilt, . Fernsprechteilnehmer nicht von der rechtzeitigen Zahlung der Fernsprech­gebühren. Es wird empfohlen, entweder einen An­gehörigen, Angestellten usw. mit der Bezahlung der Fernsprechrechnung zu beauftragen oder bei dem rechnungsführenden Amt oder beim Zustellpostamt die Nachsendung schriftlich zu beantragen oder auf das Postscheckkonto für Fernsprechgebühren des zu­ständigen Amtes (unter Angabe der Vermittlungs­stelle und der Rufnummer des Anschlusses für den die Zahlung bestimmt ist), einen ausreichenden Be­trag einzuzahlen. Nach dem Ausland werden Fern- fprechrechnungen nicht nachgesandt.

** Luft- und Seepostbeförderung nach und von Amerika. Zur Beschleunigung des Postverkehrs mit Amerika (Neuyork) finden in der nächsten Zett folgende Flüge statt: Reichs- p o st f l ü g e von Köln nach Cherbourg, die den DampfernBremen" undEuropa" Spätlingspost für Amerika nachbringen, am 10. Juli, 20. Juli und 27. Juli; ferner Vorausflüge (Schleuderflüge) von den beiden Dampfern nach Neuyork am 14./15. Juli, 24./25. Juli und 31. Juli/1. August, in Richtuna nach Southampton am 21. Juli, 31. Juli und 7. August. Mit den Nachbringe- und Voraus­flügen werden gewöhnliche und eingeschriebene Briefsendungen und kleinere Pakete befördert. Alle Sendungen erhalten einen Sonderstempel. Bei Be­nutzung der Flüge wird gegenüber der gewöhnlichen Beförderung nach Amerika ein Zeitgewinn bis zu vier Tagen erzielt. Die Luftpostzuschläge betragen, je nachdem die Beförderung auf einem Nachbringe­flug, einem Vorausflug ober auf beiden Flügen gewünscht wird, nur 15, 25 und 40 Pfennig für je 20 Gramm Briefsendungen. Nähere Auskunft er­teilen die Postanstalten.

** Eier im Hochsommer. Durch eine sehr umfangreiche Kontrolle, Strafgebühren und Prä­mien sowie durch die Mitarbeit aller beteiligten Kreise ist erreicht worden, daß mit dem Deutsch- stempel versehene Handelsklasseneier heute durch­weg von ausgezeichneter Beschaffenheit sind. Es muß jedoch gerade jetzt in der heißen Jahreszeit darauf hingewiesen werden, daß Eier mit dem Deutschstempel selbstverständlich auch nachträglich verderben können, wenn sie unsachgemäß behandelt werden. Sehr viele Ladengeschäfte bewahren die Eier auch bei hohen Außentemperaturen im war­men Verkaufsraum auf. Das Gleiche würde man mit Milch oder Butter nie tun, weil hier die Qua­litätsverschlechterung schon äußerlich erkennbar Mmm verkennst dumich, Barbara?

Vornan von Liane Sanden.

Urheberrechtschutz: Funf-Türme-Verlag, Halle (S.)

27 Fortsetzung Nachdruck verboten!

Bald erschien Schwester Mechthildis. Mit ihrer fünften Stimme sagte sie:

Ich bebaute unenblid), Herr Graf, daß ich Sie nicht zu der gnädigen Frau lassen darf! Herr Doktor hat tzs eben streng abgelehnt. Die gnädige Frau hat soeben Besuch gehabt und muß sich jetzt ausruhen. Wenn Herr Graf ein andermal wieder­kommen wollen!"

Ein Gedanke durchzuckte Joses Bannoschs ®e= Hirn:

Ach, das ist schade!" meinte er liebenswürdig. Da ist mir wohl Herr von Mackenroth zuvorge­kommen?"

Ganz recht, Herr Graf! Und mehr als einen Besuch am Nachmittag dürfen wir unserer Patien­tin noch nicht zumuten!"

Mit freundlichen Worten und besten Wünschen für Barbara empfahl sich Graf Bannosch. Aber in seinem Herzen kochte es vor Wut. Das war zuviel. Versuchte es dieser Mackenroth immer noch? Nun, er würde Barbara schon die Augen öffnen! Das ging ja nun doch nicht, daß Macken- roti) mit diesem blonden Gänschen eine Liebelei hatte und sich gleichzeitig um Barbara bewarb. Der Mann schien größenwahnsinnig zu fein, sonst würde er wissen, daß in bezug auf Barbara nichts für ihn zu hoffen sein konnte.

Bitte, ich möchte gern einmal zu Herrn Ober­inspektor Rockesch 'rübertelephonieren!" sagte Jo­sef Bannosch zu Franz, der ehrerbietig an der Treppe auf ihn wartete.

Bitte, hier Eure Gräfliche Gnaden!" sagte der beflissen und öffnete die Tür zum Herrenzimmer.

Hier Graf Bannosch!" hörte Franz den jungen Grasen sprechen.Ach bitte, Herr Oberinspektor, ich hätte gern etwas wegen der neuen Kleesaaten mit Ihnen beredet. Hätten Sie wohl Zeit, mir entgegenzukommen? Ich fahre eben von Schloß Schedlowitz fort und will einen Augenblick bei Ihnen vor dem Gutshof halten!"

Er hing an und ging. Am Tor des Gutshofes stand bereits Rockesch, als Graf Josef Bannosch vom Schloß her vorgefahren kam.

Hören Sie, Rockesch", sagte Bannosch nach kur­zer Begrüßung,die Geschichte mit der Kleesaat war nur ein Vorwand. Ich wollte Sie bitten, aufzupassen. Dieser Inspektor Mackenroth scheint .sich tatsächlich an die Gutsherrin hier heranpirschen zu wollen. Seien Sie vorsichtig! Wenn unsere Pläne mißlingen, ist es auch mit Ihrer Stellung als Generaldirektor auf den Schedlowitzschen Gü­tern aus!"

Rockeschs blasses Gesicht blieb unbewegt: Mein Plan mißlingt nicht, Herr Graf!"

31. Kapitel.

Magdalena saß inzwischen in ihrem hübschen Gastzimmer, das Barbara ihr zur Verfügung ge­stellt hatte. Es war ein großer, lichter Raum mit bunt bezogenen Möbeln und einem wunder­baren Blick auf den Park, der jetzt schon in den ersten lila Schatten des Abends träumte.

Vor fidj hatte Magdalena einen Brief von zu Hause, den sie soeben auf ihrem Zimmer vorge­funden hatte und den die Mutter geschrieben:

Wir alle haben sehr große Sehnsucht nach Dir, mein Kind! Aber wir sehen ein, daß Du Deine kranke Freundin jetzt nicht verlassen kannst. Trotzdem fehlst Du uns sehr. Und ich glaube: noch einem fehlst Du sehr, unserem jungen Vikar. Er fragt, ob er während seines Urlaubs, den er im Glatzer Gebirge verbringen will, einmal einen kurzen Tagesbesuch auf Schloß Schedlowitz machen dürfte. Frage, bitte, Bar­bara, ob sie es erlaubt. Ich glaube, dem guten Jungen liegt sehr viel daran. Er ist in der Zeit Deiner langen Abwesenheit ordentlich schmal und blaß geworden."

Verträumt lächelnd, sah Magdalena vor sich hin.

Günter Baumert sie sah ihn vor sich, das schmale, seine Gesicht, das etwas Schwärmerisches hatte, die scheuen Augen, die so glücklich aufleuch­ten konnten, wenn sie die ihren trafen. Gott fei Dank, daß sie mit Mackenroth in warmer und herz­licher Freundschaft verbunden war. Einmal an jenem ersten Festabend hatte ihr Herz heiß und bang geschlagen bei Mackenroths Anblick. Er war ein Mann, der Frauen gefährlich werden konnte. Aber ein Mann wie er mußte auch eine andere Frau haben. Zu Mackenroth paßte Barbara, die geliebte Freundin mit ihrer großen starken Seele, die jetzt durch alle Schlacken hindurchgebrochen war. Für sie selbst würde Günter der richtige Lebensge­fährte fein. Sowie Barbara gesund war, wollte sie um die Erlaubnis bitten, daß Günter einmal kom­men dürfte. Barbara sollte ihn selbst sehen und ihr sagen, wie sie über Günter dächte.

Es war ihr, als müßte die geliebte Freundin den Mann kennen, an den sie jetzt mit warmer Innig­keit dachte. Ihre Feder flog über das Papier, als sie der Mutter und dem Vater jetzt von allem be­richtete, was sich inzwischen auf Schloß Schedlowitz zugetragen hatte. Zum Schluß schrieb sie:

Sag, bitte, Günter Baumert, daß cs schön sein wird, wenn er einen Tag seiner Reise uns hier schenkt. Barbara soll nur erst außer Bett sein. Dann soll er kommen."

*

Eckehard vermochte an diesem Abend nicht allein zu sein. Die Sehnsucht nach Barbara, das heiße Glücksgefühl in ihm und doch wieder der Zwei- fel, ob er Barbaras Blick nicht falsch gedeutet hätte alles lag wie eine heiße, schwere Last auf feiner Seele. Er mußte unter Menschen sein. Er

mußte den Abend hinbringen, um sich nicht wie­der in dasselbe Grübeln zu verlieren.

Zu tun war nichts. Es war nun dunkel. Der Gutshvf war versorgt. So rief er durch das Haus­telephon den Oberinspektor Rockesch an und sagte ihm, daß er noch in die Kreisstadt fahre.

Fahren Sie nur", gab Rockesch zur Antwort, wir haben ja heute nichts mehr zu schaffen!"

In dem LokalZum König von Prag" saßen am Stammtisch die Honoratioren der Kreisstadt. Unter ihnen der Polizeidirektor und der Tierarzt. Das Tarockspiel war schon in vollem Gange, als Eckehard unerwartet erschien. Ein allgemeines Hallo begrüßte ihn. Die meisten hatten den jun­gen Jnpektor gern und schätzten an ihm, mit wel­cher Haltung er sich in die veränderten Lebens­umstände geschickt hatte. Nur der Polizeidirektor, ein verbitterter Mensch, hatte eine Abneigung gegen Eckehard. Dock ließ er sich das nicht merken und begrüßte ihn genau so freundlich wie die an­deren Herren.

Echehard setzte sich neben Doktor Wenczliczek. Er bestellte sich bei dem Kellner einen leichten Schop­pen Wein und nahm dann nach bescheidener höf­licher Anfrage am Spiel teil. Er freute sich jetzt wirklich, daß er den Abend nicht allein zu Hause verbracht hatte. Das Spiel lenkte ihn doch ein bißchen ab. Und bald dachte er an nichts mehr als an die Karten, die er in der Hand t)atte.

lieber dem runden Tisch hing eine Lampe mit einem grünen Schirm. Die Fenster waren geöff­net, so daß der Rauch in die frische warme Som­merluft abziehen konnte. Ab und zu flog ein Falter herein und stieß mit seinem dicken Körper gegen das Licht. Plötzlich in einer Pause fragte Wenczliczek Eckehard halblaut:

Na, was ist denn bei Ihrer Untersuchung l er- ausgenommen, Herr von Mackenroth? Unser Po- lizeigewaltiger hüllt sich in SchweigcO. .Dienstge­heimnis' behauptet er. Aber es ist ja in aller Leute Mund, daß da bei dem Vieh draußen bei Ihnen auf Schedlowitz etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Außerdem habe ich ja doch die Tüte mit dem Kleesalz mit eigenen Augen gesehen."

Eckehard zuckte zusammen:

Ach, lassen wir doch jetzt diese Berufssachen!" sagte er schnell.Ich bin wirklich froh, wenn ich einmal an etwas anderes denken kann, Herr Doktor! Ich spiele aus."

Aber dabei schaute er hastig zu dem Polizei­direktor hinüber. Hatte der gehört, was Wencz- liczek zu ihm gesagt hatte? Doch der Polizei­kommissar saß mit unbewegtem Gesicht da und schien nur Interesse für die Karten in feiner Hand zu haben. Aber Eckehard war plötzlich die Lust am Spiel vergangen. Er hatte in dem unruhigen Gefühl des Glücks feit gestern an diese Nacht wahr­haftig nicht mehr gedacht.

Wie pflichtvergessen er war! Da bad)te er nur an Barbara und immer an Barbara. Und hatte doch viel mehr seine Gedanken auf diese geheim^

+ Obb ornh o fen, 4. Juli. Die Heuernte ist beendet. Sie ist sowohl der Güte, als auch der Menge nach gut ausgefallen. Nunmehr wird die Hackarbeit fortgesetzt. Teilweise sind die Kartoffel­stauden schon sehr ins Kraut gewachsen, daß sich das Aufstreichen schwierig gestaltet. Die letzten, starken Niederschläge haben einige Kornäcker zum Lagern gebracht. Die Obstaussichten werden immer geringer. Einzelne Spätobstsorten werfen eine Menge halbentwickelter Früchte ab, da sie vom Apfelwickler angefressen sind. Die Fruchternte hat bereits begonnen. Seit vorgestern stehen die ersten Hausen Wintergerste im Feld. Ihre voll- körnige, vierzeilige Aeyre läßt einen guten Ertrag erwarten.

Kreis Friedberg.

+ Butzbach, 4. Juli. Gestern verließ die seit­herige Leiterin des städtischen Kindergartens, Frl. Würz, unsere Stadt, um eine gleiche Stelle in Kassel anzutreten. Frl. Würz hatte in den wenigen Jahren ihres Hierseins sich die Achtung und Wert­schätzung der Einwohner erworben. Sie verstand es in ausgezeichneter Weise, den Kindergarten zu leiten und die Kleinen selbst, jedes nach feiner Art, zu behandeln. Ihr Weggang wird allgemein bedauert, lieber die neue Leiterin des Kindergartens ist noch keine Entscheidung getroffen worden. In diesem Jahre ist die Bautätigkeit in unserer Stadt sehr rege. Bis jetzt wurden schon einige Wohn­häuser im Rohbau und die innere Ausgestaltung anderer Rohbauten fertiggestellt. Die Handwerker arbeiten zur Zeit an zwei Doppelhäusern für je sechs Familien und vier Ein- bis Dreifamilien­häusern. Damit ist für alle Handwerkszweige die nötige Beschäftigung vorhanden. Die Häuser der Stadtrandsiedlung haben ihren äußeren Verputz, und dadurch ein schmuckes Aussehen erhalten. Jedem Siedler konnte in unmittelbarer Nähe noch ein Stück Land zugeteilt werden, um den notwendigsten Bedarf an Gemüse und Kartoffeln selbst zu ziehen. Die Siedlungshäuser enthalten Raum für zwei Familien, die meist kinderreich sind. Unter Beihilfe der Stadt, die die Bauplätze gestellt hat, und der Nassauischen Siedlungsgesellschaft ist mit dieser Siedlung eine schöne Anlage geschaffen worden.

Kreis Büdingen.

K N i d d a, 4. Juli. Infolge Aenderungen im Ent­schuldungsverfahren ist das hiesige Amtsgericht der Sitz eines Entschuldungsamtes geworden, zu dem die Amtsgerichtsbezirke Nidda, Büdingen, Schotten, Laubach und Ortenberg gehören. Mit der Leitung des Entschuldungsamtes wurde Oberamts­richter Dr. B r i e g l e b dahier beauftragt, dem meh­rere Assessoren zugeteilt werden. Im Amtsgerichts­gebäude werden demnächst die notwendigen Räum­lichkeiten dafür freigemacht. Den seither mit dem Entschuldungsverfahren betrauten Banken und Kre­ditanstalten bleibt u. a. die Aufgabe der Aus­arbeitung der E n t s ch u l d u n g s p l ä n e , die dem Entschuldungsamt auf Verlangen jederzeit zur Einsicht vorzulegen sind. Mit Rücksicht auf die völlige Inanspruchnahme der Arbeitskraft des Amts­leiters wird zur richterlichen Aushilfe ein Gerichts­assessor an seine Stelle treten.

§ Nidda, 4. Juli. In einem Nachbarorte sprang ein Fohlen durch das offenstehende Tor einer Bauernhofreite und überrannte einen Schüler, der auf dem Fahrrade gerade vorüber­fuhr. Der Junge erlitt Verletzungen an Kopf und Hals und mußte sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. In diesen Tagen trat eine große An­zahl vorzugsweise aus dem Ruhrgebiet stammende F e ri e n f i n b e r, die sich während ihres fünf­wöchigen Aufenthaltes in verschiedenen Gemeinden der Umgebung ausgezeichnet erholt haben, die H e t m r e i f e an.

Starkenburg.

Lpd. Offenbach, 3. Juli. Heute vormittag wurde im Main gegenüber dem JG.°Farbenwerk ein etwa zehn Jahre altes Mädchen von einem

nisvollen Vergiftungen unter dem Viehbestand von Schedlowitz lenken müssen. Es litt ihn plötzlich nicht mehr hier.

Entschuldigen Sie, meine Herren, ich .nochte wieder heim! Ich wollte ja nur wenige Augen­blicke hier vorsprechen! Ich muß morgen um sechs Uhr an der Arbeit sein!"

Doktor Wenczliczek murrte. Da hatte er sich nun gefreut, einmal eine gemütliche Stunde mit Herrn von Mackenroth plaudern zu können. Und nun wollte der schon wieder auf und davon.

Auf einem Bein könnte man doch nicht stehen, und Mackenroth sollte wenigstens noch einen zwei­ten Schoppen mit ihm zusammen trinken. Aber Eckehard blieb unerbittlich. Mit freundlichem Gruß verabschiedete er sich und verschwand.

Eigentümlich unruhiger Herr, dieser Herr von Mackenroth!" meinte der Polizidirektor und sah Eckehard nach.

Wieso? Finde ich nicht ein feiner Kerl! Und wie der sich in all den Schicksalsschlägen behauptet hat. Großartig!" widersprach Wenczliczek.Ist doch keine Kleinigkeit. Erst Sohn eines der reich­sten Besitzer hier zu sein und zukünftiger Erbe, und jetzt Inspektor auf einem Gut. Nein, nein, mir imponiert er." Dabei mischte Wenczliczek seine Karten.Weiter, Herr Polizeidirektor!"

Die Tafelrunde im ,König von Prag" löste sich erst sehr spät auf. Der Polizeidirektor verstand es, als letzter neben Doktor Wenczliczek das Lo­kal zu verlassen.

Ich begleite Sie noch ein paar Schritte. Ich habe noch etwas mit Ihnen zu besprechen!"

Als sie durch die schweigende Stadt gingen, fragte der Polizeidirektor Wenczliczek leise:

Sagen Sie, Herr Doktor Wenczliczek was ist das für eine Geschichte mit dem gefundenen Gift? Sie erwähnten es in dem Gespräch mit Mackenroth!"

Wissen Sie nichts davon? Sie haben doch draußen auf Schedlowitz über alle diese Sachen Protokoll aufnehmen lassen. Da muß doch Macken­roth ausgesagt haben, daß man bei der Raufe des krepierten Tieres eine Tüte mit Kleesalz gefunden hat."

Nichts hat er ausgesagt."

Wenczliczek sah fassungslos den Polizeidirektor an.

Was? Er hat nichts darüber ausgesagt? Es ist doch nicht zu glauben. Das war doch das Allerwichtigste bei der ganzen Angelegenheit. Wa­rum hat er denn bloß darüber geschwiegen?"

Der Polizeidirektor lächelte dünn:

Das werde ich ihn selbst einmal fragen müssen. Im übrigen, Herr Doktor, bitte ich, über unsere Unterredung jetzt strengstens Stillschweigen zu be­wahren! Betrachten Sie sie bitte als dienstlich- Vernehmung."

Gewiß, gewiß!" sagte der etwas erschrocken. Er liebte Polizei und Polizeimenschen nicht. Und der Ton, in dem der Polizeidirektor jetzt gesprochen, war ein wenig beunruhigend.

(Fortsetzung folgt!)